Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Renaissance der Aufklärung’ Category

Gedanken zu Fronleichnam: Trump garantiert Stabilität

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Ob Christ, Atheist oder Anhänger irgend einer anderen Konstruktion, die meisten haben heute frei und feiern Fronleichnam.
Transformieren wir die Überlegungen zum Fest der leiblichen Gegenwart Christi in unsere Gegenwart müssen wir wohl zur Kenntnis nehmen, dass unter all dem Gekreische angeblicher Qualitätsmedien, kein Politiker so sehr Garant für die Stabilisierung politischer Realität ist, als
dieser Blondinenwitz auf göttlicher Mission.

Diese Parallele ist natürlich auch den intellektuellen Medien links der Feldherrenhalle nicht verborgen geblieben: Financial Times April 2017: How the Bible Belt lost God and found Trump 

Was aber in all dem Trump-Bashing nicht angesprochen wird ist, dass sich jeder, der sein letztes politisches Neuron nicht versehentlich in der Wahlurne begraben hat, doch nicht eigentlich fragen müsste, weshalb es in einem sündteuren und monatelangen Auswahlverfahren innerhalb eines doch mehr oder weniger demokratischen Systems möglich war, dass diese Figur legal an eine ultimative Machtposition gelangte, ohne jemals seinen Charakter oder seine Mission verschwiegen zu haben.

Gott hat Trump nach seinem Bild geschaffen und in die Welt gesandt.

Während die intellektuelle Schickeria damit unterhalten wird,
wo Trump grad wieder tief in eines seiner Bildungslöcher blicken hat lassen
welche Gesetzesbrüche Donald grad wieder begangen haben soll,
dass sich der Multipleitier ja nur durch Macheloikes  des undemokratischen Putin
die Macht eines doch völlig demokratischen Systems erschlichen hat.

So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!
(Matthäus 22, 21b)

Und während die Trump-Witze, die Internetseiten mit seinen Absurditäten boomen, bleibt das System selbst unhinterfragt.
Wir lehren unsere Kinder, dass ein politisches System, bei dem immer wieder völlig legal das Letzte was die Menschheit zu bieten hat an die Macht kommt, unsere beste aller möglichen Staatsformen ist.

50% und eine Stimme in einer Stadt, die voll von hochbezahlten Lobbyisten und PR-Beratern ist (egal, ob sie nun an Brüssel,Washington oder den Heumarkt denken) soll unhinterfragbar machen, was aus Dutzenden anderen Gründen völliger Scheißdreck ist?

Eine demokratische Mehrheit ist vielleicht die Voraussetzung für eine richtige gesellschaftliche Entscheidung, jedoch keinesfalls eine ausreichende Voraussetzung dafür!

Trump kann eine echte Lichtgestalt werden, wir endlich zu hinterfragen beginne, wer immer hinter diesen Heilsbringern steht. Wäre auch 1933 ein guter Tipp gewesen, statt sich über die überschlagende Stimme und das Oberlippenbärtchens eines oberösterreichischen Postkartenmalers zu amüsieren.

Für gewissen Interessen garantieren diese Figuren wirkliche Stabilität, weil sie ablenken!

 

 

 

Written by medicus58

15. Juni 2017 at 14:07

Einige dilettantische Parallelen und ein vorschneller Schluss

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Das, was man so als westliche Demokratien bezeichnet, erlebt seit einigen Jahren ein eigenartiges Phänomen:

Egal, ob es sich um Mehrparteiensysteme oder wie in den USA de facto Zweiparteiensysteme handelt,
egal ob man nach D’Hont oder Winner takes it all die Mandate verteilt, man endet bei einem 50:50 bzw.
einem hung parliament wie aktuell in UK.

Dass sich so ein „Mayday“ auch durch die beratergetriebene Ausrufung vorzeitiger Wahlen ergeben kann,
http://www.bbc.com/news/election-2017-40209282
könnte vielleicht auch unser Herr Außenminister erfahren, nur darum geht es nicht.

Auch dass diese Situation bei unserem Nachbarn als Hessische Verhältnisse bekannt ist, ist für unsere Überlegung irrelevant.

Erklärungsversuche, weshalb sich aktuell unsere Gesellschaften vorhersehbar in zwei Lager spalten, würden zu weit führen.
Dass die vielen arbeitslosen Psychologen, Meinungsforscher und Politberater mit ihrer Zuspitzungstaktik hier mitschuldig sind, darf ich aber mal so in das Netz tippen.

Die Empirie zeigt aber, dass in mehr oder weniger demokratischen, aber tief gespaltenen Gesellschaften es selbst dort, wo das Wahlrecht es bewusst begünstigt, zu keinen absoluten Parlamentsmehrheiten mehr kommt und die Alternative, eine Multiparteienkoalition aller anderen gegen einen, naturgemäß instabil sein wird, da es leichter ist sich gegen als für etwas zu verbünden, werden wir uns all mit dem Konzept der Minderheitsregierung und den wechselnden parlamentarischen Mehrheiten anfreunden müssen, oder erneut in totalitäre Regierungsformen rutschen.

