Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Psychopathologie der Medizin’ Category

Grusel-Medizin

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Kaum glaubten wir uns entspannen zu können, nachdem auch die Wirtschaftswoche das Ende des Tunnels sah, obwohl Deutschland zu den am stärksten von der Grippe betroffenen Ländern in Europa zählte.
Optimismus schien sogar berechtigt, da wir heute vernahmen, dass die Medizin schon wieder einen Schritt vorangekommen ist und schon wieder ein neues Organ entdeckt hat: das Zwischengewebe.
Wer nun glaubt, die Sau wieder zu erkennen, die da durchs mediale Dorf gejagt wird, dem kann geholfen werden, den vor etwas mehr als einem Jahr war es das Gekröse, das zum neu entdeckten Organ hochgejubelt wurde. Selbstverständlich haben wir hier darüber im Jänner 2017 berichtet: Neues Organ entdeckt, nein, nicht das Großhirn.

Das Vertrauen in die Segnungen der Medizin schien kurzfristig nahezu grenzenlos, bis uns heute die Nachrichten vom Horror-Tripper um die Augen flogen:

Antibiotikaresistenzen: England meldet weltweit ersten Horror-Tripper
Super-Tripper bei Brite diagnostiziert – warum Ärzte nun besorgt sind
Brite holt sich die «weltweit schlimmste Art» von Tripper 
In Grossbritannien war er in einer festen Beziehung, das war ihm aber nicht genug. Nun kommt einem Briten ein One-Night-Stand in Asien teuer zu stehen.

Wobei wir uns nicht darauf ausreden dürfen, wieder einmal nicht gewarnt worden zu sein.
Die Welt brachte uns schon vor mehr als einem halben Jahr die Warnung der WHO nahe:
Wer an der Krankheit leidet, hat häufig einen eitrigen Ausfluss aus Scheide, Penis oder Po. 
Weltweit infizieren sich jedes Jahr 78 Millionen Menschen neu
Auch der Standard kopierte eine APA Meldung: „Tripper“ immer schwerer zu behandeln

Kurz vor Weihnachten 2017 berichtete der Kurier schon atemlos:
In der Stadt Salzburg (!) könnte eine Prostituierte Dutzende Freier mit Gonorrhö (oder umgangssprachlich Tripper) angesteckt haben.
Natürlich eine Ausländerin!
Und noch am 1.3.2018 schlug das Spektrum der Wissenschaft Alarm:
Die Rückkehr der Plagen: Krätze, Scharlach, Syphilis und Tripper treten in letzter Zeit wieder häufiger auf. 

Was hilft uns da die Erkenntnis, dass  Viagra vielleicht Darmkrebs vorbeugt wenn wir vorher am Tripper abkratzen, denn wer nimmt Viagra ohne es auszunutzen?
Auch erleben wir nach einem one night stand in Asien womöglich gar nicht mehr den Durchbruch in der Parkinsontherapie, den uns Experten noch am 9.3.2018 für in zehn bis zwanzig Jahren versprechen.

Vermutlich hilft uns auch dann auch der in Nature Nanotechnology vorgestellte Tissue Nanotransfection (THT) Chip nicht mehr, der beschädigte Haut, Nerven, Organe und sogar das Gehirn heilen können soll. Und das, indem man ihn einfach nur für eine Sekunde auf die Haut legt wie wir in Galileo erfahren durften.

Sage noch einer, dass die medizinische Berichterstattung uns nicht auf eine Jubel-Grusel-Hochschaubahn versetzt. Der Krebs wird ja schon monatlich besiegt und dann rafft uns ein verdammtes Bakterium am Höhepunkt unserer Leistungsfähigkeit dahin …
Mich erinnert das alles an ein Gespräch, dass ich noch als Medizinstudent mit einem Schulfreund hatte. Ich klagte über das breite Interesse an Medizin und dass einen alle sofort irgendetwas Medizinisches fragen wollen, sobald sie erfahren haben, was man studiert. Er aber konterte mit einer sehr weisen Erkenntnis:
Die interessieren sich nicht für Medizin, sie lieben es über Krankheiten reden!

