Sprechstunde

über alles was uns krank macht

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Schwitzend erregt

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Sommer hieß doch früher:

ab in die Sonne,

auch wenn das für viele nur mit dem Golf bis nach Bibione bedeutete.

Angesichts der aktuellen Temperaturen bei uns, klingt die Vorstellung von noch mehr Sonne und noch mehr blauem Himmel am Ende eines aus gebuchten Charterfluges eher nach Strafverschärfung als nach Traumurlaub. Und nur Zyniker erinnern an Rudi Carells Wann wird’s mal wieder richtig Sommer.

Im Netz wird heiß über Klimaanlagen v. s. Jalousien debattiert und bei den Salzburger Festspielen erkennt Peter Sellars dass bereits Mozart vor dem Klimawandel warnte.

Alle sind sich einig, dass die Politik etwas gegen die Klimaerwärmung tun sollte, aber seit Jahren werden in erster Linie Lösungen präsentiert, an denen irgendwer nur gut verdienen kann, deren ökologische Wirkung aber hinterfragbar ist. Wir erinnern uns an die Förderung von Neuwagen und – LKWs und jetzt eben der Schrei nach E-Mobilität.

Wenn aktuell die österreichischen Grünen wieder die seit Jahren geforderten und durchaus berechtigt Einschnitte fordern, wie einen Planungsstopp bei Fehlinvestitionen im Verkehrsbereich, die Abschaffung „perverser“ Steuerprivilegien etwa bei Kerosin oder Diesel, dann kommt klarerweise auch der Ausbau des Radverkehrs und die Deadline für die Neuzulassung von mit fossilen Treibstoffen betriebenen Fahrzeugen aber keine Kritik am globalisierten Handel. So links wollen wir es dann doch nicht und damit den Wähler verschrecken. Dass man sich aber damit kaum vom Umweltgesäusel der Mitbewerber abhebt, ist egal.

Allein die fünfzehn grössten Schiffe der Welt stossen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos. (Link SFR)

Schön wenn sich der Bobo gut fühlt, wenn er mit seinem Bike durch die Begegnungszone düst und dabei stolz seine Funktionswäsche designed in Germany made in China herzeigt.
Wenn er nicht bereit ist Politiker
zu wählen, die eine Umstellung unseres gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems einleiten wollen, dann wird das nix mit der Rettung der Welt. Wo er aber solche Politiker findet, das wäre ein anderer Beitrag.

Der Chia Samen am Smoothie,
Quinoa im Weckerl wurde bei uns zum Statussymbol und selbst in Zweite Ländern am anderen Ende der Welt wird schon (wie bei uns) Knoblauch aus China angeboten. Für den Preis einer guten Weinflasche aus Chile kann der hiesige Winzer Ihnen nichtmal einen leere Flasche etiketten und verkorken.

Wer am Friday for future wieder was von der Politik verlangt und sich dabei auch noch revolutionär fühlt, sollte sich mal überlegen, ob er jemals eine Partei gewählt hat, die ihm nur ansatzweise sinnvolle Einschnitte abverlangt hätte und auch darauf aufmerksam gemacht hat, dass das alles kaum innerhalb unseres jetzigen globalisierten (Wachstums-)Kapitalismus gehen wird.

Nein, es geht nicht primär um die Mobilität des Einzelnen sondern um die Produktion und den Transport all seiner Ge- und Verbrauchsgüter.

Das alles muss nicht den Verzicht auf jeden Spaß bedeuten, aber irgendwie wieder den Knoblauch aus dem Burgenland, das Korn aus dem Marchfeld und den Urlaub in Hotels in denen ein Teil der Wertschöpfung den Einheimischen zu Gute kommt und nicht auf riesigen schwimmenden Hotelburgen, die ihre Gäste nur kurz ans Ufer lassen, ihre Gewinne aber off shore behalten,… um wieder zum Thema Urlaub zurück kehren.

Written by medicus58

26. Juli 2019 at 18:40

Schwerpunktbildung: Öffis und das neue Mantra der Gesundheitspolitik: Schwerpunktbildung

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Zwischen KHs in Wien

In den letzten Wochen hat diesen Blog neben dem Dauerbrenner „Gesundheitssystem“ noch eine weiteres Thema dominiert:

Parkpickerl in Wien

Parkpickerl Reloaded oder konsequentes Grünes Denken http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=75443 
Das Rathhaus ist eine Fluglinie und mein Auto wird zum Beisl
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=65272 
Vermummungsverbot für Vassilakou 
http://wp.me/p1kfuX-tc   
Vom Mobilitätsversprechen zum Mobilitätsverbrechen 
http://wp.me/p1kfuX-vx  

Heute zeigt sich, dass beide Themen sehr eng miteinander verknüpft sind, wenn man eines aktuelen Mantras der Gesundheitsökonomie dazu denkt:

Schwerpunktbildung im Krankenhaus

Kaum einer der aus dem Gesundheitsbudget bezahlten Einflüsterer, pardon Experten, unserer Politiker versäumt darauf hinzuweisen, dass sich enorme Sparpotentiale durch eine Schwerpunktbildung in der medizinischen Versorgung ergeben:

Nicht jedes Spital muss immer alles anbieten!
Wo etwas häufiger gemacht wird, da ist die Qualität höher!

Und auf den ersten Blick ist ja da nix einzuwenden. 
Was in der Fertigungsindustrie funktionierte, muss ja auch im Krankenhaus funzen,
fragen Sie Onkel Strohsack, der hat sein Geld genau damit verdient hat, dass er Rückblickspiegel für einen Autozusammenschrauber in Tripstrü produzierte und sie um den halben Globus zu dessen Fließband schickte, während er wieder Spiegel und 1000+1 Teil einer anderen Firma in seinem Magnawerk zum Auto eines Markenherstellers zusammenschraubte.

Was hat das aber nun alles mit der Parkpickerlabzocke von Grün-Rot in Wien zu tun?

Einfach, auch im aktuellen Spitalskonzept sollen viele Spezialambulanzen nur mehr an wenigen Standorten angeboten werden und Stadträtin Wehsely verweist immer darauf, dass in Wien der öffentliche Verkehr so gut wäre, dass das für die Patienten kein Problem darstellen würde.

Und das führt uns zu einem Hauptdefizit der Öffis in Wien:

Während radiale, also von der Peripherie ins Zentrum und zurück laufende Wege sehr effizient mit den Öffis zurück zu legen sind, schaut es bei tangentialer Bewegung sehr trüb aus.

Gerade in der hektischen Diskussion mit grünen Kampfpostern (Parkpickerl wirkt) habe ich die Erfahrung gemacht, dass dieser Punkt völlig unbekannt scheint. Zynisch könnte man argumentieren, dass der BoBo ohnehin nur zwischen Loft und angesagter Innenstadt Location pendelt, aber zynisch wollen wir doch nicht sein.
Obwohl ich darauf hinweise, selbst Netzkartenbesitzer und -nutzer zu sein, aber eben nicht ganz auf ein Auto verzichten kann, wird mir irgendwann immer Taxfrei erklärt, dass man in Wien ohnehin ohne Auto auskommen könnte, weil eben die Öffis so supi wären.

Zurück zum Gesundheitssystem:

Für die Patientenströme ist dieser Punkt aber sehr relevant, denn die Verbindung zwischen den großen Wiener Spitälern bedeuten eine tangentiale Bewegung und da stinken die Öffis zeitmäßig grausig gegen den PKW ab.

Ich habe mich der Mühe unterzogen die durchschnittliche Dauer der Reise zwischen drei großen KAV Spitälern (Donauspital, Kaiser-Franz-Josef-Spital und Wilhelminenspital) mittelswww.maps.google.atund www.wienerlinien.at zu analysieren. Die Ergebnisse sind auch im Eigenversuch verifizierbar, wenn nicht die Tangente komplett steht oder eine U-Bahn einen Totalausfall hat.

