Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Archive for Februar 2019

Das Rundum-Sorglos Paket der Gesundheitsversorgung

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Wer vergeblich nach einem Arzt in freier Praxis sucht, das gut versteckte PVZ nicht findet und deshalb stundenlang in einer Notambulanz vergammelt, übersieht in seinem Ärger oft, dass es sich hier nicht nur um ein hausgemachtes Problem handelt.

Auch werden die meisten unserer Pflichtversicherten noch wenig Gedanken darauf verschwendet haben, was man unter managed care in der Krankenversicherung versteht.

Ein Blick in die New York Times (5 Artikel/Monat sind gratis) hilft jedoch weiter und erlaubt auch einen beängstigenden Blick in die Zukunft des Gesundheitssystems.

Erstens findet sich selbst im US Gesundheitssystems mit traditionell sehr hohen Arzthonoraren niemand mehr, der dem Klischee des Hausärzte (kennt sich mit allem gut genug aus, um eine Ersttriage zu ermöglichen) entsprechen will oder kann.

Zweitens konkurrenzieren immer mehr private Anbieter die traditionellen Med-Unis in der Ärzte-Produktion.

Zugegeben, bei uns sind es neben den privaten SFU und Red Bull Unis eher die Landeshauptleute die sich im Glanz von Med-Unis sonnen wollen, und in den USA spielen auch die horrenden Studiengebühren und Haftpflichtversicherungen eine wesentliche Rolle, die viele Ärzte bis an ihr Berufsende zur Gewinnmaximierung zwingen, um wieder aus den Schulden ihres Studiums raus zu kommen.

Was uns aber zu denken geben sollte sind zwei vergleichbare Punkte:

Während wir über immer mehr und höhere Studiengebühren diskutieren und das Umschiffen der Aufnahmetests der staatlichen Med-Unis nun schon bei uns fast so viel kostet wie das Studium an renommierten US-Unis, beginnt man im Mutterland des egozentrischen Kapitalismus neben dem gut ausgebauten Stipendiensystem über die kommunale Übernahme von Studiengebühren zu diskutierten.

Daneben scheint aber eine andere Entwicklung die Position des Arztes als Mittler zwischen Patient und Gesundheitssystems zu verändern (Stichwort Freier Beruf):

In den USA, aber auch in anderen Ländern wie z.B. der Schweiz und den Niederlanden entwickeln sich sogenannte Managed Care Modelle der Gesundheitsversorgung, bei denen die Behandlung vom Versicherer nur innerhalb seiner eigenen Versorgungsstrukturen garantiert wird. Ein der größten derartigen Versicherer ist die kalifornische Kaiser Permanente, eine non-profit Organisation die noch immer über mehr als eine halbe Milliarde $ Spielgeld für Investitionen am Kapitalmarkt verfügt.

Das erfolgreiche Geschäftsmodell besteht auch darin, dass Patienten einerseits möglichst lange auf einer kostengünstigen ambulanten Versorgung gehalten werden (was prinzipiell eh OK wäre) aber andererseits auch einen Verzicht auf gerichtliche Klärung von Behandlungsfehlern unterschreiben müssen (was in der Vergangenheit auch schon dazu geführt hat, dass Verfahren bis zum Tode des Versicherten verzögert wurden, weil das der Versicherung billiger kam).

Eben diese Kaiser Permanente hat nun laut NYT angekündigt, die Kosten der Ärzte-Ausbildung zu übernehmen, wenn die frisch gebackenen Doc dann innerhalb ihres Versorgungssystems bleiben.

Ja, auch unsere Landeskaiser wollen für das Studium zahlen, wenn die Absolventen dann im (Bundes-) Land bleiben, aber bei dem US-amerikanischen Weg bildet ein Konzern mit ökonomischen Interessen seine Ärzte selbst aus.

Also irgendwieso, wenn Bayer-Monsanto die Bauern unter Vertrag nimmt, wenn sie ihren gentechnologisch veränderten Samen sähen, aber hoppla, das gibt es eh schon längst.

Link: https://www.nytimes.com/2019/02/19/health/kaiser-medical-school-free-.html#click=https://t.co/T2Ve1DBAF2

PS: hatte mal das Vergnügen einen der Verantwortungsträger von Kaiser persönlich kennen zu lernen, und manches dort ist durchaus überlegenswert: die zahlen zB ihren Fachärzten auch Geld, wenn die den Allgemeinmedizinern telefonischen Rat geben, weil das billiger kommt, als den Patienten herum zu schicken.

