Sprechstunde

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Als ginge es um Gangbetten

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Der Boulevard kocht, Gangbetten jetzt auch schon auf einer Kinderchirurgie.
Pflichtschuldig erklärt uns der SPÖ Gesundheitssprecher Wagner natürlich wieder:
Die Versorgung der Wiener Kinder ist zu 100 Prozent sichergestellt

Verlässlich sieht das die Opposition wieder ganz anders:

NEOS Wien/Gara zu Gangbetten auf Kinderchirurgie: Unerträgliche Situation
VP-Korosec zu Gangbetten: Neuer Skandal erfordert endlich konkrete Lösungen
FP-Seidl: Kinder in Gangbetten ist endgültige Bankrotterklärung des KAV

Nein, es geht mit heute aber nicht um die Gangbetten, das haben wir hinter uns:
Gangbetten gibt’s net
Indische Betten: Die Betten am Ende des Ganges (Director’s Cut)
Rock ’n’ Roll in der Geriatrie; Warum Wien bald mehr neurochirurgische Gangbetten hat

Ich erzähle Ihnen eine andere, wahre Geschichte aus der Kinderheilkunde, die m.E. ein schlimmeres Problem zeigt, als eine Nacht am Gang:

Ein etwa 10-jähriges Mädchen klagt plötzlich über starke Bauchschmerzen, der Hausarzt schickt sie unter dem Verdacht auf „Blinddarm“ in ein Spital.
Niemand sagt dort Kind und Mutter was Genaues, außer, dass das kein Blinddarm wäre und transferiert die Patientin folgerichtig nach einem Ultraschall in eine Universitätsklinik.
Dort wird ein riesiger Tumor entfernt und die kleine Patientin nach dem Ziehen der Nähte entlassen. Man möge am kommenden Montag zur Befundbesprechung in die Ambulanz kommen.

Natürlich kann die Universitätsklinik nichts dafür, dass das 200 km An- und Abreise bedeutet, natürlich muss sich das zwischen zwei Universitätskliniken liegende Bundesland nicht eine eigene auf kinderonkologische Probleme spezialisierte Einrichtung leisten, aber erzählen wir weiter.

Der Ambulanzbesuch verlief frustran.
Zur Begrüßung erfahren die Eltern, dass der Befund (nach einer Woche) nicht da wäre, danach lange Wartezeit, weitere Unklarheit, eine nicht gerade beruhigende Erwähnung, dass man damit auf der Chirurgie ohnehin nicht befasst sein wird und man sich darauf einrichten muss, an ein kinderonkologisches Zentrum zu gehen. Man möge in einigen Tagen wieder anrufen ob der Befund fertig wäre, aber man wird am Telefon ohnehin nichts sagen dürfen.

Die Eltern rufen vereinbarungsgemäß an, erfahren aber nur, dass das „nichts Gutartiges“ war und das Kind morgen in einem kinderonkologischen Zentrum aufgenommen wird, man hätte alles schon ausgemacht.

Erneute Anreise, die Aufnahme/Entlassung  weiß von nichts und schickt die Familie in die ambulante Anmeldung, von dort in die Ambulanz, von dort in die Aufnahme/Entlassung, die nun doch weiß, dass ein Bett reserviert ist.

Aufnahme von Mutter und Kind auf einer Station, Warten, Befunde liegen nicht vor. Alle sind freundlich, können aber noch nichts sagen.
Am nächsten Tag weitere Untersuchungen, Aufklärung über die Chemotherapie, dann plötzlich die Entlassung und Neuaufnahme zu Beginn der nächsten Woche, man müsse noch Laborbefunde abwarten.

Erneute Anreise, erneute Aufnahme, dann die Entscheidung, keine Chemo nur engmaschige Kontrolle und erneute Entlassung.

Für Außenstehende wäre es leicht, alle Beteiligte als einfach unfähig zu bezeichnen.
Als Insider weiß man wie das alles zustande kommt, man nennt es Schnittstellenproblematik.
Der Laie würde vielleicht sagen, die Rechte weiß nicht was die Linke tut, und hat damit einen Teil des Problems benannt.

