Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Psychopathologie der Medizin’ Category

Lesen Sie das nicht: Enttäuschung oder keine Empfehlung

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Lesen Sie diesen Beitrag nicht, empören Sie sich lieber über den Wahlkampf oder die Ärztekammer.
Dieser Text ist ein rein persönlicher (Eminence based) und kann Ihnen wirklich völlig am Pürzel vorbeischrammen.

In der Oberstufe der Mittelschule, ja so nannte man die Gymnasien vor unzähligen Schulreformen, las ich irgendwann auch einmal, in einem Anfall bildungsbürgerlichen Nachholwahns Thomas Manns Buddenbrocks.
Zu meiner Entschuldigung sei erwähnt, dass der Band bei uns herumstand und schließlich mit einem Literaturnobelpreis geadelt wurde. (Einige im Komitee legten schon damals Wert auf die Feststellung, dass der Preis explizit nicht für Manns später erschienene  Zauberberg vergeben wurde.)
Soweit ich mich an meine Gedanken während der Lektüre erinnern kann, hätte es vermutlich auch genügt, sich der Verfilmung aus 1959 auszusetzen und
im Gegensatz zu John Galswortys Forsyte Saga ließen mich die geschilderten Charaktere und Vorgänge bei Mann ziemlich kalt.

Soweit, so gut.

Nicht lange danach, als ich bereits den verhängnisvollen Entschluss eines Medizinstudiums in die Tat umsetzte, legte mir ein Schulfreund Thomas Manns Zauberberg nahe.
Soweit ich mich entsinne, war er ziemlich begeistert davon und argumentierte in der Art, dass man das als angehender Arzt gelesen haben muss.

Nun gut, lassen Sie mich in Parenthese voranstellen, dass ich schon vorher der Überzeugung war, dass man gar nix … haben muss.
Jetzt abgesehen von den Dingen in meinem Herrgottswinkerl hier …
weder als Arzt noch in sonst einer Rolle.

Denke ich an die heutigen Diskussionen über Anstellung von Ärzten bei Ärzten, wäre – ungeachtet seiner hinterfragbaren sprachlichen Qualität – Archibal Chronins Zitadelle allemal empfehlenswerter als Noah Gordons Der Medicus.
Aber natürlich fällt es mir schwer zu verstehen, weshalb wenige Berufskollegen sich so lange nicht in Kafkas Landarzt wiedergefunden haben:
„Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“

Egal, was wir aus der Kunst für unser Leben schöpfen ist sehr individuell, also hören Sie auf keine Empfehlungen, nicht einmal auf meine, so sehr Sie das bereuen werden.

Da ich aber ein ganzes Leben lang den literarischen Geschmack meines damaligen Mitschülers schätzte, lag seine Empfehlung bleischwer auf meiner Seele und ich kam ihr – wenn auch nach Jahrzehnten – schließlich nach.
Ich las Thomas Manns Zauberberg.

Das vollmundige Versprechen in der Wikipedia:
Während seines siebenjährigen Aufenthalts in der abgeschlossenen Welt eines Sanatoriums im Hochgebirge trifft der junge Hans Castorp auf weltentrückte Figuren, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.
schien das Machwerk schließlich auf das Bücherbrett der Jahrhundertromane zu hieven, von denen ich mich in den Jahrzehnten seit meiner Schulzeit mit sehr unterschiedlichem Behagen doch einige ins Hirn gelesen habe:
(hier eine Auswahl in absteigender Reihenfolge des persönlichen Gewinns)
Kafkas Romantrilogie: Amerika-Prozess-Schloß
Prousts Suche nach der verlorenen Zeit
Camus Fremder
Heinrich Manns Untertan
Heinrich Manns Professor Unrat
Adams Per Anhalter durch die Galaxy
Döblins Alexanderplatz
Orwells 1984
Feuchtwangers Erfolg
Huxleys Schöne neue Welt
Kunderas Unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Joyces Ulysses
Canettis Blendung
Fitzgeralds Großer Gatsby
Musils Mann ohne Eigenschaften

Ich habe aber noch selten einen solchen Schwachsinn gelesen, wie Thomas Manns Zauberberg!

