Sprechstunde

über alles was uns krank macht

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Just another Day in Pandemia

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Während wir im Standard lesen können, wie sich sogenannte Experten von der Politik gängeln lassen (Corona-Kommission rudert nach „Anruf“ mit Empfehlung zurück), die Intensivstationen nicht genug Luft haben, um das Ersticken der anderen Bereiche verhindern zu können, und der Politprofi im Gesundheitsministerium zu den Öffnungsschritten das tut, was Politprofis halt so können, wortreich schweigen, schaut das woanders nicht viel anders aus.

In UK hebt die Regierung die Impfpflicht für Gesundheitspersonal im staatlichen Gesundheitssystem auf, die Berufsvertretung bezweifelt, dass das die zurück bringt, die längst gekündigt haben. BA.2 ist nicht gefährlicher als BA.1, die Rate der täglich neuen positiv Getesteten ist um 24%, die Hospitalisierung aber trotzdem nur um 8% gefallen.

In Frankreich fiel die Anzahl der täglich neu gemeldeten Fälle sogar um 27% und die Hospitalisierung um 15%, der Prozentsatz der kritisch Kranken liegt aber noch 60% über der als kritisch angesehenen Marke, um mehr zu öffnen.

Deutschland und Österreich haben inzwischen Novavax, aber wenige wollen es.

In der Schweiz fielen wie in Österreich die meisten Einschränkungen, nach einem Abfall steigen die positiven Tests wieder und die Zahl der kritisch Kranken bleibt hoch.

Belgien und Italien zeigen bei allen Pandemieindikatoren eine günstige Entwicklung, nur scheint in Italien ein Plateau in der Impfwilligkeit (auf hohem Niveau) erreicht und hat vielleicht überraschend noch kaum BA.2 des Omicron.

Auch Portugal und Spanien entwickeln sich gut, von der Maske verabschieden will man sich noch nicht.

Die USA setzten vermehrt auf eine Test to Treat Strategie, was die Pharmaindustrie freut, da sie zuletzt sowohl bei den Impfungen für die unte 5-Jährigen,noch mit den an Omicron adaptierten Impfungen erfolgreich war.

Brasilien hofft auch das Schlimmste hinter sich zu haben fürchtet aber noch allfällige Nachwirkungen illegaler Karnevalfeiern.

In Afrika bessern sich die Indikatoren, außer in Lesotho, der VR Kongo und Ghana. Marokko sperrt erstmals nach 2 Jahren die Fußballstadien auf.

In Asien erleben gerade die Staaten, die bislang mit einer No Covid Strategie (Hongkong, Neuseeland,..) gut durch die Pandemie kamen, eine starke Omicronwelle. Indien sieht fallende Indikatoren, Delhi hebt viele Sanktionen auf, behält aber die Maske bei.

In The Lancet glaubt man mit enormen statistischem Aufwand nachweisen zu können, dass weltweit zwei Drittel aller Covid Toten nicht erfasst wurden, kann die großen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Regionen auch nicht wirklich klären.

Und in der Ukraine sterben Menschen mit, an und trotz Corona vorzeitig.

Ein Teil der Meldungen stammen von hier, wo es auch weiterführende Links zu den Statements gibt.

Written by medicus58

11. März 2022 at 17:00

Wie weit würden wir gehen, um eine russische Aggression zu stoppen? Frage wurde bereits in den 80ern beantwortet

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Die geniale BBC Serie Yes, Minister (später Yes, Prime Minister) hat in den 80ern unter Salami Tactics and Nuclear Deterrent bereits durchgespielt, wie absurd westliche Verteidigungsrhetorik ist, da demokratische Systeme (aus guten Gründen) viel zu lange zögern, eine Aggression mit allen Mitteln entgegen zu stellen.

Besser kann man das Dilemma in dem wir aktuell stehen kaberettistisch nicht aufzeigen, als so:

https://youtu.be/o861Ka9TtT4

https://youtu.be/ESIJ_C9mUBI

Written by medicus58

23. Februar 2022 at 12:16

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Was hat uns 2021 getan?

