Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for Dezember 2013

Medizinischer Rat für alle Vervirten

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Feuerwerk
Kaum irgendwer in meiner Umgebung kämpft nicht mit seinem Virus.
Das Husten, Schnupfen und heisere „Prosit“ all dieser vervirten, also vom Virus befallenen wird womöglich sogar die anlassbezogene Böllerei übertönen, jedenfalls aber die Festtagsfreude trüben.

Lassen Sie’s sich aber von Ihrem Medicus gesagt sein:

Wenn Sie heute nicht ganz fit sind, dann bleiben Sie im Bett und flößen sich statt Jahrgangschampagner lieber heißen Tee (ohne Rum) ein und feiern Ihr Neujahr einfach nach.

Vorschläge:

14.Jänner: Orthodoxes Neujahr
31. Jänner: Chinesisches Neujahr

21. März: Bahai-Kalender

und wenn’s mit der Genesung länger dauert, bleiben noch:

25. September: Jüdisches Neujahrsfest (Rosch ha-Schana)

25. Oktober: Muslimisches Neujahr (Fatih mouharram) 

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Written by medicus58

31. Dezember 2013 at 07:33

Feministische Homöopathie oder Kein Geiz mit dem Reiz

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tits

Aufgewachsen zu einer Zeit, da eine Transparentbluse in Wünsch Dir Was http://youtu.be/8hBij7VWr60) gut für tagelange Gespräche in einer Bubenklasse sorgete und man sich noch verstohlen sein Bravoheft besorgte, um die entblößten sekundären Merkmale der Gegenseite studieren zu können, kurz, wo der Geiz mit dem Reiz Teil des Geschlechtermarktes war, nimmt der über die Jahrzehnte stattgefundene Wandel wunder:

Ob nun eine Aktivistin nackt mit der Aufschrift „I am God“ während der Weihnachtsmesse auf den Altar springt da Femen International gegen das Machtmonopol und die Ausgrenzung bestimmter Gruppen durch die katholischen Kirche protestiert (http://diestandard.at/1385172138636/Aktivistin-sprang-in-Koeln-nackt-vor-Kardinal-auf-den-Altar?), ob bei Lanz mit blankem Busen gegen die Fußball WM in Katar protestiert wird (http://diestandard.at/1385170730070/Femen-Protest-gegen-Fussball-WM-in-Katar ) oder ob im spanischen Parlament der Busen gezeigt wird, um gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrecht zu protestieren (http://diestandard.at/1379293562714/Femen-Aktivistinnen-unterbrechen-Parlamentsdebatte ) stets hat man den Eindruck, dass hier mit einem homöopathischen Konzept vorgegangen wird, d.h.

„Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ 
similia similibus curentur

Ich stehe diesem wissenschaftlich unbewiesenen Konzept bekanntlicherweise sehr kritisch gegenüber, nur scheint es sich schon längst von der medizinischen Peripherie in den diskursiven Mainstream bewegt zu haben …

Sich darüber zu wundern ist vermutlich müßig.
Die Zeiten ändern sich und während früher Wasser gratis und Sex nur gegen Bares zu haben war, haben sich die Verhältnisse eben umgekehrt:

Nackte Anblicke gibt’s heute allenthalben gratis,
für den Schluck Wasser im Kaffehaus muss gelöhnt werden.

Written by medicus58

27. Dezember 2013 at 06:23

Die andere Weihnachtsgeschichte

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Rom

Dass der Mensch um den astronomischen Höhepunkt der kalten, dunklen Jahreszeit herum das dringliche Bedürfnis nach Wärme und Freude empfindet, verwundert vermutlich ebenso wenig wie die Erkenntnis der Manipulierbarkeit der Bedürftigen.

Die Geschichte lehrt uns, dass sich stets die Mächtigen dieses Versprechens der Bedürfnisbefriedigung bedienten um ihre Macht zu sichern, wobei das Erfüllungsversprechen mindestens ebenso wichtig ist, wie das letztendliche Fehlen der Bedürfnisbefriedigung.

Der ausreichend bezahlte Krieger verlässt das Schlachtfeld,
der Glückliche verlangt nicht nach mehr,
der Erhörte verlangt nicht nach dem Wort.

