Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Es tut sich was, nur was? Spitäler im Um- und Abbau

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Gestern wurde von der Wiener Gesundheitsplattform der, von Ebner Hohenauer Consult erstellte Regionale Strukturplan Gesundheit (RSG) beschlossen.
http://www.pr-inside.com/de/gesundheitsplattform-beschloss-formell-das-r3251724.htm

Der RSG sieht eine Reduktion von 667 Betten (10.487 – 9.820)  vor und
verschreibt eine Fallkonzentration (d.h. nicht alles darf überal angeboten werden).
2020 sollen nur mehr sieben städtische Spitäler (AKH Wien, Donauspiel, Wilhelminenspital,  Krankenhaus Hietzing, Kaiser-Franz-Josef-Spital, Rudolfstiftung und das (noch zu bauende) Krankenhaus Nord) exitieren.
Kaiserin-Elisabeth-Spital, Sophienspital, Otto-Wagner-Spital, Orthopädisches Krankenhaus Gersthof, Semmelweisklinik, und Krankenhaus Floridsdorf werden geschlossen.
Wie bereits in der Vergangenheit werden immer mehr Leistungen aus dem Bereich des Wiener Krankenanstalten Verbundes in den Bereich der privat (meist kirchennahe) geführten Spitäler verlagert.

Ebner Hohenauer Consult fuhrwerkt auch in der Steiermark (http://wp.me/p1kfuX-cv ) und hat nun eine komplette Umgestaltung der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (Kages) geplant. Im Mittelpunkt steht hier die Dezentralisierung des Spitalsmanagements.

Ein  Zweiervorstand soll sich um die strategische Ausrichtung des steirischen Spitalwesens bemühen,  vor Ort werden  vier regionale Ergebnis-Center mit umfangreichen Machtbefugnissen, eigenen Budgets und Zielvorgaben ausgestattet. Flapsig textet die Kleine Zeitung: Das neue, regionale Management reicht übrigens so tief ins tägliche Spitalsleben, dass man einzelne Posten nicht mehr für ein Spital definiert, sondern:
Ein Hausmeister könnte für eine ganze Region verantwortlich sein.

Zwischen dem Vorstand und den regionalen Zentren installiert man einen medizinischen Fachbeirat mit den Ärzten und Pflegedirektoren aus den neuen Ergebnis-Zentren, was ein Gegengewicht zur Machtfülle der Betriebsdirektoren darstellen und eigene medizinischen Vorstände einsparen soll.
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/fuerstenfeld/3052875/bei-steirischen-spitaelern-bleibt-stein-dem-anderen.story

Fassen wir zusammen:

1.) Es soll weniger Spitalsbetten geben und die verbleibenden werden in zunehmenden Ausmaß bei private Betreiber lokalisiert
Hier soll nicht erneut in das Lieblingsthema aller Gesundheitsökonomen abgeglitten werden: Das Krankenhausbett.
Es steht außer Streit, dass Östereich und Deutschland mehr Spitalsbetten hat als viele vergleichbare Länder, nur stellt sich die halt die Frage ob das „Bett“ wirklich den richtige Parameter darstellt, auf den sich die Spitalsökonomie konzentrieren soll [da wird wieder heftiger Widerspruch von Kollegen Pichlbauer erwartet 😉 ] oder es halt nur der Puffer für viele Unzulänglichkeiten der Medizinischen Versorgung ist.
Auch zur Verschiebung des Leistungsangebots in den Bereich der Ordensspitäler könnte man doch meinen, dass dagegen ja nichts einzuwenden ist:

Zur Zukunft des LKH Graz West in Verbindung mit einer eventuellen Übernahme durch das Ordensspital der Barmherzigen Brüder erklärte Edlinger-Ploder ausdrücklich, dass es dabei „um keine Spitalsprivatisierung handelt, sondern um eine Neuordnung des Angebotes“. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/3045191/36-spitalsfragen-landtag.story

