Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for August 2015

PHC: Für wie blöd halten uns die eigentlich?

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reformhaus

25.7.2015: OÖ Nachrichten
„Von 1000 Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben, muss nur einer stationär im Krankenhaus behandelt werden.“

Mit diesen Worten bringt Andrea Wesenauer, Direktorin der OÖGKK, die Kernaussage der wissenschaftlichen Untersuchung des Sozialmediziners Harald Kamps auf den Punkt.
Demnach könnten 900 der Betroffenen ihr Problem (z. B. Fieber oder verstauchter Knöchel) selbst lösen,
„neun brauchen tatsächlich die Hilfe eines Facharztes oder einer Spitalsambulanz“.
Und die übrigen 90 Betroffenen wären in einem Primärversorgungszentrum (PHC) bestens aufgehoben“, sagt Wesenauer.

In diesem Versorgungszentrum werden 23 Gesundheitsexperten zusammen arbeiten, neben fünf Allgemein-Medizinern auch Diplomkrankenschwestern, Psychologen, Physiotherapeuten und Diätologen (wenn ich richtig rechne also 18 Personen!).
So könne der Physiotherapeut Kreuzschmerzen behandeln, der Diätologe Diabetes-Patienten beraten.

Gleichzeitig hat ein Arzt „mehr Zeit für die Patienten, weil ihm die Krankenschwester Arbeit abnimmt“, sagt der Ennser Stadtarzt Wolfgang Hockl, Projekt-Promotor.

20.8.2015: WGKK: Primärversorgung wird von der Bevölkerung angenommen
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150820_OTS0024/wgkk-primaerversorgung-wird-von-der-bevoelkerung-angenommen

20.8.2015: Wehsely: Primärversorgung stärkt medizinische Versorgung durch bessere Rahmenbedingungen
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150820_OTS0105/wehsely-primaerversorgung-staerkt-medizinische-versorgung-durch-bessere-rahmenbedingungen

21. 8. 2015: „Primärversorgung erfüllt Patientenwünsche“
Albert Maringer: Vorsitzenden des Ausschusses für Krankenversicherung und Prävention im Hauptverband und Chef der OÖGKK
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150821_OTS0094/obmann-albert-maringer-primaerversorgung-erfuellt-patientenwuensche

21.8.2015: Pensionistenverband begrüßt Schaffung von medizinischen Primärversorgungszentren
Edlinger: Einrichtung kommt auch den Interessen der PensionistInnen entgegen
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150821_OTS0073/pensionistenverband-begruesst-schaffung-von-medizinischen-primaerversorgungszentren

Ich finde es super, dass mit den Primärversorgungszentren plötzlich der Stein der Weisen gefunden wurde und alle zufrieden sind, wobei ich nur noch einige Marginalien offen sind …

  1. Hat man den Sozialversicherten schon gesagt, dass 900 von 1000, die ein gesundheitliches Problem haben, es zukünftig gefälligst in Eigenregie zu lösen haben (siehe OÖN)?
  2. Auch interessant, wer die Kompetenz haben wird, den 1 von 1000 herauszufinden, der in ein Spital gehört …
  3. Es gibt dzt. nur ein einziges PHC in ganz Österreich (das in OÖ wird erst Ende (!) 2016 errichtet, für das zweite in Wien findet sich auch in der dritten Ausschreibung kein Interessent).
    Weshalb Frau Gesundheitsstadtätin Wehsely, Ex-Minister Edlinger und Herr Maringer schon wissen, dass das Konzept die Patienten freudig angenommen haben, grenzt scheinbar an Magie.
    In Wahrheit genügt ein Blick auf die persönliche Interessenlage, das Parteibuch oder die Aussicht auf Förderung des eigenen Projekts ….
  4. Aber wenn das alles funktionieren soll, was ich fachlich zwar bezweifle aber natürlich nicht ausschließen kann, solange nicht Erfahrungen mit einem flächendeckenden Netz an österr. PHCs  vorliegen (Vergleiche mit Ländern wie Belgien, das eine andere Versorgungsstruktur haben sind nicht aussagekräftig), bleibt aber eine Frage offen:

Woher kommt das Geld für all die zusätzlichen Gesundheitsdienstleistungsanbieter (Pflege, Psychologen, Physiotherapeuten, Diätologen, …) wenn schon die derzeitigen Kassentarife für Ärzte lächerlich niedrig sind (Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich  http://wp.me/p1kfuX-jY)?

