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Was hat die Verfassung denn mit dem maroden Gesundheitssystem zu tun?

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Vor einem Jahr vermeldete die Parlamentskorrespondenz , dass der Finanzausschuss des Parlaments beschlossen hat, dass die Finanzausgleichsperiode coronabedingt bis 2023 verlängert wird, um es Bund, Ländern und Gemeinden weiterhin zu ermöglichen, alle Kräfte in der Corona-Krisenbewältigung zu bündeln. Damit war Ruhe im Karton.

Als im Herbst 22 die zuerst relativ geheim gehaltene Anordnung in die Medien kam, die Wiener Spitäler sollten nur noch Wiener behandeln, war die Aufregung groß (Spitals-Engpässe in Wien – erste Patienten abgewiesen). Es dauerte aber doch einige Zeit, bis medial der Zusammenhang mit den für 2023 anstehenden Finanzausgleichsverhandlungen erkannt wurde. Gestern sprach dann die Wiener Zeitung von „schlampigen Verhältnissen“ im Gesundheitssystem, sprach vieles richtig an, drückte sich aber auch um die naheliegendste Lösung.

Auf diesem Blog wurde schon 2013 angesprochen, weshalb der Artikel 15a unserer Bundesverfassung überraschenderweise der Dreh- und Angelpunkt unseres Gesundheitssystems ist. Er lautet:

(1) Bund und Länder können untereinander Vereinbarungen über Angelegenheiten ihres jeweiligen Wirkungsbereiches schließen. …

Da sich ja inzwischen herumgesprochen hat, dass Österreich föderal aufgebaut ist, d.h. vieles und definitiv der Gesundheitsbereich zwischen Bund und Ländern aufgeteilt ist, ist klar, dass niemand den Kahn wirklich steuern kann. Da es letztlich immer um Geld geht und das meiste Geld vom Bund eingenommen wird, hat jener im Prinzip ein mittelbares Druckmittel, was die Länder dann damit tun kann er sehr wenig beeinflussen. Selbst das Heben des Strukturplanes Gesundheit (ÖSG) in den Verordnungsrang hat daran kaum was geändert, das die Länder ihre regionalen Pläne (RSGs) weiter schreiben als wäre nix passiert. Ja der 15a regelt die Geldflüsse in dem System, aber Geld und Gesamtverhandlung ist auf zu viele Player verteilt. Und daran will niemand was ändern.

2013 wurde hier unter Ärzteausbildung revisited oder leckt’s mich am 15a berichtet, welche Auswirkungen das auf die Ärzteausbildung hat. 2016 findet man unter Jetzt kommt Bewegung rein …. 15a, als Patient würde ich mich dafür interessieren Themen, die damals wie heute diskutiert werden:

Wegfall der Kostenrückerstattung beim Wahlarzt
Leistungen sollen aus den Ordinationen in die Spitalsambulanzen verschoben werden
Auflösung bestehender Kassenverträge
Kostenerstattungsgenehmigung
Neuregelung für extramurale Versorgung
PHCs statt Allgemeinmediziner und Facharzt

Wer den Auftritt von Minister Rauch im letzten Report gesehen hat, durfte viele dieser untoten Themen und die verzweifelten Rufe nach einem runden Tisch bekannt vorgekommen sein.
Auch wenn Rauch zwischen den Zeilen durchblicken ließ, dass die langen Wartezeiten in den Ordinationen und die mit Banalitäten überfüllten Spitalsambulanzen einen gemeinsamen Grund, nämlich die Insuffizienz (geringe Honorare, zu wenig Kassenverträge, zu kurze Öffnungszeiten, …) im extramuralen (nicht-spitalsassoziierten) Bereich haben. So klar sagt er das halt auch nicht, obwohl Grüne in dem System noch die wenigsten Player stellen. Aber, dass die Grünen politisch selten das tun, wofür man sie in die Regierung gewählt hat, hat auch keinen Neuigkeitswert mehr.

In der Wiener Zeitung wird zum x-ten mal darauf hingewiesen, dass für die Ordinationen die Krankenkassen (Fakt ist: Trotz wachsender und auch alternder Bevölkerung hat sich die Zahl der Vertragsärzte in Österreich seit 2008 nur marginal erhöht, in Wien ist sie sogar gesunken.), für die Spitäler die Länder zahlen. Die seit Jahren als Lösung angepriesenen Primärversorgungszentren werden von den Krankenkassen gezahlt und von den Ländern gefördert. Aber dazu kam noch was:

Die Stadt Wien richtete ab 2021 sogenannte Erstversorgungsambulanzen in einigen Spitälern ein, die als eine Art Hausarzt im Krankenhaus fungieren. Hier besteht eine Kooperation mit dem Ärztefunktdienst, einer von der Ärztekammer organisierten Leistung.

Auch in diesem Artikel, aber auch von anderen Seiten sickerte längst durch, dass die Länder nun eine weitere Säule fordern, für die sie vom Bund Geld verlangen.

Die Länder wollen eine dritte Säule für Ambulanzen, Primärversorgungszentren, Gruppenpraxen etc. einziehen, berichteten „Kurier“, „Presse“, „Salzburger Nachrichten“ und „Standard“. An die 30 Prozent des für das Gesundheitswesen aufgewendeten Geldes (das sind rund acht Mrd. Euro) sollten in diese Säule fließen – und zwar vonseiten des Bundes. 2020 machten die Ausgaben insgesamt 28 Mrd. Euro aus, 16 Mrd. davon für die Spitäler, zwölf Mrd. für den niedergelassenen Bereich (orf.at).

