Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for August 2018

IKEA verstehen: Mittelklasse unter sich

with 2 comments


„Das ist hübsch, was ist das?“

„Da kann man was reingeben.“

Im Selbstbedienungsbereich des IKEA findet man ein Paralleluniversum. Weiblich dominantes Mittelstandspublikum, spät berufene nicht mehr Jung-Eltern und offenkundig mit dem Nestbau ausgelastete Verpartnerte schleppen den inzwischen im mehr oder weniger Fernen Osten gefertigten, ehemals europäisch gutbürgerlichen Wohntraum der späten 50er und frühen 60er Jahren nach Hause.

Grau-grün-braune Ohrensessel, Omas Servierbretter und Einsiedegläser in denen nichts mehr eingerext wird sondern bestenfalls Smoothie herausgesaugt wird. Und jede Menge Duftkerzen und Behübschungs-Un-Zierrat.

Überwiegend weißhäutiges Publikum oder Multi-kulti aus dem Schlagschatten der Uno-City, weder Glatzköpfe noch afghanische Asylwerber. Man findet sich am Fleischbällchen oder bei immer mehr veganem Zeug.

Wie nachhaltig die Schlägerungen waren, aus denen die unaussprechlichen Kreationen gefertigt sind, ob sich in den kuscheligen Heimtextilien noch was anderes als Polyester findet, und wo die Gewinne versteuert werden ist dem Family-Card Besitzer einerlei.

Er könnte sich das zwar alles fragen, muss es aber nicht, wenn er mit seinem Einkaufswagerl an eine der endlosen Schlangen an den fast 30 Kassen andockt und sich und seinem Zahnarzt noch einen Daim-Riegel gönnt.

Werbeanzeigen

Written by medicus58

25. August 2018 at 16:15

Veröffentlicht in Was im Alltag so alles nervt

Tagged with , ,

Es ist richtig, dass über Zwischenfälle im Gesundheitsbereich diskutiert wird, über die Berichterstattung sollte man aber auch diskutieren

with one comment


Im LKH Salzburg kam es am 27.April dieses Jahres im Zuge eines kleinen Eingriffs bei einem 17 Monate alten Bub beim Ausleiten der Narkose zum Einatmen von Erbrochenem und einem schweren Hirnschaden. Das Kind verstarb 11 Tage später ohne aus dem Koma erwacht zu sein.

Die Salzburger Nachrichten berichteten am 5. Juni (!) von dem Fall mit der Schlagzeile:
Kleinkind starb nach Operation im Landeskrankenhaus
Gleichzeitig berichteten die Tiroler Tageszeitung, OE24 und auch Heute den Vorfall weitgehend gleichartig, also offensichtlich ohne tiefer gehende eigene Recherche.
Auch Orf.at die OÖ Nachrichten und die Kleine Zeitung fanden an diesem Tag keine anderen Worte oder Fakten:

Der Zwischenfall ist bei einer indizierten aber nicht unmittelbar erforderlichen OP passiert, das KH hat den Fall dem Staatsanwalt vorgelegt, die Eltern haben rechtlichen Beistand.

Niemand wurde bislang freigestellt, weil keine grobe Fahrlässigkeit bestand.

Nein, heute geht es mir nicht wie schon 2011 darum, dass Copy and Paste ist kein Journalismus ist.

Heute, am 19.August um 6:00 titelt die Kronen Zeitung:

Eltern klagen an: „Ärzte haben unseren David auf dem Gewissen“

Jetzt kann man über den Stil der Krone zu Recht empört sein, die die Geschichte selbstverständlich mit Babyfotos und Homestory
(„Das Gute ist, euer Kind ist nicht tot“,
„wir beatmen nur mehr einen Toten“)
4 Monate nach dem Vorfall „zum Thema macht“.

Prüft man aber den Inhalt dieses Textes, dann stößt man auf Details, die, wenn sie stimmen, durchaus schon vor Monaten berichtenswert gewesen wären und man stellt sich die Frage,
weshalb die oben zitierten Qualitätsmedien, das übersehen haben:

Angeblich war das Kind nicht nüchtern und wurde dann doch noch am selben Tag operiert, als die Eltern eine private Zusatzversicherung erwähnten.