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Written by medicus58

29. März 2018 at 21:35

Eupnoe – Aponoe

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Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass Arztbriefe und Befunde inzwischen die übernächste Rechtschreibreform vorwegnehmen und so missverständlich wie die Horoskope der Gratis-Zeitungen sind. Ich kann mich noch gut erinnern, als Briefe noch von dafür eingeschulten Schreibkräften erstellt werden. Auch da kam es zu bedeutungsschweren Typos:
Statt Eupnoe (=normale Atmung) stand da in einem Entlassungsbrief ganz lapidar Apnoe (=Atemstillstand)
Auch damals riefen schon beunruhigte Patienten an, wenn in ihrem Lungenröntgen „ein Hinweis auf Metastasen“ gefunden wurden, nur weil jemand vergessen kat das k vor -ein zu tippen.
Kürzlich fand ich in einer englischsprachigen Internetseite folgende Fehlerlisten in Radiologiebefunden, die von einer Spracherkennung erstellt wurden:

Da freute sich der Sportfan auf die Super bowl of the right kidney obwohl nur der oberen Nierenpol (superior pole) beschrieben werden sollte und fragte sich, was den mit der National Football League los ist, als er in seinem Befund folgende kryptische Meldung fand: NFL until joins. Die Spracherkennung hat zuletzt offenbar in einem Sportstudio gearbeitet noch nie von Interphalangeal joints gehört. Noch anrüchiger wurde es, wenn man von einem offenbar von Blähungen gequälten Arzt (Gaseous doctor reflux) lesen musste, wenn es eigentlich um die Beschreibung eines Gastroesophageal reflux ging.
Wann den die Untersuchung stattgefunden hat, war auch nicht mehr zu erkennen, wenn dort von Success exam statt 6:06 AM zu lesen war.
Im urologischen Abschlussbericht Visit to me wirken, verschweigt aber die Art des gerade durchgeführten Eingriffs: Vasectomy, also die Durchtrennung des Samenleiters, d.h. eine Sterilisation.

Während die Hersteller (und Berater) von den enormen Ersparnissen ihrer EDV Produkte schwärmen, wissen Praktiker, dass die Lösungen noch weit von Alltagstauglichkeit sind.
Eine rezente Studie fand im Schnitt 1,3 Fehler pro Diktat und
klassifizierte 14,8% davon als schwerwiegend. !
15% aller Befunde enthielten sogar mehr als einen schwerwiegenden Fehler!

Das ficht die Anbieter nicht an und sie schwärmen weiter von den enormen Einsparungen. Leider sagen sie nicht, dass man zwar die Schreibkraft einspart, in Wirklichkeit aber den Arzt stärker belastet, der die Texte noch genauer selbst überprüfen (und ggf. selbst korrigieren) muss, wenn er sich seiner Verantwortung bewusst ist.

Written by medicus58

18. März 2018 at 21:16

Don’t Smoke, you hypocrites

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Die wissenschaftliche Evidenz, dass Rauchen ein Gesundheitsrisiko darstellt wird inzwischen nur mehr von den Dreistesten bezweifelt.
Seit mehr als einem Jahrzehnt ist es – zumindest wissenschaftlich – unbestritten, dass auch Passivrauchen ein Gesundheitsrisiko darstellt,
über dessen Höhe streitet nur mehr der Stammtisch je nach eigener Präferenz und Lebensstil.

Laut Statistik Austria (die letzten Zahlen sind aus 2014) raucht fast ein Viertel der österreichischen Bevölkerung (über dem 15. Lebensjahr) täglich, wobei es kaum einen Rückgang bei den Männern aber eine stete Zunahme bei Frauen zu bemerken ist. Zählt man die Gelegenheitsraucher und die Dunkelziffer dazu kann wohl angenommen werden, dass ein Drittel der Österreicher die anderen zwei Drittel anqualmt.