Sprachlich in manchen Passagen noch meilenweit unter meinen hier zu flüchtig ins Handy getippten Texten:

Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige und asthenische Erscheinung gewesen, den Photografien nach zu urteilen,
die überall in des Hofrats Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge, die von einer eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den Wänden hingen.


Medizinisch schaumgeschlagenes Lexikonwissen
, das selbst ein Karl May besser hingekriegt hätte.
Überhebliches, pseudophilosophisches Gebrabbel und klischeehafte Personenzeichnung.
Das angeblich zentrales Kapitel (Schnee), unwahrscheinlich in seiner Handlung, widersprüchlicher Schrott in seinem Inhalt:
Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, und das tat denn Hans Castorp, großzügig, sozusagen in der Luftlinie, fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt hatten.
Zeilen 16-24 GKFA

Was meines Erachtens aber schwerer wiegt, ist die verschenkte Chance, einen wirklich guten Roman über die irrwitzige Welt einer Lungenheilstätte zu verfassen.
Was Mann hier aus eigenen und den Erfahrungen seiner Frau in einem Davoser Kurbetrieb als „eine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenstück zu seinem Tod in Venedig“ machte und was Jahrzehnte als Bildungsroman verehrt wurde, ist reine Unbildung.
Was sich für ein Panorama der mit dem ersten Weltkrieg untergegangenen bürgerlichen Gesellschaft hält ist gegen vergleichbare Werke platte Karikatur.
Statt Kritik an der gewinnorientierten Kurmedizin mit all ihrem Brimborium (Röntgenröhren und Tiefenpsychologie waren damals grad der heißeste Scheiß) scheint sich Mann da an seinem Ärger über einzelnen Personen abzuarbeiten,
nicht zuletzt an dem Arzt, der seine Frau Katia Mann – wie man heute weiß unnötigerweise – gegen Tuberkulöse behandelt hat.

Glauben Sie einem ehemaligen Kurarzt, aus dem Thema hätte sich so mehr machen lassen als diese über 1000 Seiten!
Lassen Sie Mann und lesen Sie lieber House of God, wenn Sie eine treffende Satire über den Irrwitz in der Medizin lesen wollen oder bleiben Sie bei einigen der oben genannten Bücher, wenn Sie etwas über die Gesellschaft um die vorletzte Jahrhundertwende lesen wollen.

 

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Written by medicus58

5. Oktober 2017 at 19:47

Urlaubs Qualen: Quallen

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Strandfotos, mit und ohne Sonnenuntergang sind unverzichtbare Beweise, dass man einen schönen Urlaub hatte.
Meist zeigen sie aber nicht das versiffte Hotelzimmer mit Blick in den Hinterhof oder andere weniger erbauliche Kollateralschäden des mehr oder weniger wohlverdienten Erholungsurlaubs am Meer.
Es muss ja nicht immer die Portugiesische Galeere oder Seewespe sein, aber Quallen mögen einem das Urlaubsvergnügen schon ziemlich vermiesen.
Der Focus fand die schöne Charakterisierung. uralt, hirnlos und sehen harmlos aus,
um einen videographischen Crash-Kurs über die Gefahren einer solchen Begegnung nachzulegen.
Während der Boulevard den Griff zum Rasierschaum empfiehlt, um die unangenehmen Folgeerscheinungen dieser Urlaubsbekanntschaft zu mildern,
vertreten andere „Experten“ die Meinung, dass das nur bei den europäischen Varianten hilft und setzen auf die Eis-Kühlung, Sand und Abschabe Methode,
während wiederum andere, inkl. eines interviewten Tropenmediziners, auf die Hyperthermie und Essig-Methode schwören:
http://www.nachrichten.at/nachrichten/gesundheit/Achtung-Quallen-7-Tipps-fuer-die-Erste-Hilfe;art114,2616089

Mein Tipp: Bleiben’s im Gänsehäufel und verstopfen’s mir nicht den Rest der Welt!

PS: Diese schöne Exemplare einer Geisterqualle (Cyanea nozakii) oben, können Sie übrigens auch im Schönbrunner Zoo besuchen, ohne mit ihrem Gift in Kontakt zu kommen:
https://www.zoovienna.at/tiere/andere-tierklassen/geisterqualle/

 

Written by medicus58

24. Juli 2017 at 18:29

Bitte sagt, dass das Fake News sind …

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6 terrible and potentially dangerous health tips from Gwyneth Paltrow

http://read.bi/2sLiVkC

Written by medicus58

5. Juli 2017 at 14:24

Veröffentlicht in Psychopathologie der Medizin

WHO findet Primärversorgung in Kasachstan seit fast vier Jahrzehnten super

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Während sich die einen freuen, die anderen schäumen, dass das österreichische Parlament per Gesetz die Primärversorgung geregelt hat
(http://www.salzburg24.at/nationalrat-beschliesst-bildungsreform/apa-1436828148)
und noch kaum jemand realisiert hat, dass sich auch schon entsprechende Vereine, sorry wissenschaftliche Kompetenzgruppen formieren
(https://oeph.at/kg-prim%C3%A4rversorgung)
konstituierte sich in Kasachstan (!) eine Beratergruppe der Weltgesundheitsorganisation.
http://www.euro.who.int/en/health-topics/Health-systems/primary-health-care/news/news/2017/06/new-who-advisory-group-launched-in-almaty-to-shape-the-future-of-primary-health-care

Man erinnerte an die Alma-Ata Declaration aus 1978 und fand Formulierungen, die einen doch frappant an den heimischen Diskurs erinnern:

Eines ist klar: Ein Wandel ist nötig.
Kleinere Änderungen reichen nicht

Jetzt muss alles wieder einmal ganz anders werden.

intersektionelles Handeln“
Partnerschaften und neuen Verbindungen
Patienten und Bevölkerungen zunehmend eingebunden
neuen Formen von Verbindungen bei den Gesundheitsdienstleistern sowie zwischen Gemeinschaften und lokalen, regionalen und nationalen Behörden

Alter Wein in Englischen Schläuchen: AGB der Gesundheitsreform müssen her
https://medicus58.wordpress.com/2013/05/16/alter-wein-in-englischen-schlauchen-agb-der-gesundheitsreform-mussen-her/

Gegen die Reform des öffentlichen Gesundheitssystems

Vom PHC zum PVG, von der ÄK in die AK 

Written by medicus58

29. Juni 2017 at 07:23

Nicht mal die Schlümpfe kamen blau in den Dienst

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Ihr Medicus hat sich während seines Studiums durch Nachhilfe etwas Geld dazuverdient und damals von einem dankbaren Nachhilfeschüler diesen Arztschlumpf geschenkt bekommen.

Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, dass es  mit der Berufsbekleidung im KAV nicht immer zum besten Stand:

7/2015 Warum wir Ärzte aufbegehren: Die Seele dieses Menschen sitzt in seinen Kleidern. http://wp.me/p1kfuX-ZJ

Ob man sich meine damalige Kritik zu Herzen genommen hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber seit Monaten bekommen immer mehr Bereiche
statt der alten Wäsch‘ eine einheitliche
 blaue Funktionskleidung.

Offenbar hat einer der 40 Millionen Berater zur Reduktion der ungenützen Vorhaltekapazitäten geraten, denn nun hat nicht jeder Mitarbeiter mehrere personalisierten Sets an weißer Berufswäsche in seinem Spind, für dessen Tausch das Reinigungspersonal zuständig war, sondern muss sich, sollte er Hemd und Hose wechseln wollen/müssen,
nach Einwurf der getragenen Stücke persönlich am Wäscheausgabeautomaten anstellen, um einen (!) Ersatz aus blauer Kunstfaser in mehr oder weniger passender Größe zu holen.
Merke, jeder Mitarbeiter verbringt einen Teil seiner Arbeitszeit vor dem Automaten und die EDV stellt sicher, dass jeder sets maximal zwei Sets hat.
Aber wenigstens zwei Sets sind möglich, sonst sähe es vor den Automaten aus, wie im Tröpferlbad.

Hat aber der vorherige Träger des blauen Tuchs versehentlich sein Papiertaschentuch zurückgelassen, oder nicht vermerkt, dass er eine Naht gesprengt hat, hat man eben Pech und muss wieder zurück zum Automaten.

Auch der Patient, der zwischen Arzt, Pflege und Reinigungspersonal unterscheiden möchte, hat Pech, denn alle sind blau, … also blau gekleidet, um da nicht Gerüchte aufkommen zu lassen.

Kein Wunder, dass sich den Jüngeren unter uns, die sich nicht mehr an Maos blaue Ameisen erinnern können, der Vergleich mit den Schlümpfen aufdrängte und
alle nur mehr von der Schlumpfwäsche sprechen.

Aber als ich aber wieder meinen alten Arztschlumpf zur Hand nahm, sah ich unseren Irrtum.

Nicht einmal bei den Schlümpfen trug der Arzt blau, sondern war leicht an seiner weißen Berufserkleidung zu identifizieren,
nur im KAV …..

Written by medicus58

8. Mai 2017 at 16:52

Mampfurbastion – ein Trend der durch den Magen geht

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Nix, gegen gute Nahrung, aber irgendwie kommt mir der Grad an Aufmerksamkeit, den viele der Art ihrer Kalorienzufuhr widmen, schon etwas pathologisch vor.
Pizza war gestern, heute belegt man Naan.
Bekämpfte man in unseren Breiten noch bis vor einer halben Generation die Grün- und Rotalgen ausschließlich im heimischen Aquarium, gelten Grün- Rot- und Braunalgen inzwischen als unumgängliches Powerfood.

Pulverisierte Früchte des Affenbrotbaums binden unsere die Saucen,
Die Jackfruit ersetzt das gequälte Huhn aus der Massentierhaltung,
ja, eh gut.
Wer sich an den Meriten einheimischer Körndeln satt gegessen hat, greift ungeniert zu Quinoa, das in den letzten Jahren eine solche Preissteigerung hingelegt hat, dass es für den Indio vor Ort kaum mehr zu bezahlen ist.

Ich entsinne mich noch des abschätzigen Blicks, den man früher für die Erwähnung von Kokosfett erntete, so von wegen Amazonas-Abholzen und so.
Heute schwärmen die Propheten gehobener oraler Befriedigung von seinem Gehalt an Eiweiß, Kalium, Kalzium, Magnesium, Zink, Eisen, Selen, Kupfer, Phosphor, sowie den Vitamine A, B1, B2, B6, C und E,
es muss natürlich natürliches Kokosfett sein, nicht dieses raffinierte.

Die Fokussierung auf die eigenen Ernährung war schon immer als der Sex des Alters verschrien, jedoch ist die besessene Beschäftigung mit immer neuen Brain- und Superfruits heute das Hobby der Jüngeren, zumindest in Bobo-affinen Land- und Stadtstrichen.
Liefen früher die gesellschaftliche Trennlinien zwischen Marcuse und Spengler, trennen uns heute Burger und Baobab.
Die Aufmerksamkeit, die dem eigenen Gemampfe, also letztendlich dem eigenen Körper gegenüber gegenüber aufgewandt wird, erinnert in seiner Ich-Bezogenheit schon daran,
wie Woody Allen einmal die Selbstbefriedigung definiert hat:

Sex mit einem Menschen den man wirklich liebt.
Also im vorliegenden Fall: Mampfurbastion

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Onan, dem Gatten der Tamar, denn dass war, wie Otto Grünmandl gesagt hätte, etwas ganz anderes.

PS: Das Bild zeigt übrigens eine Brotfrucht, nur falls Sie Ihren Gemüsehändler in den Wahnsinn treiben wollen.

Written by medicus58

8. April 2017 at 17:43

Ärzte waren gestern, heute diagnostizieren neuronale Netze, oder?

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Der Europäische Röntgenkongress (ECR 2017) in Wien ging vor wenigen Tagen mit einer Rekordbeteiligung von über 21.000 Teilnehmern zu Ende. Unter den 10 am häufigsten online angesehenen Beiträgen auf dem Portal der Tante Minnie zählte ein Artikel, der sich mit einer am ECR präsentierten Studie der Universitätsklinik Zürich beschäftigte, die fand,
dass EDV-basierte Neuronale Netzwerke Mammografien ebenso gut diagnostizieren können wie Radiologen. 

