Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for Oktober 2018

Mit 70 soll Schluss sein? Das Nachspiel zum Schlusspfiff

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Jeder kennt den Emeritus, der noch mit 80 durch die Gänge der Universität streifte und noch 2010 forderte  Der Standard 
Lasst die Uni- Professoren länger arbeiten!

Wir wollen nun nicht die Anekdoten der Chirurgen und Schauspieler bemühen, die praktisch im OP oder auf der Bühne das Leben aushauchten. Weshalb trotz sichtbarer Altersdefizite das Publikum beider zufrieden (und lebendig) den Ort des Geschehens verlassen konnte, erklärt sich durch die tägliche Erfahrung mit dementen Patienten, die ihre Alltagsroutine weitgehend problemlos bewältigen, während ihr Mini-Mental-Status bereits besorgniserregend ist. 

Obwohl wir seit mindestens einem Jahrzehnt wissen, dass wir zwischen 2017 und 2024 eine Pensionswelle unter Ärzten zu erwarten haben (siehe Beitrag vom 15.2.2010) haben Regierung und Ärztekammer durch Studien- und Ausbildungsreform den Nachwuchs kontigentiert.  
Ehe nun der berechtigte Einwand kommt, dass wir in Österreich eh im OECD Vergleich zu viele Ärzte haben: Das stimmt zum Teil, das wird aber zum Großteil durch das insuffizienten System bedingt und das hat zwischenzeitlich niemand verbessert.

In typischer Manier löst man kein Problem sondern verschafft sich durch Übergangsregelungen die Zeit, in der man auf ein Wunder hofft, dass sich das alles dann schon irgendwie ausgehen wird. Das war bei der Ärztearbeitszeit so und auch 2009 im Sozialrechtsänderungsgesetz so, wo sich Regierung und Ärztekammer einigten:

Dass es heute noch zehn Ärztinnen und Ärzte mit GKK-Vertrag gibt, die älter als 70 Jahre sind, ist einer Einschleifregelung zu verdanken, die 2009 auf Drängen der Ärztekammer Steiermark aufgenommen wurde: Für Ärztinnen und Ärzte, die vor dem 1. Jänner 2010 das 60. Lebensjahr vollendet haben, gilt als Altersgrenze das vollendete 70. Lebensjahr, frühestens jedoch ab dem 1. Jänner 2019. Link

Pünktlich „warnen aber nun Kammerfunktionäre erneut vor Zwangspensionierung„:

Derzeit würden knapp fünf Prozent der Kassenvertragsärzte und -ärztinnen 70 Jahre oder älter sein, sagte Helga Azem, Standesvertreterin bei der Österreichischen Ärztekammer, im Ö1-Morgenjournal. Im kommenden Jahr kommen nochmals sieben Prozent dazu, die die Altersgrenze erreichen werden. Wegen der „Zwangspensionierung“ komme ein „großes Versorgungsproblem auf die Patienten zu“, so Azem weiter.

Fluglinien dürfen ihre Piloten mit 65 Jahren zwangspensionieren, das hat der Europäische Gerichtshof entschieden und ich kenne keinen Fluggast, der das schlecht findet, geklagt hat damals ein Lufthansa-Pilot.
Aber so ein Flieger ist natürlich auch viel teurer als ein Kassenpatient

Dabei ist das ohnehin alles Spiegelfechterei: 
Junge Ärzte wollen zu den bestehenden Konditionen weder Kassenverträge noch Stellen in den Krankenhäusern und angestellte Ärzte verlassen lange vor ihrem gesetzlichen Pensionsalter die Spitäler.

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Written by medicus58

29. Oktober 2018 at 16:19

Linke Ärzte: Heilberuf und Berufung, ja geht denn das?

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Wenn Menschen krank wurden, riefen sie früher nach dem Arzt. Wenn es nach der Gesundheitsökonomie geht, sollten wir uns heute eher an Helpdesks, Pflegepersonal oder noch besser an Algorithmen  wenden.

Da ist es umso bemerkenswerter, dass sich die SPÖ in (oder besser nach) ihrer Kernschmelze an eine Ärztin wandte, um zu gesunden. Ob eine Infektiologin und Hygienikerin da die Rcihtige ist, haben wir uns hier schon ausführlich gefragt, was jedoch noch fehlt ist eine Analyse, ob denn Heilberuf und linke Berufung überhaupt zusammen passen. Wenn ich mich so an meine Studienzeit erinnere, wurden da vielleicht einige Linke gedreht, aber die Fakultät war  der Feldherrenhalle näher als dem Arbeiterparadies. Und Joy Pam trat bekanntlich ja auch erst im Zusammenhang mit ihrer Ministerwerdung der SPÖ bei; wobei man ihr zumindest zu Gute halten kann, schon früher bei Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller & KünstlerInnen angedockt zu haben.