Die Faktenlage war auch schon vor 2001 ziemlich eindeutig, hat aber all die jetzt so gesundheitspolitisch Besorgten, Politiker wie Ärzte, relativ wenig aktiv werden lassen, solange die verstaatlichte Austria Tabak Gewinne abgeliefert hat und man ihr marode Betriebe wie den Schwechater Sportartikelhersteller (!) HTM anhängen konnte und Beppo Mauhart mit seinem Sponsorfüllhorn willens war. SP-Bundeskanzler Franz Vranitzky erklärte damals noch ganz offen die Austria Tabak zu „einem der wichtigsten Gewinnbringer für den Staat, weshalb eine Veräußerung eine ganz besondere Kapriole wäre“.
Auf Druck von EU-Vorgaben und den leeren Staatskassen wurde 1997 49,5 Prozent der Austria Tabak an der Wiener Börse verkauft und 2001 zu 100 % privatisiert und von der staatlichen ÖIAG an die britische Gallaher Group abgegeben. Zumindest damals verglich man den Deal mit dem BUWOG Skandal, heute ist das alles vergessen.

Seit – wie bei uns auch in vielen anderen europäischen Ländern – die Goldesel verkauft (vielleicht auch verschenkt) wurde, gebärden sich Politiker gerne als Schützer unserer Gesundheit, wenn es um Rauchverbote in der Gastronomie geht. 

Wäre dies aber so, dann hätte es unter SPÖVP bezüglich der Nichtraucherzonen in der Gastronomie nicht so ein Tauziehen gegeben!
Weshalb die FPÖ. angesichts aller anderen politischen Probleme dieses Landes, das Abendland am rauchumwehten Stammtisch retten möchte, muss sich unser Witzekanzler HC beantworten; mit Freiheit und Selbstbestimmung hat es aber sicher nichts zu tun, auch wenn uns „Kollegin“ Belakowitsch einzureden versucht.

Ärztekammer und Krebshilfe haben nun mit ihrer Don’t Smoke Abstimmung scheinbar eine Welle des Gesundheitsbewusstsein ausgelöst und aktuell standen über 270.000 Schlange, um rauchfreie Stammtische durchzusetzen. Erinnert sich noch wer, dass die Bewegung 2014 auf den am Lungenkrebs verstorbenen Kurt Kuch zurück geht, der aber selbst Kettenraucher war?

Gut so, nur halt auch irgendwie einseitig und jenseitig.

Nein, ich glaube nicht dass das alles NUR parteipolitisch motiviert ist, ich finde aber, dass all die Gesundheitsbewegten hier sehr einseitig agieren!

Sollen Sie der FPÖ eine Watsch’n geben, ist mir recht.
Machen wir die Gastronomie rauchfrei, als Nichtraucher habe ich kein Problem damit.

Tun wir aber bitte nicht so, dass wir hier besonderes Gesundheitsbewusstsein politisch durchsetzen!
Wäre dies aber so, dann hätte die Gesundheitspolitik schon längst die NOx-Diesel verboten, die nachweislich ihre behördliche Zulassung nur erschwindelt haben und im Normalbetrieb viel mehr Emissionen abgeben.  

Heute entscheidet ein deutsches Gericht über Dieselfahrverbote:
Wenn ein Dieselfahrverbot komme, hätten die Autobesitzer ein Recht darauf, bei den Herstellern Nachbesserung oder eine Rückgabe zu fordern

Bisher hat deutsche Politik jedoch der Autoindustrie die Mauer gemacht!
Gestern hat auch die Wiener SPÖ Gemeinderätin Sima einen bemerkenswerten Schluss gezogen, weshalb Wien keine Umweltzonen (=Fahrverbote für Diesel) einführt:  Gute Feinstaub- und Stickoxidwerte entziehen Umweltzonen die gesetzliche Grundlage: 2017 wurden die EU-Grenzwerte für Feinstaub an allen 13 Messstellen erneut klar unterschritten.

Und deshalb braucht man bei uns erst gar nicht auf den Betrug der Autoindustrie reagieren?
Und die Grünen halten still …

Also bitte, unterschreiben Sie das Volksbegehren oder nicht,
rauchen Sie oder besser nicht,
aber bezeichnen Sie das alles nicht als Gesundheitspolitik!

