Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for November 2017

Ich bin Unmensch – hier kaufe ich nicht ein

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Sie kennen sicher den Werbeslogan des Karlsruher Drogeriegiganten:
Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein
Vielleicht sogar Goethes Original: Hier bin ich Mensch hier darf ich

Wir haben uns seit 1992 an diese Junktim von
Selbstverwirklichung durch Konsum unhinterfragt gewöhnt, ebenso wie an das zur Hochzeit des Neokapitalismus (2002-2011) von einer Elektrokette formulierte Credo:
Geiz ist geil.

Seit etwa 2013 schwappt nun die nächste Welle konsumatorischer Menschwerdung über den großen Teich: Der Black Friday (nein, nicht der der Weltwirtschaftskriste 1929) bzw. der Cyber Monday oder Amazons „Cyber-Monday-Woche“ gilt seit den 60er Jahren in den US als Auftakt zum vorweihnachtlichen Einkaufswahnsinn.

Und ich fühle mich schlecht!

Natürlich weiß inzwischen jeder, dass die extremen Rabatte in vielen Fällen Humbug sind und sich entweder auf Ladenhüter, abgespeckte Konfigurationen oder auf ursprünglichen, längst nicht mehr aktuelle Verkaufspreise beziehen.

Ich fühle mich schuldig!

Nahezu alle Tageszeitungen bombardierten mich mit Schnäppchen und Warnungen, eigene Online-Seiten sammelten die besten Angebote, Mail- und Spambox waren gut gefüllt mit möglichen Ersparnissen von Hunderten Euros und ich habe nichts gekauft.

Ich verbrachte schlaflose Nächte,
weshalb ich mir meine geheimsten Wünsche nicht erfüllte, von denen ich zwar nichts, Google Ads aber alles wusste.

Mein Weinschrank ist noch immer leer,
obwohl Wein&Co mit auf den Sommerwein 2016 von Groiss 50% Preisnachlass gewährte.

Die Wohnungseinrichtung ist noch immer nicht ausgetauscht,
obwohl mir alle Möbelhäuser ihr gesamtes Lager noch am Einkaufstag zustellen wollten.

Ich bin ja eigentlich nicht blöd aber ich fühle mich so,
weil ich all die gebotenen Gelegenheiten ungenutzt verstreichen ließ.

Aktuelle Berichte schätzen für die USA ein Plus von 18% im Onlinegeschäft und Erlöse von 7,9 Milliarden Dollar. Für den heutigen Cyber Monday werden Rekordumsätze von 6,6 Milliarden Dollar geschätzt und ich war nicht dabei.

Natürlich gibt es auch Gegenbewegungen und Konsumverweigerer, aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist, weshalb sich dieser Konsumwahnsinn unter den gefälligen Beiträgen unserer Medien auch hier ausbreitet und niemand hinterfragt weshalb Händler am Beginn des ohnehin unvermeidlichen Weihnachtsgeschäftes Waren zu Preisen verschleudern, die sie nicht einmal im nachweihnachtlichen Räumungsverkauf mehr unterbieten?
Weshalb üben unsere Medien nicht eine vergleichbare Propagandaschlacht auf,
um Menschen zu Bildung zu verführen oder
zu Interesse an Kunst, Philosophie oder
zu demokratischer Teilhabe?

Und wenn sich die Selbstverwirklichung nur mehr über den Konsum erreichen lässt, dann eben über den bewussten Konsum, einen Konsum, der den Markt verändert, gute statt billiger Waren favorisiert, nachhaltige Strukturen stärkt statt Import aus Billigländern.

Die US Amerikaner haben offenbar an diesem Wochenende auch einen Rekordumsatz an Waffenkäufen (genauer Anmeldungen für zukünftige Waffenkäufe) hingelegt, wie heute weltweit in den Medien zu lesen ist.
Wäre doch gescheit den Konsumenten einmal zu erklären, dass ihr Geld die wichtigste Waffe ist, mit der sie diese Welt verändern können.
Eine neue Form der Revolution halt, in dem der bewusste Einsatz von Geld (nicht Feuerwaffen)  die stärkste Waffe gegen den kapitalistischen Wahnsinn darstellt.
Wer nett auch davon was in den Medien zu lesen statt der endlosen Analysen wo man beim nächsten Handy sein bestes Schnäppchen machen konnte.

Irgendwie fühle ich mich noch immer schlecht.

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Written by medicus58

27. November 2017 at 16:50

Ruthenium Slow burn

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Ruthenium (v. lateinisch Ruthenia „Ruthenien“, „Russland“) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Ru und der Ordnungszahl 44.

Unter Slow burn versteht man im Film eine Gag-Struktur, wo Aktion und Reaktion deutlich getrennt werden, d.h. zwischen die Wahrnehmung und die Reaktion auf eine Situation wir von den Agierenden eine Pause des Nichtverstehens eingelegt, in der der Zuschauer sein dadurch entstandenes Überlegenheitsgefühl ablachen darf.

Seit 29.9. 2017 wurden in mehreren Ländern Europas Ruthenium 106 gemessen.

