Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for the ‘Herrgottswinkerl’ Category

Liebe (verbliebene) Leser dieses Blogs

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leset das Dekamaron (oder Decamarone, wenn Sie so wollen).

Die Geschichten, die sich vor der Pest Geflohene hier zur Erheiterung, Erbauung und Tröstung erzählen, sagen viel über Menschen aus, die von einer Gefahr wissen, ohne sie zu erleben.

Nichts könnte besser zu unserer Situation passen als dieses Werk.

Natürlich hat man seit Beginn der Covid-19 Pandemie sofort und immer wieder an Camus Pest gedacht und überraschenderweise nicht an Ionescos Nashörner, was näher an den politischen Implikationen Camus war als Camus an der Epidemiologie.

Heute dröhnen wir unsere Ängste mit Streaming Diensten und Sozialen Medien nieder, niemand erzählt sich mehr Geschichten.

Wäre aber g’scheit.

Written by medicus58

22. Oktober 2020 at 10:38

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl, Psychopathologie der Medizin

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Das Phantom der U Bahn

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Irgendwie spooky. Da hat mich doch grad wer in der U Bahn gegrüßt und ich habe keine Ahnung wer das war, denn er trug eine FFP2.

Stammt ja nicht von mir, aber Herr Kurz wird u. a. in die Österreichische Gesetzgebung eingehen, dass er es gleichzeitig geschafft hat uns ein Vermummungsverbot und eine Maskenberordnung zu verpassen.

A propos Phantom. In miesen Zeiten wie diesen sollte wieder was ins hiesige Herrgottswinkerl gestellt werden, also diesen Teil meines Blogs, wo das verträumt wird was wichtig und gut ist.

Als Fan guter Musicals, abseits des Tonleitergejaules aus dem Hause Disney ist Stephen Sondheim schon längst Bewohner des hiesigen Herrgottswinkerl, so wie Tim Rice der Librettist der ersten Erfolge Andrew Lloyd Webers. Letzterer hat es bislang nicht ins Winkel geschafft, was heute nachgeholt wird. Sondheim und Webber haben am selben Tag, dem 23.3.,Geburtstag, nur trennen sie 18 Jahre. Was sie aber vereint, beide gehören der Covid-Risikogruppe an und beide hocken, einer in UK, der andere auf der anderen Seite des Teiches in Selbstisolation.

Wie die beiden vor ein paar Tagen Alles Gute zum Geburtstag wünschten und Sondheim uns gleich mal das ausreichend lange Händewaschen-Ritual demonstrierte, ist einer der wenigen Lichtblicke in dieser ver-virten Zeit:

Link on Youtube

Written by medicus58

1. April 2020 at 17:00

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl

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Max-imale Musik

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Auch wenn Österreich im Ausland heute eher mit Red Bull assoziiert wird, traditionell und in unserem Selbstbildnis sind wir das Land der Musik und Musiker.

Sie kennen ja den heuer besonders aktuellen Kalauer:

Das wesentliche Verdienst der Österreicher war es der Welt einzureden Hitler wäre Deutscher und Beethoven Österreicher gewesen.

Und wenn wir schon von Oberösterreich reden, dort würde vor 59 Jahren ein gewisser Max Nagl geboren, und der tut mehr für Österreichs Ruf als Musikland als so mancher weiß, also ab ins Herrgottswinkerl mit ihm.

Ich glaube zum ersten mal bin ich über eine Komposition Nagls gestolpert, als ich Cellivio, auch so eine unbekanntes Kleinod der österreichischen Musikszene, entdeckte, wie sie Nagls Kirtag spielten:

https://www.youtube.com/watch?v=jkKvfQjvgRI (ab 0:29)

Dieses Beispiel zeigt schon viel von dem was Nagls Musik so besonders macht. Einmal denkt man an Blasmusiker auf zu viel Gras oder Free Jazz am Schuachbandl, dann schaut Philip Reich und Steve Reich auf ein bisschen Minimalmusik, dann jazzt es plötzlich ein paar Takte dahin und man erinnert sich an Terry Rileys Jam Sessions eben auch im Porgy & Bess. Auf seiner aktuellsten CD läast „Moped“ an Erektionssstörungen bei „Deep Purple“ denken, und ist trotzdem höchst hörenswert.

