Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Strahlen – Risikokommunikation’ Category

Ruthenium Slow burn

with 3 comments


Ruthenium (v. lateinisch Ruthenia „Ruthenien“, „Russland“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Ru und der Ordnungszahl 44.

Unter Slow burn versteht man im Film eine Gag-Struktur, wo Aktion und Reaktion deutlich getrennt werden, d.h. zwischen die Wahrnehmung und die Reaktion auf eine Situation wir von den Agierenden eine Pause des Nichtverstehens eingelegt, in der der Zuschauer sein dadurch entstandenes Überlegenheitsgefühl ablachen darf.

Seit 29.9. 2017 wurden in mehreren Ländern Europas Ruthenium 106 gemessen.

An den Luftfiltern der etwa 10 in Österreich verteilten Luftmessstellen für Radioaktivität sind  zwischen 30.September und 3.Oktober maximal etwa 1 bis 40 Millibecquerel Ru-106 pro m³ nachgewiesen worden. Inzwischen sind die Aktivitätswerte wieder in den Bereich der Nachweisgrenze zurückgegangen, berichtete das Lebensministerium bereits am 9.10.2017.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz erfuhr im Rahmen der bilateralen Informationspflichten am 03.10.2017, dass in Österreich Ruthenium-106 gemessen wurden. Am 04.10.2017 schlug auch eine Spurenmessstelle in Deutschland an. Die Messwerte in Deutschland liegen zwischen wenigen Mikrobecquerel und 5 Millibecquerel pro Kubikmeter Luft.
Auf der Homepage des BfS wurde bereits am 8.10. eine Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit veröffentlicht.

Auch aus Frankreich kamen von der IRSN schon am 4.10. gleichlautende Bestätigungen mit weiteren Updates.

Spätestens Anfang November war (auch regelmäßigen Twitter-Teilnehmern) also Folgendes klar:

  • Ende September/Anfang Oktober zog von Osten nach Westen kommend eine „Ruthenium Wolke“ über Europa
  • Etwa zwei Wochen später konnte in der kein zusätzliches Ruthenium mehr gemessen werden
  • Ein Reaktorunfall oder eine Atombombe gelten gleich als unwahrscheinlich, da dabei niemals nur ein einziges Isotop freigesetzt würde. Ein Satellit (mit einer radioaktiven Batterie) wird nicht vermisst.
  • Die Strahlenexposition der Bevölkerung wurde von mehreren Stellen als so gering berechnet, dass sie innerhalb der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlenexposition lag, besondere Maßnahmen waren in Europa also nicht erforderlich. Überraschend führten die ersten Meldungen aber zu wenig Widerhall in dr Öffentlichkeit.
  • Strömungsmessungen verschiedener Institute lokalisierten die Herkunft der Wolke von insgesamt (Quellterm) 100 and 300 teraBecquerels zwischen Wolga und Ural (Météo France).
  • Berechnungen ergaben auch, dass am Unfallort in einem Umkreis von ca 10 km spezielle Maßnahmen für den Bevölkerungsschutz ergriffen werden müssten und ein einem Radius von < 100 km ein Monitoring der Nahrungsmittel sinnvoll sein könnten.

Einzelne Medien berichteten schon früh über das Ereignis, mein Eindruck war damals aber, dass die Nachrichten kaum eine größere Öffentlichkeit erreicht hat.
Telegraph:  Nuclear ‚accident‘ sends radioactive pollution over Europe
Standard: Radioaktivität über Europa: Experten vermuten Quelle im Ural

und nur zur Vollständigkeit: Russia Today: The Russian state atomic energy corporation Rosatom, however, rejected the report, saying that “the radiation situation around all Russian nuclear facilities is within the norm and corresponds to natural background radiation.”

Erst am 21.11. berichtete auch der Russische Wetterdienst über insgesamt vier Messstationen im Süd-Ural, im Nord-Kaukasus und am Don wo im Zeitraum vom 26. September bis zum 1. Oktober 2017 Ruthenium-106 nachgewiesen wurde. Quantitativ steht der Bericht aber im Ggs zu oben zitierten früheren Kalkulationen, wenn behauptet wird: Die Messwerte in der Luft liegen zwischen 15 und 76 Millibecquerel pro Kubikmeter und liegen damit in einem Bereich von Messwerten, wie sie einige Tage später in Südosteuropa (Rumänien) gemessen wurden. Bei den in Russland gemessenen Werten handelt es sich um sehr geringe Radioaktivitätsmengen, die nicht gesundheitsgefährdend sind.

Seit ein paar Tagen ist der Vorfall plötzlich weltweit in den Schlagzeilen.