Es stimmt natürlich, dass eines der Hauptargumente gegen private Spitalsbetreiber dort nicht gilt:
Der Private muss im Gegensatz zur öffentlichen Hand soviel einsparen, dass sich für ihn auch noch ein Gewinn ausgeht, koste es was es wolle.
Wenn der Gewinn das Paradies ist, dann kann das Ordensspital aber mit einer schwarzen Null leben,
NUR
stellt sich halt die Frage, ob wir es wollen, dass das falsche oder ein fehlendes religiöse Bekenntnis mitentscheidet,
ob Arzt oder Pflegekraft in einem Ordensspital eine Anstellung bekommen oder nicht,
ob unsere Dialyse unter einem Kruzifix stattfindet oder – wenn ihnen das zu ideologisch und zu wenig ökonomisch ist –
wir die öffentliche Hand, die (mir zumindest) ca 75% meiner Einnahmen abnimmt, nicht für dieses Geld verpflichten sollten ihrer typischen staatlichen Aufgaben nachzukommen.

2.) Durch eine zunehmende Zentrumsbildung, wird man sich als Patient für viele Krankheiten den Standort suchen müssen, an dem man behandelt wird bzw. viel im Krankenwagen herumzufahren
Auch die Qualitätssteigerung durch Schwerpunktbildung ist ein Mantra der Gesundheitsökonomie, dem auf den ersten Blick nicht zu widersprechen ist.
Wer sich spezialisiert wird indiesem Punkt besser, aber wie ich bereits in dem Blogeintrag Fordismus im Spital ( http://wp.me/p1kfuX-gf )  ausgeführt habe, konzentriert sich dieser Ansatz nur auf den manuellen Teil der medizinischen Leistungserbringung (Operationen, Herzkatheter, Mammografie….) und negiert die Erforderniss eines Breitenwissens für den diagnostischen Prozess an sich. Dieser wird finanziell nicht adäquat abgegolten, so dass das System selbst Anreize für oft nicht indiziertes Tun gibt.
Ganz krass sind dabei Modelle, wie sie in Deutschland vereinzelt schon existieren, dass -da man einem Facharzt ja nicht verbieten kann eine einzelne, indizierte Bandscheibenoperation durchzuführen-   zum Beispiel erst am 15 Einzelleistung eine Bezahlung erfolgt. D.h. macht der Arzt im Verrechnungszeitraum nur 14 Eingriffe, dann bekommt er nichts, macht er 15 oder mehr, dann bekommt er alle, also auch die ersten 15 Eingriffe refundiert.
Was da passiert haben wir bei der LKF Codierung gesehen, wo vor allem die Ordenspitäler ihre Ärzte verpflichtetem, die lukrativste Diagnose oder Diagnosenkombination zu melden. Plötzlich hatten wir einen Zuwachs an Geburten bei Diabetikerinnen, da jede kleine Verfärbung am Harnstreiferl die Diagnose Diabetes nach sich zog.
Der Gesundheitsökonom wird zu Recht einwerfen, dass man da eben eine Qualitätssicherung bräuchte, nur die gab’s halt nie.
Kehren wir zurück zum Beispiel der Bandscheibenoperation. Es ist Dezember, sie kommen mit ein bißchen Lumbago vom Packerlschleppen zum Neurochirurgen und der weiß, dass er heuer erst 14 OPs durchgeführt hat ……

Was völlig in diesen Planspielen untergeht, ist die medizinische Diagnostik (Pathologie, Labor, Röntgen, …). Es macht keinen Sinn Schwerpunkte zu definieren, ohne auch die zentralen Dienste mit entsprechendem Gerät, Personal und Expertise auszustatten.
Pläne, dass es ja auch ausreicht, wenn ein Pathologe für die intraoperative Gefrierschnittdiagnostik anreist, wie es in vielen „effizient“ geführten kleineren Häusern Usus ist, sich aber dann die OP verlängert, weil der Kollege leider im Stau steckt, oder eine Telemedizinische Diagnostik, wo er zwar das Schnittpräparat am Bildschirm, nicht jedoch das ganze herausoperierte Konvulut sehen und betasten kann, sind nicht Ausgeburten MEINER Phantasie sondern punktuell selbst erlebt. Auch die bildgebenden Diagnostik wird im anglikanischen Raum an Radiologen in Indien ausgelagert, die zwar die digitalen Bilder in optimaler Qualität sehen können, aber nie den Patienten selbst gesprochen oder angegriffen haben.