Wie immer geht es auch hier nur um Macht und Geld.

Hätten wir diese Diskussion geführt, solange die Austria Tabak noch im Staatseigentum gewesen ist, wäre sie wirklich politisch gewesen,
nämlich eine die aus Überzeugung auch gegen die eigenen finanziellen Interessen argumentiert.

Gesundheitspolitisch, aber auch im Sinne gelebten Konsumentenschutzes, wäre es vielleicht sinnvoller die durch Schummelsoftware erschwindelten behördliche Zulassungen aufzuheben und zu allfälligen Verwaltungsstrafen den Fahrzeugbesitzern die Möglichkeit von Schadensersatzforderungen zu ermöglichen.
Da schweigen die gesundheitspolitisch angeblich so Engagierten und richtet sich nach dem Willen der Lobbyisten:

Beifall spendet der ÖAMTC. Simas Absage an Diesel-Fahrverbote sei „ein guter Tag für 520.000 Autofahrer in Wien“.

Auch dass klammheimlich, so wie das Tabakmonopol, das Glückspielmonopol zuerst aufgeweicht, dann an politisch gut vernetzte einheimische Konzerne mit Sitz in NÖ verscherbelt wurde und jetzt überhaupt außer Landes verkauft wurde, hat eine gesundheitspolitische Seite, die niemand so aufregt, wie die Frage nach dem Rauch im Gastraum: der massive Anstieg von Spielsüchtigen.

Die Parallele zwischen Tschick und Chip sind doch offensichtlich. Beides sind ökonomisch und gesundheitspolitisch unerwünschte Verhaltensweisen, die aber offenbar nicht auszurotten sind. Aus diesem Grund machte es sehr viel Sinn durch entsprechende Monopole die Einnahmen direkt der Gesellschaft wieder zuzuführen, da sie ohnehin für die Kollateralschäden (Lungenkarzinome, Privatkonkurse) aufzukommen hat.

Das hat die neoliberale Deregulierungswut der letzten Jahrzehnte hinweggefegt.
Die Gewinne wurden privatisiert, die Kollateralschäden kollektiviert und fallweise dürfen sich Politiker an Nebenschauplätzen gesundheitspolitisch bewegt geben.

Vielleicht verstehen Sie nun, dass ich den Hype um Don’t smoke als Nichtraucher, Nicht-Dieselfahrer und Nicht-Spielsüchtiger, nicht nachvollziehen kann, falls Sie sich überraschenderweise gefragt haben. Und dass ich mir bessere Profilierungsfelder für unseren Kammerpräsidenten vorstellen könnte als das medienwirksame Recycling einer alten Kampagne aus 2014.

PS: Das Bild stammt übrigens von einem ganz anderen Beitrag: Feuer auf Papua Neuguinea 

Written by medicus58

22. Februar 2018 at 16:36

Rote Rüben mit Kren

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Damit Sie mich für einen alten Trottel halten dürfen:
Es gibt viele Dinge, die es zu meiner Jugend nicht gegeben hat, die aber heute völlig unhinterfragt akzeptiert werden.

Ich bezweifle, dass ein großer Teil des Publikums regelmäßig an der Börse spekuliert, jedoch werden wir seit mindestens zwei Jahrzehnten verlässlich von den Massenmedien mit all den Dow Joneses, Nikkeis und FTSEs versorgt.

Es gab noch Zeiten, in denen in öffentlich-rechtlichen Sendern die Produktionformationen nicht mit Spuren von Programmen verunreinigt wurden.

Und, wie absurd es Ihnen auch heute erscheinen mag, ich arbeitete schon im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, als es dort noch niemanden gab, der sich um Public relation bemühte. Das Neue AKH unter seinem Direktor Krepler benötigte selbstverständlich jede Menge externe und interne Mitarbeiter um sich entsprechend zu präsentieren.