Da fällt einem doch Erich Kästner ein, der einst sagte, man möge nie so tief sinken, um aus dem Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken!

 

Weiteres zu PHCs:
Entwarnung, alles wird gut http://wp.me/p1kfuX-XW
Zur Quadratur des Primärversorgungszentrum im 22. Wiener Bezirk http://wp.me/p1kfuX-Vz
Wehsely finanziert die Wiener Gebietskrankenkasse und keinen stört’s http://wp.me/p1kfuX-Un

 

Und noch ein PS: Wenn, was einer der wesentlichen Gründe für die Erfindung der PHCs ist, dadurch die Verhandlungshoheit der Ärztekammern mit den Krankenversicherungen aufgebrochen wird (laut Plan dürfen die Kassen direkt Verträge mit den Ärzten in PHCs schliessen), dann verlange ich ein Ende der Pflichtmitgliedschaft in der Ärztekammer. Es kann nicht sein, dass dann Ärzte weiterhin (übrigens verfassungsrechtlich abgesichert) gezwungen werden hohe Mitgliedbeiträge an eine Kammer abzuliefern, die ihre einzige Vertretungsberechtigung eingebüßt hat …  Wär sicher ein netter Musterprozess ….

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Amsterdam reloaded

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Touristenschlangen bilden sich dort, wo der Reiseführer mit Sternen nicht spart und sich die Menge etwas Außergewöhnliches erwartet.
Bei Versailles,  dem Tower und Schönbrunn lässt sich dies leicht mit der Lust des Normalverbrauchers erklären, einmal zu flanieren wo es früher die gekrönten Häupter taten.

Amsterdam verdankt seine Topattraktionen zwei in Armut verstorbenen Malern (Rembrandt im Reichsmuseum und Van Gogh im gleichnamigen Museum) und einem Hinterhaus in dem ein jüdisches Mädchen, seine Familie und ein paar enge Freunde seiner Eltern vergeblich versuchten, sich vor den Nazibesatzern zu verstecken.

Über eine Million Besucher quält sich jährlich die engen Treppen hoch, um einen Blick in die kleinen Räume zu werfen, in denen Anne Frank und die anderen zwei Jahre in Angst vor Verrat und Entdeckung zubrachten.
Annes Tagebücher wurden von ihrem Vater, der als einziger die Deportation ins Konzentrationslager überlebt hat, in Buchform herausgegeben und haben sich seither zu einem Weltbestseller entwickelt.

Die Touristenmassen, die im Schnitt 2-3 Stunden Schlange stehen, erwartet eine informative und gut gemachte Ausstellung,  jedoch frage ich mich, weshalb offenkundig gerade dieser Ort und diese Geschichte die Menschen mehr zu interessieren scheint als eine Reihe anderer Museen und Gedenkstätten über die Judenverfolgung im III.Reich.

Mit 1 Million Besucher pro Jahr zieht das Anne Frank Huis etwa so viele Besucher an wie das große Areal der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und mehr als doppelt so viele wie z.B. Mauthausen.

Ist es nicht gut, wenn sich viele Menschen im Anne Frank Haus mit der Geschichte beschäftigen?

In Analogie zu den beiden anderen Tourismus-Rennern Amsterdams könnte man ja auch meinen, dass nicht jeder ein Rembrandt-Experte werden muss, nur weil er ein Selfie vor der Nachtwache schießt und nach dem Van Gogh Museum gleich die Einflüsse japanischer Malerei im Werk des zahnlosen Ohrabschneiders zu erkennen wird, nur scheint mir, so philisterhaft erlaube ich mir jetzt zu sein, politisch-historisches Halbwissen gefährlicher als kunsthistorisches Unwissen.

Unvergesslich bleibt mir die Betroffenheit einer US-amerikanischen Touristin ob des guten Aussehens eines abgefilmten KZ-Aufsehers, dem sie „doch solche Verbrechen nie zugetraut hätte“ (Hannah Arendt möge ihre Grabesrotationen einstellen) und die Überzeugung ihrer Tochter, dass „das alles heute nicht mehr möglich wäre“ (Abu Ghraib ist ein unzulänglicher doch nicht gänzlich falscher Gegenbeweis).