Zu Beginn meines politisch bewussten Lebens, hat das in Österreich ein Bruno Kreisky (natürlich unter völlig anderen und nicht ganz lupenreinen Rahmenbedingungen) versuchen dürfen und danach eine lange Phase politischer Stabilität erreicht.
Der nächste Versuch wurde durch Bundespräsident Fischer verhindert – was ihm aber offenkundig niemand nachträgt – und kaum einer bezweifelt, dass sein Nachfolger da seinem Beispiel folgen wird:
Alles ist besser, als dass politische Vorgänge auf offener Bühne ablaufen.

Wir haben in den Jahren einer strategielose, überwiegend nur der Taktik des Augenblick folgende SPÖVP Regierung immer die falschen Fragen diskutiert:

Nicht die aller-aller-größte Steuerreform aller Zeiten,
nicht die Schwulen-und-Lesben-Ehe in letzter Minute,
nicht kurzfristige Arbeitsmarkt- und Wohnbausubventionen,
…..
nicht mit oder ohne HC ….

nicht all das, dessen Stillstand in mühevollen Verhandlungen seit vielen Jahren einbetoniert und jetzt plötzlich noch beschlossen werden sollte, wäre das Hauptthema für das nächste halbe Jahr politischer Werbekampagnen, sondern die Frage, wie wir mit den randomisiert gespaltenen Mandaten parlamentarisch in Zukunft umgehen können, weil daran hapert unsere jetzige Auffassung einer stabilen Demokratie:

Wenn der einzelne nach reiflicher Überlegung aller Beweggründe zu einem 50% für und 50% gegen eine Entscheidung kommt, heißt das zu Recht, dass er sich nicht entscheiden konnte, bzw. es vermutlich egal ist wie er sich letztlich entscheidet, groß kann der Fehler nicht sein.
Hinter einem 50:50 Wahlergebnis, stecken jedoch viele klare Einzelentscheidungen, so dass jede Mehrheitsregierung eine nicht unbeträchtliche Menge an Opposition vergraulen wird.
Wechselnde Mehrheiten mögen durch die Beteiligung aller am Kuchen vielleicht teurer kommen, demokratisch verhandelt führen sie aber zu weitaus stabileren Verhältnissen.
Nur dafür haben wir vermutlich erneut den falschen Bundespräsidenten und zu viele Politiker die zu kurz denken.

Written by medicus58

9. Juni 2017 at 07:31

An das Publikum (Eine Collage)

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1931

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: „Das Publikum will es so!“
Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute Bücher gehn eben nicht!“
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

Ja dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmässigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser

(Kurt Tucholsky)

14.6.2004 (!)

Molterer: „Anstand“ verpflichtet Gusenbauer zu Rücktritt

19.7.2008

Das Netzwerk des Werner Faymann: Wie Freunde ihn ins Kanzleramt bringen wollen

13.4.2011

Rücktritt von Josef Pröll Scheitern einer Zukunftshoffnung

5.6.2011

Spindeleggers Netzwerk besteht aus Cartellverband und sozialliberalen Christen

9.5.2016:
Faymann ist Geschichte – Der Fahrplan für die nächsten Wochen

13.5.2017

„Mitterlehner nach allen Regeln der Kunst abmontiert“

1977 Heroes

I, I will be king
And you, you will be queen
Though nothing, will drive them away
We can beat them, just for one day
We can be heroes, just for one day

We’re nothing, and nothing will help us
Maybe we’re lying, then you better not stay
But we could be safer, just for one day
Oh-oh-oh-ohh, oh-oh-oh-ohh, just for one day

(David Bowie)

Die Anonymität ist längst in Pension geschickt worden

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Erinnern Sie sich noch an Mr. Ano Nym, die Galionsfigur des grasgrünen Supermarktes die 2015 nach 27 jähriger Tätigkeit der nächsten, inzwischen schon längst eingestampften Werbekampagne „Mein Marktplatz für Genuss und LebensfreudePlatz machen musste?
Der kompromisslose Prüfer, der angeblich für unser aller Wohl die Märkte seines Auftraggebers so gewissenhaft prüfte wie weiland Humphrey Bogart als Philip Marlowe, war plötzlich nach Aussage der Vorstandsvorsitzenden „nicht mehr mit dem Markenkern vereinbar“ gewesen.

Das wundert, denn nichts ist heute so aktuell wie die Glaubwürdigkeit der Anonymität.

Ano Nym war zwar keine reale Person und (so das Narrativ) auch den anderen Mitarbeitern der Firma nicht namentlich bekannt, aber aus Sicht der Kunden sollte gerade das seine Glaubwürdigkeit steigern, denn er agierte augenscheinlich innerhalb aber nicht als Teil des Systems. Heute sieht man das in der PR Agentur offenbar anders.

Fake News
, Hass-Postings, der angeblich auf Facebook vereinbarte Terroranschlag, ….
Glaubt man manchen Wortführern, dann bedroht uns derzeit nichts so sehr, wie diejenigen, die Anonymität nutzen.
Meines Wissens hat noch keine voll verschleierte Frau aus Arabien am Kohlmarkt einen Anschlag verübt, trotzdem findet diese Form der Anonymität Eingang in unsere Gesetzgebung.

