Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for August 2021

Jedem sein Flüchtling, eine Geschichte der Willkommenskultur

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In seinem höchst lesenswerten Buch 1979 versucht der Historiker Franz Bösch zu zeigen, dass für unsere heutige Welt nicht die Umbrüche 89 oder 91, sondern das Jahr 1979 ausschlaggebend war:

Im Hinblick auf den religiösen Fundamentalismus  (Iranische Revolution, Inthronisation von Papst Wojtyla), Thatchers Deregulierung und Ausverkauf des Staates, und u. a. durch den Einmarsch der UDSSR in Afghanistan. (Spoiler ahead)

Um gleich weiter die bleibende Relevanz meines dritten Studienjahres für den Gang der Welt vorweg zu nehmen, beschäftigt sich das Buch auch ausführlich mit der damals aufkeimenden Willkommenskultur für die vietnamesischen Boat People, also jene Menschen, die in den Jahren nach dem Fall von Saigon 1975 in Booten vor der Machtübernahme der Kommunisten flohen. Gerade die BRD sah die Aufnahme dieser Menschen als propagandistische Waffe gegen die DDR. Dass da nicht nur vom Kommunismus verfolgte Vietnamesen flohen sondern auch chinesische Kollaborateure und Unterweltler, davon zeugen südostasiatische Bordellbezirke und das Musical Miss Saigon aus 1989.

Im Gegensatz zum entsprechenden Wikipedia Eintrag, der den Begriff Willkommenskultur nur im 21.Jhdt als wirkmächtig sieht, zeichnet Bösch die Historie breiter gesellschaftlicher Unterstützung bestimmter flüchtender Personen mit verblüffender Detailliebe und verblüffendem Ergebnis nach.

Gerade die unterschiedlichen Reaktionen der damals geografisch und weltanschaulich getrennten deutscher Staaten deckt auf, dass für die Entscheidung wer nun ein wilkommener Flüchtling war, nicht ausschließlich humanitäre Gründe ausschlaggebend waren.

Der Jubel linker Gruppen über den Sturz des persischen Schah Mohammad Reza Pahlavi prallte auf konservative Gruppen, die darauf verwiesen, dass unter seiner Herrschaft Frauen mit Miniröcken durch Teheran spazieren konnten (die Fotos kursieren bis heute). Als die Diktatur der revolutionären Garden ihr wahres Gesicht zeigte, verstummten beide Seiten und hießen flüchtende Iraner bei uns willkommen. Ein iranischer Studienkollege, der uns während des Sezierkurses die Vorteile der Revolution in den hellsten Farben schilderte, blieb dann in Wien und bemühte sich erfolgreich um die österreichische Staatsbürgerschaft.

Bösch zeichnet auch die Euphorie der Linken über den Sieg der Sandinistas in Niceragua nach, während die Rechte (Contras) alles tat, um das System zu stürzen. Am Ende (1994) wandte sich aber sogar der Sandinist, Marxist und Christ Ernesto Cardenal, wohl eine der bekanntesten Gallionsfiguren der Bewegung von Daniel Ortega ab, der sich vom linken Heilsbringer zum konservativen Hardliner entwickelte.

Keiner reist heute mehr nach Niceragua um bei der Kaffee-Ernte zu helfen und Russland hängte trotz oder wegen Ortegas Wandel ihm zum 70 Geburtstag den Orden der Freundschaft um.

Endlos könnte man die Beispiele fortsetzen, wo zur Stabilisierung der eigenen politischen Position Flüchtlinge/Migranten mal für gut mal für schlecht gehalten wurden und dies top down in den Medien verstärkt wird. Bottom up führt das zwangsweise zu mehr Fremdenhass.

In den Sozialen Medien überschlagen sich die Forderungen afghanische Frauen nach Österreich zu bringen, um sie vor dem Missbrauch der Taliban zu schützen. Das dies etwas über einem Monat nach dem Fall Leonie auch zumindest befremdlich aufgefasst werden könnte, scheint niemandem aufzufallen.

Die Erfahrung lehrt, dass sich sowohl Anteilnahme als auch Einschätzung bestimmter Länder und ihrer Flüchtlinge rasch ändern kann, im Zeitverlauf verlässlich abnimmt.

Wut ist das Hauptmotiv für meine Arbeit – Wut über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich.

sprach Karlheinz Böhm und entfesselte in Wetten dass in den 80ern eine Spendenwelle für die Menschen in der sozialistische Militärdiktatur (1974-1991) in Äthiopien. Hilfe zu Selbsthilfe schien das Ziel erreicht zu haben als man 2019 Präsident Ably für seine Aussöhnungspolitik den Friedensnobelpreis verlieh. Kurz danach wurde das Land erneut zur Konfliktzone, der sich kaum als ökonomischer Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden erklären läßt. Und das einseitige Bild der armen Äthiopier aus dem Bewusstsein der Welt verdrängt hat.

Auch eine andere Nobelpreisträgerin, Aung San Suu Kyi, war während ihres Hausarrest durch die Birmesischen Militärdiktatoren weltweit als Märtyrer gefeiert worden und Birmesen, die das Land verlassen konnten, brandete Mitgefühl entgegen. Als sich die seit 1948 wiederkehrenden Feldzüge gegen die Rohingya-Minderheit auch nach Aung San Suu Kyis Rückkehr in die Politik fortsetzte, war ihr internationaler Ruf dahin und aktuell steht sie sowohl unter Anklage des internationalen Gerichtshofes als auch der zurückgekehrten Militärs. Die deutsche Entwicklungshilfe wurde von Birma zu den Rohingya Flüchtlingscamps umgeleitet. Ihnen gehört jetzt die Anteilnahme.

Welcher Juso der 70er will sich heute noch an seinen flammenden Einsatz für die Polisario erinnern, obwohl sich am Status der bis zu 170. 000 Menschen, die aus der Demokratischen Arabischen Republik Sahara nach Algerien geflüchtet sind, wenig gebessert hat.

Ein Blick auf die Karte würde Ihnen zeigen, dass Afghanistan rund doppelt so weit von uns entfernt ist wie die Westsahara und Birma fast dreimal so weit.

Die mediale Präsenz und der gelegte Fokus bilden mehr die jeweilige eigene politische Sicht als eine humanistische Gesamtsicht von Flucht- und Migrationbewegungen ab. Meist sind nicht die Forderungen an sich falsch, jedoch ungerecht für wen sie erhoben werden und wer dabei vergessen wird.

Klar kann man zur Bibel greifen und das Eintreten für den geringsten seiner Brüder (die Bibel gendert nicht) als Huldigung des Gottessohns verteidigen. Man möge mich aber mit der Forderung verschonen, dass ich in immer rascherem Wechsel die Juden, Palestinenser, Vietnamesen Westafrikaner, Iraner, Iraker, Afghanen, Kurden, Birmesen, Syrer, Rohingya und wieder Afghanen willkommen heißen soll, nur weil es gerade politische Mode wurde.

Written by medicus58

19. August 2021 at 14:30

Veröffentlicht in Allgemein

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Warum die Drohungen gegen Impfverweigerer am eigentlichen Problem vorbei gehen: Schützen wir die Jungen

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Wir versuchen unverbesserliche Alu-Hut Träger aus der Vorstadt zur Impfung zu drängen und freuen uns, wenn sich die eine oder der andere mit Gottes Segen „seinen Stich“ – welch blöde Sprache hat sich medial eingebürgert – im Steffl abholen.

Wir planen die Auffrischung der Alten, die – allen Unkenrufen Pfizers zum Trotz – noch überwiegend einen gewissen Schutz haben und deren Kollektiv aus gutem Grund relativ gut durchgeimpft wurde. Auch sind deren Sozialkontakte vermutlich nicht allzu ausufernd.

In drei Wochen beginnen Schulen und in sechs Wochen die Universitäten und – ohne dass ich den Studien Glauben schenke, dass die Bildungseinrichtungen zu den größten Treibern in der Pandemie zählen, hatte das Bildungssystem die meisten Opfer zu beklagen, während diese Generationen bis zuletzt auf Impfgelegenheiten warten mussten.

Die Impftermine für über 31-Jährigen wurden zB in Wien erst Ende Juni „freigeschaltet“. Mit Stand 17.8. sind in der Gruppe der 15.-24. Jährigen nur etwas über 40% geimpft:

Das führt zu Schul- und Unibeginn verlässlich in große Diskussionen, nicht weil diese „Ungeimpften“ die Spitäler verstopfen werden, sondern weil es für sie auch im nächsten Semester keinen sinnvollen Unterricht geben wird. Die Devise müsste schon längst sein:

Schützen wir die Jungen

Wenn schadenfroh „Experten“ einig sind, dass die vierte Welle in erstet Linie unter den Ungeimpften wüten wird, sollte man weniger an Kickl, den zugewanderten Hilfsarbeiter oder die vegane Esoterikerin denken als all den Jungen, denen wir keinen sinnvollen Unterricht mehr bieten.

Written by medicus58

17. August 2021 at 17:11

Gibt es noch Hoffnung für die Wiener Küche?

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Auf den ersten Blick denkt man: Ja

Liest man den Zettel muss man aber seufzend zur Kenntnis nehmen, dass das Lokal nur Urlaub macht und die angebotene Dreiheiligkeit der täglichen Rasch-Verpflegung bald wieder feilbieten wird.

Written by medicus58

11. August 2021 at 18:23

Hauptsache Airtime: wie oft kann man ein Faktum in fünf Minute twittern

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Cui bono?

Written by medicus58

11. August 2021 at 11:15

Veröffentlicht in Psychopathologie der Medizin

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Wenn Sie schon keinen Urlaub buchen, dann buchen Sie wenigstens Gesundheit: Das andere booking.com

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Jeder kennt booking.com, das nicht unumstritten Portal, auf dem sie weltweit Hotels, Flugreisen, Mietautos oder alles zusammen buchen können.

Auch wenn den US Konzern, der 28 Millionen Unterkünfte in 200 Ländern  vermittelt, die Pandemie zugesetzt hat, bezeichnen ihn Analysten auch 2021 als Supermacht des Reisens.

Etwas kleinere Brötchen bäckt da das im deutschen Remagen gegründete Portal bookinghealth.com, das sich als führendes Gesundheitsreisebüro bezeichnet und Diagnostik und Therapie in 250 besten Kliniken der Welt vermittelt.

Ebenso wie booking.com wirbt man mit Garantien und Ersparnissen im Vergleich zu Direktbuchungen:

Am Bewertungportal Trustpilot vergaben über 600 Nutzer  4,8/5 Punkten für die Dienste der von Eleen Sergeva vor über einem Jahrzehnt gegründeten Ges. m. b. H für Medizintourismus.

Neu ist das alles nicht, ich kenne allein in Wien eine Reihe von Personen, die sich ihr Geld damit verdienen, zahlungskräftige Menschen und Patienten an hiesige Ärzte und Kliniken zu vermitteln.

Bemerkenswert ist die Professionalität, wie da für Dutzende gesundheitliche Probleme, Kliniken zum Fixpreis vermittelt werden:

Vielleicht ist diese Form des Gesundheitsreisebüros (die Firma organisiert selbst die erforderlichen Reise- und Einreisedikumente) sogar transparenter als das alt bekannte „schick mir Deinen Privatpatienten, schick ich Dir meinenSpielchen in der Privatmedizin, nur stellt sich, wie bei allen Vermittlern immer die Frage, wer denn und wie entscheidet, ob die jeweiligen Kliniken oder Kliniker wirklich eine so hohe Expertise in dem geforderten Bereich haben und ob wir nicht auch hier dem Internet mehr glauben als einem realen Gegenüber.

Written by medicus58

6. August 2021 at 13:20

Auch wenn der Ärztekammer-Präsident sachlich recht hat, sollte er sich manche Stellungnahme besser überlegen

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Auch Ihr Medicus plappert hier am Rande des Internets, über so einiges, was ihm durch den Kopf geht, aber eben im Rahmen einer Privatvorlesung.

Blogs, Tweets, FB Beiträgen und öffentliche Wortmeldungen von Funktionsträgern sollten IMHO nur den Teil der persönlichen Meinung enthalten, der der jeweiligen Funktion entspricht und da scheinen mir so manche Wortmeldungen von ÄK Präsident Szekeres zumindest diskutierenswert.

Wenn sich Szekeres heute im Ö1 Morgenjournal der von Landespolitikern erhobenen Forderung anschließt, dass sich Ungeimpfte zukünftig ihre Covid-Tests selbst bezahlen sollen, dann mag man schon Gründe für diese Meinung finden, nur erschließt sich nicht, auf Basis welcher medizinischen Expertise wir Ärzte uns in dieser Diskussion überhaupt positionieren müssen.

Zwar schaffte es Szekeres mit seiner Aussage ziemlich flächendeckend in die Print Headlines (Ärzte-Chef Szekeres fordert Ende der Gratis-Tests), ich bezweifle aber, dass er damit die ohnehin schon erfolgte Marginalisierung der Position der Ärzteschaft in der Gesundheitspolitik verbessert, wenn er ein paar Politikern die mediale Räuberleiter macht.

Sein OE24 Interview (Ich halte eine Impf-Pflicht für sinnvoll) mag medizinisch noch argumentierbar sein, aber nur im Sinne, dass möglichst viele Geimpfte die schärfste Waffe in der Pandemie wären, aber nicht als endgültige Entscheidung aller rechtsstaatlichen und grundrechtlicher Argumente, über die sich hauptberufliche Juristen noch heftig streiten. Aus gutem Grund hält sich hier deren Kammer bedeckt.

Kurz vorher befürwortete Szekeres im Namen der Ärztekammer die off label Anwendung von Kreuzimpfungen ( Ärztekammer empfiehlt anderes Vakzin für Zweit-Stich) während nationale und internationale Impfgremium noch eher skeptisch sind. Cui bono?

Und in der ebenfalls rechtlich sehr kritischen Frage der Gesundheitsdaten fordert der ÄK Präsident medienwirksam Datenverknüpfung: ÖÄK-Präsident Szekeres fordert verfügbares Werkzeug nutzbar zu machen

Natürlich verstehen Insider den Zusammenhang, auch wenn IMHO die Datenqualität ohnehin so schlecht ist, dass man damit wenig anfangen wird können, aber für Außenstehende bleibt:

Zuerst war die Kammer gegen ELGA und jetzt will sie deren Daten

Ich würde mir dringend wünschen, dass die Kammer sich dort zu Wort meldet, wo die Interessen ihrer Mitglieder zu wahren sind und ihre ohnehin öffentlich kaum mehr vorhandene Glaubwürdigkeit nicht auf Gebieten in die Schlacht wirft, wo wir Ärzte keinen Blumentopf gewinnen können, aber sich die Meinung verfestigt, dass es uns ohnehin nur um Grabenkämpfe geht:

ÄK klagt Wiener Coronatest-Labor Lifebrain 3.03.2021

Ärztekammer-Klage gegen Lifebrain-Bewilligung abgewiesen 29.7.2021

Irgendwas macht die Apothekerkammer gescheiter, ob wohl kaum ein Österreicher weiß, wie der Präsi der Apothekerkammer heißt, btw ihre Präsidentin..

Written by medicus58

5. August 2021 at 17:25

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