Das Tagebuch der Anne Frank ist selbst an der Stelle seiner Entstehung mehr dazu angetan sich mit kurzfristigem Bedenken zu befriedigen als den unfassbaren Gräuel der Wahrheit zu hinterfragen, der erst hinter diesem Hinterhaus begann. Dann ist man aber schon längst wieder in der lichtdurchfluteten Cafeteria bei Fairtrade Kaffee und Bio-Käsekuchen.

Verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch. Besuchen Sie dieses Museum, es zählt nicht zu den schlechteren seiner Art, ehe Sie im Amsterdams Coffeshops oder Rotlichtviertel verschwinden, den nächsten Top-Zielen seiner Städtetouristen.

Written by medicus58

26. August 2015 at 22:27

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Schwechater war gestern

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Seit Craftbiere den ubiquitären Chablis als Ausweis zeitgeistigen Alkoholismus abgelöst haben, treffen sich die Feinschmecker unter den Reisenden in kleinen Brauereien um sich volllaufen zu lassen.
In Amsterdam tut man dies, wenn man den Verlockungen des Red Light Districts entrinnen konnte in oben abgebildeter Bio-Brauerei, natürlich im Schlagschatten einer still gelegten Windmühle.
Das Plzen schmeckt wie Weizenbier, das IPA (Indian Pale Ale) nach Stachelbeere und die Gläser sind so klein bemessen,  dass der Übergang vom Schwipps zum Vollrausch schon am Muskelkater scheitert, der einen davon abhält erneut zum Tresen zu wanken.

Written by medicus58

24. August 2015 at 17:13

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Vom Wollen wollen müssen

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History of Medicine

Die Weltliteratur wäre um so manchen Band ärmer,
hätten uns die (meist männlichen) Dichter ihr vergebliches Schmachten nach der (meist weiblichen) Erhörung vorenthalten und
Pfizer hätte sich nicht (bis 2012) zum weltgrößten Pharmariesen erigiert,
hätten seine kleinen blauen Pillen es nicht nicht nur den Dichtern ermöglicht auszuführen,
worüber sich der männliche Wille und das weibliche Gegenüber einigten
aber der männliche Körper verweigerte.

Rechtzeitig zur jetzigen FDA Genehmigung der rosa Lustpille für die Frau (Filbaserin) teilen uns die Experten mit, dass
– trotz erektiler Bereitschaft der Männer
die psychische Bereitschaft der Frauen
– für die mechanische Möglichkeit sorgen seit Jahrhunderten diverse Gleitmittel –
zu wünschen lässt und
Millionen Frauen keine Lust beim Sex empfinden.
(http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/viagra-fuer-die-frau-lustpille-addyi-erhaelt-zulassung-in-den-usa-a-1048768.html)

Die Gratiszeitschrift heute erschüttert uns mit der Mitteilung, dass
bis zu einem Drittel der Frauen unter vermindertem sexuellem Verlangen (hypoactive sexual desire disorder) leiden.
Und mit einem Mal erweisen sich alle literarischen und pharmakologischen Investitionen der Männer als krasse Fehlinvestition,
wenn nicht auch den Frauen auf die Seitensprünge geholfen wird.

Wir würden nicht in der besten aller kapitalistischen Welten leben,
hätten die Verursacher eines Problems nicht auch die (selbstverständlich für sie gewinnbringende) Lösung im Angebot:

Weshalb nun Filbaserin das mediale Rennen macht und nicht das gute alte Raucherentwöhnungsmittel und Antidepressivum Bupropion (https://de.wikipedia.org/wiki/Bupropion) weiß wer auch immer, den schließlich glauben Eingeweihte schon längst zu wissen, dass seine dopaminerge Wirkung auch die Libido antreibt (http://www.drugs.com/answers/does-wellbutrin-increase-your-sex-drive-13980.html) und sogar die Gewichtsabnahme begünstigt, also gleichsam das Überraschungsei der modernen Frau darstellt,
das mehr als drei Wünsche auf einmal erfüllt:
https://www.youtube.com/watch?v=yGKUJ3Bv_Ro .

Allen gesellschaftlichen Befreiungsversprechungen der Neuzeit zum Trotz
MÜSSEN wir alle in unserem Arbeits- und Sozialleben vieles tun ohne es wirklich zu WOLLEN.