Als ob unser Gesundheitssystem nicht schon komplex genug wäre:

More of the same, würde Watzlawick sagen, oder 2019 hier; Bald gibt es 407 Mediziner mehr in Wien und alle heißen Watzlawick

Fällt eigentlich niemand die Parallele zum Bildungssystem auf, das auch dauern reformiert, dauernd neue Säulen (Neue Mittelschule, Fachhochschulen, Privatuniversitäten, ….) bekommt und immer teurer und dysfunktionaler wird?

Warum liest man in all den jetzt im Zuge der 15a Finanzausgleichsverhandlungen erscheinenden Artikel nicht die Forderung nach Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand?

Erst wenn sich niemand mehr ein Problem vom Halse schaffen kann, wenn er es zum Nachbarn kippt, wird er sich um eine möglichst effiziente Lösung bemühen. Außerdem könnte man sich dann die Heerscharen von Beratern, ausgelagerten Strukturen (Gesundheit Österreich GmbH, AGES, …) ersparen, die sich der Bund aufgebaut hat, um den Ländern Vorgaben zu machen, die sie dann uminterpretieren.

All das andere, womit Nebelgranaten geworfen werden, wie Wahlärzte, zentraler Medikamenteneinkauf, Digitalisierung im Gesundheitswesen, … sollen nur davon ablenken, dass niemand, weder Bund, noch Länder, noch Kammern, noch Industriellenvereinigung ihre Schräubchen verlieren wollen, an denen sie das Gesundheitssystem zu ihren Gunsten mißbrauchen können.

Um die Patienten und diejenigen, die in dem Gesundheitssystem arbeiten geht es zu aller Letzt.

Written by medicus58

18. Januar 2023 at 18:24

Wieso haben wir plötzlich einen Pflegenotstand?

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Vorab, plötzlich passierte das nicht und wenn Ihnen manche Politiker einreden wollen, dass man eben nur wieder ein paar Pflegekräfte aus dem Ausland einfliegen muss, damit alles wieder gut ist, dann belügt man Sie.
Ähnliche Aktionen in den letzten Jahrzehnten mit philippinischen, thailändischen, ost- und südeuropäischen „Diplom-GastpflererInnen“ haben letztlich das Problem verschärft.
Die Auslagerung der Kosten von „Krankenpflegeschulen“ aus den Spitalbudgets und die „Akademisierung“ der Pflegeberufe in Fachhochschulen hatte mehr mit ökonomischen und standespolitischen Erwägungen zu tun gehabt, als dass dies den Beruf attraktiveren konnte.

Wer glaubt, dass das alles ein mitteleuropäisches Problem wäre, dem sei folgender Bericht aus dem Februar 2022 zur Lektüre empfohlen.

In einem Webinar mit über 630 Teilnehmern aus 115 Ländern wurde der jüngste Bericht des International Council of Nurses (ICN), CGFNS, über die globale Pflegearbeitskraft diskutiert. Auch wenn die Veranstaltung unter dem Eindruck der Covid-19 Pandemie stand, legte ein Co-Autor des Berichts klar, wie ausgedünnt die Pflege weltweit bereits war:

„Wenn wir nur eine 4-prozentige Zunahme der Zahl der Krankenpflegefachkräfte haben, die das Unternehmen verlassen, haben wir eine weitere Million zu wenig. Das Ausmaß der Auswirkungen auf globaler Ebene wird enorm sein, wenn die Probleme rund um Burnout und Stress nicht schnell angegangen werden. Wir betrachten eine Situation, in der 4 % eine sehr konservative Schätzung des Ausmaßes der Auswirkung ist. In Richtung 8-12 % oder mehr bekommen wir ein Gefühl dafür, wie problematisch das Problem weltweit ist, insbesondere in Ländern, die mit großen Engpässen in die Pandemie kamen, weil sich diese Mangellücke noch verschärfen wird.“

Franklin Shaffer, Präsident und CEO von CGFNS International und Mitautor des Berichts, warnte vor einem „Tsunami“ internationaler Rekrutierungen aus Ländern mit niedrigem Einkommen in Länder mit hohem Einkommen, die nach einer schnellen Lösung für den Pflegemangel suchen. Dr. Shaffer erinnerte die Teilnehmer daran, dass jede Pflegekraft das Recht auf Mobilität hat, dass jedoch Richtlinien und bilaterale Vereinbarungen eingeführt werden müssen, um eine ethische Anwerbung von Pflegekräften sicherzustellen.

Neben Schutzmaterialien und Zugang zu Covid-Impfungen wurden von Mexiko bis Italien, Afrika bis Asien Kritikpunkte angesprochen, die auch bei uns – ganz unabhängig von der Akademisierung – diskutiert werden:

Es gibt keine keine Wunderwaffe zur Lösung sondern ein „Bündel“ aus politischer Initiativen und Unterstützung, die erforderlich seien, um Pflegekräfte zu halten: Bezahlung, Unterstützung bei der psychischen Gesundheit, befristete Verträge, Anerkennung, niedrie Personalquoten, hohe Arbeitsbelastung, Stress, Burnout, Gewalt am Arbeitsplatz,

Perpetual Ofori-Ampofo, Präsident der Ghana Registered Nurses and Midwives Association, sagte, dass die Krankenpflegefachkräfte, die das Land verlassen, derzeit eines der Hauptprobleme in Ghana seien. Der Verband arbeitete mit dem Gesundheitsministerium zusammen, um sicherzustellen, dass die internationale Rekrutierung ethisch einwandfrei erfolgt, und suchte nach Möglichkeiten, Pflegekräfte im Land zu halten, indem die Ausbildung verbessert und die Bedingungen verbessert wurden.