Eben dort, in Wiens intimsten Jazzclub, wo einst das Rondell (Raucherkino – Riemergasse), kann man auch immer wieder die Naglprobe machen, wie Nagl seine Kompositionen so meint.

Kürzlich trat der Komponist und Eigeninterpret auf allerhand Saxophonen, umringt von neun kongenialen Partnern auf mehr oder weniger konventionellem Musikgerät (Theremin) lässt dort die Ohren wackeln zusammengehalten und getaktet durch einen (wie im Hörbeispiel https://youtu.be/JYPkTcZJF44) nachvollziehbar genialen Herbert Pirker an den „Fellen“.

Was Sie natürlich von der Konserve nicht hören, sind Max Nagls minimalistischen Ansagen der einzelnen Nummern, wo man sich schon mal fragen kann, ob die verbale Reduktion ein Abbild seiner minimalistischen Musik ist, oder er mit gewissem Recht davon ausgeht, dass man seiner Musik ohnehin nur zuhören muss, um sie zu verstehen.

Kompositorisch wirkt vieles aus der Minimal Music kommend, als Hörerlebnis wird es sehr rasch zur Maximal Music.

Max Nagl Trio „Bleistift“ – official video

Bemerkenswert für ein angeblich so musikalisch interessiertes Land wie Österreich, dass einer wie Max Nagl nicht bekannter geworden ist.

“ICH SEH MICH NICHT ALS JAZZER” – MICA-INTERVIEW MIT MAX NAGL

Written by medicus58

2. Februar 2020 at 15:23

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl

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Liederlich

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Als ich jung war, galt das gruppenhafte Liedersingen in meinem Umfeld schon eher als zwanghaft, trotzdem erklärte man auch uns noch mit Johann Gottfried Seumes:

„Wo man singet, laß dich ruhig nieder, / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder.“

Seit Monaten poppen – meist vor Wahlen – im Eck der Burschenschafter nun Dinge hoch wie:

Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ,Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.

Rothschild hat das meiste Geld, schließlich muss in jedem Fache einer doch der Größte sein und so ist auch ohne Zweifel festgestellt das größte Schwein.

Entlastet ist der Nazipimmel, der frei blieb stets vom Rassenfimmel.

Jetzt mag die Justiz rasch entscheiden, ob derartige Ergüsse strafrechtlich relevant sind, oder „nur“ vulgärer und gefährlicher Müll sind. Wenn das alles (nach der Wahl) vermutlich rechtlich wieder im Sande verläuft, ohne dass ein Bösewicht gestellt wird, dann bleibt aber schon noch – losgelöst von allen rechtlichen und politischen Aspekten – die Frage offen, ob es den Verfassern und Sängern nicht aufgefallen ist, welch grottenschlechte und holpernde Reimchen das sind.

Da wird dem Deutschtum mit Versen gehuldigt, die Goethe und Schiller nichtmal im Vollrausch aus Feder und vermutlich auch nicht aus dem Mund gegwollen wären.

Auf einem Niveau, für das sich ein Taferlklassler schämen müsste, haben sich selbsternannte Eliten offenbar vor gar nicht langer Zeit mit sowas Mut zugesungen oder sich zumindest ohne Furcht, was man im Lande glaubt erheitert.

Sollte die Justiz entscheiden, dass das keine Bösewichter waren, die diesen liederlichen Lieder gesungen haben, so sind sie aber allemal strunzdumme Deppen, die die deutschen Sprache verhunzt haben.