Das Bemerkenswerte scheint mir, soweit ich den Fall fachlich beurteilen kann, dass alle Beteiligten durchaus immer das Richtige entschieden haben.
Es mag aber hinterfragt werden, ob die Verunsicherung, die unnötigen Kilometer, die unser Gesundheitssystem den Betroffenen aufbürdet, wirklich unumgänglich sind.
Ich bezweifle das, sehe aber täglich vergleichbare Fälle, so dass es sich um keine Einzelfälle handelt, so wie es immer Gangbetten bei Belastungsspitzen geben wird, außer man lebt mit einer durchschnittlichen Auslastung von nicht viel mehr als 50%!
Weshalb zeigen wir aber so eine klägliche Performance, obwohl ohnehin fast alle in diesem System schon „am letzten Loch pfeifen„?
Weil wir am letzten Loch pfeifen!
Weil niemand mehr Zeit hat zuerst mit den anderen Disziplinen zu sprechen und erst dann zum Patienten mit einer Stimme zu sprechen.

Um eine aktuelle Werbekampagne eines kinderonkologischen Zentrums zu paraphrasieren:
Vielleicht fürchtet sich der Krebs vor den Patienten, was ich übrigens für eine geschmacklos falsche Parole halte,
das Gesundheitssystem ist so gestresst, dass sich inzwischen die Patienten vor dem System fürchten:

 

 

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Bitte nicht noch mehr Entlastung der Ärzte

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Unsere neue Sozial- und Gesundheitsministerin Mag. Beate Hartinger-Klein packte gegenüber Dr. med. Wofgang Exel in einem Krone Gesund Interview wieder eine bewährte Waffe im Kampf gegen den Ärztemangel aus:
„Nun, ein Schlüssel zur erfolgreichen Neugestaltung des Gesundheitswesens wird sein, die Gesundheitsberufe besser zu vernetzen. Damit kann man beispielsweise auch dem drohenden Ärztemangel wirkungsvoll begegnen. Konkret:Die Angehörigen gesundheitsbezogener Berufe wie Apotheker, Pflegepersonal, Psycho- und Physiotherapeuten usw. sollen künftig unter ärztlicher Kontrolle mehr machen dürfen. Das entlastet die Mediziner entscheidend – sie können sich dann besser auf ihre Kerntätigkeit konzentrieren.“

„Der Grundgedanke von ELGA ist natürlich gut.  Aber derzeit tun mir die niedergelassenen Ärzte leid, weil sie begründet Mühe haben, sich in diesem bürokratischen Dschungel zurecht zu finden. Da werden wir
mit Hilfe von EDV-Experten gründlich ausmisten und für Klarheit sorgen!‘‘ 
(-Klarer Fall vom „Bock zum Gärtner“ machen, dafür die EDV-Experten heranzuziehen)

Im besten Fall steckt hinter diesem Konzept das Missverständnis, dass „Professor Sauerbrauch nur für den entscheidenden Schnitt benötigt wird“ und alles andere auch billiger zu bekommen wäre.
Im schlimmsten Fall ist es das Ergebnis guter Lobbyingarbeit.
In jedem Fall sind diese Schüsse in der Vergangenheit sets nach hinten losgegangen!

Millionen Steuerinvestitionen später hat ELGA bis jetzt niemand entlastet, keinem Patienten gerettet aber für Ärzten zusätzliche Administrationsarbeiten und EDV-Investitionen beschert.
Erfahrungsberichte von Patienten mit den neuen telefonischen Helpdesks, die ebenfalls die Ärzte entlasten sollten, schienen mir bislang wenig effektiv (Nach 10 Minuten Telefonat wird auf die Liste niedergelassener Fachärzte im Bezirk verwiesen….).
Die Entlastung durch Apotheker, die ihren Gebietsschutz dafür verwenden um neben rezeptpflichtigen Medikamente ihr sonstiges Sortiment abzubauen, erschließt sich mir ebenso wenig.
Keine Frage, langsam wurde durchgesetzt, dass das Pflegepersonal endlich diejenigen mit- und eigenverantwortlichen Tätigkeiten, deren sie sich in ihren Standesgesetzen schon längst rühmten, auch wirklich ausführen müssen. Im Zweifelsfall setzen aber dann doch die Ärzte die Zugänge …
Und was Physiotherapeuten, die schon längst freiberuflich ihre Diagnosen und Dienste anbieten dürfen, noch zur Entlastung der Ärzte beitragen sollen, überschreitet auch den Horizont meiner beruflichen Phantasie.