Dr. José Luis Cobos, dritter Vizepräsident des spanischen Generalrates für Krankenpflege, sagte, dass sein Land vor der Pandemie ein enormes Defizit an Krankenpflegefachkräfte hatte.

Ein bisschen Googeln fördert zahlreiche Beweise hervor:

2017: Sechs Länder (Ruanda, Uganda, Südafrika, Bulgarien, Tadschikistan, Pakistan) in drei Kontinenten – doch die Probleme sind ähnlich: niedrige Gehälter, schlechte Arbeitsbedingungen, geringes Ansehen. Viele Pflegende suchen ihr Heil im Ausland, was den Pflegemangel im eigenen Land oft verstärkt. Link

2010: PWC Publikation : Gesundheitswesen Fachkräftemangel Stationärer und ambulanter Bereich bis zum Jahr 2030 Link
Das heutige Versorgungsniveau im Gesundheitswesen lässt sich ohne Reformen auch kurzfristig nicht aufrechterhalten. Bereits 2020 fehlen annähernd 56.000 Ärzte und gut 140.000 nicht-ärztliche Fachkräfte.
Bis 2030 wird sich die Personallücke sogar auf fast eine Million Personen – gut
165.000 Ärzte sowie fast 800.000 nicht-ärztliche Fachkräfte – vergrößern.


Der Wettbewerb um Fachkräfte verschärft sich zwischen den ambulanten und stationären Einrichtungen dramatisch. Dazu trägt auch die zunehmende Beschäftigung von Ärzten und medizinischen Fachkräften außerhalb der Gesundheitsversorgung, … bei.

In den stationären Einrichtungen dürfte 2030 etwa jede dritte Arztstelle unbesetzt bleiben, im ambulanten Bereich sogar jede zweite. Sowohl stationäre Einrichtungen als auch ambulante Dienste steuern auf einen gravierenden Pflegenotstand zu. Im Jahr 2030 fehlen in Kliniken über 400.000 Krankenschwestern, -pfleger und Pflegehelfer, in ambulanten Diensten weitere 66.000. Dabei ist der Personalbedarf von Altenpflegeeinrichtungen in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt.

Die ganze Absurdität dieser weisen Worte von Price-Waterhouse-Cooper erschließt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass derartige Publikationen ganz bewusst als Hinweis für unsere Mandanten bestimmt waren und für die Lösung einschlägiger Probleme .. die Unterstützung der in dieser Publikation genannten Ansprechpartner empfohlen wurde.

PWC, wie viele andere Berater wurden schließlich in großem Ausmaß auch gerufen und haben durch ihre Effizienzsteigerungen dann das Problem noch verschärft.

Warum hören wir nichts mehr von der klugen Erkenntnis in der ersten Hälfte der Pandemie, wo noch offen ausgesprochen wurde, dass Covid unsere Systeme so zerschossen hat, weil Effizienz auf Kosten von Resilienz gesteigert wurde.

Das erklärt viele unserer aktuellen Probleme, vom Ärztemangel, zum Pflegemangel bis zum Medikamentenmangel:

539 Arzneimittel fehlen in Österreich

Written by medicus58

4. Januar 2023 at 17:19

Fragt mal, was das Land noch für Euch tut

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Ask not what your county can do for you schmetterte Kennedy bei seiner Inauguration dem Land entgegen. Er, der nur mit marginalem Vorsprung die Wahl gewonnen hat, fand nach seiner Rede bei 75% der. Amerikaner Zuspruch.

Wir Menschen sind schon ein eigenartiges Konstrukt: wir finden es gut von Multimillionären und Kabarettisten auf persönliche Opfer eingeschworen zu werden. Auf den Gedanken, dass wir alle, die mit unseren Abgaben den Staat finanzieren, ja ohnehin keine Geschenke zu erwarten haben, sondern von unterschiedlichen politischen Akteuren nur einen mehr oder weniger großen Anteil von dem zurück bekommen, was uns vorher abgenommen wurde.

JFK und sein Ghostwriter bastelten sehr lange an seiner Rede und bediente das psychologische Klavier so trefflich, dass niemand mehr daran denkt, diesen Kernsatz umdrehen zu können: Was tut unser Land (und seine an die Macht gewählten Kutscher) noch für uns?

Ein qualitatives Bildungs- und Gesundheitssystem, ist es längst nicht mehr. Ob es noch ein gerechtes Rechtssystem ist, mag von Berufeneren hinterfragt werden.

Seit vielen Jahren tippe ich auf diesem Blog unermüdlich, woran es im Gesundheitssystem krankt. Jetzt wo selbst die PR Profis in der Stadt Wien den Zusammenbruch des Gesundheitssystem in Wien nicht mehr schön redenen können, melden sich wieder all die Mietmäuler, die die letzten „Reformen“ beratend begleitet haben und fordern Reformen.

Ich frage mich, wie lange wir uns noch mit diesen Worthülsen abspeisen lassen ehe wir eine Antwort auf die Frage einfordern, was wir von unserem Land noch erwarten können, außer Korruption, Postenschieberein, Feindbilder und Solgans.

Written by medicus58

25. November 2022 at 09:13

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

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Wenn Sie schon keinen Urlaub buchen, dann buchen Sie wenigstens Gesundheit: Das andere booking.com

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Jeder kennt booking.com, das nicht unumstritten Portal, auf dem sie weltweit Hotels, Flugreisen, Mietautos oder alles zusammen buchen können.

