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Wünsche an den neuen KAV Generaldirektor (Teil 4: Primaten raus)

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Während hierzulande jedes Kind im Primarius den Abteilungsvorstand erkennt, verstehen unsere deutschen Freunde darin den Ausgangspunkt (Primärtumor) einer bösartigen Erkrankung.
An diese Ambivalenz habe ich hier schon seit Jahren immer wieder erinnert, wenn es darum ging darauf hinzuweisen, dass die Gesundheitspolitik, unter bisweilen kräftiger Mithilfe der sogenannten Personalvertreter aus dem ärztlichen Mittelbau diese Führungsebene weg administrieren will:

10/2013 Weg mit den Primarii!

Offenbar sind die erfahrenen, häufig auch habilitierten Ärzte einfach im Weg, wenn am Schreibtisch entstandene Patentlösungen unhinterfragt in den klinischen Alltag gekippt werden sollen.
Diese Haltung ist zwar in sich widersprüchlich, weil weiterhin alle Beschwerden, statistischen Anfragen und durchzusetzende Anordnungen beim Abteilungsvorstand landen und man selbstverständlich davon ausgeht, dass er neben der medizinischen Qualitätssicherung (bis zum Einspringen, wenn einmal niemand für den Nachtdienst oder einen komplexen Eingriff vorfügbar ist) auch wirtschaftliche, rechtliche und Personalangelegenheiten so nebenher zu erledigen hat:

3/13 Der Eier-legende-Woll-Milch-Primarius

Andererseits soll er in der irgendwie schon (oder auch noch nicht ganz) geltenden Master-Betriebsorganisation im Wiener Krankenanstaltenverbund bald nur mehr (am besten für mehrere Abteilungen) SOPs verfassen, während die Prozessabläufe von der Pflege oder den medizinisch-technischen Diensten gelenkt werden:

5/14 Master-Betriebsorganisation im KAV

Die Haltung der Betroffenen macht es „denen da oben“ auch leicht:

2/15 Aufstand der Primarärzte: einfach wegadministriert

denn es finden sich noch immer genug fürs lächelnde Gruppenfoto:

10/16 KAV: Wenn das alles ist

Während man anderswo in aktuellen Studien bereits das Naheliegende erkennt:

Front Line of Healthcare Report 2017: Why involving doctors can help improve US healthcare

herrscht bei uns (und nicht nur in Wien) noch der Glaube, man könnte ein Gesundheitssystem ohne diejenigen basteln, die schon Jahrzehnte die Materie gelernt und ausgeübt haben.

Seit Jahren (siehe oben) läuft aber ein Prozess der zunehmenden Unattraktivierung von ärztlichen Führungspositionen.

Beispiele?

Ende 2015 wurde die Stellenbezeichnung unter billigendem Applaus von Gewerkschaft und Ärztekammer vom Abteilungsleiter auf den Ärztlichen Abteilungsleiter diminuiert.

Seit Jänner 2016 ist das Sekretariatspersonal nicht mehr dem Abteilungsleiter unterstellt sondern wird gepoolt verwaltet!

Auf den Punkt gebracht, die Abteilungsleiter sind zwar dafür verantwortlich, dass entlassene Patienten einen Arztbrief erhalten, eine direkte Anordnungsmöglichkeit an die Schreibkraft wurde ihnen aber genommen. Damit sind Abteilungsleiter nur mehr Ärzten vorgesetzt, da auch die Pflege und die medizinisch-technischen Dienste eigenen Hierarchiebäume haben. Wesentliche Koordinationsfunktionen (Urlaubsplanung, …) ist so kaum möglich. Da die Kontrollspanne der neu generierten Vorgesetzten-Ebene der Sekretariatsposten aber viel zu groß ist, also diese nichteinmal die Möglichkeit hat die Anwesenheit am Arbeitsplatz zu kontrollieren, wird ein Stechkartensystem eingeführt …

Lächerlich, aber symptomatisch:

Im Zuge des aktuellen Druckerkonzeptes wurden die Laserdrucker neben den Schreibtischen der Abteilungsleiter entfernt.

Zusagen im Bewerbungsprozess über Investitionen und Personal werden nicht eingehalten.

Die Unterschriften von Abteilungsleiter und Ärztlicher Direktion von Sonderurlaubsansuchen eines nachgeordneten Arztes oder organisatorischer Maßnahmen kann jederzeit von einem Sachbearbeiter der Verwaltung gekippt werden, weil er glaubt einen Formalfehler entdeckt zu haben. 

In Kreisen des Mittelbaus werden die Abteilungsleiter (Primarii) oft scherzhaft als Primaten bezeichnet und im nachfolgenden Kopfkino denkt wohl kaum einer an deinen Primus inter pares sondern eher an Schimpansen oder Bonobos.
Niemand wünscht sich einen Gorilla oder geschweige King Kong als Wappentier ärztlicher Abteilungsleiter aber ein Blick auf die sinkenden Bewerberzahlen für ehedem umfehdete Abteilungsleitungen, wenn sie nicht ohnehin zu Multiprimariaten zusammengelegt wurden und die Anzahl der nach kurz Designierung wieder das Handtuch werfenden Führungspersonen (KH Nord, Hanusch aber auch KH Wiener Neustadt, …) sollte dem neuen Generaldirektor doch zu denken geben.

