Sprechstunde

über alles was uns krank macht

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Weshalb ging uns jedes Maß verloren?

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Meinetwegen unsittliche, ja auch beleidigende, sexuell konnotierte Äußerungen und Betapsungen unter Alkoholeinfluss werden mit inquisatorischem Rechtsbewusstsein verfolgt, während ritualisierte Verprügelungen Vermummter nahezu lautlos unter den wohligen Teppich des (Kärntner)Brauchtums gekehrt werden.

Jeder Kassendiebstahl wird mit der ganzen Härte des Rechtsstaates verfolgt, während selbst die wenigen, die millionenschwerer Verfehlungen überführt wurden, sang- und klang-los haftunfähig sind.

Von denen, die sich diesen Luxus leisten können wird peinlichst auf die biologische und faire Herstellung jedes ihrer Nahrungsmittel geachtet, ungeachtet, dass diese gegebenenfalls unter Verfeuerung von miesestem Diesel über die Weltmeere geschippert werden müssen (Inka-Korn: Quinoa), finden es andererseits aber voll OK, wenn ihnen radfahrende Ich-AGs aus unbekannten Fast-Food-Hütten via App das Nachtmahl bringen, wenn es sich einmal nicht ausgeht auswärts unter dem Heizschwammerl zu dinieren.

Hysterische Reaktionen kamen auf den SPÖ Wahlslogan man möge sich ‚zurück holen was einem zusteht‚. Vermutlich weil sich der angeheuerte Berater angesichts seiner übrigen Geschäfte nicht traute den Satz zu verfolständigen. Und niemand aus dem Politiker- und Wahlvolk kommt angesichts der Panama und Paradise Papers d’rauf, dass es sich hier nicht um die Aufforderung zur kommunistischen Revolution V2 handelt, sondern ausschließlich darum, die hinterzogenen Steuermilliarden wieder ins Budget zurückzuholen, um sich einfach das zurück zu holen, was uns gestohlen wurde:  der europäische Wohlfahrtsstaat den wir uns dann auch plötzlich wieder leisten könnten. Ja, selbst vor dem Wahltag kam das Kern und Schieder nicht ganz so klar über die Lippen.

Einer meiner Lieblings-Regisseure meinte einmal, dass er angesichts der Gegenwart (des britischen Films) nur zu einem Schluss kommen kann: Entweder bin ich verrückt oder alle anderen. 

In diesem Zusammenhang las ich kürzlich auf Twitter die Erklärung, dass es keine Argumente mehr sondern nur noch Gegner gäbe. Da mag auch was dran sein.

Vielleicht erklärt sich aber die fehlende Streitkultur, das nahezu allergische Überschießen jeder Diskussion, egal in welche Richtung, durch den Verlust der Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen,
in anderen als rein dichotomen Entscheidungsbäumen zu denken,
Gewichtungen und Proportionen abzuschätzen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, das Muthspiels Jingles auf Ö1 deutlich länger brauchen um auf den Punkt bzw. zu ihrem Ende zu kommen als dies Werner Pirchner benötigte?
Nein?
Eben.

 

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Written by medicus58

14. November 2017 at 17:45

#METOO Bekenntnisse eines von 223.544 Pilz Wählern

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Jetzt ist es also passiert!
Selbst während der Lewinsky Affäre hatten weltweit nicht so viele Menschen die Gelegenheit Oralsex zu haben, also über das behaupteten und bewiesenen Sexualverhalten anderer zu reden, wie in den letzten Wochen.
Vor allem in der veröffentlichten Wirklichkeit scheint es nur mehr Opfer, Täter und Richter zu geben.
Wer sich verteidigt ist schuldig, wer sich nicht verteidigt sowieso.
Musste zu Zeiten der Inquisition der Teufel herhalten, um jedes Gegenargument zu entkräften,
immunisiert sich heute die Anklage mit Begriffen wie Anti-Semitismus, Homophobie, Nationalsozialismus oder aktuell grad Sexismus.
Widerspruch zwecklos, sonst sitzt man gleich selbst auf der Anklagebank.

Vor fast fünf Jahren bedauerte ich hier (21.12.2011: Florian Pilz gegen Peter Klenk) einen Konflikt zwischen Florian Klenk (Falter) und Peter Pilz (damals Die Grünen) über den „Fall Kampusch„.
Nach einem „langen Telefonat mit Klenk“ beschloss Pilz jetzt sein Nationalratsmandat nicht anzunehmen, nachdem schon Tage vorher Profil und Presse die Beschuldigung der sexuellen Belästigung erhoben hat und der Falter nun eine zweite Geschichte „herausfand“.

Grund genug sich nochmals mit dem Herren zu unterhalten, den ich bereits vor der Nationalratswahl 2017 interviewt habe und für den damals der wesentlichste Grund „Pilz zu wählen“ war, dass er ihn für
bedingungslos interger hielt, weil man ihn sonst schon längt hopp genommen hätte:
Schwammerlsuche im Wahlkampf: Unser Gespräch mit einem Pilz-Wähler 

Nun„, triumphierte ich zu Gesprächsbeginn, „so ganz integer scheint der Pilz doch nicht gewesen zu sein?!“
Doch eher so ein Harvey Weinstein, Verteidigungminister Fallon oder Kevin Spacey? Oder wie es die Grüne Sigi Maurer twitterte:
Ein erbärmlicher Sexist. Seine politische Karriere muss enden. Und immer gilt der Betroffenenschutz.

„Also die einzige Parallele, die ich sehe, dass es auch in diesen Fällen weder eine Gerichtsverhandlung noch ein rechtskräftiges Urteil gibt.“
Ich entgegne, dass doch die Beweise erdrückend wären, worauf ich korrigiert werde, dass ein Beweis das (positive) Ergebnis eines auf die Feststellung von Tatsachen gerichteten Beweisverfahrens darstellt und klar von Anschuldigungen zu differenzieren ist.

„Sie werden doch nicht ernsthaft bezweifeln, dass Peter Pilz sich im wahrsten Sinn des Wortes verbal und manuell vergriffen hat, da gibt es Zeugen!“
Natürlich nicht„, antwortete mir mein Gegenüber ganz ruhig. „Es scheint unstrittig, dass in Alpbach zwei Männer einen betrunkenen und grapschenden Pilz ziemlich schnell von der bedrängten Frau weggezogen haben, woran sich Pilz nicht mehr erinnern kann/will und dass seine ehemalige Assistentin im Grünen Club 40 sexuelle Übergriffe dokumentiert hat, es aber auf Wunsch der Beschwerdeführerin zum Schutz der Betroffenen zu keine Verhandlung gekommen ist.“

„Eben“, triumphierte ich erneut, „das passt doch alles gut in ein Gesamtbild! Vor einer Stunde zitiert der Standard einen Zeugen mit der Aussage, dass er sowas überhaupt noch nie erlebt hat.
Das passt doch alles zusammen!“

„Zum Fall Weinstein?“.

„Natürlich nicht, aber in das Bild von Peter Pilz als mächtiger älteren Mannes, der sich nicht im Griff hat!“

„Und deshalb verzichten wir auf die Fortsetzung des Eurofighter Ausschusses und somit kurz vor der Neuauflage von Schwarz/Blau die weitere Aufklärung der unter Schwarz/Blau unterzeichneten Eurofighter-Beschaffung?
Deshalb war alles, was Pilz bisher aufgedeckt, eingebracht, hinterfragt oder gemacht hat, unglaubwürdig?“
Jetzt hatte ich ihn. „Das ist eine Verschwörungstheorie, die rein gar nichts damit zu tun hat, dass der feine Herr Pilz, kein Benehmen hat!“

„Also, ich habe ihn ja auch nicht wegen seiner Umgangsformen gewählt und er hat sich auch nicht zum Erzbischof wählen lassen.“
„Da messen Sie aber nun wirklich mit zweierlei Maß!“
„Ja, weil das auch angebracht ist. Ich bin Wähler und kein Richter. Ich will zwar auch, dass entsprechendes Verhalten geahndet wird. Wenn nun für alle „erst jetzt an die Öffentlichkeit kommenden Opfer“ der Betroffenenschutz gilt, dann doch hoffentlich auch für die präsumptiven oder überführten Täter?!
Es wimmelt in den Seitenblicken von zu viel Alkohol konsumierenden Ärzten, ungeniert Nikotin rauchenden Rechtsanwälten, der Lüge überführten Politikern, denen ihr Klientel trotzdem vertraut, weil sie zwar keine Heiligen, in ihrem Metier aber seit Jahren gut sind.
Verweigern wir zu Recht die Annahme eines Strafmandates von einem Polizisten, wenn er selbst einmal beim Rasen erwischt wurde?
Verwerfen wir die Newton’sche Physik, weil er sich so nebenher auch mit Schwarzer Magie beschäftigt hat?
Verbrennen wir alle Filme, die Harvey Weinstein produziert hat, weil er sich als menschlicher Abgrund herausgestellt hat?
Gehen nun alle Fans von House of Cards zur Beichte, weil ihnen die Serie einst gefallen hat, bevor sie wussten, dass Spacey nicht nur im Film mies sein konnte?
Sagen wir den Brexit abEs steht wohl außer Streit, dass wenig so verletzt, wie ungewollte Überschreitung der eigenen Intimsphäre, insbesondere wenn dies in einem Abhängigkeitsverhältnis oder unter physischer Bedrängnis stattfindet.

Selbstverständlich kann der Preis einer Verurteilung nicht die nochmalige Beschädigung des Opfers sein, nur wage ich zu bezweifeln, dass wir deshalb gleich den Rechtsstaat aushebeln sollten.

Jede publik gewordene Handlung wirft ein neues Licht auf eine Person, jedoch sollten wir wachsam sein, wenn man uns einreden möchte, dass diese eine Erkenntnis nun alle längst bekannten Eigenschaften einer Person überdeckt.
Haben sich die Vorfälle zugetragen wie berichtet, dann sollte sich eine am Einkommen eines Nationalratsabgeordneten orientierte, üppige Schadenersatzzahlung für das verursachte Leid ausgehen!

Eine Gesellschaft, in der gerade noch Shades of Grey nicht zuletzt durch die weiblichen Leser die Bestsellerlisten stürmte, so dass „Time“ die Autorin auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt setzte, da „Ihre Worte die Frauen des Landes in eine bebende Woge der Begierde“ verwandelte, scheint einvernehmliche Peitschenhiebe auf den Intimbereich herrlich zu finden, solange ein noch so unglaubwürdiges Einverständnis behauptet wird, verurteilt aber körperlich weit weniger aggressive Übergriffe mit biblischem Zorn.
Gerade in einem derartig widersprüchlichen Umfeld wäre eine rechtsstaatliche Aufarbeitung an Stelle einer medialen Treibjagd dringlich wünschenswert, zumal auf Twitter @ernst_michalek nicht ganz unrichtig feststellte:
Einstweilen teilen sich Basti und Bumsti weitgehend ungestört das Land auf. Weil eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. #Pilz

Vielleicht hat er Unrecht, vermutlich ist mit Pilz einfach ein Silberrücken über seinen inneren Widerspruch zwischen Sein und Anspruch gestolpert und hat mit dem Rücktritt sein Problem aus der Welt schaffen wollen,
vielleicht hätten wir ihn aber noch für die Lösung einiger politischer Probleme gut gebrauchen können. Ob sich seine Gegner nun wirklich freuen können, ist auch noch nicht heraußen, denn es darf angenommen werden, dass er als Privatmann durchaus mehr Zeit haben wird, die Scheinwerfer, die nun alle auf ihn gerichtet wurden, auch wieder in die Gegenrichtung zu drehen.
Ohne rechtsstaatliches Urteil wird nur das Bild eines endlosen Sumpfes übrig bleiben.
Vielleicht ist Pilz aber auch schnell zurückgetreten, weil gerade er weiß, wie endlos lange eine rechtsstaatliche Aufarbeitung in diesem Lande dauert.

Ich gab es auf und ließ meinen Gesprächspartner zurück. Zumindest einer der 223.544 Pilz Wählern würde den Peter wieder wählen.

Written by medicus58

5. November 2017 at 16:57

Sexiest Sexist

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Kappacher gegen die Todesstrafe für Peter Pilz (gut) und ein paar Anmerkungen mehr, vielleicht aber auch nicht die richtigen.

https://wp.me/p3YvOX-MJ

Written by medicus58

5. November 2017 at 09:51

Veröffentlicht in Allgemein

Welche Weichenstellung ein Bundeskanzler Kurz wirklich geschafft hätte

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Nein, ich will hier nicht auf die Jugend unseres Wahlsiegers hinaus, noch ihn wie deutsche Medien mit allerhand halblustigen Namen punzieren.
Ob „der Basti“ seine Mutterpartei nicht nur äußerlich umgefärbt sondern nachhaltig reformiert hat, werden wir erst in vielen Monaten beurteilen können.
Ob der Wahlsieger die Machtstrukturen in diesem Land wirklich aufbrechen und nicht nur an sich reißen will, wird ebenfalls erst die Zukunft weisen.
Wenn es der eloquente Meidlinger und stud. jur. schafft, sich an die Spitze einer türkis-blauen Bundesregierung zu hieven, und Zahntechniker HC Strache zum Vizekanzler zu küren, dann hätte aber damit etwas ganz anderes geschafft:
Er hätte die erste österreichische Regierung der Zweiten Republik gebildet, in der

WEDER DER (BUNDES)KANZLER NOCH DER VIZEKANZLER EIN ABGESCHLOSSENES STUDIUM HÄTTEN.

Als Kind einer Nicht-Akademiker Familie bin ich wirklich nicht der Überzeugung, dass man ohne akademischen Grad keine Führungsposition einnehmen soll und ob wir der Fülle an Juristen im Parlament nicht unseren proliferierenden Vorschriften Dschungel verdanken.

Es relativiert aber das jahrzehntelange Geschrei über die OECD unterdurchschnittliche Akademikerquote (2016 Anteil der Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss im Alter von 25 bis 64 Jahren 32 Prozent (OECD-Schnitt: 37 Prozent), wenn die beiden wichtigsten Positionen in einer neuen Regierung mit Nicht-Akademikern besetzt werden, und erleichtert nicht die Position aller jener Eltern wenn ihr Nachwuchs jenseits der Pflichtschule wenig Motivation für weitere schulische Bemühungen zeigen.

In diesem Sinne: es ist Zeit

Karl Renner
Dr. jur.
27. April 1945 –20. Dezember 1945

Leopold Figl
abgeschlossenes Studium an der Bodenkultur
20. Dezember 1945 – 11. Oktober 1949 (Vize: Dr. jur. Adolf Schärf)
8. November 1949 – 28. Oktober 1952 (Vize: Dr. jur. Adolf Schärf)
28. Oktober 1952 – 25. Februar 1953  (Vize: Dr. jur. Adolf Schärf)

Julius Raab
Dipl.ing.

2. April 1953 –14. Mai 1956 (Vize Dr.jur. Adolf Schärf)

29. Juni 1956 – 12. Mai 1959 (Vize Dr.jur. Adolf Schärf/Dr. phil. Bruno Pittermann)
16. Juli 1959 – 3. November 1960 (Vize Dr. phil. Bruno Pittermann)
3. November 1960 – 11. April 1961 (Vize Dr. phil. Bruno Pittermann)

Alfons Gorbach
11. April 1961 –20. November 1962 (Vize Dr. phil. Bruno Pittermann)
27. März 1963 – 25. Februar 1964 (Vize Dr. phil. Bruno Pittermann)

Josef Klaus
Dr.iuris.
2. April 1964 –25. Oktober 1965 (Vize Dr. phil. Bruno Pittermann)
19. April 1966 – 3. März 1970 (Vize Dr.jur. Fritz Bock/Dr.jur. Hermann Widhalm)

Bruno Kreisky
Dr. juris
21. April 1970 – 19. Oktober 1971 (Vize Ing Rudolf Häuser)
4. November 1971 –8. Oktober 1975 (Vize Ing Rudolf Häuser)
28. Oktober 1975 – 9. Mai 1979 (Vize Ing Rudolf Häuser/Dipl.Kaufm.Dr. Hannes Androsch)
5. Juni 1979 – 24. Mai 1983 (Dipl.Kaufm.Dr. Hannes Androsch/Dr.phil. Fred Sinowatz)

Fred Sinowatz
Dr. phil
24. Mai 1983 – 16. Juni 1986 (Vize Dr.jur. Norbert Steger)

Franz Vranitzky
Dipl.Kaufm. Dr.
16. Juni 1986 – 25. November 1986  (Vize Dr.jur. Norbert Steger)
21. Jänner 1987 –9. Oktober 1990 (Vize Dr.jur. Alois Mock)
17. Dezember 1990 – 11. Oktober 1994 (Vize DI. Josef Riegler/Dr.jur. Erhard Busek)
29. November 1994 – 12. März 1996 (Vize Dr.jur. Erhard Busek/Dr.jur. Wolfgang Schüssel)
12. März 1996 – 20. Jänner 1997 (Vize Dr.jur. Wolfgang Schüssel)

Viktor Klima
Mag. (Betriebs- und Wirtschaftsinformatik)
28. Jänner 1997 – 4. Februar 2000  (Vize Dr.jur. Wolfgang Schüssel)

Wolfgang Schüssel
Dr.jur.
4. Februar 2000 –28. Februar 2003 (Vize Dr.jur. Susanne Riess)

28. Februar 2003 – 11. Jänner 2007 (Vize Herbert Haupt, Hubert Gorbach)

Alfred Gusenbauer
Dr. phil.
11. Jänner 2007 – 2. Dezember 2008 (Vize Mag.rer.soc.oec. Wilhelm Molterer)

Werner Faymann
2. Dezember 2008 – 16. Dezember 2013 (Vize DI Josef Pröll/Dr.jur. Michael Spindelegger)
16. Dezember 2013 – 9. Mai 2016 (Vize Dr.jur. Michael Spindelegger/Dr.jur. Reinhold Mitterlehner)

Reinhold Mitterlehner
Dr. jur.
9. Mai 2016 – 17. Mai 2016

Christian Kern
Mag. phil.
seit 17. Mai 2016 (Vize Dr. jur. Reinhold Mitterlehner/Dr.jur. Wolfgang Brandstetter)

Written by medicus58

17. Oktober 2017 at 21:01

ElefantInnenrunde: Edutainment oder Gladiatorenkämpfe – eine nicht nur medizinische Betrachtung

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Wir haben nach gefühlt Hunderten, angeblich aber nur rund 60 TV-Duellen der Spitzenkandidaten auch die ElefantInnen-Runde (wieso gendern das nicht mal die PC-affinsten Grünen?) überstanden.

Viel haben wir nicht mehr dazu gelernt, also wenig Edutainment, zu sehr blieben die Kandidaten stur auf den von bezahlten Beratern medial abgefragten und dann punktgenau gecoachten Worthülsen und G’schichtn:
Selbst als selektiver Duell-Konsument glaubte ich die erhebende Geschichte von Papa Kurz mindestens dreimal gehört zu haben (als 50-Jähriger bei Philips gekündigt und den beruflichen Wiedereinstieg trotzdem geschafft) und die Westbalkanroute könnte ich auch schon verkehrt rum sagen (Etournaklabtsew).
Ja, ich glaube wie Kern auch, dass Kreisky mir das Studium ermöglicht hat, nur kann selbst ich es nimmer von der Partei hören, die zustimmte, den Zivildienst zu verlängern, Studiengebühren einzuführen und sich feiern lässt, dass eh schon fast jeder maturiert, nur eben mit dem Wisch genau gar nix mehr anfangen kann.
Auch dass Strolz aus der Praxis kommt, so wie HC Strache, letzterer halt als Zahntechniker aus der Zahnarztpraxis, und dass beide Arbeitsplätze geschaffen haben, hörte ich bereits bis zum Abwinken.
Lunacek nahm ich sogar die Ernsthaftigkeit ab, mit der sie unzähligen Male inhaltlich diskutieren wollte, aber dann halt nicht über die Implosion ihrer Partei, während sie als x-te Präsidentin des Europäischen Parlaments in Brüssel weilte.

Dass die Wiener Zeitung „überstanden“ und nicht „überlebt“ titelte, ist wohl ihrer „amtlichen Seriosität“ geschuldet, egal.

Was mir mehr oder weniger Ernsthaftes zu dieser Nationalratswahl durch den Kopf gegangen ist, lässt sich gemeinsam mit ein paar von Kappachers Radioblogs hier nachlesen.