Anonymität scheint das Gegenüber heute immer mehr zu verunsichern!

Andererseits war dem Gesetzgeber in unseren Landen stets bewusst, dass Anonymität in vielen Fällen auch dem Schutz der Freiheit des Einzelnen dient. Auch die meisten Bürger akzeptieren, dass auf Wunsch eine Abstimmung anonym zu erfolgen hat, auch wenn über Dinge abgestimmt wird, wo sowohl eine Zustimmung aber auch eine Ablehnung nichts Ungesetzliches darstellen würde.
Noch hat nicht einmal unser Innenminister verlangt, dass jeder Teilnehmer an einer Versammlung oder Demo sich vorab mit seiner e-card registrieren muss, nicht zuletzt deshalb weil auch hier nur eine bedingte Anonymität garantiert wird:
Die Behörde ist im Anlassfall ohnehin berechtigt, die Teilnehmer einer Straftat zu identifizieren. Sie filmt dazu auch immer engmaschiger den öffentlichen Raum, was überraschenderweise die Bürger wenig beunruhigt als die Vollverschleierung!

Bedingte Anonymität ist konstituierender Teil der Demokratie!

Unser Noch-Bürgermeister Häupl polterte im September des Vorjahres, dass die Whistleblower, die Unzulänglichkeiten im Wiener Gesundheitswesen aufzeigten, nur Vernaderer wären (Man bringe den Spritzwein: Häupl zeigt seine Gesinnung) was außer den NEOS niemand zu stören schien.
Verwunderlich wirkte Häupls Rülpser auch deshalb weil gerade er seinen letzten Wahlsieg einer Willkommenskultur verdankt, die gar nichts dabei fand, Tausende Asylwerber ohne Identitätsfeststellung durch unser Land nach Deutschland zu lotsen.

Auch die Wiener Stadtzeitung FALTER, die ihre überregionale Reichweite oft anonymen Tipps und Materialen verdankt, polemisierte schon vor Jahren gegen die anonyme Meinungsäußerung im Netz (Die Täter hinter der Tastatur).  Auch hier nimmt die Doppelbödigkeit wunder, da die Autoren nachweisbar wissen, dass es sich auch hier ohnehin nur um eine Pseudonymität (bedingte Anonymität) handelt.

In Deutschland geistert das Problem aktuell verstärkt durch den Blätterwald, da Bundesminister Mass sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz  durchbekommen will. Allein die Bezeichnung ist schon eine Onanie-Vorlage für überzeugte Technokraten!
Soziale Netzwerke und ähnliche Plattformen bis hin zu Online-Versandhäusern sollen laut der Initiative künftig neben offensichtlich strafbaren Hass- und Hetzkommentaren oder Falschmeldungen unter anderem auch Pornografie, „verfassungsfeindliche Verunglimpfungen“ „landesverräterische Fälschungen“ oder Beiträge „terroristischer Vereinigungen“ binnen 24 Stunden löschen müssen. Andernfalls drohen Bußgelder bis zu 50 Millionen Euro für Unternehmen beziehungsweise fünf Millionen bei Individuen, die den Pflichten nicht nachkommen. Sollten die Inhalte nicht klar als strafbar erkennbar sein, gilt eine siebentätige Prüffrist.
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Internetfreiheiten-im-Koma-Bundesregierung-befuerwortet-Netzwerkdurchsetzungsgesetz-3675569.html 

Anonymität wird heute ausschließlich als Bedrohung hingestellt und zur Demontage demokratischer Freiheiten instrumentalisiert.

Gegenstimmen, wie die des Autor des Buches „Trusted-Web 4.0 – Bauplan für die digitale Gesellschaft“, für den Anonymität im Internet ist kein Wunschkonzert, sondern die Basis für den Erhalt der digitalen Grundrechte ist, sind selten, werden aber gerade jetzt in Deutschland im Umfeld der genannten Gesetzesvorlage immer lauter.

Corinna Milborn (Puls 4) hat einen gesellschaftspolitisch wesentlichen Aspekt auf den Punkt gebracht:
Anonymität schafft hierarchiefreien Raum. Es ist schon auffällig, dass die, die Klarnamen fordern, meistens jene sind, die in der Hierarchie weit oben stehen und es sich leisten können.

Goethe geht es erwartungsgemäß hintergründiger aber ähnlich an:
Ihr sucht die Menschen zu benennen und glaubt am Namen sie zu kennen. Wer tiefer sieht, gesteht sich frei, es ist was Anonymes dabei. 