Auch wenn den US Konzern, der 28 Millionen Unterkünfte in 200 Ländern  vermittelt, die Pandemie zugesetzt hat, bezeichnen ihn Analysten auch 2021 als Supermacht des Reisens.

Etwas kleinere Brötchen bäckt da das im deutschen Remagen gegründete Portal bookinghealth.com, das sich als führendes Gesundheitsreisebüro bezeichnet und Diagnostik und Therapie in 250 besten Kliniken der Welt vermittelt.

Ebenso wie booking.com wirbt man mit Garantien und Ersparnissen im Vergleich zu Direktbuchungen:

Am Bewertungportal Trustpilot vergaben über 600 Nutzer  4,8/5 Punkten für die Dienste der von Eleen Sergeva vor über einem Jahrzehnt gegründeten Ges. m. b. H für Medizintourismus.

Neu ist das alles nicht, ich kenne allein in Wien eine Reihe von Personen, die sich ihr Geld damit verdienen, zahlungskräftige Menschen und Patienten an hiesige Ärzte und Kliniken zu vermitteln.

Bemerkenswert ist die Professionalität, wie da für Dutzende gesundheitliche Probleme, Kliniken zum Fixpreis vermittelt werden:

Vielleicht ist diese Form des Gesundheitsreisebüros (die Firma organisiert selbst die erforderlichen Reise- und Einreisedikumente) sogar transparenter als das alt bekannte „schick mir Deinen Privatpatienten, schick ich Dir meinenSpielchen in der Privatmedizin, nur stellt sich, wie bei allen Vermittlern immer die Frage, wer denn und wie entscheidet, ob die jeweiligen Kliniken oder Kliniker wirklich eine so hohe Expertise in dem geforderten Bereich haben und ob wir nicht auch hier dem Internet mehr glauben als einem realen Gegenüber.

Written by medicus58

6. August 2021 at 13:20

Das Coronavirus ist nicht unser einziger Gegner

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Ich hatte ja schon ganz zu Beginn der Covid-19 Epi-/Pandemie so meine Bedenken dass sich die Entscheidungsträger zu sehr von Rechenmodellen leiten lassen (Coronavirus: Künstliche Intelligenz vs. Menschenverstand) und mir wurde Angst und Bang bei manchen Selbstdarstellern, die ihre und unsere Angst durch ein Stakkato immer drastischer Maßnahmen besänftigten (Covid 19: Möge die Kur nicht schlimmer als die Krankheit werden).

Die verordnete gesellschaftlich Schockstarre, um uns nicht alle gleichzeitig erkranken zu lassen kann durchaus Sinn machen und soll hier ebenso nicht hinterfragt werden, wie der Hausarrest für alle, wenn auch bezweifelt werden kann, dass dieser zwei bis drei Monate lückenlos aufrecht erhalten werden kann, wenn der Herd kaputt geht oder das WC verstopft ist. Da wird es wohl noch Nachbesserungen geben müssen, wenn wir nicht virusfrei aber trotzdem vor die Hunde gehen wollen.

Wenn sich aber nun jede und jeder verpflichtet fühlt alle anderen zu bespitzeln (Achtung! Die digitalen Corona-Blockwarte sind unterwegs) und jeder Gartenzwerg zum Krisenmanager heranwächst:

In den letzten Tagen erklärten mir

Servicetechniker großer Hard- und Softwarekonzern, dass ihnen verboten wurde ein Krankenhaus zu betreten, eine

Behörde bis auf weiteres keine „Plaketten“ zur Personalkontrolle aus Spitäler mehr auswerten wollen, der

bedarfsgerechte Personaleinsatz an bürokratischen Hürden scheitert und

die Regierung scheinbar Milliarden an Förderungen verspricht, andererseits klammheimlich ihre Schadenersatzpflicht aus dem Epidemiegesetz ruhen stellte (Link) und

inzwischen Röntgeninstitute Untersuchungen und niedergelassene Physiotherapeuten Therapien kranker Menschen ablehnen,

während wir alle davon ausgehen, dass andere an der Supermarktkasse und in der Trafik hunderte unkontrollierte Personenkontakten haben.

Und als Spezifikum im öffentlichen Dienst erinnert die Personalvertretung, dass natürlich auch sie noch „das Virus genehmigen muss“.

In den nächsten Monaten werden die meisten von uns mit dem Virus in Kontakt kommen und 80% davon werden ihn auch ohne Spitzenmedizin so gut überleben wie Tom Hanks.

Ob all die anderen Kranken und die wenigen, für die das Virus lebensbedrohlich ist, das gut überstehen wird davon abhängen, ob wir unsere hirnlose Bürokratie und stures Beharren auf längst überholte Formalismen in den Griff kriegen.

Auch ob aktuell die Priorisierung stimmt mag hinterfragt werden (die Namensnennung erfolgt lt Klenk mit Genehmigung)

Written by medicus58

18. März 2020 at 18:42

Tükisch-Grüne Gesundheit: Programm oder Übereinkommen

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Was auch immer 100 Tage lang zwischen Grün- und Türkis-innen hinter verschlossenen Türen aus verhandelt wurde, ist weniger Wagnis (Originalton Kogler) als vage Worthülsen-Sammlung.

Google deckt auf, dass auch für die Grünen nicht ganz klar zu sein scheint, was das nun so genau ist. Während allenthalben der Download eines Regierungsprogrammes angeboten wird, sieht man auf gruene.at den Text als Regierungsübereinkommen.