Auch wenn es für manche überraschend sein mag, es gab in der Vergangenheit ein weites Spektrum von Ärzten, die mehr oder weniger linke Politik machten.

Dr. Andreas Gottschalk (1815-1849) betätigte sich in Deutschland schon im Vormärz und wurde der erste Präsident des Kölner Arbeitervereins.

Dr. Gerhard Weber (1816-1891) war mit Karl Marx befreundet und Mitbegründer des Kommunistischen Korrespondenz-Komitees in Kiel.

Dr. Viktor Adler (1852-1918) gründete die Sozialdemokratische Partei.

Dr. Ferdinand Hanusch (1866-1923) sozialdemokratischer Politiker, Gründer der Arbeiterkammer und prägend für die Sozialpolitik in der Ersten Republik.

Dr. Julius Tandler (1869-1936) war Anatom und sozialpolitisch tätig. Seinen Aussagen über Eugenik werden heute zwar kritisiert, ungeachtet dessen hatte er maßgeblichen Einfluss auf die gesundheitspolitischen Maßnahmen des Roten Wiens.

Dr. Alexander Alexandrowitsch Bogdanow (1873 – 1928) war auch Philosoph, Ökonom, Soziologe und Schriftsteller und starb bei einem wissenschaftlichen Selbstversuch des Blutaustausches.

Dr. Karen Horney (1885-1885) war deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin und eine der ersten Frauen Deutschlands, die Medizin studierten. Selbst nicht tagespolitisch tätig, zählt sie zu denjenigen, die sich mit Marxismus und der Frauenfrage beschäftigt haben.

Dr Sun Yat-sen (1886-1925), Gründer der Kuomintang und erste provisorische Präsident der Republik China und wird angeblich heute noch als Vorkämpfer der KPCh verehrt, auch wenn es mir in den späten 80er Jahren ziemlich schwer fiel irgendjemand in China zu finden, der sich an ihn erinnerte.

Dr. Salvador Allende (1908-1973) versuchte als demokratisch gewählter Staatspräsident Chiles eine sozialistische Gesellschaft zu errichten und viel einem (von der CIA unterstützen) Militärputsch unter der Führung Pinochets zum Opfer.

Dr. Marie Langer (1910-1987) war eine in Südamerika politisch engagierte Psychoanalytikerin und Ärztin.

Dr. Emanuel Edel (1910-1991) war Sozialistischer Student und trat nach dem Feburarkämpfen 1934 der KPÖ bei, war Frontarzt in Spanien gegen Franco, im zweiten Weltkrieg in der Französischen Widerstandsbewegung gegen Hitler aktiv und nach 1945 Polizeiarzt in Wien.

Dr. Ernesto Rafael Guevara de la Serna (1928-1967) ) arbeitet während seines Medizinstudiums u.a. in einer Peruanischen Leprakolonie, ehe er Teil der Kubanischen Revolution wurde. Er wurde ohne Gerichtsverfahren auf Weisung des bolivianischen Präsidenten René Barrientos Ortuño im Beisein von CIA Agenten erschossen.

Lassen wir uns überraschen, wo sich Frau Dr. Joy Pamela Rendi-Wagner (1971-) innerhalb dieses Spektrums einmal wiederfindet.
Es kann Gott-sei-Dank wohl ausgeschlossen werden, dass ihr die CIA einmal nach dem Leben trachten wird, dazu genügen heute schon die Parteifreunde.

Written by medicus58

14. Oktober 2018 at 16:32

Mehr Privat statt Staat im Krankenhaus?

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Im Zuge dessen, was uns als „Reform“ verkauft wird,  wurden von Tückischblau die Mittel für private Krankenanstalten auf 146 Millionen Euro aufgestockt.
Das medial transportierte Hauptproblem scheint darin zu liegen, dass da HC Strache seinem Freund Worseg öffentliche Gelder zusteckt.