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Written by medicus58

24. Februar 2019 at 15:14

Bluttest ersetzt Mammografie

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So hätte gestern die Zib über den neuen Bluttest berichten sollen, der angeblich die Mammografie ersetzen wird:

Unklare Spezifität

Pressekonferenz der Erfinder vor Peer-reviewed Publikation

Kommerzielle Interessen einer von der Uni gegründeten Firma (translational Science)

https://amp.welt.de/gesundheit/article189199711/Frueherkennung-Bluttest-gegen-Brustkrebs-weckt-Zweifel.html?

Written by medicus58

22. Februar 2019 at 08:49

Das Zeitalter des Clitoris-Neids ist angebrochen, nur ändern wird es nix

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https://amp.theguardian.com/commentisfree/2019/feb/20/clitoris-gift-ingrained-fear-fgm-tackle-outdated-mysogynistic-views-sex?

Ich bin ja prinzipiell der Meinung, dass man zwar nicht alles tun sollte, was einem in den Sinn kommt, aber sehr wohl über wirklich alles sprechen kann und soll; wenn sich was ändern soll.

Immer öfter befällt mich aber das Gefühl, dass immer mehr Tabus angesprochen werden, um sich einen Dialog über wirklich brennende Probleme zu ersparen, also die wirklichen Tabus zu schützen.

Kaum jemand wird in Abrede stellen, dass es trotz 100 Jahre Frauenwahlrecht und über 100 Jahre nachdem Freud den clitoraler Orgasmus als unreif und potentiell krank klassifizierte, auch in unserer Gesellschaft noch geschlechtsspezifische Benachteiligungen gibt.

Auch wenn der Gender Pay Gap einmal jährlich aufpoppt, viel mehr mediale Coverage bekamen zuletzt die „Enttabuisierung der Monatsblutung„, „Ovarkühltruhen zur Verschiebung der Reproduktionsphase“ und jetzt im Guardian die Ablöse von Freuds Penisneid durch das Geschenk Clitoris.

Das alles mag einem zwar das Gefühl vermitteln es würde sich was bewegen in der Wertschätzung von Frauen, nur ändert das alles halt weder etwas an der ökonomischen Stellung der Frau noch an (auch von Frauen) tradierten Klischees oder bringt es mehr Transparenz in der Bezahlung gleichwertiger Arbeit,… oder Kinderbetreuungsplätze, oder Papa-Monate,… oder um einmal über den Tellerrand zu schauen eine Lösung für Millionen Frauen, die sich keine moderne Monatshygiene leisten können.

Written by medicus58

21. Februar 2019 at 19:30

Veröffentlicht in Generationen

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Sex sells Standard

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Der Kampf um Klicks nimmt sich auf http://www.derstandard.at manchmal schon ziemlich hilflos aus…. What’s next?

Written by medicus58

16. Februar 2019 at 11:52

Ich habe da eine Überweisung…

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Manchmal bin ich ja selbst beinahe davon begeistert, was die Medizin schon alles kann. Genscheren, die an unserem Erbgut schnipseln, eine Infusion von speziell auf den individuellen Blutkrebs trainierten Immunzellen, die zwar mehr kostet als der Durchschnittsverdiener sein bisheriges Leben ersparen kann, aber dafür die Krankheit praktisch in Luft auflöst. Algorithmen, die jede Uniklinik in den Schatten stellen und OP-Roboter die zielsicher im hintersten Winkel des Körpers rausschneiden, was uns die Molekulare Bildgebung scheinbar aus dem Nichts visualisiert hat.

Nur dann holen mich Telefonate wie dieses da auf den medizinischen Alltag:

Ja, hallo, ist dort die Abteilung für…?

(Na, was glauben Sie denn welche Nummer Sie gewählt haben?) Ja

Kann ich mit einem Zuständigen sprechen?

(Na glauben Sie es hebt die Putze auf dieser Nummer ab?) Wie kann ich Ihnen helfen?

Ich habe da eine Zuweisung (Pause)…

Ja, aber eine Zuweisung wofür?

Ich kann das nicht lesen.

Wer hat denn die Zuweisung geschrieben?

Von meinem Arzt.

(Na wenigstens nicht von der Nachbarin…) Was ist denn das für ein Arzt, welches Fach hat er denn.

Mein Hausarzt hat gesagt ich soll mir das bei Ihnen anschauen lassen.

Ja, tut Ihnen etwas weh?

Nein, aber die Befunde sind nicht gut.

Haben Sie die Befunde dabei und können Sie sie mir vorlesen, damit wir draufkommen für welche der Spezialambulanzen ich Ihnen einen Termin geben soll…

Na, die Befunde liegen noch beim Arzt.

Na, dann wird es wohl das Beste sein, Sie besorgen sich die Befunde und kommen mit der Zuweisung vorbei, und wir schauen gemeinsam, wie wir Ihrem Arzt helfen können.

Ja, Danke.

Gerne.

Written by medicus58

13. Februar 2019 at 21:17

Kopfschmerzen

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Um den Facharbeitermangel auszugleichen braucht Deutschland und Österreich massive Zuwanderung hörte ich heute einen deutschen Experten sagen.

Andererseits sind auch nach Jahren viele Zugewanderter nicht am Arbeitsmarkt angekommen.

Wir brauchen mehr Mittel, um Zuwanderer zu qualifizieren, sagten deshalb andere Experten.

Wir haben einen massiven Fachärztemangel, da freute ich mich zu hören, dass ein zugewanderter Chirurg nostrifiziert hat, musste aber verwundert hören, dass er jetzt in der Geriatrie arbeiten will.

Noch nie hatten so viele einen Job wie heute, aber die Arbeitslosigkeit wird steigen, hören wir seit Jahren.

Andererseits werden gerade die höherqualifizierten Jobs durch Digitalisierung obsolet werden, während die manuellen Jobs durch Roboter erledigt werden, sagen Experten.

Ich gebe zu, ich krieg das alles nicht auf die Reihe:

Geht uns nun die Arbeit aus oder die Arbeiter?

Braucht eine der am höchsten entwickelten Gesellschaften der Ersten Welt Fachkräfte von außen, weil sie diese nicht mehr selbst hervor bringen (und halten) kann, da sie mit dem Konsum der Billigwaren aus der Zweiten und Dritten Welt voll ausgelastet ist?

Oder ist das eh alles egal und es geht um ganz was anderes?

Written by medicus58

12. Februar 2019 at 17:40

Jetzt wird’s kompliziert

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Denke ich mir , gehst zu einem berühmten Arzt, wer ist a berühmter Arzt, ein Chirurg (Herr Travnicek).

Fachärzte sind zu teuer, wir brauchen mehr Allgemeinmediziner (Gesundheitsökonom)

Wir ernennen die Praktiker zu Fachärzten für Allgemeinmedizin und schon sind sie aufgewertet (Ärztekammer-Bundesminister im Chor).

In einer retrospektiven Kohortenstudie haben kanadische Wissenschaftler die Daten von 2,5 Millionen Patienten analysiert, um der Frage nachzugehen, wer den die kompliziertesten Fälle behandelt hätte.

Nein, kompliziert war in diesem Fall nicht der Inuit, mit dem sich der Gastarzt nicht verständigen konnte sondern 9 andere Kriterien:

  • wie viele andere Krankheiten hat der Patient noch (Komorbiditäten),
  • wie viele Medikamente wurden ihm schon verordnet,
  • war er (auch) psychisch krank (z.B. Alkoholsucht, Depressionen oder Schizophrenie),
  • die Anzahl der aufgesuchten Fachbereiche,
  • die Anzahl der behandelnden Ärzte,
  • die Anzahl der Tage in einer Klinik,
  • die Anzahl der Besuche einer Notaufnahme,
  • war er in eine Pflegeeinrichtung (Langzeitpflege) augenommen,
  • und seine Gesamtmortalität, also wie lange er die Segnungen des Systems genießen konnte oder durfte.

An Hand dieser Parameter erkennt man übrigens auch das, was ein ELGA halt so hergibt und was dann eben nicht an den 13 Facharztgruppen untersucht wurde, wobei man wegen Datenmangel gleich mal die Onkologen, Geriater, Zahnärzte und Psychiater/Psychotherapeuten ausgenommen hat, ehe man seine Ergebnisse ins JAMA Network Open stellte.

And the winner is …

Nephrologen vor Infektiologen und Neurologen, gefolgt von Pneumologen, Hämatologen, Rheumatologen, Gastroenterologen, Kardiologen, Internisten, Endokrinologen, Immunologen, Dermatologen und „Familienmedizinern“

Ohne diese statistische Fingerübung zur Amortisation elektronischer Krankenakte schlecht reden zu wollen, viel mir eines dabei ein:
Der schwierigste Patient war schon immer (und wird es auch in Kanada sein“, dem eigentlich nichts fehlt aber dies niemandem glaubt.
Auf der Suche nach jemandem der ihm endlich diagnostiziert verbraucht er unzählige Kapazitäten, die sich im Sinne einer Absicherungsmedizin durch unzählige Untersuchungen und Überweisungen doch keine Blöße erlauben wollen, eine komplizierte Diagnose zu übersehen.

Mir schiene das die eigentliche Antwort auf die Frage der kanadischen Kollegen, nur kriegt man das mit statistischen Mitteln nicht so leicht heraus, wenn man nicht danach sucht.

Written by medicus58

10. Februar 2019 at 11:59

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