Ehe sich nun irgendjemand auf den Schlipps getreten fühlt, natürlich habe ich nicht all die Pflegepersonen vergessen, die kleiner und mittlere Probleme im Nachtdienst eigenverantwortlich gelöst haben und am nächsten Morgen nur darüber berichtet haben, wenn man nach über 40h Dauerdienst wieder auf die Station kam. Aber ich kann mich auch an viele Fälle erinnern, wo selbst die Inbetriebnahme eines selten genutzten Perfusors durch die Ärzte erfolgen musste …

Auch ich war schon manchem Apotheker dankbar, wenn er die Compliance meines Patienten durch ein erneutes Aufklärungsgespräch steigerte, aber (…. siehe oben).

Bitte, Frau Minister entlasten Sie uns Ärzte nicht,
in dem Sie die Anzahl der Köche vermehren
,
sorgen Sie dafür, dass
die Politik den Bürgern keine unerfüllbaren Versprechungen macht,
intra- und extramural tätige Ärzte von administrativen Aufgaben befreit werden
und
dass realistische Entgelte für ärztliche Leistungen bezahlt werden.

 

Written by medicus58

7. Januar 2018 at 18:36

Was das Christkind wirklich bringt ist nicht Rechtes Abbiegen bei Rot

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Ich weiß nicht ob man sich freuen soll oder nicht, dass alles so vorhersehbar ist.
Einerseits kann man sich überlegen fühlen, andererseits kommt es einem hoch.

So sehr die mediale Aufregungen über Rülpser von Rechts (Gudenus Asylantenghettos), Rechtes Abbiegen bei Rot (Hofers wichtigste Infrastrukturmaßnahme) und Gastronomische Rauchregeln verständlich sind und so viele weiteren Beobachtungen auf Kappachers geschätztem Radioblog zuzustimmen ist, ich kann mir nicht des Eindrucks erwehren, dass wir hier nur tükisch-blauen Nebengranaten aufsitzen und wichtigere Player übersehen.

Erinnern Sie sich noch der europa- und landesweiten Aufregungen während Blau(Orange)/Schwarz zu Beginn dieses Jahrtausends?
Atemlos diskutierten „die Guten“ früher jede Haider’schen Wuchtel (ordentliche Beschäftigungspolitik im III.Reich, Missgeburt Österreich, anständige SSler, Aufenthaltsberechtigung für Adamovich, Ariel, …) während das was bis heute die Justiz beschäftigt damals den Zeitungen kaum eine Zeile wert war:

Die radikale Änderung der Pensionsversicherung vom solidarischen Umlage- auf das individuelle Ansparmodell scheinen mir viele bis heute nicht realisiert zu haben.
Die Erkenntnis, dass das drei Säulenmodell dann weniger bringt, wenn man es bräuchte und denen mehr, die es weniger gebraucht haben, weil sie ohnehin Kapital zum Anlegen hatten, reifte naturgemäß auch erst nach dem offiziellen Ende der Ära Schüssel/Haiser/Passer. So ganz wurde die ja nie beendet, schon gar nicht unter den folgenden Regierungen und seine Gesinnung feiert ohnehin gerade ihre Auferstehung.
Auch, die offenbar unter ihrem Wert irreversiblen Verschleuderungen von Bundeseigentum standen damals viel weniger im Fokus der Berichterstattung als Regierungswandertage, Knittelfeld, und KH Grassers Society Auftritte.
Dass bald Lehramtsstudenten unterrichten mussten, nachdem die Volksschullehrerin im Unterrichtsministerium eine Frühpensionswelle unter den Gymnasiallehrern lostrat, war damals auch weniger ein Thema als ihr Sager über die fortpflanzungsunwilligen Party-Jugendlichen.

Und haben wir inzwischen dazu gelernt?

Über keines der neuen Regierungsmitglieder herrscht so viel mediale Stille, wie über Mag. Beate Hartinger, obwohl Sie nicht nur das zahnlose Gesundheitsministerium erhielt, sondern auch das budgetstarke Sozialministerium und die Mehrheit der bereits konkreten Reformaufgaben des Regierungsprogrammes umzusetzen hat.
Dabei geht es nicht um rote Ampeln, das Bundesheer als letzte Schule des Landes oder um Raucherabgaben. Da geht es, wie bei den genannten großen Brocken der Schüssel-Jahre, um das was unser aller Leben nachhaltig beeinflussen wird, wenn wir Hilfe brauchen.