Written by medicus58

6. November 2019 at 20:02

Faket die Faker oder die weiche Birne der Populisten

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Zufällig finden sich diese Woche zwei köstliche Beweise, wie weich die Birne jener ist, die uns stets mit großem Getöse versprechen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu berichten, während sie selbst auf jeden dummen Fake reinfallen und wie diese Erkenntnis ins Volk zu bringen ist. Nein, es geht nicht primär um das Ibiza-Video, mit dem sich offensichtlich die FPÖ selbst in die Luft gesprengt hat, so wie ich es mir bereits 2013 in meiner kranken Fantasie ausgemalt habe (Der FPÖ Wähler). Aber irgendwie dann doch auch.

Die sich thematisch und stilistisch noch im Selbstfindungsprozess befindliche ORF SendungGute Nacht Österreich“ demonstrierte wie schnell der mit Steuergeldern gefütterte Boulevard auf billige Fakes rein fällt, wenn die Quote winkt: https://www.derstandard.at/story/2000109484431/peter-klien-zeigt-mit-fake-skorpion-panikmache-von-krone-oesterreich (ab 10:30)

Den Vogel schoss aber am Freitag die ZDF Heute Show ab, die uns bildlich vor Augen führte, dass auch die Rest-FPÖ auch ohne Strache und Gudenus sich zum Narren machen, wenn man glaubt unter sich zu sein.
Man schickte einfach einen gefakten Reporter des „Alternativen Fernsehen Deutschlands (AfD TV)„, den genialen Fabian Köster, zu den Blauen.
(Für die mit der AfD und dem running Gag der Heute Show nicht so vertauten Ösis: Der AfD Politiker, den sie auf Aufforderung Kösters so anfeuern heißt natürlich Björn Höcke, aber:
Im März 2015 gab die Thüringer Allgemeine Höckes Vornamen irrtümlich mit „Bernd“ an. Nachdem Höcke sich darüber öffentlich empört hatte, benutzte Oliver Welke in der heute-show absichtlich den falschen Vornamen. Andere Satiriker taten es ihm nach. Später benutzten auch Sprecher der Tagesschau, das heute-journal, B.Z.DWDL.deFAZNeue Osnabrücker ZeitungNordwest-ZeitungSpiegel TV, Hamburger MorgenpostHuffpostMünchner MerkurSüdwestrundfunk und weitere absichtlich oder versehentlich den falschen Vornamen. Auch der FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke nannte im Oktober 2017 in einer Landtagsrede mehrfach den falschen Vornamen und bekräftigte auf Nachfrage: „Der Mann heißt Bernd. Ich weiß es definitiv aus der heute-show.“ Am 25. Januar 2018 erschien der Name „Bernd Höcke“ sogar in einer Pressemitteilung des Bundestages, die noch am selben Tag korrigiert wurde. Oliver Welke feierte dies in der heute-show als ultimativen Erfolg seines running gags.

Unsere Blauen, die sich dem deutschen Gast gegenüber natürlich bewundernd über den brauen Bruder AfD äußerten, vorzuführen, dass sie in Wirklichkeit keine Ahnung haben, wer dort das sagen hat, in dem sie gröllend „Bernd, Bernd“ skandieren und dass sie selbst genauso in eine plumpe Falle tappen wie ihr Ex-Heiliger Strache, ist schon ein Höhepunkt dessen, was aufklärerische Satire leisten kann.

Bei mir verdichtet es den Glauben, dass im 21.Jahrhunderte Erkenntnisse nicht mehr über (wissenschaftliche) Argumentation sondern zunehmend über Bilder zu betreiben ist:

Bitte, bitte ansehen

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Ihr Medicus spielte sich als 17-Jähriger und einige Jahre danach mit irgendwas wie einem literarischen Kabarett herum, also einer Tradition für die niemand geringerer als z.B. Arnold Schönberg komponiert hat.

