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ELGA – ein kurzes Update

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Noch im März 2018 konnte NEWS fragen: Was wurde eigentlich aus Elga? Wer die elektronische Gesundheitsakte schon nutzt und was die Ärztekammer kritisiert

Kurz darauf echauffierte man sich landesweit über die Frage der wissenschaftlichen Auswertung der dort gespeicherten Gesundheitsdaten.
Nach anfänglichen Dementis, ist das auch gegessen!

Jetzt regt sich gelegentlich mal ein Kammerfunktionär auf: „Vernetzung schön und gut, aber was ist mit der Usability?“ oder ein Patientenanwalt informiert,
meist herrscht aber Frieden im Land

Unwidersprochen blieb die Behauptung des Hauptverbandes, das bis Ende Jänner 2018 4.330.000 Bürger Elga-Kontakte gehabt hätten und (lt ELGA Gesetz) in Vorarlberg, Steiermark und Kärnten sollte die E-Medikation bereits läuft. Natürlich ist das alles nicht gratis:
Für den Zeitraum 2010 bis 2016 wurden daher von den genannten öffentlichen Körperschaften insgesamt 60 Millionen Euro, für den Zeitraum 2017 bis 2020 weitere 41 Millionen Euro zur Finanzierung von ELGA zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus finanzieren diese Einrichtungen jene Maßnahmen, die sie in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich für die Errichtung der ELGA umsetzen und tragen den Betriebsaufwand.

Deshalb möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, was ich bei dem Großteil meiner Recherchen über die ELGA Gesundheitsdaten der mir zugewiesenen Patienten zu Gesicht bekomme:

ELGA: Wie dumm kann man sein – für wie dumm kann man denn verkauft werden 

Written by medicus58

24. Juli 2018 at 15:42

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ELGA: Wie dumm kann man sein – für wie dumm kann man denn verkauft werden

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2012 hat der Nationalrat das „ELGA-Gesetz verabschiedet und vorsorglich die Bundesländer,
die schließlich die großen Krankenanstaltenverbünde kontrollieren, in den 15a-Verhandlung vertraglich zum Mitmachen verpflichtet.

Selbst der zufällige Leser dieses Blogs wird sich wenig Illusion darüber machen, dass ich
schwere Vorbehalte gegen elektronische Gesundheitsakten (ELGA) und die Rolle der EDV im Gesundheitswesen habe.
Ich habe seither zahllose Argumente Beispiele gebracht, wobei über die Jahre die fallende Zahl der Beiträge eine gewisse Erschöpfung zeigt:

2016
Krankenhaus EDV: erfassten Widerspruch im Anlassfall 

2015 
 und da war da noch ELGA
KAV-IT: Ohne Worte 

2014
Da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt 
Die Überraschungseier der Krankenhaus EDV 
Before we have been so rudely interupted
Software kann auch töten
Meine Paranoia mit der Spitals-EDV oder wenn alles steht, geht’s weiter wie bisher

2013 
KAV-IT: Die Problemverursacher übernehmen die Macht 
Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV

2012

VI Control-Alt-Delete : Be patient, patient.
Männchen oder Weibchen? An alle ELGA Fans
Endlich ELGA: Cui bono? 
ELGA kommt endlich 
Pressestunde: Salon ELGA
Risikofaktor medizinische Informatik
EDV: Supergau im KAV
Nervt die EDV nur oder will sie uns was sagen
MED 2.0 Facebook for the insane
Risikofaktor medizinische Informatik

All das schien wenige zu interessieren, auch dass das Milliarden teure ELGA Ding, das 2015 nicht wie geplant startete und nur scheinbar 2017 (!) los ging.
Bis heute habe ich aber noch bei deutlich weniger als einem Prozent meiner Patienten irgendwelche Daten auf ELGA gefunden und bei mehr als der Hälfte der Anfragen auf Fehlermeldungen gestarrt!
Woher der Hauptverband seine Zahlen hat, dass bis Ende Jänner 2018 fast die Hälfte aller Bürger ELGA-Kontakte hat, ist mir schleierhaft, tut aber jetzt nix zur Sache.

Im Zuge der Anpassungsgesetze zum EU-Datenschutzrecht gehen aber plötzlich wieder die Wogen hoch:

Standard.at Regierung will Daten der Bürger für Forschung freigeben
SN: Gesundheitsakte ELGA: Regierung will Daten der Österreicher für Forschung öffnen
NOEN: Medizin-Unis fordern Weitergabe von Patientendaten
FAZ: FÜR FORSCHUNG UND INDUSTRIE:Persönliche Daten der Österreicher bald einfacher zugänglich
Standard.de Entrüstung über neues Forschungsorganisationsgesetz bei Neos und Ärztekammer

Vor wenigen Minuten legte dann Frey im Standard nach (Daten können Leben retten) und stimmt völlig kritiklos in den Mythos der Big Data ein, die das Gesundheitssystem wieder einmal revolutionieren soll.
Allein seine folgende Behauptung
Der einzelne Arzt kann immer nur anekdotische Erfahrungen machen, erst in der Masse ergeben sich wissenschaftlich brauchbare Erkenntnisse
zeigt sein grundlegendes Unverständnis, dass der unreflektierte Schluss von der Gruppe auf den Einzelfall der wesentliche Unterschied zwischen Schreibtischtäter und Praktiker ist.

Was ich aber an der aktuellen Aufregung nicht so ganz verstehe, was haben denn all die Aufgeregten geglaubt, weshalb Milliarden in den Versuch gebuttert werden, um die Gesundheitsdaten der Bevölkerung elektronisch auswertbar zu machen?
Haben sie wirklich der Argumentation geglaubt, dass dies alles geschieht damit Omi das Blutbild aus dem Internet runterladen kann mit dem sie versehentlich den Sittichkäfig ausgelegt hat?
Vermutlich glauben die auch noch immer, dass Google uns seine Suchmaschine aus Menschenliebe gratis zur Verfügung stellt und Facebook/You Tube/Snapchat seine Serverfarmen nur betreibt, um ein paar einsame Seelen zusammen zu bringen.

