Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Renaissance der Aufklärung’ Category

Ehe für alle: Konservative haben gesiegt, ohne es zu begreifen

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Während in Deutschland die Politik die Ehe für alle einführte, ließ man bei uns den Formalisten im Verfassungsgerichtshof  den Vortritt. Irgendwie passend zu dem Land in dem Prozesse über politische Verantwortung (z.B. BUWOG) über viele Jahre an Formalfehlern scheitern müssen, um sich nur ja nicht direkt mit der Materie auseinandersetzen zu müssen.

Die „fortschrittlichen Kräfte“ jubeln über den vermeintlichen Sieg, die FPÖVP grummeln und der Erzbischof von Wien badet genüsslich im Fettnäpfchen und schwadroniert von der „besonderen Natur der Ehe“ und denkt ans Kinder machen bzw. wie er es formulierte:
Kinder hervorzubringen, zu hüten und aufzuziehen und damit die Generationenfolge zu sichern.

Natürlich scheint es gut nachvollziehbar, dass es niemandem zuzumuten ist, wie es Günter Tolar gestern in der ZIB2 sagte, sich outen zu müssen, wenn er am Amt angeben muss, dass er verpartnert und nicht verheiratet ist, nur nimmt Wunder, wie wenig geschichtsbewusst, der sozialdemokratisch engagierte Tolar ist, wenn er glaubt, dass das Dilemma durch die Ehe für alle gelöst werden soll und sich damit zum Fürsprecher der Staatsgewalt macht.

So sehr hat die Sozialdemokratie (und die Grünen) den Staat verinnerlicht, sieht sich schon selbst als Staat, der ihr nur durch ein Missverständnis der Wähler immer kurzfristig weggenommen wird (NRW17), als dass sie noch im entferntesten daran denken, dass es Dinge gibt, die die Staatsmacht einfach nix angehen sollen.

Die staatliche Ehe gehört abgeschafft! forderte Alexander Grau (Philosoph, Kultur- und Wissenschaftsjournalist) schon 2013 und erklärte in einem lesenswerten Artikel die Gründe, weshalb die Ehe (egal zwischen wem) Privatsache sein sollte und für alle (steuer- und erbschafts)rechtlichen Dinge der Notar die bessere Anlaufstelle für alle wäre.

Fragt man sich aber, weshalb denn der Staat so sehr auf der Institution Ehe geharrt, dann fällt einem doch rasch das geflügelte Wort von der Ehe als Keimzelle des Staates ein, das seit mindestens zwei Jahrhunderten gerade von konservativer Seite tradiert wird. Auch wenn – der Entwicklung sei Dank – sich die Fortsetzung der staatlichen Autorität im Familienvorstand rechtlich nicht mehr fortschreiben hat lassen, war auch das ein klares Signal, weshalb die Autorität so interessiert war, Menschen nicht als Individuen sondern als Paare bzw. Familienverbände zu sehen.
Eine fehlende Pflegevorsorge hätte der Staat auch nicht so lange übersehen können, wenn er sich nicht lange auf pflegende Angehörige und auf deren Mitfinanzierung verlassen hätte wollen.

Einerseits hat unser konservativer Erzbischof nicht Unrecht, dass es auch dem Staat um die geschützte Nachproduktion von Staatsbürgern geht.
Andererseits ist die gegenseitige Versorgungs- und Unterhaltsverpflichtung von Ehepartner ein Garant dafür, dass nicht in jedem Fall der Staat einspringen muss, wenn eine Person nicht mehr selbst für sich sorgen kann.

Also aus Sicht von Kirche und Staat ist die Institution Ehe nicht zu Unrecht wichtig. Auch aus diesem Grund wurde es (rechtlich) viel einfacher gemacht eine Ehe zu beginnen, als sie zu beenden!

Ein Sieg individueller Lebenskonzepte wäre es gewesen, wenn der Staat die Verpartnerung für alle als Rechtsinstitut eingeführt hätte und allfällige Eheschließungen danach den jeweiligen Religionen, Sekten, Gurus, Predigern oder wem auch immer überlassen hätte.

Dass sich nun, sollte es Basti und Bumsti nicht gelingen ein rechtliches Hintertürl zu finden, auch gleichgeschlechtliche Partner unter das staatlich gewollte Joch begeben dürfen, um im Trennungsfall viel Geld in Rechtsanwälte zu investieren, um eine allfällige Schuldfrage klären zu können und vielleicht erstmals erfahren, wie den die gesetzlichen Vorgaben der Gütertrennung aussehen, das scheint mir kein wirklicher gesellschaftspolitischer Fortschritt zu sein. Das zu glauben ist wohl eher die Folge einer katholisch/autoritären Indoktrinierung als einer aufgeklärten Geisteshaltung.

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Written by medicus58

6. Dezember 2017 at 18:21

Ich bin Unmensch – hier kaufe ich nicht ein

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Sie kennen sicher den Werbeslogan des Karlsruher Drogeriegiganten:
Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein
Vielleicht sogar Goethes Original: Hier bin ich Mensch hier darf ich

Wir haben uns seit 1992 an diese Junktim von
Selbstverwirklichung durch Konsum unhinterfragt gewöhnt, ebenso wie an das zur Hochzeit des Neokapitalismus (2002-2011) von einer Elektrokette formulierte Credo:
Geiz ist geil.

Seit etwa 2013 schwappt nun die nächste Welle konsumatorischer Menschwerdung über den großen Teich: Der Black Friday (nein, nicht der der Weltwirtschaftskriste 1929) bzw. der Cyber Monday oder Amazons „Cyber-Monday-Woche“ gilt seit den 60er Jahren in den US als Auftakt zum vorweihnachtlichen Einkaufswahnsinn.

Und ich fühle mich schlecht!

Natürlich weiß inzwischen jeder, dass die extremen Rabatte in vielen Fällen Humbug sind und sich entweder auf Ladenhüter, abgespeckte Konfigurationen oder auf ursprünglichen, längst nicht mehr aktuelle Verkaufspreise beziehen.

Ich fühle mich schuldig!

Nahezu alle Tageszeitungen bombardierten mich mit Schnäppchen und Warnungen, eigene Online-Seiten sammelten die besten Angebote, Mail- und Spambox waren gut gefüllt mit möglichen Ersparnissen von Hunderten Euros und ich habe nichts gekauft.

Ich verbrachte schlaflose Nächte,
weshalb ich mir meine geheimsten Wünsche nicht erfüllte, von denen ich zwar nichts, Google Ads aber alles wusste.

Mein Weinschrank ist noch immer leer,
obwohl Wein&Co mit auf den Sommerwein 2016 von Groiss 50% Preisnachlass gewährte.

Die Wohnungseinrichtung ist noch immer nicht ausgetauscht,
obwohl mir alle Möbelhäuser ihr gesamtes Lager noch am Einkaufstag zustellen wollten.

Ich bin ja eigentlich nicht blöd aber ich fühle mich so,
weil ich all die gebotenen Gelegenheiten ungenutzt verstreichen ließ.

Aktuelle Berichte schätzen für die USA ein Plus von 18% im Onlinegeschäft und Erlöse von 7,9 Milliarden Dollar. Für den heutigen Cyber Monday werden Rekordumsätze von 6,6 Milliarden Dollar geschätzt und ich war nicht dabei.

Natürlich gibt es auch Gegenbewegungen und Konsumverweigerer, aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist, weshalb sich dieser Konsumwahnsinn unter den gefälligen Beiträgen unserer Medien auch hier ausbreitet und niemand hinterfragt weshalb Händler am Beginn des ohnehin unvermeidlichen Weihnachtsgeschäftes Waren zu Preisen verschleudern, die sie nicht einmal im nachweihnachtlichen Räumungsverkauf mehr unterbieten?
Weshalb üben unsere Medien nicht eine vergleichbare Propagandaschlacht auf,
um Menschen zu Bildung zu verführen oder
zu Interesse an Kunst, Philosophie oder
zu demokratischer Teilhabe?

Und wenn sich die Selbstverwirklichung nur mehr über den Konsum erreichen lässt, dann eben über den bewussten Konsum, einen Konsum, der den Markt verändert, gute statt billiger Waren favorisiert, nachhaltige Strukturen stärkt statt Import aus Billigländern.

Die US Amerikaner haben offenbar an diesem Wochenende auch einen Rekordumsatz an Waffenkäufen (genauer Anmeldungen für zukünftige Waffenkäufe) hingelegt, wie heute weltweit in den Medien zu lesen ist.
Wäre doch gescheit den Konsumenten einmal zu erklären, dass ihr Geld die wichtigste Waffe ist, mit der sie diese Welt verändern können.
Eine neue Form der Revolution halt, in dem der bewusste Einsatz von Geld (nicht Feuerwaffen)  die stärkste Waffe gegen den kapitalistischen Wahnsinn darstellt.
Wer nett auch davon was in den Medien zu lesen statt der endlosen Analysen wo man beim nächsten Handy sein bestes Schnäppchen machen konnte.

Irgendwie fühle ich mich noch immer schlecht.

Written by medicus58

27. November 2017 at 16:50

Weshalb ging uns jedes Maß verloren?

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Meinetwegen unsittliche, ja auch beleidigende, sexuell konnotierte Äußerungen und Betapsungen unter Alkoholeinfluss werden mit inquisatorischem Rechtsbewusstsein verfolgt, während ritualisierte Verprügelungen Vermummter nahezu lautlos unter den wohligen Teppich des (Kärntner)Brauchtums gekehrt werden.

Jeder Kassendiebstahl wird mit der ganzen Härte des Rechtsstaates verfolgt, während selbst die wenigen, die millionenschwerer Verfehlungen überführt wurden, sang- und klang-los haftunfähig sind.

Von denen, die sich diesen Luxus leisten können wird peinlichst auf die biologische und faire Herstellung jedes ihrer Nahrungsmittel geachtet, ungeachtet, dass diese gegebenenfalls unter Verfeuerung von miesestem Diesel über die Weltmeere geschippert werden müssen (Inka-Korn: Quinoa), finden es andererseits aber voll OK, wenn ihnen radfahrende Ich-AGs aus unbekannten Fast-Food-Hütten via App das Nachtmahl bringen, wenn es sich einmal nicht ausgeht auswärts unter dem Heizschwammerl zu dinieren.

Hysterische Reaktionen kamen auf den SPÖ Wahlslogan man möge sich ‚zurück holen was einem zusteht‚. Vermutlich weil sich der angeheuerte Berater angesichts seiner übrigen Geschäfte nicht traute den Satz zu verfolständigen. Und niemand aus dem Politiker- und Wahlvolk kommt angesichts der Panama und Paradise Papers d’rauf, dass es sich hier nicht um die Aufforderung zur kommunistischen Revolution V2 handelt, sondern ausschließlich darum, die hinterzogenen Steuermilliarden wieder ins Budget zurückzuholen, um sich einfach das zurück zu holen, was uns gestohlen wurde:  der europäische Wohlfahrtsstaat den wir uns dann auch plötzlich wieder leisten könnten. Ja, selbst vor dem Wahltag kam das Kern und Schieder nicht ganz so klar über die Lippen.

Einer meiner Lieblings-Regisseure meinte einmal, dass er angesichts der Gegenwart (des britischen Films) nur zu einem Schluss kommen kann: Entweder bin ich verrückt oder alle anderen. 

In diesem Zusammenhang las ich kürzlich auf Twitter die Erklärung, dass es keine Argumente mehr sondern nur noch Gegner gäbe. Da mag auch was dran sein.

Vielleicht erklärt sich aber die fehlende Streitkultur, das nahezu allergische Überschießen jeder Diskussion, egal in welche Richtung, durch den Verlust der Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen,
in anderen als rein dichotomen Entscheidungsbäumen zu denken,
Gewichtungen und Proportionen abzuschätzen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, das Muthspiels Jingles auf Ö1 deutlich länger brauchen um auf den Punkt bzw. zu ihrem Ende zu kommen als dies Werner Pirchner benötigte?
Nein?
Eben.