Ich habe hier schon seit Jahren wiederholt diskutiert, dass überall dort wo Beschäftigungsverhältnisse überwiegen, wo Mitarbeitern ein gesetzlicher Maulkorb umgehängt werden darf, also gerade in der öffentlichen Gesundheitsversorgung, es nur eine bedingte Anonymität gestattet, Fakten in die Diskussion einzubringen:

Whistleblowing im Gesundheitswesen erlaubt, aber: Altenpflege
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/27/whistleblowing-im-gesundheitswesen-erlaubt-aber-altenpflege

Warum pfeifen die Spatzen nicht oder pfeifen sie schon drauf?
https://medicus58.wordpress.com/2012/05/29/warum-pfeifen-die-spatzen-nicht-oder-pfeifen-sie-schon-drauf/

Anonymität im Netz: Cui bono? https://medicus58.wordpress.com/2012/11/12/anonymitat-im-netz-cui-bono

3 Jahre Blogging: Weltverbesserung durch Selbstbefriedigung? O, na, nie! https://medicus58.wordpress.com/2013/10/22/3-jahre-blogging-weltverbesserung-durch-selbstbefriedigung-o-na-nie/

Ich habe heute dieses Thema erneut aufgegriffen, weil zuletzt in einigen Sozialen Medien Unmut geäußert wurde, dass die Beiträge hier ohne Klarnamen erscheinen.

Abgesehen von all den in früheren Beiträgen genannten persönlich/rechtlichen Überlegungen,
sollten sich Kritiker einmal überlegen, dass wir – selbst in einer relativ freien Gesellschaft wie der unseren – erst durch die relative Anonymität erkennen, was Menschen wirklich denken, wie manche Dinge wirklich ablaufen.
Selbstverständlich ist Missbrauch zu ahnden, dies ist aber gerade im Netz mit seinen Dutzenden „digitalen Fingerabdrücken“ (Vorratsdatenspeicherung der Provider, IP-Adressen, DNS-Server-, Browser-Profile, Hardwareidentifikation, verlinkten Telefonnummern, …) mit mehr oder weniger Aufwand ohnehin möglich. Gegenteilige Meinungen können auf diesem wie vielen anderen Blogs jederzeit gepostet werden. Ich habe in der Vergangenheit nur Postings gelöscht, die in sich einen Gesetzesbruch dargestellt haben, wozu Blogbetreiber und -schreiber ohnehin bereits jetzt gesetzlich verpflichtet sind.
Wo diese Reziprozität nicht eingehalten wird, ist die Berechtigung pseudonymisierter Meinungsäußerung auch nach meinem Dafürhalten zu hinterfragen!

Halten wir fest, dass es eigentlich immer nur um bedingte Anonymität geht, wenn Alarm geschlagen wird.

Oft wird auch nicht unterschieden, wan eine Meinungsäußerung wirklich als anonym zu gelten hat.
G.T. Marx hat 1999 in What’s in a Name? Some Reflections on the Sociology of Anonymity  darauf verwiesen, dass der
Übergang von Identität zu Anonymität 7 Kategorien umfasst:
1. Der gesetzliche Name (z.B. im Reisepass oder am Meldezettel)
2. Die Adresse (also die Erreichbarkeit z.B. via Post, Telefon oder E-Mail)
3. Alphanumerische Symbole (z.B. Mitgliedsnummer, KFZ-Nummerntafel, …)
4. Pseudonyme (Zeichenfolgen, die nur in einer Richtung rückverfolgbar sind, wie z.B. in medizinischen Studien)
5. Verhaltensmuster (Gerade die Identifikation von „Big Data“ oder Online-Werbung basiert darauf)
6. Soziale Kategorisierung (so geben viele Blogautoren den Beruf preis)
7. Zertifikate und Bestätigungen (Neben amtlichen Dokumenten auch z.B. Blogprovider)

Letztendlich ist ein Mensch erst völlig anonym, wenn keine der 7 Kategorien bekannt ist, was in der Praxis aber wiederum zur Kommunikationsunfähigkeit führt.

Andererseits ist Menschen ihrer Anonymität zu berauben ebenso eine Machtausübung wie das Untersagen des Demonstrationsrechtes oder eine Zensurbehörde. Selbstverständlich kann es Gründe geben, diese Macht auszuüben, aber aus gutem Grund wird dieses Recht der Staatsgewalt nur in sehr engen Grenzen eingeräumt. Wer glaubt, diese Grenzen ausweiten zu wollen, sollte sehr genau darlegen zu wessen Schutz und Nutzen er dies verlangt.

Wer die Anonymität von Blogbeiträgen aber kritisiert, meint vermutlich etwas anderes, er hinterfragt
ob anonym geäußerte Informationen überhaupt verlässlich sein können.

Ein paar kluge Überlegungen zu diesem Thema findet man z.B. auf dem Blog „eines gewissen Philipp Schaumann“ (http://sicherheitskultur.at/anonymity.htm), den ich weder persönlich kenne und, obwohl ein paar Gegenchecks im Netz es plausibel erscheinen lassen, letztendlich unklar bleibt, ob hier gerade diese Person sich hier Gedanken über seine Privatsphäre macht, oder ganz jemand anderer. Was aber andererseits wieder völlig egal ist!

Auf seinem Blog stellt Philipp Schaumann dar, dass jede Form gesellschaftlicher Interaktionen die partielle Aufhebung der Anonymität voraussetzt, um neben der Verantwortlichkeit für die geäußerten Aussagen auch Trust (d.h. Vertrauen in mein Gegenüber)  zu gewährleisten.
Es ist aber keinesfalls so, dass dazu immer die völlige Aufgabe der Anonymität erforderlich ist, vielmehr sollte situationsangepasst jeweils nur so viel Privatsphäre preisgegeben werden, wie dies für eine bestimmte Situation notwendig ist.

Oft sind der Grad an Identität und Anonymität davon abhängig, ob dieser vom Sender oder vom Empfänger aus bestimmt wird:
Aus guten Gründen sind die Reviewer wissenschaftlicher Journale traditionell dem Autor gegenüber anonym, dem Editor natürlich wohlbekannt. Identität ist hier eine Einbahnstraße, die nur vom Editor zu befahren ist.

Die Aussagen meines Blogs mögen richtig oder falsch sein.
Subjektiv sind sie naturgemäß, wenn man sich die Bedeutung des Begriffs BLOG vor Augen führt.
Um Objektivität bemüht sind sie trotzdem, da sie sich (siehe Impressum) als Vorlesung definieren.
Wer sie aber als unglaubwürdig weil anonym bezeichnet, sollte diesen Beitrag nochmals lesen, denn er hat nicht verstanden, dass er ohnehin 6/7 Kriterien der Identität erfüllt!

 

 

Written by medicus58

12. April 2017 at 17:25

Geht’s bei der (Standes-)Politik wirklich um so viel?

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bulls

Der US amerikanische Präsident verdient im Jahr 2015 (brutto) 436.065 Dollar, soviel verzockte der Pleitier Donald Trump zu seinen besten Zeiten innerhalb weniger Minuten.
Das kann also kaum der Grund sein, weshalb im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 beide Kandidaten jeden Rest menschlicher Würde verloren.

Im Jahr 2015 verdiente der österreichische Bundespräsident brutto 336.462 Euro.
War das ein hinreichender Grund dafür, dass sich beide (!!) Kandidaten im TV-Studio in unglaublicher Art selbst beschädigten:

Es kann nicht das Gehalt gewesen sein, weshalb sich der dritte Nationalratspräsident Hofer dazu hinreißen ließ, seinen Mitbewerber in ein familiäres Nazi-Eck zu rücken,
etwas wovor übrigens der nunmehr gewählte Bundespräsident auch gegenüber seiner Mitbewerberin Griss nicht zurückschreckte.

Auch wenn uns der Wiener Bürgermeister, der 2015 die „Mutter aller Schlachten“ unter enormen (Steuer-)mitteleinsatz gewonnen hat, noch im Dezember 2016 versicherte,
in aller „Pracht und Herrlichkeit“ dazustehen, ist ihm der Preis mehr als an zu sehen und in der wiener Stadtregierung scheint es zu einem Rien ne va plus gekommen zu sein.
So eine Art politisches Verdun.

Wir wollen alle hoffen, dass es Kandidaten darum geht, „ihre Vorstellungen umsetzen zu können“,
insgeheim befürchten wir aber ohnehin, dass es ihnen „um die Macht“ geht.

„Macht“, die augenblicklich Präsident Trump ganz exemplarisch durch das schamlose Ausnutzen von „Dekreten“ ausübt, lässt sich aber nur ausüben, wenn es die Strukturen zulassen.
Würde der Artikel II der US amerikanischen Verfassung nicht „Executive Orders“ erlauben, könnte Trump nicht andere demokratische Instanzen einfach ausschalten.
Man soll die Parallelität nicht zu weit treiben, aber ohne Möglichkeit der Notverordnung hätten die Nazis auch die Machtübernahme in den dreißiger Jahren geschafft.

Wir müssen also zur Kenntnis nehmen, dass es immer auch die vorbestehenden Strukturen sind, die ungebremste Machtausübung erst ermöglichen.
Das exkulpiert die um die Macht Ringenden nicht, aber während wir kopfschüttelnd den immer schärferen Selbstbeschädigungen in verschiedenen Wahlgängen zusehen,
sollten wir uns eher damit beschäftigen, weshalb das alles so leicht möglich ist.

Von der mehr oder weniger großen Politik zurück in die Niederungen der Standespolitik.

Nicht einmal zwei Monate vor der Ärztekammerwahl wird das Klima rauer (Der Anfang vom Wahl-fang https://medicus58.wordpress.com/2017/01/22/der-anfang-vom-wahl-fang/).

Und wieder („Mutter aller Schlachten“) scheinen sich die Protagonisten zu bemühen, ihre Kritiker zu bewahrheiten:
Mantra-artig erklärten uns die Gesundheitspolitiker, die den angestellten Ärzten jahrelang eine der europäischen Gesetzgebung konforme Arbeitszeitregelung vorenthalten haben,
dass die Proteste und Streiks nur Inszenierungen von Kammerfunktionäre wären, die sich im Vorwahlkampf  positionieren.
Selbstverständlich waren auch jede Kritik an ELGA und den PHCs nur Ausdruck des Kammerwahlkampfes und auch mit den Argumenten für den rezente Streik in vielen Ordinationen brauchte sich die Politik nicht auseinandersetzen,
„das war alles Vorwahlkampf für die Pfründe in der Ärztekammer“.

Weshalb ist das alles so? Weshalb folgen wir in der großen und kleinen Politik wie Lemminge den Prophezeiungen unserer Widersacher?

Ich will gar nicht versuchen, alle möglichen Ursachen aufzuzählen, aber zwei Punkte scheinen mir sehr wichtig:

Erstens sind wir alle durch Jahrzehnte der politischen Hirnwäsche („der Tüchtige setzt sich durch„) zu Einzelkämpfern mutiert und haben den Wert von Solidarität verlernt.
Wer glaubt es ohnehin selbst schaffen zu können, braucht die Unterstützung anderer nicht.
Bei uns Ärzten war das ohnehin immer schon ausgeprägt, sonst hätten wir uns kaum auch in isolierten (Land)praxen „Tag- und Nacht für unsere Patienten verantwortlich“ fühlen können;
Gesetze akzeptiert, die den Allgemeinmediziner (so er keinen Ärztenotdienst aufbaut) verpflichten Tag und Nacht ans Krankenbett zu eilen!
Selbst in großen Krankenhäusern gibt „der Kliniker“ selten zu, dass es sehr selten seine „Blickdiagnose“ war, die zur richtigen Diagnose und Therapie geführt hat,
sondern da im Hintergrund eine ganze Reihe anderer Fächern und nicht zuletzt die Pflege ganz wesentliche Beiträge leisteten.
Es gibt auch für die Mächtigen genug Gründe, alles zu tun, um Solidarität zu unterbinden („divide et impera„)

Zweitens sind auch Interessenvertretungen wie die Ärztekammern zu riesige Strukturen aufgebläht worden, in denen Machtausübung und Postenvergaben einen nicht unwesentlichen Sog auf viele ausüben.
Gebühren, Aufwandsentschädigungen, Entscheidungen in ausgelagerte Betriebe, politische und kommerziell nutzbare Kontakte, ….
Es wäre völlig falsch zu glauben, dass irgendwer ernsthafte Arbeit leisten kann, ohne dass er dafür auch gerecht entlohnt werden muss, aber es wäre auch blauäugig zu übersehen, dass gerade aufgeblähte, intransparente Strukturen Missbrauch begünstigen und Begehrlichkeiten wecken
und es sich innerhalb dieser Strukturen auch ganz gut leben lässt.

Wahlkampf ist Kampf, aber was sich augenblicklich in der großen und kleineren Politik unter dem Deckmantel demokratischer Auseinandersetzungen abspielt, verspielt am Ende die Demokratie und die Möglichkeit der Zusammenarbeit nach dem Kampf.
Es wäre schön, wenn wir nicht die Arbeit unserer Widersacher übernehmen würden und bei allen berechtigten und weniger berechtigen Meinungsverschiedenheiten am Ende weder demokratische Einrichtungen noch uns selbst beschädigen.

 

Zur Problematik demokratisch gewählter Interessensvertretungen am Beispiel der ÄK https://medicus58.wordpress.com/2015/07/08/zur-problematik-demokratisch-gewahlter-interessensvertretungen-am-beispiel-der-ak/

 

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Written by medicus58

1. Februar 2017 at 21:35

Terror Macht Ohnmacht

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draht

Wer schon in den 70ern aufgewachsen ist, für den war schon damals der Terrorismus ein ständiger Begleiter.

Natürlich starben schon damals mehr Menschen an den Folgen von Über- und Unterernährung, Krebs, Arbeits- und Verkehrsunfällen als an den Anschlägen von IRA, Brigada rossa et al., jedoch gab es einen wesentlichen Unterschied zum Terror unserer Tage.

So politisch kontraproduktiv und unmenschlich, psychisch krank und sinnlos viele der damaligen Anschläge waren, richteten sie sich meist gegen Repräsentanten oder Beschützer der Macht. Wenn sich heute irgenwelche politisch oder religiös Indokrinierte in Fetzen sprengen, selbsternannte Heilskundige bis sie im Kugelhagel selbst sterben  ihre LKWs durch die Menschenmengen lenken oder aus noch unbekannten Beweggründen Adventmärkte plattwalzen, dann mordet der ohnmächtige Zorn die Ohnmächtigen.

Der islamistische Terror ermordet Muslime, die Unterschichtler teilen ihre Gräber mit ihresgleichen, die Mächtigen haben den öffentlichen Raum nicht notwendig, sie sind kaum gefährdet.

Seit der gesellschaftliche Diskurs durch religiösen und politischen Fanatismus ersetzt wurde, ist er zum stabilisierendsten Faktor für die Macht geworden.

In den USA wurde der Kampf gegen den Terror zur kapitalistischen Erfolgsformel und führte zu Großkonzernen (z.B. Blackwater).

Der heutige Terrorismus hinterfragt nicht einmal mehr die Machtstrukturen an sich, sondern möchte nur mehr die Mächtigen austauschen. Damit ist er nicht politisch sondern in seinem Kern Religion und antiaufklärerisch.

Am Ende aller Religionskämpfe steht wieder eine Kirche, halt mit anderen Idolen.

Vielleicht rächt es sich, dass wir seit Jahrzehnten politische Ideologien negieren bzw. medial unterdrücken, weil sie angeblich überholt wären, in Wirklichkeit weil man sich ihren Argumenten so einfach entziehen will. Wir bekamen die ungelösten Probleme als fundamentalistisch religiöses Zerrbild zurück.
Wenn sich die Macht durch diesen Terror gegen die Ohnmächtigen immunisieren wollten, wäre das die genialste Strategie seit der Gegenreformation.

Written by medicus58

20. Dezember 2016 at 17:48

Woher wissen wir, wer die Guten sind?

with 8 comments


dormitokirche_jerusalem

Gewöhnlich sagen uns die Guten selbst, dass Sie es wären, bzw. bezeichnen alle anderen als böse.
Die Guten sind gut weil, sie eben für das Gute sind und das Gute definieren sie selbst.
Das gilt in der Religion so wie in der Politik.

Beruft sich jemand auf irgendeinen Gott, verlangt er auch für sich vorauseilende Ehrfurcht, unabhängig davon wie viele Menschen im Namen dieses Gottes bereits geopfert wurden und auf welchen hanebüchenen Widersprüchlichkeiten sein Glaube auch basiert:
Versuchen sie einmal die Erzählungen einer beliebigen Weltreligion von den tradierten Erklärungen befreit zu lesen und Sie finden sich auch außerhalb des Chan- bzw. Zen-Buddhismus plötzlich in unauflöslichen Koans (https://de.wikipedia.org/wiki/K%C5%8Dan).
Dreifaltigkeiten im Ein-Gott-Glauben, Jungfräuliche Mutterschaft, Sich-selbst-erschaffende-Schöpfergötter, ein Ahnvater dreier Religionen, die ungeachtet dessen einander bis aufs Blut bekämpfen, aber behaupten für den Frieden zu stehen, allwissende Götter, die uns eine Chance fürs Paradies lassen, ….

Auch in der Politik ersetzt die zu glaubende Behauptung den Inhalt.
Natürlich fällt uns als Beispiel der US-amerikanische Präsident elect ein,
der Spekulant, der gegen die Wallstreet wetterte,
ein Milliardär und Partylöwe als Hero des Prekariats.
Auch hier trat die lautstark vorgetragene Behauptung an die Stelle des Evidenten – und funktioniert.

Aber wir müssen nicht so weit suchen. Auch in unserem Land bestimmen oft nicht die Handlungen einer Person sondern ihre Behauptungen das mediale Urteil.

Die nie abgeleugneten Fakten,
dass der Burschenschafter Norbert Hofer Spitzenfunktionär einer rechten Partei ist, in der es immer wieder zu Äußerungen an der Grenze zur nationalsozialistischen Wiederbetätigung  gekommen ist,
er selbst einer eher konservativen Religionsinterpretation anhängt,
deutsch-national ist und
in der EU ausschließlich eine Wirtschaftsgemeinschaft sehen will,
reichten, um ihn im In- und Ausland zu dämonisieren und seinen Mitbewerber Van der Bellen zum Hoffnungsträger alles Guten zu machen.
Hofers Aussagen war prinzipiell nicht zu trauen, er war schließlich rhetorisch geschult:
(Falter: Der Schauspieler https://cms.falter.at/falter/2016/11/15/hinter-der-maske/).

Man mag mich blind nennen, aber in den aufgeregten Videobeweisen seiner Bösartigkeit sehe ich, abgesehen vom üblichen Streubereich jeder wiederholten Meinungsäußerung, stets das Hofer Bild, so wie ich es oben skizziert habe und er es selbst auch zu vermitteln trachtete.

Das Bild mag man aus guten Gründen ablehnen, aber es war inhaltlich kongruent zum Bild, das Hofer von sich selbst erzählte.
Ob man ihm nun glauben soll oder nicht, wäre bestenfalls ein Indizienprozess.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, natürlich ist es völlig legitim, dass einem jeder dieser und noch viele andere Punkte (Ablehnung Homo-Ehe, Haltung zu Einwanderung, Pro-Russland-Haltung, Doppelstaatsbürgerschaft für Südtiroler, Eliten-Definition, …..) reichen mag, um Herrn Hofer als Kandidat NICHT zu wählen. Hier geht es aber um die Unverhältnismäßigkeit (den Spin) der medialen Aufarbeitung.

Helle Aufregung über eine (verzichtbare) Home-Story aus dem „bösen Hause Hofer“, kaum eine Augenbraue darüber, dass der „Gute, Van der Bellen“, erst kurz vor seiner Kandidatur die Notwendigkeit sah, sich scheiden zu lassen und seine aktuelle Lebensgefährtin zu heiraten, die im Standard überraschenderweise für ihn eine Wahlempfehlung abgab.

Aufruhr, als Hofer meinte, seine Frau könne im Falle seines Wahlsieges nicht mehr Altenpflegerin sein,
Stille, dass die zukünftige First Lady, des schon vorher angeblich unabhängigen Kandidaten und als Bundespräsident jetzt zur Überparteilichkeit verpflichteten Van der Bellen, weiter den Grünen Parlamentsklub leiten wird.

Bis zuletzt schwang „der Gute die „Nazi-Käule“ ohne gegen Hofer einen einschlägigen Beweis vorbringen zu können, auch wenn dieser als Nationalratspräsident zugegeben in seinem Umfeld Personen angestellt hat, deren Hintergrund auch mir problematisch scheint. VdB griff sogar zum Haiderschen Taferl-Gag, um sich mit – laut Politbeobachter – offensichtlich einstudiertem Gestus darüber zu entrüsten, dass die ohnehin notorisch auffällige Ursula Stenzel seinen Vater – ebenfalls ohne explizite Beweise – ins Nazi-Eck stellte.
Kein Wort aber mehr darüber, dass dieser Gute (VdB) in der ORF Elefantenrunde eben diese Nazi-Käule – ohne irgendeinen Beweis – gegen Griss, seine damals schärfste Rivalin, schwang:
http://diepresse.com/home/politik/bpwahl/4973691/Ueberholtes-Geschichtsbild_Van-der-Bellen-attackiert-Griss

Helle Freude der  Twitteria über die Weltpresse, die sich freut, das Österreich einen Rechtsradikalen NICHT zum Präsidenten gewählt hat.
Kein Wort darüber, dass dieselbe Person als 3.Nationalratspräsident seit 2013 ohnehin das nach dem Bundespräsidenten zweithöchste Amt im Staate innehat.

Dieser Text ist keine Dolchstoßlegende!

Dass nach einem ekelerregenden Wahlkampf eine derartig hohe Wahlbeteiligung ein eindeutiges Wahlergebnis erbracht hat, ist nicht nur zu respektieren sondern ausdrücklich zu begrüssen. 

Ich finde es nur äußerst bedenklich, dass zum zweiten mal (nach der Wien-Wahl 2015), die faktenbefreite Dämonisierung zum entscheidenden Wahlmotiv wurde:
Nahezu alle Analysen ergaben, dass die Mehrheit der VdB Wähler nicht für ihn sondern gegen Hofer gestimmt haben!

Auch die Wiener SPÖ, die augenblicklich im innerparteilichen Zwist zwischen den selbst ernannten Linken (Wehsely, Brauner et al) und dem Rest zerbricht, verdankt ihren Wahlsieg einer Dämonisierungskampagne, die die wahren Probleme der Stadt (Korruption, innerparteiliche Kämpfe, Finanzen, Gesundheitssystem, Öffentlicher Verkehr, …) überdeckt hat.
Dass die Gesundheitsstadträtin den Krankenanstaltenverbundes sturmfrei zerschossen und die Finanzstadträtin das Stadtbudget nachhaltig zertrümmert hat, als politisch links gelten, entspricht auch nur der propagandistischen Selbstdefinition und keinen belastbaren Fakten.
Auch deren SP-Chef, der VdB-Unterstützer Häupl sieht sich unerschütterlich im Recht gekränkt zu sein (Brief vom 22.11.2016 an die Personalvertretung HG II), wenn nicht einmal mehr die Parteifreunde seinen läppische Erklärung für seinen plötzlichen Schwenk in Richtung Auslagerung des KAV bejubeln:

Ja, ich finde ein Unternehmen, das keine Personal- und Finanzhoheit hat für „seltsam“.
Und ja, ich habe vor vielen Jahren diese Regelung eine Unternehmung nach §11 der Statuten zu begründen, zugestimmt. Diese Entscheidung mag damals ihre Berechtigung gehabt haben, diese Entscheidung kann aber heute durchaus hinterfragt werden.

Ich finde es seltsam, dass der Bürgermeister erst jetzt betriebswirtschaftliche Widersprüche sieht. Schließlich stand im von ihm im Gemeinderat (56/1999) mit beschlossenen „Statut für die Unternehmung Wiener KAV“ noch ausdrücklich:
§2 (3) Personalangelegenheiten der Bediensteten der Unternehmung „Wiener Krankenanstaltenverbund“ werden von der Unternehmung wahrgenommen, soweit sie nicht gemäß § 9 dem Magistratsdirektor vorbehalten sind oder ausdrücklich nach der Geschäftseinteilung für den Magistrat der Stadt Wien anderen Dienststellen zugewiesen wurden.

Dafür bestand damals wie heute keine andere „Berechtigung“ als die Realität der Machtverhältnisse (zwischen Bürgermeister und Magistrat) und ein Budgetproblem  (damals Schuldenlast nach Maastricht, heute Schuldenlast mit und ohne Maastricht). 

Ja, und war davon im Wiener Wahlkampf 2015 nur ein Wort zu vernehmen?

Nein, es ging nahezu ausschließlich um die gute Willkommenkultur und gegen die böse Fremdenhasser.
Andere Fragen gingen in der „Größe der Stunde“ unter.
Widerspruch war fremdenfeindlich, böse.

Wer nun einwendet, dass es doch unser allerhöchstes politisches Ziel sein müsste, angebliche oder wirkliche nationalsozialistische Wiederbetätigung zu verhindern und wir deshalb all die Verfehlungen der selbsternannten Guten stillschweigend, wenn auch missbilligend in Kauf zu nehmen haben, macht sich stärker zum Handlanger echter Wiederbetätigung, als es ihm vielleicht bewusst ist.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

PS: Das Bild zeigt die Dormitio Basilika am Berg Zion aus dem Jahr 1993 (https://de.wikipedia.org/wiki/Dormitio-Basilika)

Written by medicus58

8. Dezember 2016 at 19:40

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