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über alles was uns krank macht

Urlaubsfotos: Das Enttäuschungspotential der Realität

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Nein, ich meine nicht den Schock am vor Menschen überquellenden Marcusplatz in Venedig, der so ganz anders aussieht als im hochglänzenden Bildband auf ihrem Wohnzimmertischchen; und dass der Großglockner nie so wolkenlos, die Votivkirche nie so gerüstfrei war, wie im Reiseführer, ändert nichts daran, dass sie es auch wirklich einmal – wenn auch nur für Minuten – waren, als der Fotograf auf den Auslöser drückte.

Wie sich ganz exemplarisch an dem Foto vom Salzburger Mirabellplatz im Standard zeigen lässt, wird die digitale Bildbearbeitung dazu missbraucht unseren Augen eine (Hyper) realität zu vermitteln, die sie weder durch natürliche Umgebungszustände noch durch ihre eigene Physiologie erfassen könnten.

Anders als bei den hinlänglich bekannten geschönten (Photoshop) Portraits, bei denen nicht nur wie früher so mancher Pickel wegretouschiert und das Licht weich gemacht wurde sondern heute von jedem Smartphone bereits Proportionen verändert, Zähne gebleicht und Augen auf Kindchenschema vergrößert werden, wird unser grauer Alltag zunehmend durch das unverschämte Hinaufregeln von Farbsättigung und – dynamik verscheucht, wie es in analogen Zeiten nichtmal der quietschbunteste Fuji-Diafilm geschafft hätte.

An all das haben wir uns seit Jahrzehnten bereits angepasst, jedoch werden im digitalen Zeitalter auch noch ganz andere Eingriffe in unsere visuelle Wahrnehmung zur Routine.

HDR, also die künstliche Erweiterung des wahrnehmbaren Dynamikumfanges einer Aufnahme führt in Maßen angewandt dazu, dass wir (siehe oben) sowohl die Details einer im Schatten liegenden Palastmauer als auch die im gleißenden Licht liegende Festung erkennen können und selbst dem Himmel noch Strukturen abgequescht werden.

So unverschämt angewandt wir auf unserem Beispielfoto (HDR, Sättigung, Dynamik, Mikrokontrastanhebung,…) wird das ganze vielleicht noch für manche ästhetisch ansprechend aber letztlich völlig unrealistisch.

Vielleicht werden wird das alles bald ohnehin nicht mehr so sehen, schließlich sehen wir kaum mehr Tierfilme in Universum, die nicht ebenso nachbearbeitet worden sind und unsere SMART TVs verwöhnen uns mit allerlei HDR Schnickschnack inkl. Dolby Vision.

Für mich ist der Unterschied vergleichbar mit eine wohlbalancierten Würzung und einem Löffel Glutamat im Knabbergebäck. Irgendwann wird man süchtig und kann gar nicht mehr anders als sich ein Stück nach dem anderen hineinzustopfen.

Egal, ob Sie bei Ihren Urlaubsfotos auf fertige Filter zurückgreifen oder stundenlang im Lightroom herumdrehen, vergewaltigen Sie Ihren Sehsinn nicht all zu sehr sonst setzen wir uns alle bald nur mehr die Googlebrille auf, weil uns die Realität nicht mehr genügt.

PS: schauen Sie sich mal zwei alte Oscar gekrönte Dokumentarfilme wie Disney’s Die Wüste lebt oder Grzimeks Serengeti darf nicht sterben an und wechseln Sie dann unvermittelt in eine aktuelle Tier oder Landschaftsdoku.

Written by medicus58

19. Juli 2019 um 15:01

4 Antworten

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  1. Alle meine Bilder auf inntranetz.at sind minimal nachbearbeitet, mit Ausnahme der s/w Fotos, die entweder bewusst so gedacht waren oder als Rettung bei schlechten Lichtverhältnissen. Dieser Instagram-Bildhype geht mir auch auf den Keks.

    Forscher

    20. Juli 2019 at 08:42

    • Bin selbst weder auf Instagram oder Snapchat und so, gebe aber zu, dass ich sowohl beim Videoediting als auch beim digitalen Foto entwickeln mich selbst zurückhalten muss, nicht zu sehr „auf due Tube zu drücken“. Sowas wie im Standard, passiert mir aber seit Jahren nicht mehr. Als ich aber einmal mit einem bekannten (auch für den ORF) arbeitenden Dokumacher das Problem ansprach, sah der da gar keines.

      medicus58

      20. Juli 2019 at 14:17

  2. Ist ja fast wie bei einem Artikel üner Gentechnik: Nö, HDR ist nicht künstliche Erweiterung.
    Im Gegensatz zu film und unseren digitalkameras vor zehn Jahren, wo wir mit 11 Blenden Belichtungsumfang schon froh waren, schaffen neuere Videokameras mittlerweile an die 14 Blenden (und die werden auch im jeweiligen Kamera-Raw-Format gesoeichert). Auf normalen Bildschirmen kommen dann aber nur acht bis zehn davon an. Da stellt es schon einen argumentieren Mehrwert dar, eine Verarbeitungskette zu etablieren, bei der das Auge (wie natürlich) durch die ruhige Szene schweifen kann und auch noch in den dunkleren Bereichen Umrisse und nicht nur homogenes Schwarz sieht.
    Ich mag einfach „gute“ Fotos mit einem guten Dynamikumfang – und ich mag den letztendlich auch gerne wieder am/mit dem Wiedergabgegerät sehen.
    Ist auch so mit der OP-Mikroskopie: Jedes Bit mehr an Farb- und Dynamikumfang hilft.

    Anonymous

    21. Juli 2019 at 09:33

    • Selbstverständlich kann man die Technik auch dazu verwenden, ein befriedigendes visuelles Ergebnis zu erzielen. Ich fotografiere auch im RAW (bei Video ist mir der Speicherbedarf noch zu hoch) und schätze den erweiterten Spielraum. Vielleicht empfinden das nicht alle so, aber ich reagiere dann sehr empfindlich auf ein unnatürliches Verhältnis zw. Luminanz, Sättigung und Detailkontrast. Wenn die Szene Schatten zeigt, dann „weiß“ mein Auge, dass ein bestimmter Grad an Kontrast und Farbigkeit „unmöglich“ ist.

      medicus58

      21. Juli 2019 at 14:12


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