Das mag man alles als Wortklauberei eines enttäuschen Ex-Grünen auffassen und gar nix Böses darin finden, dass auf 326 Seiten 118 mal von Evaluierung, 264 mal von Prüfung 264 und 4 mal nach einer Task Force gerufen wird.

Task Forces werden übrigens für neben der effizienten Bekämpfung von Hass im Netz und anderer digitaler Kriminalitätsformen auch für die ökosoziale Steuerreform angerufen, sprich, nix is noch fix. Zeitpläne und finanzielle Festlegungen fehlen hier gänzlich.

Mögen wir dem Jubel von Greenpeace zustimmen, die unmittelbar nach der Veröffentlichung des Regierungsprogrammes von einem Riesenschritt sprach, während Global 2000, aus der die zukünftige Ministerin Gewessler kommt, da eher schaumgebremster resümiert: GLOBAL 2000 wird die neue Regierung an ihren Taten messen.
Fridays for Future sind noch kritischer: Weil die geplante Ökologisierung des Steuersystems ab 2022 „nicht der Dringlichkeit der Lage“ entsprechen würde, plant die Klimabewegung Fridays For ­Future für den heutigen Freitag eine Demonstration in Wien
Haben sich wohl viele Grün-Wähler mehr für die Wiederauferstehung dieser Partei gewunschen als jetzt „geliefert“ wurde.

Hier wollen wir uns mit dem Abschnitt Gesundheit dieses Papiers beschäftigen, und da fallen bereits die Analyse anderer ziemlich mies aus:

Auffallend ist, dass die türkis-blaue Kassenreform, die eine Zusammenlegung aller Gebietskrankenkassen, nicht angegriffen wird.

„Forcieren von Impfungen“ aber keine Impfpflicht

Gesundheit ist nunmehr ein Unterpunkt im Themenfeld Soziale Sicherheit, die Schwerpunkte legt die zukünftige Regierung auf wohnortnahe Versorgung/ Aufwertung des Hausarztes und Vorsorgemedizin

Stipendien für zukünftige Landärzte, im Gegenzug für monatliches Stipendium nach Abschluss für mindestens fünf Jahre als Hausarzt tätig zu sein. Wie das Stipendien-Programm österreichweit aussehen wird, bleibt abzuwarten.

Primärversorgungszentren und andere Formen der Zusammenarbeit von Ärzten sollen ausgebaut, sogenannte Communitynurses etabliert und nicht-ärztliche Gesundheitsberufe gestärkt werden. Die Versorgung von psychisch Kranken ist in Österreich mehr als prekär – hier werden Verbesserungen versprochen.

Bei der Sozialversicherung gibt es ein Bekenntnis zum Prinzip der Selbstverwaltung, ansonsten scheint man nicht in die umstrittene (aber vom VfGH in den Grundsätzen belassene) Reform der ÖVP-FPÖ-Regierung eingreifen zu wollen.

Interessant, dass man wie auch in anderen Bereichen zum Teil wortwörtliche Übereinstimmungen mit dem türkis-blauen Regierungsprogramm aus 2017 übernommen hat, das damals schon nach zwei Monaten ausformuliert war und nicht wie jetzt drei gedauert hat(siehe Standard 2017):

Sicherung und der weitere Ausbau unseres hochwertigen Gesundheitssystems …. besonderen Fokus auf Gesundheitsförderung und Prävention … Stärkung des Hausarztes und der Gesundheitsversorgung vor Ort, … Einführung von Landarzt-Stipendien, … Verbesserung der Rahmenbedingungen, um Wartezeiten auf Operationen, Behandlungen und Untersuchungen transparent zu machen und zu reduzieren …

2020 heißt es zwar: Wir wollen mit gezielten Maßnahmen sicherstellen, dass in den nächsten Jahren ausreichend und vor allem qualifiziertes Personal zur Verfügung steht. Welche neue Maßnahmen aber dazu ergriffen werden, bleibt offen:
Facharzt für Allgemeinmedinzin ist längst durchgewunken, wird aber IMHO nix bringen, weil auf den Etikettenschwindel weder Patienten noch Jungärzte reinfallen werden.
Eine Facharztoffensive nur für Pädiatrie, Augen und Kinder-und Jugendpsychiatrie greift angesichts des inzwischen globalen Ärztemangels zu kurz.
Stärkung und Aufwertung der nich tärztlichen
Gesundheitsberufe
(GuKG Novelle) mit Erweiterung der Kompetenzen und Ermöglichung von bestimmten Versorgungsschritten (Community Nurses) ist ebenfalls ein alter Hut und versucht nur die Defizite der hausärztlichen Versorgung durch Pflege zu kompensieren. Da diese aber akademisiert wurde, wird sie auch nicht billiger kommen.

Worthülsen wie Evaluierung der Zugangsbestimmungen zum Medizinstudium in Richtung Qualität, Inhalt und Umfang und schon wieder eine Ärzteausbildung NEU mit Fokus Allgemeinmedizin sagen wenig, Kontinuierliche Ausweitung des bestehenden Angebots an Plätzen für das Medizinstudium und die anschließende Ärzteausbildung freuen vielleicht die Landeshauptleute, führen aber ohne Budgetierung für die Unis geradewegs in die Privatuniversitäten und FHs. Humbold rotiert im Grab.

Ein Bekenntnis zum System der öffentlichen Apotheken zur Medikamentenversorgung für die gesamte Bevölkerung unter Beibehaltung wohnortnaher und praxisorientierter Lösungen beruhigt die Apothekerkammer und garantiert den weiteren Kampf um die hausärztlichen Apotheken.

