Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for Juli 2019

Schwitzend erregt

leave a comment »


Sommer hieß doch früher:

ab in die Sonne,

auch wenn das für viele nur mit dem Golf bis nach Bibione bedeutete.

Angesichts der aktuellen Temperaturen bei uns, klingt die Vorstellung von noch mehr Sonne und noch mehr blauem Himmel am Ende eines aus gebuchten Charterfluges eher nach Strafverschärfung als nach Traumurlaub. Und nur Zyniker erinnern an Rudi Carells Wann wird’s mal wieder richtig Sommer.

Im Netz wird heiß über Klimaanlagen v. s. Jalousien debattiert und bei den Salzburger Festspielen erkennt Peter Sellars dass bereits Mozart vor dem Klimawandel warnte.

Alle sind sich einig, dass die Politik etwas gegen die Klimaerwärmung tun sollte, aber seit Jahren werden in erster Linie Lösungen präsentiert, an denen irgendwer nur gut verdienen kann, deren ökologische Wirkung aber hinterfragbar ist. Wir erinnern uns an die Förderung von Neuwagen und – LKWs und jetzt eben der Schrei nach E-Mobilität.

Wenn aktuell die österreichischen Grünen wieder die seit Jahren geforderten und durchaus berechtigt Einschnitte fordern, wie einen Planungsstopp bei Fehlinvestitionen im Verkehrsbereich, die Abschaffung „perverser“ Steuerprivilegien etwa bei Kerosin oder Diesel, dann kommt klarerweise auch der Ausbau des Radverkehrs und die Deadline für die Neuzulassung von mit fossilen Treibstoffen betriebenen Fahrzeugen aber keine Kritik am globalisierten Handel. So links wollen wir es dann doch nicht und damit den Wähler verschrecken. Dass man sich aber damit kaum vom Umweltgesäusel der Mitbewerber abhebt, ist egal.

Allein die fünfzehn grössten Schiffe der Welt stossen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos. (Link SFR)

Schön wenn sich der Bobo gut fühlt, wenn er mit seinem Bike durch die Begegnungszone düst und dabei stolz seine Funktionswäsche designed in Germany made in China herzeigt.
Wenn er nicht bereit ist Politiker
zu wählen, die eine Umstellung unseres gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems einleiten wollen, dann wird das nix mit der Rettung der Welt. Wo er aber solche Politiker findet, das wäre ein anderer Beitrag.

Der Chia Samen am Smoothie,
Quinoa im Weckerl wurde bei uns zum Statussymbol und selbst in Zweite Ländern am anderen Ende der Welt wird schon (wie bei uns) Knoblauch aus China angeboten. Für den Preis einer guten Weinflasche aus Chile kann der hiesige Winzer Ihnen nichtmal einen leere Flasche etiketten und verkorken.

Wer am Friday for future wieder was von der Politik verlangt und sich dabei auch noch revolutionär fühlt, sollte sich mal überlegen, ob er jemals eine Partei gewählt hat, die ihm nur ansatzweise sinnvolle Einschnitte abverlangt hätte und auch darauf aufmerksam gemacht hat, dass das alles kaum innerhalb unseres jetzigen globalisierten (Wachstums-)Kapitalismus gehen wird.

Nein, es geht nicht primär um die Mobilität des Einzelnen sondern um die Produktion und den Transport all seiner Ge- und Verbrauchsgüter.

Das alles muss nicht den Verzicht auf jeden Spaß bedeuten, aber irgendwie wieder den Knoblauch aus dem Burgenland, das Korn aus dem Marchfeld und den Urlaub in Hotels in denen ein Teil der Wertschöpfung den Einheimischen zu Gute kommt und nicht auf riesigen schwimmenden Hotelburgen, die ihre Gäste nur kurz ans Ufer lassen, ihre Gewinne aber off shore behalten,… um wieder zum Thema Urlaub zurück kehren.

Written by medicus58

26. Juli 2019 at 18:40

Homo lullens: Was uns spielend prägt

leave a comment »



Der Homo ludens [ˈhɔmoː ˈluːdeːns] (lateinischhomō lūdēns‘, dt. der spielende Mensch) ist ein Erklärungsmodell, wonach der Mensch seine kulturellen Fähigkeiten vor allem über das Spiel entwickelt, erklärt uns Wikipedia und dies entspricht auch meiner Erfahrung.

Ob wir mit Mensch ärgere dich nicht gelernt haben mit den Tücken des Würfelglücks umzugehen oder mit DKT daran gewöhnt wurden, dass das gleiche orange Holzhüttchen am Mirabellplatz ungleich teurer kommt als irgendwo in Eisenstadt, wir lernten für’s Leben, bzw. welches Verhalten die Gesellschaft von uns verlangt.