Written by medicus58

8. Juli 2017 at 17:42

Der Preis der Koalition

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Die Spatzen pfiffen es seit Wochen von den Dächern, mit erfolgreichen Koalitionsverhandlungen und seiner Wiederwahl als Wiener Ärztekammerpräsident hat Thomas Szekeres offenbar den Grundstein für seine Wahl zum Präsidenten der Österreichischer Ärztekammer gelegt.

Während der bisherige Kammerpräsident Wechselberger nach seiner fulminanten Wiederwahl in Tirol mit 32/49 Mandaten (=65%)  noch mit einer Wiederwahl in der Bundeskammer noch spekulierte:
Angesprochen auf eine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt in der Bundeskammer, zeigte sich Wechselberger zwar interessiert, aber noch zurückhaltend. Die „Grundvoraussetzung“ sei mit dem Wahlerfolg bzw. der Bestätigung in Tirol nunmehr gegeben. In der Bundeskammer gebe es jedoch „andere Gesetzmäßigkeiten“, verwies Wechselberger etwa auf die Notwendigkeit, „Mehrheiten zu suchen“. Deshalb sei ein erneutes Antreten derzeit noch „Spekulation“.
http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5175211/AerztekammerWahl_Wechselberger-gewinnt-Heimspiel-in-Tirol

ließ er zuletzt ausrichten, nicht mehr für die Bundesärztekammer zur Verfügung zu stehen.

Auch andere (eher im ÖVP-Umfeld agierende LandesÄKpräsidenten, wie OÖ Niedermoser 32/45 Mandate =71%) wurden zwar ebenso glatt bestätigt, werden aber letztlich einem stillen Übereinkommen folgend, den Wiener Szekeres (49/90=54%) zum Präsidenten der Bundesärztekammer wählen.

So weit so gut und Gratulation zu einem erfolgreichen Powerplay, nur sollen wir nicht darauf vergessen, dass das alles auch seinen Preis hat,

…den wir mit unseren Kammerbeiträgen zu finanzieren haben.

Im Vorfeld der letzten Kammerwahl habe ich mich schon mit den meiner Meinung nach überborden Referatsstrukturen in verschiedenen Landes- und der Bundesärztekammer beschäftigt:
Relata refero: Wieder keine Wahlwerbung

https://medicus58.wordpress.com/2017/02/19/relata-refero-wieder-keine-wahlwerbung/

Den wenigsten der etwa 45.000  Mitgliedern der Ärztekammer ist wirklich bewusst, dass nicht nur die gewählten Kandidaten „in der Kammer arbeiten“, sondern viele zusätzliche Posten zu besetzten sind.

Rein prinzipiell ist das ja nichts Schlechtes, denn obwohl Landes- und Bundeskammern eine immer größere Anzahl an Personen anstellen, um den Eigenbetrieb aber auch den Betrieb ihrer „Töchter“ (Arztakademie, ÖQuMed, Ärzteverlag, …) zu gewährleisten und natürlich auch Rechts- und Finanzabteilungen fachlich qualifizierte Nicht-Ärzte benötigen, werden die Kammern auch mit vielen Anfragen oder Serviceleistungen befasst, für die die einschlägige Expertise bestimmter Ärzte erforderlich ist.
Während das für umwelt- oder arbeitsmedizinische Fragen leicht einzusehen ist, stellt sich die Frage bei Referaten wie „Ärzteball„, „Medizinalratsausschuss“ oder „Wartezimmer TV“ schon etwas dringlicher, da zum Teil die betreffenden Leistungen ohnehin von Externen erbracht werden bzw. wohl kaum in solcher Häufigkeit anfallen, dass die Kammern hier 12 Monate im Jahr ein Referat aufrecht erhalten müssen. Schon vor der Wahl beschlich einen deshalb  das Gefühl, dass mit den Referatsleitungen „verdiente Mitstreiter“ von der eigenen oder koalitionären Wahlliste belohnt werden mussten.

Nochmals, selbstverständlich sind Leistungen für die Kammer, die im Idealfall dem Berufsstand dienen, adäquat zu entlohnen, aber dafür gibt es Stundensätze und Sitzungsgebühren. Hier geht es aber um Pauschalen für mitunter exotisch anmutende Aufgabenbereiche und um Mehrfach-Einrichtungen, die effizienter nur einmal bundesweit in der ÖÄK eingerichtet werden sollten.

Wenn Handystrahlen gefährlich sind, dann am Boden- ebenso wie am Neusiedlersee.

VOR der Wahl haben alle Fraktionen, natürlich auch die, die jetzt in Wien eine Regierungskoalition eingegangen sind, eine schlanke Kammer versprochen:

Team Szekeres vormals Sozialdemokratische Ärztevereinigung

Wahlgemeinschaft Ärzte für Ärzte vormals allerhand

Die Fraktion ohne Ablaufdatum: Turnusärzte für Turnusärzte

Es grünt so grün – Schlaglichter aus der Wiener Fraktion Grüne Ärztinnen und Ärzte

Kammer light: Die Fraktion auf Diät

Während es auf der Homepage der Wiener Ärztekammer vor der Wahl eine Zusammenstellung aller Referate einschließlich der für Referatsleiter und Stv. bezahlten Entschädigungen auffindbar war, stellt sich augenblicklich die Lage nicht mehr so glasklar dar. Nur die Kurie der Niedergelassenen erwähnt einige wenige Referate, wieviel Entschädigungen bezahlt werden bleibt ein Geheimnis. Wie wir zahlenden Kammermitglieder denn im Bedarfsfall den zuständigen Service finden sollen, wenn wir diesen auf der Homepage gar nicht finden, erschliesst sich vermutlich nur Eingeweihten – und hoffentlich det hauseigenen Vermittlung.

