Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for April 2017

Die Toten Seelen des PV-Gesetzes und des ÖSG

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Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen von meiner Verehrung für Gogols Roman Die Tote Seelen, in dem mit schon längst verstorbenen Leibeigenen noch gute Geschäfte gemacht werden.
Auch in der Gesundheitspolitik wird gerne mit Parametern jongliert, die eigentlich gar nicht mehr existieren.

Blättert man die aktuellen Entwürfe des PVG (Primärversorgung) und des ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) durch, dann zieht sich durch beide ein Denkansatz:
Die Versorgung der Patienten muss weg von den Facharzt dominierten Spitälern hin zu den Allgemeinmedizinern:
Aufwertung des Berufsbildes Allgemeinmedizin 

Wäre man wohlmeinend könnte man auch die (explizit im ÖSG) angeführte Möglichkeit immer mehr Tätigkeiten des Arztes an andere Gesundheitsberufe abzutreten, in diesem Sinne verstehen:
Teambasierte Primärversorgung

Eine ambulante Fachversorgung sollte nur mehr dort stattfinden, wo es keinesfalls mehr ohne Fachärzte geht.

Jetzt könnte ich meine Vorwürfe erneut erheben, dass jedem anderen Beruf immer mehr Spezialisierung zugebilligt wird, nur in der Heilkunde soll der Allgemeinmediziner mit dem Großteil der medizinischen Probleme allein zurecht kommen,
nur verstehe ich schon das Diktat der leeren Kassen, wo ein Besuch beim PA (einschließlich der Folgebesuche) halt billiger ist als beim Facharzt, nur geht es mir gar nicht mehr darum.
Ich sehe augenblicklich die größte Sollbruchstelle all dieser Versorgungsphantasien darin, dass es die Dreh-und Angelpunkte all der politischen Bemühungen gar nicht mehr gibt!

Fachärzte stellen schon seit längerer Zeit die Mehrheit aller Ärzte!
Umfragen bei Medizinstudenten ergeben regelmäßig, dass sich die Mehrheit spezialisieren und außerhalb des österreichischen Pflichtversicherungssystems agieren möchte!

Soviel medizinische Leistungen kann man (fachlich und gesetzlich) gar nicht zu den anderen Teilnehmern der teambasierten Versorgung verschieben, dass man für das beabsichtigte System noch genügend einheimische Ärzte finden wird.
Niemand hat noch erklärt, welche der neuen Versorgungsformen denn um so viel interessanter als das Bisherige wären, damit es zu einem Boom in die Allgemeinmedizin kommt.

Dort wo das anläuft, wie in der grünen Gruppenpraxis in Mariahilf, läuft es nur wegen massiver zusätzlicher Subventionen.
All die Telefonhotlines und zusätzlichen nicht-ärztlichen Teammitglieder kosten Geld und gerade daran scheiterte es ja bisher.

Klar war das Überreichen einer Broschüre bisher keine adäquate Ernährungstherapie für den Diabetiker, aber wie der Hausarzt die nun beigezogenen Diätassistentin von den bisherigen Kassentarifen bezahlen soll,
erschließt sich mir nicht. Und wenn nun plötzlich mehr Geld ins System fließt, wie im kleinen Kreis so mancher Sektionschef anmurmelt, frage ich mich, weshalb man damit nicht gleich das bisherige System aufgewertet hat.

Da aber die Gesundheitsökonomie (und ein Rattenschwanz von Interessensvertretungen, IT-Konzernen, …. ) der Gesundheitspolitik vorgaukelt, dass das alles nur Anschub- also einmal Finanzierungen sind,
wird für den so dringend benötigten Allgemeinmediziner, der freudig von der kleinen Handchirurgie bis zur abschließenden Behandlung unkomplizierter Infektionen alles anbietet, wenig von der Knete übrig bleiben,
um gemeinsam mit seinem Team all das (das Folgende ist nur ein Auszug aus dem ÖSG) leisten zu können:

Planung, Koordination und Monitoring des erforderlichen Versorgungsprozesses
Informationsaustausch durch standardisierte Dokumentation und Kommunikation inkl. Team-  und Fallbesprechungen
Information über Selbsthilfegruppen und Opferschutzgruppen einschließlich Vermittlung
Telefonberatung entsprechend den rechtlichen Rahmenbedingungen
Zielgruppenspezifische und populationsbezogene Aufgaben
Aktives Zugehen auf und Unterstützung im Zugang zur Versorgung für vulnerable Gruppen wie z.B. Personen mit Migrationshintergrund, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Risikogruppen
Administrative Aufgaben zur Unterstützung der Lotsenfunktion
Verwaltung, Organisation & Wartezeitenmanagement, Führen von Erinnerungssystemen
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen für den jeweils erforderlichen Versorgungspartner unter Berücksichtigung des Datenschutzes
Elektronische, multiprofessionell zu nutzende Patientendokumentation (kompatible IT-Systeme, ELGA) unter Berücksichtigung des Datenschutzes (z.B. Zugangsberechtigungen)
Qualitätsmanagement als Grundlage für Versorgung „state of the art“ mit Fokus auf Teamarbeit
Regelung der Kommunikation im Team Führen eines teambezogenen Qualitäts- und Fehlermanagementsystems einschließlich Bereitschaft zur begleitenden Evaluierung
Teilnahme an/ Organisation von Qualitätszirkeln
Regelmäßige Fortbildung
Berücksichtigung evidenzbasierter Leitlinien
Erfüllen der Kriterien zur Aus- und Weiterbildungstätigkeit (Lehrpraxis und Praktika)
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen zur Wissens- generierung als Grundlage zur evidenzbasierten Analyse und Steuerung des Gesundheitssystems

Ob das die Jungen motiviert in die Ausbildung zum Allgemeinmediziner zu strömen oder die noch im System Arbeitenden anspornt?

Hier belehnt man die Toten Seelen der österreichischen Allgmeinmediziner wie sich einst Pawel Iwanowitsch Tschitschiko auf den Namen längst verstorbener Leibeigener verschuldete.
Oder glaubt man das System zukünftig ohnehin mit der Verpflichtung externer Kräfte bespielen zu können?

PS: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass der schriftliche Zusatz rechts von der oben abgebildeten Tafel NICHT von mir stammt!

 

 

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Written by medicus58

23. April 2017 at 16:55

Keine Laudatio aber noch vor dem Nachruf: Wolfgang Ambros

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Selbst seine größten Fans werden wohl zugeben, dass seine beste Zeit vorbei ist,
auch seinen letzten „runden Geburtstag„, es war der 65. am 19.März, ist hier unerwähnt verstrichen und
dass er im Februar erneut geheiratet hat habe ich ungenützt verstreichen lassen, ehe ich
Wolfgang Ambros nun endlich in mein Herrgottswinkerl stelle
.

Noch eine Laudatio über den „Godfather of Austropop“ zu schreiben, würde wohl kaum Neues zu Tage bringen und nicht nur den Leser langweilen.
Über den angesichts seiner komplexen Lebens- und Krankengeschichte schon Für’s Leben Gezeichneten

einen Nachruf zu schreiben wäre andererseits geschmacklos und könnte kaum toppen, was Ambros selbst dazu sagte:

Haben Sie Angst vor dem Ende?
Na! Überhaupt nicht. Wenn ich heute den Löffel abgeben müsste, könnte ich sagen: Ich hab g’macht, was ich können hab.

http://www.kleinezeitung.at/kultur/pop/5185871/Interview_Wolfgang-Ambros_Grandiose-Grantelei-zum-Geburtstag

Um nachvollziehbar zu machen, was die Texte des frühen Ambros in den 70er Jahren der Kreisky-Evolution (Copyright Andre Heller) bedeuteten,
müsste man an die brüchig aggressive Stimme erinnern, die 1972 die wärmende Poesie des Wiener Dialekts in der Kälte des Winters besungen hat und (mit den Worten seines Schulkameraden Prokopetz) am Höhepunkt der I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric Integrationsbemühungen den ausgegrenzten Innländer (Hofa) im Rinnsal fand.
Man müsste mit ihm 1975 Knochenmark abbraten und sich an die grauen Stadtlauer Gemeindebauten erinnern, in denen er 1977 eine Blume fand.

Trotz aller Erfolge war Ambros damals für viele in so hohem Maße unangepasst, ja fast als revolutionär, dass man in der Schule, in der ich in diesem Jahrzehnt maturierte, komplett verschwieg, dass das Lehrerkind Ambros dort wenige Jahre vorher raus geflogen war!

Vielleicht lässt der nachfolgender Ausschnitt aus der Jugendsendung Spotlight das kulturelle Umfeld erahnen das Ambros damals aufmischte, insbesondere wenn man sich auch noch vor Augen führt, dass damals der nunmehrige Präsentator der Brieflos-Show, Peter Rapp, ein Jugendidol war!