Ich habe hier schon im September 2016 unter dem Titel Miniwahr KAV: Recht v.s. Propaganda und noch was anderes in dem Zusammenhang darüber berichtet, dass der Vorstandbereich Kommunikation im KAV mehr Mitarbeiter hat, als die Rechtsabteilung.
Kritik wird meistens entgegen gehalten, dass auch öffentliche Einrichtungen in einem Wettbewerb, um die Gunst des Steuerzahlers, um das Wohlwollen der Politik, … etc., stehen und daher an ihrer Außenwirkung arbeiten müssen. Allein im Rahmen meiner Managementausbildung hörte ich dazu zwei Stunden Frontalvortrag, übrigens von einem Ex-ORF Journalisten, der zufällig eine auf gerade diese Dienstleistung spezialisierte Firma gegründet hat.

An all das musste ich denken, als ich auf Twitter die oben abgebildete Zwitscherei von @wienkav sah:
Rote Rüben mit Kren
Halten Sie mich wirklich für einen alten Trottel, ich sehe die Aufgabe einer öffentliche Gesundheitseinrichtung nicht darin, sich mit pürierten Suppen bekannt oder beliebt zu machen, auch wenn sie farblich ansprechend sein mögen.
Auf Wienerisch bezeichnet man übrigens auch als Kren denjenigen, der die Rechnung übernehmen muss, jedoch wollen wir die Analogie nicht zu weit treiben.

Übrigens wenn Sie das Rezept vielleicht doch benötigen: http://www.wienkav.at/kav/ZeigeText.asp?ID=34676
Ich finde übrigens, dass ein säuerlicher Apfel den Geschmack verbessern würde ……

Written by medicus58

15. Januar 2018 at 21:23

Als ginge es um Gangbetten

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Der Boulevard kocht, Gangbetten jetzt auch schon auf einer Kinderchirurgie.
Pflichtschuldig erklärt uns der SPÖ Gesundheitssprecher Wagner natürlich wieder:
Die Versorgung der Wiener Kinder ist zu 100 Prozent sichergestellt

Verlässlich sieht das die Opposition wieder ganz anders:

NEOS Wien/Gara zu Gangbetten auf Kinderchirurgie: Unerträgliche Situation
VP-Korosec zu Gangbetten: Neuer Skandal erfordert endlich konkrete Lösungen
FP-Seidl: Kinder in Gangbetten ist endgültige Bankrotterklärung des KAV

Nein, es geht mit heute aber nicht um die Gangbetten, das haben wir hinter uns:
Gangbetten gibt’s net
Indische Betten: Die Betten am Ende des Ganges (Director’s Cut)
Rock ’n’ Roll in der Geriatrie; Warum Wien bald mehr neurochirurgische Gangbetten hat

Ich erzähle Ihnen eine andere, wahre Geschichte aus der Kinderheilkunde, die m.E. ein schlimmeres Problem zeigt, als eine Nacht am Gang:

Ein etwa 10-jähriges Mädchen klagt plötzlich über starke Bauchschmerzen, der Hausarzt schickt sie unter dem Verdacht auf „Blinddarm“ in ein Spital.
Niemand sagt dort Kind und Mutter was Genaues, außer, dass das kein Blinddarm wäre und transferiert die Patientin folgerichtig nach einem Ultraschall in eine Universitätsklinik.
Dort wird ein riesiger Tumor entfernt und die kleine Patientin nach dem Ziehen der Nähte entlassen. Man möge am kommenden Montag zur Befundbesprechung in die Ambulanz kommen.

Natürlich kann die Universitätsklinik nichts dafür, dass das 200 km An- und Abreise bedeutet, natürlich muss sich das zwischen zwei Universitätskliniken liegende Bundesland nicht eine eigene auf kinderonkologische Probleme spezialisierte Einrichtung leisten, aber erzählen wir weiter.

