Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for September 2021

Die Impfung wirkt, nervt

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Die Regierung verzichtete im Sommer auf Impfaufrufe, um jetzt über alle Kanäle ein Dauerfeuer abzuschießen:

Die Impfung wirkt

also ob sich da irgendwas im Wissenstand während der letzten Monaten geändert hätte.

Ja, auch ich kenne das Mantra der Propaganda, dass Wiederholung notwendig ist, um auch den letzten Zweifler zu überreden, nur funktioniert das bei klaren Botschaften und weniger gut, wenn man früher Kommunikationsfehler gemacht hat, um das Wort Notlügen zu vermeiden.

Ja, die beiden mRNA Impfstoffe haben sich (mit unterschiedlicher Dosierung der Wirkstoffe) als  viel wirksamer erwiesen, als man zu hoffen wagte. Trotz aller Nebeneffekte ein wissenschaftlicher Durchbruch, meinetwegen ein Gamechanger aber für sich genommen nicht das Ende der Pandemie.

Da man aber zu Beginn des Jahres gegen jede Evidenz der Bevölkerung einreden wollte, dass Astra-Zeneca und einmal Johnson&Johnson genauso wirksam wären und nur ganz wenige kleinlaut die richtige Message verbreiteten (in der Phase war jede Impfung besser als keine), liefen wir in die jetzigen Widersprüche:

Astrazeneca wollte (getrieben vom Marketing oder der Überzeugung einen sehr wirksamen Stoff zu haben) ursprünglich wie Johnson&Johnson einen single-shot Impfstoff entwickeln, hat aber angesichts der geringeren Wirkung im Vergleich zu den mRNA Stoffen (wohl auch durch das Pech in Regionen mit ersten Varianten getestet zu haben aggraviert) erst im Sommer auf eine Zweitimpfung gesetzt ohne einen zweiten Transfervirus zu haben (die Sputniks haben das bedacht! Wie gut aber dieser Impfstoff wirkt ist weniger gut dokumentiert).

Dem medizinisch Unbedarftesten fällt aber wohl auf, dass die Beteuerungen des Frühjahrs, alle Impfungen wären gleichermaßen wirksam, hinterfragbar sind und waren, wenn jetzt AstraZeneca mit mRNA geboostert wird und der single shot Johnson&Johnson (der gerade in der jetzt hauptbetroffenen Gruppe der Jüngeren verimpft wurde, doch plötzlich eine zweite Impfung benötigt, da sich die Impfdurchbrüche häufen.

Ob die zwischenzeitliche Atempause in der Impfkampagne durch die Wahlen, die Geldforderungen des Hauptpartners Rotes Kreuz bedingt waren ist einerlei, Herr Fotik hat wie ein nordkoreanischer Despot sich durch den medienwirksamen Drohnenstart zwischenzeitlich ohnehin Airtime verschafft.

Fakt bleibt, dass das jetzige mediale Trommelfeuer (Impfung wirkt, Ungeimpfte blockieren Intensiv) nervt und aus den genannten Gründen die Ressentiments, die Spaltung und den Ärger großer Teile der Bevölkerung steigert, und genau das kann diese Gesellschaft nicht brauchen, wenn wir, mit welcher Durchimpfungs- oder Durchseuchungsrate auch immer langsam wieder in die Normalität kommen willen, um all unsere anderen Probleme anzugehen.

Written by medicus58

30. September 2021 at 08:33

Wien gurgelt, aber wozu?

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Nicht alles was klug klingt ist gescheit, oder konkreter in medizinisch diagnostischen Termini:

Der sicherste Test bringt im Nachhinein nur dem Pathologen was.

Im verständlichen Versuch auf die Delta-Variante zu reagieren, stanzt die Politik die schnellen aber weniger sensitiven Antigentests und kauft sich in das logistisch beeindruckende PCR-Projekt eines privaten Anbieters ein. Es mag spekuliert werden, ob die verpflichtende Ausweitung auf Schulen und Krankenanstalten nicht auch auf die unausgenutzten Kontingente zurück zu führen ist, die die Stadt Wien dem Privatlabor zugesagt hat, aber auf den ersten Blick schien, außer finanzielle Überlegungen, nichts gegen die flächendeckende Nutzung eines hoch sensitiven und spezifischen Tests zu sprechen, außer die eigene Erfahrung.

Wie alle geimpften Mitarbeiter des Wiener Gesundheitsverbundes bin ich verpflichtet einmal pro Woche zu gurgeln. Einiges Getippe, Handy-Registrierung, Mail-Bestätigung und QR-Ausdrucken am Vorabend und ich bin registriert:

6:20 Tag 1: ich steh etwas früher auf, denn der Gurgeltest sollte daheim vor dem Zähneputzen erfolgen, und gurgle, spucke und verschließe mein Sackerl.