Jedenfalls wendete die Wiener Ärztekammer vor der letzten Wahl allein für Leiter und Stv. ihrer über 40 Referate weit über 40.000€ pro Monat (!!!) auf! 

Nach den mir vorliegenden Unterlagen ist für die laufende Legislaturperiode die Anzahl der Referate in der WÄK um über 60% angehoben worden!

Natürlich erhielten auch Mandatare der Opposition ihre Referate, schließlich muss doch auch für Querschüsse aus den eigenen Reihen Vorsorge getroffen werden.
Was das kostet, müssen Sie Ihre Mandatare fragen, denn … (siehe oben) die Kammer wurde weder schlanker noch transparenter.

Written by medicus58

22. Juni 2017 at 19:55

ÖSG: Warum einfach, wenn es doch auch kompliziert geht

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Es ist schon fast fünf Jahre her, seit ich mich hier unter dem Titel Die planlose Planwirtschaft im Gesundheitswesen mit einem weitgehend unbekannten Instrument der österr. Gesundheitsplanung beschäftigt habe; dem ÖSG.
Nein, ich meinen nicht das Ökostromgesetz, die Österreichisch-Schwedische Gesellschaft, die Österreichische Sportwissenschaftliche Gesellschaft und auch nicht die Österreichische Statistische Gesellschaft, ich meine den Österreichischen Strukturplan Gesundheit.

1996 haben sich Bund und die Länder auf eine überregionale Krankenanstaltenplanung (einschließlich einer Planung der Großgeräte) geeinigt und seit 2006 heißt dieses Planspiel Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG).

Der Plan wird nun im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur (BGA) erstellt. Die BGA ist ein auf Basis der Vereinbarung gemäß Artikel 15a Bundesverfassungsgesetz über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens mit (BGBl. I Nr. 105/2008) errichteter öffentlich-rechtlicher Fond mit eigener Rechtspersönlichkeit, dessen Geschäftsführung dem „Gesundheitsministerium“ obliegt.
(Anm: Die Gänsefüßchen deshalb, weil man im Gesetzestext schon dafür vorgesorgt hat, dass irgendwann einmal die Gesundheitsagenden auch woanders landen könnten.)

Also, der BGA ist eine unter der Kontrolle des Gesundheitsministers stehender Fond, hat mit der Bundes-Zielsteuerungskommission ein Steuerungsgremium, dem je vier Vertreterinnen/Vertreter des Bundes, und der Sozialversicherung sowie neun Vertreterinnen/Vertreter der Länder angehören, und vergab die Erstellung dieses Plans seither stets an die Gesundheit Österreich Ges.m.b.H. (GÖG).
Ob dieses Karussell geschaffen wurde, um den „Gesundheitsminister“ zu behindern oder die politische Veranwortung für das Ergebnis hinter scheinbarem Expertenwissen zu verbergen, mag nun jeder selbst entscheiden! 

Beim GÖG handelt es sich um ein am 1. August 2006 per Bundesgesetz errichtetes nationales Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen dessen Alleingesellschafter der Bund, vertreten durch – erraten – den Bundesminister für Gesundheit ist. Das GÖG entstand natürlich nicht aus dem Nichts, sondern vereinigte das 1973 gegründete Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) und den 1998 gegründeten Fonds Gesundes Österreich (FÖG). Im Gesundheitsqualitätsgesetz hat man da auch gleich ein Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG) dazu gepackt, dem, natürlich wieder im Auftrag des Bundes,  die Entwicklung, Umsetzung und regelmäßige Evaluation eines gesamtösterreichischen Qualitätssystems obliegt, das den Prinzipien Patientenorientierung, Transparenz, Effektivität und Effizienz zu folgen hat. 
Ja, und damit man sich auch noch etwas Geld verdienen kann, stehen für andere Auftraggeber noch GÖG-Töchter zur Verfügung (GÖ Beratungs GmbH, GÖ Forschungs- und Planungs GmbH). Dass es dabei mitunter Diskrepanzen zum eigenen ÖSG gibt, wird noch einmal zu diskutieren sein …
Verfassungsgemäß kann der Bund aber nur Rahmenvorgaben beschließen, die Umsetzung in Regionalen Strukturplänen (RSG)  obliegt den Bundesländern und auch hier stolperte man immer wieder über massive Diskrepanzen zwischen ÖSG und RSG in diesem föderalen Sandkastenspiels! Kein Wunder, als einziges Grundlage zur Intervention hat der Bund die 15a Vereinbarungen und (rein theoretisch) die Steuergelder, die er in diesen Bereich fließen lässt. Da wir aber keine Finanzierung aus einer Hand haben, findet jeder Mitspieler genug Regler, an denen er das Endergebnis in seinem Sinne oder in Richtung seiner Hinter“personen“ zu modifizieren.

Der Bedarf nach einer Steuerung wurde seit Jahrzehnten gesehen und ebenso lange erfolgreich vereitelt.

In den 1970er-Jahren wurde vor allem der bundesweite Bedarf an Spitalsbetten und ab 1996 auch an medizinisch-technischen Großgeräten vorgeschrieben, dann ging der ÖSG in immer mehr Details der intramuralen (also stationären) Versorgung, um in den letzten Jahren immer stärker auch den extramuralen (ambulanten) Bereich zu planen.

Der ÖSG umfasst neben dem stationären Bereich (landesgesundheitsfondsfinanzierte Spitäler, Unfallkrankenhäuser und Sanatorien) auch den ambulanten Bereich (niedergelassene Ärztinnen/Ärzte, selbstständige Ambulatorien), die Rehabilitation und die Übergänge zur Langzeitpflege. Dabei enthält er quantitative Planungsaussagen (z.B. Anzahl der Betten pro medizinische Fachrichtung, zeitliche Erreichbarkeit eines Spitals) und qualitative Angaben (z.B. personelle Ausstattung einer Abteilung, Mindestausstattung eines Spitals als Voraussetzung für bestimmte Eingriffe).

Im Medienauftritt des Ministeriums (https://www.gesundheit.gv.at/gesundheitssystem/gesundheitswesen/planung) liest man überhaupt nur vom ÖSG 2012, die Draftversion aus 2016 ist irgendwo verreckt, aber die von 2017 hat es in sich. Man gewinnt den Eindruck, dass das Gesundheitsministerium Zähne zeigen will. Leider entledigt er sich aber wieder primär der im System wirklich Arbeitenden:

Das ÖBIG nimmt für seinen ÖSG den Rang einer verbindliche Planungsgrundlage für die österreichische Gesundheitsversorgungs und die Qualität eines  objektivierten Sachverständigengutachten in Anspruch, obwohl u.a. Ärzte (die Ärztekammer) in dem Gesamtprozess gerade einmal die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt wird. 

Mit der beabsichtigten Beschlussfassung und Veröffentlichung im RIS bekommt das Ding de facto Verordnungsrang, obwohl es mehr das Resultat ökonomischer und gesundheitspolitischer Strippenzieherei der Länder ist, als ein auf medizinische Evidenz fußende Versorgungsplanung.

Der Versuch von der Fokusierung auf ein paar Großeräte und das Krankenbett hin zu einer Gesamtschau wäre zwar begrüssenswert,
nur ist das Zahlenmaterial für den extramuralen Bereich noch schlechter als in den Krankenanstalten und die daraus abgeleiteten Planungsvorgaben zum Teil haarsträubend.

Halten wir also fest, damit das „Gesundheitsministerium“ den Bundesländern und anderen Gesundheitsdienstleistungsanbietern vorschreiben kann, wie die Gesundheitsversorgung in Österreich aussehen soll, errichtete es auf Basis einer miserablen Datenqualität eine überkomplexes politisches Konstrukt, dass sich der Kritik immer mehr der internen Kritik der im System arbeitenden Experten entzieht aber trotzdem für sich den Rang eines objektivierten Sachverständigengutachten in Anspruch nimmt.
Das kann nicht einfach nur passiert sein, dahinter müssen sehr potente Interessen stecken …

 

PS: Diagramm aus dem RH

Written by medicus58

24. Mai 2017 at 17:41

An das Publikum (Eine Collage)

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1931

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: „Das Publikum will es so!“
Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute Bücher gehn eben nicht!“
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

Ja dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmässigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser

(Kurt Tucholsky)

14.6.2004 (!)

Molterer: „Anstand“ verpflichtet Gusenbauer zu Rücktritt

19.7.2008

Das Netzwerk des Werner Faymann: Wie Freunde ihn ins Kanzleramt bringen wollen

13.4.2011

Rücktritt von Josef Pröll Scheitern einer Zukunftshoffnung

5.6.2011

Spindeleggers Netzwerk besteht aus Cartellverband und sozialliberalen Christen

9.5.2016:
Faymann ist Geschichte – Der Fahrplan für die nächsten Wochen

13.5.2017

„Mitterlehner nach allen Regeln der Kunst abmontiert“

1977 Heroes

I, I will be king
And you, you will be queen
Though nothing, will drive them away
We can beat them, just for one day
We can be heroes, just for one day

We’re nothing, and nothing will help us
Maybe we’re lying, then you better not stay
But we could be safer, just for one day
Oh-oh-oh-ohh, oh-oh-oh-ohh, just for one day

(David Bowie)

Mehr Security als Lösung für ein Totalversagen der Patientenversorgung?

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Der Boulevard rastet aus:

Täglich Gewalt-Exzesse in den Wiener Spitälern

So brutal geht es in Wiens Spitälern zu

Man hat nun beschlossen, im Wilhelminenspital einen zusätzlichen Security-Dienstposten (24 Stunden) für den Personenschutz zu beschäftigen.
Der Security sollte in kurzer Zeit verfügbar sein„, heißt es aus dem Krankenanstaltenverbund (KAV)
.

Wird aber nix bringen!

Wir erleben einfach den multidimensionalen Kollaps in der Patientenversorgung als Folge gesundheitspolitischer Fehler seit Jahrzehnten:

  • Die Politik versprach den Wählern ein medizinisches Schlaraffenland (Wehsely: Wir sind rund um die Uhr für Sie da), obwohl seit Jahren ein extra- und intramuraler Rückbau eingeleitet wurde.
  • Der Anteil der Patienten, die sich ein Ausweichen in den privaten Sektor nicht leisten kann. nahm in Wien drastisch zu (Unterschicht).
  • Viele dieser Patienten kennen aus ihrer Heimat nur das Krankenhaus als Primärversorgung.
  • Die extramurale Patientenversorgung beim Hausarzt und im Bedarfsfall beim niedergelassenen Facharzt wurde von den Krankenversicherungen ausgehungert, die Wartezeiten -auch für gesundheitliche Banalitäten – sind unzumutbar.
    Den Kassen waren beschränkte Öffnungszeiten und rasche Überweisungen in die Spitalsambulanzen nur Recht, weil für sie kostenschonend.
  • Die intramurale Patientenversorgung war von ihren Ressourcen nur für schwer kranke, aufnahmepflichtige Patienten ausgelegt, musste aber immer mehr die offensichtlichen Defizite der extramuralen Versorgung abdecken.
  • Die Reform der Ärztearbeitszeit (inklusive der von WÄK und Personalvertretung akzeptierten Postenreduktionen) führten zu einer starken Verdichtung im Kerngeschäft und Schließungen von Spitalsambulanzen und -abteilungen, so dass noch weniger Ressourcen für die Versorgung von Selbstzuweisern zur Verfügung stehen.

Gemeinsam mit einem an allen Ecken und Enden zunehmenden Aggressivität in der Gesellschaft fliegt uns das nun allen um die Ohren.

Als Sofortmaßnahme kann so ein bulliger Security in der Notaufnahme schon kurzfristig helfen, wenn man aber das Problem ausschließlich so lösen will, freue ich mich schon auf Flughafen-ähnliche Verhältnisse in unseren Spitälern.
Dann wird ein Berater aufstehen und stolz vorrechnen, dass es vielleicht billiger gewesen wäre:

  • Den Wählern die Wahrheit zu sagen.
  • Bevölkerungswachstum als Begründung für die Verschuldung zu fördern, ohne für die notwendige Infrastruktur vorzusorgen.
  • Die bestehenden Primärversorgungssystem adäquat zu finanzieren und nicht viel Geld in ein paar politik-nahe PVZ zu pumpen und zu glauben, dass das kurzfristig die Versorgung verbessert.
  • Politisch und rechtlich hinter den im Gesundheitssystem Tätigen zu stehen, wenn diese rasch triagieren und Patienten mitteilen, dass ihr Problem nicht lebensbedrohlich ist und nicht akut im Spital gelöst werden muss!

Weiters greife ich Informationen vor, die ich noch nicht Zeit hatte hier zu diskutieren:

  • Dem Wahnwitz im aktuellen ÖSG Entwurf abschwören, in dem noch mehr Primärversorgung in die Spitalsambulanzen verschoben werden soll, ohne dass es hier zu einer adäquaten Raum- und Personalaufstockung kommt.
  • Aufhören Beratern zu glauben, die behaupten, dass der deutschen Sprache kaum fähige Patientengruppen durch Telefon-Hotlines (TEWEB) oder Health Literacy Aktionen abgehalten werden können, in die Spitäler zu laufen.

Written by medicus58

5. Mai 2017 at 18:46

Es war einmal ein Kammerfunktionär oder vor der Wahl ist nach der Wahl

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Auch Ihr Medicus hält sich meist an das ungeschriebene Gesetz nicht das eigene Nest zu beschmutzen nur gibt es halt Situationen, in denen vieles plötzlich klarer wird, wovon hier immer wieder die Rede ist:
Ärzte: Unser Image ist im Arsch, soviel scheint sicher
https://medicus58.wordpress.com/2013/01/06/arzte-unser-image-ist-im-arsch-soviel-scheint-sicher/

Die Kammerwahlen in den Ländern sind geschlagen und Posten und Pöstchen sind gewohnt nepotistisch verteilt worden.
Es wurde vielleicht nicht immer dem Wählerwillen entsprochen aber sicher gestellt, dass die bisherigen Player auf ihren Posten bleiben.
So gesehen frägt man sich, weshalb man sich Wochen nach der Wahl für Scheinverhandlungen verschreibt (in denen z.B. von der Gesundheitspolitik das PV-Gesetz und der ÖSG durchgepeitscht wird), wenn in den meisten Ländern die Koalitionen ohnehin schon in der Nacht des Wahltages paktiert wurden,
aber sei es drum.

Die aus mir unverständlichen Gründen von der Wählerschaft in ihrer Bedeutung nahezu völlig übersehene Wahl in der Österreichischen Ärztekammer ist noch ausständig, jedoch kann ich hier aus Erfahrung berichten, dass auch dort für eigentlich Abgewählte noch Funktionen bereitgestellt werden.
Ein als Vorsitzender eines Gremiums nicht mehr zur Verfügung stehender Mandatar, der im Heimatbundesland als Kammerpräsident abgewählt wurde, wird halt in einem ÖÄK Gremium zusätzlich zum neu gewählten aber völlig überlastenden neuen Vorsitzenden zum „geschäftsführender Vorsitzender“ gekürt, Platz am Podium findet sich immer noch …
Praktischer Weise kann der eigentliche Vorsitzende dann die Sitzung überhaupt schwänzen oder zumidnest früher verlassen…

So weit so die österreichische Realverfassung, die in ähnlicher Form auch in Parteien, anderen Kammern, Gewerkschaften vergleichbar abläuft.
Wen man kennt, auf den kann man sich verlassen, …. dass er den Mund hält!
Oder für die eher christlich geprägten Leser:
Wer nicht für mich ist, ist (automatisch) gegen mich
(Matthaeus 12:22-32).
Da sage noch einer das Abendland wäre in Gefahr!

Worum es mir aber heute geht ist die Außenwirkung unserer „Berufsfunktionäre“, die vielleicht nicht ganz unschuldig daran ist, wie die Stimme der Ärzteschaft von anderen wahrgenommen wird.

Diese Woche lud eine medizinisch-wissenschaftliche Forschungsinstitution zu einer  Podiumsdiskussion über Beschaffungsvorgänge in der Medizin ein (Mehr Markt oder auf zu Planwirtschaft und Monopolisierung).

Mag. Günter Fellhofer, Apothekenleiter der Landesapotheke Salzburg,
Univ.-Prof. MMag. Dr. Gottfried Haber, Vizedekan der Fakultät für Gesundheit & Medizin der Donauuniversität Krems und
Gen. Dir. Dr. Josef Probst, Generaldirektor, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger fokusierten ihre Diskussion zwar ausschließlich auf Beschaffungen im Pharmabereich („teure Tabletten“) und wenig verwunderlich, wenn Ökonom, Apotheker und Jurist diskutieren primär auf die ökonomischen Aspekte des Problems, was angesichts der vielen WU-Studierenden im Publikum aber irgendwie verständlich war.
Anwesenden Patientenvertreter brachten dann völlig zu Recht auch die Patientensicht („unübersichtliche Generikaszene“, „Auslaufen von umsatzschwachen aber für wenige Patienten lebenswichtige Substanzen“, …) ein und dann geschah das Bemerkenswerte:

Ein eben mit absoluter Mehrheit wiedergewählter Kammerfunktionär, der auch seit vielen Jahren in der ÖÄK eine führende Rolle spielt, meldet sich zu Wort.
Ich habe ihn vor Beginn der Veranstaltung nicht gesehen, kann also nicht sagen, seit wann er der Diskussion beiwohnte, aber jetzt macht er
– völlig zu Recht – auch die Ärzteschaft zum Sprecher der Patienteninteressen
(„wir sind für die Patienten da“) und spielt
– völlig zu Recht den Ball Hauptverband und Politik zurück
(„nicht wir Ärzte wollen es den Patienten sagen, dass für ihr Medikament kein Geld da ist“).

Bravo, so soll es sein!

Ökonomen, Apotheker und Hauptverband schauen nur aufs Geld,
wir Ärzte im Schulterschluss mit unseren Patienten!

Das Mikro wurde an eine Vertreterin der Selbsthilfe-Gruppe „Cushing Österreich“ weitergereicht, die Probleme in der Beschaffung des Medikaments „Hydrocortison“ ansprach, weil die Pharmandustrie dieses (z.B. für Patienten, ohne Nebenniere) wichtige Medikament offenbar nicht mehr nach Österreich importiert.
Ein großes Problem, das auch viele andere umsatzschwache Medikamente (VierfachimpfstoffeTrijodthyroin, Pentagastrin, …. ) und Diagnostika betrifft.

Als HV GD Probst nach dieser Fragerunde auf die Aussage unseres Kammerfunktionärs replizieren wollte, hatte der, zur allgemeinen Befremdung, den Saal bereits verlassen.

Ich würde gerne annehmen, dass der Betreffende „Bereitschaftsdienst“ hatte und just jetzt zu einem dringenden Notfall gerufen wurde,
wenn sein Arbeitsplatz nicht rund 200 km vom Tagungsort entfernt läge und ich sein Verhalten:
Später kommen,
Wortmeldung zum Protokoll und
wieder gehen
nicht schon bei ihm und anderen so oft erleben habe müssen …..

Aber nur zur Erinnerung, die Liste unseres Kollegen fuhr bei der letzten Wahl erneut die absolute Mehrheit ein ….

Meine Großmutter, eine Tischlersgattin und Nebenerwerbsbäuerin sagte in solchen Fällen immer:

Wia ma si bett so liegt ma 

Die Anonymität ist längst in Pension geschickt worden

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Erinnern Sie sich noch an Mr. Ano Nym, die Galionsfigur des grasgrünen Supermarktes die 2015 nach 27 jähriger Tätigkeit der nächsten, inzwischen schon längst eingestampften Werbekampagne „Mein Marktplatz für Genuss und LebensfreudePlatz machen musste?
Der kompromisslose Prüfer, der angeblich für unser aller Wohl die Märkte seines Auftraggebers so gewissenhaft prüfte wie weiland Humphrey Bogart als Philip Marlowe, war plötzlich nach Aussage der Vorstandsvorsitzenden „nicht mehr mit dem Markenkern vereinbar“ gewesen.

Das wundert, denn nichts ist heute so aktuell wie die Glaubwürdigkeit der Anonymität.

Ano Nym war zwar keine reale Person und (so das Narrativ) auch den anderen Mitarbeitern der Firma nicht namentlich bekannt, aber aus Sicht der Kunden sollte gerade das seine Glaubwürdigkeit steigern, denn er agierte augenscheinlich innerhalb aber nicht als Teil des Systems. Heute sieht man das in der PR Agentur offenbar anders.

Fake News
, Hass-Postings, der angeblich auf Facebook vereinbarte Terroranschlag, ….
Glaubt man manchen Wortführern, dann bedroht uns derzeit nichts so sehr, wie diejenigen, die Anonymität nutzen.
Meines Wissens hat noch keine voll verschleierte Frau aus Arabien am Kohlmarkt einen Anschlag verübt, trotzdem findet diese Form der Anonymität Eingang in unsere Gesetzgebung.

Anonymität scheint das Gegenüber heute immer mehr zu verunsichern!

Andererseits war dem Gesetzgeber in unseren Landen stets bewusst, dass Anonymität in vielen Fällen auch dem Schutz der Freiheit des Einzelnen dient. Auch die meisten Bürger akzeptieren, dass auf Wunsch eine Abstimmung anonym zu erfolgen hat, auch wenn über Dinge abgestimmt wird, wo sowohl eine Zustimmung aber auch eine Ablehnung nichts Ungesetzliches darstellen würde.
Noch hat nicht einmal unser Innenminister verlangt, dass jeder Teilnehmer an einer Versammlung oder Demo sich vorab mit seiner e-card registrieren muss, nicht zuletzt deshalb weil auch hier nur eine bedingte Anonymität garantiert wird:
Die Behörde ist im Anlassfall ohnehin berechtigt, die Teilnehmer einer Straftat zu identifizieren. Sie filmt dazu auch immer engmaschiger den öffentlichen Raum, was überraschenderweise die Bürger wenig beunruhigt als die Vollverschleierung!

Bedingte Anonymität ist konstituierender Teil der Demokratie!

Unser Noch-Bürgermeister Häupl polterte im September des Vorjahres, dass die Whistleblower, die Unzulänglichkeiten im Wiener Gesundheitswesen aufzeigten, nur Vernaderer wären (Man bringe den Spritzwein: Häupl zeigt seine Gesinnung) was außer den NEOS niemand zu stören schien.
Verwunderlich wirkte Häupls Rülpser auch deshalb weil gerade er seinen letzten Wahlsieg einer Willkommenskultur verdankt, die gar nichts dabei fand, Tausende Asylwerber ohne Identitätsfeststellung durch unser Land nach Deutschland zu lotsen.

Auch die Wiener Stadtzeitung FALTER, die ihre überregionale Reichweite oft anonymen Tipps und Materialen verdankt, polemisierte schon vor Jahren gegen die anonyme Meinungsäußerung im Netz (Die Täter hinter der Tastatur).  Auch hier nimmt die Doppelbödigkeit wunder, da die Autoren nachweisbar wissen, dass es sich auch hier ohnehin nur um eine Pseudonymität (bedingte Anonymität) handelt.

In Deutschland geistert das Problem aktuell verstärkt durch den Blätterwald, da Bundesminister Mass sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz  durchbekommen will. Allein die Bezeichnung ist schon eine Onanie-Vorlage für überzeugte Technokraten!
Soziale Netzwerke und ähnliche Plattformen bis hin zu Online-Versandhäusern sollen laut der Initiative künftig neben offensichtlich strafbaren Hass- und Hetzkommentaren oder Falschmeldungen unter anderem auch Pornografie, „verfassungsfeindliche Verunglimpfungen“ „landesverräterische Fälschungen“ oder Beiträge „terroristischer Vereinigungen“ binnen 24 Stunden löschen müssen. Andernfalls drohen Bußgelder bis zu 50 Millionen Euro für Unternehmen beziehungsweise fünf Millionen bei Individuen, die den Pflichten nicht nachkommen. Sollten die Inhalte nicht klar als strafbar erkennbar sein, gilt eine siebentätige Prüffrist.
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Internetfreiheiten-im-Koma-Bundesregierung-befuerwortet-Netzwerkdurchsetzungsgesetz-3675569.html 

Anonymität wird heute ausschließlich als Bedrohung hingestellt und zur Demontage demokratischer Freiheiten instrumentalisiert.

Gegenstimmen, wie die des Autor des Buches „Trusted-Web 4.0 – Bauplan für die digitale Gesellschaft“, für den Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte ist, sind selten, werden aber gerade jetzt in Deutschland im Umfeld der genannten Gesetzesvorlage immer lauter.

Corinna Milborn (Puls 4) hat einen gesellschaftspolitisch wesentlichen Aspekt auf den Punkt gebracht:
Anonymität schafft hierarchiefreien Raum. Es ist schon auffällig, dass die, die Klarnamen fordern, meistens jene sind, die in der Hierarchie weit oben stehen und es sich leisten können.

Goethe geht es erwartungsgemäß hintergründiger aber ähnlich an:
Ihr sucht die Menschen zu benennen und glaubt am Namen sie zu kennen. Wer tiefer sieht, gesteht sich frei, es ist was Anonymes dabei. 

Ich habe hier schon seit Jahren wiederholt diskutiert, dass überall dort wo Beschäftigungsverhältnisse überwiegen, wo Mitarbeitern ein gesetzlicher Maulkorb umgehängt werden darf, also gerade in der öffentlichen Gesundheitsversorgung, es nur eine bedingte Anonymität gestattet, Fakten in die Diskussion einzubringen:

Whistleblowing im Gesundheitswesen erlaubt, aber: Altenpflege
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/27/whistleblowing-im-gesundheitswesen-erlaubt-aber-altenpflege

Warum pfeifen die Spatzen nicht oder pfeifen sie schon drauf?
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/29/warum-pfeifen-die-spatzen-nicht-oder-pfeifen-sie-schon-drauf/

Anonymität im Netz: Cui bono? https://medicus58.wordpress.com/2012/11/12/anonymitat-im-netz-cui-bono

3 Jahre Blogging: Weltverbesserung durch Selbstbefriedigung? O, na, nie! https://medicus58.wordpress.com/2013/10/22/3-jahre-blogging-weltverbesserung-durch-selbstbefriedigung-o-na-nie/

Ich habe heute dieses Thema erneut aufgegriffen, weil zuletzt in einigen Sozialen Medien Unmut geäußert wurde, dass die Beiträge hier ohne Klarnamen erscheinen.

Abgesehen von all den in früheren Beiträgen genannten persönlich/rechtlichen Überlegungen,
sollten sich Kritiker einmal überlegen, dass wir – selbst in einer relativ freien Gesellschaft wie der unseren – erst durch die relative Anonymität erkennen, was Menschen wirklich denken, wie manche Dinge wirklich ablaufen.
Selbstverständlich ist Missbrauch zu ahnden, dies ist aber gerade im Netz mit seinen Dutzenden „digitalen Fingerabdrücken“ (Vorratsdatenspeicherung der Provider, IP-Adressen, DNS-Server-, Browser-Profile, Hardwareidentifikation, verlinkten Telefonnummern, …) mit mehr oder weniger Aufwand ohnehin möglich. Gegenteilige Meinungen können auf diesem wie vielen anderen Blogs jederzeit gepostet werden. Ich habe in der Vergangenheit nur Postings gelöscht, die in sich einen Gesetzesbruch dargestellt haben, wozu Blogbetreiber und -schreiber ohnehin bereits jetzt gesetzlich verpflichtet sind.
Wo diese Reziprozität nicht eingehalten wird, ist die Berechtigung pseudonymisierter Meinungsäußerung auch nach meinem Dafürhalten zu hinterfragen!

Halten wir fest, dass es eigentlich immer nur um bedingte Anonymität geht, wenn Alarm geschlagen wird.

Oft wird auch nicht unterschieden, wan eine Meinungsäußerung wirklich als anonym zu gelten hat.
G.T. Marx hat 1999 in What’s in a Name? Some Reflections on the Sociology of Anonymity  darauf verwiesen, dass der
Übergang von Identität zu Anonymität 7 Kategorien umfasst:
1. Der gesetzliche Name (z.B. im Reisepass oder am Meldezettel)
2. Die Adresse (also die Erreichbarkeit z.B. via Post, Telefon oder E-Mail)
3. Alphanumerische Symbole (z.B. Mitgliedsnummer, KFZ-Nummerntafel, …)
4. Pseudonyme (Zeichenfolgen, die nur in einer Richtung rückverfolgbar sind, wie z.B. in medizinischen Studien)
5. Verhaltensmuster (Gerade die Identifikation von „Big Data“ oder Online-Werbung basiert darauf)
6. Soziale Kategorisierung (so geben viele Blogautoren den Beruf preis)
7. Zertifikate und Bestätigungen (Neben amtlichen Dokumenten auch z.B. Blogprovider)

Letztendlich ist ein Mensch erst völlig anonym, wenn keine der 7 Kategorien bekannt ist, was in der Praxis aber wiederum zur Kommunikationsunfähigkeit führt.

Andererseits ist Menschen ihrer Anonymität zu berauben ebenso eine Machtausübung wie das Untersagen des Demonstrationsrechtes oder eine Zensurbehörde. Selbstverständlich kann es Gründe geben, diese Macht auszuüben, aber aus gutem Grund wird dieses Recht der Staatsgewalt nur in sehr engen Grenzen eingeräumt. Wer glaubt, diese Grenzen ausweiten zu wollen, sollte sehr genau darlegen zu wessen Schutz und Nutzen er dies verlangt.

Wer die Anonymität von Blogbeiträgen aber kritisiert, meint vermutlich etwas anderes, er hinterfragt
ob anonym geäußerte Informationen überhaupt verlässlich sein können.

Ein paar kluge Überlegungen zu diesem Thema findet man z.B. auf dem Blog „eines gewissen Philipp Schaumann“ (http://sicherheitskultur.at/anonymity.htm), den ich weder persönlich kenne und, obwohl ein paar Gegenchecks im Netz es plausibel erscheinen lassen, letztendlich unklar bleibt, ob hier gerade diese Person sich hier Gedanken über seine Privatsphäre macht, oder ganz jemand anderer. Was aber andererseits wieder völlig egal ist!

Auf seinem Blog stellt Philipp Schaumann dar, dass jede Form gesellschaftlicher Interaktionen die partielle Aufhebung der Anonymität voraussetzt, um neben der Verantwortlichkeit für die geäußerten Aussagen auch Trust (d.h. Vertrauen in mein Gegenüber)  zu gewährleisten.
Es ist aber keinesfalls so, dass dazu immer die völlige Aufgabe der Anonymität erforderlich ist, vielmehr sollte situationsangepasst jeweils nur so viel Privatsphäre preisgegeben werden, wie dies für eine bestimmte Situation notwendig ist.

Oft sind der Grad an Identität und Anonymität davon abhängig, ob dieser vom Sender oder vom Empfänger aus bestimmt wird:
Aus guten Gründen sind die Reviewer wissenschaftlicher Journale traditionell dem Autor gegenüber anonym, dem Editor natürlich wohlbekannt. Identität ist hier eine Einbahnstraße, die nur vom Editor zu befahren ist.

Die Aussagen meines Blogs mögen richtig oder falsch sein.
Subjektiv sind sie naturgemäß, wenn man sich die Bedeutung des Begriffs BLOG vor Augen führt.
Um Objektivität bemüht sind sie trotzdem, da sie sich (siehe Impressum) als Vorlesung definieren.
Wer sie aber als unglaubwürdig weil anonym bezeichnet, sollte diesen Beitrag nochmals lesen, denn er hat nicht verstanden, dass er ohnehin 6/7 Kriterien der Identität erfüllt!

 

 

Written by medicus58

12. April 2017 at 17:25

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