In Zeiten der Wuchtldrucker scheinbar abhanden gekommen, war das eine Form der Satire, die auf hohem intellektuellem und künstlerischem Niveau Zusammenhänge klar macht, die über eine andere Schiene nur sehr mühsam zu vermitteln sind. Irgendwann gab Ihr Medicus diese Versuche auf und frustet sich nun mit zwei Facharzttitel und einer Lehrbefugnis im öffentlichen Gesundheitssystem in Richtung Ruhestand.

Max Uthof und Claus von Wagner beweisen aber nun seit 2014, dass das geht und beweisen grenzgenial, dass das Konzept nicht nur machbar, sondern möglicherweise die einzige Möglichkeit darstellt, eine komplexe Welt an den Pranger zu stellen.

Bitte, bitte schau’n Sie sich das an:

Die Anstalt vom 28. Mai 2019

Ihr Medicus hätt‘ es nicht besser hingekriegt, sorry to say

Written by medicus58

29. Mai 2019 at 17:36

Heinz R. Unger: Zwei Fragen blieben unbeantwortet

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Am 12. Februar starb der gelernte Schriftsetzer Heinz R. Unger. Jenen, die die 70er nicht mehr miterlebt haben, wird er wohl kaum mehr etwas gesagt haben und der Verweis auf seine Textbeiträger zur Proletenpassion der Schmetterlingen lassen vermutlich auch viele jüngere Willi Resetarits Fans eher ratlos zurück. Kein Wunder, zu Kurt Ostbahn lässt es sich auch besser grölen und sich alternativ fühlen, ohne mit Informationen über die Pariser Kommune belästigt zu werden.
Erinnerte man Unger an seinen vermutlich erfolgreichsten Text, wurde er immer etwas unrund, denn mit Falter im Wind erreichten die Milestones 1972 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson den fünften Platz! Mit dem von Willi Resetarits getexteten Boom Boom Boomerang kamen die Schmetterlinge 1977 nur auf den vorletzten Platz!

Ich lernte Heinz, der damals aus seinem zweiten Vornamen ein kleines Geheimnis machte, irgendwann Ende der 70 Jahre im Umfeld von Dieter Haspels Ensembletheater kennen und verbrachte einige wenige Abende mit Unger um gegen Brecht zu argumentieren. Überraschenderweise traf ich bei ihm auf weniger Gegenwehr als ich erwartet habe!
Nachdem Unger herausgefunden hat, dass ich Medizin studierte wechselte er plötzlich das Thema und begann mir zwei Fragen zu stellen, die ihn nach eigener Aussage schon länger beschäftigten:

1.) Wie halten es die Frauenärzte mit den Frauen und
2.) Wie halten es die Ärzte mit dem Tod.

Ich war etwas verblüfft und murmelte irgendetwas von, er möge mich das nach ein paar Jahrzehnten Berufspraxis fragen und nicht jetzt, wo ich mit dem Auswendiglernen von Knochenvorsprüngen und Gefäßverzweigungen beschäftigt bin.
Lächelnd gab er sich damit zufrieden. Wenige Monate später verlor ich meinen damaligen Bekanntenkreis und somit auch Heinz Rudolf Unger völlig aus den Augen.
Seit Montag ist ein Treffen unmöglich geworden, und das ist irgendwie gut so,denn:
Auf die erste Frage könnte ich nur eine sehr unkollegiale Antwort geben und auf seine zweite Frage wüsste ich auch heute keine allgemein gültige Antwort. Möglicherweise kann sie aber nun der Heinz selbst beantworten …

Written by medicus58

14. Februar 2018 at 22:57

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Der Patient, den ich nie hatte