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AP Foto: modified after Lynne Sladky

Erwarten Sie hier keinen umfassenden Jahresrückblick von A wie Afghanistan-Desaster bis Z wie Olaf Scholz.

Wenn man das, was mit uns allen in der sogenannten freien Welt geschah mit einem Bild zusammenfassen will, dann scheint mir das in dem AP Foto von Lynne Sladky zusammengefasst:

Ein maskierter Uniformierter sticht eine Nadel in eine maskierte Frau, die sich die Hand vor die Augen hält, um unerkannt zu bleiben oder ihren Schmerz zu verbergen. Rechts hinter den beiden hält ein weiterer Uniformierter drohend eine schwarze Schachtel hoch.

Das ganze könnte an Abu Ghuraib erinnern und den Impfgegner den lange gesuchten Beweis versprechen, dass wir alle mit Gewalt immunisiert würden.

Das Original des Fotos erschien jedoch im April 21 in The Conversation wo es um die Schuldgefühle derer ging, die als erste gegen Covid geimpft wurden:

Vaccine guilt – a feeling associated with getting immunized before others – is a phenomenon that has been reported in both the U.S. and overseas.

Die Autorin, nach Eigendefinition eine Medizinethikerin und Gesellschaftsphilisophikerin, spricht die mannigfaltigen Schwierigkeiten einer fairen Impfreihenfolge an, nahm aber bereits im Titel ihre Schlußfolgerung vorweg:

Vaccine guilt is good – as long it doesn’t stop you from getting a shot

Was hat uns 2021 also getan?

Es hat Hoffnungen zerstört. Die erste Impfung war auch für Dompfarrer und Bürgermeister, die zufälligerweise vor Ort waren, als Impfsers übrig war, nicht die Lösung.

Es hat uns immunisiert. Gegen ein Heer von Experten, aus deren Aussagen man sich inzwischen so ziemlich jede Ideologie festzimmern kann, die mit den eigenen Vorurteilen übereinstimmt.

Es hat uns hilflos gemacht. Und zwar alle Seiten, da es zeigte was alles geht und was man mit uns machen kann: Brülldemos im Lockdown, Polizisten vor Spitäler statt Gesundheitsberufe drinnen, Regeln, die keiner mehr kennt, be- oder verfolgt,…

Mich wundert, dass diese Konotationen im April 21 niemand in der Redaktion The Conversation aufgefallen ist. Damals schien man noch Illusionen gehabt zu haben, die einem Ende des Jahres abhanden gekommen sind.

Der uniformierte Impfer war offenbar als ein Zeichen eines gesellschaftlichen Zusammenhalts gesehen worden, während ich die hilflosen Aktionen unseres Bundesheeres bei der Einreise am Flughafen (Eine pandemische Farce: Bundesheer als Gesundheitsbehörde schaut sich QR Code an) als ärgerliches Zeichen des Staatsversagens empfunden haben.

2022 wird es nicht leicht haben, uns 2021 vergessen zu machen.

Written by medicus58

30. Dezember 2021 at 10:53

Coronaregeln einfach zusammen gefasst

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Ich kann’s Ihnen jetzt nicht auswendig sagen, weil ich mir da nicht ganz sicher bin, antwortete die Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit, Katharina Reich, das Kaninchen, dass der Ex-Gesundheitsminister aus dem Hut gezaubert hat und der Nachfolger des damaligen Bundeskanzlers gemeinsam mit einen befreundeten Bundesheerler zu den Obersten GECKOs gemacht hat.

Wenn Sie dieses System genauso wenig durchschauen wie die aktuellen Coronaregeln, dann sind Sie hier richtig.