Nach Aussage der Sprecherin des Umweltministeriums am 21.11. der APA gegenüber, wäre sogar in den vergangenen beiden Wochen in Österreich – wetterbedingt – neuerlich Ruthenium-106 festgestellt worden, allerdings in noch weit geringerer Konzentration und damit knapp an der Nachweisgrenze. Auf der Homepage des Lebensminsteriums findet sich dazu aber (noch) kein Hinweis. Wahrscheinlich handelt es sich um keinen neuen Eintrag sondern um ein Aufwirbeln bereits früher nach Österreich verfrachteten Rutheniums. 

21.11.FAZ:
MYSTERIÖSES RUTHENIUM-106 : Was geschah im Ural?
21.11. New York Times:
Russia, in Reversal, Confirms Radiation Spike
21.11.: Süddeutsche:
Erhöhte Radioaktivität über Europa kommt aus Russland
21.11. WELT:
„Äußerst hohe“ Ruthenium-Konzentration nahe AKW gemessen

22.11. Science Alert:
Here’s What You Need to Know About That Mysterious Radiation Cloud Over Europe
22.11. The SUN: 
Has Russia had a secret nuclear disaster? Giant toxic cloud and radioactivity levels 1000 higher than usual spark panic
22.11. New Delhi Times:
Russia Confirms Spike in Radioactivity in Urals

Russia Today versuchte sehr kryptisch zurück zu rudern:
Russland: Radioaktive Strahlenmessungen als Inspirationsquelle des Auslands,
erinnert – wie inzwischen viele Quellen – an die Kerntechnische Anlage Majak, wo weiträumige Kontaminationen bekannt sind, um dann gleich wieder abzuwiegeln:

Die veröffentlichten Daten erlauben es uns nicht, den Ort der Verschmutzungsquelle festzustellen. Dabei war die Konzentration auf russischem Gebiet immer noch zehntausende Male unter der zulässigen Höchstgrenze, für die Gesundheit der Bevölkerung besteht keine Gefahr.

Ja und auch bei uns springen nun kleine Blätter vollmundig auf:
Kleine Zeitung: Ruthenium in der Luft: Österreich fordert Aufklärung

Indische Medien zitieren Alexander Antipin, den Pressesekretär für Südasien der staatliche russische Atomorganisation Rosatom für Südasien, der explizit den Standort Majak als Quelle für das Ruthenium ausschließt!

Wegen der widersprüchlichen Aussagen der russischen Behörden schätzt das IRSN die Chancen, dass die Herkunft des Rutheniums bald geklärt wird, für gering ein. Greenpeace Russia schaffte es zumindest von Rosatom Messergebnisse zu erhalten und plant offenbar eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen möglicher Verheimlichung eines nuklearen Unfalls.

Sehr viel mehr ist im Augenblick zu dem Vorfall auch nicht zu erfahren, wobei mir
vier Dinge bemerkenswert erscheinen:

  • Das Europäische Warnsystem und die innerstaatlichen Informationsflüsse scheinen zu funktionieren und werden auch kommuniziert.
  • Die mediale Aufarbeitung – auch in sogenannten Qualitätsmedien – erfolgt hingegen immer entweder zu früh oder mit zu langer Latenz.
  • Die IAEA kommt ihrer Aufgabe, die interessierte Öffentlichkeit zeitnahe zu informieren leider nicht in ausreichendem Maße nach. Sucht man aktuell auf der Homepage findet man gar nichts.
  • Die oft wiederholte Sage, dass die Informationen über den Unfall in Tschernobyl nur deshalb von Russland so lange unterdrückt wurden, weil damals ein kommunistisches Regime herrschte, ist als Erklärungsmodell nicht mehr länger aufrecht erhalten. Gerade in diesem Jahr hat sich Putin explizit nicht mehr als Erbe der Kommunistischen Revolution vor 100 Jahren gesehen.

 

Advertisements

Written by medicus58

23. November 2017 at 18:02

5 Jahre Fukushima: Expert: „This is a serious situation“

with one comment


Fukushima-Daiichi-Nuclear-Power-Station blast2

In den ersten Wochen nach dem Super GAU von Fukushima, war die HP der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS)  http://www.grs.de eine der seriösesten Informationsquellen über den aktuellen Wissenstand. Die 5. Auflage 2016 ihres Berichts über den Unfallablauf und die radiologischen Folgen sind auch für nicht einschlägig ge- oder ausgebildete Leser informativ: http://www.grs.de/sites/default/files/pdf/grs-s-56.pdf

Auch dieser Blog beschäftigte sich seit fünf Jahren immer wieder mit der medialen Aufarbeitung des Ereignisses und hat seither eine eigene Rubrik:
https://medicus58.wordpress.com/category/strahlen-risikokommunikation/

2011: 

Chronologie der Ereignisse  http://wp.me/p1kfuX-1R
Chronologie der Ereignisse II
http://wp.me/p1kfuX-24
wie die IAEA vor lauter Maulkörben zur Lachnummer wurde

Fukushima FF http://wp.me/p1kfuX-1J
war lange Zeit einer der am häufigsten via Google angeklickte Beitrag, aber nicht wegen „Fukushima“ sondern wegen das dort erwähnten PC Ganes „SimCity“

WEGWERF-ARBEITER
http://wp.me/p1kfuX-2m
Wegwerf-Arbeiter http://wp.me/p1kfuX-aR
eine Beispiel, wie inzwischen widerlegte Vermutungen eines WDR Reporter weltweite Schlagzeilen generierten

Copy and Paste ist kein Journalismus http://wp.me/p1kfuX-2j
Ein weiterer Beweis für die Schlampigkeit der Medien

Ejaculatio praecox
http://wp.me/p1kfuX-39
Methodenloser Wahnsinn
http://wp.me/p1kfuX-2e
Zuerst Panik, dann Desinteresse

Fremdfürchten http://wp.me/p1kfuX-aL

Ein kurzer Zwischenbericht: Ein paar Gedanken zu Fukushima
 http://wp.me/p1kfuX-1U

Fukushima revisited http://wp.me/p1kfuX-4d

Auch die Katastrophe muss verrechtlicht werden http://wp.me/p1kfuX-2p

3. März 2012:
Die Leere (sic) aus Fukushima http://wp.me/p1kfuX-bT

8. März 2012: Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater http://wp.me/p1kfuX-cc

11. März 2012: @hirn #twitter #fukushima http://wp.me/p1kfuX-co

22. Mai 2012: Nein zum Atom oder Atome sind mir nicht grün http://wp.me/p1kfuX-iy

18.Oktober 2012: Der perverse Zusammenhang zwischen Angst und Information: Fukushima http://wp.me/p1kfuX-tV 

11. März 2014: Wann kommt endlich die Argumentationswende der AKW Gegner? http://wp.me/p1kfuX-LD

6. August 2015: Hiroschima: hier und jetzt http://wp.me/p1kfuX-10T

Written by medicus58

11. März 2016 at 18:36

Hiroschima: hier und jetzt

with one comment


Hiroschima-2
Heute jährt sich der Abwurf der Atombombe auf Hiroschima zum 70. Mal und in Japan gedenken die Menschen der Opfer.
http://derstandard.at/2000020285375/Japan-gedenkt-den-Opfern-der-Atombombe-in-Hiroshima

Während hinsichtlich der Opferzahlen des akuten Ereignisses, die Angaben schwanken, wissen wir durch die Life-Span-Study heute relativ gut über das weitere Schicksal von etwa 120.000 Personen (exaktes Zahlenmaterial existiert von ca. 80.000) der Überlebenden, die sich zum Zeitpunkt der Detonation innerhalb 10 km vom Hypozentrum der beiden Abwürfe in Hiroschima und Nagasaki aufgehalten haben.

Bei den strahleninduzierten Malignomen stand innerhalb der ersten 10 Jahre der Blutkrebs (Leukämie) im Vordergrund, danach starben mehr Menschen an sogenannten soliden Malignomen (Magen-, Lungen-, Brust-,Colorectal-, Leberkrebs), wobei es pathophysiologisch bemerkenswert ist, dass in dieser Gruppe auch noch später ein erhöhtes Leukämierisko nachweisbar war. Das ist u.a. auch der Hintergrund für die aktuellen Risikokonzepte, die für die Exposition gegenüber ionisierender Strahlung ein kumulatives Risiko annehmen, unabhängig davon, wann es zu dieser Exposition kam.

Bemerkenswert ist aber auch, dass in unzähligen Gesprächen, die ich mit Studenten aber auch völlig Fachfremden führte, der Prozentsatz der später an Krebs erkrankten Betroffenen stark überschätzt wurde und die „Spontanrate“ maligner Erkrankungen in der entwickelten Welt (ca. 20-30%) stark unterschätzt wird:

Zum Beispiel sind in der Subgruppe derjenigen 21.343 Probanden, die sich in einem Umkreis zwischen 2,0-2,5 km vom Hypozentrum der Bomben aufgehalten haben, zwischen 1950 und 1990 zusätzlich zum Erwartungswert 39 (4%) an Leukämie und 1781 (0,5%) an soliden Malignomen verstorben.
Natürlich ist das nicht nichts und diese Krankheiten wären ohne die Strahlenexposition nicht aufgetreten. In den angesprochenen Gesprächen lagen aber die Schätzungen an „Krebstoten“ stets zwischen 75% und 100%.
http://www.stat.ucla.edu/~dinov/courses_students.dir/data.dir/AtomicBombSurvivorsData.htm
http://www.rerf.jp/library/archives_e/lsstitle.html