Zusammenlegung der Sozialversicherungen

Gelingt dieses Vorhaben, dann kann es nur besser werden als das jetzige Gewirr von unterschiedlichen Leistungen und Verträgen und der Postenschacher.
Läuft es aber nur auf die übliche Umfärbung und das Einziehen einer zusätzlichen, politische willfährigen Entscheidungsebene hinaus,
entlasten wir die Wirtschaft durch das Schließen der AUVA und übersehen, dass zwar die Arbeitsunfälle abgenommen, viele arbeitsassoziierte psychische Erkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates und Freizeitunfälle zugenommen haben, dann wird es noch ungemütlicher in unserem Gesundheitssystem, und nicht nur für Asylanten.
Dass Hartinger das will, hat sie schon 2002 im Nationalrat postuliert!
Gewerkschaften, Landeshauptleute und Landesärztekammern haben hier nichts mehr zu gewinnen.

Neugestaltung des Arbeitslosengeldes

Endlos wurde über fehlende soziale Treffsicherheit der beabsichtigten Absenkung des Arbeitslosengeldes diskutiert. Die von Frau Hartinger umzusetzende „Reform“ bedeutet aber je länger man arbeitslos ist, umso weniger bekommt man. Das ist so wie die verschärften Zumutbarkeitsbestimmungen etwas, das aber – anders als die fehlende soziale Treffsicherheit – alle treffen wird!

Arbeits- und Teilhabepflicht für Sozialhilfebezieher eröffnen sich der neuen Ministerin jede Menge Möglichkeiten, ihre Ansätze in Gesetzesform zu gießen. Da darf nun erstmal eine Ministerin am ASVG herum schreiben, die nicht unter der Kontrolle des ÖGB steht. Dass der tükisch-türkise Teil der Regierung dem etwas entgegenhalten will, kann wohl als absurd angesehen werden.

Politisch flexibel war Hartinger auch und fand sich friktionslos in Blau, Orange und wieder in Blau zurecht. Wenn der Kurier nun schreibt „“Bürgerlich ist sie“, sagt ein ehemaliger Weggefährte. Nachsatz: „Aber schon auch freiheitlich, gell.“ dann fehlt mir die Nachfrage, wie denn das alles zusammen geht. Aus meiner persönlichen Erfahrung und mit Blick auf ihr CV der letzten Jahre (Deloitte, eigne Health-Consulting Agentur) scheinen ihr, so wie auch „ihrem Bundeskanzler“ der ganze nationalistische Rechte Mist über den wir uns jetzt aufregen ziemlich egal. Hartinger ist eine der forschesten neoliberalen Gesundheitsökonominen, die sich diese Regierung wünschen konnte.

Wie sehr sie sich jetzt auf ihre neue Aufgabe konzentriert ist auch daran zu erkennen, dass man sie auf der noch kürzlich in ihrem Mailverkehr verwendeten URL (http://www.hartinger-consulting.com/) nicht mehr kontaktieren kann.

Hartinger Consulting | Independent Health Care Consulting (Psychologische Berater) bleibt im 3. Bezirk, findet aber nicht mehr Hintzerstraße 3 sondern in der Radetzkystraße 2 statt.
Das sind schlappe 1,5 km Gehweg. Wir sollten aber mehr darauf achten, ob unsere Wege im Gesundheits- und Sozialbereich nicht bald viel länger werden!

 

Gesundheit: Zwischen den Zeilen des Regierungsprogramms

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Habemus Basti et Bumsti!
Wir haben aber auch ein Regierungsprogramm und mit Beate Hartinger-Klein eine Gesundheitsministerin, die mir als Garant dafür scheint, das in ihrem Bereich auch wortwörtlich umzusetzen.
Lesen wir also den Punkt Gesundheit des Regierungsprogrammes (Originaltexte in kursiv) und machen uns so erste Gedanken, was denn damit gemeint sein kann:

soll allen Bürgern ein niederschwelliger 
Zugang zu bestmöglicher medizinischer Versorgung sichergestellt werden.

Niederschwelliger als jetzt (jeder kann in ein öffentliches Spital gehen und hat das Recht von einem Arzt begutachtet zu werden, freie Arztwahl im niedergelassenen Bereich, 1x /Quartal freie Facharztwahl), kann es ja eigentlich nicht mehr gehen,
wenn wir nicht auf BeNeLux oder Skandinavien umschwenken wollen. Die wahre Absicht heißt in meinen Augen: vermehrte
Erstkontakte nicht mit einem Arzt sondern mit „aufgewerteten nicht-ärztlichen Berufen“, weil angeblich billiger.

