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Endlich das Dritte Geschlecht, aber da geht noch mehr …

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Mit politischer Erleichterung wird über den deutschen Entschluss berichtet, die Dichotomie des Geschlechts, also entweder „Mandl“ oder „Weibl“, zugunsten einer dritten Variante aufzugeben. Auch in Österreich beeilten sich SPÖ und NEOS Ähnliches für unser Land der TöchterSöhne zu fordern. Die FPÖ ist, fast möchte man sagen natürlich, dagegen.

Es wäre billig über das Problem nur ein paar billige Witzchen zu reißen. Was mich aber antrieb diesen Eintrag zu verfassen, ist mein Ärger über die boulevardeske Fortschrittlichkeit, mit der die Politik reagierte, als ob ihr das Problem zuerst aufgefallen wäre und die jetzige Lösung schon den Stein der WeisInnen darstellen würde „Setzen wir jetzt ein klares Zeichen„.
(Vergleiche das elektronische Gendering, über das ich hier 2014 berichtete: Meine Dienstgeberin gendert: KarteireiterInnen.

Ich postuliere einmal, und rechne mit erboster Ablehnung, dass wir die Welt eben nicht mit Binnen-I-s ändern können und die persönliche Notsituation Betroffener nicht durch eine Passänderung aus der Welt geschafft ist.

Mich befällt auch angesichts der postwendenden Ablehnung auf unzensuriert.at vielmehr der Verdacht, dass die Sache, so wie viele andere in erster Linie der billigen Profilierung dient, um sich von der Gegenseite abzusetzen, ohne dass es viel kostet. Jedenfalls wäre es politisch viel mutiger, endlich die steuerrechtlichen Schlupflöcher zu schließen (Paradise Papers), die uns alle viel Geld kosten:
Wie Österreich im Kampf gegen Steueroasen bremst

Ich bezweifle auch, dass den sich jetzt lautstark profilierenden PolitikerInnen klar ist, dass das Problem schon längst in der Medizinischen Informatik bekannt ist und dort weitaus differenzierter angegangen wird als mit dem jetzt bejubelten Vorschlag.

HL7, ein internationaler Standard  für den Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen und deren Computersystemen kennt schon 4 Fälle:

weiblich/männlich/anderes/unbekannt

im ASTM sind es schon 9:

männlich/weiblich/unbekanntes Geschlecht/männlicher Pseudohermaphrodit/weiblicher Pseudohermaphrodit/Hermaphrodit/männlich geändert zu weiblich (transsexuell)/weiblich geändert zu männlich (transsexuell)/zweideutiges Geschlecht, nicht zuordenbar

und die UBIF braucht 14 Fälle um andere Einteilungscodes zueinander in Beziehung zu setzen.

Wobei es hier nicht darum geht, sich von den dumpfen Ewig Gestrigen abzusetzen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennnen und dumpfen Vorurteilen nach hängen, hier geht es um wirklich medizinische Probleme, um u.a. Normalwerte (z.B. Blutwerte) richtig zuordnen zu können, auch wenn es zu einer äußerlichen Veränderung des Geschlechts gekommen ist.

 

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Written by medicus58

11. November 2017 at 21:17

Früher war unser Image im A …., heute sind wir schon weiter

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Im Jänner 2013 verwendete ich diese Fotomontage erstmals und stellte fest, dass das Image von uns Ärzte im Arsch wäre.
Ich bezweifle, dass sich das bis heute gebessert hätte.
Zu glauben, dass das nur an der fragwürdigen Rolle unserer Ärztekammer liegt, griffe zu kurz, denn nicht nur bei uns sondern in politisch und ökonomisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Gesellschaften, fühlen sich Ärzte zu Recht oder zu Unrecht schlecht behandelt, protestieren und streiken:

Polen:
Hungerstreik: Polnische Ärzte fordern bessere Arbeitsbedingungen – derstandard.at/2000066230339/Hungerstreik-Polnische-Aerzte-fordern-bessere-Arbeitsbedingungen

Schweiz:
Krankenkassen attackieren Ärzte und Spitäler

Tschechien:
Ärzte-Streik: Apotheker solidarisieren sich

Griechenland:
Protest im Gesundheitswesen: Griechische Ärzten und Krankenhauspersonal streiken