Die Krone ist nicht die Staatsanwaltschaft und selbstverständlich gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung, solange nicht eine unabhängiger Richter (möglicherweise letztinstanzlich) ein Urteil gesprochen hat, aber in Zeiten wie diesen, wo immer wieder die demokratiepolitische Wichtigkeit der Medien als Vierten Kraft im Staate betont wird, stellt sich mir schon die Frage, weshalb angebliche Qualitätsmedien derart wesentliche Hintergründe offenbar nicht recherchierten, obwohlsie über den Fall berichten.

Natürlich bringen unerwartete Todesfälle in der Medizin Quote, der Leser kann aber mit der Tatsache an sich nichts anfangen, außer er verzichtet darauf, jemals wieder im Krankheitsfall in ein Spital zu gehen.
Wenn aber nur ein Teil des Artikels in der Krone der Wahrheit entspricht, kann man m.E. schwer behaupten, dass da alle alles völlig richtig gemacht haben.

Wer jemals in einem Spitalsbetrieb interventionell tätig war weiß, dass in der Routine durch unglückliche Verkettungen Fehler passieren können, die eigentlich nie passieren hätten dürfen.
Es ist völlig verständlich, dass die Betroffenen nun die Schuld personalisieren wollen und möglicherweise, wird das eine genaue Aufarbeitung der Ereignisse auch ergeben, nur scheint immer mehr eines klar:
Die sogenannten Qualitätsmedien scheinen – warum auch immer -nicht mehr in der Lage die Faktenlage zu ihren Nachrichten zu recherchieren. 
Das ist sehr bedauerlich, denn damit legitimiert man den Boulevard die Themenführerschaft zu übernehmen.

Ich werde berichten, wie der Fall ausgegangen ist.

Written by medicus58

19. August 2018 at 13:44

Asylgrund Homosexualität

with one comment


Asylbescheid gegen Homosexuellen zieht internationale Kreise alarmiert gerade Die Presse.
„Die irrste Abschiebebegründung Europas“ titelte etwa die deutsche „Bild, wie die Presse auch nicht gerade die Speerspitze gesellschaftspolitischer Liberalität.

In Unkenntnis der Details dieses Falles kann und will ich dazu auch nichts zum Fall des nun 18-Jährigen sagen und hoffe regelmäßigen Lesern dieses Blogs nicht ausdrücklich betonen zu müssen, dass ich jede einvernehmliche Sexualität zwischen zwei gesunden Erwachsenen für legitim halte und – eh klar – Homosexualität ist keine Krankheit.

Ich möchte auch nicht in der Haut jener stecken, die seit einigen Jahren unter enormem Zeitdruck zwischen Asylberechtigten und jenen unterscheiden müssen, die das tun, was wohl jeder für uns anstrebt, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern.
Was mich in die Tasten greifen ließ ist ein Aspekt, der mir in all den aufgeregten Berichten über die hier erwähnten „schwulenfeindlichen Klischees“ (Copyright Falter) völlig untergeht:

Das Verbot sexueller Handlungen zwischen Männern hat – weshalb auch immer – weltweit eine lange Tradition.
Gerade die Bibel, die doch von Medien wie den oben zitierten immer wieder als gemeinsamer Wert beschworen wurde, ist da ziemlich erbarmungslos:

„Wenn ein Mann seinem Genossen beiwohnt, man es ihm beweist und ihn überführt, so soll man ihm beiwohnen und ihn zu einem Verschnittenen machen.“(Wikipedia)

Dass sich die sonst doch stets auf die Alten Griechen berufenden gutbürgerlichen Kreise jemals nach deren Vorbild zur allgemeinen Einführung der päderastiellen homoerotischen Freundschaft aufgerufen hätten, ist mir im Schulunterricht ebenso entgangen, wie die Lobpreisung Goethes für seine homoerotischen Grenzgänge.

