Sprechstunde

über alles was uns krank macht

1 Am Anfang war die Diagnose – Clinical Decision making Not only for Dummies

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In diesem Abschnitt möchte ich Folien und Inhalte aus einer Vorlesung über Clinical Decision Making hereinstellen, die ich zwar schon vor zwei Jahrzehnten zusammengestellt haben, die aber in den Grundzügen weiterhin aktuell erscheinen, zumal auch nach mehreren Änderungen des „Mediziner Curriculums“ weder im Studium noch in der Praxis wenig Zeit darauf verwendet wird, sich mit den Grundlagen und den oft zwanglsläufigen Irrtümern des medizinischen Diagnoseprozesses auseinander zu setzen.

Dass das heute noch viel wichtiger ist denn je, habe ich versucht mit dieser Folie den Studenten näher zu bringen. (Ja so sahen sie aus, die ersten Dias, die man auf den ersten DOS Grafikprogrammen bastelte und auf südteuren Belichtern zu Dias machte ….)

EinstJetzt

Nehmen wir „die Schulmedizin„, also das Gebäude aus Tradition und Empirie, das seit weniger als zwei Jahrhunderten mit den Mitteln der Naturwissenschaft auf seine Kompatibilität mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft  zu testen. dann konnten sich unsere Vorgänger, da es ohnehin nur eine Handvoll Diagnosen gab („Schwindsucht“ ), darauf verlassen, dass sie sehr bald viele ähnlich gelagerte (oder auch nur ähnlich scheinende) „Fälle“ zu Gesicht bekommen werden und sich in ihrer Diagnostik auf ihre Erfahrung verlassen. In Folge der prämortal beschränkten Mitteln der Falsifizierung einer gestellten Diagnose, fühlten sie sich auch noch immer mehr bestätigt, heute spricht man von Eminence Based Medicine.  
Im Gegensatz zu vielen halte ich diese für gar nicht einmal sooo schlecht, nur ist sie uns heute (siehe Folie) auch dadurch verwehrt, dass die Schulmedizin eine derartige Fülle von Diagnosegruppen und Subdiagnosen entwickelt hat, dass der junge Arzt auf unserem Bild all das gar nicht mehr persönlich sehen kann, sondern aus Büchern (heute auch aus PubMed und Dr. Google) lernen muss. All die subliminalen Hilfsmittel (u.a. die Availibility Heuristik, siehe später), die die persönliche Erfahrung eröffnet, kann der Arzt von heute – in Ermangelung dieser Erfahrung – schon gar nicht mehr nützen.
 
Der Diagnosegang, also all die Schritte zwischen dem Erstkontakt (Herr Doktor mir geht es schlecht) und der Ettiketierung dieses Falls mit einer der Subüberschriften aus den Lehrbüchern und dem Beginn mit der Therapie, läuft heute viel theoretischer, man kann auch sagen viel mehr im Hern als im Bauch ab, als dies von vor Jahrzehnten erforderlich war. 
Völlig unverständlich daher, dass diesen Prozessen bei uns in Lehre und Forschung sehr wenig Platz gegeben wird. 
Dazu passt, um kurz tagespolitisch zu werden, auch dazu, dass wir in den Krankenhäusern zwar ein diagnosen-basiertes Finanzierungssystem (LKF) haben, aber keine Qualitätssicherung dieses Diagnoseganges.

Das in unzähligen Vorlesungen, Ärzteromanen und -filmen strapazierte Konzept der Primavistadiagnose, also der Diagnose auf den Ersten Blick des Erfahrenen, tat ein übriges unser Bewußtsein für die Gesetze und Regeln eines modernen Diagnoseganges zu vernebeln.

Einige launige Bemerkungen über diese Erste Phase finden Sie auch in der Rubrik: Psychopathologie der Medizin (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=31494

So dass wir für heute in diesem Sinn mit Dr. Samuel Sham schliessen wollen:
LAWS OF THE HOUSE OF GOD
§13: The delivery of medical care is to do as much nothing as possible
Die beste ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun.
http://de.wikipedia.org/wiki/House_of_God 

Zusammenfassung: In der Ersten Lektion sollten Sie erfahren haben, dass wir uns in der modernen Medizin nicht nur mit der Entwicklung unseres Diagnosevokabulars sondern auch mit den Regeln des Diagnoseganges beschäftigen müssen, weil das System für Intuition, Eminence und Primavistadiagnostik zu komplex geworden ist.

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