Der freiheitliche Parlamentsclub verteidigt hingegen pflichtschuldig die Maßnahme: FPÖ-Povysil: „Privatkrankenhäuser tragen einen wesentlichen Teil zur Sicherung unseres Gesundheitssystems bei“

Und auch die Wirtschaftskammer, die private Institute und Krankenanstalten vertritt, freut sich nahezu wortgleich:
Fachverband der Gesundheitsbetriebe weist Kritik an der Aufstockung des PRIKRAF zurück

In Wahrheit ist es – unabhängig wo man politisch selbst im Spannungsfeld zwischen Neoliberalismus und Planwirtschaft steht – nicht so sehr das Problem, ob Tückischblau nun das Gesundheitssystem teilprivatisieren  oder Strache einem ihm persönlich nahe stehenden Döblinger Privatkrankenhaus was zustecken wollte.
Vielmehr ist die auch durch die Wiener rot-grüne Stadtregierung zunehmende betriebene Einbindung der privaten (und konfessionellen) Player in die Gesundheitsversorgung problematisch, weil KEINER dieser Träger die teuren Ränder einer Vollversorgung anbietet und dieses Rosinenpicken durch unsere (angeblich) Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung (LKF)  noch begünstigt wird:

Private Player warben seit Jahrzehnten um Geburten, schickten aber im Problemfall die Kinder in die Neonatologien der öffentlichen Trägern. 
Seit Jahren entdecken Private die Onkologie, ohne die entsprechende (teure) Diagnostik und teure neue Therapien selbst anzubieten.
Das künstliche Kniegelenk ist rasch eingebaut, die Komplikationen landen dann beim öffentlichen Träger.
In vielen privaten Belegspitälern ist außerhalb der Kernarbeitszeit die fachärztliche Kompentenz, die Leistungen von Labor und Röntgen mehr als dünn, bzw. oft überhaupt nicht vorhanden.
Treten Komplikationen auf, werden die Patienten dann flugs in die „öffentliche Hand“ abgeschoben

Natürlich können, die das alles nur deshalb, weil die Gesundheitspolitik (warum auch immer) vergessen hat, die Vorhaltekapazität der großen öffentlichen Träger adäquat abzugelten.
Das ist der viel größere Skandal, jedoch ungleich komplexer medial abzuhandeln.

Written by medicus58

7. Oktober 2018 at 12:23

Diagnosezentrum, klingt doch gut

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Auch für jemanden, der noch eine Medizin kennengelernt hat, in der die Zuweisung zu einer Computertomographie einem Hochamt gleich kam, ist die Bedeutung der diagnostischen Bildegebung in Radiologie und Nuklearmediziner für die Diagnosefindung natürlich unbestritten. Trotzdem macht mich eine Entwicklung nachdenklich, die jeder von Ihnen leicht nachvollziehen kann:

Was sich früher Röntgeninstitut nannte, wirbt heute als Diagnosezentrum um Zuweisungen.

Zugegeben, in Teilaspekten ist die diagnostische Bildegebung DER entscheidende Schritt in der Diagnose, wie zB beim Brustkrebs, wo die Bildegebung und bildgestützte Punktion den Verdacht auf die Krankheit weckt und das Material gewinnt, in dem die Pathologie dann die Enddiagnose bestätigt.

Trotzdem kommt mir die Bezeichnung Diagnosezentrum etwas überzogen vor. Mit ähnlichem Recht könnte sich jedes Labor als Hochburg der Diagnose anbieten (was zum Teil übrigens auch schon passiert).

Klar klingt „Diagnose“ irgendwie sicherer als „Röntgenstrahlen“, nur verkürzt es den Diagnoseprozess auf einen einzelnen (auch leicht quantifizier- und abrechenbaren) Schritt. In der Regel umfasst die Diagnose aber einen sehr komplexen Prozess, der über Anamnese, körperliche Untersuchung und differentialdiagnostischen Überlegungen nur an Hand von Labor- und Bildbefunden zur Diagnose und Therapie führt. Diese Prozesse werden aber nur ungenügend erstattet, so dass sich kaum wer wundern sollte, dass die Diagnose wirklich immer mehr auf die Bildegebung fokussiert.

So gesehen ist die beschriebene Umbenennung sogar verständlich, der dahinterliegende Prozess jedoch beunruhigend.

PS: Dieser Blog enthält eine ganze Online Vorlesung zu diesem Thema.

Written by medicus58

1. Oktober 2018 at 18:00

Veröffentlicht in Allgemein

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