An den Luftfiltern der etwa 10 in Österreich verteilten Luftmessstellen für Radioaktivität sind  zwischen 30.September und 3.Oktober maximal etwa 1 bis 40 Millibecquerel Ru-106 pro m³ nachgewiesen worden. Inzwischen sind die Aktivitätswerte wieder in den Bereich der Nachweisgrenze zurückgegangen, berichtete das Lebensministerium bereits am 9.10.2017.

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz erfuhr im Rahmen der bilateralen Informationspflichten am 03.10.2017, dass in Österreich Ruthenium-106 gemessen wurden. Am 04.10.2017 schlug auch eine Spurenmessstelle in Deutschland an. Die Messwerte in Deutschland liegen zwischen wenigen Mikrobecquerel und 5 Millibecquerel pro Kubikmeter Luft.
Auf der Homepage des BfS wurde bereits am 8.10. eine Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit veröffentlicht.

Auch aus Frankreich kamen von der IRSN schon am 4.10. gleichlautende Bestätigungen mit weiteren Updates.

Spätestens Anfang November war (auch regelmäßigen Twitter-Teilnehmern) also Folgendes klar:

  • Ende September/Anfang Oktober zog von Osten nach Westen kommend eine „Ruthenium Wolke“ über Europa
  • Etwa zwei Wochen später konnte in der kein zusätzliches Ruthenium mehr gemessen werden
  • Ein Reaktorunfall oder eine Atombombe gelten gleich als unwahrscheinlich, da dabei niemals nur ein einziges Isotop freigesetzt würde. Ein Satellit (mit einer radioaktiven Batterie) wird nicht vermisst.
  • Die Strahlenexposition der Bevölkerung wurde von mehreren Stellen als so gering berechnet, dass sie innerhalb der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlenexposition lag, besondere Maßnahmen waren in Europa also nicht erforderlich. Überraschend führten die ersten Meldungen aber zu wenig Widerhall in dr Öffentlichkeit.
  • Strömungsmessungen verschiedener Institute lokalisierten die Herkunft der Wolke von insgesamt (Quellterm) 100 and 300 teraBecquerels zwischen Wolga und Ural (Météo France).
  • Berechnungen ergaben auch, dass am Unfallort in einem Umkreis von ca 10 km spezielle Maßnahmen für den Bevölkerungsschutz ergriffen werden müssten und ein einem Radius von < 100 km ein Monitoring der Nahrungsmittel sinnvoll sein könnten.

Einzelne Medien berichteten schon früh über das Ereignis, mein Eindruck war damals aber, dass die Nachrichten kaum eine größere Öffentlichkeit erreicht hat.
Telegraph:  Nuclear ‚accident‘ sends radioactive pollution over Europe
Standard: Radioaktivität über Europa: Experten vermuten Quelle im Ural

und nur zur Vollständigkeit: Russia Today: The Russian state atomic energy corporation Rosatom, however, rejected the report, saying that “the radiation situation around all Russian nuclear facilities is within the norm and corresponds to natural background radiation.”

Erst am 21.11. berichtete auch der Russische Wetterdienst über insgesamt vier Messstationen im Süd-Ural, im Nord-Kaukasus und am Don wo im Zeitraum vom 26. September bis zum 1. Oktober 2017 Ruthenium-106 nachgewiesen wurde. Quantitativ steht der Bericht aber im Ggs zu oben zitierten früheren Kalkulationen, wenn behauptet wird: Die Messwerte in der Luft liegen zwischen 15 und 76 Millibecquerel pro Kubikmeter und liegen damit in einem Bereich von Messwerten, wie sie einige Tage später in Südosteuropa (Rumänien) gemessen wurden. Bei den in Russland gemessenen Werten handelt es sich um sehr geringe Radioaktivitätsmengen, die nicht gesundheitsgefährdend sind.

Seit ein paar Tagen ist der Vorfall plötzlich weltweit in den Schlagzeilen.

Nach Aussage der Sprecherin des Umweltministeriums am 21.11. der APA gegenüber, wäre sogar in den vergangenen beiden Wochen in Österreich – wetterbedingt – neuerlich Ruthenium-106 festgestellt worden, allerdings in noch weit geringerer Konzentration und damit knapp an der Nachweisgrenze. Auf der Homepage des Lebensminsteriums findet sich dazu aber (noch) kein Hinweis. Wahrscheinlich handelt es sich um keinen neuen Eintrag sondern um ein Aufwirbeln bereits früher nach Österreich verfrachteten Rutheniums. 

21.11.FAZ:
MYSTERIÖSES RUTHENIUM-106 : Was geschah im Ural?
21.11. New York Times:
Russia, in Reversal, Confirms Radiation Spike
21.11.: Süddeutsche:
Erhöhte Radioaktivität über Europa kommt aus Russland
21.11. WELT:
„Äußerst hohe“ Ruthenium-Konzentration nahe AKW gemessen

22.11. Science Alert:
Here’s What You Need to Know About That Mysterious Radiation Cloud Over Europe
22.11. The SUN: 
Has Russia had a secret nuclear disaster? Giant toxic cloud and radioactivity levels 1000 higher than usual spark panic
22.11. New Delhi Times:
Russia Confirms Spike in Radioactivity in Urals

Russia Today versuchte sehr kryptisch zurück zu rudern:
Russland: Radioaktive Strahlenmessungen als Inspirationsquelle des Auslands,
erinnert – wie inzwischen viele Quellen – an die Kerntechnische Anlage Majak, wo weiträumige Kontaminationen bekannt sind, um dann gleich wieder abzuwiegeln:

Die veröffentlichten Daten erlauben es uns nicht, den Ort der Verschmutzungsquelle festzustellen. Dabei war die Konzentration auf russischem Gebiet immer noch zehntausende Male unter der zulässigen Höchstgrenze, für die Gesundheit der Bevölkerung besteht keine Gefahr.