Das Schutzalter, ab dem Homosexualität straffrei war wurde in der DDR 1983 in der BRD erst 1973 auf 18 Jahre herabgesetzt.
In Österreich herrschte bis 1971 ein Totalverbot und wir waren zwischen 1920 und 1938 sogar in Bezug auf unsere Bevölkerungsgröße europaweit führend bei den diesbezüglichen Verurteilungen.
1971 wurde das Totalverbot zwar durch vier neue Bestimmungen aufgelockert, die aber erst schrittweise
bis 2002 (!)  modifiziert bzw. aufgehoben wurden, jedoch haben bereits ausgesprochene Vorstrafen formaliter weiterhin Gültigkeit.

Während die Homosexualität in Europa inzwischen legal ist, gibt Wikipedia einen guten Überblick, dass sie in vielen Ländern Afrikas und Asiens (z.B. auch im Urlaubsparadies Malediven) mit hohen Strafen bis zur Todesstrafe verfolgt wird bzw. in Ländern wie Russland und der Türkei zwar formal legal ist, die staatlichen Autoritäten aber keinen Zweifel aufkommen lassen, dass sie unerwünscht ist.

Es ist sehr einfach sich über die „irrste Abschiebebegründung Europas“ nun als liberal und human zu präsentieren, sollten sich „die Empörten“ doch einmal die Frage stellen, ob wir angesichts der unbestreitbaren gesellschaftspolitischen Entwicklungsunterschiede in dieser Welt etwas als Asylgrund akzeptieren, was (in geschichtlichen Zusammenhängen) kürzlich bei uns noch bestraft wurde.

Der bei uns erst 2002 aufgehobene §209 hatte einen
Strafrahmen für [männliche] Gleichgeschlechtliche Unzucht mit Personen unter 18 Jahren von 6 Monate bis 5 Jahre.
Laut Wikipedia ist der aktuell in Afghanistan gültige Strafrahmen 5 – 15 Jahre!

Würden sich insgesamt die gesellschaftspolitischen Freiheiten zwischen Afghanistan und Österreich nur um den Faktor 3 unterscheiden, wären wohl alle glücklicher!

 

 

Written by medicus58

16. August 2018 at 18:20

Veröffentlicht in Renaissance der Aufklärung

Tagged with , , ,

Fressen und Sterben, vergessen Sie die Wissenschaft aber hören Sie drauf …

with 6 comments


Ihr Medicus hat auch irgendwann ein Zertifikat für Ernährungsmedizin bekommen und hat auf einer entsprechenden „Akademie“ vorgetragen und auch was dazu in Peer-Reviewed-Journal publiziert. Trotzdem lasse ich da gerne einer Kollegin den Vortritt, die das – im Gegensatz zu mir – zum Kern ihres wissenschaftlichen Lebens gemacht hat:

Written by medicus58

15. August 2018 at 16:43

Veröffentlicht in Allgemein

Tagged with ,

Sprechstunde: Volles Wartezimmer beim Medicus – Alle Patienten als geheilt entlassen

with 3 comments


Written by medicus58

15. August 2018 at 07:49

Veröffentlicht in Allgemein

Big Mac Medicine

with 5 comments


Ein alter (2012) Text aus dem New Yorker über die Qualität mamcher amerik. Kettenrestaurants als Vorbild für das Gesundheitswesen.

In vielen Details zwar angreifbar und ziemlich daneben, aber bezüglich der begleitenden und definierten Kontrolle der Ergebnisqualität das, was uns noch immer viele Berater als ihre Innovation verkaufen wollen.