Sollten wir uns nicht langsam fragen, ob wir uns dem gesellschaftlichen Leistungsdruck nicht wenigstens im Privatleben entziehen sollten,
um nicht auch noch WOLLEN zu MÜSSEN, was wir nicht KÖNNEN,
weil wir es vielleicht gar nicht WOLLEN,
weil wir schon ZU VIEL anderes MÜSSEN?

Zum Abschluss beschäftigt mich noch die Frage, ob diejenigen, denen wir unser
fickt euch ins Knie
zurufen sollten, auch für diese Tätigkeit zur pharmakologischen Krücke greifen müssen,
oder zu Bach’sche Blüten, oder zu Schüssler Salzen ,…..

Written by medicus58

20. August 2015 at 07:32

Nachtigall …, wohin die Reise der öffentlichen Spitäler geht

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Oberösterreich investierte 1,950 Milliarden Euro in die heimischen Spitäler.
Davon gingen 835 Millionen Euro an die zehn Landeskrankenhäuser der gespag,
938 Millionen Euro an sieben Ordenskrankenhäuser und
knapp 178 Millionen Euro an das AKH Linz.

Mehr als zwei Milliarden für die Spitäler.

Ob man das gut oder (wie ich schlecht) findet:
Es wird unübersehbar, dass die Politik die Gesundheitsversorgung immer mehr in die Hände der konfessionellen und privaten Anstalten verschiebt.
Dann vergleiche man die dortigen Gehälter, Arbeitsbedingungen, Besetzungspolitik, … und häufig sehr selektiven Auswahl der angebotenen Leistungen und extrapoliere!

 

Written by medicus58

18. August 2015 at 08:11

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Pflegeausbildung: Gewerkschaft kritisiert Ärztekammer

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Zuerst mein Forumkommentar im Standard über die Rolle der ÄK bei diesem Gesetzesvorhaben:

Spät aber doch wacht die Gewerkschaft auf und schlägt reflexartig auf den Falschen. Der Anteil der Ärztekammer an der Pflegeausbildung NEU war nachweislich auf die Abwehr von Übergriffen auf ärztlichen Befugnisse beschränkt. Diese „Aufwertung“ und „Pseudo-Akademisierung“ kam von Seiten der Pflege (z.B. Frau Frohner vom Pflegeverband) und wurde lange Zeit ohne Wissen der Ärzte vom BuMin mittels Gesundheit Österreich (vormals ÖBIG) ausgetüftelt. Wie schon bei den MTDG spielte man da auf dem Klavier eingebildeter Benachteiligungen, um letztendlich ein Downsizing zu erreichen: Früher bestand ein Team aus vielen berufsorientiert Qualifizierten, bald soll es eine Akademikerin und viele Hilfskräfte geben. IMHO ein Rückschritt zur Kostenminimierung.

Nun ein Zitat aus dem Artikel von Herrn Zellhofer, dass das fachliche Unverständnis unserer Gewerkschafter im Spitalsbereich offenbart:

Das werde vor allem bei Entlassungen aus dem Krankenhaus deutlich: Dazu brauche es keinen Arzt, sondern die Vernetzung zwischen Spital und Nachbetreuung. 

Das ist übrigens auch Kernstück des KAV Masterplans, nur erklärt uns keiner weshalb eine in Pflege ausgebildete Person und nicht der Arzt darüber entscheiden kann ob und unter welchen Rahmenbedingungen (-therapien) ein Patient entlassungsfähig ist. Man möge einfach einmal die Ausbildung beider Berufsgruppen vergleichen und dann ernsthaft entscheiden, ob es Sinn macht, einen Arzt (zB) die Infusionen umhängen zu lassen, damit eine Pflegeperson (zB) über das Ende der i.v. Antibiotikatherapie entscheiden kann ….

Und nun der Originalartikel zum Nachlesen: http://wp.me/p4acdm-Dp

Written by medicus58

18. August 2015 at 07:00

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Auskuriert: McDonald und seine Heilige Kuh

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Heuer verdanken wir die aktuelle Sommerlochdebatte im Gesundheitswesen dem relativ frisch ernannten Hauptverbandschef, Betriebswirt und seit 2009 Wirtschaftsbunddirektor  Peter McDonald:

„Die Kur ist nicht mehr zeitgemäß!“

Im Profil verkündete er seine Erkenntnisse:
„Investition für die Versichertengemeinschaft müsse sich lohnen“
„Wir wollen das Konzept Kur wegbringen vom subventionierten Quasi-Urlaub.“
http://www.profil.at/oesterreich/mcdonald-kur-5795830 

und verlangte im kommenden Interview-Reigen (z.B. gestern in der ZIB 2) natürlich Evidenz für das heutige Kurwesen ein, ohne allerdings (artentypisch für die heutigen Gesundheitsexperten) irgendwelche Evidenz (und schon gar nicht eigene Erfahrung) für seine eigene Kritik vorzulegen.