Weiters ist bemerkenswert, dass ich bei meinen Besuchen Ende der 90er jahre in den ansonsten sehr gut gemachten Museen von Hiroschima und Nagasaki keine Erwähnung fand, dass der Bombenabwurf (obwohl er aus heutiger Sicht für die USA mehr Experiment denn kriegsentscheidende Notwendigkeit war) eine militärische Reaktion auf einen Angriffskrieg des Dritten Reiches und Japan war.

Das Bild zu Beginn des Beitrags zeigt den jugendlichen Sumiteru Taniguchi (https://en.wikipedia.org/wiki/Sumiteru_Taniguchi), einer der Überlebenden des Abwurfs von Nagasaki und späteren Aktivisten gegen A-Waffen.

Das letzte Bild dieses zeigt ihn als Erwachsener, um auch das Bild eines „Überlebenden„, jenseits aller Statistik etwas nachvollziehbarer zu machen:

Hiroschima

PS: Die beiden Bilder stammen aus meinen Vorlesungsunterlagen, leider kann ich nicht mehr eruieren, woher ich sie haben und deshalb auch kein richtiges Copyright angeben.

Written by medicus58

6. August 2015 at 07:31

Software kann auch töten

leave a comment »


EDV Kreuz 

Die Überschrift mag spekulativ klingen, lässt sich aber leicht beweisen.
Dass Software niemals gänzlich problemlos abläuft, erleben wir arbeitstäglich mit unseren Microsoft Office Paketen und in der Freizeit, wenn der geilste Ego-Shooter an der Playstaion gerade dann einfriert, wenn man das Böse vor der Mündung hat.

Beides ärgerlich, aber letztendlich mit einem Ctrl-Alt-Del, abgesehen von allfällig verlorengegangenen Zwischenergebnissen, weitgehende folgenfrei zu beheben.

Als im Februar 2009 das Google Mailsystem für 2,5 Stunden down war, war rezent eingespielter Softwarcode dafür verantwortlich, das sich das System während einer Routinewartung an den europäischen Servern anders verhielt als vorhergesehen, aber auch noch kein Beinbruch.

Anders schaut die Sache aus, wenn wir es mit Software zu tun haben, die gefahrengeneigte Prozesse steuert.

1980 meldete NORAD (North American Aerospace Defense Command) fälschlicherweiseeinen Angriff russischer Raketen, während 1983 Russland glaubte von US Raketen angegriffen zu werden. Hätten die Zuständigen auf ihre Computer vertraut, hätten wir den 3. Weltkriegauch schon hinter uns …

Eine mangelhafte Software eines Elektronen-Linearbeschleuniger(LINAC, Therac-25) der in der Radioonkologie eingesetzt wird, verursachte zwischen 1985-1987 (!) bei sechs Patienten Verletzungen, die bei drei zum Tode führten, ehe der Fehler entdeckt wurde und die AECL (Atomic Energy of Canada Ltd eine Warnung an alle Therac-25 Benützer herausgab, die empfahl sich nicht auf die elektronischen Sensoren im Gerät zu verlassen und vor Bestrahlungsbeginn eine visuelle Kontrolle der Geräteposition durchzuführen.
http://formal.iti.kit.edu/~beckert/teaching/Seminar-Softwarefehler-SS03/Ausarbeitungen/pfeifer.pdf

Auch bei zwischen August 2000 und März 2001 am Instituto Oncológico Nacional (ION) in Panama überdosierten Patienten war ein Fehler des computerisierten Behandlungsplanunssystem ursächlich verantwortlich. Erst nach den ersten Todesfällen wurde der Fehler aufgedeckt.

Zwischen Februar 2008 und August 2009 führte am Cedar Sinai Medical Center in Los Angeles, USA eine Fehlkonfiguration eines CTs für Hirnperfusionsstörungen dazu, dass 206 Patients einer etwa 8x höheren Strahlenexposition ausgesetzt waren, als für das Untersuchungsverfahren üblich gewesen wäre. Vorübergehender Haarverlust und Erytheme wurden beobachtet.

Die Liste ließe sich noch mit einigen Beispielen fortsetzen (Economist:6/12: When code can kill or cure http://www.economist.com/node/21556098) und der Verdacht würde sich erhärten, dass wir die Anzahl der weniger spektakulären Fälle gar nicht abschätzen können.