Die Originalzahlen:

DSP-KFJ 14,4 km
Auto 19 min
Öffi 55 min
Rad 58 min

WSP-DSP 14,8 km
Auto 28 min
Öffi 55 min
Rad 70 min

KFJ-WSP 7,6 km
Auto 15 min
Öffi 39 min
Rad 32 min
Die Graphik ergab sich durch eine einfache Addition der drei einzelnen „Reisen“.

Was lernen wir daraus:

Für Bewegungen an den den „Rändern“ der Stadt, benötigen die Öffis 2,4x länger als der PKW!
Für Menschen, die einem Zeitdruck UND Mobilitätszwang unterliegen, sind diese Reisen NICHT adäquat durch die Öffis (oder <LOL> das Fahrrad) substituierbar.
Da Vassilakous Parkraumbewirtschaftung das PArken und nicht das Bewegen eines PKWs bestraft, begünstigt sie unökologisches Fahrverhalten.
Wehselys Aussage, dass die Öffis die Wiener rasch genug zu ihren jeweiligen Spezialambulanzen bringen ist so wie vieles andere aus Ihrem Mund Propaganda.

Natürlich ließe sich durch geeignete Software ein viel exakteres Bild der Zeiterfordernisse mit unterschiedlichen Mobilitätsformen berechnen, jedoch fehlt mir dazu der Zugang (hallo, TU?!?!). Ich war aber selbst in einem großen Wiener Spital treibende Kraft hinter einer Mobilitätsanalyse von Personal und Patienten, um die Möglichkeiten zu prüfen, ob es möglich wäre, durch geeignete Anreizsysteme mehr Personen in den öffentlichen Verkehr einzuschleusen. Die Ergebnisse waren ebenso ernüchternd wie unser kleines Beispiel. 
Ich persönlich kann Ihnen also nur raten, sich (wie ich) nahe einer U-Bahn Station anzusiedeln, dann haben Sie – mit durchaus einigen Einschränkungen- eine praktikable Möglichkeit täglich 2-5 Wege mit den Öffis zu erledigen, oder Sie werden Stadtrat mit Chauffeur und Dienstwagen.

Vom Mobilitätsversprechen zum Mobilitätsverbrechen

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Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Mobilit%C3%A4t) weist darauf hin, dass man unter Mobilität mehr  als nur die individuelle Beweglichkeit von Ort zu Ort versteht.

Das Versprechen individueller Mobilität ist deshalb so verlockend, dass es Politstrategen auch in jeder Debatte über die Grundfreiheiten der Europäischen Union (http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Binnenmarkt#Die_vier_Grundfreiheiten) erwähnen, um die möglichen Gefahren der anderen  „Freiheiten“ (Freier Kapital- Waren- und Dienstleistungsverkehr) nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

Die Einschränkung der Reisefreiheit in der DDR wurde von vielen Bürgern offenbar als schlimmer betrachtet als die anderen Maßnahmen des Regimes, so dass die Machthaber sogar kurfristig glaubten, dass eine Lockerung der Mobilitätseinschränkung den Zerfall des Staates aufhalten könnte (http://www.youtube.com/watch?v=oMUrzdVNTgc).

Der unheimliche Boom der Autoindustrie seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts, der zusammen mit seiner Zulieferindustrie einen wesentlichen Anteil an der industriellen Gesamtproduktion (in Deutschland z.B. ca 20%!) darstellt, wurde in der Vergangenheit -vermutlich nicht ganz zu Unrecht – durch unser aller Lust am individuellen Dahinbrausen erklärt.
Werbesujets, die bis vor kurzem das neue Auto entweder als Testosteronersatz oder Familientreffpunkt zwischen Arbeitsplatz, Schule, Einkauf und Freizeit beworben haben, schlagen in die gleiche Kerbe.
Somit kann sich auch jeder, der angesichts von Energieknappheit und Klimawandel das Auto verteufelt sicher sein, dass er bei vielen von uns ein bißchen schlechtes Gewissen voraussetzen kann.

Auch die Kampagne der Wiener Grünen im Zuge der „Parkraumbewirtschaftung„, die inhaltlich hier mehrfach hinterfragt wurde (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=81299) setzt auf dieses schlechte Gewissen.

