Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Auskuriert: McDonald und seine Heilige Kuh

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Heuer verdanken wir die aktuelle Sommerlochdebatte im Gesundheitswesen dem relativ frisch ernannten Hauptverbandschef, Betriebswirt und seit 2009 Wirtschaftsbunddirektor  Peter McDonald:

„Die Kur ist nicht mehr zeitgemäß!“

Im Profil verkündete er seine Erkenntnisse:
„Investition für die Versichertengemeinschaft müsse sich lohnen“
„Wir wollen das Konzept Kur wegbringen vom subventionierten Quasi-Urlaub.“
http://www.profil.at/oesterreich/mcdonald-kur-5795830 

und verlangte im kommenden Interview-Reigen (z.B. gestern in der ZIB 2) natürlich Evidenz für das heutige Kurwesen ein, ohne allerdings (artentypisch für die heutigen Gesundheitsexperten) irgendwelche Evidenz (und schon gar nicht eigene Erfahrung) für seine eigene Kritik vorzulegen.

Aus seinem Urlaub verglich der neoliberale Gesundheitsökonom Pichlbauer im Mittagsjournal jede Rehabilitation gleich mit den Kuren fadisierter Adeliger des 19.Jahrhunderts, die nun nach Machtübernahme des Pöbels im 20. Jahrhundert durch Arbeitsunwillige ersetzt werden, die sich ein unsinniges Privileg auf Kosten der Arbeitswilligen finanzieren lassen. (Dieses Zitat ist sinngemäß und nicht wortwörtlich …) Gesundheitsökonomin Hofmarcher stieß im Fernsehen in das gleiche Horn und welche Ziele der heute im Morgenjournal befragte Julian Hadschieff als Obmann des Fachverbandes der privaten Krankenanstalten in der Wirtschaftskammer verfolgt, mag auch kritisch hinterfragt werden.

Wie selbstverständlich kommen in den Medien ausschließlich „wirtschaftsaffine Experten“ zu Wort und keinen wundert es mehr, weil wir das Mantra internalisiert haben, dass es uns allen gut gehen würde, wenn es nur zuerst der Wirtschaft gut geht.
Was aber deren Beitrag zu unserem Wohlbefinden angesichts des immer geringeren Anteils an lokaler Steuerleistung und abgespeckter Lohnnebenkosten ist, getrauen wir uns offenbar nicht mehr uns fragen.

Wir erleben also wieder das erprobte Spiel mit den Banden des Sozialsystems:

Madigmachen durch Appell an die Neidgenossenschaft
Fehlender wissenschaftliche Evidenz behaupten
Keine Evidenz für seine eigenen Aussagen vorlegen
Lohnnebenkosten reduzieren im Dienste der Wirtschaftskammer

Im Gegensatz zu McDonald, darf Ihr Medicus auf mehrere Monate umspannende Tätigkeit im Bereich des öffentlichen Kur- und Rehabilitationswesens zurückblicken; sowohl im Dienste einer Pensionsversicherungsanstalt als auch im Dienste eines Bundeslandes, das seine Heilquellen kostengünstig vermarktet. Meine Tätigkeit fällt übrigens in die Zeit, in der McDonald sich gerade auf seinen Besuch der Handelsschule in Traun vorbereitete, aber das ist halt alles nur eigene Erfahrung (Eminence Based Evidenz) und kann einer politischen Schreibtischkarriere oder gesundheitsökonomischen Zahlenakrobatik selbstverständlich nicht das Wasser reichen.

Natürlich kenne ich den braun gebrannten Betriebsrat im bunten Trainingsanzug, der jährlich im Anschluss an seinen wohlverdienten Gebührenurlaub noch 4 Wochen Kur dran hing und selbst durch sehr eindringliche Formulierungen im Abschlussbericht der Anstalt immer wieder von der Zentrale eine erneute Bewilligung erhielt,
aber ich lernte auch den lokal völlig unversorgten südsteirischen Schlaganfallpatienten kennen, der erst 12 Monate nach seinem Schlaganfall mit bereits ausgeprägten Kontrakturen geschickt wurde und für den der Kurerfolg darin bestand, wieder ohne fremde Hilfe eine Kaffeetasse zum Mund führen zu können.

Ich kenne Betreiber von Kureinrichtungen, bei denen wenig mehr als Trinkkuren, bei denen die Gäste täglich ein Wasser trinken, dass sich nur wenig von dem Brunnenwasser der Region unterscheidet, oder Terrainkuren, vulgo Spazieren gehen in Begleitung, angeboten wird,
aber auch solche, die es sich leisten konnten oder wollten, bei schwierigen Fällen täglich passive Therapien zur Vorbereitung von zweimal Einzelgymnastik mit einer auf das entsprechende Krankheitsbild spezialisierten Physikotherapeutin anzubieten.
All jenen, die nun einwenden, dass man das ja auch ambulant am Heimatort tun könnte, mögen sich z.B. einmal vorstellen, wie kontraproduktiv es ist, einen Patienten, der zuerst durch passive Maßnahmen gelockert, dann durch aktive Maßnahmen (=Gymnastik) erschöpft und erhitzt ist, täglich durch Regen und Kälte mit dem PKW-Transport nach Hause zu bringen ….