Auf diesen Felsen lässt sich keine Kirche bauen,
damit lassen sich die Menschen nicht mehr einspannen,
da rollt kein Rubel mehr.

Seit Jahrtausenden war es für die an der Macht Befindlichen hilfreich, sich mit dem Ultimativen, dem Göttlichen zu verbinden, um allzu vorwitziges Hinterfragen der Berechtigung ihrer Rolle zu unterbinden. Religiöse Feste festigten dadurch ihren Machtanspruch so dass es letztendlich egal wurde, wem man zu einem bestimmten Datum eigentlich huldigte:

Ob es nun Aion war den zu dieser Zeit eine Jungfrau (Kore) geboren haben soll,
ob das Julfest zu feiern geboten wurde oder zu Chanukka der Version 2.0 des Tempels zu gedenken angesagt war, der Zeitpunkt schien für viele Religionen zwingend und alle Erwartungen, Anstrengungen und Vorbereitungen konnten darauf fokussiert werden;
natürlich unter der Regie der jeweils Mächtigen und alle „hatten sich in den Dienst der guten Sache zu stellen“.

Wenn wir uns heute fragen, weshalb zwar der scheinbar unhinterfragte Glaube an all die Sagen und Erzählungen geschwunden ist, nicht jedoch die Intensität der Erwartungen, Anstrengungen und Vorbereitungen, dann verrät uns dies erneut, dass es bei Weihnachten nicht so sehr um das Krippen- als um das Machtspiel geht.
Ich bezweifle,
dass uns die Angst vor dem drohenden „Fegefeuer“ oder vor „ew’ger Verdammnis“ die Regale abräumen lässt.
Wir beschäftigen nicht Heerscharen von Amazon-Verpackern aus Verehrung oder gar Liebe zu unserer Regierung, ganz sicher nicht!
Die Macht, die uns antreibt ist unser ungestilltes Bedürfnis nach etwas und das verhängnisvolle Versprechen der Märkte, die die individuellen politischen Machthaber inzwischen abgelöst haben, zu befriedigen. Und wie schon zu früheren Zeiten „stellen sich alle in den Dienst der Sache“:

Die Aufgabe eines öffentlichen Rundfunk wäre es nicht unsere Erwartung seit Wochen durch Gewinnspiele („Wir übernehmen Ihre Weihnachtsrechnung“) in Kauflaune zu putschen.

Die Aufgabe öffentlicher Schulen kann es nicht sein, zu vorweihnachtlichen „Engerl/Bengerl“ Geschenkspielen zu animieren, damit die ökonomischen Unterschiede der Schüler deutlich werden.
Das Reinvestbudget der öffentlichen Spitäler schrammt an der Null, aber der jährliche Weihnachtsbaum (wenn schon nicht das Gans’l) „wor jedes Joahr do, hob i zu dem Richter g’sagt“.

Das elektronische Postfach verstopft durch Weihnachts-Mails in GB-Größe von schon längst verschwundenen Geschäftspartner, deren EDV es offenkundig verabsäumt hat Outlook ein Update der aktuellen Geschäftsbeziehungen mitzuteilen, erhöht weniger die Besinnlichkeit als den Adrenalinspiegel.

All das gehorcht offensichtlich einem höheren Plan, der sich kaum aus schizoiden Erleuchtungen jüdischer Zeltmacher, zufällig aufgefundenen orientalischen Schriftrollen oder der Gewissheit eines jungfräulichen Überangebots nach persönlichem Absalutieren aus den Heiligen Kriegen dieser Welt erschließt.

Nach ein paar Weihchnachtsfesten sollte auch dem Verblendetsten klar geworden sein, dass die angeblich glücklich strahlenden Kinderaugen verlässlich erlöschen, wenn nicht die richtige Version des I-Phones unter der Nordmannstanne liegt.
Die Erkenntnis allgemeiner Entfremdung sollte spätestens beim Anblick der Themenverfehlung in den Weihnachtspakerl reifen, wenn entweder erneut geschenkt wird, was bereits voriges Jahr wenig Freude ausgelöst hat oder der Buch- oder Musiktitel aufdeckt, dass der Beschenker sich über die Bedürfnisse des Beschenkten offenkundigst falsche Vorstellungen macht.
Irgendwann hat sich die Leber durch die Unmengen an betrieblicher Weihnachtsfeiern gearbeitet und die verbliebenen Neuronen aus ihrem Alkoholbad geschaufelt, so dass die Erkenntnis unvermeidlich sein wird, dass es auch heuer, bei allem „aber schön war es doch“, nicht annähernd zu dem gereicht hat, was aus allen Kanälen versprochen wurde.
Es zeigt sich nur erneut, dass es für Massenphänomene ausreichend ist, wenn Bedürfnisse und Versprechen groß genug sind und irgendwer dabei gewinnt, „dann stellen wir uns alle in den Dienst der guten Sache.“.
Waren es früher die den Göttern gleichgestellten Herrscher, ist es heute der Zwischenhandel.