Deutschland:
1000-facher Protest gegen Ärztemangel


Australien:
SA public doctors to strike over pay and conditions after talks with Government stall

Nepal:
Government calls on doctors to stop protests, resume services

Indien:
Doctors outraged over theme of Md Ali Park pandal, hold protests

Dominikanische Republik:
Dominican Republic Doctors Go on 48-Hour Strike

Es geht eigentlich immer um die gleichen Problemkreise: Arbeitsbedingungen, Bezahlungen, fehlender Nachwuchs.
Natürlich könnte man das alles einfach dadurch erklären, dass wir alle halt unersättliche Faulpelze sind,
die eben immer mehr verdienen und immer weniger arbeiten wollen.
Auch das von Ärzten aufgezeigte Nachwuchsproblem wischen Experten bei uns gerne mit dem Verweis auf die im OECD Schnitt hohe Ärztezahl pro Einwohner weg. Auch der ungebrochenen Zustrom zum Medizinstudium, immer neue Ausbildungsstandorte und die Bereitschaft sich das Studium an den allen Enden auftauchenden Privatuniversitäten Unsummen kosten zu lassen scheint die Argumente der Ärzteschaft zu entkräften.

Also wie erklärt sich denn diese offenkundig weltweite Proteststimmung unter den Ärzten und Pflegeberufen?

Ich denke die Antwort ist einfach:

Ein solidarisches Gesundheitssystem ist für alle Gesellschaften – in Relation zu ihrer jeweiligen Wertschöpfung teuer.
Die Kosten wachsen, weil das Gesundheitssystem in hohem Ausmaß personalintensiv und Innovations-getrieben ist;

Dass Personal teuer ist, ist eigentlich kein spezifisches Problem des Gesundheitssystem sondern ein Problem, dass die Einkünfte unserer Staaten überwiegend auf der Besteuerung der menschlichen Arbeit und nicht ausreichend auf einer Gewinnbesteuerung beruhen. Das Spezifische im Gesundheitssystem, im Gegensatz zur z.B. Fertigungsindustrie, ist jedoch, dass wir „unsere Werkstücke nicht auf eine ostasiatische Werkbank schicken“ können wo die Lohnkosten geringer sind und die Erlöse hier lukrieren, auch wenn das vereinzelt angedacht wird (Best Exotic Marigold Hotel).

Dass die Gewinnerwartung ganze Industriezweige (Pharma, Labordiagnostik, Hardware) an Innovationen für das  Gesundheitssystem gehängt wird, verwundert auch kaum, denn naturgemäß sind Menschen bereit tiefer in die Tasche zu greifen, wenn ihnen Wohlbefinden und Lebensverlängerung winken.

Also alles irgendwie eine scheinbare Erfolgsstory bei der man sich doch nur noch frägt, warum nicht alle glücklich sind:
Die im Gesundheitssystem Arbeitenden und die von seinen Leistungen Profitierenden.

Paradoxer Weise liegt die Ursache in unserem von der Politik verwalteten solidarischen Gesundheitssystem.

Um das amerikanische Gesundheitssystem mit seinem großen privatwirtschaftlichen Anteil war es gerade deshalb lange Zeit sehr ruhig, weil die aktuell nicht Betroffenen, die Gesunden und Nicht-Pflegebedürftigen keine vitalen Interessen in diesem Spiel und die Kranken und Pflegebedürftigen akut andere Sorgen hatten.
S
prich: die meisten Patienten zahlen sich die Leistungen selbst; erst ab 65 griff Medicare, eine Basisversorgung für die Ärmsten bot Medicaid, der Rest fühlte sich unbeteiligt und zumindest Ärzte und Industrie verdienten gut daran.
Erst die Versuche unter Clinton und Obama dieses System in Richtung eines solidarischen Gesundheitssystems für alle zu entwickeln und die aktuellen Versuche unter Trump das Erreichte wieder rückzubauen, wirbelten plötzlich mehr politischen Staub auf, als die zahllosen, unterversorgten Bürger. 
Wohlfahrtsstaat gewohnte Europäer verstehen oft nicht, weshalb sich in den USA so viele Wähler so leicht gegen ein solidarisches Gesundheitssystem instrumentalisieren lassen. Wenn sich aber der Verlust an innergesellschaftlicher Solidarität auch bei uns fest frisst, wird auch hier ein Auseinanderklaffen zwischen Zahlern und Begünstigten zum politischen Thema, so wie wir das aktuell in der Frage der Asylwerber sehen. 