Also, jetzt kommt Omikron, das altbekannte Coronavirus, dass sich ein paar neue Aminisäuren an den Hut, pardon Spike) gesteckt hat und dadurch infektiöser wurde. Aber eigentlich ist das falsch, denn das Ding ist längst da, in Europa, und u. a. am Innsbrucker Flughafen gelandet

Aber wir müssen was tun, und sei es nur wieder Zeit gewinnen, weil zwei Jahre Pandemie-Dauerübung war noch nicht genug Lehrzeit.

Kein Wunder, wenn wir dauern das Personal tauschen und noch eine Kommission dazu erfinden, meist mit den gleichen Leuten, weil soviele Experten haben wir dann doch nicht.

Fassen wir zusammen, seit zwei Jahren tagen Kommissionen in mehreren Ministerien um die Wette, interpretieren Landeshauptläute und Kammerpräsidenten schleissig gemachte Verordnungen und Gesetze klientelgerecht wie es ihnen beliebt und machen aus dem altbekannten drei Schrauben (Distanz, Maske, Impfung) ein pandemisches Pandemonium.

Bestiarium, also eine moralisierende Tierdichtung bzw eine Sammlung meist reich bebilderter, allegorischer Tiergeschichten, stabreimt zwar nicht so gut, wäre aber der Erfindung von GECKO (=gesamtstaatliche Covid-Krisenkoordination) adäquater, dem Reptilienzoo, der den Chor der bisherigen Debattierclubs vervollständigt.

Simon Rosner in der Wiener Zeitung hat das so zusammengefasst:

An Krisen- und Beraterstäben mangelt es während dieser Pandemie nicht: das Nationale Impfgremium, die Corona-Ampelkommission und das Prognose-Konsortium.

Auf Beamtenebene gibt es eine interministerielle Koordinierungsgruppe, dazu auch den Obersten Sanitätsrat, der im März neu konstituiert wurde. Das Innenministerium ist wiederum für das Staatliche Krisen- und Katastrophenschutzmanagement (SKKM) zuständig und auch die Bundesländer unterhalten Berater- und Krisenstäbe.

Übrigens die AGES hat er da noch nichteinmal erwähnt.

Um also der Überschrift gerecht zu werden, nun zur versprichenen Handlungsanleitung: Machen Sie was Sie wilken und suchen Sie sich einen Experten, der das so irgendwann, irgendwo einmal empfohlen hat.

Wenn es Ihnen in all dem Wahnwitz aber doch auch noch um Ihre Gesundheit und jene ihrer Umgebung geht, dann machen Sie das weiter, was Sie hoffentlich bisher schon getan haben (und wenn Sie es bisher nicht getan haben, nehme ich jede Wette an, dass Sie es in dieser Pandemie nie mehr tun werden!)

Treffen Sie sich mit möglichst wenig und möglichst immer mit denselben Personen.

Halten Sie in Innenräumen Abstand, lüften Sie und Tragen Sie Maske wo eine dieser Bedingungen im Umgang mit Haushaltsfremden nicht möglich ist.

Unterschätzen Sie weder den Schutz noch das statistisch geringe Risiko von Impfungen nicht, seien Sie sich aber dessen bewusst, dass alle bislang verfügbaren Impfungen ihren hohen Schutz nach ein paar Monaten wieder verlieren.

Unterschätzen Sie die von den meisten als bewiesen angesehene höhere Ansteckungskraft der Omikron Variante nicht, aber vertrauen Sie den bisherigen Daten, dass diese Variante klinisch nicht gefährlicher wurde.

Diskutieren Sie nach Möglichkeit mit keiner der verschiedenen Seiten über all die Maßnahmen, denn ehe Sie ausdiskutuert haben, haben sie sich schon wieder geändert.

Written by medicus58

23. Dezember 2021 at 10:16

Ich versuch Euch ja zu verstehen, liebe Demonstranten

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Gegen die Art wie in den meisten Ländern Covid-19 vulgo Corona politisch bekämpft wird, fielen mir sehr viele Gründe ein zu demonstrieren.

