Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Der grüne Pass und die Deppen App: Die Digitalisierung analoger Schwächen

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Je älter man wird, je mehr beschleicht einen der Verdacht, dass sich wenig ändert und die alten Narren nur die Kappen wechseln.

Gerade wer als Arzt neben seinem klinischen Alltag auch (die heute angeblich wissenschaftlich so wertlosen) retrospektiven Studien betrieb, hat sich immer wieder gewundert, wieviele Fehlinformationen in Krankengeschichten mitgeschleppt wurden:

Die laut Patientin Krebsoperation im Unterleib war laut pathologischer Unterlagen eine Kürettage mit gutartiger Histologie, das Nierenversagen eine leichte und vorübergehende Funktionseinschränkung wegen Dehydrierung, und der eingeordnete pathologische Blutbefund eigentlich von Mayr und nicht von Meier etc., etc.

Aufgefallen ist das nur mehr wenn man einzelnen Krankengeschichten retrospektiv nachgegangen ist und die vor Zetteln überquellenden Mappen erneut aus dem Archiv geholt hat. In der Praxis waren diese Hoppalas selten ein Problem für den Patienten, denn reflektorisch ließen Ärzte Befunde, die nicht dazu passten, ohnehin wiederholen. Die falschen Einträge wurden einfach negiert, aber doch mitarchiviert.

Die Häufigkeit all dieser Fehlern, Verwechslungen und Fehlinformationen,.. hat sich vermutlich nicht wesentlich geändert in den letzten Jahrzehnten, nur führt ihre Digitalisierung und rasche Zugänglichkeit dazu, dass sie nun ein Patientenleben begleiten und negativ beeinflussen.

In Österreich wurde die Corona-App ohnehin negiert, in Israel schickte die dortige App 12.000 Menschen irrtümlich in Quarantäne.

Wenige Tage nach der (verspäteten) Einführung des Grünen Passes häufen sich die Beschwerden, dass ein an sich gültiges G, also getestet, genesen oder geimpft, an einer Kontrolle nicht richtig erkannt wurde und inzwischen werden in ELGA rund 10.000 Falscheinträgen zum Covid-Status pro Woche (!) identifiziert.

Jetzt wird ein Korrekturtool entwickelt, statt endlich bereits an der Eingabe automatische Plausibilitätschecks vorzusehen. Dafür müssten aber die heute so forcierten medizinischen IT Lösungen nur annähernd das leisten können, was ihre Hersteller der Gesundheitspolitik und – ökonomie versprechen.

Vergleiche:

Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV

Babylonische Zustände in der Medizin

Written by medicus58

10. Juli 2021 um 08:58

3 Antworten

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  1. Danke! Genau davor warne ich auch seit langer Zeit! Ich hoffe, dass „die hohen Herren der Digitalisierung“ dieses Problem nicht ignorieren und auch nicht mehr ungläubig reagieren! Jeder im medizinischen Bereich sollte wissen, dass Falschinformationen in Krankengeschichten höchst problematisch sind und sich falsche Diagnosen, etc., wie ein roter Faden durch Patientenkarrieren ziehen. Datenqualität MUSS Priorität haben. Mein Lösungsvorschlag – man gebe das was so geschrieben wird, den Patienten zur Korrektur und zugleich die Möglichkeit zur Dokumentation! Das würde in der Sekunde die Qualität und Moral heben.

    Mag. Martina Böck

    10. Juli 2021 at 11:11

    • Ich horte seit Jahren Screenshots des Wahnsinns und teile sie mit den Zuständigen: sinnlos

      medicus58

      10. Juli 2021 at 11:13

      • Ja, das ist zermürbend. Interessiert wohl niemanden. Deshalb meine ich ja, dass der Patient auch die „Macht“ der Kontrolle und Dokumentation bekommen muss. Da würden sich manche vielleicht manches 2x überlegen und die vielgepriesene gleiche Augenhöhe würde auch greifbarer werden.

        Mag. Martina Böck

        10. Juli 2021 at 23:00


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