Während inzwischen nahezu alle Fäkalausdrücke burgtheaterreif geworden sind, sah man sich damals offenbar gezwungen beim (grausig asynchronen) Playback(!)-Vortrag des Hits Zwickt’s mi, das O-Wort in den Zeilen

Die Jugend hat kein Ideal, kan Sinn für wohre Werte.
Den jungen Leuten geht’s zu gut, sie kennen keine Härte!
So reden de, de nur in Orsch kräul’n,
Schmiergeld nehman, packeln tan,
noch an Skandal daun pensioniert wer’n, kurz: a echtes Vurbüld san.

seltsam verschluckt, aufzunehmen. Im Radio lief überhaupt eine Version, die an der entscheidenden Stelle durch das heute noch im US-TV übliche „Pieps“ „zensuriert“ wurde.

Schwieriger wird es den Ambros danach einzuordnen, da er sich – trotz anderer Ankündigung – nicht wie die Rebellen des Klub 27 aus der Karriere nahm und wir ihn mit all seinen Hochs und Tiefs weiter beobachten konnten.

Für mich symptomatisch ist das letzte seiner Alben, das ich noch erstanden habe, Äquator aus 1992.

Neben textlich und musikalischen Eigenartigkeiten wie im Titelsong:

Rund um den Äquator
scheint immer die Sonne.
Palmen wiegen sich im Wind,
es ist eine Wonne!
Die Menschen sind fröhlich,
bunt und lebendig
rund um den Äquator,
obwohl es ihnen dreckig geht
oft ganz elendig,
abgesehen natürlich vom Diktator.

fand sich auch Der Nipper ein hinreißend interpretiertes Minidrama eines Anbandelversuches zwischen Lebemann und Bardame mit der entlarvenden Schlusszeile:

I kann dir zwar net vü nutz’n,
aber I kann dir sehr vü schad’n! 
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-der-nipper-36383.html

und im Song Wos is, wann nix is?, die kürzesten und klarsten Zeilen, die je über ein mögliches Leben nach dem Tod geschrieben wurden:

Sie sog’n, wann man tot is,

fangt das Leb’n erst an,
aber wos is, wann nix is,
wann nix is, wos is dann?
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-wos-is-wann-nix-is-201952.html

Ambros zählt zu den Künstlern, die im Scheitern noch mehr sagen, als andere am Höhepunkt ihres Schaffens.

Unruhe in Frieden!

Wolfgang Ambros (Liedermacher) in „Vordergründig-Hintergründig“

 

Written by medicus58

22. April 2017 at 18:15

What the Tamiflu saga tells us about drug trials and big pharma

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Mal wieder was für eine globalere Sicht des Gesundheitssystems am Ende der offiziellen Grippesaison auch wenn der Artikel schon aus 2014 stammt:

https://www.theguardian.com/business/2014/apr/10/tamiflu-saga-drug-trials-big-pharma?

Written by medicus58

20. April 2017 at 07:45

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Kapitalismus 21.0; Rückdelegieren und Mitschneiden

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Es ist auch schon fast fünf Jahre her, wo wir uns hier zu ein bisschen Kapitalismuskritik hinreißen haben lassen und ausführten,
wie sich dieses System, ähnlich wie Kettenbriefe eines Pyramidenspiels ausschließlich durch das Aufbrechen der letzten – bislang in öffentlicher Hand befindlichen – Kapitalkreisläufe (Pensionsvorsorge, Krankenversicherung, Bildungssystem) am Leben halten kann. So in der Art eines Neokolonialismus innerhalb der eigenen Grenzen:
18.6.2012: Haben Sie die Revolution verpasst? Die lautlose Diktatur des globalisierten und deregulierten Kapitals

Zwei weitere Schritte zur Gewinnmaximierung in stagnierenden Märkte der Ersten und somit kaufkräftigsten Welt wollen wir nun ansprechen.