Die Digitalisierung und Telemedizin werden dazu verstärkt eingesetzt; eHealth Anwendungen und Angebote erleichtern den Menschen den Zugang und helfen zukünftig, die Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft zu erhöhen

Passt dazu: Zuerst googeln, dann Selbsthilfe, dann  Helpdesk und nur wenn es dann noch unbedingt sein muss kostenverursachender Kontakt mit dem traditionellen Gesundheitssystem, am besten mit der Pflege.
Ja, wenn dann noch Geld übrig ist, denn dem Ganzen liegt das Missverständnis zugrunde, dass Digitalisierung und Telefondienste vergleichsweise nichts kosten.

Und wer das alles für reine Hirngespinste hält, der sei auf den österreichischen Pilotversuch Teweb und einen ganz aktuellen, kritischen FAZ Artikel verwiesen: Bei Anruf Diagnose
Und dass die FAZ nun sehr wirtschaftsfeindlich und links positioniert ist, kann man wohl kaum behaupten.

Moderne Prävention als praktische Krankheits- und Unfallverhütung arbeitet darauf hin, eine spezifische gesundheitliche Erkrankung oder Schädigung durch gezielte Maßnahmen möglichst zu verhindern.

Über die Problematik der impliziten Schuldzuweisung an den Kranken, einfach selbst nicht genug für seine Gesundheit getan zu haben (Gesundheitskompetenz (Health Literacy) und Eigenverantwortung stärken (Bewegung, Ernährung, schädliche Substanzen, Spielsucht), habe ich schon einmal in der ÖKZ geschrieben (Gesundheit ist Pflicht), das hier zu wiederholen würde zu viel Raum benötigen.
Die Frage, ob es für die Wirkung flächendeckender Präventionsprogramme über mehrere Gesellschaftsschichten und lange Zeiträume eine ausreichende Evidenz gibt, kann man rasch beantworten: Nein
Interessant wird aber die Frage im Zusammenhang mit dem von oben her abgesagten Total-Rauchverbot in der Gastronomie. Wer sich freut nun doch weiter paffen zu können, wird sich eventuell die Immuntherapie seinen Lungenkrebses bald selbst blechen dürfen.
Sagen Sie nicht, Sie wären nicht gewarnt worden!

Über weite Strecken geht es dann mit dem Wording weiter, dass schon bisher die Wirtschaftskammer in den ÖSG einbrachte (Primärversorgung, Einbindung von Apothekern und Pflege, Evaluierung aller bestehenden Selbstbehalte im Gesundheitssystem mit Untersuchung auf Lenkungswirkung und Neukonzipierung von ökonomischen Anreizen im Gesundheitswesen), doch dann horcht man auf:

§-2-Kassenverträge sollen auch in Spitälern ermöglicht werden

Nichts wirklich Neues, versuchte man in vielen Spitälern (im Nord sogar ehe es in Betrieb geht), scheint aber nun zum Normalzustand zu werden.

Spannend wird es naturgemäß unter der Überschrift Reform der Sozialversicherungen

Die Abschaffung der Mehrfachversicherungen macht zwar Sinn, zielt aber vor allem auf diejenigen kleinen Versicherungen, zu deren finanzieller Stütze das Konstrukt eingeführt wurde.
Die Zusammenlegung aller Gebietskrankenkassen zur ÖKK leakte bereits früher, Landeshauptleute, Berufs- und Betriebskrankenkassen haben aber offenbar ein Hintertürl:

Wahrung der länderspezifischen Versorgungsinteressen sowie die speziellen Anforderungen der unterschiedlichen Berufsgruppen in den einzelnen Versicherungssparten berücksichtigt

Was hinter dem Passus steckt:
Eine einheitliche Prüfung der Lohnabgaben sowie eine einheitliche Abgabenstelle für die Einhebung aller lohnabhängigen Abgaben werden die Erreichung der Zielsetzungen nachhaltig unterstützen.
konnte man schon bei Klaus Kappacher nachlesen: Die Matchbälle

Und dass man damit den Landesärztekammern ihre stärkste Waffe nimmt, wenn nicht jede mehr mit ihrer eigenen Gebietskrankenkasse Tarife ausmachen kann, ist sicher nicht zufällig passiert.
Gemeinsam mit der beabsichtigten Absenkung der Pflichtmitgliedbeiträge wird die Ärztekammer nicht gerade gestärkt!

