Sprechstunde

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Auf der Tangente ist die Neue Normalität die Alte

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Wer sich in den letzten vier Wochen in Wien die Öffis oder die A23 gegeben hat, dem fiel das Distanz halten nicht schwer. Selbst auf den typischen neuralgischen Punkten rollte de Verkehr meist mit den erlaubten 60 km/h dahin. Selbst in den inneren Bezirken gab es genügend Parkplätze und sogar die Anrainerzonen (Homeoffice im Zweitwohnsitz?) waren nicht wie üblich überfüllt.

Trotz erwartbarer Rückgänge der Verkehrsunfälle und -tote über die Osterfeiertage 2020 war der Rückgang schon nicht so massiv, wie es eigentlich unter den herrschenden Ausgangsbeschränkungen zu erwarten gewesen wäre:

2020: 164 Unfälle, 2019: 406 Unfälle
2020: 171 Verletzte, 2019: 490 Verletzte
2020: 4 Tote, 2019: 8 Tote
2020: 24.582 Geschwindigkeitsübertretungen, 2019: 74.730 Geschwindigkeitsübertretungen.

Wenn man heute (an den Arbeitsplatz) unterwegs war, fühlte man sich normaler, als es eigentlich sein dürfte …

Written by medicus58

15. April 2020 at 07:46

Schwitzend erregt

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Sommer hieß doch früher:

ab in die Sonne,

auch wenn das für viele nur mit dem Golf bis nach Bibione bedeutete.

Angesichts der aktuellen Temperaturen bei uns, klingt die Vorstellung von noch mehr Sonne und noch mehr blauem Himmel am Ende eines aus gebuchten Charterfluges eher nach Strafverschärfung als nach Traumurlaub. Und nur Zyniker erinnern an Rudi Carells Wann wird’s mal wieder richtig Sommer.

Im Netz wird heiß über Klimaanlagen v. s. Jalousien debattiert und bei den Salzburger Festspielen erkennt Peter Sellars dass bereits Mozart vor dem Klimawandel warnte.

Alle sind sich einig, dass die Politik etwas gegen die Klimaerwärmung tun sollte, aber seit Jahren werden in erster Linie Lösungen präsentiert, an denen irgendwer nur gut verdienen kann, deren ökologische Wirkung aber hinterfragbar ist. Wir erinnern uns an die Förderung von Neuwagen und – LKWs und jetzt eben der Schrei nach E-Mobilität.

Wenn aktuell die österreichischen Grünen wieder die seit Jahren geforderten und durchaus berechtigt Einschnitte fordern, wie einen Planungsstopp bei Fehlinvestitionen im Verkehrsbereich, die Abschaffung „perverser“ Steuerprivilegien etwa bei Kerosin oder Diesel, dann kommt klarerweise auch der Ausbau des Radverkehrs und die Deadline für die Neuzulassung von mit fossilen Treibstoffen betriebenen Fahrzeugen aber keine Kritik am globalisierten Handel. So links wollen wir es dann doch nicht und damit den Wähler verschrecken. Dass man sich aber damit kaum vom Umweltgesäusel der Mitbewerber abhebt, ist egal.

Allein die fünfzehn grössten Schiffe der Welt stossen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos. (Link SFR)

Schön wenn sich der Bobo gut fühlt, wenn er mit seinem Bike durch die Begegnungszone düst und dabei stolz seine Funktionswäsche designed in Germany made in China herzeigt.
Wenn er nicht bereit ist Politiker
zu wählen, die eine Umstellung unseres gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems einleiten wollen, dann wird das nix mit der Rettung der Welt. Wo er aber solche Politiker findet, das wäre ein anderer Beitrag.

Der Chia Samen am Smoothie,
Quinoa im Weckerl wurde bei uns zum Statussymbol und selbst in Zweite Ländern am anderen Ende der Welt wird schon (wie bei uns) Knoblauch aus China angeboten. Für den Preis einer guten Weinflasche aus Chile kann der hiesige Winzer Ihnen nichtmal einen leere Flasche etiketten und verkorken.

Wer am Friday for future wieder was von der Politik verlangt und sich dabei auch noch revolutionär fühlt, sollte sich mal überlegen, ob er jemals eine Partei gewählt hat, die ihm nur ansatzweise sinnvolle Einschnitte abverlangt hätte und auch darauf aufmerksam gemacht hat, dass das alles kaum innerhalb unseres jetzigen globalisierten (Wachstums-)Kapitalismus gehen wird.

Nein, es geht nicht primär um die Mobilität des Einzelnen sondern um die Produktion und den Transport all seiner Ge- und Verbrauchsgüter.

Das alles muss nicht den Verzicht auf jeden Spaß bedeuten, aber irgendwie wieder den Knoblauch aus dem Burgenland, das Korn aus dem Marchfeld und den Urlaub in Hotels in denen ein Teil der Wertschöpfung den Einheimischen zu Gute kommt und nicht auf riesigen schwimmenden Hotelburgen, die ihre Gäste nur kurz ans Ufer lassen, ihre Gewinne aber off shore behalten,… um wieder zum Thema Urlaub zurück kehren.

Written by medicus58

26. Juli 2019 at 18:40

Vom Mobilitätsversprechen zum Mobilitätsverbrechen

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Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Mobilit%C3%A4t) weist darauf hin, dass man unter Mobilität mehr  als nur die individuelle Beweglichkeit von Ort zu Ort versteht.