Während sich durch technische Innovationen in der Herstellung „echter Produkte“ (im Gegensatz zu sogenannten Finanzprodukten) immer wieder Effizienzsteigerungen erreichen lassen,  ist dies im Bereich de Dienstleistungen (z.B. dem Gesundheitswesen) naturgemäß nicht möglich.
Während die Auslagerung der Produktion in Billig-Lohn-Länder trotz fallender Realeinkommen den Bürgern der Ersten Welt einen beruhigenden Grad an Konsumismus erlaubt, wird die Konsumation von Dienstleistungen für viele immer unfinanzierbarer.
Ich habe erst unlängst darauf hingewiesen, dass die Lösung nicht in einer Reduktion der Lohnnebenkosten (Voll daneben: Lohnnebenkosten), liegen kann, weil wir dadurch die überwiegend auf Dienstleistung beruhenden Leistungen des Sozialstaates abschaffen.
Die Reaktion der Dienstleistungsindustrie besteht daher seit Jahren,
immer mehr ihrer ureigenen Aufgaben an den Kunden rück zu
delegieren:
Flugpassagier, Theater- oder Kinobesucher bekommen Tickets nur mehr mit Aufpreis wenn sie diese nicht auf den eigenen Druckern ausdrucken.
Patienten haben nicht mehr das Recht von einem erfahrenen Arzt befragt zu werden, sondern arbeiten mit Helpdesks Algorithmen ab.
Um an Auskünfte zu gelangen hängen wir stundenlang in Telefonwarteschlangen nur um festzustellen, dass der „dann drücken sie die Null“-Algorithmus uns, an die falsche Stelle gelotst hat oder um eine inhaltsleere Standardmeldung zu hören.
Versuchen Sie einmal NUR einen Aufladebon für ihr Wertkarten an einer Self-Service-Kasse eines Supermarktes zu erstehen und Sie wissen was ich meine …

Das alles erdulden wir mehr oder weniger still seit Jahren, weil uns vorgegaukelt wird,
dass wir uns Zeit ersparen, weil wir diese Leistungen „rund-um-die Uhr-von daheim“ abrufen können, ohne dass wir realisieren, wie viel wir von unserer Freizeit investieren müssen, um eine Leistung zu bekommen, die eigentlich an und für uns erbracht werden sollte.
Wir glauben dass wir uns Geld ersparen, bis uns bewusst wird, dass sich am Preis/Leistungs-Verhältnis gar nichts verbessert, wenn wir dazurechnen, dass wir zuvor in Mobiltelefone und Provider investieren mussten, um überhaupt noch bedient zu werden!

Ein zweiter Aspekt wird aber nun immer offensichtlicher:
Hinter dem Versprechen uns leichter, besser, günstiger an unsere Dienstleister heranzubringen, steht das
wahre Modell der Amazons, Ebays, Will-habens, Trivagos, Geizhals und Co das nun von der Finanzindustrie übernommen wird:

Sie schneiden mit.  Kein Prozess, an dem nicht ein kleiner Teil des Umsatzes abgezweigt wird.

Für die Vermittler vom Schlage der Amazons und Ebays war das ja noch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, denn ohne Sie wären wir höchstwahrscheinlich wir nicht auf das Schnäppchen des Garagenhändlers in Tripstrü gestoßen, auch wenn gerade dieser Onlinehandel dazu beiträgt den letzten lokalen Fachhändler aus dem Geschäft zu drängen und sich letztendlich dadurch alternativlos in jede Geschäftsbeziehung einmischt.

Die bei uns medial immer wieder auftauchenden Versuche des Bargeldentzuges (500€, Höchstbeträge für Bartransaktionen, …), ist in anderen Ländern auf Druck der Finanzindustrie schon weiter gediehen; Indien, NigeriaSchweden, Singapur, Niederlande, Frankreich,

Eine gute Einführung zum Thema „De-cashing“ nach Art des IWF“ fand sich vor einigen Tagen überraschend in der NZZ, von der man sowas gar nicht erwartet hätte.
Ein Bargeldentzug mache den Bürger aber gläsern und greife tief in seine Freiheitsrechte ein. Es gehe weniger um Verbrechensbekämpfung oder effizienten Zahlungsverkehr als um die Wegbereitung von deutlich tieferen Negativzinsen als bisher. Ziel sei die Entwertung der aus dem Ruder gelaufenen Staats- und Bankenschulden.
https://www.nzz.ch/finanzen/cashless-eine-welt-ohne-geldnoten-ld.1287296

Die Kritik des De-cashings ist nicht neu:

2015 Vier Gründe, weshalb Bargeld abgeschafft wird

2017 Visualizing The Global War On Cash

Bemerkenswert sehen viele je nach Standpunkt nur die „Gefahr eines gläsernen Menschen“, „Hackergefahr“ und die „Möglichkeit zur stillen Enteignung“, oder „Steuergerechtigkeit“ und „Terrorprophylaxe“ aber kaum jemand
das neue Geschäftsmodell der Finanzwirtschaft sich – mit politischer Duldung – hier in jeden Werttransfer einzuklinken und mitzuschneiden!