Was sicher neu ist und somit wohl ein grüner Beitrag auf Seite 80, ist die Senkung des USt-Satzes für Damenhygieneartikel. Wäre vermutlich in jedem 3.Welt-Land wichtiger als bei uns, aber soll sein.

Wenn aber nun wieder die Generalentschuldigung kommt, dass man halt nur Juniorpartner dieser regierung wäre und schon allein d.h. nicht viel durchsetzen konnte, dann sollten die Verteidiger dieses Papiertigers einmal nachrechnen:

Die ÖVP erhielt 1.243.672 Stimmen und 52 Mandate,
die Grünen 342.260 Stimmen und 14 Mandate.
Man möge mir einmal vorhüpfen, wo denn in diesem programmierten Übereinkommen die 21% grünen Inhalte sind.
Im Kapitel Gesundheit wird man definitiv nicht fündig.

Gesundheit kommt als Begriff 83 mal vor, und da finden sich abgesehen von Überschriften durchaus Bemerkenswertes, ohne dass da echte Probleme angesprechen werden:

S.61: Prüfung der Weiterentwicklung der regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen bei Pflichtschülerinnen und Pflichtschülern unter den Aspekten der körperlichen Voraussetzungen für schulischen Wettkampfsport und methodische Analyse von Entwicklungen des körperlichen Zustands der Kinder und Jugendlichen.

S.87: Qualifikation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet ist. In dieser Gesamtstrategie sind auch weitere
Faktoren, wie z.B. Gesundheit, Mobilität und Betreuungssituation („persönliche Lebenssituation“), zu berücksichtigen.

S.88: Standort- und Industriepolitik: Beitrag zur CO2-Reduktion geleistet werden – wie z.B. digitale Geschäftsmodelle, … , Gesundheitswirtschaft und andere Bereiche, die auf Österreichs Verbindung von Grundlagenforschung, angewandter Forschung und
industriellem Know-how bauen.

S. 141: Ebenso wichtig ist es, die Luftqualität in Österreich weiter zu verbessern – für die Gesundheit der Österreicherinnen und Österreicher

S. 155: Weiterentwicklung des Tiergesundheitsdienstes
(z.B. Anreize schaffen, den Antibiotika-Einsatz zu
reduzieren)

S.159: Evaluierung bestehender Strukturen im Bereich
Tiergesundheit,

S. 205: Gesundheitssystem: Stärkung der Diversitätskompetenz im Gesundheitssystem sowie health literacy von Frauen

S. 226: Grundwehrdienst attraktiv machen: Weiterentwicklung der Stellung als wichtige Säule der Gesundheitsvorsorge (Stellung als Vorsorgeuntersuchung)

S.250: Investitionen in die Gesundheit von Menschen reduzieren nachweislich Arbeitsunfähigkeit und Kosten im Gesundheits- wie auch im Pensionssystem.

S 251: Gesundheitsmanagement, das den Erhalt der Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern besonders in den Vordergrund stellt.

S. 265: Eine forcierte Umsetzung des Aktionsplans Frauengesundheit und die Erstellung eines jährlichen Frauengesundheitsberichts sowie die Weiterentwicklung und Anwendung von Gender-Medizin ist daher von besonderer Bedeutung.

Das nachfolgende Junktim macht jene sprachlos, die täglich viele Arbeitsstunden damit verbringen Daten in die IT zu klopfen:
Ebenso wollen wir die Digitalisierung in Diagnose, Behandlung und (medizinischer) Forschung vorantreiben und somit den Gesundheitsstandort Österreich weiter stärken. Dadurch bleibt Menschen in Gesundheitsberufen mehr Zeit für Kontakte zu Patientinnen und Patienten.
Da will man doch die Autoren fragen, wo sie denn angerannt wären …

Auf S 256 und 308 spricht dann die Industriellenvereinigung und Witschaftskammer:
Etablierung von finanziellen und sachlichen Anreizsystemen für gesundheitsfördernde Maßnahmen und Teilnahme an Präventionsprogrammen (z.B. Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen)
Bedarfsgerechter Ausbau des Fachhochschulsektors – mit mehr Studienplätzen zur nachhaltigen Sicherung und Ausbau des Wirtschafts- und Technologiestandortes (z.B. insbesondere Gesundheits- und Sozialberufe, MINT)

Links:

Bizeps Regierungsprogramm besteht im Behindertenbereich aus Licht und Schatten

Ein (aus)gebrannter Gesundheitsminister?

Nach dem „Traumschiff“ ist vor den Gremien

Written by medicus58

3. Januar 2020 at 17:18

Sehe Schwarz für das Gesundheitssystem unter Türkis Grün

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Jetzt zählt Ihr Medicus ja zu denjenigen, die sich in seiner Schwarzmalerei gerne falsifizieren lassen, aber bei allen Jubelmeldungen zum kuscheligen Stil der laufenden Koalitionsverhandlungen fällt doch auf, dass das Gesundheitssystem kaum Thema sein dürfte.

Haben Gerüchte Recht, sprechen gerade Wöginger (HAK Absolvent, Rot Kreuz Präsi, OÖ ÖABBler und Sozialsprecher der VP) und Hebein (diplomierte Sozialarbeiterin, Caritas Bahnhofsozialdienst, ARGE Wehrdienstverweigerung (Gruppe für Totalverweigerung und Planunsstadträtin in Wien) über die zukünftige türkis-grüne Gesundheitspolitik.