Aus seinem Urlaub verglich der neoliberale Gesundheitsökonom Pichlbauer im Mittagsjournal jede Rehabilitation gleich mit den Kuren fadisierter Adeliger des 19.Jahrhunderts, die nun nach Machtübernahme des Pöbels im 20. Jahrhundert durch Arbeitsunwillige ersetzt werden, die sich ein unsinniges Privileg auf Kosten der Arbeitswilligen finanzieren lassen. (Dieses Zitat ist sinngemäß und nicht wortwörtlich …) Gesundheitsökonomin Hofmarcher stieß im Fernsehen in das gleiche Horn und welche Ziele der heute im Morgenjournal befragte Julian Hadschieff als Obmann des Fachverbandes der privaten Krankenanstalten in der Wirtschaftskammer verfolgt, mag auch kritisch hinterfragt werden.

Wie selbstverständlich kommen in den Medien ausschließlich „wirtschaftsaffine Experten“ zu Wort und keinen wundert es mehr, weil wir das Mantra internalisiert haben, dass es uns allen gut gehen würde, wenn es nur zuerst der Wirtschaft gut geht.
Was aber deren Beitrag zu unserem Wohlbefinden angesichts des immer geringeren Anteils an lokaler Steuerleistung und abgespeckter Lohnnebenkosten ist, getrauen wir uns offenbar nicht mehr uns fragen.

Wir erleben also wieder das erprobte Spiel mit den Banden des Sozialsystems:

Madigmachen durch Appell an die Neidgenossenschaft
Fehlender wissenschaftliche Evidenz behaupten
Keine Evidenz für seine eigenen Aussagen vorlegen
Lohnnebenkosten reduzieren im Dienste der Wirtschaftskammer

Im Gegensatz zu McDonald, darf Ihr Medicus auf mehrere Monate umspannende Tätigkeit im Bereich des öffentlichen Kur- und Rehabilitationswesens zurückblicken; sowohl im Dienste einer Pensionsversicherungsanstalt als auch im Dienste eines Bundeslandes, das seine Heilquellen kostengünstig vermarktet. Meine Tätigkeit fällt übrigens in die Zeit, in der McDonald sich gerade auf seinen Besuch der Handelsschule in Traun vorbereitete, aber das ist halt alles nur eigene Erfahrung (Eminence Based Evidenz) und kann einer politischen Schreibtischkarriere oder gesundheitsökonomischen Zahlenakrobatik selbstverständlich nicht das Wasser reichen.

Natürlich kenne ich den braun gebrannten Betriebsrat im bunten Trainingsanzug, der jährlich im Anschluss an seinen wohlverdienten Gebührenurlaub noch 4 Wochen Kur dran hing und selbst durch sehr eindringliche Formulierungen im Abschlussbericht der Anstalt immer wieder von der Zentrale eine erneute Bewilligung erhielt,
aber ich lernte auch den lokal völlig unversorgten südsteirischen Schlaganfallpatienten kennen, der erst 12 Monate nach seinem Schlaganfall mit bereits ausgeprägten Kontrakturen geschickt wurde und für den der Kurerfolg darin bestand, wieder ohne fremde Hilfe eine Kaffeetasse zum Mund führen zu können.

Ich kenne Betreiber von Kureinrichtungen, bei denen wenig mehr als Trinkkuren, bei denen die Gäste täglich ein Wasser trinken, dass sich nur wenig von dem Brunnenwasser der Region unterscheidet, oder Terrainkuren, vulgo Spazieren gehen in Begleitung, angeboten wird,
aber auch solche, die es sich leisten konnten oder wollten, bei schwierigen Fällen täglich passive Therapien zur Vorbereitung von zweimal Einzelgymnastik mit einer auf das entsprechende Krankheitsbild spezialisierten Physikotherapeutin anzubieten.
All jenen, die nun einwenden, dass man das ja auch ambulant am Heimatort tun könnte, mögen sich z.B. einmal vorstellen, wie kontraproduktiv es ist, einen Patienten, der zuerst durch passive Maßnahmen gelockert, dann durch aktive Maßnahmen (=Gymnastik) erschöpft und erhitzt ist, täglich durch Regen und Kälte mit dem PKW-Transport nach Hause zu bringen ….