Wenn aber 5 Millionen Online Spieler in diesem Mafia Spiel entscheiden müssen ob Sie die blonde Sexbombe in der Tonne nebenan retten oder verpfeifen sollen, während Sie sich gerade an der dahinter liegenden Hauswand erleichtern, sehnt man sich nach Spielen, die das (vorzüglich männliche) öffentliche Wasserlassen ächten und nicht mit dem Auftauchen eines Silikonbombers belohnen.

Auch wenn der Programmierer die Situation wenigstens durch einen längenkritischen Kommentar zum präsentierten Ausscheidungsorgans gecrasht hätte, wäre ich schon zufrieden gewesen.

Gerade im Sommer ist so mancher Hinterhof, aber auch so mancher öffentliche Platz durch den lullenden Menschen olfaktorisch so unerträglich geworden, dass sie auch meine in Mensch ärgere dich nicht gestählte Langmut übersteigt.

Schweine (aus aktuellen Gründen)

Written by medicus58

25. Juli 2019 at 23:06

Urlaubsfotos: Das Enttäuschungspotential der Realität

with 4 comments


Nein, ich meine nicht den Schock am vor Menschen überquellenden Marcusplatz in Venedig, der so ganz anders aussieht als im hochglänzenden Bildband auf ihrem Wohnzimmertischchen; und dass der Großglockner nie so wolkenlos, die Votivkirche nie so gerüstfrei war, wie im Reiseführer, ändert nichts daran, dass sie es auch wirklich einmal – wenn auch nur für Minuten – waren, als der Fotograf auf den Auslöser drückte.

Wie sich ganz exemplarisch an dem Foto vom Salzburger Mirabellplatz im Standard zeigen lässt, wird die digitale Bildbearbeitung dazu missbraucht unseren Augen eine (Hyper) realität zu vermitteln, die sie weder durch natürliche Umgebungszustände noch durch ihre eigene Physiologie erfassen könnten.

Anders als bei den hinlänglich bekannten geschönten (Photoshop) Portraits, bei denen nicht nur wie früher so mancher Pickel wegretouschiert und das Licht weich gemacht wurde sondern heute von jedem Smartphone bereits Proportionen verändert, Zähne gebleicht und Augen auf Kindchenschema vergrößert werden, wird unser grauer Alltag zunehmend durch das unverschämte Hinaufregeln von Farbsättigung und – dynamik verscheucht, wie es in analogen Zeiten nichtmal der quietschbunteste Fuji-Diafilm geschafft hätte.

An all das haben wir uns seit Jahrzehnten bereits angepasst, jedoch werden im digitalen Zeitalter auch noch ganz andere Eingriffe in unsere visuelle Wahrnehmung zur Routine.

HDR, also die künstliche Erweiterung des wahrnehmbaren Dynamikumfanges einer Aufnahme führt in Maßen angewandt dazu, dass wir (siehe oben) sowohl die Details einer im Schatten liegenden Palastmauer als auch die im gleißenden Licht liegende Festung erkennen können und selbst dem Himmel noch Strukturen abgequescht werden.

So unverschämt angewandt wir auf unserem Beispielfoto (HDR, Sättigung, Dynamik, Mikrokontrastanhebung,…) wird das ganze vielleicht noch für manche ästhetisch ansprechend aber letztlich völlig unrealistisch.

Vielleicht werden wird das alles bald ohnehin nicht mehr so sehen, schließlich sehen wir kaum mehr Tierfilme in Universum, die nicht ebenso nachbearbeitet worden sind und unsere SMART TVs verwöhnen uns mit allerlei HDR Schnickschnack inkl. Dolby Vision.

Für mich ist der Unterschied vergleichbar mit eine wohlbalancierten Würzung und einem Löffel Glutamat im Knabbergebäck. Irgendwann wird man süchtig und kann gar nicht mehr anders als sich ein Stück nach dem anderen hineinzustopfen.

Egal, ob Sie bei Ihren Urlaubsfotos auf fertige Filter zurückgreifen oder stundenlang im Lightroom herumdrehen, vergewaltigen Sie Ihren Sehsinn nicht all zu sehr sonst setzen wir uns alle bald nur mehr die Googlebrille auf, weil uns die Realität nicht mehr genügt.

PS: schauen Sie sich mal zwei alte Oscar gekrönte Dokumentarfilme wie Disney’s Die Wüste lebt oder Grzimeks Serengeti darf nicht sterben an und wechseln Sie dann unvermittelt in eine aktuelle Tier oder Landschaftsdoku.

Written by medicus58

19. Juli 2019 at 15:01

Online check-in: Geht es nur mir so?

with 2 comments


Früher ging man mit seinem Papierticket und einem Pass zum Schalter und das mehr oder weniger freundliche Personal erledigte den Check-in und beklebte das abzugebende Gepäck.
Der moderne Onan macht sich das heute selber.