Ich will damit sagen, dass ich mit meinen eigenen Erfahrungen aus den 80ern sowohl Herrn McDonalds Bild einer sinnlosen Verschwendung von öffentlichen Geldern aber auch einer hoch effizienten Rehabilitationseinrichtung zeichnen könnte. Da ich aber weder von Aufträgen irgendwelcher Stakeholder lebe noch im Dienste einer Interessensvereinigung stehe, bemühe ich mich eher um eine ausgewogene Sicht:

Dort wo die Kureinrichtung ausschließlich als Regionalförderung betrieben wird (http://derstandard.at/2000020526905/Ohne-Kur-gaebe-es-im-Waldviertel-kaum-Gaestenaechtigungen) ist natürlich Draufsicht geboten, jedoch macht es im Hinblick auf das in diesen Regionen geringere Kosten- und Lohnniveau durchaus Sinn entsprechende Einrichtungen z.B. ins Waldviertel und nicht an den Wörthersee zu stellen.
Nicht um aus dem Gesundheitstopf Regionalförderung zu betreiben, sondern eine gute Rehabilitation kostengünstiger anbieten zu können.

Das Argument der fehlenden Evidenz zielgerichteter Rehabilitation ist absurd.
Nachfolgend die Zahlen an peer-reviewten Studien zu den verschiedenen Suchbegriffen aus der PubMed:

Physical Rehabilitation: 10.7645
Cardiac Rehabilitation: 23.036
Cognitiv Rehabilitation: 21.551
Stroke Rehabilitation: 21.247
Pulmonary Rehabilitation: 12.921

Die Wissenschaft benötigt die von McDonalds versprochenen „eigenen Studien“ kaum, dabei handelt es sich nur um eine Nebelgranate.

Fehlende Ziele?
Ja, klar, ich kann mich an keinen meiner damaligen Arztbriefe erinnern, in dem ich nicht den Grad der Zielerreichung dokumentiert habe, nur sollten wir schon aufpassen, ob wir hier von objektivierbaren medizinischen Parametern oder von staatlichem Gesinnungsterror (Gesundheit ist Pflicht http://wp.me/p1kfuX-Cj ) reden.

Vor allem aber, sollten wir den smarten Wirtschaftsbündler McDonalds gleich darauf festnageln, dass er mit einer Reform des Kurwesens nicht nur Einsparungen der Beitragszahlungen der Wirtschaft meint, weil sein bejubelter Vorgänger und jetzige Finanzminister trotz Leistungskürzungen die Sanierung seines Krankenkassenapparates doch nicht wie behauptet geschafft hat, sondern das Geld, das wir allfällig einsparen, weil wir die letzten „Urlauber“ aus dem öffentlichen Kurwesen“ eliminieren, für eine echte Rehabilitation nach bekannten und überprüften Kriterien verwenden.

Eine Reform der Rehabilitation muss kostenneutral sein, d.h. die frei werdenden Gelder für dringend erforderliche Maßnahmen aus diesem Bereich zur Verfügung stehen.

Es wird jedem praktisch tätigen Arzt leicht fallen diejenigen Patienten zu nominieren, die im derzeitigen System völlig unzureichend mit rehabilitativen Maßnahmen versorgt sind.

 

PS: Vor einigen Tagen durfte ich in der U-Bahn ein Gespräch zwischen unserem ÖGB Präsidenten und einem seiner offenkundigen Bekannten belauschen, der gerade über seinen wiederholten Kuraufenhalt berichtete, wie gut die dortige Einrichtung war und wieviel er dort abgenommen hätte … Foglar sieht laut Kurier diese Kur-Debatte folgerichtig auch kritisch (http://kurier.at/politik/inland/auch-sozialpartner-fuer-reform-der-kur/146.362.255), scheint sich aber kein einziges der hier angeführten Gegenargumente überlegt zu haben; kein Wunder, als Gewerkschafter spricht er wohl nicht oft mit Ärzten …..

 

Bildnachweis Wikipaedia: Der Bader Holzschnitt aus: Jost Amman (1539-1591)

Written by medicus58

11. August 2015 um 17:00

6 Antworten

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  1. Hervorragender Beitrag! DANKE!

    Christine Kainz

    11. August 2015 at 18:40

  2. Kur und Reha sind zwei verschiedene Dinge!

    Anonymous

    19. August 2015 at 08:03

    • Richtig, nur differenziert Herr McDonald ganz bewusst nicht; Er will Geld sparen, indem ER diese beiden Dinge vermischt

      medicus58

      19. August 2015 at 08:35

  3. Jährlich 24.000 Schlaganfälle http://wien.orf.at/news/stories/2805113/

    „Kritik übte Fertl auch an der neun Monate dauernden Basisausbildung für Ärzte, in der keine verpflichtende Neurologie-Praxis mehr vorgesehen ist. Derartige Ausbildungsinhalte würden zwar angeführt, in der Praxis habe sich gezeigt, dass Jungärzte kaum neurologischen Abteilungen zugewiesen würden. „Die Ärzte sollen die Schlaganfall-Akutversorgung in der Basisausbildung lernen. Wir wissen aber nicht wo und wie“, sagte Fertl.“

    Christine Kainz

    26. Oktober 2016 at 12:29

    • Die „Basisausbildung“ ist leider nix anderes als ein Kniefall vor kleineren Krankenhäusern, damit die überhaupt noch billiges Ärztepersonal bekommen können.

      medicus58

      26. Oktober 2016 at 16:34


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