Ja, aber was hat das nun alles mit dem Sch.. Image von uns Ärzten zu tun, weshalb revoltieren wir an allen Ecken und Enden?

Im Gegensatz zu den USA wurden und werden viele Politiker für Ihre Versprechen für eine State-of-the-Art Gesundheitssystem gewählt, ohne dass sie dafür sorgen können oder wollen, dass dieses auch solidarisch finanzierbar bleibt.
Nach außen versprechen sie die „Spitzenmedizin für alle“ und eröffnen unheimlich gerne jedes „Großgerät„, jedes „Kompetenzzentrum„, sparen aber dann dort, was bei jeder Dienstleistung die meisten Kosten ausmacht, dem Personal.

Solange wir, Ärzte und Pflege, es nicht schaffen diese Zusammenhänge in die politische Diskussion einzubringen, werden wir weiter den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Erst wenn wir es schaffen Patienten und Wählern zu erklären wohin sie sich wenden müssen, wenn ihnen die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität in der Gesundheitsversorgung unertäglich wird, haben wir eine Chance zur Imagekorrektur.

 

 

Written by medicus58

20. Oktober 2017 at 18:56

Gut versorgt: Ambulanzsperren

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Wäre doch einmal ein guter Aufhänger für einer der TV-Konfrontationen im laufenden Wahlkampf in Sachen Primärversorgung.
Dass immer mehr Spitalsambulanzen und ganze Abteilungen in öffentlichen Krankenanstalten gesperrt werden hat sich zum Normalzustand herausgemausert. Dass es Schwächen in den Ordinations-Öffnungszeiten gibt, kann auch nicht abgeleugnet werden. Der politische Spin wird dann so gedreht, das die Einzelordination einfach nicht mehr zeitgemäß ist, die Ärzte halt auch nicht mehr 24/7 spuren und von Work-Life-Balance träumen und man folgerichtig größere Strukturen benötigt, um die Patienten zu versorgen. Es lebe die Primärversorgung und ihr Gesetz!

Wie vorbildlich das aber die Wiener Gebietskrankenkase hinbekommt, können Sie gerne auf https://www.sozialversicherung.at/portal27/wgkkgeportal/contentPrint? überprüfen.

<Irony off >

Link: #NRW17 So unauffällig verschwiegen, dass es völlig untergeht.

Written by medicus58

27. September 2017 at 18:38

Die Primärversorgungszentren richten sich nicht gegen den Hausarzt, aber

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Hurra, in Wien eröffnet am 4. September das nächste Primärversorgungszentrum vor den Toren des Donauspitals, um dieses zu entlasten!

PatientInnen werden 50 Stunden pro Woche, 52 Wochen im Jahr versorgt

Die kürzlich veröffentlichte Sozialversicherungsstudie bestätigt unseren Weg, die Primärversorgung weiter zu stärken. Nur so können Spitäler entlastet und unser Gesundheitssystem nachhaltig abgesichert werden.“, sagt Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner.

ÄK Präsi Thomas Szekeres *) scheint plötzlich begeistert: „Die Eröffnung des neuen Primärversorgungszentrums in Wien-Donaustadt ist ein großer Schritt Richtung Zukunft und zeigt, wie wichtig die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft, Sozialversicherung und Stadt ist“.
Aus Wiener Sicht, mag sein Vorschlag schon was für sich haben:
PVE in Zukunft aus bestehenden Gruppenpraxen zu bilden
Die „hausärztliche Verdichtung“ außerhalb von Ballungsräumen führt aber zwingend zu prekärer Versorgung in Randlagen!