Ich halte mich ja nicht gerade für einen kompletten Idioten im Umgang mit dem Internet, aber der Online Check-in löst bei mir zunehmend einen Merkel-schen Tremor aus.

Dass jedes Portal etwas anders aufgebaut ist, geschenkt, dass man im Zeitalter des Code-sharings letztendlich in ganz anderen Vögeln zu sitzen kommt, als man glaubte gebucht zu haben, mein Gott.

Auch das Abtippen von 99-stelligen alphanumerischen Codes und die Verwechslungsgefahr von E-Ticket-Nummer und Buchungscode, mit all dem lernt man zu leben, doch was mir kürzlich passierte parkinsonisierte mich dann doch krisenhaft:

Beim Versuch die Bordkarten für eine von einem deutschen Online-Reisebüro ( Bewertung 4.23/5.00 in trusted shops) gebuchten Flug auszudrucken erklärte mir sowohl das Portal der ersten Teilstrecke (LH) als auch jenes der zweiten (Condor, also auch irgendwie LH), dass es diese Buchungsnummer nicht in ihrem System gibt. Da auf der Rechnung noch so allerhand Codes zu finden waren (Kundennummer, Rechnungsnummer, eine Nummer ohne Bezeichnung und eine mit dem Präfix „EXP“) probierte ich diese ebenso frustran durch.

Der nachfolgende Dialog mit Deutschland könnte von einem begabten Kabarettisten ersonnen worden sein, und erinnert an Bestes von Ephraim Kishon („Hier ist kein Telefon„):

Ja, sie müssen versuchen über den Namen des Veranstalters einzusteigen.
Habe ich gemacht, das geht auch nicht.

Probieren Sie es einmal mit dem Namen dieses Veranstalters.
OK, aber gebucht habe ich bei Ihnen und mit dem Name des Mutterkonzerns habe ich es auch schon probiert. … Geht auch nicht.

Dann lassen Sie mal die zweite Stelle im Buchungscode weg und probieren Sie es nochmals.
Funktioniert auch nicht, aber ich starte das Portal einmal neu und versuche es dann nochmal mit dem kastrierten Buchungscode. ….. Jetzt klappt es.

Der junge Mann war sehr freundlich, ich versuchte es auch zu sein und ich hörte noch vom Umbau des EDV Systems, Anlaufschwierigkeiten, mit der neuen Version, … etc. und er wünschte mir einen schönen Flug.

Auf die Antwort, wie ich als Kunde drauf kommen kann, dass ich meine Tickets bei der Fluglinie nur finden kann, wenn ich einen Reiseveranstalter eingebe, mit dem ich nie bewusst in geschäftlichem Kontakt war und dann auch just die zweite Stelle des Buchungscodes weglassen soll, um an meine Bordkarten zu kommen, warte ich übrigens noch.

Ob ich nun zu blöd für diese Welt bin oder doch zu viele Blöde diese elektronische Parallelwelt im Griff haben, das dürfen Sie mir schreiben.

PS: Als schließlich der Online Check-in möglich wurde, sah ich zwar mein Ticket, bekam aber die Info, daß für DAS Ticket kein Online check-in möglich ist….

Written by medicus58

12. Juli 2019 at 09:31

Veröffentlicht in Reisen

Tagged with , , ,

Ärzte sind überbezahlt?

with one comment


Dieses Inserat können Sie in der aktuellen Ärzte Zeitung lesen.

Bitte, sollte sich ein Akademiker für 2000€ brutto minus Wohlfahrtsfond und minus der übrigen Abgaben 48h pro Monat dafür interessieren, kontaktieren Sie mich. Ich habe noch viel zu lernen.

PS: nach ein bißchen Twitter zu dem Thema, glaube ich noch etwas ausführlicher mein Problem mit dem Inserat darstellen zu sollen:

Rechnet man die 12h/Woche auf ein Volläquivalent hoch, kommt natürlich ein durchaus kompetitives Brutto Gehalt raus, nur gibt’s halt dafür nur 2 Kilo.

Wenn man aber das neben einem Volljob macht, dann schrammt man schon wieder an der EU Arbeitsrichtlinie.

Wie man es dreht und wendet, wie bilden um viel Steuergeld und oft mit viel persönliches Engagement Ärzte für Tätigkeiten aus, die nicht im eigentlichen Sinn versorgungswirksam für das Gesundheitssystem sind, während wir innerhalb des solidarischen Gesundheitssystem (extra- wie intramural) zu wenig Ärzte haben und die letzten hier ausbrennen.

Written by medicus58

9. Juli 2019 at 16:14

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

Tagged with ,

%d Bloggern gefällt das: