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Liebe (verbliebene) Leser dieses Blogs

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leset das Dekamaron (oder Decamarone, wenn Sie so wollen).

Die Geschichten, die sich vor der Pest Geflohene hier zur Erheiterung, Erbauung und Tröstung erzählen, sagen viel über Menschen aus, die von einer Gefahr wissen, ohne sie zu erleben.

Nichts könnte besser zu unserer Situation passen als dieses Werk.

Natürlich hat man seit Beginn der Covid-19 Pandemie sofort und immer wieder an Camus Pest gedacht und überraschenderweise nicht an Ionescos Nashörner, was näher an den politischen Implikationen Camus war als Camus an der Epidemiologie.

Heute dröhnen wir unsere Ängste mit Streaming Diensten und Sozialen Medien nieder, niemand erzählt sich mehr Geschichten.

Wäre aber g’scheit.

Written by medicus58

22. Oktober 2020 at 10:38

Veröffentlicht in Herrgottswinkerl, Psychopathologie der Medizin

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SARS CoV2 der Reichstagsbrand des 21.Jahrhunderts? 1/2

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Bis heute weiß man nicht genau, wer im Februar 1933 den Deutschen Reichstag abgefackelt hat, aber unbestritten sind die politischen Folgen. Mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (Reichstagsbrandverordnung) wurden die Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto außer Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die legalisierte Verfolgung der politischen Gegner der NSDAP durch Polizei und SA.

Wem nützt also die COVID-19 Epidemie heute?

Nein, sie haben sich hier auf diesem Blog nicht in irgendeine Verschwörungstheorie verirrt, die ihnen gleich beweisen wird, dass das Virus vorzeitig aus einem Geheimdienst- oder Militärlabor entkommen ist (Nature: It is improbable that SARS-CoV-2 emerged through laboratory manipulation of a related SARS-CoV-like coronavirus).

Funfact: auch während der Russischen Grippe 1977/1978, die hinsichtlich der Opferzahlen der aktuellen COVID-19 nicht unähnlich war (weltweit spricht man von 500.000-700.000 Toten) aber in erster Linie Personen unter 25 Jahren tötete) vermutete Greenpeace dass der Erreger A/H1N1 Mitte der 1970er-Jahre aus einem sowjetischen oder chinesischen Labor entwichen wäre.

Was uns die Geschichte der Weimarer Republik aber gelehrt haben sollte ist, dass die historische Wirkmächtigkeit von Ereignissen auch davon abhängt von wem diese wozu instrumentalisiert werden:

Hier finden Sie eine grafische Aufbereitung großer Pandemien der Menschheitsgeschichte.

Nutznießer der Antoninischen Pest (vermutlich eine Pockenepidemie, die über 24 Jahre ca 5% der Bevölkerung im Römischen Reich ausrottete) waren ohne weiteres Zutun die Germanischen Stämme, die letztendlich das Weströmische Reich stürzen konnten. Hier mag aber noch bezweifelt werden, dass das den MArkomannen und Quaden selbst bewusst war, Wenn Sie einen Österreich-Bezug suchen finden Sie ihn im Philosophenkaiser Marc Aurel, den vermutlich diese Krankheit in  Vindobona oder Sirmium dahinraffte.

Für die politischen Folgen des Schwarzen Todes (einer bakteriellen Erkrankung, die zwischen 1346 und 1353 ein Drittel Europas dahinraffte) zeichnen sich schon deutlichere Profiteure ab.

Um die offenkundige Hilflosigkeit kirchlicher und weltlicher Herrscher zu kompensieren fand man Sündenböcke und führte zu schweren Judenpogromen, die anfänglich von den Machthabern veurteilt, im weiteren Verlauf jedoch zumindest hingenommen wurden. Der römisch-deutsche König Karl IV verpfändete das königliche Judenregal, unter anderem an Frankfurt am Main um sich selbst zu entschulden.
In seinem Decamerone beschrieb Giovanni Boccaccio wie sich im Verlauf der Seuche althergebrachte sittlicher und religiöse Regeln und Klassenschranken auflösten.
Die „Stunde der neuen Männer“ brach an und herrenlos gewordener Boden konnte übernommen werden, der Arbeitskräftemangel hob die Löhne an, die starren Grenzen der Zünfte zerbrachen,die Peasants’ Revolt fegte in England die Leibeigenschaft hinweg und all das beflügelte die Mechanisierung.
Die katholische Kirche war zwar Nutznießer vieler Erbschaften, ihre offenkundige Hilflosigkeit führte u.a. zur Spaltung in der Reformation. Für Egon Friedell (Kulturgeschichte der Neuzeit ) läutete die Pest die Renaissance ein.

Jeder „Unterstufler“ hat gelernt, dass die Spanische Eroberung Amerikas durch die mitgebrachten Seuchen erleichtert wurde. Neure Untersuchungen bringen den Tod von 56 Millionen Indigenen im 16. und 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit einer weltweiten Klimaabkühlung.

Wenden wir uns der nach der Spanischen Grippe (40-50 Millionen Tote, die vermutlich eine amerikanische Grippe war) zweit tödlichsten Pandemie des 20.Jahrhunderts zu, der HIV/AID Pandemie, die bislang 25-35 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, dann kommen wir kaum an der Frage vorbei, wie sehr die anfänglich als Schwulenkrebs oder Sexseuche von konservativen Kreisen instrumentalisiert wurde. Natürlich ist HIV/AIDS hinsichtlich der Übertragungart und der Möglichkeit zum Selbstschutz (U.S. Centers for Disease, Control and Prevention: Verzichten Sie auf Sex!) nicht mit Covid-19 vergleichbar, aber eine rezente Analyse stellte weltweit einen Zusammenhang zwischen dem Grad an Demokratisierung einer Gesellschaft und der Chance, dass Betroffene ihren Status erfahren und damit eine Therapiechance haben.

Halten wir vorerst einmal die beileibe nicht neue Erkenntnis (Pandemics That Changed History) fest, dass zufällig oder von anderen verursachte Ereignisse politische Nutznießer haben können und wir uns deshalb rechtzeitig damit beschäftigen sollten, wem die SARS Cov2 Pandemie in die Karten spielt.
Im zweiten Teil dieses Blogbeitrages werden wir genau das tun.

Written by medicus58

9. April 2020 at 16:52

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