Zu viel Widersprüchliches und Halbwahres wurde von oben verbreitet, Verbote und Strafen wurden angedroht und Standards in Wissenschaft, Politik und medialer Berichterstattung missachtet, so dass man sich mehr als Untertan und Stimmvieh statt als Bürger und Volk fühlen musste.

Nur sorry, was da heute durch Wien demonstrierte war doch auch ein Krampusumzug von Perchten und Esoterikern, Berufsrandalierern und Mir-san-mir Theoretikern, die weniger Gemeinsamkeiten hatten als alle bisher bekannten Varianten des Virus.

Weihrauch und Walhalla, Naturburschen und Neonazis, Rabiat-Darwinisten und Raufbolde marschieren für ganz Unterschiedliches mitten am Ring. Unter unter normalen Umständen würden sie sich wohl weigern den selben Gehsteig zu benutzen.

Es gibt kein Virus, gegen das geimpft werden muss und die Spitäler sind nur wegen der Impfschäden überfüllt, wie sinngemäß Frau Kollegin Berlakowitsch kreischt. Ob sich dieser Denke die Klangschalen-Hare-Krischna-Trommelfraktion vollinhaltlich anschließen würde mag bezweifelt werden, weil dort wohl eher die Meinung vorherrscht, dass ein TCM Tee schon ganz anderes bekämpft hat, als so einen stacheligen Virus.

Jesus war 0 G stand auf einem Plakat und auf Twitter wird gekreuzigt und gestorben zusammengezählt und das ergab dann doch 2G. Die Ex-Vizebürgermeisterin liebt bereits vor Demobeginn Wien und dankt den Kämpfern gegen den Antisemitismus.

Das wirklich Tragische an der Pandemie ist, dass zu viele sie nur verwenden um ihre eigene Agenda durchzubringen und hier wie da wenig Interesse zeigen sie zu bekämpfen.

Das Gute und Dumme an der Sache ist nur, dass so oder so die meisten von uns diese Pandemie überleben werden und dann mit den geschaffenen Fakten leben müssen:

mit den Verstorbenen, den nicht völlig Geheilten, den Budgetlöchern, den Gewinnern und Verlierern.

Ich bezweifle jedich auf das Schärfste, dass die heute in Wien aufmarschierten Gruppen, dann weiter Seite an Seite brüllen werden.

Written by medicus58

4. Dezember 2021 at 22:32

Warum inzwischen immer irgendwer recht hat

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Die vier Hexen

Was auch immer in det Covid-19 Pandemie noch passiert, irgend ein Experte hat es vorausgesagt.

Was heutzutage als wissenschaftlich gilt, verdient seinen Namen nicht, weil inzwischen für jede Meinung unx auch ihr Gegenteil eine Zitat eines namhaften Experten zu finden ist.

Das ist nicht primär Schuld der Wissenschaft, sie lebt von der Synthese aus verschiedenen Standpunkten, es ist Schuld derer, die mitten im Diskurs sich das herauspicken, was ihnen grad passt.

Das finden eines Drosten-Zitats, das sich als richtig herausgestellt hat, beweist weder dessen Expertise, noch das Unwissen der anderen. Wer dauernt warnt, hat meistens recht, wer immer das Ende der Pandemie verkündet, wird am Ende recht behalten haben . Mitten drinn, hilft beides nix.

Written by medicus58

21. November 2021 at 21:49

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Wien gurgelt, aber wozu?

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Nicht alles was klug klingt ist gescheit, oder konkreter in medizinisch diagnostischen Termini:

Der sicherste Test bringt im Nachhinein nur dem Pathologen was.

Im verständlichen Versuch auf die Delta-Variante zu reagieren, stanzt die Politik die schnellen aber weniger sensitiven Antigentests und kauft sich in das logistisch beeindruckende PCR-Projekt eines privaten Anbieters ein. Es mag spekuliert werden, ob die verpflichtende Ausweitung auf Schulen und Krankenanstalten nicht auch auf die unausgenutzten Kontingente zurück zu führen ist, die die Stadt Wien dem Privatlabor zugesagt hat, aber auf den ersten Blick schien, außer finanzielle Überlegungen, nichts gegen die flächendeckende Nutzung eines hoch sensitiven und spezifischen Tests zu sprechen, außer die eigene Erfahrung.

Wie alle geimpften Mitarbeiter des Wiener Gesundheitsverbundes bin ich verpflichtet einmal pro Woche zu gurgeln. Einiges Getippe, Handy-Registrierung, Mail-Bestätigung und QR-Ausdrucken am Vorabend und ich bin registriert:

6:20 Tag 1: ich steh etwas früher auf, denn der Gurgeltest sollte daheim vor dem Zähneputzen erfolgen, und gurgle, spucke und verschließe mein Sackerl.

8:10 Tag 1: ich werfe im Krankenhaus mein Sackerl in einen der schon rammelvollen Sammelbehälter, die um 9:00 geleert werden

Tag 1: keine weiteren Vorkommnisse

12:10 Tag 2: eine SMS schickt mir einen PIN Code für mein Testergebnis und verweist auf eine weitere SMS für den Link, wo ich das Testergebnis abrufen könnte

13:35 Tag 2: der Link kommt über 30h nach meinem Gurgeln

Auf dem (negativen) Testergebnis steht aber Abnahmezeit (Sampling time) 12:48, was bestenfalls den Zeitpunkt des Eintreffens der Probe, nicht aber den wahren Abnahmezeitpunkt reflektiert. Klar, den weiß die Firma ja trotz viel Registrierung nicht.

Der Fehler von ca 6h wäre prinzipiell negierbar, aber da mit großem medialen Aufwand die „Gültigkeit des PCR“ um 24h gesenkt wurde, macht das doch einen Fehler von 25% aus!

Jedenfall habe ich nun noch für 18h einen gültigen Test, die ich überwiegend nicht an meinem Arbeitsplatz verbringen werde.

Wäre ich nun positiv getestet worden, hätte ich gewusst, welche Patienten ich in den letzten beiden Arbeitstagen möglicherweise angesteckt habe, aber hätte mich der erste Patient nach dem Gurgeln angesteckt, wäre auch die jetzige Sicherheit hinterfragbar. Überdies hat inzwischen schon der Rechnungshof begriffen, dass das Contactracing angesichts der hohen Fallzahlen auch wenig brachte.

Fassen wir also zusammen, in Zeiten des Deltavirus, dessen Inkubationszeit nur mehr 4 Tage dauert (Link) und es kaum asymptomatische Träger gibt dauert es 1,5 Tage bis ein Ergebnis vorliegt. Nächste Woche wiederholt sich das Procedere.

Dass irgendeine Reaktion von der Politik verlangt wird, wenn die Zahlen steigen, ist verständlich. Kann mir aber irgendwer erklären, dass der Aufwand von Wien gurgelt vielmehr als ein sehr teures Placebo darstellt?

Written by medicus58

23. September 2021 at 20:11

Jedem sein Flüchtling, eine Geschichte der Willkommenskultur

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In seinem höchst lesenswerten Buch 1979 versucht der Historiker Franz Bösch zu zeigen, dass für unsere heutige Welt nicht die Umbrüche 89 oder 91, sondern das Jahr 1979 ausschlaggebend war:

Im Hinblick auf den religiösen Fundamentalismus  (Iranische Revolution, Inthronisation von Papst Wojtyla), Thatchers Deregulierung und Ausverkauf des Staates, und u. a. durch den Einmarsch der UDSSR in Afghanistan. (Spoiler ahead)

Um gleich weiter die bleibende Relevanz meines dritten Studienjahres für den Gang der Welt vorweg zu nehmen, beschäftigt sich das Buch auch ausführlich mit der damals aufkeimenden Willkommenskultur für die vietnamesischen Boat People, also jene Menschen, die in den Jahren nach dem Fall von Saigon 1975 in Booten vor der Machtübernahme der Kommunisten flohen. Gerade die BRD sah die Aufnahme dieser Menschen als propagandistische Waffe gegen die DDR. Dass da nicht nur vom Kommunismus verfolgte Vietnamesen flohen sondern auch chinesische Kollaborateure und Unterweltler, davon zeugen südostasiatische Bordellbezirke und das Musical Miss Saigon aus 1989.

Im Gegensatz zum entsprechenden Wikipedia Eintrag, der den Begriff Willkommenskultur nur im 21.Jhdt als wirkmächtig sieht, zeichnet Bösch die Historie breiter gesellschaftlicher Unterstützung bestimmter flüchtender Personen mit verblüffender Detailliebe und verblüffendem Ergebnis nach.

Gerade die unterschiedlichen Reaktionen der damals geografisch und weltanschaulich getrennten deutscher Staaten deckt auf, dass für die Entscheidung wer nun ein wilkommener Flüchtling war, nicht ausschließlich humanitäre Gründe ausschlaggebend waren.

Der Jubel linker Gruppen über den Sturz des persischen Schah Mohammad Reza Pahlavi prallte auf konservative Gruppen, die darauf verwiesen, dass unter seiner Herrschaft Frauen mit Miniröcken durch Teheran spazieren konnten (die Fotos kursieren bis heute). Als die Diktatur der revolutionären Garden ihr wahres Gesicht zeigte, verstummten beide Seiten und hießen flüchtende Iraner bei uns willkommen. Ein iranischer Studienkollege, der uns während des Sezierkurses die Vorteile der Revolution in den hellsten Farben schilderte, blieb dann in Wien und bemühte sich erfolgreich um die österreichische Staatsbürgerschaft.

Bösch zeichnet auch die Euphorie der Linken über den Sieg der Sandinistas in Niceragua nach, während die Rechte (Contras) alles tat, um das System zu stürzen. Am Ende (1994) wandte sich aber sogar der Sandinist, Marxist und Christ Ernesto Cardenal, wohl eine der bekanntesten Gallionsfiguren der Bewegung von Daniel Ortega ab, der sich vom linken Heilsbringer zum konservativen Hardliner entwickelte.

Keiner reist heute mehr nach Niceragua um bei der Kaffee-Ernte zu helfen und Russland hängte trotz oder wegen Ortegas Wandel ihm zum 70 Geburtstag den Orden der Freundschaft um.

Endlos könnte man die Beispiele fortsetzen, wo zur Stabilisierung der eigenen politischen Position Flüchtlinge/Migranten mal für gut mal für schlecht gehalten wurden und dies top down in den Medien verstärkt wird. Bottom up führt das zwangsweise zu mehr Fremdenhass.

In den Sozialen Medien überschlagen sich die Forderungen afghanische Frauen nach Österreich zu bringen, um sie vor dem Missbrauch der Taliban zu schützen. Das dies etwas über einem Monat nach dem Fall Leonie auch zumindest befremdlich aufgefasst werden könnte, scheint niemandem aufzufallen.

Die Erfahrung lehrt, dass sich sowohl Anteilnahme als auch Einschätzung bestimmter Länder und ihrer Flüchtlinge rasch ändern kann, im Zeitverlauf verlässlich abnimmt.

Wut ist das Hauptmotiv für meine Arbeit – Wut über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich.

sprach Karlheinz Böhm und entfesselte in Wetten dass in den 80ern eine Spendenwelle für die Menschen in der sozialistische Militärdiktatur (1974-1991) in Äthiopien. Hilfe zu Selbsthilfe schien das Ziel erreicht zu haben als man 2019 Präsident Ably für seine Aussöhnungspolitik den Friedensnobelpreis verlieh. Kurz danach wurde das Land erneut zur Konfliktzone, der sich kaum als ökonomischer Konflikt zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden erklären läßt. Und das einseitige Bild der armen Äthiopier aus dem Bewusstsein der Welt verdrängt hat.

Auch eine andere Nobelpreisträgerin, Aung San Suu Kyi, war während ihres Hausarrest durch die Birmesischen Militärdiktatoren weltweit als Märtyrer gefeiert worden und Birmesen, die das Land verlassen konnten, brandete Mitgefühl entgegen. Als sich die seit 1948 wiederkehrenden Feldzüge gegen die Rohingya-Minderheit auch nach Aung San Suu Kyis Rückkehr in die Politik fortsetzte, war ihr internationaler Ruf dahin und aktuell steht sie sowohl unter Anklage des internationalen Gerichtshofes als auch der zurückgekehrten Militärs. Die deutsche Entwicklungshilfe wurde von Birma zu den Rohingya Flüchtlingscamps umgeleitet. Ihnen gehört jetzt die Anteilnahme.

Welcher Juso der 70er will sich heute noch an seinen flammenden Einsatz für die Polisario erinnern, obwohl sich am Status der bis zu 170. 000 Menschen, die aus der Demokratischen Arabischen Republik Sahara nach Algerien geflüchtet sind, wenig gebessert hat.

Ein Blick auf die Karte würde Ihnen zeigen, dass Afghanistan rund doppelt so weit von uns entfernt ist wie die Westsahara und Birma fast dreimal so weit.

Die mediale Präsenz und der gelegte Fokus bilden mehr die jeweilige eigene politische Sicht als eine humanistische Gesamtsicht von Flucht- und Migrationbewegungen ab. Meist sind nicht die Forderungen an sich falsch, jedoch ungerecht für wen sie erhoben werden und wer dabei vergessen wird.

Klar kann man zur Bibel greifen und das Eintreten für den geringsten seiner Brüder (die Bibel gendert nicht) als Huldigung des Gottessohns verteidigen. Man möge mich aber mit der Forderung verschonen, dass ich in immer rascherem Wechsel die Juden, Palestinenser, Vietnamesen Westafrikaner, Iraner, Iraker, Afghanen, Kurden, Birmesen, Syrer, Rohingya und wieder Afghanen willkommen heißen soll, nur weil es gerade politische Mode wurde.

Written by medicus58

19. August 2021 at 14:30

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Warum die Drohungen gegen Impfverweigerer am eigentlichen Problem vorbei gehen: Schützen wir die Jungen

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Wir versuchen unverbesserliche Alu-Hut Träger aus der Vorstadt zur Impfung zu drängen und freuen uns, wenn sich die eine oder der andere mit Gottes Segen „seinen Stich“ – welch blöde Sprache hat sich medial eingebürgert – im Steffl abholen.

Wir planen die Auffrischung der Alten, die – allen Unkenrufen Pfizers zum Trotz – noch überwiegend einen gewissen Schutz haben und deren Kollektiv aus gutem Grund relativ gut durchgeimpft wurde. Auch sind deren Sozialkontakte vermutlich nicht allzu ausufernd.

In drei Wochen beginnen Schulen und in sechs Wochen die Universitäten und – ohne dass ich den Studien Glauben schenke, dass die Bildungseinrichtungen zu den größten Treibern in der Pandemie zählen, hatte das Bildungssystem die meisten Opfer zu beklagen, während diese Generationen bis zuletzt auf Impfgelegenheiten warten mussten.

Die Impftermine für über 31-Jährigen wurden zB in Wien erst Ende Juni „freigeschaltet“. Mit Stand 17.8. sind in der Gruppe der 15.-24. Jährigen nur etwas über 40% geimpft:

Das führt zu Schul- und Unibeginn verlässlich in große Diskussionen, nicht weil diese „Ungeimpften“ die Spitäler verstopfen werden, sondern weil es für sie auch im nächsten Semester keinen sinnvollen Unterricht geben wird. Die Devise müsste schon längst sein:

Schützen wir die Jungen

Wenn schadenfroh „Experten“ einig sind, dass die vierte Welle in erstet Linie unter den Ungeimpften wüten wird, sollte man weniger an Kickl, den zugewanderten Hilfsarbeiter oder die vegane Esoterikerin denken als all den Jungen, denen wir keinen sinnvollen Unterricht mehr bieten.

Written by medicus58

17. August 2021 at 17:11

Auch wenn der Ärztekammer-Präsident sachlich recht hat, sollte er sich manche Stellungnahme besser überlegen

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Auch Ihr Medicus plappert hier am Rande des Internets, über so einiges, was ihm durch den Kopf geht, aber eben im Rahmen einer Privatvorlesung.

Blogs, Tweets, FB Beiträgen und öffentliche Wortmeldungen von Funktionsträgern sollten IMHO nur den Teil der persönlichen Meinung enthalten, der der jeweiligen Funktion entspricht und da scheinen mir so manche Wortmeldungen von ÄK Präsident Szekeres zumindest diskutierenswert.

Wenn sich Szekeres heute im Ö1 Morgenjournal der von Landespolitikern erhobenen Forderung anschließt, dass sich Ungeimpfte zukünftig ihre Covid-Tests selbst bezahlen sollen, dann mag man schon Gründe für diese Meinung finden, nur erschließt sich nicht, auf Basis welcher medizinischen Expertise wir Ärzte uns in dieser Diskussion überhaupt positionieren müssen.

Zwar schaffte es Szekeres mit seiner Aussage ziemlich flächendeckend in die Print Headlines (Ärzte-Chef Szekeres fordert Ende der Gratis-Tests), ich bezweifle aber, dass er damit die ohnehin schon erfolgte Marginalisierung der Position der Ärzteschaft in der Gesundheitspolitik verbessert, wenn er ein paar Politikern die mediale Räuberleiter macht.

Sein OE24 Interview (Ich halte eine Impf-Pflicht für sinnvoll) mag medizinisch noch argumentierbar sein, aber nur im Sinne, dass möglichst viele Geimpfte die schärfste Waffe in der Pandemie wären, aber nicht als endgültige Entscheidung aller rechtsstaatlichen und grundrechtlicher Argumente, über die sich hauptberufliche Juristen noch heftig streiten. Aus gutem Grund hält sich hier deren Kammer bedeckt.

Kurz vorher befürwortete Szekeres im Namen der Ärztekammer die off label Anwendung von Kreuzimpfungen ( Ärztekammer empfiehlt anderes Vakzin für Zweit-Stich) während nationale und internationale Impfgremium noch eher skeptisch sind. Cui bono?

Und in der ebenfalls rechtlich sehr kritischen Frage der Gesundheitsdaten fordert der ÄK Präsident medienwirksam Datenverknüpfung: ÖÄK-Präsident Szekeres fordert verfügbares Werkzeug nutzbar zu machen

Natürlich verstehen Insider den Zusammenhang, auch wenn IMHO die Datenqualität ohnehin so schlecht ist, dass man damit wenig anfangen wird können, aber für Außenstehende bleibt:

Zuerst war die Kammer gegen ELGA und jetzt will sie deren Daten

Ich würde mir dringend wünschen, dass die Kammer sich dort zu Wort meldet, wo die Interessen ihrer Mitglieder zu wahren sind und ihre ohnehin öffentlich kaum mehr vorhandene Glaubwürdigkeit nicht auf Gebieten in die Schlacht wirft, wo wir Ärzte keinen Blumentopf gewinnen können, aber sich die Meinung verfestigt, dass es uns ohnehin nur um Grabenkämpfe geht:

ÄK klagt Wiener Coronatest-Labor Lifebrain 3.03.2021

Ärztekammer-Klage gegen Lifebrain-Bewilligung abgewiesen 29.7.2021

Irgendwas macht die Apothekerkammer gescheiter, ob wohl kaum ein Österreicher weiß, wie der Präsi der Apothekerkammer heißt, btw ihre Präsidentin..

Written by medicus58

5. August 2021 at 17:25

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