Ja und auch bei uns springen nun kleine Blätter vollmundig auf:
Kleine Zeitung: Ruthenium in der Luft: Österreich fordert Aufklärung

Indische Medien zitieren Alexander Antipin, den Pressesekretär für Südasien der staatliche russische Atomorganisation Rosatom für Südasien, der explizit den Standort Majak als Quelle für das Ruthenium ausschließt!

Wegen der widersprüchlichen Aussagen der russischen Behörden schätzt das IRSN die Chancen, dass die Herkunft des Rutheniums bald geklärt wird, für gering ein. Greenpeace Russia schaffte es zumindest von Rosatom Messergebnisse zu erhalten und plant offenbar eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen möglicher Verheimlichung eines nuklearen Unfalls.

Sehr viel mehr ist im Augenblick zu dem Vorfall auch nicht zu erfahren, wobei mir
vier Dinge bemerkenswert erscheinen:

  • Das Europäische Warnsystem und die innerstaatlichen Informationsflüsse scheinen zu funktionieren und werden auch kommuniziert.
  • Die mediale Aufarbeitung – auch in sogenannten Qualitätsmedien – erfolgt hingegen immer entweder zu früh oder mit zu langer Latenz.
  • Die IAEA kommt ihrer Aufgabe, die interessierte Öffentlichkeit zeitnahe zu informieren leider nicht in ausreichendem Maße nach. Sucht man aktuell auf der Homepage findet man gar nichts.
  • Die oft wiederholte Sage, dass die Informationen über den Unfall in Tschernobyl nur deshalb von Russland so lange unterdrückt wurden, weil damals ein kommunistisches Regime herrschte, ist als Erklärungsmodell nicht mehr länger aufrecht erhalten. Gerade in diesem Jahr hat sich Putin explizit nicht mehr als Erbe der Kommunistischen Revolution vor 100 Jahren gesehen.

 

Written by medicus58

23. November 2017 at 18:02

Wie man Skandale übersteht …

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Krone: Wiener Spitalskandal: Mit Finanztrick 30 Millionen Steuergeld versenkt
O
E24: Das Worst-Case-Szenario liegt bei knapp unter 1,4 Mrd. Euro 
Presse: In einem eilig einberufenen Hintergrundgespräch versuchte man noch, den Schaden einzugrenzen

und so weiter und so weiter. Die Opposition überschlägt sich gerade wieder

Bluemel /Korosec:  RotGrüne Beschönigungspolitik 
Gudenus: Größter Bauskandal aller Zeiten bahn sich an

weil wieder ein RH Rohbericht leakte.
Alle paar Stunden zitieren die, denen das Papier zugespielt wurden ein paar Passagen, um das Feuer weiter anzufachen,
in den PR-Abteilungen glühen die Köpfe, wie man den miesen Eindruck übertünchen könnte, die Euphorie über die Hybrid-OPs hat ja nicht so lange angehalten.

Nein, ich werde hier keine neuen Enthüllungen, keine Bassenagerüchte  streuen.
Ich möchte nur in meinen Erinnerungen wühlen, als ich so um 1980 als Medizinstudent nahezu lückenlos die zahllosen Berichte Alfred Worms zum AKH-Skandal verfolgte. Beweise über Beweise, Vermutungen über Vermutungen wurden über Jahre abgedruckt. Worm wurde mit Auszeichnungen bedacht und war von 1983 bis 1988 als „Quereinsteiger“ ÖVP Abgeordneter im Wiener Landtag. Die Untersuchungsrichterin
Helene Partik-Pablé des Verfahrens schwamm auf einer Sympathiewelle und zog danach für die FPÖ/BZÖ in den Nationalrat ein, um das „Saubermann-Image“ Jörg Haiders zu unterstreichen. Ja und wenn heute irgendwas vom ehemaligen Bundespräsidenten Kirchschläger noch im Gedächtnis ist, dann seine Bemerkung Bundespräsident zur Eröffnung der Welser Messe im August 1980 zum AKH Skandal, wo er eine „Trockenlegung der Sümpfe und sauren Wiesen“ forderte.
Der einzige mir noch namentlich bekannte Schuldige ist Adolf Winter.