Angesichts der riesigen Baustellen, die Hartinger-Klein und ihr VP Verteidiger August Wöginger zurück gelassen haben (holprige Kassenzusammenkegung, Übermacht der Arbeitgeber und Wirtschaft, fehlende Leistungsharmonisierung, Pflegeversicherung, Primärversorgungszentren am Papier, Rettungswesen, sinnlose telefonische Helpdesk,….), fehlt mir die Hoffnung, dass der verhaltensauffällige Innviertler unter dem Einfluss seines grünen Gegenübers plötzlich all den Grauslichkeiten der letzten Regierung abschwören wird, den überproportionalen Einfluß der Wirtschaftskammer zurück drängen oder nicht erneut dem Koalitionspartner die Kastanien rüberschieben wird.

Erinnern wir uns welche Projekte der letzten Regierung den größten Staub aufgewirbelt haben, wird uns meist eine völlig überforderte FP Ministerin Hartinger-Klein einfallen, die zu letzte immer hysterischer und faktenbefreiter schönreden musste, was der FPÖ und ihrem Klientel weniger nützte als dem türkisen Fanclub.

Vielleicht verstehen Sie nun meine Sorge, wie wenig aus den Koalitionsverhandlungen über die Gesundheitswesen zu hören ist.

Written by medicus58

4. Dezember 2019 at 19:46

Spitalsranking: Freut Euch nicht zu früh

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Wer sich der Mühe unterzieht unsere Medien quer zu lesen erkennt sehr bald, wie viele der Berichte nicht journalistischem Interesse sondern der Message-Control der Politik entspringt.

Die aktuelle Jubelkampagne (Kurier, Österreich, Heute) über das gute Ranking Niederösterreichischer Kleinspitäler (Lilienfeld hat gewonnen, gefolgt von Hochegg) folgt wie bestellt auf die Medienberichte über das Trockentraining im KH Nord nur wenige Tage davor.

Patientenanwalt, eigentlich eher PatientenSTAATSanwalt, weil den kein Patient je gewählt hat, Landespolitiker und – Manager wird die hier im flotten Dreier zur Schau gestellte Freude ebenso vergehen, wie ihren Wiener Doppelgängern:

Man kann sich zwar so positive Berichte bestellen, aber sie bereiten nur die Bühne für die nächste Skandalgeschichte vor, denn

Die Qualität der Gesundheitsversorgung lässt sich nicht wie Hotelbewertungen primär an der Befragungen der Betroffenen messen, oder glauben Sie, dass die Qualität einer Entzugsklinik durch die Zufriedenheit der Patienten an der angeschlossenen Bar zu messen wäre?

Kleine Einrichtungen, die sich komplexer Fälle leicht in Richtung Zentralklinikum entledigen können, haben es leichter zu guten Noten zu kommen, und sind vermutlich auch weniger mit Aggression konfrontiert: Lokal gilt der Grundsatz, man trifft sich immer wieder, wohl eher als im fernen Schwerpunktspital.

Das wichtigste Gegenargument gegen den Jubel des Boulevard bleibt aber dessen Geschäftsmodells: Ich kenne keinen Skandalbericht über Vorfälle im Gesundheitssystem, bei dem dann derartige Jubelberichte als mildernde Umstände erwähnt wurde.

Dann wird dem Trio das Lachen rasch vergehen und sie werden wie immer die Schuld für Missstände nicht bei Politik und Management suchen, sondern auf die Gesundheitsberufe abschieben.

Written by medicus58

12. Mai 2019 at 11:34

Mit 70 soll Schluss sein? Das Nachspiel zum Schlusspfiff

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Jeder kennt den Emeritus, der noch mit 80 durch die Gänge der Universität streifte und noch 2010 forderte  Der Standard 
Lasst die Uni- Professoren länger arbeiten!

Wir wollen nun nicht die Anekdoten der Chirurgen und Schauspieler bemühen, die praktisch im OP oder auf der Bühne das Leben aushauchten. Weshalb trotz sichtbarer Altersdefizite das Publikum beider zufrieden (und lebendig) den Ort des Geschehens verlassen konnte, erklärt sich durch die tägliche Erfahrung mit dementen Patienten, die ihre Alltagsroutine weitgehend problemlos bewältigen, während ihr Mini-Mental-Status bereits besorgniserregend ist. 

Obwohl wir seit mindestens einem Jahrzehnt wissen, dass wir zwischen 2017 und 2024 eine Pensionswelle unter Ärzten zu erwarten haben (siehe Beitrag vom 15.2.2010) haben Regierung und Ärztekammer durch Studien- und Ausbildungsreform den Nachwuchs kontigentiert.  
Ehe nun der berechtigte Einwand kommt, dass wir in Österreich eh im OECD Vergleich zu viele Ärzte haben: Das stimmt zum Teil, das wird aber zum Großteil durch das insuffizienten System bedingt und das hat zwischenzeitlich niemand verbessert.

