Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Amsterdam reloaded

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Touristenschlangen bilden sich dort, wo der Reiseführer mit Sternen nicht spart und sich die Menge etwas Außergewöhnliches erwartet.
Bei Versailles,  dem Tower und Schönbrunn lässt sich dies leicht mit der Lust des Normalverbrauchers erklären, einmal zu flanieren wo es früher die gekrönten Häupter taten.

Amsterdam verdankt seine Topattraktionen zwei in Armut verstorbenen Malern (Rembrandt im Reichsmuseum und Van Gogh im gleichnamigen Museum) und einem Hinterhaus in dem ein jüdisches Mädchen, seine Familie und ein paar enge Freunde seiner Eltern vergeblich versuchten, sich vor den Nazibesatzern zu verstecken.

Über eine Million Besucher quält sich jährlich die engen Treppen hoch, um einen Blick in die kleinen Räume zu werfen, in denen Anne Frank und die anderen zwei Jahre in Angst vor Verrat und Entdeckung zubrachten.
Annes Tagebücher wurden von ihrem Vater, der als einziger die Deportation ins Konzentrationslager überlebt hat, in Buchform herausgegeben und haben sich seither zu einem Weltbestseller entwickelt.

Die Touristenmassen, die im Schnitt 2-3 Stunden Schlange stehen, erwartet eine informative und gut gemachte Ausstellung,  jedoch frage ich mich, weshalb offenkundig gerade dieser Ort und diese Geschichte die Menschen mehr zu interessieren scheint als eine Reihe anderer Museen und Gedenkstätten über die Judenverfolgung im III.Reich.

Mit 1 Million Besucher pro Jahr zieht das Anne Frank Huis etwa so viele Besucher an wie das große Areal der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und mehr als doppelt so viele wie z.B. Mauthausen.

Ist es nicht gut, wenn sich viele Menschen im Anne Frank Haus mit der Geschichte beschäftigen?

In Analogie zu den beiden anderen Tourismus-Rennern Amsterdams könnte man ja auch meinen, dass nicht jeder ein Rembrandt-Experte werden muss, nur weil er ein Selfie vor der Nachtwache schießt und nach dem Van Gogh Museum gleich die Einflüsse japanischer Malerei im Werk des zahnlosen Ohrabschneiders zu erkennen wird, nur scheint mir, so philisterhaft erlaube ich mir jetzt zu sein, politisch-historisches Halbwissen gefährlicher als kunsthistorisches Unwissen.

Unvergesslich bleibt mir die Betroffenheit einer US-amerikanischen Touristin ob des guten Aussehens eines abgefilmten KZ-Aufsehers, dem sie „doch solche Verbrechen nie zugetraut hätte“ (Hannah Arendt möge ihre Grabesrotationen einstellen) und die Überzeugung ihrer Tochter, dass „das alles heute nicht mehr möglich wäre“ (Abu Ghraib ist ein unzulänglicher doch nicht gänzlich falscher Gegenbeweis).

Das Tagebuch der Anne Frank ist selbst an der Stelle seiner Entstehung mehr dazu angetan sich mit kurzfristigem Bedenken zu befriedigen als den unfassbaren Gräuel der Wahrheit zu hinterfragen, der erst hinter diesem Hinterhaus begann. Dann ist man aber schon längst wieder in der lichtdurchfluteten Cafeteria bei Fairtrade Kaffee und Bio-Käsekuchen.

Verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch. Besuchen Sie dieses Museum, es zählt nicht zu den schlechteren seiner Art, ehe Sie im Amsterdams Coffeshops oder Rotlichtviertel verschwinden, den nächsten Top-Zielen seiner Städtetouristen.

Written by medicus58

26. August 2015 um 22:27

Veröffentlicht in Allgemein

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5 Antworten

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  1. Christine Kainz

    28. August 2015 at 00:41

  2. Pressekonferenz 28.8.2015 https://www.youtube.com/watch?v=-9Y224JhU44
    Suchdienst für vermisste Angehörige http://familylinks.icrc.org/europe/en/Pages/Home.aspx

    Christine Kainz

    28. August 2015 at 19:23

    • Auch wenn die Begründung sehr ausführlich sein müsste, sehe ich einen Unterschied zwischen dieser und den heutigen Flüchtlingsgeschichten.

      medicus58

      28. August 2015 at 21:57


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