Was mich aber heute beschäftigt ist die Überlegung, ob hier unter dem Gejohle der angeheuerten Fans, den schrillen Tönen in den Echokammern der digitalen Nebenwelten nicht viel finanzielle und persönliche Energie auf den völlig falschen Schauplätzen vergeudet wird.

Klar haben viele was davon:
Keine anderes TV-Programm ist so billig zu produzieren, bekommt so viele Zuschauer und kann deshalb so gut der Werbeindustrie verkauft werden, wie Wahlduelle.
Ein Segen auch für die Printmedien, Inserate, Wuchteln, Entgegnungen, Kommentare und immer mehr Online-Klicks für die Werbeindustrie.
Angesichts der medialen Dauerpräsenz von Meinungsumfragern, PR-Beratern, Politologen, Experten für eh alles, wird deren Geschäftsmodell zum Selbstläufer, ohne sich der Frage zu stellen, wozu man sie wirklich braucht, oder was sie den nachweislich bewirken. Was dauert über den Schirm plappert MUSS DOCH wichtig sein.

Natürlich sind wir als Publikum ebenso mitbeteiligt:
Auch ob wir wirklich an Inhalten interessiert sind, bliebe noch zu beweisen, jedoch
der Jahrmarktzirkus lenkt uns wenigstens ab,
macht 
unverhohlen Freude, wenn der andere eine drauf kriegt,
erlaubt hellen Empörung, wenn wer schmutziger Tricks überführt wurde.

Nur mal so dazwischen: Wenn sich medial unsanktioniert FP-Kickl über dirty campaigning aufregt, der aktuelle Bundespräsident wertschätzende TV-Auftritte einfordert oder die Grünen so tun, als hätten sie noch nie den Mann statt den Ball gespielt, dann kommen auch Zweifel über die Vierte Gewalt im Staat auf.

All das gesagt und den Würgereiz unterdrückt geht es mir um etwas ganz anderes:
Das ganze Theater bindet enorme Ressourcen und lässt die Politiker, Sieger wie Verlierer, völlig ausgebrannt zurück.
Ob sie dann, wenn sie Energie bräuchten, um etwas von dem umzusetzen, für das sie gewählt wurden, noch dazu fähig sind, bleibt zu bezweifeln. 

Googeln Sie einmal die Fotos irgendwelcher Spitzenpolitiker vor und nach ihrer politischen Tätigkeit.
Nicht aus Mitleid, aus Eigennutz. 
Auch die Aufarbeitung von Hillary Rodham Clintons Wahlschlappe gegen Donald Trump und das virtuelle Nachspiel
(„What Happened„) lässt tief blicken wie sehr das, was wir glauben dass es Demokratie wäre, die Protagonisten selbst zerstört.

Wenn wir uns als Wähler nicht endlich stärker dagegen wehren, dass wir mit Spektakel befriedigt werden, das letztendlich die wahre Absicht, Politik im Sinne des Wählers zu machen, immer mehr verunmöglicht, dann stapfen wir auch hier bewusst- und besinnungslos den amerikanischen Weg nach.

Wenn Sie mich Fragen, wie wir uns dagegen wehren sollen, dann kann ich ihnen nur Eminance und nicht Evidence anbieten:
Ich wählte nie jemand für das was er sagte, was andere über ihn sagten, was er über andere sagte, sondern was ich glaubte, was er in den mir wichtigen Fragen tun würde, wenn er die Macht dazu hat. Eine Richtschnur ist hier der Blick in seine politische Vergangenheit.

Written by medicus58

13. Oktober 2017 at 17:21

Warum die Ärztekammer falsch liegt auch wenn sie Recht hat

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Dieser kurze Thread mit dem Geschäftsführer der „Wiener Gesundheitsförderung“ ist nicht untypisch für den Shitstorm der über die neue Plakat-Kampagne der Wiener ÄK hereinbrach -oder vielleicht auch inszeniert wurde.

Entsetzen über Ärztekammer-Plakat

Es wäre zynisch, würde ich mich freuen, dass die Wiener ÄK es geschafft hat, genau das in die Medien zu bringen, was ich hier schon oft gefordert habe: Das Gesundheitssystem

Wie hektisch da die Politik und Justiz darauf in Vorwahlkämpfen Leute verhaftet und wieder frei lässt, hat man ja an dem aktuellen Pflegeskandal erlebt.