Ich will damit sagen, dass ich mit meinen eigenen Erfahrungen aus den 80ern sowohl Herrn McDonalds Bild einer sinnlosen Verschwendung von öffentlichen Geldern aber auch einer hoch effizienten Rehabilitationseinrichtung zeichnen könnte. Da ich aber weder von Aufträgen irgendwelcher Stakeholder lebe noch im Dienste einer Interessensvereinigung stehe, bemühe ich mich eher um eine ausgewogene Sicht:

Dort wo die Kureinrichtung ausschließlich als Regionalförderung betrieben wird (http://derstandard.at/2000020526905/Ohne-Kur-gaebe-es-im-Waldviertel-kaum-Gaestenaechtigungen) ist natürlich Draufsicht geboten, jedoch macht es im Hinblick auf das in diesen Regionen geringere Kosten- und Lohnniveau durchaus Sinn entsprechende Einrichtungen z.B. ins Waldviertel und nicht an den Wörthersee zu stellen.
Nicht um aus dem Gesundheitstopf Regionalförderung zu betreiben, sondern eine gute Rehabilitation kostengünstiger anbieten zu können.

Das Argument der fehlenden Evidenz zielgerichteter Rehabilitation ist absurd.
Nachfolgend die Zahlen an peer-reviewten Studien zu den verschiedenen Suchbegriffen aus der PubMed:

Physical Rehabilitation: 10.7645
Cardiac Rehabilitation: 23.036
Cognitiv Rehabilitation: 21.551
Stroke Rehabilitation: 21.247
Pulmonary Rehabilitation: 12.921

Die Wissenschaft benötigt die von McDonalds versprochenen „eigenen Studien“ kaum, dabei handelt es sich nur um eine Nebelgranate.

Fehlende Ziele?
Ja, klar, ich kann mich an keinen meiner damaligen Arztbriefe erinnern, in dem ich nicht den Grad der Zielerreichung dokumentiert habe, nur sollten wir schon aufpassen, ob wir hier von objektivierbaren medizinischen Parametern oder von staatlichem Gesinnungsterror (Gesundheit ist Pflicht http://wp.me/p1kfuX-Cj ) reden.

Vor allem aber, sollten wir den smarten Wirtschaftsbündler McDonalds gleich darauf festnageln, dass er mit einer Reform des Kurwesens nicht nur Einsparungen der Beitragszahlungen der Wirtschaft meint, weil sein bejubelter Vorgänger und jetzige Finanzminister trotz Leistungskürzungen die Sanierung seines Krankenkassenapparates doch nicht wie behauptet geschafft hat, sondern das Geld, das wir allfällig einsparen, weil wir die letzten „Urlauber“ aus dem öffentlichen Kurwesen“ eliminieren, für eine echte Rehabilitation nach bekannten und überprüften Kriterien verwenden.

Eine Reform der Rehabilitation muss kostenneutral sein, d.h. die frei werdenden Gelder für dringend erforderliche Maßnahmen aus diesem Bereich zur Verfügung stehen.

Es wird jedem praktisch tätigen Arzt leicht fallen diejenigen Patienten zu nominieren, die im derzeitigen System völlig unzureichend mit rehabilitativen Maßnahmen versorgt sind.

 

PS: Vor einigen Tagen durfte ich in der U-Bahn ein Gespräch zwischen unserem ÖGB Präsidenten und einem seiner offenkundigen Bekannten belauschen, der gerade über seinen wiederholten Kuraufenhalt berichtete, wie gut die dortige Einrichtung war und wieviel er dort abgenommen hätte … Foglar sieht laut Kurier diese Kur-Debatte folgerichtig auch kritisch (http://kurier.at/politik/inland/auch-sozialpartner-fuer-reform-der-kur/146.362.255), scheint sich aber kein einziges der hier angeführten Gegenargumente überlegt zu haben; kein Wunder, als Gewerkschafter spricht er wohl nicht oft mit Ärzten …..

 

Bildnachweis Wikipaedia: Der Bader Holzschnitt aus: Jost Amman (1539-1591)

Written by medicus58

11. August 2015 at 17:00

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