Der Ambulanzbesuch verlief frustran.
Zur Begrüßung erfahren die Eltern, dass der Befund (nach einer Woche) nicht da wäre, danach lange Wartezeit, weitere Unklarheit, eine nicht gerade beruhigende Erwähnung, dass man damit auf der Chirurgie ohnehin nicht befasst sein wird und man sich darauf einrichten muss, an ein kinderonkologisches Zentrum zu gehen. Man möge in einigen Tagen wieder anrufen ob der Befund fertig wäre, aber man wird am Telefon ohnehin nichts sagen dürfen.

Die Eltern rufen vereinbarungsgemäß an, erfahren aber nur, dass das „nichts Gutartiges“ war und das Kind morgen in einem kinderonkologischen Zentrum aufgenommen wird, man hätte alles schon ausgemacht.

Erneute Anreise, die Aufnahme/Entlassung  weiß von nichts und schickt die Familie in die ambulante Anmeldung, von dort in die Ambulanz, von dort in die Aufnahme/Entlassung, die nun doch weiß, dass ein Bett reserviert ist.

Aufnahme von Mutter und Kind auf einer Station, Warten, Befunde liegen nicht vor. Alle sind freundlich, können aber noch nichts sagen.
Am nächsten Tag weitere Untersuchungen, Aufklärung über die Chemotherapie, dann plötzlich die Entlassung und Neuaufnahme zu Beginn der nächsten Woche, man müsse noch Laborbefunde abwarten.

Erneute Anreise, erneute Aufnahme, dann die Entscheidung, keine Chemo nur engmaschige Kontrolle und erneute Entlassung.

Für Außenstehende wäre es leicht, alle Beteiligte als einfach unfähig zu bezeichnen.
Als Insider weiß man wie das alles zustande kommt, man nennt es Schnittstellenproblematik.
Der Laie würde vielleicht sagen, die Rechte weiß nicht was die Linke tut, und hat damit einen Teil des Problems benannt.

Das Bemerkenswerte scheint mir, soweit ich den Fall fachlich beurteilen kann, dass alle Beteiligten durchaus immer das Richtige entschieden haben.
Es mag aber hinterfragt werden, ob die Verunsicherung, die unnötigen Kilometer, die unser Gesundheitssystem den Betroffenen aufbürdet, wirklich unumgänglich sind.
Ich bezweifle das, sehe aber täglich vergleichbare Fälle, so dass es sich um keine Einzelfälle handelt, so wie es immer Gangbetten bei Belastungsspitzen geben wird, außer man lebt mit einer durchschnittlichen Auslastung von nicht viel mehr als 50%!
Weshalb zeigen wir aber so eine klägliche Performance, obwohl ohnehin fast alle in diesem System schon „am letzten Loch pfeifen„?
Weil wir am letzten Loch pfeifen!
Weil niemand mehr Zeit hat zuerst mit den anderen Disziplinen zu sprechen und erst dann zum Patienten mit einer Stimme zu sprechen.

Um eine aktuelle Werbekampagne eines kinderonkologischen Zentrums zu paraphrasieren:
Vielleicht fürchtet sich der Krebs vor den Patienten, was ich übrigens für eine geschmacklos falsche Parole halte,
das Gesundheitssystem ist so gestresst, dass sich inzwischen die Patienten vor dem System fürchten:

 

 

Krippe statt Krankem Kreissaal?

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In wenigen Tagen feiern viele von uns die Geburt des Christkinds.

Andererseits wurde Plazentophagie, also das Essen der eigenen Plazenta, vielen „alternativ denkenden“ Müttern populär.
Ob dafür die Dauerberieselung mit Tierdokumentationen verantwortlich ist oder ob der auf alternativmedizinischen Seiten gepriesene hohe Eisengehalt des Mutterkuchens dafür ausschlaggebend ist muss vorerst unbeantwortet bleiben.
Das Problem scheint allerdings schon so drängend, dass es sogar schon einer wissenschaftlichen Bearbeitung zugeführt wurde.
Gryder, LK et al. Effects of Human Maternal Placentophagy on Maternal Postpartum Iron Status: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Pilot Study. Journal of Midwifery and Women’s Health
McCabe, F. UNLV Study Finds No Iron Benefit from Eating Placenta.