 

Written by medicus58

14. November 2017 at 17:45

Demokratie Version 11_17

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Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Fotomontage, ich verwendete Sie im Juni 2017, um in Gedanken zu Fronleichnam: Trump garantiert Stabilität meiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass Erscheinungen wie er die Wähler endlich zum Nachdenken bringen, was sie sich mit ihrer Stimme einbrocken. Schon vor einem Jahr forderte ich hier aus dem gleichen Beweggrund:
Bitte, wählt Trump, bitte wählt Horror Clowns.

Vielleicht erinnern Sie sich auch noch, welche Hysterie von Trumps Gegnern entfacht wurde, welche moralische Entrüstung gegen seine sexistischen Äußerungen:
Causa Trump : Alle spinnen und wir fallen darauf rein: Wank the Dog 

Was hat es gebracht? Nein, nicht die Weinstein-Debatte, die wäre ohnehin gekommen. Das amerikanische Wahlvolk wurde fein säuberlich in zwei praktisch gleich große Lager gespalten.
(Clinton bekam zwar etwas mehr Stimmen, Trump bekam dafür etwas weniger Leute bei der Angelobung und wir nur mehr Fake-News.)

Ähnliches passiert auch in unserem kleinen SöhneTöchterLand.

Drei Wahlgänge später hatten wir einen Bundespräsidenten, den fast die Hälfte der Wähler nicht gewählt hat und der einen weiteren Wahlgang später endlich wirklich parteilos wurde
(Copyright maschek, wenn ich nicht irre).
Einen Nationalratswahlkampf voll gegenseitiger Beschädigungen,und aus dem Hut gezauberter Bewegungen und Listen, nach dem nur eines gewiss ist:
Jede der möglichen Koalitionen wird einige ihrer Kernversprechen nicht einlösen können und Wähler verprellen.

Ungeachtet dessen werden allenthalben Warnungen laut:

Der Bundespräsident verspricht sich die Minister ganz genau anzuschauen.
Die FPÖ warnt ihn pflichtschuldig davor.

Welch helle Freude bereitet es den Politischkorrekten, dass bei den anderen schon wieder ein PolitischUnkorrekter entdeckt wurde.
Die Sozialen Medien kochen und jeder freut sich, dass er in der Echokammer seiner handverlesenen Timeline auf so viel Zuspruch auf seinen Widerspruch stößt.

Die aktuellen Koalitionsverhandler der umgefärbten Schwarzen und der Blauen versprechen wie weiland Haider/Schüssel eine Reform der Sozialpartnerschaft und ein gerade noch im Nationalrat verbliebener Pinker verkündet gleich mal pflichtschuldig, dass man sich vor Streiks nicht fürchten muss, während AK und ÖGB gerade das prophylaktisch in den Raum posaunen.

Das Besondere an der aktuellen Version unserer Demokratie ist, dass es gegen alles eine Mehrheit gibt.
Man kann sein wogegen man will, wahrscheinlich sind zwei Drittel auch dagegen,
weil der Diskurs sich ausschließlich um die größtmögliche Gegensätzlichkeit bewegt,
um zu verschleiern, dass man den anderen ohnehin schon viel zu ähnlich geworden ist.

Im gespielten Unverständnis der anderen übersieht man beidseits der aufgerissenen Gräben, dass man mehr oder weniger unabsichtlich eine der wesentlichen Spielregeln demokratischer Systeme aushöhlt:
Die Mehrheit hat Recht.

Recht heißt natürlich nicht richtig, Recht ist bei uns auch viel zu oft Rechts und zu selten Links,
aber wenn 80% der Wahlberechtigten den Nationalrat wählen, dann meinen die das so.

Ich habe natürlich weder SPÖVP noch FPÖ gewählt und glaube keine Sekunde,
dass der Basti seinen schwarzen Haufen auf türkis reformiert hat und der Bumsti die Kreide, die er gefressen hat, nicht bald wieder ausspeien wird.
Wenn sich Kern, Häupl und Strolz von einem Herrn Silberstein beraten lassen müssen, um zu wissen, was sie wollen sollen und die Grünen glauben, dass sich gut fühlen auch schon gut sein beweist,
dann geht mir akut meine Pockenimpfung auf (ja, so alt ist Ihr Medicus schon).