3.) Die Verantwortung der öffentlichen Hand für das Gesundheitssystem wird von dieser immer stärker delegiert
Neben meinem Unverständnis, weshalb wir in einem Land mit einer der höchsten Abgabenquoten von unserem Staat nicht verlangen können, dass er die verfassungsgemäße Verantwortung für das Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen übernimmt, muß man auch die Frage stellen, bei wem denn die Letztverantwortung bleibt und weshalb sich die operativ tätigen Ärzte und Pfleger (gendern Sie wenn Sie wollen) sich das noch gefallen lassen.

4.) Bisherige Reformen in den Krankenanstaltenverbünden führten stets zu einer Verschiebung des Personals vom Kerngeschäft hin zur Verwaltung
Wie im KAV, so auch in den anderen Verbünden, ziehen die Verwaltungsstrukturen immer mehr Personalressourcen an sich, agieren zunehmend immer hektischer und diktatorischer, verschanzen sich aber gleichzeitig hinter der scheinbaren Alternativlosigkeit der den privaten Consultingfirmen diktierten Strukturpapieren.
Der Abbau von Stellen im Kerngeschäft beginnt beim Einsparen von ärztlichen Direktoren und führt weiter zum Einsparen von Abteilungsvorständen. Angesichts der grundgehälter dieser Positionen kann es hier nicht um eine relevante finanzielle Einsparung gehen;
Hier geht es darum, diejenigen, die noch relativ nahe am operativen Geschäft sind und mit sachlich fundierten Einwänden so manches Schreibtischkonzept entzaubern zu können, aus dem Weg zu räumen.
Der Beitrag „ökonomischer Aufpasser“ bestand meist in einem Mehr an EDV, durch das man glaubte, Personal einsparen zu können (http://www.hg2.at/166/news/sie-wurden-gekoblmuellert/). In Wahrheit band es noch mehr Kräfte des Kerngeschäfts und behinderte die Arbeit des verbliebenen Personals.

Ob diese Kluft zwischen „Generälen und der Truppe“ den „Kampf“ um ein effizientes und dem ökonomischen Stand unserer Gesellschaft angepasstes Gesundheitssystem zuträglich ist?
Nein!
Ist dieser Prozess dann wenigstens gestoppt, wenn man die angeblichen Spitzenverdiener unter den Ärzten los ist?
Nein!
Er geht weiter:
Nach der „Akademisierung“ der Medizinisch-Technischen-Dienste und der Zusicherung der „eigenverantwortlichen (d.h. ohne ärztlichen Anordnung erlaubten) Berufsausübung“ im letzten MTD Gesetz, hat BuMin Stöger nun eine Novelle des nun MAB-Gesetzt getauften Regelwerkes im Köcher, wo es z.B. erlaubt sein wird, dass Computertomografen und Magnetresonanztomografen auch von „angelerntem Personal“ betrieben werden dürfen, wenn dieses unter der Aufsicht von EINEM Radiologietechnologen steht, möglicherweise wie im obigen Beispiel des Hausmeisters:
Bald genügt auch ein Radiologietechnologe für die ganze Steiermark.
http://www.radiologietechnologen.at/

Nachtrag 3.7.2012: Auch in geht die Spitalszusammenlegung (Salzkammergut Klinikum) mit „eingesparten“ Kollegialen Führungen weiter:
http://www.salzi.at/2012/07/aus-den-krankenhausern-bad-ischl-gmunden-und-vocklabruck-wird-das-klinikum-salzkammergut/

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Written by medicus58

29. Juni 2012 um 18:08

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