Wenn man heute die Wikipedia nach dem AKH-Skandal durchsucht, wundert man sich, wie karg der entsprechende Eintrag ist: https://de.wikipedia.org/wiki/AKH-Skandal

Frägt man sich aber, was nach monatelangen, ja jahrelangen Recherchen, Untersuchungen und Vorverurteilungen geblieben ist, kommt man auf ein sehr dürres Ergebnis, das der Standard 2004 wie folgt zusammenfasste:

Im Mittelpunkt des so genannten AKH-Skandals stand der ehemalige technische Direktor der Allgemeinen Krankenhaus-Planungs- und Errichtungsgesellschaft (AKPE), Adolf Winter. In den Strudel der Affäre geriet auch der damalige Finanzminister und Vizekanzler Hannes Androsch. Er wurde Jahre später in Zusammenhang mit seinen Aussagen vor dem parlamentarischen AKH-Ausschuss von einem Wiener Gericht wegen Falschaussage verurteilt. Im September 1981 folgte der AKH-Prozess, das bis dahin größte Gerichtsverfahren in Österreichs Nachkriegsgeschichte mit 30.000 Seiten in 67 Aktenordnern, ebenso vielen Beilagenseiten, vier Sachverständigen und mehr als 100 geladenen Zeugen. Der Vorwurf gegen Winter und elf weitere Angeklagte (Anm.: darunter Manager von Siemens-Österreich, ITT sowie die Eigentümer des österreichischen Elektronikunternehmens Schrack) lautete auf gewerbsmäßigen Betrug, Untreue, verbotene Intervention, Beihilfe zu solchen Verbrechen und Verstöße nach dem Devisengesetz. Winter sollte für die Vergabe von Großaufträgen Provisionen unter Mithilfe oder zumindest Mitwissen seiner Mitangeklagten kassiert haben. Das Urteil wurde am 27. November 1981 gesprochen.
Alle zwölf Angeklagten wurden schuldig erkannt, allein Winter hatte 30 Millionen Schilling (2,18 Mio. Euro) Schmiergelder kassiert. Er erhielt neun Jahre Freiheitsstrafe. Seine Mitangeklagten bekamen von einem Jahr bedingt bis zu fünf Jahren und 350 Tagen unbedingt. Winter und acht weitere Verurteilte gingen in die Berufung: Der Hauptangeklagte bekam schließlich acht statt neun Jahre wegen Geschenkannahme statt Untreue. Auch weitere Strafen wurden herabgesetzt. Zwei Verfahren wurden sogar an die erste Instanz zurückverwiesen. 

Am 27. November könnten wir den 36. Jahrestag des  Prozessendes feiern.
Die fehlenden Millionen wurden nie mehr gefunden,
Adolf Winter war angeblich mittellos (ich erinnere mich nur an eine Tante, die angeblich Geld hatte, finde aber keine Belege mehr dafür).
Insgesamt konnten Winter 30 Millionen Schilling an Schmiergeldern nachgewiesen werden,
aber das AKH kostete statt der 1955 projektierten 1 Milliarde OS letztendlich 45 Milliarden OS!

Ja, eine Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gab es auch: https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XV/I/I_00670/imfname_280202.pdf
unter der Führung Norbert Stegers, wobei nur jeweils ein Minderheitenbericht, aber kein gemeinsames Urteil gefasst werden konnte.

2012 bestand Hannes Androsch in einem Leserbrief an die Presse, den er als Reaktion zu Alles schon da gewesen: Eine kleine Korruptionsgeschichte verfasste, dass der AKH Skandal ausschließlich ein Skandal unter Managern war und weder er noch sonst ein Politiker involviert waren.

Im Gegensatz dazu kommt eine Analyse (Study on Curruption within the Public Sector in the Member States of the EU) aus 2007 über Österreich – auch unter Bezugnahme auf den AKH Skandal – zum Schluss:
Eine weiter mögliche Ursache der Korruption dürfte auch das Parteiensystem und seinen Verbindungen mit anderen Substystemen sein, sowie die, durch die geringe Größe bedingte fehlende Rollentrennung und Nahebeziehungen innerhalb der Gesellschaft.
Korruption ist besonders weit verbreitet im Bereich von Politik und Administration.

Wäre ich Beteiligter am KH Nord Skandal würde ich mich nur fürchten, wenn ich Manager der zweiten Reihe einer der beteiligten Firmen wäre, sonst würde ich gut schlafen.

 

Vergleiche auch: https://www.jku.at/gespol/content/e103159/e299940/e210723/KOR_korruption_und_politik_lva_endbericht_ger.pdf

Written by medicus58

22. November 2017 at 18:01

Wer ist denn der Wetzlinger?

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Der studierte Elektrotechniker, ehemalige Kaufmännische Direktor des LKH Klagenfurt und AKH Direktor wurde nun auch in die Generaldirektion des KAV berufen. Ob er eventuell im nächsten Jahr wieder ersetzt wird oder nach der Umwandlung des KAV in eine öffentliche Anstalt deren erster Generaldirektor wird, ist es Zeit sich mit seinem bisherigen Lebensweg zu beschäftigen. Eine kurze Suche zeigt, dass trotz eines nicht unbewegten Leben, online relativ wenig Fakten zu finden sind:

Herwig Wetzlinger wurde am 17. Jänner 1961 geboren,
studierte zwischen 1979 und 1985 an der Technischen Universität Graz Elektrotechnik und schloss mit dem Titel Diplomingenieur ab.

Zwischen 1986 und 1995 war er Projektleiter Prozess- und Automatisierungstechnik bei den Draukraftwerken AG.

Zwischen 1995 und 2000 war er bei der Verbund AG als Abteilungsleiter für IT-Anwendungsentwicklung tätig.
Berufsbegleitend absolvierte er währenddessen seine Managementausbildung an der Akademie des Wirtschaftsförderungsinstitutes (Managementlehrgang 1991-1992) sowie am Management Institut St. Gallen (1999-2000) General Management, Unternehmensführung) .