Jedenfalls gutes Trainingsmaterial, um sich Gegenargumente zurecht zu legen und vielleicht in einigen Fällen was dazu zu lernen ..

https://www.newyorker.com/magazine/2012/08/13/big-med/amp?__twitter_impression=true

Written by medicus58

10. August 2018 at 14:44

Veröffentlicht in Allgemein

Wie verhindern Sie unnötige Zuweisungen? Einfache Fragen statt komplexer Algorithmen

with 4 comments


In einer hier vor 5 Jahren eingestellten und vor 10 Jahren gehaltenen Vorlesung über Clinical Decision Making habe ich mich schon sehr kurz mit den unterschiedlichen Möglichkeiten „ärztlichen Denkens“ beschäftigt:

1. Vorgehen nach Daumenregeln
2. Suchen nach Pathognomonische Symptomen/Kasuistiken
3. Vorgehen nach Persönlicher Erfahrung (Eminence)
4. Lineare – Algorithmische Modelle

Inzwischen hat uns die Informationstechnologie natürlich auch noch nicht-lineare Algorithmen (lernfähige Artificial Intelligence) beschert, die scheinbar uns Ärzte übertreffen:

Babylon AI erreicht Genauigkeit bei Global Healthcare First, die menschlichen Ärzten gleichwertig ist 
Hautkrebs: Computer erkennt besser als Ärzte
Memorial Sloan Kettering Trains IBM Watson to Help Doctors Make Better Cancer Treatment Choices 

Auch wenn derartige Algorithmen wirklich Ärzteposten einsparen könnten und somit bei Ökonomen schon jetzt zu feuchten Tagträumen führen, werden die Kosten für die notwendige Hardware-Infrastruktur und für die beständige Wartung der Programme in der Regel unterschätzt.

13 Symptoma – Symptom für eine falsche Entwicklung der Medizin

Meine persönliche Ressentiments gegen den Zugang liegen aber in der problematischen Schnittstelle in der das vorliegende Problem einmal ausformuliert wird, bzw. wie es dem Algorithmus vorgelegt wird. Jeder in der Anamnese-Erhebung Erfahrene kann auf den ersten Blick einschätzen, ob eine Frage verstanden wird bzw. eine Antwort plausibel ist.
Denken Sie nur an so exemplarische Situationen wie die Frage nach dem aktuellen Alkoholkonsum. Glauben Sie, dass der Betroffene hier dem Algorithmus seine 5 Krügel und drei Schnäpse ehrlich eingibt, wenn er nach der Ursache seiner Übelkeit fahndet?

Auch bei der Kommunikation zwischen den Ärzten im Rahmen der sogenannten Zuweisung werden oft Nicht-Informationen geteilt:

Neben den Klassikern:
DU (=Durchuntersuchung) erbeten
BG (=Begutachtung) + TÜ (=Therapieübernahme)
Kardiale (Endokrinologische, Psychiatrische, Neurologische, … ) Abklärung erbeten

Kommen einem auch oft echter Zuckerln unter:
Hyperlipidämie, erbitte Therapievorschlag
(bei einem Cholesterninwert von 135 mg/dl, nur weil das entsprechende Labor auch einen unteren Normalwert hatte und deshalb das Ergebnis mit einem Sternchen als abnormal markiert hat)
Analpruritus (=Jucken am After), erbitte um Ausschluss einer Schilddrüsenerkrankung
Demenzabklärung
(bei einem multimorbiden, nach mehreren Schlaganfällen an den Rollstuhl gefesselten 92-Jährigen)

Wäre ich in der IT-Industrie würde ich beginnen einen sehr komplexen Algorithmus zu programmieren, um den Zuweiser zu einer minutenlangen Fragebeantwortung zu zwingen, um diese unsinnigen Zuweisungen abzufangen. Meine über Jahrzehnte in der Praxis erprobte, analoge Lösung beinhalten aber nur zwei einfache Fragen:

Was ist Ihre Verdachtsdiagnose?
Wie ändert sich Ihr Vorgehen, wenn die gewünschte Untersuchung positiv ausfällt, wie ändert es sich, wenn der Befund negativ ausfällt?

Natürlich lässt sich das auch programmieren, jedoch bezweifle ich, dass der Algorithmus das nachfolgende Gestottere, das „Muss den Arzt fragen“ der Ordinationshilfe, …
entsprechend gewichtet!

Written by medicus58

2. August 2018 at 17:00

%d Bloggern gefällt das: