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Archive for September 2014

KAV: Wir sparen – koste es was es wolle

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Sound

Seit 2013 erfüllen die Klänge des SOUND Projekts den Wiener Krankenanstaltenverbund KAV.
Um (zumindest) im Englischkundigen Assoziation von „gesund“ und „korrekt“ auszulösen, wurde ein leicht holpriges Akronym geschaffen:

Sachkostenoptimierung. Unser Nutzen dauerhaft

Dass die Phrase to sound somebody out auch mit aushorchenübersetzt wird, ist aber auch nicht unpassend, weil hinter dem großflächigen Einsparungsversuch steht die Firma Accenture und ein schier endloses Netzwerk von anderen Beraterfirmen, die hier in den Büchern des größten österreichischen Krankenanstaltenverbundes wühlen dürfen.

Bislang wurden die versprochenen Einsparungsvolumina noch nicht erreicht, so dass ohne Rücksprache mit den Betroffenen immer komplexere Abrechnungskonstrukte entwickelt werden, um grandiose Einsparungen darstellen zu können. Die zusätzliche administrative Arbeit für das Personal ist den beteiligten Firmen ja egal, weil es nur um die Einkaufspreise geht:

Es gibt Häuser, in denen der Betrieb (z.B. in den Laboren) nicht mehr ­reibungslos läuft, weil für das Projekt Sound verschiedene Statistiken geführt werden müssen.
http://www.kiv.at/wien/szx/artikel/3492/der-sound-im-kav

Nun muss auch die nach Selbstdefinition doch so effiziente KAV-IT Federn lassen:

650.000 Euro werden wir uns ab 2014 sparen, weil wir mit Hilfe unserer Berater erkannt haben, dass wir für unsere Microsoft Office Lizenzen auf Update und Software Wartung (Software Assurance SA) verzichten.

Das SOUND Team in der KAV-IT kam zur überraschenden Erkenntnis, dass durch die Implementierung einer neuen Softwareversion ein erhöhter finanzieller Aufwand entsteht.

Chapeau, diese Erkenntnis ist nahezu Wirtschafts-Nobelpreis-verdächtig.

Das Microsoft Office Paket im KAV wird ab nun nur nach Bedarf bezogen.
Offenbar wurde es zuletzt aus Jux und Tollerei installiert …. aber zurück zum Originaltext:

Damit reduziert sich der Aufwand für die Anpassung an sämtliche Applikationen des KAV erheblich. Der Einsatz der neuen Produktversionen erfolgt ab nun im Einklang mit der KAV-internen Software-Strategie.  

Beeindruckt von diesen Einsparungen wird jetzt die Kasse der Beraterfirmen klingeln. Wenn sich dann doch herausstellt, dass die alte Version mit keiner der anderen Softwarepakete mehr kompatibel ist, die auf die Office Anwendungen zugreifen, dann kaufen wir alles zum Listenpreis nach. Dann ist aber das SOUND Projekt schon geschichte und die Beraterfirmen sind weitergezogen.

MS Word wird ja nicht nur isoliert benutzt, sondern es greifen mehrere andere Softwarepakete (z.B. für das Schreiben von Krankengeschichten und Befunden) darauf zu. Auch der letzte Wechsel von WIN NT auf WIN7 und von Office 2003 auf 2010 war schließlich erforderlich, weil die von Drittanbietern laufende Software weiterentwickelt wurden und nicht mehr mit den alten Versionen kompatibel waren.

Gleiches gilt für alle anderen Teile des Office Pakets.

Im KAV läuft zum Beispiel eine Version des Internet Explorers 8, auf der medizinische Fortbildungen, wie z.B. MEDSCAPE nicht mehr lauffähig sind. Egal, verwenden wir halt unsere privaten Smartphone, diese Kosten rechnen unsere SOUND Berater auch nicht ein, weil
gespart wird heute nur durch das verschieben der Kosten, nach vorne oder auf andere.

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Written by medicus58

28. September 2014 at 19:37

Der Herr gab uns die Schilddrüse, die konfessionell geführten Häuser, wollen sie uns wieder nehmen

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SD

Das Angebot folgt nicht nur der Nachfrage, sondern auch dem Geld.

Es werden nirgends so viele Schilddrüsen operiert, wie in Deutschland (80.000-100.000/Jahr) und Österreich.
Zugegeben, in Mitteleuropa ist die Kropfhäufigkeit relativ hoch, jedoch erklärt das die hohen Interventionszahlen nur ungenügend.

Dass die regionalen Operationshäufigkeiten für verschiedene Eingriffe – warum auch immer –mit dem Wohnort korreliert, hat erst kürzlich eine Analyse der Bertelsmann Stiftung gezeigt, wobei aber Schilddrüsenoperationen leider nicht publiziert wurden: (http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_122108.htm)

Konzentrieren wir uns nur auf den Großraum Wien, dann fällt auf, wie viele der von privaten Trägern geführten Spitäler massiv und mit entsprechender PR um operationswillige Patienten buhlen.

Per APA-Aussendung verwies im November 2012 das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern (Vinzenzgruppe) auf eine Erweiterung der OP-Kapazität hin, „um der steigenden Nachfrage an kurzfristigen Operationsterminen nachkommen zu können:

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20121115_OTS0056/schilddruesenchirurgie-op-kapazitaet-erweitert

Ein Jahr später setzte man vom Herz-Jesu Krankenhaus nach und rühmte sich seiner Knopfloch-Chirurgie:
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20131112_OTS0035/kropflos-durch-knopfloch-moderne-operations-methode-hilft-bei-schilddruesenerkrankungen

Auch dieses Haus ist ein „Unternehmen der Vinzenz Gruppe, deren Motto da lautet: „Medizin mit Qualität und Seele„.

Aber natürlich buhlen auch die öffentlich geführten Häuser um dieses Klientel (http://www.wienkav.at/kav/kar/ZeigeAktuell.asp?ID=21097), weil die Operation einer unkomplizierten Struma auch im LKF System lukrativ ist. Dort verliegen aber die weniger lukrativen Patienten mit ihren schweren chirurgischen Problemen die Betten, so dass viele der Patienten mit ihrem Chirurgen letztendlich doch wieder in die genannten Häuser wandern.

Aber wie wir es ja in der Zahnheilkunde schon vor langer Zeit erlebt haben, bekommen die Platzhirschen in einem geöffneten Markt früher oder später Konkurrenz. Ich stieß bei einer Googelsuche (natürlich nach einem thyreologischen Thema) zufällig auf diese kontextbezogene Werbeeinschaltung, die mit einem Voucher unterlegt , mir Kroatien als besten (und billigsten) Ort in Europa empfiehlt, wo ich mich meiner Schilddrüse entledigen lassen kann.

Ob das überhaupt sinnvoll ist, das könnte nur ein von ökonomischen Überlegungen befreiter Thyreologe entscheiden, aber den scheint uns der Herr (an den ich nicht glaube) nicht vorgesehen zu haben.

Written by medicus58

26. September 2014 at 17:03

Ärztearbeitszeit: Ein Pyrrhus-Sieg der Ärztekammer

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Nachdem scheinbar plötzlich alles eitel Wonne und Waschtrog schien, weil Sozialminister Hundstorfer auf Druck der EU die Höchstarbeitszeit für Ärzte im Krankenhaus bis Mitte 2021 auf durchschnittlich 48 Stunden reduzieren will  (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140924_OTS0032/hundstorfer-neues-aerztearbeitszeitgesetz-macht-aerzteberuf-attraktiver-und-bringt-vorteile-fuer-patientinnen) , wird heute den Kärntner KollegInnen plötzlich klar, dass das mit deutlichen Gehaltseinbußen verbunden sein wird (http://derstandard.at/2000006043548/Aerzte-wollen-weniger-Arbeit-bei-gleichem-Lohn).

Wie immer wird an den Folgen (Ärztliche Selbstausbeutung durch überlange Arbeitszeiten) herumgebastelt, weil man die wahre Ursache nicht auszusprechen wagt. Natürlich auch nicht die Ärztekammer, die die neue Regelung nun mitbejubelt: Viele Ärzte verdienen relativ gut, nicht weil ihre Leistung gut entlohnt wird, sonder weil sie Überstunden und mehrere Jobs übernehmen. Die Dienstzeiten im Wiener Krankenanstaltenverbund sind dafür maßgeschneidert: Die ersten Nachtdienste werden nicht bezahlt sondern in die Normalarbeitszeit eingerechnet, so dass die Ärzte an den Tagen, an denen sie keine Nachtdienste absolvieren in der Regel den Nachmittag frei haben, um – je nach Fach – in ihren Ordinationen (mit kleinen Kassen) zu arbeiten, Ärztenotdienst zu fahren oder in Instituten zu arbeiten.

Dieser Aspekt der Ärztearbeitszeit wird nun sowohl von der Ärztekammer als auch von den Krankenhausbetreibern und der Politik tunlichst verschwiegen. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten um vorherzusehen, dass es vermutlich zu einer gewissen Anhebung der Ärztegehälter kommen wird, aber in Hinblick auf die klammen Kassen wird es wohl kaum zu einem vollen finanziellen Ausgleich für die langsame Arbeitszeitreduktion kommen. Es werden auch kaum genügend Ärzte zur Verfügung stehen, um die fehlenden Stunden abzudecken. Das größte Problem wird aber wohl werden, dass sich die Krankenhausbetreiber wohl fragen müssen, weshalb sie mehr für weniger Arbeitszeit zahlen sollen, damit sie ausgeruhte Ärzte haben, wenn diese den Einkommensverlust weiterhin durch Mehrarbeit im extramuralen Bereich wettmachen wollen.

Auch wenn die Ärztekammer nun so tut, als wären mit einer Arbeitszeitreduktion alle Probleme gelöst, wird sie ihr lange negiertes Problem einholen. Wenn sie sich als Standesvertretung der Ärzte sieht, wird sie nicht umhin kommen, nicht Schlupflöcher auszuhandeln sondern ehrliche Entlohnung für ärztliche Leistungen.
Schwer vorstellbar, dass das die jetzigen Player fertigbringen.

PS: Das Problem der zu niedrigen Löhne ist übrigens nicht auf die Ärzte beschränkt. Auch wenn jetzt alle über Steuersenkungen reden(und hoffen, dass das Mehr an Barem in den Konsum geht und damit denVerbrauchssteuertopf füllt, obwohl zu befürchten steht, dass es nur zum Abdecken der bereits angelaufenen privaten Verschuldung verwendet wird), wäre den unselbstständig Erwerbstätigen eher mit einer Einkommenserhöhung gedient, die in jedem Fall zu einem mehr in der Staatskasse führt …. wem die Progression lästig ist, könnte ja die Rechner der Finanz leicht von den Steuerstufen auf ein lineares System umstellen …

 

 

Written by medicus58

25. September 2014 at 21:21

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

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HTA II: Springen Sie vom Donauturm, wir haben keinen Beweis dafür, dass Sie einen Seil bräuchten

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hta2

Kürzlich haben wir versucht aufzuzeigen, dass es schon längst nicht mehr darum geht, dass eine medizinische Maßnahme dem einzelnen PAtienten helfen muss, um von unseren Gesundheitssystemen bezahlt zu werden (HTA oder ob wir eine Diagnose bezahlen hängt nicht nur von deren Qualität ab http://wp.me/p1kfuX-QS).

Heute möchte ich noch ein paar andere Aspekte dieses Paradigmenwechsels beleuchten. Selbst wohlwollende Kritiker der EbM (Evidence Based Medicine) und des HTA weisen auf einige noch ziemlich ungelöste Probleme des Prozesses hin:

Bei einer der führenden Organisationen, die sich mit der Überprüfung von in der Medizin angewandten Techniken befasst, der Cochrane Collaboration dauert es im Schnitt 23 Monate, bis eine klinische Fragestellung beantwortet wird. (http://www.thecochranelibrary.com/details/editorial/3620281/Measuring-the-performance-of-The-Cochrane-Library.html).

Ihrer deutschen Schwesterorganisation, das IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) erhielt wurde z.B. 2006 den Auftrag, die Wertigkeit der Positronenemission (PET) für das maligne Melanom zu prüfen.
5 Jahre später (!!!) stellten die Experten fest, dass der Nutzen nicht belegt ist.

Das ist auch insofern bemerkenswert, als die ebenfalls auf Basis der EbM entwickelte AWMF S3 Leitlinie Melanom 2013 auf Evidenzlevel 1 a festhält :
Schnittbildgebende Verfahren sind heute der Standard in der
Ausbreitungsdiagnostik ab Stadium III des malignen Melanoms.
Dabei hat sich gezeigt, dass die PET/CT in der Diagnostik den anderen Verfahren in der diagnostischen Genauigkeit überlegen ist.

Also was jetzt?

Wie mehrere Wissenschafter hinwiesen, hat das IQQIG in seinem langen Rechercheprozess nicht scharf zwischen PET und PET/CT unterschieden, so dass die Aussage eigentlich nichts mehr über die aktuelle Technologie aussagt.

Cochrane gibt im Gegensatz zu den nationalen Töchtern wenigstens zu, dass etwa ein Drittel ihrer Aussagen eigentlich nicht mehr up to date sind.

Ein weiteres Problem dieses Ansatzes zu mehr Erkenntnisgewinn zu kommen ist der ernorme Bias, der dadurch entsteht, dass die vorliegenden klinischen Studien (auch wenn man methodische Fehler einmal beiseite lässt) nicht zu einem tieferen Erkenntnisgewinn führen, da sie unter ganz anderen Fragestellungen durchgeführt wurden, als sie jetzt beantworten sollen.

Es wurde z.B. gezeigt, dass von 358 dermatologischen Fragenstellungen nur 3, also weniger als 1%, durch einen einzelnen systematischen Review beantwortet werden konnten (http://blog.tripdatabase.com/2013/04/a-critique-of-cochrane-collaboration.html).

Das Fehlen eines Beweises für die Wirksamkeit wird in diesem System automatisch gegen das Verfahren interpretiert, so dass der Großteil der HTA Empfehlungen sich gegen neue Diagnostik und Therapie aussprechen.

Die Problematik dieses Vorgehens lässt sich durch ein einfaches Beispiel illustrieren:

Würde Cochrane, NICE, IQWIG oder unser LBI HTA gefragt, ob es denn sinnvoll wäre, ein Bungeeseil zu benutzen, wenn man vom Donauturm springen möchte, würden sie

  • zuerst eine Reihe von Statistikern und Ökonomen mit einer Literaturrecherche beauftragen, welche randomisierte Doppelblindstudie vorliegt, die zeigen konnte, dass die Benutzer eines Bungeeseiles einen signifikanten Überlebensvorteil haben
  • Nach langer Recherche würde sich herausstellen, dass eine solche Studie nie durchgeführt wurde und man würde Sie beruhigen, dass keine Evidenz vorliegt, dass ein Bungeeseil ihr Überleben signifikant beeinflussen würde.
  • Einzelne Stimmen, die auf Todesfälle verwiesen, wenn ein verwendetes Seil defekt war, würden nicht gehört werden, weil es sich dabei um Einzelfälle gehandelt hätte, die in der Studienplanung gar nicht berücksichtigt wurden.
  • Hysterische Stimmen, dass einem ja der gesunde Menschenverstand sagen würde, dass man einen freien Fall keinesfalls, den gebremsten erfahrungsgemäß sehr wohl überleben könnte, würden als Eminence based (= wissenschaftlich unbelegte, autoritäre Einzelmeinung) abgetan.
  • Es würde wohl keiner überhaupt die Frage ventilieren, was es denn für einen Sinn hätte ohne (IMHO auch mit) Seil vom Turm zu springen, weil das nicht Teil des Prüfungsauftrages war.

Hier schließt sich der Kreis zur Qualitätssicherung, die mit all ihren ISOs und SOPs sicherstellt, dass Schwimmreifen aus Beton in höchster und stets gleicher Qualität gefertigt werden. Ein Kalauer, an den man nicht mehr denkt, wenn die nächste Welle scheinbar objektiver Besserwisserei über einen hereinbricht.

Written by medicus58

22. September 2014 at 18:45

HTA oder ob wir eine Diagnose bezahlen hängt nicht nur von deren Qualität ab

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hta

HTA (Health Technology Assessment) oder noch sperriger Technikfolgenabschätzung im Gesundheitswesen kommt auf den ersten Blick einmal ganz objektiv und sachlich unangreifbar daher (Zitat vom einschlägigen Ludwig Boltzmann Institut: http://hta.lbg.ac.at/page/homepage)

Diagnostische Technologien (Erklärung Medicus58: also vom Bluttest bis zur Computertomografie) werden eingesetzt, sowohl um das Vorliegen von Krankheiten zu bestätigen oder auszuschließen, als auch um den Schweregrad von Erkrankungen zu klassifizieren. Die Ergebnisse diagnostischer Tests sollen durch Beeinflussung von diagnostischen oder therapeutischen Entscheidungen  letztendlich in verbesserten, patientInnenrelevanten Outcomes  resultieren. Da mit dem Einsatz von Diagnostik allerdings auch nachteilige Konsequenzen verbunden sein können und diagnostische Verfahren, bedingt durch einen unkritischen Einsatz, maßgeblich an steigenden Gesundheitskosten beteiligt sind, kommt der Identifizierung effektiver und effizienter Technologien eine zentrale Rolle zu.

Abgesehen davon, dass die wahren Kostentreiber im Gesundheitswesen, so wie in allen Dienstleistungsbereichen, die Personalkosten sind und die Zeiten schon lange vorbei sind, wo diagnostische Großgeräte als ärztliche Spielzeuge verwendet wurden, muss man ja der Forderung nach einem kosten-effizienten Einsatz von CT, MRT und PET zustimmen. Das Problem steckt aber wie immer im verschwiegene Detail.

Was ist denn der positive Wirkungsbeweis einer Technologie?

Die meisten meiner BerufskollegInnen, denen ich diese Frage vorlege, egal ob sie aus den diagnostischen Fächern (Labormedizin, Nuklearmedizin, Pathologie, Radiologie) kommen oder eher als Zuweiser agieren, meinten, dass die Anwendung dieser Verfahren zu einer BESSEREN DIAGNOSE führen müsste.

Liest man aber in den Bibeln des HTA nach, dann erfährt man, dass auch der Nachweis, dass ein geprüftes Verfahren zu einer exakteren Diagnose führt, nicht genügt, um dieses Verfahren zu empfehlen, wenn es

1. nicht auch nachweislich zu einer geänderten Therapie für den Patienten führt,

2. und wenn diese geänderte Therapie nicht auch nachweislich zu einem besseren Ergebnis für den individuellen Patienten führt.

Kann man ja vielleicht auch noch irgendwie gut finden, wenngleich darauf aufmerksam zu machen ist, dass ja ein Test nichts dafür kann, wenn die möglichen Therapien einfach noch zu schlecht sind, um den diagnostischen Zugewinn auch in etwas Lebensqualität oder Überlebensqualität umzumünzen.
Als Nebeneffekt kommt es dadurch auch zu einer negativen Rückkopplung auf die Verbesserung des Gesundheitssystems: Für den Hauptverband der Sozialversicherungsträger, ebenso wie für immer mehr Krankenversicherungen weltweit, führt nämlich ein fehlender Wirkungsbeweis im HTA zur Verweigerung einer Refundierung innerhalb der öffentlichen Krankenversicherung. D.h. außerhalb kontrollierter wissenschaftlichen Studien, die dann auch noch Gnade in den Augen der EbM- (Evidence based Medicine) und HTA-Gurus finden müssen, wird es nicht möglich sein klinische Erfahrung zu sammeln, ob die neue Technologie vielleicht doch zu einer besseren Therapie und somit zu einem besseren Outcome führen würden, würde man sie in einer anderen als der bekannten Art nutzen. Ein Großteil aller schulmedizinischen Entwicklungen beruht seit mind. 100 Jahren auf einer kritischen Empirie, die erst nachträglich in wissenschaftlichen Studien geprüft wurde.
Gerade im Bereich der „personalisierten Medizin„, also der auf Basis individueller Krankheitsbefunde maßgeschneiderten Therapie, wird sich schwer der Beweis eines individuellen Benefit führen lassen, weil wohl kaum irgendwer entsprechende Studien finanzieren wird.
Unsummen wurden bereits aufgewendet, um – soweit in einem klinischen Setting möglich – nachweisen zu können, dass z.B. die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) eine bessere Diagnose für viele bösartige Erkrankungen ermöglicht. Parallel dazu wurden auch Unsummen für den Nachweis aufgewendet, dass bestimmte Chemotherapien zu einer Lebensverlängerung führen. Nun den Beweis zu verlangen, dass die PET auch für jede dieser Therapien einen Benefit bringt, würde einerseits die Kosten explodieren lassen, aber andererseits auch kaum zu Ergebnissen führen, die unter den Augen der gestrengen Oberrichter bestehen könnten. In der klinischen Praxis ist es nahezu unmöglich jeden Befund (z.B. histologisch) zu verifizieren. Die Komplikationen aller erforderlichen Punktionen oder Operationen würde kaum ein Patient tolerieren und vermutlich auch nicht überleben. Wie bei Schrödingers Katze würde allein schon die Untersuchung das Endergebnis maßgeblich beeinflussen.

Ziemlich problematisch wird das alles aber dadurch, dass im HTA Assessment auch immer wieder ein letzter Punkt gefordert wird:

3. Eine neue Methode muss auch zeigen, dass sie neben einem Benefit für den individuellen Patienten auch zu einem socio-oekonomischen Benefit für das Gesamtsystem führt.

Wieweit wir uns hier schon vom so oft angesprochenen „Patientenwohl“ entfernt haben, lässt sich gut an einem aktuellen Gesundheitsproblem demonstrieren, das so gar nichts mit den angeblich so kostentreibenden Großgeräten zu tun hat:

Bei ihrer der Analyse der HPV-Impung: (http://eprints.hta.lbg.ac.at/760/2/HTA-Projektbericht_009.pdf) leugnen die HTA Gurus des LBI durchaus nicht, dass die zeitgerechte Impfung eines Mädchens das Risiko ein Zervixkarzinom zu bekommen (weil es nicht mehr von einem HPV-infizierten Sexualpartner angesteckt werden kann) und leugnet auch nicht, dass eine flächendeckende Impfung (von Mädchen und Buben) zu weniger Zervixkarzinome führen würde, steht aber einem Kostenersatz durch die Sozialversicherungen wenig euphorisch gegenüber, u.a. weil durch den Zuzug von ungeimpften Personen nach Österreich der gesamtgesellschaftliche Effekt verdünnt werden könnte.
Brutal ausgedrückt, weil die draußen ihre Buben nicht impfen, zwingen wir den Hauptverband lieber nicht Geld dafür locker machen, dass ein in Österreich geborenen Mädchen, egal mit wem sie einmal ins Bett gehen wird, kein Zervixkarzinom bekommt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sowohl unter den Ärzten als auch unter den betroffenen Patienten ein ziemlicher Aufruhr ausbrechen würde, wenn sie erkennen würden, zu welchen inhumanen Auswüchsen die Gesundheitsökonomie unter dem Deckmantel der seriösen Wissenschaft bereits geführt hat …

http://www.nlm.nih.gov/nichsr/hta101/ta10103.html

 

 

Written by medicus58

20. September 2014 at 19:19

Kosteneffizienz in der Medizin ist doch was Gutes, oder?

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costeffective

Wer auch immer heute über eine Budgetsanierung spricht, der spricht von einer Verwaltungsreform aber auch vor dem Amen in seinem Gebet vom Gesundheitssystem.
Jahrzehnten einschlägiger Gehirnwäsche haben dazu geführt, dass jeder davon überzeugt ist, dass im Gesundheitssystem sinnlos Millionen verpulvert werden.

Dass seit Jahren die Ausstattung öffentlicher Spitäler in den sogenannten „reichen Ländern“ inzwischen gegen ein chinesisches Schwerpunktspital abstinken, darüber spricht man nicht (ein chinesischer Gastprofessor an meiner Abteilung hat dies kürzlich etwas höflicher formuliert), egal.
Dass wir zwar vor Wahlen etwas Zahnkosmetik betreiben (Stögers Zahnspangen irgendwann einmal auf Krankenschein ….) aber die angeblich sanierten Kassen nur an den Schneidezähnen weiße Füllungen zahlen und daneben Amalgam prangt, wurscht.

Kürzlich stolperte ich über eine interessante Publikation, die die wissenschaftliche Literatur zu Kosteneffizienz  in der Medizin analysierte (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1524-4733.2005.04010.x/fullGrowth and Quality of the Cost–Utility Literature, 1976–2001, publiziert 2005!

Ein paar Zitate gefällig? 

Wenig überraschend hat die Häufigkeit entsprechender Untersuchungen innerhalb des Untersuchungszeitraumes drastisch zugenommen und natürlich kommt die Mehrheit der publizierten Studien aus den USA, einem Land dessen Gesundheitssystem das teuerste aber vermutlich auch das ineffizienteste der Welt ist.
Hinsichtlich des ärztlichen Einkommens sind die USA aber durchaus empfehlenswert, auch egal.
Soweit mir die aktuellen Rankings bekannt sind, haben sich die Verhältnisse im folgenden Jahrzehnt nicht geändert. Die meisten Studien kommen auch heute aus den Speerspitzen des Neoliberalismus, den USA und Großbritannien; zwei Länder in denen weniger finanzstarke Patienten zwar nicht gerade gut betreut werden, aber egal.
Das Gesundheitssystem in Großbritannien ist wenigstens so ehrlich, dass es mehr oder weniger festgelegt hat, dass ein QALYyear ( http://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tskorrigiertes_Lebensjahr ), also ein zusätzliche Jahr voller Gesundheit nicht mehr als 20.000 zwischen 20.000 und 30.000 Pfund kosten darf, wenn es vom öffentlichen Gesundheitssystem finanziert werden soll. Ein Punkt, über den wir hier noch nicht einmal zu denken wagen (Was sagt uns Diskrepanz zwischen erzielbarem Einkommen und Therapiekosten? http://wp.me/p1kfuX-IZ).

Die Autoren bemerkten auch, dass diese Publikation in diesem Zeitraum methodisch zwar besser geworden sind, aber – und das ist das meines Erachtens das Bedenkliche –  konstant von 35% der publizierten Studien nicht bekannt ist, wer sie finanziert hat!

Ich frage mich, wie lange wir es uns nach gefallen lassen, dass inzwischen völlig zu Recht ärztliche Wissenschafter jede Affiliation (http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/wirtschaft/sn/artikel/pharma-honorare-an-aerzte-werden-oeffentlich-118915/) offen legen müssen, diejenigen aber, die neue Verfahren in der Medizin durch ihre Hochrechnungen verhindern, verschweigen, in wessen Auftrag sie agieren. Dazu passt auch, dass die Autoren der zitierten Studie bemängeln, dass viele Arbeiten die verwendeten Berechnungsmethoden nur unzureichend validiert bzw. verifiziert haben.

Written by medicus58

16. September 2014 at 20:16

Innere Grenzen im Friedensprojekt Europa: oder worüber Schottland auch abstimmt

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PeaceLine_Belfast_2

Auch unsere Medien haben letztlich die potentielle Sprengkraft der bevorstehenden Abstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands erkannt und berichten über das für 18. September geplante Referendum (http://de.wikipedia.org/wiki/Unabh%C3%A4ngigkeit_Schottlands).

Viel weniger wird über den in den letzten Monaten immer lauter werdenden Ruf nach Unabhängigkeit Kataloniens berichtet, über die am 9. November abgestimmt werden soll.
http://de.wikipedia.org/wiki/Referendum_%C3%BCber_die_politische_Zukunft_Kataloniens_2014

Gleichzeitig, am 9. November wird Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls (http://www.berlin.de/special/25-jahre-mauerfall/) gefeiert, jedoch wäre es gefährlich darüber die vielen anderen Bruchlinien imFriedensprojekt Europa zu übersehen.

Mitten durch Belfast läuft noch immer eine sogenannte Peace line(http://de.wikipedia.org/wiki/Friedenslinien) zwischen den Wohngebieten irischer Nationalisten und britischer Unionisten. Heute spielen zwar Kinder, wo noch vor wenigen Jahren Heckenschützen lauerten, aber es benötigt wenig um sich vorzustellen, was eine Unabhängigkeit Schottland für den eingefrorenen Konflikt in Nordirland bedeutet.

PeaceLine_Belfast_1

Wo bis 2003 Menschen erschossen wurden, spielen augenblicklich Kinder.

 

http://www.derwesten.de/reise/peace-line-schutzmauer-in-belfast-ist-touristenattraktion-id8880277.html 

http://bigstory.ap.org/article/belfast-keeping-peace-means-city-walls 

Written by medicus58

15. September 2014 at 19:09

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