Na, und WGKK-Obfrau Reischl hat sogar etwas völlig Unvorhersehbares gelernt:
Die Erfahrungen zeigen, dass längere Ordinationszeiten sehr gut von den PatientInnen angenommen werden“,
so dass man sich doch frägt, weshalb die Krankenkassen in ihren bisherigen Verträgen die bestehenden Ordinationszeiten vereinbart haben!

Es bleibt jetzt auch abzuwarten, ob Frau Reischl die für sie neue Erkenntnis auch im eigenen Reich umsetzt,
weil das WGKK – Gesundheitszentrum Mariahilf glänzt weder in Sachen Patientenzufriedenheit noch mit seinen Öffnungszeiten:

(Screenshot Google)

Keine Rede mehr davon, dass „die schwierige Geburt des Projekts in der Donaustadt“ vielleicht auch mit den höchst eigenartigen Ausschreibungsbedingungen zusammenhing: Zur Quadratur des Primärversorgungszentrum im 22. Wiener Bezirk

Schweigen darüber, dass schon beim ersten PHC in Mariahilf politische Drähte glühten, als medienwirksam gerade eine Gruppenpraxis um Grüne Ärzte und den Kammerfunktionär Dr Mückstein  mit einer schönen Anschubfinanzierung zum Primärversorgungszentrum gewandelt wurde. Welche Spitalsambulanz durch diese Einrichtung, die sich nur wenige Schritte vom WGKK – Gesundheitszentrum Mariahilf befindet, entlasten werden soll, bleibt offen. OK, das Sophienspital in der Nähe wird nun geschlossen, aber wer das Spektrum dieses Hauses kennt, wird wohl kaum ernsthaft annehmen, dass die Schließung auf die Versorgungsleistung der Gruppenpraxis beruht!

Im Jubel um die Erfindung der Primärversorgung in Österreich, geht auch völlig unter, dass der Ansatz uralt ist (WHO findet Primärversorgung in Kasachstan seit fast vier Jahrzehnten super), was ja prinzipiell einmal nicht schlecht sein muss, aber dort wo er schon vor Jahren gewählt wurde, die Kosten für den Steuerzahler erhöhte und den Zugang für die Patienten erschwerte (Vor der Wahl: Die feuchten Träume unserer Gesundheitspolitik).

Wie hier schon vor zwei Jahren (!) ausgeführt (PHC: Für wie blöd halten uns die eigentlich?), wird aber bis heute nicht öffentlich diskutiert, wie die zusätzlichen Leistungen (Ärzteteam, lange Öffnungszeiten, zusätzlichen Gesundheitsberufe, …) mit den aktuellen Kassenhonoraren finanziert werden können. Initial gibt es ja eine flotte Anschubfinanzierung, aber danach?
Die Presse“ berichtete sogar, dass Reischl allen Gruppenpraxen mit zwei Vertragsärzten eine dritte Stelle sowie eine Umwandlung in eine PVE anbieten will. Das kostet!

Wie immer Holzschnitt-artig (um nicht zu sagen Holzhammer-artig) aber sachlich nicht ganz unrichtig verwies FP Belakowitsch via OTS  darauf, dass „Wenn man für ein Primärversorgungszentrum zwei Jahre Verzögerung einplant, so wie jetzt beim zweiten PHC in Wien, dann wird man in 150 Jahren mit diesem Projekt – 75 PHCs – fertig sein.
Sie irrt aber wenn sie ebenso wie die Ärztekammer das GRUG 2017 (Gesundheitsreformsumsetzungsgesetz 2017) nur als Gefahr für die Hausarztpraxis sieht.
Die „wahre Reform“ liegt nicht (nur) darin, die Hausarztpraxis durch eine Struktur zu ersetzen, in der Kassen kontrollieren, wie und wann der Patient überhaupt Zugang zu seinem Arzt hat …
und nicht nur bis zu einem Telefon-Helpdesk oder zu einer Pflegekraft vordringen kann!

Finanziert, und nun kommen wir zu einem weiteren Kernpunkt der Reform, soll das alles durch die
Elimination der niedergelassenen Fachärzte aus unserem Pflichtversicherungssystem!

Der ökonomische Hintergrund ist klar und wird auch im aktuellsten Jahresbericht der WGKK (aus 2015!) ausgeführt:
Die Durchschnittskosten je Fall liegt beim Allgemeinmediziner bei 45,16 Euro und beim Facharzt für 70,24.

Jetzt wollen wir gar nicht diskutieren,
dass ein Facharzt eine paar Jährchen längere Ausbildung absolviert hat, die vielleicht auch eingepreist werden sollte (Leistung muss sich lohnen!),
dass viele Kontakte beim Allgemeinmediziner ausschließlich zur Rezeptausstellung von Dauermedikamenten erfolgen,
dass Facharztordinationen natürlich i.d.R. einen geringeren Durchsatz als Allgemeinmediziner-Ordis haben,
dass (zumindest in der Theorie) dem Familienarzt die Krankengeschichte seines Patienten bekannt ist und Patientenkontakte in Facharztordinationen häufiger erst- und einmalig auftreten,
dass die apparative Ausstattung vieler Facharztordinationen aufwendiger und teurer ist,
dass die Facharztkontakte seit Einführung der e-card ohnehin schon reglementiert wurden,
dass man also letztlich Birnen mit Äpfeln vergleicht ...

Mir liegt es auch völlig fern, die erbrachte Leistung der beiden Gruppen gegeneinander auszuspielen, dazu kenne ich viel zu viele großartige und inferiore Vertreter in beiden Gruppen, ich möchte auf die banale Denke unserer Gesundheitspolitik hinweisen, wenn sie sich die Zukunft der Patientenversorgung zusammenreimen.

Für jeden Fall, den ich davon abhalte zum Facharzt zu gehen, kann ich mir zwei Allgemeinmediziner leisten.

Reischl verriet bei der Jubel-Pressekonferenz zur Eröffnung des Donaustädter PVs auch (mW erstmals), dass das genau ihr Ansatz ist:

Auch wenn die Zentren der WGKK teurer kämen als eine Behandlung bei einem niedergelassenen Arzt, seien sie längerfristig dennoch der richtige Weg, weil man dann bei Fachärzten und Ambulanzaufenthalten sparen könne.

Jetzt ist der Kostenbeitrag der WGKK bei den Spitalsambulanzen bekanntlich ohnehin sehr gering, so dass nur das Fachärzte-Einsparen als Geld-bringende Maßnahme überbleibt.

Welcher Trugschluss dieser Milchmädchenrechnung aber zugrunde liegt, zeigt ein Blick in das Jubelarchiv des Hauptverbandes, wo das Ärzteteam des Mariahilfer Primärversorgungszentrums aus der Schule plaudert:

„Für Probleme die wir nicht vor Ort lösen können stehen wir in Kontakt mit einem guten und verlässlichen Netzwerk von Fachärztinnen und Fachärzten in der unmittelbaren Umgebung. Dieses Netzwerk, das im Verlauf der vielen Jahren des Wachstums der Praxis entstanden ist, haben wir durch ein verbindliches Zuweisungsregime zu den Fachabteilungen des Gesundheitszentrum Mariahilf der Wiener Gebietskrankenkasse substanziell verstärkt. Mithilfe dieses Netzwerkes können wir in aller Regel rasch die erforderliche Diagnostik und die notwendige Therapie veranlassen.

Wenn die PV-Irgendwase heute funktionieren, dann nur, WEIL sie sich der anderen (noch) existierenden fachärztlichen Strukturen bedienen!

Bemerkenswert ist auch, dass die Homepage weiterhin von einer Gruppenpraxis OG spricht und für „weitere PatientInnen“ ohnehin nicht mehr zugänglich ist:

*) auf seinem Blog gibt sich ÄK Präsi Szekeres etwas weniger euphorisch, fokusiert aber wieder ausschließlich auf die Allgemeinmediziner (Hausärzte):
http://blog.szekeres.at/blog-post/2017/08/31/habemus-phc-2-und-sonst.html 

Vor der Wahl: Die feuchten Träume unserer Gesundheitspolitik

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Vieles könnte besser sein in Österreichs Gesundheitssystem, aber geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass es noch viel schlechter werden könnte.

Nehmen Sie z.B. Schweden, das in unseren Augen noch immer als DER Wohlfahrtsstaat gilt. Es gibt keine Pflichtversicherung, die Finanzierung erfolgt zwar direkt aus dem Budget und was wir hierzulande gerade basteln, eine Verlagerung der Versorgung in die Primärversorgung ist dort längst Realität und private Gesundheitsausgaben machten (laut Weltbank 2012) etwa 18 Prozent der Gesundheitsausgaben aus. In der Versorgung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sind den individuellen Belastungen Grenzen gesetzt. Dennoch tragen Patientinnen und Patienten insgesamt zu circa 25 Prozent zur Finanzierung der Arzneimittelversorgung bei.
Wer aber nun glaubt, dass der Zugang der Schwedische Patienten zum Gesundheitssystems einfach ist, der irrt: Der Erstkontakt im Krankheitsfall findet, anders als in Österreich und Deutschland nicht mit einem Arzt, sondern mit einer Telefonberatung bzw. Pflegekraft statt. Es gibt kaum ein OECD Land, in dem die durchschnittliche Anzahl der Arzt/Patientenkontakte so niedrig ist, wie hier (2,9/Jahr vs. 6,7 bei uns (Zahlen 2007). Die Wartezeiten eskalierten aber bis 2005 derart, dass ein Gesetz beschlossen wurde das den Patienten das Recht zustand, innerhalb von 3 Monaten in einem der 800 von den Landtagen und 300 von Privaten betriebenen Versorgungszentren „angeschaut“ zu werden. 2008 ergab eine Überprüfung das damals erst 90% der Patienten innerhalb von 90 Tagen behandelt wurden.

Holland gilt jetzt auch nicht gerade als Dritte Welt und so mancher Gesundheitspolitiker schwärmt von einem Gesundheitssystem nach holländischen Vorbild. Auch hier haben sich die Bürger an Wartezeiten gewöhnen müssen, die in unseren Praxen und Ambulanzen zu Brandschatzungen führen würden. Dort wurden bereits im Jahr 2000 „Treeknormen“ beschlossen, die zumutbare Wartezeiten für „Erkrankungen mit erheblichen Belastungen psychischer und physischer Natur“ festlegten. Laut Treeknorm sollte die maximale Wartezeit für einen stationären Krankenhausaufenthalt zur Behandlung oder Diagnose einer Erkrankung vier Wochen nicht überschreiten. Für ambulante Behandlung in einer Poliklinik gilt eine Wartezeit von bis zu sechs Wochen als zumutbar. Trotzdem lassen sich immer mehr Holländer im Ausland behandeln. Im Jahr 2004 betrug die Gesamtsumme, die so außer Landes floss 56 Millionen Euro!

Glaubt man einer rezenten (2014)  Analyse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung so liegt der Anteil der Patienten, die 4 Monate und länger auf einen geplanten Eingriff warten müssen in Kanada, Schweden, Norwegen und Großbritannien über 20%! Für den Zugang zu einem Facharzt warteten in Kanada, Norwegen, Schweden, Frankreich Australien, Neuseeland 22- 41% über 2 Monate.

Die deutsche Analyse weist zwar richtigerweise darauf hin, dass

Wartezeiten auf eine medizinische Behandlung eine Form der Rationierung medizinischer Leistungen darstellen. Werden die Wartezeiten der betroffenen Bevölkerung transparent dargestellt, handelt es sich um explizite Rationierung, ergeben sich die Wartezeiten ungeplant aufgrund zu geringer Kapazitäten, spricht man von impliziter Rationierung.

Etwas Kritik sollte sich aber bei folgender Aussage regen:
Zudem liegen bisher keine Studien vor, die belegen, dass geringe oder moderate Wartezeit von wenigen Tagen einen negativen Einfluss auf die Behandlungsqualität hat oder dadurch gesundheitliche Nachteile entstehen. 

Es existieren bekanntlich auch keine Doppelblindstudien, dass der Absprung aus einem Flugzeug ohne Fallschirm (nicht mit einem versagenden Fallschirm) ungesund ist, obwohl darüber wenig Dissens herrschen sollte.

Klar, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit einer Selbstimmunisierung schließt:
Daher entpuppt sich die Diskussion in Deutschland über Wartezeiten auf
einen Arzttermin als ein Scheinproblem bzw. beim Vergleich mit anderen hochindustrialisierten Ländern als Luxusproblem.

Hier ging es mir aber darum, dass all die genannten Beispiele aus den reichsten Ländern dieser Welt stammen, deren Gesundheitsversorgung uns (auch vor Wahlen) immer als erstrebenswerte Beispiele hingestellt werden ….

Written by medicus58

27. August 2017 at 11:43

Ärztemangel aber kein Rechtsanwaltsmangel, warum bloß?

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Ob es nun eine Ärztemangel gibt oder nicht, ist ein Dauerbrenner auf diesem Blog:
Ärztemangel: Nimmst Du’s mir, so nehm‘ ich’s Dir – eine Art Viele-Jahre-Rückblick

Unbestreitbar ist jedoch, dass sich immer mehr Arztstellen nicht mehr besetzen lassen:
Kein einziger Bewerber für 17 Arztstellen

Düstere Prognosen: Immer mehr Orte ohne Hausarzt

67 Praxen leer: Uns gehen die Hausärzte aus

Warum Hausarzt-Praxen leer stehen

Ärztekammer warnt vor „Hausärzte-Sterben“

Dass sich Ärztekammer und Krankenkassen über die möglichen Ursachen uneins sind, verwundert den angewiderten Beobachter kaum. Während die Kammern als eine Begründung die zu geringen Honorare liefert, was den Beobachter verwundern mag, zumal die Ausverhandlung dieses Honorarsystems eine der wesentlichen Tätigkeiten der Kammern darstellt und sich gerade vor der letzten Wahl ihre Funktionäre dafür feiern ließen, welche Erfolge sie da erzielt hätten, spricht auch die Wiener Gebietskrankenkasse von Erhöhungen, die sich andere Berufsgruppen wünschen würdenhttp://wien.orf.at/news/stories/2859213/

Über die mickrige Ausgangsposition habe ich hier schon 2012 geschrieben (Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich als zB. eine rektale Untersuchung mit 2, 75 EUR abgegolten wurde.
Prozentuelle Steigerungen von sehr wenig ist nicht viel!

Weshalb frägt sich aber niemand, weshalb es einen Ärztemangel gibt
(im Sinne einer versorgungswirksamen Präsenz innerhalb des solidarischen Versicherungssystems),
man aber weder von einem Apotheker- noch Rechtsanwaltsmangel hört?
Schließlich handelt es sich auch bei diesen um sogenannte freie Berufe.

Jetzt ist die Leistung in einem Scheidungsprozess erfolgreich von seinem Ehepartner befreit zu werden, schwer mit der komplikationslosen Befreiung von seinem Wurmfortsatz zu vergleichen. Und die gesetzlich festgelegten Honorarrichtlinien reflektieren auch nicht immer die realiter verrechneten Beträge.  Blickt man sich im Netz aber etwas um, dann findet man sehr rasch eine Erklärung, weshalb sie heute viel länger nach einem Arzt als nach einem Rechtsanwalt suchen müssen:

In Österreich variieren die Stundensätze der Anwälte laut unseren Informationen von € 180,00 bis € 500,00 netto pro Stunde
http://www.anwalt-veith.at/honorar.html

Der Stundensatz für Rechtsanwälte beträgt derzeit € 400,
der Stundensatz für Rechtsanwaltsanwärter 
beträgt derzeit € 250.
http://www.kwr.at/fileadmin/res/pdf/kanzlei/auftragsbedingungen/20131030_Vollmacht_D-Stundensatz.pdf

Erstberatung: Ich nehme mir für Sie Zeit; das bedeutet ein Erstgespräch in der Dauer von zumindest 30 bis höchstens 50 Minuten, in dem ich Probleme auslote und mögliche Wege evaluiere. … Ich verrechne dafür aber einen ermäßigten Pauschalsatz von EUR 140,00, welchen ich ersuche in Bar mitzubringen.
https://www.grogger.at/rechtsanwalt-kosten/