So arg überraschend ist das zwar nicht, schließlich haben das schon spanische Wissenschafter im International Journal of Neural Systems für die PET- und MR-Diagnostik des Morbus Alzheimer oder US-amerikanische und japanische Forscher für die Karzinome in der CT-basierten virtuellen Colonoskopie beschrieben. Ich selbst war schon Ende der 90er fasziniert von den Fähigkeiten der damaligen EDV Befundmuster in anamnestischen und Bilddaten identifizieren zu können und jeder bessere CT bringt heute schon mehr oder weniger überzeugende Algorithmen mit, in denen aus Lungen-CTs kleinste Karzinom-suspekte von nicht suspekten Läsionen gefiltert werden können.
IBM investiert Unsummen in Dr. Watson und verspricht aus dem unstrukturierten Heuhaufen der Big Data Risikoprofile und Diagnosevorschläge destillieren zu können. Und jeder hat vermutlich schon von Google gehört, die von sich behaupten den Beginn einer Grippewelle an Hand der Häufung bestimmter Suchanfragen erkennen zu können und so rechtzeitig den Apothekern die Einlagerung von entsprechenden Produkten empfehlen zu können.

Man braucht gar nicht auf die aktuellen Geheimdienstenthüllungen zu verweisen, welche Gefahren in hochvernetzten, gläsernen Strukturen schlummern. Es reicht sich genauer mit derlei Studien zu beschäftigen, um zu erkennen, dass der Feuchttraum der Gesundheitspolitik, die teuren Ärzte durch schweigende Algorithmen ersetzen zu können, eine gefährliche Science Fiction ist:

Die Forscher unserer Mammografiestudie inkludierten 3,271 Mammografien aus dem Jahr 2012 und identifizierten darunter 143 Krebspatienten. Knapp über 140 Fälle reichten aus, um die Algorithmen so zu „trainieren“, dass sie sich mit erfahrenen Radiologen matchen konnten. Das klingt eigentlich so, als ob sich damit die Forscher selbst wegrationalisiert hätten, denn wer will sich denn mit einem hoch bezahlten Radiologen mit all seinen Urlaubs- und Fortbildungswünschen herumschlagen, wenn er durch ein kleines Computerprogramm ersetzbar ist.
Heuer werden etwa 300 Millonen $ weltweit mit Analysesoftware allein für die medizinische Bildgebung umgesetzt,
bis 2021 wird von Signify Research eine Verdoppelung erwartet.

Liest man den Artikel über die Mammografie jedoch weiter, und ein ähnliches Vorgehen findet man bei den meisten dieser Studien, erfährt man, dass die Forscher natürlich einige Fälle ausgeschlossen haben. Alle Patienten, in denen Narben, oder Blutergüsse von vorausgegangenen Interventionen vorlagen, hat man exkludiert, angeblich um dadurch eine fälschlicherweise hohe diagnostische Performance („da steckt wohl was dahinter“) des Algorithmus zu vermeiden. In Wahrheit offenbart das Vorgehen auch, dass all diese Algorithmen nur in Standardsituationen gut performen.

Vieles Mit-Bewusstes was im Alltag den Diagnoseprozess kennzeichnet (Clinical Decision Making not only for Dummies) lässt sich nur schwer in Algorithmen einbringen, Leitlinien funktionieren im Einzelfall nachweislich schlecht.

Es gibt inzwischen kein Brettspiel mehr, in dem Algorithmen nicht den regierenden Weltmeister demütigen,
aber legen Sie einmal einem Dreijährigen eine rasche Skizze einer einfachen Struktur vor, die er rasch erkennen kann und bestellen Sie dann bei Ihrem Programmierer einen Algorithmus, der Strichzeichnungen von Autos erkennen kann und legend diesem Algorithmus dann irgendeine Muttertagszeichnung eines Dreijährigen vor. Wetten, dass der in manchem Blumenstrauß dann ein Auto findet?

 

Written by medicus58

11. März 2017 at 16:49

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