Nur wäre das zu kurz gegriffen. Um die Politik mit den rein ärztlichen Problemen zu konfrontieren, hätte es genügt auf die offenen Kassenstellen, Wartezeiten, Abteilungs– und Ambulanzschliessungen (Gut versorgt) zu verweisen. Auch die nachgereichte schriftliche Erklärung der ÄK (sinngemäß):
Die Zeit, die die Bürokratie den Ärzten wegnimmt, 
nimmt den Patienten ihren Arzt weg.
wäre medial besser angekommen als das inkriminierte Plakat, nur wäre dies eben eine viel bequemere Wahrheit gewesen, denn unter Bürokratie leidet ohnehin das ganze Land..

In Wahrheit meint das Plakat:
DU KÄMPFST MIT KREBS.
DEIN ARZT KÄMPFT MIT BÜROKRATISCHEN HÜRDEN DER KRANKENKASSEN
nicht das, was man ihm unterstellt, nämlich, dass sich die Patientin nicht aufregen soll, weil es auch ihr Arzt schwer hat.

In meinem nächsten Tweet an  @DennisBeck_w versuchte ich das innerhalb der Zeichenbeschränkung des Zwitscherdiensts so zu erklären:

Ärzte gegen Kasse =Patienten verlangen von Ärzten neueste Onko Therapie, System will es nicht zahlen, Ärzte müssen es Pat vermitteln

Bezeichnend, das dieser Tweet unbeantwortet bliebt, bemerkenswert von jemand, der eigentlich genügend Innensicht des Systems haben sollte, welche Evidenzbasierte Leistungen den pflichtversicherten Patienten vorenthalten wird.

Erinnern wir uns:
MR und CT Wartezeiten in den Medien, mit großem Trara (und einigen Preiszugeständnissen der Radiologen) wurde die Deckelung aufgehoben und unmittelbar danach wieder die Genehmigungspflicht durch die krankenärztlichen Chefärzte eingeführt.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs!

Es sei ein „bisher ungekannter Stil, sinngemäß Krebskranken mitzuteilen, dass man sie aufgrund bürokratischer Hürden nicht ausreichend behandeln könne“, ärgerte sich Biach (HV Chef).

Fragen Sie ihn doch einmal, weshalb eine Reihe onkologischer Therapien, die problemlos ambulant durchgeführt werden könnten, vom Hauptverband in die Spitäler verschoben wurden, weil dort der Deckungsbeitrag der Kassen geringer ist.
Fragen Sie die Krankenanstaltenträger, weshalb sie unter dem Vorwand Schwerpunktbildung teure Therapien nur mehr an bestimmten Häusern und dort unter Mengenbeschränkung anbietet – übrigens nicht nur in der Onkologie.

Also all die (parteigebundenen) Berufsempörer, die sich heute zu Wort gemeldet haben, wissen das alles, wollen es aber unter dem Teppich halten.
Nur Menschen, die schon länger nichts mehr mit der Gesundheitssystem zu tun hatten können das Plakat missverstehen,
nur stellen die möglicherweise die Mehrheit der Wähler dar.
Auch wenn es wir Ärzte nicht mehr wahrhaben wollen, die meisten Menschen dieses Landes sind augenblicklich – Gott-sei-Dank – nicht so schwer krank, dass sie in die Tiefen (und Untiefen) des Gesundheitssystems fallen. Wen wir diese Menschen erreichen wollen, müssen wir ihnen erklären, was wir wirklich meinen.

Also haben es die von der Wiener ÄK beauftragten Werber wieder geschafft
zwar Recht zu haben
aber uns Ärzte als herzlose Egoisten,
diejenigen mit klaren parteipolitischen Rollen und Absichten,
von der Patientenanwältin über die Krankenkassenhefin bis zum Wirtschaftskämmerer,
als die Guten dastehen zu lassen.

Written by medicus58

29. September 2017 at 20:01

Pflegemißbrauch Fall 11

with one comment


Leider keine Satire und vermutlich kein Einzelfall .  

http://wp.me/p96sJp-1O

Written by medicus58

26. September 2017 at 20:58

Veröffentlicht in Allgemein

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