Besteht der Bürger nun auf  die Erfüllung der politischen Mobilitätsversprechen, wird er nun als  Mobilitätsverbrechern desavouiert.

Jetzt kann naturlich kein halbwegs bei Sinnen Seiender FÜR ein sinnloses Herumbrausen im eigenen Auto sein, wenn der Weg nicht auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich wäre, jedoch stört mich das Klischee, dass die Mobilität heute ausschließlich um einen selbstüchtigen Wunsch der Bürger ist.
Weiters ärgert die unmoralische Haltung der Mobilitätsmoralisten , dass sie nicht für ein allgemeines Verbot eintreten sondern einfach die Preise hochschrauben. Fazit: Die „G’stopften“ können ungeachtet ökologischer Kollateralschäden weiterhin auto-mobil bleiben, wenn sie nur genug dafür blechen …

Was all die Mobilitätsmoralisten ausblenden, hat die SZ schon angesprochen:
Die Lebensstile der Deutschen ändern sich von Grund auf. Mobilität muss heutzutage sozial, zukunftsfähig, ökologisch und ökonomisch sein.
http://www.sueddeutsche.de/auto/mobilitaet-im-wandel-alles-in-bewegung-1.1339276

Wer heute von A nach B fährt, WILL das immer weniger, sonder MUSS das!

Wie lange hat uns die Industrie immer vorgeworfen,
wir wären alle zu wenig mobil und würden nur mehr Arbeitsplätze direkt vor der Haustüre akzeptieren!
Die Folge ist der Pendlerverkehr.

Die im Vergleich zu Inflation und Kapitalgewinnen unterpropertionalen Lohnzuwächsen zwingen immer mehr Bürger zu Zweit- und Drittjobs.
Die Folge ist eine Zunahme des Berufsverkehrs, der noch dazu unter Zeitdruck erfolgt. Die SZ formuliert das so:
Auch die Zahl der Personen die in Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, stieg in den letzten Jahren enorm an. Derzeit arbeiten etwa 7,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so. Wer aber einen Minijob hat, geht vermutlich noch anderen Beschäftigungen nach.

Die Umstellung der Pensionssysteme auf ein Ansparsystem bedingt eine Berufstätigkeit beider Partner, da sich keine(r) mehr darauf verlassen kann, dass er nach Jahren der Kinderbetreuung von der Pension seines Lebenspartners leben wird können.
Die SZ zeigt noch weitere gesellschaftliche Änderungen auf, die zu einem Zwang zur Mobilität führen:
Die Zahl der Patchworkfamilien wächst. Das heißt aber, dass es neben dem innerfamiliären Leben eines gibt, das durch die Bezüge zu Vätern oder Müttern der Herkunftsfamilie entsteht. …
Eine andere Lebensform sind die LAT’s (Living apart together). Etwa jede siebte Partnerschaft ist so organisiert, sie stellt eine bedeutende Teilgruppe der zum Wochenende fahrenden Fernpendler.

Es ist somit extrem kurz gegriffen und langfristig sinnlos, wenn Autohasser und Kampfradfahrer über die Wiener Verdrängungspolitik jubeln (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=80702).

Die Zeiten sind vorbei, in denen die individuelle Mobilität eine Teil des Freizeitverhaltens war.
Die meisten Wege, die heute unter immer größerem Zeitdruck zurück gelegt werden, sind durch gesellschaftspolitische Änderungen bedingt, das zu negieren ist Vassilakous größter Fehler.

Ein gravierendes Problem durch Verdängung und Verteuerung der Folgen lösen zu wollen, ist entweder Zeichen sagenhafter Überheblichkeit oder bodenloser Dummheit …. und davon hatten wir in der Politik schon bisher genug.

Links:
http://tu-dresden.de/forschung/wissens-_und_technologietransfer/dresdner_transferbrief/archivordner/dtb03_01/Ausgabe_03_01_komplett.pdf

Written by medicus58

14. November 2012 at 16:17

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