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Ich war noch Student, als ich für mich in der Wiener Wipplingerstrasse 24 das Graumann Theater entdeckte. Dort wo einst Baruch Pickers Café-Restaurant Hohe Brücke residierte, zog ein ursprünglich im 15. Bezirk gegründetes Theater mit angeschlossener Schauspielschule GAMES (Graumann Acting Musical Entertainment Studio) ein. Vielleicht war es auch eher eine Schauspielschule, die in einem schmalen Raum mit gerade einmal vier (?) Sitzreihen den Studierenden die Bretter bot, auf denen sie sich ausprobieren und in der Pause fürs Buffet Brote streichen konnten. Die Namen der Absolventen lesen sich jedoch heute wie ein Who is Who der österreichischen Szene:
Michael NiavaraniViktor GernotSigrid HauserNadja MalehRupert HenningHelmuth VavraChristoph Wagner-TrenkwitzReinhold G. MoritzNicolaus HaggArthur KlemtValerie BolzanoLaura Schneiderhan, …

Einige Jahre vorher trieb ich mich noch in Dieter Haspels (1949-1916) Ensemble Theater herum, zu diesem Zeitpunkt habe ich aber schon längst den Gedanken aufgegeben „irgendwas in Richtung Regie zu machen“ und war am Weg in den Zirkus Medizin.

Das Schöne am Graumann Theater war für michr, dass ich für sehr wenig Geld hingehen konnte ohne vorher einen Blick ins Programm zu werfen, ich wurde nie enttäuscht.
Ein damals völlig unbekannter und schüchterner Niavarani ulkte sich durch ein Stück von Woody Allen, während Sigrid Hauser selbstbewusst wie heute im Habit durch Nunsense fegte, einem damals hierorts kaum bekannten Off-Broadway Hit über die Kleinen Schwestern von Hoboken, …
als weitere Augenweide wurde eine der Nonnen damals von einer Ex-Miss Vienna gespielt, die vielleicht weniger gut singen konnte als Frau Hauser, aber dafür andere Qualitäten hatte …

Die beengten Raumverhältnisse im Graumann Theater machten das Theatererlebnis noch intensiver. Füsse ausstrecken in der ersten Reihe hätte bei manchen Inszenierungen den gesamten Cast zu Fall gebracht. Trotzdem vermittelte jede Aufführung das Gefühl absoluter Professionalität. Kein Wunder, hinter all dem stand Michael A. Mohapp, der seine Profession als Schauspieler und Regisseur von den Besten gelernt hat, der den Raum nicht nur durch seine massige Gestalt dominierte.

Von 1983 bis 1994 war er Intendant des Wiener Graumann-Theaters und Leiter der Schauspielschule. Als Empfänger seines Newsletters musste ich miterleben, wie ihn damals die Stadt Wien zwang, den Betrieb einzustellen, in dem sie ihm plötzlich die Subventionen abdrehte. In seinem letzten Newsletter schrieb Mohapp, dass man ihn seitens der Stadt vor die Alternative stellte Graumann zu schließen, das offenbar anderen im Weg war, und die angefallenen Schulden abzudecken, oder ihn als Privatperson komplett auf den Schulden sitzen zu lassen. Ich kann mich an den exakten Betrag nicht mehr erinnern, aber es war viel weniger als eine Reihe anderer deutlich weniger erfolgreicher Kleinbühnen damals kassierten.

Kurz danach rief mich ein befreundeter Arzt an und ersuchte, ob er seinen Jugendfreund Mohapp vorbeischicken dürfte, da dieser ein medizinisches Problem hätte, aber nicht zu bewegen wäre „zu einem normalen Arzt oder eine normale Ambulanz“ zu gehen.
Selbstverständlich willigte ich ein und freute mich darauf den Menschen, dem so schöne Theatererlebnisse verdankte, persönlich kennen zu lernen.
Ich vereinbarte mit meinem Freund, dass Mohapp nachmittags kurz nach 16 Uhr, nach meiner Vorlesung die bis kurz vor 16:00 dauern würde, also außerhalb der regulären Ambulanzzeiten, ins AKH kommen sollten. Ich war sogar einige Minuten vor vier am Anmeldeschalter um zu erfahren, dass gegen 15:30 ein großer massiger Mann nach mir gefragt hätte und mit den Worten „dann komme ich später“ wieder gegangen wäre.
Mohapp hat sich nie mehr bei mir gemeldet und unser gemeinsamer Freund entschuldigte ihn später damit, dass er doch keinen Arzt sehen wollte ….