Um in Ihrem Kopfkino nicht blutverschmierte Muttermünder aufkommen zu lassen sei gleich gesagt, dass die Plazenta-Ergänzungsmittel in Kapselform eingenommen wurden.

10 Frauen nahmen über drei Wochen die Plazenta-Kapseln zu sich während 13 Frauen eine Placebo-Pille schluckten, die dehydriertes Rindfleisch enthielt.
Bluttests wurden knapp vor und kurz nach der Geburt gemacht sowie etwa eine und drei Wochen postpartal und zeigten keine signifikanten Unterschiede des Eisenstatus.

Und wenn Sie nun glauben, dass dieser Wahnsinn nur in Trumps Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten stattfindet, kann ich Ihnen diesen 2017 bei uns erschienene Artikel nicht ersparen:
Die Plazenta kann roh, gegart, gekocht oder geröstet gegessen werden, in Form von Kapseln, Smoothies, Tinkturen oder als „Fleischersatz“ in konventionellen Gerichten verzehrt werden. Die am häufigsten verwendete
Einnahmeform scheinen Plazentakapseln zu sein, wobei diese aus gegarter oder roher Plazenta gewonnen werden können. Zahlreiche Anbieter werben vor allem online um die Weiterverarbeitung der eigenen Plazenta zum Verzehr.
Es gibt Tutorials und Kochrezepte, welche meist esoterisch geprägt sind.

So, und nun wenden Sie sich wieder der Weihnachtslegende zu und verlassen unsere Rubrik: Psychopathologie der Medizin

 

Written by medicus58

19. Dezember 2017 at 18:31

Lesen Sie das nicht: Enttäuschung oder keine Empfehlung

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Lesen Sie diesen Beitrag nicht, empören Sie sich lieber über den Wahlkampf oder die Ärztekammer.
Dieser Text ist ein rein persönlicher (Eminence based) und kann Ihnen wirklich völlig am Pürzel vorbeischrammen.

In der Oberstufe der Mittelschule, ja so nannte man die Gymnasien vor unzähligen Schulreformen, las ich irgendwann auch einmal, in einem Anfall bildungsbürgerlichen Nachholwahns Thomas Manns Buddenbrocks.
Zu meiner Entschuldigung sei erwähnt, dass der Band bei uns herumstand und schließlich mit einem Literaturnobelpreis geadelt wurde. (Einige im Komitee legten schon damals Wert auf die Feststellung, dass der Preis explizit nicht für Manns später erschienene  Zauberberg vergeben wurde.)
Soweit ich mich an meine Gedanken während der Lektüre erinnern kann, hätte es vermutlich auch genügt, sich der Verfilmung aus 1959 auszusetzen und
im Gegensatz zu John Galswortys Forsyte Saga ließen mich die geschilderten Charaktere und Vorgänge bei Mann ziemlich kalt.

Soweit, so gut.

Nicht lange danach, als ich bereits den verhängnisvollen Entschluss eines Medizinstudiums in die Tat umsetzte, legte mir ein Schulfreund Thomas Manns Zauberberg nahe.
Soweit ich mich entsinne, war er ziemlich begeistert davon und argumentierte in der Art, dass man das als angehender Arzt gelesen haben muss.

Nun gut, lassen Sie mich in Parenthese voranstellen, dass ich schon vorher der Überzeugung war, dass man gar nix … haben muss.
Jetzt abgesehen von den Dingen in meinem Herrgottswinkerl hier …
weder als Arzt noch in sonst einer Rolle.

Denke ich an die heutigen Diskussionen über Anstellung von Ärzten bei Ärzten, wäre – ungeachtet seiner hinterfragbaren sprachlichen Qualität – Archibal Chronins Zitadelle allemal empfehlenswerter als Noah Gordons Der Medicus.
Aber natürlich fällt es mir schwer zu verstehen, weshalb wenige Berufskollegen sich so lange nicht in Kafkas Landarzt wiedergefunden haben:
„Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“

Egal, was wir aus der Kunst für unser Leben schöpfen ist sehr individuell, also hören Sie auf keine Empfehlungen, nicht einmal auf meine, so sehr Sie das bereuen werden.