In diesem Sinne, Silvester kommt bestimmt.

 

Links:

Noch eine Weihnachtslegende:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33336

Vor einem Jahr ein Geburtstagsfest:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=49416

Was Besinnliches:
http://www.youtube.com/watch?v=b1qb-p05EBM

Why no immer Yline?

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Yline

Vor drei Jahren erlaubte ich mir hier unter

PORR-nografie, oder warum Grasser gut schlafen kann, oder wer erinnert sich noch an YLINE? http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33473
an einen schon damals vergessene österreichische Variante der Internet-Blasererei zu erinnern: An die YLINE des Werner Böhm und seinen Auftraggeber und Aktionär Grasser.

Ein sehr früher Beitrag aus unserem Satanswinkerl!

Nun scheint es aber doch, wir schreiben Ende 2013, was zu tun:
Es liegt lt. Standard eine 113-seitige Anklageschrift in der Causa der 1998 gegründeten und im Herbst 2001 pleitegegangenen Internetgesellschaft mit.
http://derstandard.at/1385171563327/Loch-auf-Loch-zu-bei-Yline 

D.h. es gibt eine rechtskräftige Anklage !!!!!!

Zwar Jahrzehnte nach dem Hütchenspiel mit verschenkten PCs, Abos im Dunstkreis der üblich blau-orangen Verdächtigen und ihrer Banken …

Wer in dem Tohuwabohu noch weiterlesen will, der sei auf Werner Böhms Blog http://ylinestory.com/ verwiesen, wo er seit über einem Jahr seine Verteidigungsstrategie ausbloggt.

Eine andere Zusammenfassung gabs vor einem Jahr im FORMAT
http://www.format.at/articles/1249/930/348220/yline-krimi-boss-werner-boehm

Möglicherweise genügt es aber auch nur sich zu fragen, weshalb es in diesem Land über ein Jahrzehnt dauert, ja ich weiß, andere Prozesse, ….etc. um zu einem Urteil kommen.
Dann würden wir auch in dieser Causa erleben, weshalb die Höchstrichter dieses schluddrige Vorgehen nicht hinnehmen können und wie bei anderen Helden des Satanswinkerls das Urteil aufheben und an den Start schicken …

Unser Rechtsstaat wankt auf einer sehr dünnen Yline …

Nur hat er Sinn für die Details. Die Anklageschrift wurde fast auf den Tag genau (YLINE platzte am 15. Dezember) fertig.
http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/1509021/YLineAnklage-zwolf-Jahre-nach-Pleite-rechtskraeftig-

Das Konzept: Irgendwann lässt das Interesse nach: LIBRO – YLINE
 http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33766

Written by medicus58

19. Dezember 2013 at 07:31

Das Gute im CT/MR Tarifstreit

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CT Krebs

Der Hauptverband hat vor Jahren beschlossen hat, dass radiologische Schnittbildverfahren (Computertomografie, CT und Magnetresonanz, MR) nicht in radiologischen Ordinationen sondern nur in radiologischen Instituten refundiert werden. Eine plausible Erklärung wurde m.E. nie gegeben oder öffentlich eingefordert.

Dass medizinische Institute (Radiologie, Physikalische Medizin, Labormedizin, …) durch die Wirtschafts- und nicht die Ärztekammer vertreten werden und dass Verträge im Gegensatz zu Ordinationsverträgen prinzipiell täglich kündbar sind und nicht für alle Teilnehmer gleich sein müssen, ist übrigens auch vielen Ärzten nicht klar.

Letztendlich führte das dazu, dass die radiologischen Institute zu bildgebenden Fabriken hochgerüstet werden, die den Betrieb mit vielen zusätzlichen, also nicht fix angestellten Ärzten am Laufen halten. Anders sind die enormen Kosten, nicht nur für die Geräte selbst sondern die erforderliche Infrastruktur (Stromverbrauch, Strahlenschutz, Klimatisierung, Befundschreibung, PACS, Kostenrechnung, …) einzuarbeiten. Optimisten verweisen auf den positiven Effekt großer Fallzahlen, die angeblich die medizinische Qualität heben und blicken gern darüber hinweg, dass ab einer bestimmten Größe und der Arbeitsteilung mit immer mehr externen Mitarbeitern man sich im Einzelbefund nie sicher sein kann, ob gerade der Bestqualifizierte oder eben der heute Vorhandene den Befund erstellt hat.

Mitleid mit den Großen in dem Spiel ist nicht erforderlich, das Einkommen der Radiologen liegt noch immer im obersten Bereich aller Fächer, aber es ist durch eine naturgemäß vorgegebene Grenze der Geräteauslastung und die fehlende Inflationsanpassung seit Jahren im Fallen.

Dass andere diagnostische Schnittbildverfahren, wie die Positronenemissionstomografie (PET) weder von den Krankenkassen noch im LKF System refundiert wird, sei hier einfach nur so erwähnt.

Worin liegt aber das Gute an diesem Streit?

Das Gute liegt m.E. darin, dass der Stil der Auseinadersetzung zwischen Ärzteschaft und Hauptverband (Krankenkassen) endlich einmal den p.t.Versicherten gegenüber transparent wird.
Laut Verhandler Dr. Manfred Baldt wurde ihm vom Hauptverband vorgeschlagen, die Tarife um 10% zu erhöhen, wenn man gleichzeitig die Anzahl der Untersuchungen um 10% begrenzt.
HV-Verband Vize Bernhard Wurzer bestreitet, dass es überhaupt eine Deckelung für die Anzahl der Untersuchungen gibt, es gibt halt nur ein Höchsthonorar. Niemand würde den Ärzten verbieten dafür noch mehr zu leisten …

Also eigentlich gibt es in der Medizin keine Deckel!

Vergleiche 9.Juni 2012: Was für die Finanzmärkte unvorstellbar ist, ist im Gesundheitssystem Realität: Der Deckel http://wp.me/p1kfuX-jT 

Von den Ärzten wird einfach erwartet durch Raubbau an ihrer eigenen Gesundheit ein Gesundheitssysstem am Laufen zu halten, für dass die Versicherungen (und Politiker) versichern, dass es ohnehin das Beste zwischen Scheibbs und Nebraska ist. 
Kurz, das Gute an dem Konflikt ist, dass den Patienten gegenüber zwangsweise transparent wird, wie es bei uns so läuft …

Links:
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/1504679/-Wartezeiten-auf-CT-und-MRT-kosten-49-Mio-Euro

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/3495543/gefeilscht-kosten-patienten.story

Peter O’Toole

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PeterOToole

Ein Tag an dem man am Morgen im Radio erfährt, dass Peter O’Toole verstorben ist, ist ein trauriger Tag.

Nicht dass das Sterben eines 81-Jährigen nun völlig überraschend kommt oder angesichts der täglich über den Schreibtisch wandernden Krankenakten von viel Jüngeren, dem Tod nicht mehr allzu fern stehenden Patienten als besonders ungerecht empfunden werden darf, nein, aber irgendwie schmerzt es doch.

Der Nachrufe gibt es genug, die auf seine grandiose Darstellung des Thomas Lawrence in David Leans Lawrence of Arabia hinwiesen. Nirgends las ich noch, dass seine Darstellung vielleicht viel mehr an die eigentliche Person gekommen wäre, hätte man es im großen Kino damals erlaubt einen in sich zerrissenen, seine heimatlichen Wurzeln verloren habenden Briten darzustellen, der höchstwahrscheinlich Masochist und Homosexueller war.

Wenigstens der Standard erinnert an seine bedingungslos an die Schmiere gehende Darstellung des Regisseurs Elias Cross (!) im 1978er Film The Stuntman(http://derstandard.at/1385171127689/Schauspieler-Peter-OToole-gestorben) die meines Erachtens zum Pflichtprogramm jedes Cineasten gehören sollte.