8:10 Tag 1: ich werfe im Krankenhaus mein Sackerl in einen der schon rammelvollen Sammelbehälter, die um 9:00 geleert werden

Tag 1: keine weiteren Vorkommnisse

12:10 Tag 2: eine SMS schickt mir einen PIN Code für mein Testergebnis und verweist auf eine weitere SMS für den Link, wo ich das Testergebnis abrufen könnte

13:35 Tag 2: der Link kommt über 30h nach meinem Gurgeln

Auf dem (negativen) Testergebnis steht aber Abnahmezeit (Sampling time) 12:48, was bestenfalls den Zeitpunkt des Eintreffens der Probe, nicht aber den wahren Abnahmezeitpunkt reflektiert. Klar, den weiß die Firma ja trotz viel Registrierung nicht.

Der Fehler von ca 6h wäre prinzipiell negierbar, aber da mit großem medialen Aufwand die „Gültigkeit des PCR“ um 24h gesenkt wurde, macht das doch einen Fehler von 25% aus!

Jedenfall habe ich nun noch für 18h einen gültigen Test, die ich überwiegend nicht an meinem Arbeitsplatz verbringen werde.

Wäre ich nun positiv getestet worden, hätte ich gewusst, welche Patienten ich in den letzten beiden Arbeitstagen möglicherweise angesteckt habe, aber hätte mich der erste Patient nach dem Gurgeln angesteckt, wäre auch die jetzige Sicherheit hinterfragbar. Überdies hat inzwischen schon der Rechnungshof begriffen, dass das Contactracing angesichts der hohen Fallzahlen auch wenig brachte.

Fassen wir also zusammen, in Zeiten des Deltavirus, dessen Inkubationszeit nur mehr 4 Tage dauert (Link) und es kaum asymptomatische Träger gibt dauert es 1,5 Tage bis ein Ergebnis vorliegt. Nächste Woche wiederholt sich das Procedere.

Dass irgendeine Reaktion von der Politik verlangt wird, wenn die Zahlen steigen, ist verständlich. Kann mir aber irgendwer erklären, dass der Aufwand von Wien gurgelt vielmehr als ein sehr teures Placebo darstellt?

Written by medicus58

23. September 2021 at 20:11

Das Geschrei gegen Covidioten kompensiert nur die eigene Hilflosigkeit

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Nasennudisten im Vormarsch

Nach über eineinhalb Jahren Pandmie, zahllosen Verordnungen, Pressekonferenzen, Expertenterviews  und Sondersendungen in allen Medien wird der Ton rauher gegen jegliches Abweichen von der eigenen Meinung. Und da ist es unabhängig, ob die eigene Meinung unter dem Aluhut oder in geheimnisvollen Rechenoperationen entstand.

Dabei ist es als Folge einer Kakophonie von Falsch- und Richtigmeldungen, politischem Kleingeldwechsel und widersprüchlichen Werbekampagnen zu einer verfestigten Mischung von Fakten, deren Interpretation und der eigenen Agenda gekommen, die nur mehr zum Anstieg der Lautstärke und nicht mehr der Evidenz führt.

Lenin, Taliban und die Päpste haben gesiegt, die Aufklärung macht Pause und die Religion wurde nicht nur am Hindukusch wieder zur Richtschnur.

Schuldzuweisungen entsolidarisieren, Schauprozesse und Scheiterhaufen verhelfen dem Recht zu seinem Durchbruch. Gesundheit wird wieder Pflicht, Zuwiderhandeln versündigt sich am scheinbar so gesunden Volkskörper.

Eineinhalb Jahre nach dem Beginn dieser Pandemie in Europa und hundert Jahre nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts in dem große Teile der Welt Konflikte in Kriegen und in Diktaturen ausgetragen haben, sind wir zwar naturwissenschaftlich viel besser (PCR-Teste und die Entwicklung funktionierender Impfungen gegen SarsCov2 war ein Meilenstein) geisteswissenschaftlich und sozial aber zurückgefallen.

Jetzt scheint mit scheinbar rationalen Argumenten (selbst Schuld, Eigenverantwortung) eine der letzten Bastionen im Gesundheitswesen sturmreif zu sein, die Entkoppelung der Behandlung von allfälliger Schuld.

Je lauter das Geschrei gegen Impfverweigerer wird, je mehr nach Selbstbehalten, Überholspur für Geimpfte wird, je mehr manche ihre Handtücher schon mal vorsorglich auf die Intensivbetten legen, um sie für sich zu reservieren, je lauter dies von angeblichen Qualitätsmedien verstärkt und unter den Deckmantel von Gerechtigkeit gefordert wird, desto klarer wird, dass wir als Gesellschaft diese Bewährungsprobe vergeigt haben.

Written by medicus58

14. September 2021 at 08:06

Solidarität in der Pandemie wird pandemisch

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Propaganda scbaffte es stets prinzipiell positive Begriffe so zu funktionalisieren, dass sie sich ins Gegenteil verkehren.

Wenn nun allenthalben zur Solidarität in der Pandemiebekämpfung aufgerufen wird, dann ist dem ja prinzipiell zuzustimmen, wenn das von denen kommt, die sich bidlang vordringlich um die eigenen Schäfchen kümmerten, wird es ärgerlich.

Wenn, trotz gegenteiliger Evidenz, die vierte Welle allein den Ungeimpften in die Schuhe geschoben wird, dann schrammt das schon nahe an die Vorhersagen vieler Verschwörungstheoretiker heran.

Wenn jetzt die Intensivbettenkapazität als Parameter herangezogen, widerspricht das nicht nur rezenten internen Prognosen, die in der Deltawelle die Kapazität der offenen Covid-Stationen als prozesskritisch erkannt haben wollen, es negiert völlig, dass die bestehenden strukturelle Kapazität im Gesundheitssysten nicht mehr abrufbar ist, weil inzwischen das Personal gekündigt hat. Soviel zum Gerate, weshalb bei relativ noch niedriger Intensivbelegung und langsamerem Anstieg im Vergleich zu 2020 in Wien große Sorgen bestehen.

Wenn jetzt plötzlich die Eigenverantwortung groß geschrieben wird und Ungeimpfte, Adipöse, Hypertoniker, Diabetiker,… ja irgendwie durch ihren Lebensstil selbst für die Krankheit verantwortlich wären, hätte ich mir diese Argumentation auch bei den Liftbetreibern gewünscht, die während der Hochzeit der dritten Welle im Privatjet in Südafrika zum Golfurlaub waren.

Das alles erinnert an den klassischen Schmäh von Bronner/Qualtingers Travnicek Sketch, der die Solidarität des Krankenkassensystems so beschrieben haben.

B: Ja, aber in der Not (im Krankeitsfall) wird ja auch was geleistet

Q: Ja, Beiträge

Wenn man seit Jahren als Arzt im öffentlichen Gesundheitssystem immer beschuldigt wurde zu teuer zu sein, korrupt zu sein, auf schwere Ausstattungsmängel nur hinzuweisen, weil man wieder teures Spielzeug möchte, Personal reduziert wurde und gleichzeitig Mehrleistungen von einem immer stärker wachsenden Verwaltungsbeteich verlangt und fachliche Einwände von Schreibtischtätern vom Tisch gewischt wurden, dann fühlt man sich durch die jetzigen Aufrufe zur Solidarität vermutlich genau so verarscht, wie das P. T. Publikum, das seit Jahren mit Messagecontrol statt Information auf Augenhöhe verhöhnt wird. (positive Tests statt Krankheitsrisiko, Impfkampagne ohne ausreichende Impfungen, nationale Gremien, die sich nach Stunden einigen, auf internationale Empfehlungen zu warten,…)

Wie in jeder Krise sterben auch jetzt nicht nur Menschen sondern noch viel mehr Ideale.

PS: das Bild zeigt übrigens den „Erhaltungszustand“ der Dienstbekleidung im Krankenanstaltenverbund

Written by medicus58

10. September 2021 at 08:30

Kann man alles mit dem Holocaust vergkeichen? Nein. Soll man es?

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Die Anzahl der gemeldeten antisemitischen Vorfälle hat sich im ersten Halbjahr verdoppelt. Gründe wären Israel und Covid. NR Präsident Sobotka verspricht den Kampf gegen Antisemitismus weiter zu führen, ob mit christlichen Gebeten wie zuletzt oder andersrum hat er uns nicht verraten.

Nach den absehbaren Wortmeldungen der Bestürzung und dem Verweis auf den importierten, sprich islamistischen Antisemitismus, kam das nächste Aufregerthema.

Wer nun glaubt, dass das eigenartige Junktim zwischen Antisemitismus und Judenhass ein österreichisches Phänomen wäre, möge die deutsche Medienlandschaft durchforschen. Dort titelte auch n-tv schon: Corona gibt Antisemitismus Auftrieb

Vergessen ist die jahrhundertelange katholische Tradition des Antisemitismus, der kapitale Bauchfleck in der israelischen Innenpolitik, der ein milliardenschweres Impfprogramm vor den Wahlen als Wahlzuckerl für den völligen Verzicht auf alle weiteren Hygienamaßnahmen nun mit einem gewaltigen Rückschlag in der Pandemiebekämpfung bezahlt. Aluhutträger sind Antisemiten sind Coronaleugner und alles andere ist primär.

Vergessen ist übrigens auch das jahrzehntelange Dogma, dass man nichts und rein garnichts mit dem Holocaust vergleichen durfte. Wenn es passt, dann immunisieren wir uns gegen Kritik mit allem was grad geht.

Vermutlich soll man alles mit allem vergleichen, nur um diskursiv zu klären ob das Sinn macht oder reine Propaganda ist. Nur sollte man sich klar sein, dass ein derartiges Vorgehen sich in wenig von den krausen Kausalketten unterscheidet, die die Twin Towers mit dem Irak, den Irak mit Afghanistan, Al-Qaida mit Afghanistan und Nationbuilding mit Blackwater und Chemtrails verbindet.

Anything goes, but not anything can be taken back.

Written by medicus58

3. September 2021 at 13:15

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