Und wieder hört man die Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer trappsen:
vereinbarten Lohnnebenkostensenkung im Ausmaß von 500 Millionen Euro
(Absenkung des Unfallversicherungsbeitrags auf 0,8%)
und der AUVA geht es an den Kragen, bzw. den Unfallpatienten!

Unbeirrbar betet man wie SPÖVP weiterhin Ausbau von Digitalisierung und Telemedizin an. Die Kassen der IT werden rauchen: Schließlich fand auch die jetzige Regierung nichts mehr dabei, dass man auch während der Woche ein Unfallröntgen ohne Fachärzte für Radiologie betreiben kann, solange eine Telefonverbindung (nach Indien?) besteht.
Das Konzept alles billiger, in dem man den Arzt möglichst weit vom Patienten ansiedelt konnte offenbar auch in diese Regierung herüber gerettet werden!

eRezept, eBefund, eMedikation, eTransportschein – E-Card am Handy forcieren
Verstärkter Einsatz von künstlicher Intelligenz (Content Analytic), um die Verwaltung und
Wissenschaft sowie die Versicherten noch besser zu unterstützen
Telefon- und webbasierte Erstversorgung flächendeckend ausbauen

Überarbeitung der Berufsrechte der verschiedenen Gesundheitsberufe, um ein effektiveres Angebot für den Patienten zu ermöglichen (Stärkung der nichtärztlichen Gesundheitsberufe nach internationalem Vorbild)

Und klar: Mehr Hayek, mehr Privat, weniger Staat – Anbieter mit Gewinnabsicht werden die Kosten dämpfen
Rahmenbedingungen für private Gesundheitsdiensteanbieter (finanzielle Weiterentwicklung
des PRIKRAF)

Ja, und wer die jetzige Gesundheitsministerin, ehemalige Controllerin der Steiermärkischen Krankenanstalten, unter blau/schwarz Hauptverbandschefin, dann Deloitte Mitarbeiterin und zu letzt im Healthcare Consulting tätige Frau Mag. Hartinger kennt, der weiß dass durch unser Gesundheitssystem ein scharfer Wind wehen wird, was vereinzelt sogar zu begrüssen sein wäre, wenn dieser nicht so deutlich vom Mont Pèlerin herunter wehen würde.

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Endlich das Dritte Geschlecht, aber da geht noch mehr …

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Mit politischer Erleichterung wird über den deutschen Entschluss berichtet, die Dichotomie des Geschlechts, also entweder „Mandl“ oder „Weibl“, zugunsten einer dritten Variante aufzugeben. Auch in Österreich beeilten sich SPÖ und NEOS Ähnliches für unser Land der TöchterSöhne zu fordern. Die FPÖ ist, fast möchte man sagen natürlich, dagegen.

Es wäre billig über das Problem nur ein paar billige Witzchen zu reißen. Was mich aber antrieb diesen Eintrag zu verfassen, ist mein Ärger über die boulevardeske Fortschrittlichkeit, mit der die Politik reagierte, als ob ihr das Problem zuerst aufgefallen wäre und die jetzige Lösung schon den Stein der WeisInnen darstellen würde „Setzen wir jetzt ein klares Zeichen„.
(Vergleiche das elektronische Gendering, über das ich hier 2014 berichtete: Meine Dienstgeberin gendert: KarteireiterInnen.

Ich postuliere einmal, und rechne mit erboster Ablehnung, dass wir die Welt eben nicht mit Binnen-I-s ändern können und die persönliche Notsituation Betroffener nicht durch eine Passänderung aus der Welt geschafft ist.

Mich befällt auch angesichts der postwendenden Ablehnung auf unzensuriert.at vielmehr der Verdacht, dass die Sache, so wie viele andere in erster Linie der billigen Profilierung dient, um sich von der Gegenseite abzusetzen, ohne dass es viel kostet. Jedenfalls wäre es politisch viel mutiger, endlich die steuerrechtlichen Schlupflöcher zu schließen (Paradise Papers), die uns alle viel Geld kosten:
Wie Österreich im Kampf gegen Steueroasen bremst

Ich bezweifle auch, dass den sich jetzt lautstark profilierenden PolitikerInnen klar ist, dass das Problem schon längst in der Medizinischen Informatik bekannt ist und dort weitaus differenzierter angegangen wird als mit dem jetzt bejubelten Vorschlag.