In den nächsten Jahren trat er fallweise im Simpel auf, war Intendant der Sommerspiele Stift Altenburg und hatte er einen Lehrauftrag für Repertoire und Rollengestaltung sowie Musikdramatische Grundausbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien am Institut für Gesang und Musiktheater. Er trat in Film- und TV-Produktionen auf und war ein beliebter Synchronsprecher.

In den letzten Monaten hörte ich nichts mehr von ihm. Vor wenigen Tagen teilte mir Google mit, dass er bereits 2015 verstorben ist.
Ich bin Mensch … geboren in eine Welt voll mit falschen Fragen, vielen Antworten und zuwenig Phantasie.
Am 19. März 2015 wurde er am Zentralfriedhof eingeäschert.
In wenigen Tagen, am 7. März wäre er heuer 60 geworden.

Written by medicus58

9. Januar 2018 at 18:17

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Paul Frederic Simon

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Wenig lässt sich noch über den am 13. Oktober 1941 in Newark, New Jersey geborenen Sohn ungarischer Einwanderer schreiben, das nicht schon längst an anderer Stelle ausführlicher, fundierter und prominenter gesagt wurde.
Schon 1986 erhielt er vom Berklee College of Music einen Ehrendoktor. Insgesamt hortete er 16 Grammys davon 3 für ein Album des Jahres (Bridge Over Troubled Water, Still Crazy After All These Years, Graceland) und einen Lifetime Achievement Award.
2001 wurde er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, 2006 vom Time Magazin einer von 100 „People Who Shaped the World“ bezeichnet, 2011 vom Rolling Stone Magazine zu den „100 Greatest Guitarists“ gezählt und 2015 ebendort zu dem 100 Greatest Songwriters of All Time geadelt. 

Komponist, Musiker, Schriftsteller und Schauspieler, sein künstlerisches Werk ist so breit wie vielfältig. Nachdem seine Folk-, Pop- und Rocksongs zu Recht weltbekannt wurden, durchkämmte er seit seinem 1986 erschienen Album Graceland die Weltmusik und nutzte, Kritiker meinen auch benutzte, er deren Rhythmen und Harmonien für sein Werk. Natürlich könnte man darin auch ein Versiegen der eigenen Ideen vermuten, jedoch konnte man 1990 in ihrem Plattenladen wenige andere Gelegenheiten finden, die Drummer von Salvador Bahia (Brasilien) zu hören als in Simons Song Obvious Child auf  seinem Album Rhythm of the Saints. Ich weiß wovon ich rede, denn als ich zu dieser Zeit nach durchgetrommelten Tagen wieder nach Wien kam, hatten selbst Spezialgeschäfte keine Aufnahmen vorrätig. Daran sei nur mal so erinnert, auch wenn die meisten diese Rhythmen eher mit dem sechs Jahre später von Michael Jackson veröffentlichten They don’t care about us assoziieren werden.

Wenn wir schon bei den „persönlichen Verbindungen zu Paul Simon“ sind, möchte ich an einen der vermutlich größten finanziellen Flops erinnern, die Simon hingelegt hat, nicht zuletzt auch deshalb, weil es sich in Wirklichkeit um ein wirklich gutes Werk gehandelt hat, das aus verschiedensten Gründen zu seiner Zeit floppte.

Schon 1988 begann Simon den Stoff eines minderjährigen Mörders (Salvador Agron) zu bearbeiten. Während eines Bandenkrieges erstoch der damals knapp 16-Jährige Puertoricaner und ein Komplize im August 1959 zwei „weiße“ Teenager und wurde zum Tode verurteilt. Da er zu diesem Zeitpunkt einen auffälligen Umhang trug, nannte ihn die Presse Capeman. Im Gefängnis wandte er sich dem christlichen Glauben zu, holte seinen Schulabschluss nach und erhielt später sogar einen Bachelor in Soziologie und Philosophie. 1979 wurde er begnadigt und arbeitet in der Konfliktprävention mit Jugendlichen.