Die Frage „Wem gehört die Welt?“ muss so beantwortet werden: Sie gehört denjenigen, die mit dem Geld anderer arbeiten und so eine eigene „Kunstwelt“ schaffen – bis zum Platzen der nächsten Blase.
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/autoren/886312_Hinter-den-Kulissen-der-Weltfinanz.html

Sollte hier festgehalten werden, um es später zitieren zu können.

Written by medicus58

18. April 2017 at 12:40

höret was erfahrung spricht: hier ists so wie anderswo – nichts genaues weiß man nicht – dieses aber ebenso

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Nie werde ich das Gefühl vergessen, als Otto Grünmandl (* 4. Mai 1924 † 2. März 2000) in „Ich heiße nicht Oblomov“ einen virtuellen Zuschauer mit der Pistole bedrohte, ihn aus dem Zuschauerraum komplementierte und dann im off ein Schuss knallte.
Damals vielleicht eine Banalität in Dutzenden Aufführungen experimenteller Theateraufführungen aber bislang, als österreichische  Kabarettisten noch Kabarett machten und nicht ihre Geschichten als Theater ausgaben, ungehört.

Kürzlich von Andreas Vitasek wiederentdeckt, war es für mich aber erschreckend, dass Grünmandl bis jetzt noch nicht Einzug ins hiesige Herrgottswinkerl fand.
Danach war ich mir ganz sicher ihm hier eine angemessene Ruhestätte bereitet zu haben, so wie er damals seinem Hansi:

Aber irgendwie scheine ich es dann doch nicht getan zu haben, was also letztlich genauso unverständlich ist, wie dass ich die letzten Weihnachten nicht zum Anlass genommen zu haben, dies zu tun:

 

Auch viele andere passende Gelegenheiten, den Erfinder der Felsenzackenschleifundzuspitzmaschine und des Ein-Mann-Stammtisches,
sowie den Chefermittler des alpenländischen Inspektoreninspektorates zu ehren, ließ ich ungenützt verstreichen,
so wie ich es auch verabsäumte, bei Dutzenden Gelegenheiten an diese archetypische Darstellung eines Lokalpolitikers zu erinnern:

Beinahe hätte ich es so gemacht, wie Grünmandls Interviewer Theo Peer, der hier wirklich
unglaubliche Dinge auspackte …

Nur liegt mir nichts fremder, als nun meine intimsten Erlebnisse mit Otto Grünmandl auszupacken, aber eines muss jetzt noch wirklich sein.
Wie Grünmandel im Rahmen einer Pharmapräsentation im Wiener Konferenzzentrum, bei der er, also Grünmandel, nicht Peer, den ich nie gesehen habe, einen wissenschaftliche Vortrag hielt, der ebenso erschreckend echt wirkte, wie die nachfolgende Radiosendung mit Gerhart Polt und Professor Sonnblum:

Also in diesem Vortrag lotete Grünmandl, wir schrieben die 80er Jahre, die sieben falschen Möglichkeiten ein und dasselbe Diapositiv an die Wand zu werfen ebenso aus, wie die mannigfachen Möglichkeiten der missbräuchlichen Verwendung statistische Teste – er war schließlich gelernter Techniker – und endete mit dem Klassiker jedes wissenschaftlichen Vortrags, eben dass das alles noch präliminär wäre und weitere Studien erforderlich wären

Ich sollte jetzt wirklich einmal  Grünmandel in mein Herrgottswinkerl stellen …

 

 

Written by medicus58

15. April 2017 at 14:07

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl

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Danke, Frau Stadtrat, für dieses Kopfkino

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rein zufällig während der Karwoche und die Personalvertretung weiß wie immer von nichts  ….