Honorarordnung für Ärzte für Allgemeinmedizin und Fachärzte

Erste Ordination …………………………………………………………………………………………………………………………20
Einmal im Monat je Behandlungsfall und nicht neben Pos. Nr. B1 verrechenbar.
Der Geldwert des einzelnen Punktes beträgt: b) Grundleistungen durch Ärzte für Allgemeinmedizin……………………………………………………………………….€ 0,9775

D.h. Erste Ordination = 20 Punkte = 19,55 €

Links:
Mein Recht ist kostbar

Allgemeine Honorar-Kriterien (AHK)

Rechtsanwaltstarifgesetz

 

Written by medicus58

8. August 2017 at 18:47

Der Abstand zwischen Arzt und Patient wird größer

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Einer der Grundpfeiler der „Gesundheitsreformen“ besteht auch darin, dass nicht jeder Patient sofort einem Arzt gegenübersteht, sondern zuerst Health literacy geschult sich selbst oder durch „informierten Laien“ Heilung zu erlangen, vielleicht einem Helpdesk telefonieren oder schlimmstenfalls mit einer Pflegekraft in Kontakt treten soll; nicht weil in diesen Instanzen mehr medizinische Kompetenz anzutreffen ist, sondern weil diese Personen einfach weniger kosten als Ärzte.

Die Ökonomie blickt auch neidisch in diese Länder, wo außerhalb des Spitals kaum noch Fachärzte zu finden sind. Klar, die Sozialversicherungen kosten ein Facharzt, der auch eine längere Ausbildung durchlaufen musste, als ein Allgemeinmediziner, einfach deutlich weniger.
Das alles muss bei banalem Schnupfen ja nicht schlimm enden, aber es ist definitiv die Antithese zur uns Ärzten oft vorgeworfenen Absicherungsmedizin, ohne dass noch so ganz klar wird, wer in diesem Spiel nun welche Verantwortung trägt.

In den diagnostischen Fächern fällt es den Patienten kaum mehr auf, aber dort ist die räumliche Trennung zwischen Arzt und Patient schon viel weiter gediehen. Klar, keiner wird erwarten, dass ihm der Labormediziner selbst Blut abnimmt, und das ist in machen Fällen auch gut so, nur wissen die wenigsten, dass die meisten Labors Teile der Blutproben in verschiedenste Labors schicken, weil das die Kosten der Einzelbestimmung deutlich drückt, auch wenn dem Patienten ein Befund mit einem einheitlichen Briefkopf ausgehändigt wird. ELGA wird das sicher bald offenbaren.

Auch in der Radiologie sitzt kaum noch der Facharzt nebenan in seinem  dunklen Kämmerchen und befundet einsam vor sich hin.
Was bei uns des nachts zwar in immer mehr Spitälern aber noch relativ selten vorkommt, ist in anderen Ländern gelebter Standard: Teleradiologie

Digitale Bildgebung und rasche Datennetze machen es möglich, dass Großgeräte bis in die späten Abendstunden betrieben werden, weil dort, wo der Arzt befundet, vielleicht schon wieder die Sonne aufgeht.
Viele Patienten in den USA freuen sich, dass der schriftliche CT-Befund praktisch in Echtzeit vorliegt, da irgendeiner der indischen Radiologen grad unbeschäftigt ist.
In den USA hat Medicare hier einen gewissen Riegel vorgeschoben, dass solche Leistungen nur dann refundiert werden, wenn die Endvidierung wieder vor Ort statt findet, aber das lässt sich ja organisieren:
http://www.auntminnie.com/index.aspx?sec=sup&sub=imc&pag=dis&ItemID=117743

All das geht langsam aber offenbar unaufhaltsam voran, die Medizin wird unter ökonomischen Druck dort, effizienter, wo ausschließlich an abrechenbare Leistungen gedacht wird. Dass vielleicht der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patienten in vielen Fällen die Erbringung dieser Leistung obsolet gemacht hätte, das wäre Old School.

2012: Fordismus im Spital: Das Geld liegt auf der Strasse? 

 

Written by medicus58

19. Juli 2017 at 07:51

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