HL7, ein internationaler Standard  für den Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen und deren Computersystemen kennt schon 4 Fälle:

weiblich/männlich/anderes/unbekannt

im ASTM sind es schon 9:

männlich/weiblich/unbekanntes Geschlecht/männlicher Pseudohermaphrodit/weiblicher Pseudohermaphrodit/Hermaphrodit/männlich geändert zu weiblich (transsexuell)/weiblich geändert zu männlich (transsexuell)/zweideutiges Geschlecht, nicht zuordenbar

und die UBIF braucht 14 Fälle um andere Einteilungscodes zueinander in Beziehung zu setzen.

Wobei es hier nicht darum geht, sich von den dumpfen Ewig Gestrigen abzusetzen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennnen und dumpfen Vorurteilen nach hängen, hier geht es um wirklich medizinische Probleme, um u.a. Normalwerte (z.B. Blutwerte) richtig zuordnen zu können, auch wenn es zu einer äußerlichen Veränderung des Geschlechts gekommen ist.

 

Written by medicus58

11. November 2017 at 21:17

Früher war unser Image im A …., heute sind wir schon weiter

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Im Jänner 2013 verwendete ich diese Fotomontage erstmals und stellte fest, dass das Image von uns Ärzte im Arsch wäre.
Ich bezweifle, dass sich das bis heute gebessert hätte.
Zu glauben, dass das nur an der fragwürdigen Rolle unserer Ärztekammer liegt, griffe zu kurz, denn nicht nur bei uns sondern in politisch und ökonomisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Gesellschaften, fühlen sich Ärzte zu Recht oder zu Unrecht schlecht behandelt, protestieren und streiken:

Polen:
Hungerstreik: Polnische Ärzte fordern bessere Arbeitsbedingungen – derstandard.at/2000066230339/Hungerstreik-Polnische-Aerzte-fordern-bessere-Arbeitsbedingungen

Schweiz:
Krankenkassen attackieren Ärzte und Spitäler

Tschechien:
Ärzte-Streik: Apotheker solidarisieren sich

Griechenland:
Protest im Gesundheitswesen: Griechische Ärzten und Krankenhauspersonal streiken

Deutschland:
1000-facher Protest gegen Ärztemangel


Australien:
SA public doctors to strike over pay and conditions after talks with Government stall

Nepal:
Government calls on doctors to stop protests, resume services

Indien:
Doctors outraged over theme of Md Ali Park pandal, hold protests

Dominikanische Republik:
Dominican Republic Doctors Go on 48-Hour Strike

Es geht eigentlich immer um die gleichen Problemkreise: Arbeitsbedingungen, Bezahlungen, fehlender Nachwuchs.
Natürlich könnte man das alles einfach dadurch erklären, dass wir alle halt unersättliche Faulpelze sind,
die eben immer mehr verdienen und immer weniger arbeiten wollen.
Auch das von Ärzten aufgezeigte Nachwuchsproblem wischen Experten bei uns gerne mit dem Verweis auf die im OECD Schnitt hohe Ärztezahl pro Einwohner weg. Auch der ungebrochenen Zustrom zum Medizinstudium, immer neue Ausbildungsstandorte und die Bereitschaft sich das Studium an den allen Enden auftauchenden Privatuniversitäten Unsummen kosten zu lassen scheint die Argumente der Ärzteschaft zu entkräften.

Also wie erklärt sich denn diese offenkundig weltweite Proteststimmung unter den Ärzten und Pflegeberufen?

Ich denke die Antwort ist einfach:

Ein solidarisches Gesundheitssystem ist für alle Gesellschaften – in Relation zu ihrer jeweiligen Wertschöpfung teuer.
Die Kosten wachsen, weil das Gesundheitssystem in hohem Ausmaß personalintensiv und Innovations-getrieben ist;

Dass Personal teuer ist, ist eigentlich kein spezifisches Problem des Gesundheitssystem sondern ein Problem, dass die Einkünfte unserer Staaten überwiegend auf der Besteuerung der menschlichen Arbeit und nicht ausreichend auf einer Gewinnbesteuerung beruhen. Das Spezifische im Gesundheitssystem, im Gegensatz zur z.B. Fertigungsindustrie, ist jedoch, dass wir „unsere Werkstücke nicht auf eine ostasiatische Werkbank schicken“ können wo die Lohnkosten geringer sind und die Erlöse hier lukrieren, auch wenn das vereinzelt angedacht wird (Best Exotic Marigold Hotel).