Aber was auch immer da an Regierung raus kommt, das habt Ihr, sorry, das haben Wir gewählt und haben es so lange zu akzeptieren, bis sich dagegen eine Mehrheit findet.

Natürlich gibt es auch alternative Lösungen, aber – wir schreiben 2017 – diese sind vor 100 Jahren auch eher nach hinten los gegangen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Revolution

Also, überlassen wir dem alten Voltaire die Schlussworte.

Alles, was zu dumm ist, um gesprochen zu werden, wird gesungen.
Der Mensch muß ein ungeheurer Ignorant sein, der auf jede Frage eine Antwort weiß.
Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.

 

Written by medicus58

29. Oktober 2017 at 20:15

ElefantInnenrunde: Edutainment oder Gladiatorenkämpfe – eine nicht nur medizinische Betrachtung

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Wir haben nach gefühlt Hunderten, angeblich aber nur rund 60 TV-Duellen der Spitzenkandidaten auch die ElefantInnen-Runde (wieso gendern das nicht mal die PC-affinsten Grünen?) überstanden.

Viel haben wir nicht mehr dazu gelernt, also wenig Edutainment, zu sehr blieben die Kandidaten stur auf den von bezahlten Beratern medial abgefragten und dann punktgenau gecoachten Worthülsen und G’schichtn:
Selbst als selektiver Duell-Konsument glaubte ich die erhebende Geschichte von Papa Kurz mindestens dreimal gehört zu haben (als 50-Jähriger bei Philips gekündigt und den beruflichen Wiedereinstieg trotzdem geschafft) und die Westbalkanroute könnte ich auch schon verkehrt rum sagen (Etournaklabtsew).
Ja, ich glaube wie Kern auch, dass Kreisky mir das Studium ermöglicht hat, nur kann selbst ich es nimmer von der Partei hören, die zustimmte, den Zivildienst zu verlängern, Studiengebühren einzuführen und sich feiern lässt, dass eh schon fast jeder maturiert, nur eben mit dem Wisch genau gar nix mehr anfangen kann.
Auch dass Strolz aus der Praxis kommt, so wie HC Strache, letzterer halt als Zahntechniker aus der Zahnarztpraxis, und dass beide Arbeitsplätze geschaffen haben, hörte ich bereits bis zum Abwinken.
Lunacek nahm ich sogar die Ernsthaftigkeit ab, mit der sie unzähligen Male inhaltlich diskutieren wollte, aber dann halt nicht über die Implosion ihrer Partei, während sie als x-te Präsidentin des Europäischen Parlaments in Brüssel weilte.

Dass die Wiener Zeitung „überstanden“ und nicht „überlebt“ titelte, ist wohl ihrer „amtlichen Seriosität“ geschuldet, egal.

Was mir mehr oder weniger Ernsthaftes zu dieser Nationalratswahl durch den Kopf gegangen ist, lässt sich gemeinsam mit ein paar von Kappachers Radioblogs hier nachlesen.

Was mich aber heute beschäftigt ist die Überlegung, ob hier unter dem Gejohle der angeheuerten Fans, den schrillen Tönen in den Echokammern der digitalen Nebenwelten nicht viel finanzielle und persönliche Energie auf den völlig falschen Schauplätzen vergeudet wird.

Klar haben viele was davon:
Keine anderes TV-Programm ist so billig zu produzieren, bekommt so viele Zuschauer und kann deshalb so gut der Werbeindustrie verkauft werden, wie Wahlduelle.
Ein Segen auch für die Printmedien, Inserate, Wuchteln, Entgegnungen, Kommentare und immer mehr Online-Klicks für die Werbeindustrie.
Angesichts der medialen Dauerpräsenz von Meinungsumfragern, PR-Beratern, Politologen, Experten für eh alles, wird deren Geschäftsmodell zum Selbstläufer, ohne sich der Frage zu stellen, wozu man sie wirklich braucht, oder was sie den nachweislich bewirken. Was dauert über den Schirm plappert MUSS DOCH wichtig sein.

Natürlich sind wir als Publikum ebenso mitbeteiligt:
Auch ob wir wirklich an Inhalten interessiert sind, bliebe noch zu beweisen, jedoch
der Jahrmarktzirkus lenkt uns wenigstens ab,
macht 
unverhohlen Freude, wenn der andere eine drauf kriegt,
erlaubt hellen Empörung, wenn wer schmutziger Tricks überführt wurde.

Nur mal so dazwischen: Wenn sich medial unsanktioniert FP-Kickl über dirty campaigning aufregt, der aktuelle Bundespräsident wertschätzende TV-Auftritte einfordert oder die Grünen so tun, als hätten sie noch nie den Mann statt den Ball gespielt, dann kommen auch Zweifel über die Vierte Gewalt im Staat auf.

All das gesagt und den Würgereiz unterdrückt geht es mir um etwas ganz anderes:
Das ganze Theater bindet enorme Ressourcen und lässt die Politiker, Sieger wie Verlierer, völlig ausgebrannt zurück.
Ob sie dann, wenn sie Energie bräuchten, um etwas von dem umzusetzen, für das sie gewählt wurden, noch dazu fähig sind, bleibt zu bezweifeln. 

Googeln Sie einmal die Fotos irgendwelcher Spitzenpolitiker vor und nach ihrer politischen Tätigkeit.
Nicht aus Mitleid, aus Eigennutz. 
Auch die Aufarbeitung von Hillary Rodham Clintons Wahlschlappe gegen Donald Trump und das virtuelle Nachspiel
(„What Happened„) lässt tief blicken wie sehr das, was wir glauben dass es Demokratie wäre, die Protagonisten selbst zerstört.

Wenn wir uns als Wähler nicht endlich stärker dagegen wehren, dass wir mit Spektakel befriedigt werden, das letztendlich die wahre Absicht, Politik im Sinne des Wählers zu machen, immer mehr verunmöglicht, dann stapfen wir auch hier bewusst- und besinnungslos den amerikanischen Weg nach.

Wenn Sie mich Fragen, wie wir uns dagegen wehren sollen, dann kann ich ihnen nur Eminance und nicht Evidence anbieten:
Ich wählte nie jemand für das was er sagte, was andere über ihn sagten, was er über andere sagte, sondern was ich glaubte, was er in den mir wichtigen Fragen tun würde, wenn er die Macht dazu hat. Eine Richtschnur ist hier der Blick in seine politische Vergangenheit.

Written by medicus58

13. Oktober 2017 at 17:21

I guess you may say I’ll take comedy pretty seriously

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Strong advise to look into this: „a DEAD SERIOUS documentary about COMEDY“

Written by medicus58

9. September 2017 at 14:06

Veröffentlicht in Renaissance der Aufklärung

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Denk-Zettel-Wahlen 2017

with 2 comments


Wahl
Sie haben uns Jahrzehnte gelehrt, dass jeder für seinen Erfolg selbst verantwortlich ist und appellieren nun an unsere Solidarität.
Sie thematisieren nur mehr den Gegner, verschweigen ihre eigenen Lösungsvorschläge und beklagen unsere Politikverdrossenheit.
Sie belügen uns wie gedruckt weil die wenigsten von uns nicht mehr sinnerfassend lesen können.
Sie hatten alle Zeit der Welt das umzusetzen, was sie uns jetzt wieder versprechen. 

Sie sind UNWÄHLBAR, auf die diese Aussagen zutreffen, denken Sie daran, wenn Sie demnächst wieder in der Wahlzelle Ihr Kreuz über die Demokratie machen dürfen.

Zur Erinnerung, vor der Nationalratswahl 2013 erschienen auf diesem Blog unter dem Titel Wir reden mit den Menschen Fake-Interviews, damals gab es den Begriff noch gar nicht deshalb nannte ich sie überrealistische Interviews, mit den Wählern der einzelnen damals kandidierenden Parteien.
Vielleicht belustigt es Sie, das nochmals oder erstmals nachzulesen …

Written by medicus58

3. September 2017 at 11:26

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