 

Written by medicus58

11. April 2018 at 19:29

Eigentlich wäre es ganz einfach, sich gegen den Intel Bug zu wehren

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Erinnern Sie sich noch an den Y2K-Software Bug, von dem es hieß, dass er zur Jahrtausendwende die Welt zum Stillstand bringen würde?
Angeblich kostete es allein Medicare eine halbe Milliarde Dollar, um den Gau im Gesundheitssystem zu verhindern.
Seit ein paar Tagen fürchten wir uns vor den SicherheitslückenMeltdown“ (Kernschmelze) und „Spectre“ (Gespenst) in Milliarden Computer- und Handychips mit Intel inside und schon hagelt es jede Menge Fixes.

Auch daran werden wir uns gewöhnen, weil wir ohnehin schon längst davon ausgehen, dass jeder mit ausreichendem Interesse und entsprechendem Aufwand alles abhören und mitlesen kann. Dabei wäre es viel einfacher sich vor all den virtuellen Einbrechern zu schützen, als vor denen in der realen Welt: Ein digitaler Einbruch setzt voraus dass wir online sind; ziehen wir den Netzwerkstecker, kappen wir die WLAN Verbindung sind wir sicher.

Natürlich ist das alles nicht so einfach. Ein Handy ohne Netzverbindung wird unbrauchbar, Betriebssysteme schreien oft mehrfach täglich nach Updates.
Nur wer zwingt uns inzwischen jedes Gerät ins Netz zu hängen?
Was reitet uns Geräte zu tragen, die unseren Puls, unseren Blutzucker, unser Körpergewicht und was noch alles an irgendwelche Server zu melden?
Welchem absurden Wahnwitz sind wir verfallen, dass wir uns auch noch Geräte ins Zimmer stellen, die uns permanent abhören, nur weil wir es lustig finden, dass sie uns auf Zuruf unseren Lieblingshit vorspielen?

Warum jagen wir nicht Gesundheitspolitiker in die Wüste, die uns vormachen, dass irgendwer irgendeinen Vorteil davon hat (außer die IT-Branche) unsere Gesundheitsakte ins Netz zu stellen?
Wieso erlauben wir Behörden und Firmen von uns Handy-Signaturen zu verlangen.
Warum boykottieren wir nicht eine Industrie, die uns ein Internet der Dinge einreden wollen, das die Möglichkeiten von Datenleaks potenziert?
Warum verlangen wir von

Selbstverständlich amüsiert es das Kind in jedem Technik-verliebten Menschen, wenn seine WC Spülung seine Ausscheidungen monitiert und rechtzeitig Kontakt mit dem nächsten Supermarkt aufnimmt, um sicher zu stellen, dass genügend Klopapier angeschafft wird.
Ich kenne das Leuchten in den Augen des Hauptverbandes gesehen, als ihm die IT-Industrie versprochen, dass sie durch Google-Analytics den Beginn der ohnehin jeden Herbst ankommenden Grippewelle um ein paar Tage exakter prognostizieren zu können als jeder Hausarzt, wenn er in sein Wartezimmer blickt.

Ich bin EDV Nerd genug, um das alles nachvollziehen zu können, ich ersuche Sie aber nur sich die Frage zu stellen, die jeder gute Arzt sich vor der Anwendung eines Medikaments stellt: Wie verhalten sich in diesem speziellen Fall Nutzen und Risiko.

Vor allem aber fragen Sie sich, ob all dieses Risiko eingegangen werden muss, um Probleme zu lösen, die wir noch vor 1-2 Jahrzehnten sehr gut ohne all diesen Overhead lösen konnten.

Jedenfalls sollten wir von der Politik gesetzliche Rahmenbedingungen verlangen, die es zur Bringschuld von Industrie und Behörden macht uns über jeden Datenupload unserer Mobiles, Smart-TVs und über jeden gespeicherten Datensatz zu informieren. Allein die damit verbundenen Kosten würden die Sammelwut bremsen.

Und wenn wir schon unsere Geräte kaum mehr ohne Netzverbindung betreiben zu können, dann wäre es eine gute Idee sie nur während dieser Zeit online zu lassen und danach unser Heimnetz von der Welt abzukoppeln.

 

 

Written by medicus58

5. Januar 2018 at 23:26

Das ist, neben den Kosten, das wahre Problem mit ELGA …

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2015 habe ich hier so eine Art ELGA-Round-up geschrieben, als mitten im Hypo-Desaster der Start von ELGA verschoben wurde und man sogar von 2017 sprach:
und da war da noch ELGA

Inzwischen kommen immer mehr Informationen in den Speicher und nun 2017 aus dem KAV eine bemerkenswerte Anweisung:

5. Sind ÄrztInnen zur Verwendung von ELGA verpflichtet?
Ja. Aufgrund der zur gewissenhaften, das Wohl der Kranken und Gesunden wahrenden Behandlung und Betreuung unter Einhaltung fachspezifischer Qualitätsstandards ist die Verwendung von ELGA zur Ermittlung von notwendigen Gesundheitsdaten erforderlich.
6. Wer haftet für das Nichtverwenden von ELGA?
Wenn PatientInnen durch das Nichtverwenden von ELGA zu Schaden kommen, haftet der KAV als Dienstgeber. Nur bei grober Fahrlässigkeit, d.h. auffallender Sorglosigkeit, kann sich der KAV entsprechend den Bestimmungen des Wiener Verzichtsgesetzes bei betroffenen MitarbeiterInnen bis zu einem gewissen Betrag regressieren.
Ein Beispiel für grobe Fahrlässigkeit wäre, die ELGA nicht zu lesen, obwohl ein Patient von einem allergischen Schock nach einer Infusion in einem niederösterreichischen Spital berichtet und eben diese Infusion zu verabreichen.
Wir alle wissen über die Unzulänglichkeit der IT,
wir alle wissen, dass Patienten ganz aus ELGA optieren können oder beliebige Befunde herausnehmen dürfen.