Das Versprechen individueller Mobilität ist deshalb so verlockend, dass es Politstrategen auch in jeder Debatte über die Grundfreiheiten der Europäischen Union (http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Binnenmarkt#Die_vier_Grundfreiheiten) erwähnen, um die möglichen Gefahren der anderen  „Freiheiten“ (Freier Kapital- Waren- und Dienstleistungsverkehr) nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

Die Einschränkung der Reisefreiheit in der DDR wurde von vielen Bürgern offenbar als schlimmer betrachtet als die anderen Maßnahmen des Regimes, so dass die Machthaber sogar kurfristig glaubten, dass eine Lockerung der Mobilitätseinschränkung den Zerfall des Staates aufhalten könnte (http://www.youtube.com/watch?v=oMUrzdVNTgc).

Der unheimliche Boom der Autoindustrie seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts, der zusammen mit seiner Zulieferindustrie einen wesentlichen Anteil an der industriellen Gesamtproduktion (in Deutschland z.B. ca 20%!) darstellt, wurde in der Vergangenheit -vermutlich nicht ganz zu Unrecht – durch unser aller Lust am individuellen Dahinbrausen erklärt.
Werbesujets, die bis vor kurzem das neue Auto entweder als Testosteronersatz oder Familientreffpunkt zwischen Arbeitsplatz, Schule, Einkauf und Freizeit beworben haben, schlagen in die gleiche Kerbe.
Somit kann sich auch jeder, der angesichts von Energieknappheit und Klimawandel das Auto verteufelt sicher sein, dass er bei vielen von uns ein bißchen schlechtes Gewissen voraussetzen kann.

Auch die Kampagne der Wiener Grünen im Zuge der „Parkraumbewirtschaftung„, die inhaltlich hier mehrfach hinterfragt wurde (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=81299) setzt auf dieses schlechte Gewissen.

Besteht der Bürger nun auf  die Erfüllung der politischen Mobilitätsversprechen, wird er nun als  Mobilitätsverbrechern desavouiert.

Jetzt kann naturlich kein halbwegs bei Sinnen Seiender FÜR ein sinnloses Herumbrausen im eigenen Auto sein, wenn der Weg nicht auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich wäre, jedoch stört mich das Klischee, dass die Mobilität heute ausschließlich um einen selbstüchtigen Wunsch der Bürger ist.
Weiters ärgert die unmoralische Haltung der Mobilitätsmoralisten , dass sie nicht für ein allgemeines Verbot eintreten sondern einfach die Preise hochschrauben. Fazit: Die „G’stopften“ können ungeachtet ökologischer Kollateralschäden weiterhin auto-mobil bleiben, wenn sie nur genug dafür blechen …

Was all die Mobilitätsmoralisten ausblenden, hat die SZ schon angesprochen:
Die Lebensstile der Deutschen ändern sich von Grund auf. Mobilität muss heutzutage sozial, zukunftsfähig, ökologisch und ökonomisch sein.
http://www.sueddeutsche.de/auto/mobilitaet-im-wandel-alles-in-bewegung-1.1339276

Wer heute von A nach B fährt, WILL das immer weniger, sonder MUSS das!

Wie lange hat uns die Industrie immer vorgeworfen,
wir wären alle zu wenig mobil und würden nur mehr Arbeitsplätze direkt vor der Haustüre akzeptieren!
Die Folge ist der Pendlerverkehr.

Die im Vergleich zu Inflation und Kapitalgewinnen unterpropertionalen Lohnzuwächsen zwingen immer mehr Bürger zu Zweit- und Drittjobs.
Die Folge ist eine Zunahme des Berufsverkehrs, der noch dazu unter Zeitdruck erfolgt. Die SZ formuliert das so:
Auch die Zahl der Personen die in Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, stieg in den letzten Jahren enorm an. Derzeit arbeiten etwa 7,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so. Wer aber einen Minijob hat, geht vermutlich noch anderen Beschäftigungen nach.

Die Umstellung der Pensionssysteme auf ein Ansparsystem bedingt eine Berufstätigkeit beider Partner, da sich keine(r) mehr darauf verlassen kann, dass er nach Jahren der Kinderbetreuung von der Pension seines Lebenspartners leben wird können.
Die SZ zeigt noch weitere gesellschaftliche Änderungen auf, die zu einem Zwang zur Mobilität führen:
Die Zahl der Patchworkfamilien wächst. Das heißt aber, dass es neben dem innerfamiliären Leben eines gibt, das durch die Bezüge zu Vätern oder Müttern der Herkunftsfamilie entsteht. …
Eine andere Lebensform sind die LAT’s (Living apart together). Etwa jede siebte Partnerschaft ist so organisiert, sie stellt eine bedeutende Teilgruppe der zum Wochenende fahrenden Fernpendler.

Es ist somit extrem kurz gegriffen und langfristig sinnlos, wenn Autohasser und Kampfradfahrer über die Wiener Verdrängungspolitik jubeln (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=80702).

Die Zeiten sind vorbei, in denen die individuelle Mobilität eine Teil des Freizeitverhaltens war.
Die meisten Wege, die heute unter immer größerem Zeitdruck zurück gelegt werden, sind durch gesellschaftspolitische Änderungen bedingt, das zu negieren ist Vassilakous größter Fehler.

Ein gravierendes Problem durch Verdängung und Verteuerung der Folgen lösen zu wollen, ist entweder Zeichen sagenhafter Überheblichkeit oder bodenloser Dummheit …. und davon hatten wir in der Politik schon bisher genug.

Links:
http://tu-dresden.de/forschung/wissens-_und_technologietransfer/dresdner_transferbrief/archivordner/dtb03_01/Ausgabe_03_01_komplett.pdf

Written by medicus58

14. November 2012 at 16:17

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