Von den indirekten Folgen ungeügender Software im medizinischen Bereich als Auslöser ärztlicher Fehler (Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV http://wp.me/p1kfuX-Iz) habe ich bereits mehrfach geschrieben …

Es wäre höchst wünschenswert, wenn die EDV Verantwortlichen im medizinischen Bereich sich endlich einmal nur annähernde ähnlichen Qualitätsüberprüfungen stellen müssten wie die Gesundheitsberufe:

Kein Einspielen neuer Software ohne ausführliche Testung im Echtbetrieb und Einschulung des Personals an funktionierenden Demoversionen.

Regelmäßige und automatisierte Checks, ob die einmal vorgesehenen Pfade der Daten weiterhin funktionieren.

Regelmäßiger Check auf Doubletten, Inkonsistenzen und verlorengegangener Daten, …

da kämen einem viele Ideen, die für einen wissenschaftlich tätigen Arzt Routine wären …

Wann kommt endlich die Argumentationswende der AKW Gegner?

leave a comment »


radioaktiv2

 

Heute vor drei Jahren ereignete sich der AKW Unfall von Fukushima und die mediale Auseinandersetzung über die gesundheitlichen Folgen geht in die nächste Runde.
Kernthema ist hier das Schilddrüsenkarzinom, da es sich hier um den einzigen Organkrebs handelt, für den -zumindest für Kinder und Jugendliche, eine von keiner Seite zu bezweifelnde Zunahme nach dem AKW Unfall von Chernobyl bewiesen werden konnte.

Im Gegensatz zu Chernobly 1986, wo spät mit systematischen Untersuchungen begonnen wurde, haben die japanischen Behörden unmittelbar nach dem Unfall mit einen Ultraschall Screeningprogramm begonnen, das insgesamt 360.000 Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr einschliessen sollte. Als erstes Ergebnis fanden sich bei einem hohen Prozentsatz kleine Zysten und Knoten, wobei einer später nachgeholte Vergleichsstudie aus einem weiter entfernten Gebiet eine ebenso große Anzahl an morphologischen Veränderungen fand, so dass sich die Frage stellte, ob man nicht einfach durch die exaktere Untersuchugn heute mehr Veränderungen findet, als früher. Wesentlich für das Verständnis ist aber, dass es bislang keinen Beweis gibt, das diese Veränderungen Vorboten von bösartigen Geschwülsten sind. Aus den veröffentlichten Dosisberechnungen ist es auch schwer vorstellbar, dass eine so große Anzahl an Kindern und Jugendlichen eine so große Menge Radiojod aufgenommen haben, dass sich eine allfällige Zunahme von Schilddrüsenkrebs statistisch nachweisen ließe. Weiters wird darauf verwiesen, dass es nach Chernobyl 3-4 Jahre gedauert hat, bis eine statistisch nachweisbare Zunahme erkennbar war.

Pünktlich zum Jahrestag kommen nun von offizieller Seite beruhigende Aussendungen, die von AKW-Gegner sofort in ihrer Glaubhaftigkeit angezweifelt werden. In jedem Fall ein gefundenes Fressen für die Medien und was folgt ist das gegenseitige Aufrechnen, der bislang „gefundenen“ kindlichen Schilddrüsenkarzinomen:

Mit Stand 20.8.2013 wurden bereits
216.809 Kinder und Jugendliche untersucht und nach einer Zweitbegutachtung und 203 Punktionen bei
44 Personen ein Malignom oder ein hoher Verdacht auf ein Malignom ausgesprochen, von den
19 operiert wurden.
18 von diesen hatten ein papilläres SD Karzinom und in
1 Fall war das Endergebnis eine gutartige Veränderung

Aktuell (http://www.aerztezeitung.de/panorama/k_specials/japan/article/856710/fukushima-streitpunkt-schilddruesenkrebs.html)
ist die Zahl der  „gefundenen“ Schilddrüsenkarzinomen
74 von 333.4003 Untersuchten = 0,02%

Die weltweite Inzidenz des SD-CA im Kindesalter ohne Radiojodexposition wird zwischen weniger als 1 und 4:1.000.000 und Jahr angegeben.
In Weissrussland erhielten tausende Kinder > 2 Gy Exposition und die Inzidenz des SD-CA stieg (1990-1994) auf 90:1.000.000/ Jahr.
In Japan ist laut WHO Bericht 2013 selbst in den am höchsten betroffenen Gebieten in der Prefektur eine so hohe Exposition -wenn überhaupt – nur bei einigen ganz wenigen Individuen zu erwarten.

Vor diesem Hintergrund lassen sich nun trefflich hochrechnen und streiten.