Time is an Ocean

Er starb 1986 im Alter von 42 Jahren an einer Lungenentzündung und inneren Blutungen. Die Geschichte wurde in den USA höchst kontrovers gesehen, zumal insbesondere Agrons frühere Äußerungen gegenüber der Presse ihn als verstockt und unsympathisch erscheinen ließen.

Als Simon nach vielen Workshops, Umarbeitungen und Veränderungen sowohl im Cast als auch im Produktionsteam das Stück 1998 auf dem Broadway herausbrachte, hatte ich das Glück eine der Previews zu sehen (und mit großer Wahrscheinlichkeit auch Simon himself, der fallweise im Zuschauerraum auftauchte um die Produktion aus verschiedenen Blickwinkeln zu prüfen. Leider existieren m.W. nur technisch sehr schlechte Videomitschnitte der Produktion, die zu den besten zählte, die ich jemals am Broadway gesehen habe (und das waren einige …).

The Capeman wurde zwar für drei Tony Awards nominiert (Best Original Score, Best Orchestrations, Best Scenic Design) wurde aber von den New Yorker Kritikern gnadenlos verrissen und schloss nach nur 68 Aufführungen ehe die Tonys vergeben wurden und die 11 Millionen $ Produktionskosten, ein nicht unerheblicher Teil wurde von Simon selbst aufgebracht, waren dahin. Auch das Album hielt sich nur 11 Wochen in den Billboard Charts und kam nicht über Platz 43 hinauf. Seither gab es zwei Versuche einer Art Wiederbelebung. Von einem kurzen Revival 2008 existieren nur wenige Clips:

2010 kam es zu drei Aufführungen im Delacorte Theatre in New Yorks Central Park. In unzähligen Interviews zu seinem Flop erklärte sich Simon immer häufiger den Durchfall damit, dass es eben einen Unterschied mache einzelne Lieder zu schreiben, oder mit seinen Liedern eine zusammenhängende Handlung erzählen zu müssen. Ich kann nur sagen, dass sich die Aufführung musikalisch und visuell sehr gut gefunden habe und noch immer mit einer berühmten Simon Zeile antworten würde:
Still crazy after all those Years

Links:
The Capeman on Broadway Doku

Written by medicus58

5. Dezember 2017 at 16:06

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Keine Laudatio aber noch vor dem Nachruf: Wolfgang Ambros

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Selbst seine größten Fans werden wohl zugeben, dass seine beste Zeit vorbei ist,
auch seinen letzten „runden Geburtstag„, es war der 65. am 19.März, ist hier unerwähnt verstrichen und
dass er im Februar erneut geheiratet hat habe ich ungenützt verstreichen lassen, ehe ich
Wolfgang Ambros nun endlich in mein Herrgottswinkerl stelle
.

Noch eine Laudatio über den „Godfather of Austropop“ zu schreiben, würde wohl kaum Neues zu Tage bringen und nicht nur den Leser langweilen.
Über den angesichts seiner komplexen Lebens- und Krankengeschichte schon Für’s Leben Gezeichneten

einen Nachruf zu schreiben wäre andererseits geschmacklos und könnte kaum toppen, was Ambros selbst dazu sagte:

Haben Sie Angst vor dem Ende?
Na! Überhaupt nicht. Wenn ich heute den Löffel abgeben müsste, könnte ich sagen: Ich hab g’macht, was ich können hab.

http://www.kleinezeitung.at/kultur/pop/5185871/Interview_Wolfgang-Ambros_Grandiose-Grantelei-zum-Geburtstag