Da ich aber ein ganzes Leben lang den literarischen Geschmack meines damaligen Mitschülers schätzte, lag seine Empfehlung bleischwer auf meiner Seele und ich kam ihr – wenn auch nach Jahrzehnten – schließlich nach.
Ich las Thomas Manns Zauberberg.

Das vollmundige Versprechen in der Wikipedia:
Während seines siebenjährigen Aufenthalts in der abgeschlossenen Welt eines Sanatoriums im Hochgebirge trifft der junge Hans Castorp auf weltentrückte Figuren, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren.
schien das Machwerk schließlich auf das Bücherbrett der Jahrhundertromane zu hieven, von denen ich mich in den Jahrzehnten seit meiner Schulzeit mit sehr unterschiedlichem Behagen doch einige ins Hirn gelesen habe:
(hier eine Auswahl in absteigender Reihenfolge des persönlichen Gewinns)
Kafkas Romantrilogie: Amerika-Prozess-Schloß
Prousts Suche nach der verlorenen Zeit
Camus Fremder
Heinrich Manns Untertan
Heinrich Manns Professor Unrat
Adams Per Anhalter durch die Galaxy
Döblins Alexanderplatz
Orwells 1984
Feuchtwangers Erfolg
Huxleys Schöne neue Welt
Kunderas Unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Joyces Ulysses
Canettis Blendung
Fitzgeralds Großer Gatsby
Musils Mann ohne Eigenschaften

Ich habe aber noch selten einen solchen Schwachsinn gelesen, wie Thomas Manns Zauberberg!

Sprachlich in manchen Passagen noch meilenweit unter meinen hier zu flüchtig ins Handy getippten Texten:

Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige und asthenische Erscheinung gewesen, den Photografien nach zu urteilen,
die überall in des Hofrats Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge, die von einer eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den Wänden hingen.


Medizinisch schaumgeschlagenes Lexikonwissen
, das selbst ein Karl May besser hingekriegt hätte.
Überhebliches, pseudophilosophisches Gebrabbel und klischeehafte Personenzeichnung.
Das angeblich zentrales Kapitel (Schnee), unwahrscheinlich in seiner Handlung, widersprüchlicher Schrott in seinem Inhalt:
Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, und das tat denn Hans Castorp, großzügig, sozusagen in der Luftlinie, fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt hatten.
Zeilen 16-24 GKFA

Was meines Erachtens aber schwerer wiegt, ist die verschenkte Chance, einen wirklich guten Roman über die irrwitzige Welt einer Lungenheilstätte zu verfassen.
Was Mann hier aus eigenen und den Erfahrungen seiner Frau in einem Davoser Kurbetrieb als „eine Art von humoristischem, auch groteskem Gegenstück zu seinem Tod in Venedig“ machte und was Jahrzehnte als Bildungsroman verehrt wurde, ist reine Unbildung.
Was sich für ein Panorama der mit dem ersten Weltkrieg untergegangenen bürgerlichen Gesellschaft hält ist gegen vergleichbare Werke platte Karikatur.
Statt Kritik an der gewinnorientierten Kurmedizin mit all ihrem Brimborium (Röntgenröhren und Tiefenpsychologie waren damals grad der heißeste Scheiß) scheint sich Mann da an seinem Ärger über einzelnen Personen abzuarbeiten,
nicht zuletzt an dem Arzt, der seine Frau Katia Mann – wie man heute weiß unnötigerweise – gegen Tuberkulöse behandelt hat.

Glauben Sie einem ehemaligen Kurarzt, aus dem Thema hätte sich so mehr machen lassen als diese über 1000 Seiten!
Lassen Sie Mann und lesen Sie lieber House of God, wenn Sie eine treffende Satire über den Irrwitz in der Medizin lesen wollen oder bleiben Sie bei einigen der oben genannten Bücher, wenn Sie etwas über die Gesellschaft um die vorletzte Jahrhundertwende lesen wollen.

 

Written by medicus58

5. Oktober 2017 at 19:47

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