Was ich nur nicht verstehe, weshalb sich die AKW Gegner so sehr auf die Fälle einiger Schilddrüsenkarzinome stürzen, deren kausaler Zusammenhang zum Supergau in Folge der kleinen Fallzahl mit größter Wahrscheinlichkeit nicht zweifelsfrei herzustellen sein wird, statt dass sie die zwar „benignen“ aber in ihrer Kausalität unmittelbar einsehbaren und hinsichtlich der Anzahl der Betroffenen statistisch viel eindeutigeren Folgen thematisieren.
Im Gegensatz zum Spiegel („Krebsangst frisst Seele auf
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/fukushima-krebsangst-frisst-seele-auf-a-812992.html) ist es eben nicht nur die Krebsangst ist, die nach einer derartigen Katastrophe negative Auswirkungen auf das somatische, psychische und soziale Befinden einer großen Gruppe von Menschen hat.

Dabei meine ich nicht das „Fremdängstigen“, das hierzulande bei jedem Besuch in der Sushi Bar wird, sondern die konkreten Auswirkungen für die lokale Bevölkerung, die seit drei Jahren mit Kontrollen, Grenzwerten und extrem widersprüchlichen Informationen konfrontiert wird.

Written by medicus58

11. März 2014 at 07:15

Die toten Seelen in der Computertomografie

with one comment


Pediatric CT
In JAMA Pediatrics wurde aktuell folgender Artikel publiziert:
The Use of Computed Tomography in Pediatrics and the Associated Radiation Exposure and Estimated Cancer Risk

Darin wird, wie schon in Dutzenden früheren Artikeln auf die rasante Zunahme der CT-Untersuchungen in den USA hingewiesen und die Verdoppelung bei Kindern < 15 Jahren zwischen 1996-2010 näher analysiert. Ein vergleichbarer Trend ist übrigens in allen Gesundheitssystemen zu beobachten!

In dieser (retrospektiven) Studie wurde aus der abgeschätzten Strahlenexposition (0,03 -69,2 mSv/CT; eine Messung im Einzelfall ist praktisch unmöglich) von 744 CT Untersuchungen an Kindern und dem von anderer Seite ebenfalls nur kalkulierten und nicht mittels RCT (randomisiert kontrollierten Studie) nachgewiesenen Risiko der Krebsentstehung durch eine bestimmte Strahlenexposition, das durch die Untersuchung erhöhte Erkrankungsrisiko der Gruppe errechnet.
Für die in den USA jährlich an Kindern durchgeführten 4 Millionen Kopf-, Bauch/Becken-, Oberkörper- und Wirbelsäulen-CTs kommt man dann auf 4870 zusätzlich ausgelöste Krebsfälle.

In der medialen Aufarbeitung liest sich das in ansteigender Plakativität so:

Computertomografien (CT) sind bei Medizinern sehr beliebt, doch Patienten werden dabei einer hohen Strahlendosis ausgesetzt, die besonders bei Kindern zu Krebs führen kann.
http://healthnewsnet.de/ct-untersuchungen-konnen-bei-kindern-krebs-verursachen-4225  

Dass eine CT-Untersuchung aus Belieben sondern wegen einer bestimmten diagnostischen Frage (z.B. Kind hat schon Krebs und man möchte wissen, ob es Lebermetastasen hat) angefordert wird, kommt da kaum durch.

Die drohende Gefahr ist auf für Die Welt publizistisch immer griffiger, wenn man Experten zitieren kann:

CT-Untersuchung bei Kindern führt häufig zu Krebs: Experten befürchten Tausende Krebserkrankungen.
http://www.welt.de/gesundheit/article116996139/CT-Untersuchung-bei-Kindern-fuehrt-haeufig-zu-Krebs.html

Dass es vielleicht die selben Experten (Kinderärzte, Kinderradiologen) waren, die trotzdem eine Indikation für die CT-Untersuchungen gesehen haben, bleibt unerwähnt.

Noch saftiger bei n-tv:
Studie aus den USA alarmiert CT löst bei Tausenden Kindern Krebs aus
http://www.n-tv.de/wissen/CT-loest-bei-Tausenden-Kindern-Krebs-aus-article10795546.html  

Nochmals, hier wurden Risken berechnet und nicht Grabsteine gezählt und die Kalkulationen beziehen sich auf ein Risiko das (nach bestem wissenschaftlichem Wissen) für die folgenden Jahrzehnte kalkuliert wurden und somit auch erst im Erwachsenenalter schlagend werden könnte.