Um nachvollziehbar zu machen, was die Texte des frühen Ambros in den 70er Jahren der Kreisky-Evolution (Copyright Andre Heller) bedeuteten,
müsste man an die brüchig aggressive Stimme erinnern, die 1972 die wärmende Poesie des Wiener Dialekts in der Kälte des Winters besungen hat und (mit den Worten seines Schulkameraden Prokopetz) am Höhepunkt der I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric Integrationsbemühungen den ausgegrenzten Innländer (Hofa) im Rinnsal fand.
Man müsste mit ihm 1975 Knochenmark abbraten und sich an die grauen Stadtlauer Gemeindebauten erinnern, in denen er 1977 eine Blume fand.

Trotz aller Erfolge war Ambros damals für viele in so hohem Maße unangepasst, ja fast als revolutionär, dass man in der Schule, in der ich in diesem Jahrzehnt maturierte, komplett verschwieg, dass das Lehrerkind Ambros dort wenige Jahre vorher raus geflogen war!

Vielleicht lässt der nachfolgender Ausschnitt aus der Jugendsendung Spotlight das kulturelle Umfeld erahnen das Ambros damals aufmischte, insbesondere wenn man sich auch noch vor Augen führt, dass damals der nunmehrige Präsentator der Brieflos-Show, Peter Rapp, ein Jugendidol war!

Während inzwischen nahezu alle Fäkalausdrücke burgtheaterreif geworden sind, sah man sich damals offenbar gezwungen beim (grausig asynchronen) Playback(!)-Vortrag des Hits Zwickt’s mi, das O-Wort in den Zeilen

Die Jugend hat kein Ideal, kan Sinn für wohre Werte.
Den jungen Leuten geht’s zu gut, sie kennen keine Härte!
So reden de, de nur in Orsch kräul’n,
Schmiergeld nehman, packeln tan,
noch an Skandal daun pensioniert wer’n, kurz: a echtes Vurbüld san.

seltsam verschluckt, aufzunehmen. Im Radio lief überhaupt eine Version, die an der entscheidenden Stelle durch das heute noch im US-TV übliche „Pieps“ „zensuriert“ wurde.

Schwieriger wird es den Ambros danach einzuordnen, da er sich – trotz anderer Ankündigung – nicht wie die Rebellen des Klub 27 aus der Karriere nahm und wir ihn mit all seinen Hochs und Tiefs weiter beobachten konnten.

Für mich symptomatisch ist das letzte seiner Alben, das ich noch erstanden habe, Äquator aus 1992.

Neben textlich und musikalischen Eigenartigkeiten wie im Titelsong:

Rund um den Äquator
scheint immer die Sonne.
Palmen wiegen sich im Wind,
es ist eine Wonne!
Die Menschen sind fröhlich,
bunt und lebendig
rund um den Äquator,
obwohl es ihnen dreckig geht
oft ganz elendig,
abgesehen natürlich vom Diktator.

fand sich auch Der Nipper ein hinreißend interpretiertes Minidrama eines Anbandelversuches zwischen Lebemann und Bardame mit der entlarvenden Schlusszeile:

I kann dir zwar net vü nutz’n,
aber I kann dir sehr vü schad’n! 
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-der-nipper-36383.html

und im Song Wos is, wann nix is?, die kürzesten und klarsten Zeilen, die je über ein mögliches Leben nach dem Tod geschrieben wurden:

Sie sog’n, wann man tot is,

fangt das Leb’n erst an,
aber wos is, wann nix is,
wann nix is, wos is dann?
https://www.golyr.de/wolfgang-ambros/songtext-wos-is-wann-nix-is-201952.html

Ambros zählt zu den Künstlern, die im Scheitern noch mehr sagen, als andere am Höhepunkt ihres Schaffens.

Unruhe in Frieden!

Wolfgang Ambros (Liedermacher) in „Vordergründig-Hintergründig“

 

Written by medicus58

22. April 2017 at 18:15

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