Vergleiche dazu aus 2012-2016):
Streikbereitschaft für Rufbereitschaft?
https://medicus58.wordpress.com/2016/09/08/streikbereitschaft-fuer-rufbereitschaft/
Urlaubszeit, gefährliche Zeit: Management aus dem Hinterhalt
https://medicus58.wordpress.com/2016/07/03/urlaubszeit-gefaehrliche-zeit-management-aus-dem-hinterhalt/
Doktor auf Abruf
https://medicus58.wordpress.com/2016/05/30/doktor-auf-abruf/
Fassadenpolitik erreicht inzwischen die Universitäten https://medicus58.wordpress.com/2016/01/29/fassadenpolitik-erreicht-inzwischen-die-universitaeten/
Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst https://medicus58.wordpress.com/2014/07/23/spezialisierung-zur-qualitatsverbesserung-ist-out-im-spital-gibts-facharztlichen-pannendienst/
Die Potemkinschen Spitäler https://medicus58.wordpress.com/2012/07/11/die-potemkinschen-spitaler/

Written by medicus58

13. April 2017 at 07:30

Die Anonymität ist längst in Pension geschickt worden

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Erinnern Sie sich noch an Mr. Ano Nym, die Galionsfigur des grasgrünen Supermarktes die 2015 nach 27 jähriger Tätigkeit der nächsten, inzwischen schon längst eingestampften Werbekampagne „Mein Marktplatz für Genuss und LebensfreudePlatz machen musste?
Der kompromisslose Prüfer, der angeblich für unser aller Wohl die Märkte seines Auftraggebers so gewissenhaft prüfte wie weiland Humphrey Bogart als Philip Marlowe, war plötzlich nach Aussage der Vorstandsvorsitzenden „nicht mehr mit dem Markenkern vereinbar“ gewesen.

Das wundert, denn nichts ist heute so aktuell wie die Glaubwürdigkeit der Anonymität.

Ano Nym war zwar keine reale Person und (so das Narrativ) auch den anderen Mitarbeitern der Firma nicht namentlich bekannt, aber aus Sicht der Kunden sollte gerade das seine Glaubwürdigkeit steigern, denn er agierte augenscheinlich innerhalb aber nicht als Teil des Systems. Heute sieht man das in der PR Agentur offenbar anders.

Fake News
, Hass-Postings, der angeblich auf Facebook vereinbarte Terroranschlag, ….
Glaubt man manchen Wortführern, dann bedroht uns derzeit nichts so sehr, wie diejenigen, die Anonymität nutzen.
Meines Wissens hat noch keine voll verschleierte Frau aus Arabien am Kohlmarkt einen Anschlag verübt, trotzdem findet diese Form der Anonymität Eingang in unsere Gesetzgebung.

Anonymität scheint das Gegenüber heute immer mehr zu verunsichern!

Andererseits war dem Gesetzgeber in unseren Landen stets bewusst, dass Anonymität in vielen Fällen auch dem Schutz der Freiheit des Einzelnen dient. Auch die meisten Bürger akzeptieren, dass auf Wunsch eine Abstimmung anonym zu erfolgen hat, auch wenn über Dinge abgestimmt wird, wo sowohl eine Zustimmung aber auch eine Ablehnung nichts Ungesetzliches darstellen würde.
Noch hat nicht einmal unser Innenminister verlangt, dass jeder Teilnehmer an einer Versammlung oder Demo sich vorab mit seiner e-card registrieren muss, nicht zuletzt deshalb weil auch hier nur eine bedingte Anonymität garantiert wird:
Die Behörde ist im Anlassfall ohnehin berechtigt, die Teilnehmer einer Straftat zu identifizieren. Sie filmt dazu auch immer engmaschiger den öffentlichen Raum, was überraschenderweise die Bürger wenig beunruhigt als die Vollverschleierung!

Bedingte Anonymität ist konstituierender Teil der Demokratie!

Unser Noch-Bürgermeister Häupl polterte im September des Vorjahres, dass die Whistleblower, die Unzulänglichkeiten im Wiener Gesundheitswesen aufzeigten, nur Vernaderer wären (Man bringe den Spritzwein: Häupl zeigt seine Gesinnung) was außer den NEOS niemand zu stören schien.
Verwunderlich wirkte Häupls Rülpser auch deshalb weil gerade er seinen letzten Wahlsieg einer Willkommenskultur verdankt, die gar nichts dabei fand, Tausende Asylwerber ohne Identitätsfeststellung durch unser Land nach Deutschland zu lotsen.

Auch die Wiener Stadtzeitung FALTER, die ihre überregionale Reichweite oft anonymen Tipps und Materialen verdankt, polemisierte schon vor Jahren gegen die anonyme Meinungsäußerung im Netz (Die Täter hinter der Tastatur).  Auch hier nimmt die Doppelbödigkeit wunder, da die Autoren nachweisbar wissen, dass es sich auch hier ohnehin nur um eine Pseudonymität (bedingte Anonymität) handelt.

In Deutschland geistert das Problem aktuell verstärkt durch den Blätterwald, da Bundesminister Mass sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz  durchbekommen will. Allein die Bezeichnung ist schon eine Onanie-Vorlage für überzeugte Technokraten!
Soziale Netzwerke und ähnliche Plattformen bis hin zu Online-Versandhäusern sollen laut der Initiative künftig neben offensichtlich strafbaren Hass- und Hetzkommentaren oder Falschmeldungen unter anderem auch Pornografie, „verfassungsfeindliche Verunglimpfungen“ „landesverräterische Fälschungen“ oder Beiträge „terroristischer Vereinigungen“ binnen 24 Stunden löschen müssen. Andernfalls drohen Bußgelder bis zu 50 Millionen Euro für Unternehmen beziehungsweise fünf Millionen bei Individuen, die den Pflichten nicht nachkommen. Sollten die Inhalte nicht klar als strafbar erkennbar sein, gilt eine siebentätige Prüffrist.
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Internetfreiheiten-im-Koma-Bundesregierung-befuerwortet-Netzwerkdurchsetzungsgesetz-3675569.html 

Anonymität wird heute ausschließlich als Bedrohung hingestellt und zur Demontage demokratischer Freiheiten instrumentalisiert.

Gegenstimmen, wie die des Autor des Buches „Trusted-Web 4.0 – Bauplan für die digitale Gesellschaft“, für den Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte ist, sind selten, werden aber gerade jetzt in Deutschland im Umfeld der genannten Gesetzesvorlage immer lauter.

Corinna Milborn (Puls 4) hat einen gesellschaftspolitisch wesentlichen Aspekt auf den Punkt gebracht:
Anonymität schafft hierarchiefreien Raum. Es ist schon auffällig, dass die, die Klarnamen fordern, meistens jene sind, die in der Hierarchie weit oben stehen und es sich leisten können.

Goethe geht es erwartungsgemäß hintergründiger aber ähnlich an:
Ihr sucht die Menschen zu benennen und glaubt am Namen sie zu kennen. Wer tiefer sieht, gesteht sich frei, es ist was Anonymes dabei. 

Ich habe hier schon seit Jahren wiederholt diskutiert, dass überall dort wo Beschäftigungsverhältnisse überwiegen, wo Mitarbeitern ein gesetzlicher Maulkorb umgehängt werden darf, also gerade in der öffentlichen Gesundheitsversorgung, es nur eine bedingte Anonymität gestattet, Fakten in die Diskussion einzubringen:

Whistleblowing im Gesundheitswesen erlaubt, aber: Altenpflege
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/27/whistleblowing-im-gesundheitswesen-erlaubt-aber-altenpflege

Warum pfeifen die Spatzen nicht oder pfeifen sie schon drauf?
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/29/warum-pfeifen-die-spatzen-nicht-oder-pfeifen-sie-schon-drauf/

Anonymität im Netz: Cui bono? https://medicus58.wordpress.com/2012/11/12/anonymitat-im-netz-cui-bono

3 Jahre Blogging: Weltverbesserung durch Selbstbefriedigung? O, na, nie! https://medicus58.wordpress.com/2013/10/22/3-jahre-blogging-weltverbesserung-durch-selbstbefriedigung-o-na-nie/

Ich habe heute dieses Thema erneut aufgegriffen, weil zuletzt in einigen Sozialen Medien Unmut geäußert wurde, dass die Beiträge hier ohne Klarnamen erscheinen.

Abgesehen von all den in früheren Beiträgen genannten persönlich/rechtlichen Überlegungen,
sollten sich Kritiker einmal überlegen, dass wir – selbst in einer relativ freien Gesellschaft wie der unseren – erst durch die relative Anonymität erkennen, was Menschen wirklich denken, wie manche Dinge wirklich ablaufen.
Selbstverständlich ist Missbrauch zu ahnden, dies ist aber gerade im Netz mit seinen Dutzenden „digitalen Fingerabdrücken“ (Vorratsdatenspeicherung der Provider, IP-Adressen, DNS-Server-, Browser-Profile, Hardwareidentifikation, verlinkten Telefonnummern, …) mit mehr oder weniger Aufwand ohnehin möglich. Gegenteilige Meinungen können auf diesem wie vielen anderen Blogs jederzeit gepostet werden. Ich habe in der Vergangenheit nur Postings gelöscht, die in sich einen Gesetzesbruch dargestellt haben, wozu Blogbetreiber und -schreiber ohnehin bereits jetzt gesetzlich verpflichtet sind.
Wo diese Reziprozität nicht eingehalten wird, ist die Berechtigung pseudonymisierter Meinungsäußerung auch nach meinem Dafürhalten zu hinterfragen!

Halten wir fest, dass es eigentlich immer nur um bedingte Anonymität geht, wenn Alarm geschlagen wird.

Oft wird auch nicht unterschieden, wan eine Meinungsäußerung wirklich als anonym zu gelten hat.
G.T. Marx hat 1999 in What’s in a Name? Some Reflections on the Sociology of Anonymity  darauf verwiesen, dass der
Übergang von Identität zu Anonymität 7 Kategorien umfasst:
1. Der gesetzliche Name (z.B. im Reisepass oder am Meldezettel)
2. Die Adresse (also die Erreichbarkeit z.B. via Post, Telefon oder E-Mail)
3. Alphanumerische Symbole (z.B. Mitgliedsnummer, KFZ-Nummerntafel, …)
4. Pseudonyme (Zeichenfolgen, die nur in einer Richtung rückverfolgbar sind, wie z.B. in medizinischen Studien)
5. Verhaltensmuster (Gerade die Identifikation von „Big Data“ oder Online-Werbung basiert darauf)
6. Soziale Kategorisierung (so geben viele Blogautoren den Beruf preis)
7. Zertifikate und Bestätigungen (Neben amtlichen Dokumenten auch z.B. Blogprovider)

Letztendlich ist ein Mensch erst völlig anonym, wenn keine der 7 Kategorien bekannt ist, was in der Praxis aber wiederum zur Kommunikationsunfähigkeit führt.

Andererseits ist Menschen ihrer Anonymität zu berauben ebenso eine Machtausübung wie das Untersagen des Demonstrationsrechtes oder eine Zensurbehörde. Selbstverständlich kann es Gründe geben, diese Macht auszuüben, aber aus gutem Grund wird dieses Recht der Staatsgewalt nur in sehr engen Grenzen eingeräumt. Wer glaubt, diese Grenzen ausweiten zu wollen, sollte sehr genau darlegen zu wessen Schutz und Nutzen er dies verlangt.

Wer die Anonymität von Blogbeiträgen aber kritisiert, meint vermutlich etwas anderes, er hinterfragt
ob anonym geäußerte Informationen überhaupt verlässlich sein können.

Ein paar kluge Überlegungen zu diesem Thema findet man z.B. auf dem Blog „eines gewissen Philipp Schaumann“ (http://sicherheitskultur.at/anonymity.htm), den ich weder persönlich kenne und, obwohl ein paar Gegenchecks im Netz es plausibel erscheinen lassen, letztendlich unklar bleibt, ob hier gerade diese Person sich hier Gedanken über seine Privatsphäre macht, oder ganz jemand anderer. Was aber andererseits wieder völlig egal ist!

Auf seinem Blog stellt Philipp Schaumann dar, dass jede Form gesellschaftlicher Interaktionen die partielle Aufhebung der Anonymität voraussetzt, um neben der Verantwortlichkeit für die geäußerten Aussagen auch Trust (d.h. Vertrauen in mein Gegenüber)  zu gewährleisten.
Es ist aber keinesfalls so, dass dazu immer die völlige Aufgabe der Anonymität erforderlich ist, vielmehr sollte situationsangepasst jeweils nur so viel Privatsphäre preisgegeben werden, wie dies für eine bestimmte Situation notwendig ist.

Oft sind der Grad an Identität und Anonymität davon abhängig, ob dieser vom Sender oder vom Empfänger aus bestimmt wird:
Aus guten Gründen sind die Reviewer wissenschaftlicher Journale traditionell dem Autor gegenüber anonym, dem Editor natürlich wohlbekannt. Identität ist hier eine Einbahnstraße, die nur vom Editor zu befahren ist.

Die Aussagen meines Blogs mögen richtig oder falsch sein.
Subjektiv sind sie naturgemäß, wenn man sich die Bedeutung des Begriffs BLOG vor Augen führt.
Um Objektivität bemüht sind sie trotzdem, da sie sich (siehe Impressum) als Vorlesung definieren.
Wer sie aber als unglaubwürdig weil anonym bezeichnet, sollte diesen Beitrag nochmals lesen, denn er hat nicht verstanden, dass er ohnehin 6/7 Kriterien der Identität erfüllt!

 

 

Written by medicus58

12. April 2017 at 17:25

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