Dass die Gewinnerwartung ganze Industriezweige (Pharma, Labordiagnostik, Hardware) an Innovationen für das  Gesundheitssystem gehängt wird, verwundert auch kaum, denn naturgemäß sind Menschen bereit tiefer in die Tasche zu greifen, wenn ihnen Wohlbefinden und Lebensverlängerung winken.

Also alles irgendwie eine scheinbare Erfolgsstory bei der man sich doch nur noch frägt, warum nicht alle glücklich sind:
Die im Gesundheitssystem Arbeitenden und die von seinen Leistungen Profitierenden.

Paradoxer Weise liegt die Ursache in unserem von der Politik verwalteten solidarischen Gesundheitssystem.

Um das amerikanische Gesundheitssystem mit seinem großen privatwirtschaftlichen Anteil war es gerade deshalb lange Zeit sehr ruhig, weil die aktuell nicht Betroffenen, die Gesunden und Nicht-Pflegebedürftigen keine vitalen Interessen in diesem Spiel und die Kranken und Pflegebedürftigen akut andere Sorgen hatten.
S
prich: die meisten Patienten zahlen sich die Leistungen selbst; erst ab 65 griff Medicare, eine Basisversorgung für die Ärmsten bot Medicaid, der Rest fühlte sich unbeteiligt und zumindest Ärzte und Industrie verdienten gut daran.
Erst die Versuche unter Clinton und Obama dieses System in Richtung eines solidarischen Gesundheitssystems für alle zu entwickeln und die aktuellen Versuche unter Trump das Erreichte wieder rückzubauen, wirbelten plötzlich mehr politischen Staub auf, als die zahllosen, unterversorgten Bürger. 
Wohlfahrtsstaat gewohnte Europäer verstehen oft nicht, weshalb sich in den USA so viele Wähler so leicht gegen ein solidarisches Gesundheitssystem instrumentalisieren lassen. Wenn sich aber der Verlust an innergesellschaftlicher Solidarität auch bei uns fest frisst, wird auch hier ein Auseinanderklaffen zwischen Zahlern und Begünstigten zum politischen Thema, so wie wir das aktuell in der Frage der Asylwerber sehen. 

Ja, aber was hat das nun alles mit dem Sch.. Image von uns Ärzten zu tun, weshalb revoltieren wir an allen Ecken und Enden?

Im Gegensatz zu den USA wurden und werden viele Politiker für Ihre Versprechen für eine State-of-the-Art Gesundheitssystem gewählt, ohne dass sie dafür sorgen können oder wollen, dass dieses auch solidarisch finanzierbar bleibt.
Nach außen versprechen sie die „Spitzenmedizin für alle“ und eröffnen unheimlich gerne jedes „Großgerät„, jedes „Kompetenzzentrum„, sparen aber dann dort, was bei jeder Dienstleistung die meisten Kosten ausmacht, dem Personal.

Solange wir, Ärzte und Pflege, es nicht schaffen diese Zusammenhänge in die politische Diskussion einzubringen, werden wir weiter den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Erst wenn wir es schaffen Patienten und Wählern zu erklären wohin sie sich wenden müssen, wenn ihnen die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität in der Gesundheitsversorgung unertäglich wird, haben wir eine Chance zur Imagekorrektur.

 

 

Written by medicus58

20. Oktober 2017 at 18:56

Gut versorgt: Ambulanzsperren

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Wäre doch einmal ein guter Aufhänger für einer der TV-Konfrontationen im laufenden Wahlkampf in Sachen Primärversorgung.
Dass immer mehr Spitalsambulanzen und ganze Abteilungen in öffentlichen Krankenanstalten gesperrt werden hat sich zum Normalzustand herausgemausert. Dass es Schwächen in den Ordinations-Öffnungszeiten gibt, kann auch nicht abgeleugnet werden. Der politische Spin wird dann so gedreht, das die Einzelordination einfach nicht mehr zeitgemäß ist, die Ärzte halt auch nicht mehr 24/7 spuren und von Work-Life-Balance träumen und man folgerichtig größere Strukturen benötigt, um die Patienten zu versorgen. Es lebe die Primärversorgung und ihr Gesetz!

Wie vorbildlich das aber die Wiener Gebietskrankenkase hinbekommt, können Sie gerne auf https://www.sozialversicherung.at/portal27/wgkkgeportal/contentPrint? überprüfen.

<Irony off >

Link: #NRW17 So unauffällig verschwiegen, dass es völlig untergeht.

Written by medicus58

27. September 2017 at 18:38

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