In typischer Manier löst man kein Problem sondern verschafft sich durch Übergangsregelungen die Zeit, in der man auf ein Wunder hofft, dass sich das alles dann schon irgendwie ausgehen wird. Das war bei der Ärztearbeitszeit so und auch 2009 im Sozialrechtsänderungsgesetz so, wo sich Regierung und Ärztekammer einigten:

Dass es heute noch zehn Ärztinnen und Ärzte mit GKK-Vertrag gibt, die älter als 70 Jahre sind, ist einer Einschleifregelung zu verdanken, die 2009 auf Drängen der Ärztekammer Steiermark aufgenommen wurde: Für Ärztinnen und Ärzte, die vor dem 1. Jänner 2010 das 60. Lebensjahr vollendet haben, gilt als Altersgrenze das vollendete 70. Lebensjahr, frühestens jedoch ab dem 1. Jänner 2019. Link

Pünktlich „warnen aber nun Kammerfunktionäre erneut vor Zwangspensionierung„:

Derzeit würden knapp fünf Prozent der Kassenvertragsärzte und -ärztinnen 70 Jahre oder älter sein, sagte Helga Azem, Standesvertreterin bei der Österreichischen Ärztekammer, im Ö1-Morgenjournal. Im kommenden Jahr kommen nochmals sieben Prozent dazu, die die Altersgrenze erreichen werden. Wegen der „Zwangspensionierung“ komme ein „großes Versorgungsproblem auf die Patienten zu“, so Azem weiter.

Fluglinien dürfen ihre Piloten mit 65 Jahren zwangspensionieren, das hat der Europäische Gerichtshof entschieden und ich kenne keinen Fluggast, der das schlecht findet, geklagt hat damals ein Lufthansa-Pilot.
Aber so ein Flieger ist natürlich auch viel teurer als ein Kassenpatient

Dabei ist das ohnehin alles Spiegelfechterei: 
Junge Ärzte wollen zu den bestehenden Konditionen weder Kassenverträge noch Stellen in den Krankenhäusern und angestellte Ärzte verlassen lange vor ihrem gesetzlichen Pensionsalter die Spitäler.

Written by medicus58

29. Oktober 2018 at 16:19

Wie verhindern Sie unnötige Zuweisungen? Einfache Fragen statt komplexer Algorithmen

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In einer hier vor 5 Jahren eingestellten und vor 10 Jahren gehaltenen Vorlesung über Clinical Decision Making habe ich mich schon sehr kurz mit den unterschiedlichen Möglichkeiten „ärztlichen Denkens“ beschäftigt:

1. Vorgehen nach Daumenregeln
2. Suchen nach Pathognomonische Symptomen/Kasuistiken
3. Vorgehen nach Persönlicher Erfahrung (Eminence)
4. Lineare – Algorithmische Modelle

Inzwischen hat uns die Informationstechnologie natürlich auch noch nicht-lineare Algorithmen (lernfähige Artificial Intelligence) beschert, die scheinbar uns Ärzte übertreffen:

Babylon AI erreicht Genauigkeit bei Global Healthcare First, die menschlichen Ärzten gleichwertig ist 
Hautkrebs: Computer erkennt besser als Ärzte
Memorial Sloan Kettering Trains IBM Watson to Help Doctors Make Better Cancer Treatment Choices 

Auch wenn derartige Algorithmen wirklich Ärzteposten einsparen könnten und somit bei Ökonomen schon jetzt zu feuchten Tagträumen führen, werden die Kosten für die notwendige Hardware-Infrastruktur und für die beständige Wartung der Programme in der Regel unterschätzt.

13 Symptoma – Symptom für eine falsche Entwicklung der Medizin

Meine persönliche Ressentiments gegen den Zugang liegen aber in der problematischen Schnittstelle in der das vorliegende Problem einmal ausformuliert wird, bzw. wie es dem Algorithmus vorgelegt wird. Jeder in der Anamnese-Erhebung Erfahrene kann auf den ersten Blick einschätzen, ob eine Frage verstanden wird bzw. eine Antwort plausibel ist.
Denken Sie nur an so exemplarische Situationen wie die Frage nach dem aktuellen Alkoholkonsum. Glauben Sie, dass der Betroffene hier dem Algorithmus seine 5 Krügel und drei Schnäpse ehrlich eingibt, wenn er nach der Ursache seiner Übelkeit fahndet?

Auch bei der Kommunikation zwischen den Ärzten im Rahmen der sogenannten Zuweisung werden oft Nicht-Informationen geteilt:

Neben den Klassikern:
DU (=Durchuntersuchung) erbeten
BG (=Begutachtung) + TÜ (=Therapieübernahme)
Kardiale (Endokrinologische, Psychiatrische, Neurologische, … ) Abklärung erbeten

Kommen einem auch oft echter Zuckerln unter:
Hyperlipidämie, erbitte Therapievorschlag
(bei einem Cholesterninwert von 135 mg/dl, nur weil das entsprechende Labor auch einen unteren Normalwert hatte und deshalb das Ergebnis mit einem Sternchen als abnormal markiert hat)
Analpruritus (=Jucken am After), erbitte um Ausschluss einer Schilddrüsenerkrankung
Demenzabklärung
(bei einem multimorbiden, nach mehreren Schlaganfällen an den Rollstuhl gefesselten 92-Jährigen)

Wäre ich in der IT-Industrie würde ich beginnen einen sehr komplexen Algorithmus zu programmieren, um den Zuweiser zu einer minutenlangen Fragebeantwortung zu zwingen, um diese unsinnigen Zuweisungen abzufangen. Meine über Jahrzehnte in der Praxis erprobte, analoge Lösung beinhalten aber nur zwei einfache Fragen:

Was ist Ihre Verdachtsdiagnose?
Wie ändert sich Ihr Vorgehen, wenn die gewünschte Untersuchung positiv ausfällt, wie ändert es sich, wenn der Befund negativ ausfällt?

Natürlich lässt sich das auch programmieren, jedoch bezweifle ich, dass der Algorithmus das nachfolgende Gestottere, das „Muss den Arzt fragen“ der Ordinationshilfe, …
entsprechend gewichtet!

Written by medicus58

2. August 2018 at 17:00

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