2000-2001 war er Hauptabteilungsleiter IT und Kommunikationstechnik in der Kärntner Landeskrankenanstalten-Betriebsgesellschaft KABEG und zwischen 2001 und 2011 Kaufmännischer (!) Direktor des Klinikums Klagenfurt am Wörthersee, verantwortlich für den kaufmännischen und technischen Bereich der Anstalt.

In dieser Postion wurde er immer wieder aus den Reihen des BZÖ massiv angegriffen und kurzfristig auch suspendiert war:
Juli 2008: All jene, sie sich über die Dienstfreistellung Wetzlingers so fürchterlich aufregen erinnert der geschäftsführende BZÖ-Landesparteitobmann Stefan Petzner daran, dass es schon unter Franz Sonnberger Dienstfreistellungen und Entlassungen von LKH-Führungskräften gegeben habe.

Dez 2008: KO Scheuch: Mit Wetzlinger wird das Chaos im LKH Klagenfurt prolongiert

Dez 2008:  Nach Wiedereinsetzung von Wetzlinger Sorge dafür tragen, dass Stabilität wieder hergestellt wird.

Dez 2010: KO Kurt Scheuch: Tendenziöse Berichterstattung der Kleinen Zeitung setzt sich weiter fort

Trotz einer mit viel medialer Aufmerksamkeit erfolgten Eröffnung des Klinikums wurde Wetzlinger und seine Stellvertreterin kurz nach der erfolgreichen Inbetriebnahme des Klinikums als Krankenhausdirektor abgesetzt und von KABEG-Vorstand Ines Manegold bei der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue angezeigt. Grund war, dass für eine Arbeitsgemeinschaft aus Villach beim Klinikum Neubau eine Erfolgsprämie über 800.000 Euro fällig wurde, weil sie ein Teilprojekt billiger als geplant durchgeführt hatte.
Der Standard spricht im August 2011 von einem Mann mit Eigenschaften, der der sich in Kärnten politischer Willkür nicht beugen wollte – und in Wien unsaubere Praktiken (Leiharbeitsfirmen im AKH) bekämpfen soll, nachdem er sich gegen 36 Mitbewerber durchsetzte und zum Stellvertretenden Direktor der Teilunternehmung AKH in Wien berufen wurde.

2013 stellte  die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein: KABEG Chefin Manegold hatte Wetzlinger und drei weitere Mitarbeiter verdächtigt, bei Auftragsvergabe für das LKH-neu die KABEG finanziell geschädigt zu haben. KABEG-Chefin Ines Manegold beauftragte sogar ein Anwaltsbüro in München, das über eine Whistleblower-Adresse anonyme Hinweise auf Missstände und Skandale liefern sollte, allerdings ohne Resonanz und Erfolg.
Mit der Einstellung des Verfahrens ist Wetzlinger vollständig rehabilitiert. Die Kosten seiner arbeitsrechtlichen Verfahren musste er übriges selbst tragen.

2014 übernahm Wetzlinger die Direktion des Allgemeinen Krankenhauses.

Im Jänner 2016 unterzeichnete er einen Kooperationsvertrag zwischen AKH und KAV und versprach trotz  Deckelung der Vollarztäquivalente  rund 25 Prozent der Versorgungsleistung der KAV-Spitäler zu übernehmen! 

Im September 2017 unterzeichnete er mit seinem früheren Diensteber KABEG eine Absichtserklärung zur intensiven Kooperation in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Patientenversorgung zwischen AKH und dem Klinikum Klagenfurt. Zumindest damals berichtete er auch den Medien, dass er seine Wochenenden immer noch gerne in Kärnten verbringt. Übrigens ist DI Wetzlinger auch stellvertretender Direktor der Kärntner Caritas und ist Mentor der Initiative für Kärnten.

Mitte November 2017 wurde er KAV-Direktor für die Bereiche Finanz, Recht, Einkauf und nicht-klinischer Bereich. Damit übernimmt er auch die Verantwortung für die Eröffnung des KH Nords, die die Stadt Wien noch kurz vor seinem Hinauswurf EX-GD Udo Janßen umgehängt hat und die dann zum jetzt nicht verlängerten Dir. Balazs wanderten.
Was hat denn die Wiener Personalpolitik mit der Wahl-Schlammschlacht zu tun?
Eine Mille Lehrgeld für die Stadt Wien
Janßen identifizierte sich nicht mit dem Gesamtinteresse der Stadt Wien und musste gehen 

Dass es auch in Wien (politisch und medial) sehr rauh werden kann musste DI Wetzlinger in seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Bestellung in die KAV GD erleben, von der eigentlich nur eine Schlagzeile die Runde machte:
Patientenbetrieb sollte Ende 2018 starten, nun gibt es keinen Termin mehr.

Ein Datum für die Behandlung des ersten Patienten im Krankenhaus „möchte ich heute nicht nennen“, so Wetzlinger am Mittwoch.

Ob er sich da nicht mehr Schonzeit und etwas mehr Rückendeckung verdient hätte, ehe man ihn auf eine Mission impossible schickt?

Links:
http://derstandard.at/2000067809698/Fuehrung-des-Wiener-Krankenanstaltenverbunds-wird-umgebaut
https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Herwig_Wetzlinger
http://kaernten.orf.at/news/stories/2582714/
https://www.5min.at/201709109125/neues-krebszentrum-in-klagenfurt/
http://derstandard.at/1314652680168/Neuer-zweiter-Direktor-Ein-Mann-mit-Eigenschaften-fuer-das-AKH-Wien
https://kurier.at/chronik/wien/neue-leitung-fuer-wiens-spitaeler/297.950.875

Written by medicus58

16. November 2017 at 18:59

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Weshalb ging uns jedes Maß verloren?

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Meinetwegen unsittliche, ja auch beleidigende, sexuell konnotierte Äußerungen und Betapsungen unter Alkoholeinfluss werden mit inquisatorischem Rechtsbewusstsein verfolgt, während ritualisierte Verprügelungen Vermummter nahezu lautlos unter den wohligen Teppich des (Kärntner)Brauchtums gekehrt werden.

Jeder Kassendiebstahl wird mit der ganzen Härte des Rechtsstaates verfolgt, während selbst die wenigen, die millionenschwerer Verfehlungen überführt wurden, sang- und klang-los haftunfähig sind.

Von denen, die sich diesen Luxus leisten können wird peinlichst auf die biologische und faire Herstellung jedes ihrer Nahrungsmittel geachtet, ungeachtet, dass diese gegebenenfalls unter Verfeuerung von miesestem Diesel über die Weltmeere geschippert werden müssen (Inka-Korn: Quinoa), finden es andererseits aber voll OK, wenn ihnen radfahrende Ich-AGs aus unbekannten Fast-Food-Hütten via App das Nachtmahl bringen, wenn es sich einmal nicht ausgeht auswärts unter dem Heizschwammerl zu dinieren.

Hysterische Reaktionen kamen auf den SPÖ Wahlslogan man möge sich ‚zurück holen was einem zusteht‚. Vermutlich weil sich der angeheuerte Berater angesichts seiner übrigen Geschäfte nicht traute den Satz zu verfolständigen. Und niemand aus dem Politiker- und Wahlvolk kommt angesichts der Panama und Paradise Papers d’rauf, dass es sich hier nicht um die Aufforderung zur kommunistischen Revolution V2 handelt, sondern ausschließlich darum, die hinterzogenen Steuermilliarden wieder ins Budget zurückzuholen, um sich einfach das zurück zu holen, was uns gestohlen wurde:  der europäische Wohlfahrtsstaat den wir uns dann auch plötzlich wieder leisten könnten. Ja, selbst vor dem Wahltag kam das Kern und Schieder nicht ganz so klar über die Lippen.

Einer meiner Lieblings-Regisseure meinte einmal, dass er angesichts der Gegenwart (des britischen Films) nur zu einem Schluss kommen kann: Entweder bin ich verrückt oder alle anderen. 

In diesem Zusammenhang las ich kürzlich auf Twitter die Erklärung, dass es keine Argumente mehr sondern nur noch Gegner gäbe. Da mag auch was dran sein.

Vielleicht erklärt sich aber die fehlende Streitkultur, das nahezu allergische Überschießen jeder Diskussion, egal in welche Richtung, durch den Verlust der Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen,
in anderen als rein dichotomen Entscheidungsbäumen zu denken,
Gewichtungen und Proportionen abzuschätzen.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, das Muthspiels Jingles auf Ö1 deutlich länger brauchen um auf den Punkt bzw. zu ihrem Ende zu kommen als dies Werner Pirchner benötigte?
Nein?
Eben.

 

Written by medicus58

14. November 2017 at 17:45

Endlich das Dritte Geschlecht, aber da geht noch mehr …

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Mit politischer Erleichterung wird über den deutschen Entschluss berichtet, die Dichotomie des Geschlechts, also entweder „Mandl“ oder „Weibl“, zugunsten einer dritten Variante aufzugeben. Auch in Österreich beeilten sich SPÖ und NEOS Ähnliches für unser Land der TöchterSöhne zu fordern. Die FPÖ ist, fast möchte man sagen natürlich, dagegen.

Es wäre billig über das Problem nur ein paar billige Witzchen zu reißen. Was mich aber antrieb diesen Eintrag zu verfassen, ist mein Ärger über die boulevardeske Fortschrittlichkeit, mit der die Politik reagierte, als ob ihr das Problem zuerst aufgefallen wäre und die jetzige Lösung schon den Stein der WeisInnen darstellen würde „Setzen wir jetzt ein klares Zeichen„.
(Vergleiche das elektronische Gendering, über das ich hier 2014 berichtete: Meine Dienstgeberin gendert: KarteireiterInnen.

Ich postuliere einmal, und rechne mit erboster Ablehnung, dass wir die Welt eben nicht mit Binnen-I-s ändern können und die persönliche Notsituation Betroffener nicht durch eine Passänderung aus der Welt geschafft ist.

Mich befällt auch angesichts der postwendenden Ablehnung auf unzensuriert.at vielmehr der Verdacht, dass die Sache, so wie viele andere in erster Linie der billigen Profilierung dient, um sich von der Gegenseite abzusetzen, ohne dass es viel kostet. Jedenfalls wäre es politisch viel mutiger, endlich die steuerrechtlichen Schlupflöcher zu schließen (Paradise Papers), die uns alle viel Geld kosten:
Wie Österreich im Kampf gegen Steueroasen bremst

Ich bezweifle auch, dass den sich jetzt lautstark profilierenden PolitikerInnen klar ist, dass das Problem schon längst in der Medizinischen Informatik bekannt ist und dort weitaus differenzierter angegangen wird als mit dem jetzt bejubelten Vorschlag.