Wer das KAV-eigene Mini-ELGA WebOkra so intensiv nutzt wie ich, der weiß,

wie oft andere trotz intensiver Suche bestimmte Befunde vergeblich suchen, nur weil eben die Filter falsch eingestellt sind,
weil der Befund unter einem anderen stationären Aufenthalt zu finden ist, als zu vermuten gewesen wäre,
weil die Überleitung eben nicht funktioniert hat, oder
man zwar den Patho-Befund mit den fünf tumorfreien Lymphknoten findet,
aber den einen mit der Lymphknotenmetastase übersieht.
Ich habe mir schon 2014 erlaubt, hier ungefragt Bemerkungen an den Gesundheitsminister zu vermerken, da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt:
Aber es gibt keine zusätzliche Entschädigung für ELGA.
Stöger: Nein, weil es keine Computerentschädigung gibt. Ärztliche Leistung wird in Österreich bezahlt, und das gar nicht einmal so schlecht.

Die eben innerhalb des KAV (sowohl im AKH als AKIM als auch in den anderen Häusern als Impuls) eingeführte EDV reduziert nachweislich die Systemeffizienz um ein Drittel, d.h. in der selben Zeit können wir ein Drittel weniger Patienten durch die Ambulanzen schleusen, weil wir mit Hunderten Mausklicks und dem Suchen nach verschwundenen Befunden befasst sind. Ähnliches wird auch in der Niederlassung passieren. Man nennt das ProduktivitätsparadoxonWe see the computer age everywhere except in the productivity statistics“ [Solow, 1987]
http://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4tsparadoxon

Nun ist es soweit:

Wir werden verpflichtet eine Datenbank, von der wir gar nicht wissen können, ob wir dort Sinnvolles finden können oder dürfen, zu durchsuchen!
Das ist etwa so logisch, wie hätte man bereits früher mit Bezug auf die „allgemeinen ärztlichen Berufspflicht“ jeden Arzt dazu verpflichtet im Rahmen der Anamneseerhebung alle Spitäler anzurufen, ob nicht irgendwo eine Krankengeschichte des Patienten herumgammelt, die er uns verschwiegen hat!

Meine Befürchtungen aus 2012, haben sich also bewahrheitet, ELGA wird – ungeachtet aller Beschwichtigungen der letzten Jahre – für uns zur Verpflichtung.
Erwarte bereits die nächste Anweisung, was zu tun ist, wenn uns die EDV im Zweifel darüber lässt, ob ein und derselbe Patient nun Männchen oder Weibchen ist?
An alle ELGA Fans https://medicus58.wordpress.com/2012/05/11/mannchen-oder-weibchen-an-alle-elga-fans/ 

Written by medicus58

2. April 2017 at 18:14

Krankenhaus EDV: erfassten Widerspruch im Anlassfall

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Ohne Worte, weil die ohnehin unverständlich sind …

EDV

also, geschätzte Patienten, freuen Sie sich auf die Transparenz Ihrer Krankenakte,
vielleicht verstehen wenigstens Sie was da drinnen steht, aus unserer Sicht wirkt das alles sehr, sehr WIRR ….

im Verlaufe des Tages kam dann noch das:

die in der Zwischenzeit angefallenen -Widerspruch im Anlassfall SOO- zu erfassen

EFV2

Also für jeden Liebhaber des Dadaismus eh klar, …

Links:

KAV-IT: Ohne Worte https://medicus58.wordpress.com/2015/06/25/kav-it-ohne-worte/ 
KAV-IT: Die Problemverursacher übernehmen die Macht https://medicus58.wordpress.com/2013/03/15/kav-it-die-problemverursacher-ubernehmen-die-macht/
und da war da noch ELGA https://medicus58.wordpress.com/2015/03/06/und-da-war-da-noch-elga/

Written by medicus58

17. Mai 2016 at 17:10

Big E-Health Data in Deutschland

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ELGA kommt

Dass es sich in der Alpenrepublik mit ELGA etwas verzögert, wurde hier erst kürzlich berichtet (und da war da noch ELGA http://wp.me/p1kfuX-UQ).
Ursache genug, sich auch einmal beim großen Bruder nebenan umzuhören, wie es dort mit Big Health Data weitergeht.

in Deutschland steht ein Referentenentwurf des „Gesetzes für sichere digitale Kommunikation und Anwendung im Gesundheitswesen“ – kurz E-Health-Gesetzt – inkl. konkreter Fristen für die Vernetzung und entsprechende elektronische Anwendungen, sowie Anreize und Sanktionen, wenn Zeitpläne nicht eingehalten werden, zur Diskussion.

Ab Januar 2016 erhalten Vertragsärzte und -einrichtungen (außer Zahnärzte) für die Übermittlung elektronischer Arztbriefe 2 Jahre lang eine gesetzlich festgelegte Pauschale. Auch anderen Ärzte und Krankenhäuser winkt für den standardi­sierten elektronischen Entlassungsbrief ab 1. Juli 2016 für 2 Jahre eine Anschubfi­nanzierung.

Es scheint, dass das Projekt der deutschen Politik einiges wert ist, zumindest solange, bis man von den in Aussicht gestellten Beträgen erfährt: 1 Euro für Krankenhäuser als Versender und 50 Cent für Vertragsärzte und -einrichtungen als Em­pfänger.

Bis 30. Juni 2016 wird laut Entwurf die Telematikinfrastruktur soweit stehen, dass der Ver­sichertenstammdatendienst, darunter versteht man die Kontrolle der Ver­sichertenstammdaten, bundesweit läuft. Dafür ist die Gesell­schaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gematik) und ihre sieben Gesell­schafter (Kassenärztliche Bundesvereinigung, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, … etc.) verantwortlich. Scheitert die Umsetzung, werden die Beteiligten zur Kasse gebeten, ab 2017 z.B. ihr Budget auf den Stand von 2014 eingefroren -abzüglich 1 % – bis der VersichertenStammDatenDientst läuft.

Läuft der Dienst, werden vertragsärztliche Leistungserbringer gezwungen, die Versichertenstammdaten­prü­fung über die elektronische Gesundheitskarte (eGK statt eCard) in den Praxen umzusetzen und selbstverständlich die erforderliche Technik vorzuhalten. Nach einer 2-jährigen Übergangsfrist werden bei Nichteinhaltung die Tarife so lange pauschal um 1 % gekürzt bis die Stammdatenprüfung funktioniert.

Bis hierher hinkt der große Bruder uns Ösis noch hinterher, wobei darauf hingewiesen werden soll, dass es bis jetzt nur um den Stammdatentransfer geht, also nichts, wovon der Patient oder Arzt noch wirklich profitiert!

Die auch bei uns heftig diskutierte E-Medikation, also die zentrale Erfassung der verschriebenen (natürlich nicht eingenommenen !!) Medikamente und allf. Interaktionen, ein Überlebensprojekt der Apotheken, um das Dispensmonopol gegen BIPA und DM erhalten zu können, heisst drüben Medikationsplan.
Ab 1.10.2016 haben Patienten, die mindestens fünf verordnete Arzneimittel einnehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan in Papierform, der in elektronischer Form auch über die eGK einsehbar sein soll. Aktualisierungen verantwortet grundsätzlich der Hausarzt, an den alle anderen Verschreiber Informationen zu Arzneimittelverschrei­bun­gen zu übermitteln haben. Geld gibt’s dafür – nach den aktuellen Plänen – übrigens keines.

Ab Januar 2018 soll dann endlich ein „Notfalldatensatz“ auf der eGK eingetragen und abgerufen werden können. Auch das verantwortet der Haus­arzt, der auch ein Backup für den Fall des Kartenverlustes vorzuhalten hat.
Damit zögen die Piefkes an uns Ösis endgültig vorbei, weil dieses Not­falldatenmanagement (NFDM) nun wirklich eine erste medizinische Anwendung von eGK und TI darstellen würde. Finanzielle Sanktionen für Fristversäumnis soll es auch hier geben.

Ja, und was lernen wir aus all dem für die Alpenrepublik?

1. Während wir hier unsere Roadmap monatlich straflos nach hinten verschieben, weil zwar entsprechende Verträge, aber keine wirksamen Sanktionen (§15a Vereinbarungen, …) beschlossen wurden, setzen die Deutschen gleich zu Beginn auf Strafzahlungen.

2. Während in vielen Ländern, die den Prozess schon viel weiter getrieben haben, bereits zu einem geordneten Rückzug geblasen wird, weil sich die erhofften Vorteile nicht einstellen wollten, gehen Ö und D weiter mit fliegenden Fahnen voran.

3. Der Großteil der Kosten für die EDV Infrastruktur und die zusätzliche Bürokratie bleiben den „Gesundheitsdienstleistungsanbietern“ und reduzieren somit zwangsläufig die Leistungen im Kerngeschäft, also der Patientenversorgung.

4. Das einzige was bei E-Health einmal feststeht, ist dass es sich um eine gewaltige Transferzahlung an die IT-Industrie oder kürzer Ein Milliardenmarkt in der Warteschleife (Zitat Studie Deloitte Perspektive E-Health) handelt, zu einem Zeitpunkt, in dem den Gesundheitssystemen langsam fühlbar das Geld ausgeht.

Bei allen vorstellbaren und im Einzelfall ja auch darstellbaren Vorteilen eines vernetzten Datenspeichers im Gesundheitssystem, fehlt mir bis jetzt jedweder Beweis, dass nach Abzug der enormen Kosten für den Erhalt von Hard- und Software (inkl. Updates, Datenschutz, Backup, … etc.) ein Benefit für das Gesamtsystem übrig bleibt und mich befällt die ernsthafte Sorge, dass diese Kosten dann wieder zu kompensatorischen Personal- und Leistungseinsparungen führen werden. Nur leider sucht man dieses Kleingedruckte im Beipackzettel der Big E-Health Data vergebens.

Drum mein Tipp: Fragen Sie dazu Ihren Gesundheitspolitiker, Krankenversicherungsträger oder Ihren gesunden Menschenverstand.

Lit: http://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/technology-media-telecommunications/TMT-Studie-Perspektive-EHealth-2014.pdf

Written by medicus58

11. März 2015 at 17:26

und da war da noch ELGA

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ELGA kommt

Während ein Wiener Ärztekammerpräsident zum Protest gegen Postenstreichungen im KAV aufruft, die er selbst unterschrieben hat,
während in Wirklichkeit sich keiner drum kümmert, weil die Hiobsbotschaften der Hypo den medialen Luftraum beherrschen,
hebt ein anderer Untoter des österreichischen Gesundheitswesens eines seiner vielen unschönen Häupter:
ELGA, die elektronische Krankenakte, der feuchte Traum von Wirtschaftskammer, Bundesministern und Gesundheitsökonomen, kommt noch später.

Falls Ihr Langzeitgedächtnis Pause macht, folgen einige Links zur Auffrischung inkl. Materialen zum Abriss der IT im Gesundheitswesen:

2014
Da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt http://wp.me/p1kfuX-N2
Die Überraschungseier der Krankenhaus EDV http://wp.me/p1kfuX-L5
Before we have been so rudely interupted http://wp.me/p1kfuX-Lv
Software kann auch töten http://wp.me/p1kfuX-LR

2013 
KAV-IT: Die Problemverursacher übernehmen die Macht http://wp.me/p1kfuX-B4
Kunstfehler waren gestern, heute haben wir die EDV http://wp.me/p1kfuX-Iz

2012

VI Control-Alt-Delete : Be patient, patient. http://wp.me/p1kfuX-hl
Männchen oder Weibchen? An alle ELGA Fans http://wp.me/p1kfuX-hp
Endlich ELGA: Cui bono? http://wp.me/p1kfuX-jK
ELGA kommt endlich http://wp.me/p1kfuX-tj
Pressestunde: Salon ELGA http://wp.me/p1kfuX-9g
Risikofaktor medizinische Informatik http://wp.me/p1kfuX-uw
EDV: Supergau im KAV http://wp.me/p1kfuX-vj

2012 hat der Nationalrat das „ELGA-Gesetz„( http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/5/6/5/CH1045/CMS1338460371868/elga-g_regierungsvorlage.pdf) und der Bund vorsorglich seine Bundesländer, die schließlich die großen Krankenanstaltenverbünde kontrollieren, in den 15a-Verhandlung vertraglich zum Mitmachen gebunden. In den Medien wurde fortan immer nur über den Widerstand der Ärzteschaft berichtet, aber dass im Juni 2014 kleinlaut eingestanden wurde, dass der Start von ELGA in den Krankenanstalten, nicht wie geplant Anfang 2015 sondern frühestens Ende des Jahres realisiert werden kann (http://derstandard.at/2000002491511/Elga-startet-in-Spitaelern-verspaetet ) lag das i.e.L. daran, dass die grottenschlechten EDV Systeme (KIS, PACS) der Häuser unfähig waren, die meist unstrukturiert abgelegten Dokumente in geeigneter Form an ELGA zu übergeben.
Konkret existierten zum Beispiel keine einheitlichen Codierungen in den Häusern, die es ermöglicht hätten z.B. einen Schädel-CT von einem Bauch-CT zu unterscheiden, oder bei bestimmte Laborbestimmungen eindeutig zu definieren, ob sie aus dem Plasma, Serum oder überhaupt aus einer anderen Körperflüssigkeit gewonnen wurden, was wiederum zu ganz anderen „Normalwerten“ führen müsste.
Die ELGA-Geschäftsführerin verwies auch auf einen „Kulturwandel“, der bei den Ärzten notwendig werde, weil diese sich beim Schreiben der Befunde umstellen werden müssen. Mit ELGA müssen die Befunde nicht nur interaktiv, sondern auch standardisiert und strukturiert geschrieben werden.
In der Praxis führt das zu immer unleserlichen Ambulanz- und Krankengeschichten, weil man sich als Arzt an das technische Mögliche anzupassen hat und nicht umgekehrt. Für die Häufung von Fehlern und Missverständlichkeiten wurde in den oben angeführten Beiträgen eingegangen.

Wenn nun, im März 2015 in kleinen medialen Randnotizen vermeldet wird, dass sich der Start von ELGA in den Ordinationen auf Mitte 2017 verschiebt (http://derstandard.at/2000012517560/Verzoegerung-bei-ElgaVerpflichtender-Start-fuer-niedergelassene-Aerzte-erst-Mitte-2017) ist das in Wirklichkeit die Bankrotterklärung des Vorhabens.

 Die Elga-Geschäftsführerin begründet das damit, dass es im niedergelassenen Bereich rund 150 Software-Anbieter gebe.

Ja eh, und die saßen mehrheitlich in all den ELGA Lenkungsausschüssen, und haben feuchte Augen bekommen, wie viel Geld ELGA in Ihre Kassen spülen wird!

Einer der größten Betreiber des Projekts, Sektionschef Auer, unter dem schon unzählige Gesundheitsminister dienten, will zwar Glauben machen, dass es sich um ein Sicherheitsproblem handelt:

Clemens Martin-Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium, hatte bereits am Mittwochabend in der „ZiB 1“ erklärt: „Wir machen weniger parallel, daher verzögert sich alles etwas nach hinten.“
Auer betonte, „dass der Sicherheitsaspekt und der Funktionalitätseffekt irrsinnig wichtig“ seien bei einem solch riesigen IT-Projekt gerade mit Gesundheitsdaten. Auch Herbek unterstrich, dass Datenschutz und Datensicherheit sowie Benutzerfreundlichkeit oberste Priorität haben. Der Zeitfaktor sei zwar auch wichtig, stehe aber dahinter.

In Wirklichkeit scheitern die Jünger einer elektronisch kontrollierten Medizin an den bestehenden Inkongruenzen, Widersprüchen und „Inborn-Errors“ des Gesundheitssystems, die sie vielleicht vorher lösen hätten sollen, ehe sie die Millionen in Richtung IT-Industrie lenkten.
Der KAV hat es ja vorgemacht, wie viele Millionen sinnlos versenkt werden können, wenn man glaubt mit einer externen EDV Firma (Stichwort für den Insider „Impuls-Projekt“)
gleichzeitig den IST-Zustand der Arbeitsprozesse erheben zu wollen, diesen
von den IT-Leuten neu strukturieren und reformieren zu lassen und
mittels der von den gleichen Leuten programmierten EDV steuern, dokumentieren und überwachen lassen will. 

 

Vom scheinbar Unzusammenhängenden: Das Kalifat der Medizin oder Wer Priester ist, bestimmen wir

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Kalif

Selbst in deutscher Sprache haben die Isis-Dschihadisten 
http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-isis-extremisten-rufen-islamisches-kalifat-aus-a-978202.html ein Kalifat ausgefrufen und von allen Muslimen die sofortige Anerkennung des neuen Führersverlangt.

Im Zuge der heute beschlossenen Primärversorgung im Gesundheitssystem beklagt Patientenanwälte-Sprecher Gerald Bachinger  im Ö1-„Mittagsjournal“ einen „Schwenk von der Patientenzentrierung hin zur Ärztezentrierung„. Nicht vom Team rund um den Hausarzt, sondern von jenem rund um den Patienten müsse die Rede sein.
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/3673000/primaerversorgung-gesundheitswesen-beschlossen.story

Assistiert wurde er von Ursula Frohner, der Präsidentin des Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, die seit Wochen lautstark Kassenvertäge für freipraktizierenden Krankenschwestern verlangt und maßgeblich dafür verantwortlich war, dass imAuftrag des Gesundheitsministerium im ÖBIG ein Papier entstanden ist, das davon schwadronierte, dass „operierende Krankenschwestern“ Ärzte entlasten sollen.
http://derstandard.at/1379291686733/Krankenschwestern-die-operieren/ 

Und ebenfalls heute wurde von der ELGA Ges.m.b.H. zugegeben, dass sich der Start, vom Vollbetrieb ist nichtmal mehr die Rede, von ELGA von Beginn auf Ende 2015 verschieben wird.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140630_OTS0175/elga-der-aktuelle-fahrplan-zur-umsetzung-der-elektronischen-gesundheitsakte

Und wie, wenn Sie bisher gelesen haben, werden Sie fragen, soll das alles zusammenpassen?

Ganz einfach. Mit Gewalt lassen sich Reiche ausrufen, Gesetze verordnen und Fakten hinausschreien.  Am Ende des Tages, kann auch der Kalif auf diejenigen angewiesen, die die tägliche Arbeit verstehen und machen.

Auch wenn es den Juristen Bachinger noch so gegen den Strich und gegen den Auftrag seiner politischen Einsetzer geht:
Es sind Ärzte, die in einem jahrelangen Studium und einer jahrelangen postpromotienellen Ausbildung für eine umfassende Ausübung der Medizin ausgebildet wurden, nicht die Pflegeberufe, nicht die Medizinisch Technischen Dienste, nicht die Masseure oder wer heute noch aller als Gesundheitsdienstleistungsanbieter angesprochen wird.

§2 AerzteG
(1) Der Arzt ist zur Ausübung der Medizin berufen.
(2) Die Ausübung des ärztlichen Berufes umfaßt jede auf medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen begründete Tätigkeit, die unmittelbar am Menschen oder mittelbar für den Menschen ausgeführt wird, insbesondere
die Untersuchung auf das Vorliegen oder Nichtvorliegen von körperlichen und psychischen Krankheiten oder Störungen, von Behinderungen oder Mißbildungen und Anomalien, die krankhafter Natur sind;
die Beurteilung von in Z 1 angeführten Zuständen bei Verwendung medizinisch-diagnostischer Hilfsmittel;
die Behandlung solcher Zustände (Z 1);
die Vornahme operativer Eingriffe einschließlich der Entnahme oder Infusion von Blut;
die Vorbeugung von Erkrankungen;
die Geburtshilfe sowie die Anwendung von Maßnahmen der medizinischen Fortpflanzungshilfe;
die Verordnung von Heilmitteln, Heilbehelfen und medizinisch diagnostischen Hilfsmitteln;
die Vornahme von Leichenöffnungen
.

Auch wenn ärztliche Kritik an ELGA als elektronisches Milliardengrab von Politik und IT-Industrie stets abgewimmelt wurde …

Der infantilen Fortschrittsglauben, den unser Minister hier mit seinem Glauben an die Heilkraft der IT an den Tag legt, blendet ganz offenkundig die fachliche Diskussionen der letzten Jahrzehnte aus und wird dem Gesundheitssystem viel Geld kosten und ein paar IT- und Hardwarefirmen aus dem Gesundheitsbudget reich machen.
http://wp.me/p1kfuX-N2

stellt sich eben heraus, dass diese Rufe aus der Praxis sehr fundiert waren.

Also kann darf man wieder einmal daran erinnern, dass nicht jeder, der sich zum Kalifen ausruft, auch die Wahrheit, keinesfalls aber die Weisheit, auf seiner Seite hat.

Bildnachweis: Wikipedia Portrait Caliph Abdulmecid II – Der letzte Kalif

Da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt

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erlaube ich mir hier seine in der Presse erschienenen Aussagen zu kommentieren. Ob trollig oder drollig, mögen Sie selbst entscheiden. Eigentlich hätte ich mir diese Beiträge von meinem Ärztekammerpräsidenten gewünscht, aber vermutlich hat der auch noch nie was vom Produktivitätsparadoxon gehört:

Sobald Befunde im System sind, sollte man sich also Sorgen machen?

Alois Stöger: Nein. Es (=ELGA) ist ein großer Nutzen für Arzt und Patienten, dass der Allgemeinmediziner den Befund seiner Kollegen kennt. Dadurch kann er eine noch qualifiziertere Diagnose stellen.

1.) Wenn der Allgemeinmediziner, der ja in der Regel die Patienten zu den anderen Kollegen (=Fachärzten) geschickt hat, bisher deren Befunde nicht kannte, frage ich mich, weshalb man ihn für die Überweisung bezahlt hat.
2.) Der Patient kommt vom Facharzt entweder MIT einer Diagnose (und einem Therapievorschlag) oder eben der Erkenntnis, dass die Verdachtsdiagnose, die den Allgemeinmediziner zur Überweisung geführt hat, falsch war. Weshalb der Allgemeinmediziner MIT ELGA zu einer BESSEREN Diagnose kommen kann, erschließt sich mir nicht.

Stöger: Jetzt gehören die Daten den Ärzten. In Zukunft werden die Daten dem Patienten zurückgegeben. Der Patient soll entscheiden, wer auf Daten zugreifen kann.

1.) Mit die „Die Daten gehören den Ärzten“ bringt Stöger seine Weltsicht so „auf den Punkt“ wie die Gratiszeitschrift heute; übrigens auch mit einer vergleichbaren Intellektualität. Hier wird ein dümmliches Feindbild aufgebaut.
2.) Wenn der Patient frei entscheidet, wer die Daten sehen kann und er entscheidet sich dagegen, dass sein Allgemeinmediziner sie sehen darf, widerspricht Stöger seiner oben gemachten Aussage, dass ELGA zu einer besseren Diagnostik des Allgemeinmediziners führen muss. Ganz im Gegenteil, die Zeit in der der Arzt in der EDV nach möglichen Informationen sucht verliert er im Patientengespräch. In Summe wird das die Informationsqualität der Patienten/Arzt-Beziehung verschlechtern.

Wechselberger: Die Stärkung der Patientenautonomie durch den elektronischen Zugriff ist sehr eingeschränkt: Gerade ältere Menschen haben oft keinen Zugang zu elektronischen Medien.

Stöger: Man soll ältere Menschen nicht unterschätzen. Es haben viele Zugang zu elektronischen Medien. Aber wir haben auch bei der Patientenanwaltschaft Ombudsstellen eingerichtet, die Menschen unterstützen.

Wir schreiben in den Ambulanzbrief eine Therapieempfehlung (1×1 Tabletten täglich am Morgen) und haben den Patieten mit der Frage am Telefon, ob er denn diese Tabletten auch wirklich einnehmen soll, obwohl er die Anweisung schriftlich vor sich hat. Es freut mich, wenn ich die Patienten ab sofort an die Patientenanwaltschaft weiterleiten darf, die ihnen dann ELGA vorliest.

Wäre die Akzeptanz für ELGA höher, wenn man von Anfang an die Frage nach der Entschädigung geklärt hätte?

Stöger: Es gibt eine Entschädigung. Ärztliche Leistungen werden schon bezahlt.

Aber es gibt keine zusätzliche Entschädigung für ELGA.

Stöger: Nein, weil es keine Computerentschädigung gibt. Ärztliche Leistung wird in Österreich bezahlt, und das gar nicht einmal so schlecht. 

Die eben innerhalb des KAV (sowohl im AKH als AKIM als auch in den anderen Häusern als Impuls) eingeführte EDV reduziert nachweislich die Systemeffizienz um ein Drittel, d.h. in der selben Zeit können wir ein Drittel weniger Patienten durch die Ambulanzen schleusen, weil wir mit Hunderten Mausklicks und dem Suchen nach verschwundenen Befunden befasst sind. Ähnliches wird auch in der Niederlassung passieren.

Man nennt das Produktivitätsparadoxon:
We see the computer age everywhere except in the productivity statistics“ [Solow, 1987]
http://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4tsparadoxon

Komplexe Prozesse, wie sie im Dienstleistungssektor (z.B. im Gesundheitswese)n ablaufen werden durch eine enge Bindung an die EDV, insbesondere bei derartig unintelligenter Anwendung, wie wir sie täglich erleben, eher behindert als erleichtert.

Auf den ersten Blick scheint es doch sonnenklar, dass der zusätzliche Zugang zu einem Informationsspeicher wie ELGA für den Arzt und seinen Patienten nur Vorteile haben kann. Dies gilt aber nur dann, wenn die Informationen so aufbereitet sind, dass sie sich rasch und eindeutig finden lassen. Dass dies in den bestehenden Datenbanken nicht der Fall ist, habe ich hier schon öfters gezeigt (z.B.:http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=58118).

Der infantilen Fortschrittsglauben, den unser Minister hier mit seinem Glauben an die Heilkraft der IT an den Tag legt, blendet ganz offenkundig die fachliche Diskussionen der letzten Jahrzehnte aus und wird dem Gesundheitssystem viel Geld kosten und ein paar IT- und Hardwarefirmen aus dem Gesundheitsbudget reich machen.

Für den vermeintlichen Vorteil, dass der Hausarzt das Blutbild der letzten Woche abrufen kann, das ihm „sein“ Labor ohnehin schon übermittelt hat und der Patient ausgedruckt in Händen hält, werden wir alle in eine Spirale von kostenintensiven Hard- und Softwareupdates getrieben.
Im KAV erleben wir derzeit, dass nach der Einführung besagter Software gewaltsam Ambulanzmappen abgeschafft und durch personalintensives „Einscannen“ ersetzt werden; Befunddoubletten werden sich so explosionsartig vermehren.

Das jetzt schon oft undurchdringliche Dickicht einer Krankengeschichte wird durch einen unüberseh- und somit nicht mehr sinnvoll verwendbaren digitalen Misthaufen ersetzt. Wie die gesetzlich vorgeschriebenen Aufbewahrungsfristen über die nächsten Jahrzehnte realisiert werden sollen, bleibt unhinterfragt.

Aus Arbeitsplätzen mit einem Bildschirm werden zwangsweise solche mit Doppelbildschirmen, weil sonst kein vernünftiges Arbeiten mehr möglich ist.

Die rot unterlaufenen Augen des Arztes starren auf der Suche nach den Befunden seines Patienten unverwandt auf mehreren Bildschirmen, und unzählige Mausklicks mit nachfolgender Sehnenscheidenentzündung lösen den Tennisellenbogen als berufstypische Ärztekrankheit ab.
Vermutlich bemerkt er gar nicht, dass inzwischen sein Patient entweder schon tot oder am Weg zu seinem Esotheriker ist, der ihn dann vielleicht anschaut, anhört und angreift.
Dann endlich haben alle Kritiker der Schulmedizin Recht behalten.

Das volle Interview finden Sie hier:
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/1598149/ELGA_Wir-haben-vor-Mehraufwand-und-Kosten-Angst?from=gl.home_politik

Written by medicus58

25. April 2014 at 07:30

Der ökonomische Trugschluss mit der Überbefundung in der Medizin

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Befund

Fülle an unnötigen Befunden“ gehört zum Basismantra jeder Kritik am Gesundheitssystem, gefolgt von allerlei Extrapolationen, was denn da alles einzusparen wäre, könnte man die vielen Blutbilder und Röntgenaufnahmen verhindern.
Selbstverständlich könnte gerade die elektronische Krankenakte(ELGA) dies leicht in den Griff bekommen, versichern die ELGA Ges.m.b.H. im Chor mit all den IT-Firmen, die an dem Projekt beteiligt sind.

Erst kürzlich beim Europ. Radiologenkongress in Wien schlug Guy Frija, der Präsident der Europäischen Gesellschaft für Radiologie in dieselbe Kerbe, als er vollmundig bekannte, dass ein Drittel aller Röntgenuntersuchungen klinisch nicht gerechtfertigt und daher für den Patienten nutzlos wären.
Ja, wenn selbst die finanziellen Nutznießer dieses Systems zur derartig erhellenden Einsichten kommen, dann hindert uns ja nichts mehr all den Krempel beiseite zu werfen und uns auf das Wesentliche zu beschränken.

Gemach

… mit dieser Logik könnte man schließlich auch die vielen Polizisten abschaffen, weil sie ohnehin nur die wenigen von uns, die wirklich straffällig werden, finden müssen, oder die Feuerwehren einsparen, weil es ohnehin nur sehr selten brennt. Weniger platt formuliert zeigen diese Paradoxien, dass Lösungdsaufwand (Vorhalteleistung) und Häufigkeit eines Problems in einem indirekten, nicht linearen Verhältnis stehen.
Beschäftigen wir uns vorerst aber mit dem Vorwurf weshalb wir Ärzte eigentlich so dumm sind, unnötig viele Befunde anzufordern? Dass unstillbares Gewinnstreben nicht die einzige Erklärung dafür sein kann, beweist ja die Selbstanklage unserer Radiologen!

Wer nachlesen will sei auf einen früheren Artikel verwiesen (2 Anamnese – aber http://wp.me/p1kfuX-zt), in dem ich schon feststellte: Würde man Ärzte fürs Zuhören ähnlich gut honorieren, wie Anwälte, dann würden viel weniger Überweisungen ausgestellt werden.
Mit aktuellen Zahlen lässt sich das so belegen:

Ein Patient kommt zum Arzt und klagt über Müdigkeit und wirkt etwasblaß.
Die Differentialdiagnosen sind mannigfaltig, aber viele mögliche Ursachen laufen auf Infektionen u/o Blutarmut hinaus.
Ihr Arzt könnte nun, für die 18,74 € Fallpauschale pro Anspruchsberechtigtem und Quartal, versuchen herauszufinden, ob den überhaupt eine Müdigkeit (oder eine Depression) vorliegt, tief in die Augen schauen um zu objektivieren, ob der Patient überhaupt blutarm ist oder die Blässe eben seinem Teint entspricht und sich so gut eine halbe Stunde mit seinem Patienten beschäftigen.

Die Wiener Gebietskrankenkasse zahlt dem Labor für ein
Komplettes Blutbild
 (Zählung und Beurteilung der Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten, automatisierte oder notwendige mikroskopische Differentialzählung, Hämatokrit- und Hämoglobinbestimmung, Errechnung der sich aus der Zählung und Messung ergebenden Parameter) 3,20€

Für ein Lungenröntgen, mit dem zumindest eine schwer Lungenentzündung bei unserem Patient ausgeschlossen werden kann, zahlt die Wiener Gebietskrankenkasse 16,23 € Honorar und 24,54 €.

Und jetzt überlegen Sie was für ihren Hausarzt kostengünstiger ist, eine klinisch-physikalische Untersuchung mit all ihren Unsicherheiten oder die Anordnung eines Röntgen- oder Laborbefundes.

Richtig, da seine Bemühungen schlecht honoriert werden, verwendet er die externe Diagnostik zur Ausschlussdiagnose. Aus Sicht der Diagnostiker sind natürlich die Befunde im konkreten Fall unnötig, oft weil der Patient erst Tage nach der Zuweisung erschien und inzwischen ohnehin nicht mehr fiebert oder sich schon durch die heilsame Wirkung des Zeitablaufes erholt hat.

Wer aber nun glaubt das Problem dadurch in den Griff zu kriegen, dass er ein Drittel der externen Befundkosten in den Bereich der Hausärzte stopft übersieht, ebenso wie die überheblichen Diagnostiker, die sich über die blöden Zuweisungen mokieren, ein wichtiges Detail:

Mit ein bißchen mehr klinisch-diagnostischen Aufwand in der Arztpraxis lassen sich sicher 10% der unnötigen Überweisungen einsparen.
Werden die Ärzte gewzungen, die riesigen und unübersichtlich gewordenen Krankenakte vor jeder Überweisung zu durchwühlen, ob sich nicht doch ein Vorbefund finden lässt, der die eine oder andere Verdachtsdiagnose erhärtet, dann steigt der zeitliche Aufwand (und damit die Kosten) schon überproportional an.
Letztendlich werden wir ein exponentielles Verhältnis zwischen Aufwand und Gewinn, d.h. sehr bald wird es – unabhängig von den aktuellen Arzthonoraren – billiger ein Blutbild anzufordern, nur um nicht neben den eingesparten unnötigen Befunden einen wirklich Kranken zu übersehen.

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