Wenn ich zwei weitere meiner Lieblingsfilme mit O’Toole nennen sollte wären dies sein geniales Doppelspiel mit der ebenfalss hinreissenden KAtherine Hepurn im Lion im Winter und „his impersonation“ des Man of La Mancha in der gleichnamigen Musicalverfilmung. Im Gegensatz zu unserem Pepi Meinrad, für den der Part als seine späte Glanzrolle gilt, schafft er neben der zerbrechlichen, hageren Gestalt des Ritters auch dessen unbändigen maskulinen Willen zu verkörpern, wo meist nur Hektik gespielt wird.

Leider kenne ich keine Aufzeichnung seines späten (1978) Macbeth in London, der von der Presse zerrissen und vom Publikum gestürmt wurde. Zyniker meinten, dass das Publikumsinteresse war eher Schadenfreude als Kunstverständins. Egal, ich denke hier immer an „unseren“ Oscar Werner, dessen Scheitern auch stets interessanter war als die Erfolge vieler seiner Kollegen.
http://insidemovies.ew.com/2013/12/15/peter-otoole-dies/

“When you meet Peter O’Toole, he does not disappoint.”
http://www.thedailybeast.com/articles/2013/12/15/spending-a-day-with-peter-o-toole.html
And finally look at this 1989:
Got a Drinking Problem? Peter O’toole (as Jeffrey Bernard)
http://youtu.be/KI42lY9W9HE

and if you liked it, this is the full Monty:
http://www.youtube.com/watch?v=ABFjLo8gRBk

Written by medicus58

16. Dezember 2013 at 19:08

Tarivid is gut für’s Glied

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Graninger

Es ist sehr, sehr lange her, da absolvierte ich als Student mein „Internepraktikum“ auf der Univ. Klinik für Chemotherapie. Der mir zugeordneter Tutor war Oberarzt DDr. Wolfgang Graninger, der sich aber die ersten zwei Wochen des viermonatigen Praktikums auf „Kongressurlaub“ befand.
Als er mich am Ende der dritten Praktikumswoche nach einer Visite fragte, was ich denn schon gelernt hätte, hielt ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg:
Blutabnehmen habe ich in der ersten Woche gelernt, Kaffee trinken konnte ich schon vorher und sonst ließ sich bei den rituellen Prozessionen, genannt Visiten, wenig lernen.

Daraufhin bellte er mich an, dass man auch nix lernen wird, wenn man sich schon am Nachmittag aus dem Spital schleicht. Gerade bis spät abends in die Tiefen des pharmakologischen Lehrbuches abgestiegen, die Rigorosenprüfung dräute, maulte ich zurück, dass sich am Nachmittag ja ohnehin nichts tut als das mühevolle Übertragen von Laborbefunden in Fieberkurven. Da schlug mir Graninger vor, dass ich halt am Wochenende auftauchen solle, um was zu lernen.

Damals uninformiert über seinen etwas alternativen Arbeitsstil, war ich am Samstag pünktlich um 8:00 auf der Station gestellt nur um zu erfahren, dass „der Graninger“ (noch unhabilitiert war er schon zu einer Trademark geworden) am Vorabend bis in der Nacht herummurxte und nicht vor 10:00 oder 11:00 erwartet wurde. Als ich an diesem Samstag so gegen 22:00 wieder das Haus verließ, hatte ich einen Crashkurs und -marsch durch ein gutes Dutzend verschiedener Abteilungen des AKH hinter mir, habe Abstriche aus schmierigen Wunden gemacht und begann den Unterschied zwischen Kugel- und Stäbchenbakterien auch durch das Mikroskop zu erkennen. Mir wurden Bakterienkulturen unter die Nase gehalten und erklärt, dass man den Keim ja auch schon am Geruch erkennen sollte und so nebenher erfuhr ich wer nach Meinung meines Tutors ein „echter Trottel“ war und wer nicht. „Herumwixen“ war übrigens seine offizielle Bezeichnung für das wissenschaftlich Tun im Haus.

Viele Anekdötchen verbiete ich mir um, um mich weiterhin hinter meinem Pseudonym verschanzen zu können, aber so viel:  in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren wiederholten sich diese Aktionen und ich begleitete „den Meister“ auch auf so manches „Bezirksärztetreffen“ wo er prinzipiell das Antibiotikum der sponsernden Pharmafirma heruntermachte. Ich erinnere mich noch gut daran, als ein ehrenwerter Medizinalrat erhob und meinte, dass er mit einem damals sehr beliebten, jedoch schlecht resorbierbaren, oralen Antibiotikum „immer gute Erfolge“ sehen würde. Graningers kurze Antwort: „Ja, als Abführmittel“

Als er im Zuge der allgemeinen Aufregung über eine kurzzeitige aber medial nicht kommunizierte „in den Tiefschlaf Versetzung“ unseres damaligen Bundespräsidenten in die ZIB 2 geladen wurde, meinte er auf die Frage, ob denn das nicht ein Sicherheitsrisiko gewesen wäre den ersten Mann im Staate so aus dem Spiel zu nehmen: „Am Wochenende schläft Österreich ja ohnehin und wenn uns die Ukraine den Krieg erklärt, hätten wir ihn ja ohnehin geweckt.“

Graninger wurde viele Jahre später, inzwischen hat er schon Dutzende Studenten um sich geschart, 1996 für „Hirn, Witz, Herz und pechschwarzem Humor“ zum Teacher of the Year ernannt, wie die Wikipedia weiß.

Wie diese dann fortsetzt, wäre aber selbst dem Graninger in seiner besten Zeit nicht eingefallen:
Graninger war der behandelnde Arzt bei der Autoimmunerkrankung von Thomas Klestil, die schließlich zum Tod des österreichischen Bundespräsidenten führte.
Klingt nicht gerade vertrauenerweckend …
 http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Graninger

Ein rezentes Beispiel für Graningers Vortragsstil findet sich hier:
http://billrothhaus.at/index.php?option=com_billrothtv&void=3043

Eine Anekdote möchte ich noch bringen:
Noch zu meiner Studienzeit begann ich mit Graninger auch wissenschaftlich zu arbeiten. Es war völlig sinnlos vor neun oder zehn Uhr abends aufzutauchen, weil erst dann die dauernden Anrufe und „noch schnell zu Erledigendes“ ein konstruktives Arbeiten verbot. Sein damaliges Womanizing war ein weiterr grund …
An einem dieser Abende betrat ich sein kleines Dienstzimmer, eigentlich ein Loch, das mit Arbeitsbänken einer anderen Abteilung angerammelt war. Während wir das aktuelle Manuskript zum x-ten Mal umtexteten schob er eine Musikkassette in den Radiorekorder der zwischen seinen Büchern stand und es erklang „Spanische Gitarre“.
Ich verprasste als Gymnasiast zwei Jahre lang das Geld meiner Eltern um die Kunst des Gitarrespiels nicht zu lernen, glaube deshalb aber trotzdem zu wissen, wie sich gute Gitarre anzuhören hat.
Nach einigen Minuten, in denen wir an unserem Manuskript herumfeilten, fragte Graninger dann fast kleinlaut, ob mir das Stück gefallen würde. Ich bejahte und fragte, wer denn hier spielt, worauf er fast schüchtern meinte, dass er das gestern Abend selbst noch aufgenommen hätte.

Graninger ist einerseits einer der ganz wenigen wirklich Intellektuellen, die ich an der Universität getroffen habe und andererseits jemand mit einem Horizont, der über seine medizinischen Kenntnisse weit hinausging. Uns verband auch die Liebe zum Ostasiatischen Raum, wobei wir uns äußerst uneins über den Subkontingent Indien blieben ….
Ob viele Menschen unter all den Schichten, den Kalauern, den rotzig-lustigen Vorträgen den ganzen Menschen erkannt haben, weiß ich nicht. Ich persönlich würde es von mir nicht glauben, aber wenn ich nach meinen „universitäten Lehrern“ gefragt würde, dann würde ich ihn nennen, auch wenn ich trotz jahrelanger Zusammenarbeit niemals bei ihm angestellt war oder in seinem Fachgebiet tätig wurde ….

PS: Tarivid ist ein Antibiotikum aus der Gruppe der Gyrasehemmer, das gegen eine Reihe von Bakterien wirkt, die eine Harnröhreninfektion verursachen.

Written by medicus58

14. Dezember 2013 at 09:18

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