HL7, ein internationaler Standard  für den Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen und deren Computersystemen kennt schon 4 Fälle:

weiblich/männlich/anderes/unbekannt

im ASTM sind es schon 9:

männlich/weiblich/unbekanntes Geschlecht/männlicher Pseudohermaphrodit/weiblicher Pseudohermaphrodit/Hermaphrodit/männlich geändert zu weiblich (transsexuell)/weiblich geändert zu männlich (transsexuell)/zweideutiges Geschlecht, nicht zuordenbar

und die UBIF braucht 14 Fälle um andere Einteilungscodes zueinander in Beziehung zu setzen.

Wobei es hier nicht darum geht, sich von den dumpfen Ewig Gestrigen abzusetzen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennnen und dumpfen Vorurteilen nach hängen, hier geht es um wirklich medizinische Probleme, um u.a. Normalwerte (z.B. Blutwerte) richtig zuordnen zu können, auch wenn es zu einer äußerlichen Veränderung des Geschlechts gekommen ist.

 

Written by medicus58

11. November 2017 at 21:17

#METOO Bekenntnisse eines von 223.544 Pilz Wählern

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Jetzt ist es also passiert!
Selbst während der Lewinsky Affäre hatten weltweit nicht so viele Menschen die Gelegenheit Oralsex zu haben, also über das behaupteten und bewiesenen Sexualverhalten anderer zu reden, wie in den letzten Wochen.
Vor allem in der veröffentlichten Wirklichkeit scheint es nur mehr Opfer, Täter und Richter zu geben.
Wer sich verteidigt ist schuldig, wer sich nicht verteidigt sowieso.
Musste zu Zeiten der Inquisition der Teufel herhalten, um jedes Gegenargument zu entkräften,
immunisiert sich heute die Anklage mit Begriffen wie Anti-Semitismus, Homophobie, Nationalsozialismus oder aktuell grad Sexismus.
Widerspruch zwecklos, sonst sitzt man gleich selbst auf der Anklagebank.

Vor fast fünf Jahren bedauerte ich hier (21.12.2011: Florian Pilz gegen Peter Klenk) einen Konflikt zwischen Florian Klenk (Falter) und Peter Pilz (damals Die Grünen) über den „Fall Kampusch„.
Nach einem „langen Telefonat mit Klenk“ beschloss Pilz jetzt sein Nationalratsmandat nicht anzunehmen, nachdem schon Tage vorher Profil und Presse die Beschuldigung der sexuellen Belästigung erhoben hat und der Falter nun eine zweite Geschichte „herausfand“.

Grund genug sich nochmals mit dem Herren zu unterhalten, den ich bereits vor der Nationalratswahl 2017 interviewt habe und für den damals der wesentlichste Grund „Pilz zu wählen“ war, dass er ihn für
bedingungslos interger hielt, weil man ihn sonst schon längt hopp genommen hätte:
Schwammerlsuche im Wahlkampf: Unser Gespräch mit einem Pilz-Wähler 

Nun„, triumphierte ich zu Gesprächsbeginn, „so ganz integer scheint der Pilz doch nicht gewesen zu sein?!“
Doch eher so ein Harvey Weinstein, Verteidigungminister Fallon oder Kevin Spacey? Oder wie es die Grüne Sigi Maurer twitterte:
Ein erbärmlicher Sexist. Seine politische Karriere muss enden. Und immer gilt der Betroffenenschutz.

„Also die einzige Parallele, die ich sehe, dass es auch in diesen Fällen weder eine Gerichtsverhandlung noch ein rechtskräftiges Urteil gibt.“
Ich entgegne, dass doch die Beweise erdrückend wären, worauf ich korrigiert werde, dass ein Beweis das (positive) Ergebnis eines auf die Feststellung von Tatsachen gerichteten Beweisverfahrens darstellt und klar von Anschuldigungen zu differenzieren ist.

„Sie werden doch nicht ernsthaft bezweifeln, dass Peter Pilz sich im wahrsten Sinn des Wortes verbal und manuell vergriffen hat, da gibt es Zeugen!“
Natürlich nicht„, antwortete mir mein Gegenüber ganz ruhig. „Es scheint unstrittig, dass in Alpbach zwei Männer einen betrunkenen und grapschenden Pilz ziemlich schnell von der bedrängten Frau weggezogen haben, woran sich Pilz nicht mehr erinnern kann/will und dass seine ehemalige Assistentin im Grünen Club 40 sexuelle Übergriffe dokumentiert hat, es aber auf Wunsch der Beschwerdeführerin zum Schutz der Betroffenen zu keine Verhandlung gekommen ist.“

„Eben“, triumphierte ich erneut, „das passt doch alles gut in ein Gesamtbild! Vor einer Stunde zitiert der Standard einen Zeugen mit der Aussage, dass er sowas überhaupt noch nie erlebt hat.
Das passt doch alles zusammen!“

„Zum Fall Weinstein?“.

„Natürlich nicht, aber in das Bild von Peter Pilz als mächtiger älteren Mannes, der sich nicht im Griff hat!“

„Und deshalb verzichten wir auf die Fortsetzung des Eurofighter Ausschusses und somit kurz vor der Neuauflage von Schwarz/Blau die weitere Aufklärung der unter Schwarz/Blau unterzeichneten Eurofighter-Beschaffung?
Deshalb war alles, was Pilz bisher aufgedeckt, eingebracht, hinterfragt oder gemacht hat, unglaubwürdig?“
Jetzt hatte ich ihn. „Das ist eine Verschwörungstheorie, die rein gar nichts damit zu tun hat, dass der feine Herr Pilz, kein Benehmen hat!“

„Also, ich habe ihn ja auch nicht wegen seiner Umgangsformen gewählt und er hat sich auch nicht zum Erzbischof wählen lassen.“
„Da messen Sie aber nun wirklich mit zweierlei Maß!“
„Ja, weil das auch angebracht ist. Ich bin Wähler und kein Richter. Ich will zwar auch, dass entsprechendes Verhalten geahndet wird. Wenn nun für alle „erst jetzt an die Öffentlichkeit kommenden Opfer“ der Betroffenenschutz gilt, dann doch hoffentlich auch für die präsumptiven oder überführten Täter?!
Es wimmelt in den Seitenblicken von zu viel Alkohol konsumierenden Ärzten, ungeniert Nikotin rauchenden Rechtsanwälten, der Lüge überführten Politikern, denen ihr Klientel trotzdem vertraut, weil sie zwar keine Heiligen, in ihrem Metier aber seit Jahren gut sind.
Verweigern wir zu Recht die Annahme eines Strafmandates von einem Polizisten, wenn er selbst einmal beim Rasen erwischt wurde?
Verwerfen wir die Newton’sche Physik, weil er sich so nebenher auch mit Schwarzer Magie beschäftigt hat?
Verbrennen wir alle Filme, die Harvey Weinstein produziert hat, weil er sich als menschlicher Abgrund herausgestellt hat?
Gehen nun alle Fans von House of Cards zur Beichte, weil ihnen die Serie einst gefallen hat, bevor sie wussten, dass Spacey nicht nur im Film mies sein konnte?
Sagen wir den Brexit abEs steht wohl außer Streit, dass wenig so verletzt, wie ungewollte Überschreitung der eigenen Intimsphäre, insbesondere wenn dies in einem Abhängigkeitsverhältnis oder unter physischer Bedrängnis stattfindet.

Selbstverständlich kann der Preis einer Verurteilung nicht die nochmalige Beschädigung des Opfers sein, nur wage ich zu bezweifeln, dass wir deshalb gleich den Rechtsstaat aushebeln sollten.

Jede publik gewordene Handlung wirft ein neues Licht auf eine Person, jedoch sollten wir wachsam sein, wenn man uns einreden möchte, dass diese eine Erkenntnis nun alle längst bekannten Eigenschaften einer Person überdeckt.
Haben sich die Vorfälle zugetragen wie berichtet, dann sollte sich eine am Einkommen eines Nationalratsabgeordneten orientierte, üppige Schadenersatzzahlung für das verursachte Leid ausgehen!

Eine Gesellschaft, in der gerade noch Shades of Grey nicht zuletzt durch die weiblichen Leser die Bestsellerlisten stürmte, so dass „Time“ die Autorin auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt setzte, da „Ihre Worte die Frauen des Landes in eine bebende Woge der Begierde“ verwandelte, scheint einvernehmliche Peitschenhiebe auf den Intimbereich herrlich zu finden, solange ein noch so unglaubwürdiges Einverständnis behauptet wird, verurteilt aber körperlich weit weniger aggressive Übergriffe mit biblischem Zorn.
Gerade in einem derartig widersprüchlichen Umfeld wäre eine rechtsstaatliche Aufarbeitung an Stelle einer medialen Treibjagd dringlich wünschenswert, zumal auf Twitter @ernst_michalek nicht ganz unrichtig feststellte:
Einstweilen teilen sich Basti und Bumsti weitgehend ungestört das Land auf. Weil eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. #Pilz

Vielleicht hat er Unrecht, vermutlich ist mit Pilz einfach ein Silberrücken über seinen inneren Widerspruch zwischen Sein und Anspruch gestolpert und hat mit dem Rücktritt sein Problem aus der Welt schaffen wollen,
vielleicht hätten wir ihn aber noch für die Lösung einiger politischer Probleme gut gebrauchen können. Ob sich seine Gegner nun wirklich freuen können, ist auch noch nicht heraußen, denn es darf angenommen werden, dass er als Privatmann durchaus mehr Zeit haben wird, die Scheinwerfer, die nun alle auf ihn gerichtet wurden, auch wieder in die Gegenrichtung zu drehen.
Ohne rechtsstaatliches Urteil wird nur das Bild eines endlosen Sumpfes übrig bleiben.
Vielleicht ist Pilz aber auch schnell zurückgetreten, weil gerade er weiß, wie endlos lange eine rechtsstaatliche Aufarbeitung in diesem Lande dauert.

Ich gab es auf und ließ meinen Gesprächspartner zurück. Zumindest einer der 223.544 Pilz Wählern würde den Peter wieder wählen.

Written by medicus58

5. November 2017 at 16:57

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