Und schließlich leakte die ganze Wahrheit auf Antizensur.de:
Tausende Kinder an Krebs durch CT-Untersuchung erkrankt
http://www.antizensur.de/tausende-kinder-an-krebs-durch-ct-untersuchung-erkrankt/

Wir haben uns mit der Problematik, damals im Zusammenhang mit einer Publikation, die das durch Screeninguntersuchungen in der Radiologie und Nuklearmedizin erhöhten Brustkrebsrisiko thematisierten: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82833  

Aus medizinischer Sicht ist das alles ja relativ trivial:

Wird eine Gruppe von Menschen einmalig einer ionisierenden Strahlung ausgesetzt, dann ist ab einer gewissen Stärke (> 50-70 ausgedrückt als Effektivdosis in mSv) gesichert, dass in dieser Gruppe mehr Individuen eine bösartige Erkrankung („Krebs“) entwickeln werden als in einer Vergleichsgruppe, die diese Effektivdosis nicht erhalten haben.

Zweitens ist gesichert, dass die „Strahlenempfindlichkeit“ (also die Wahrscheinlichkeit, dass ionisierende Strahlen ein bösartige Erkrankung auslösen) aber auch (das ist was anderes!) dass dies vom Betroffenen noch erlebt wird) bei Kindern überproportional höher ist.

Drittens hat sich die Mehrzahl der Wissenschafter auf Basis von seit Jahrzehnten diskutierten Gründen, die weit in verschiedene Fachgebiete (Physik, Biologie, Medizin, Epidemiologie, Risikoforschung Statistik,…) reichen, geeinigt, dass man
1. auch für geringere Effektivdosen (0 – 50-70 mSv) und
2. für kumulierte Dosen (also keine Einzelexposition sondern eine länger andauernde Exposition)
eine lineare Extrapolation des Risikos nach unten vornimmt, d.h. dass auch eine Exposition von z.B. 0,00001 mSv noch ein höheres Risiko bedeutet, als 0; obwohl sich dies niemals in einem praktischen Versuch beweisen lässt.

Letztlich besteht bei medizinischer Anwendung ionisierender Strahlen eine Rechtfertigungspflicht (für den Zuweiser und Durchführer), dass das eingegangene Risiko (wie groß oder wie klein auch immer) durch den erwarteten Nutzen aufgewogen wird.

Während gegen die vorgestellte Studie natürlich nichts einzuwenden ist, da sie einfach die bekannten Tatsachen in Erinnerung ruft und zu einer qualifizierten Indikationsstellung an Stelle einer leichtfertigen Überweisung aufruft, zeigt die trivialisierte Aufarbeitung in den Medien, dass sich am Ende niemand mehr darum schert, dass es sich hier um Risikoabschätzungen für Gruppen und nicht um bewiesene einzelne Krankheitsfälle handelt.

Weiters halte ich es immer wieder für überraschend, dass man Expertenwissen heranzieht, um diese Horrorszenarien zu malen, andererseits aber davon ausgeht, dass keinerlei Expertenwissen angewandt wurde, um die Untersuchungen anzuordnen („Computertomografien (CT) sind bei Medizinern sehr beliebt“). Es scheint völlig unvorstellbar, dass sich ein Arzt diagnostische Gewissheit verschaffen muss eher er eine Behandlung beginnt oder unterlässt.

Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Untersuchungen wie therapeutische Handlungen, selbst Operationen häufiger angewandt werden, wenn sie dem Anwender Geld bringen, da ist das Gesundheitssystem nicht anders als jedes andere Geschäft; Mediziner haben sich die Form ihrer Bezahlung nicht aussuchen können, dass sich ärztliche Tätigkeit nicht nur durch die Anzahl der durchgeführten Tätigkeiten messen lässt, sondern immer häufiger durch die argumentierte Verweigerung unsinniger Tätigkeiten auszeichnet, habe ich erst kürzlich dargelegt: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82833

Das Spiel mit den „Toten Seelen“, die nur am Papier existieren ist einfach nur ärgerlich.

Ergänzung: Der Begriff wurde einem meiner Lieblingsromane entliehen, Gogols „Die Tote Seelen“. Hier wird mit dem Verkauf und der Verpfändung bereits verstorbener Leibeigenen, die bis zur nächsten Revision nicht aus den Steuerlisten gestrichen waren und als Besitz galten, ein rechtlich beglaubigter Handel betrieben.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Die_toten_Seelen)

Written by medicus58

13. Juni 2013 at 19:21

Der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben: CT Screening

leave a comment »


Alljährlich im November pilgert die radiologische Welt in das kalte, windige Chicago um am Kongress der RSNA das neueste Wissen auszutauschen.

Wie es sich für jeden guten Kongress gehört, müssen auch knackige Erkenntnisse an die Presse weitergegeben werden. 
Der neueste Aufreger ist:

Breast Cancer Risk Estimates Increased with Repeated Prior CT and Nuclear Imaging 

also sinngemäß: 
Wiederholte Computertomografie- und nuklearmedizinische Untersuchungen erhöhen das Risiko für Brustkrebs.
http://www2.rsna.org/timssnet/media/pressreleases/pr_target.cfm?ID=639 

Kurz zusammen gefasst fanden die Autoren bei Frauen, die aus verschiedenen Gründen eine oder mehrere dieser Untersuchungen erhielten, bei denen ihr Brustgewebe ionisierenden Strahlen ausgesetzt wurde, ein höheres Risiko an Brustkrebs zu erkranken.

Abstract im Original: 
http://rsna2012.rsna.org/search/event_display.cfm?em_id=12035878&EmbargoedAbstract=true&printmode=1

Diese Studie reiht sich in Dutzende vergleichbare Studien ein, die in den letzten Jahren publiziert wurden (z.B. mehr Hirntumore bei Kindern, die CTs erhielten, Zunahme der Karzinomhäufigkeit bei Dialysepatienten durch häufigere Koronar-CTs, … etc.), die zwar methodisch angreifbar, aber letztendlich einen solchen Zusammenhang herstellten..

Das Bemerkenswerte dieser Ergebnisse ist nicht so sehr, dass es einen Zusammenhang zwischen Krebsrisiko und ionisierender Strahlung gibt, 
das ist seit mindestens einem Jahrhundert bekannt, 
sondern, dass in sehr heterogenen Kollektiven, von denen oft auch nicht alle relevanten Daten vorliegen dieser Zusammenhang auch für sehr kleiner Dosen ( z.B. < 50 mSv Effektivdosis) nachweisbar sein soll.

Thus a child or young adult who undergoes two or more chest or cardiac CTs more than doubles her 10-year risk of breast cancer. 
Ein junges Mädchen verdoppelt durch 2 oder mehr Thorax-CTs ihr 10-Jahres Risiko ein Mammakarzinom zu entwickeln.

Es gibt viele Gründe, weshalb gerade in den letzten Jahren diese Art von Studien in großer Zahl erscheinen. Die Zugänglichkeit der Daten durch die elektronischen Krankenakten (E-Health) ist definitiv ein Faktor, aber natürlich auch ein wesentlicher Kritikpunkt, da – wie hier schon oft gezeigt – diese Datenbanken viele Fehler beinhalten.
Auch einen Versuch der Krankenversicherungen, die Patienten von immer mehr Untersuchungen abzuhalten, würde ich nicht ausschliessen, hat doch die Anzahl der CT-Untersuchungen weltweit und insbesondere in den USA deutlich (ca. 7%/Jahr) zugenommen.

Gerade in den USA (z.T auch in Japan) wurde und wird der jährliche CAT-Scan oder PET/CT zur Karzinom Früherkennung angeboten und von den Patienten auch selbst bezahlt. Auch in Österreich hat es Werbeaussendungen an zahlungskräftige Zielgruppen (Bankmanager,…) gegeben, die so etwas vorgeschlagen haben.

Wenn Sie mich nun fragen, wie man diese neue Studie den einordnen soll, dann ist meine Antwort sehr einfach:

Bei jeder von einem Facharzt aus medizinischen (nicht ökonomischen Gründen) indizierte Untersuchung mit ionisierenden Strahlen überwiegt der mögliche Nutzen (Bestätigung oder Ausschluss eines schweren Verdachts) das (wie niedrig auch imemr anzusetzende Gesundheitsrisiko.

Jede unnötige Anwendung von ionisierenden Strahlen, 
weil es der Patient verlangt 
(z.B. Eltern nach Sturz ihres Säuglings aus dem Bettchen),
weil es der Zuweiser verlangt
(z.B. weil er wo gelesen hat, dass man das nun macht)
weil es der Verwalter will
(z.B. weil sich sonst das Gerät nicht amortisiert)
ist von den dafür ausgebildeten Fachärzten zu untersagen.

Dies finden Sie übrigens schon in der Patientenschutzrichtlinie EURATOM 97 bzw. in deren Übernahme in das Österreichische Recht.
 
Dies sei auch all unseren Gesundheitsökonomen ins Stammbuch gekritzelt, die glauben, dass sich ärztliche Tätigkeit nur durch die Anzahl der durchgeführten Tätigkeiten messen läßt

Die begründete Ablehnung einer Untersuchung, egal ob dem Zuweiser oder Patienten gegenüber, kostet unendlich mehr Zeit als die Durchführung einer unnötigen Untersuchung, bringt aber kein Geld. 

Sollte vielleicht auch einmal in der Debatte um die Gesundheitsreform berücksichtigt werden ….

Written by medicus58

28. November 2012 at 16:21

%d Bloggern gefällt das: