Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Es ist richtig, dass über Zwischenfälle im Gesundheitsbereich diskutiert wird, über die Berichterstattung sollte man aber auch diskutieren

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Im LKH Salzburg kam es am 27.April dieses Jahres im Zuge eines kleinen Eingriffs bei einem 17 Monate alten Bub beim Ausleiten der Narkose zum Einatmen von Erbrochenem und einem schweren Hirnschaden. Das Kind verstarb 11 Tage später ohne aus dem Koma erwacht zu sein.

Die Salzburger Nachrichten berichteten am 5. Juni (!) von dem Fall mit der Schlagzeile:
Kleinkind starb nach Operation im Landeskrankenhaus
Gleichzeitig berichteten die Tiroler Tageszeitung, OE24 und auch Heute den Vorfall weitgehend gleichartig, also offensichtlich ohne tiefer gehende eigene Recherche.
Auch Orf.at die OÖ Nachrichten und die Kleine Zeitung fanden an diesem Tag keine anderen Worte oder Fakten:

Der Zwischenfall ist bei einer indizierten aber nicht unmittelbar erforderlichen OP passiert, das KH hat den Fall dem Staatsanwalt vorgelegt, die Eltern haben rechtlichen Beistand.

Niemand wurde bislang freigestellt, weil keine grobe Fahrlässigkeit bestand.

Nein, heute geht es mir nicht wie schon 2011 darum, dass Copy and Paste ist kein Journalismus ist.

Heute, am 19.August um 6:00 titelt die Kronen Zeitung:

Eltern klagen an: „Ärzte haben unseren David auf dem Gewissen“

Jetzt kann man über den Stil der Krone zu Recht empört sein, die die Geschichte selbstverständlich mit Babyfotos und Homestory
(„Das Gute ist, euer Kind ist nicht tot“,
„wir beatmen nur mehr einen Toten“)
4 Monate nach dem Vorfall „zum Thema macht“.

Prüft man aber den Inhalt dieses Textes, dann stößt man auf Details, die, wenn sie stimmen, durchaus schon vor Monaten berichtenswert gewesen wären und man stellt sich die Frage,
weshalb die oben zitierten Qualitätsmedien, das übersehen haben:

Angeblich war das Kind nicht nüchtern und wurde dann doch noch am selben Tag operiert, als die Eltern eine private Zusatzversicherung erwähnten.

Die Krone ist nicht die Staatsanwaltschaft und selbstverständlich gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung, solange nicht eine unabhängiger Richter (möglicherweise letztinstanzlich) ein Urteil gesprochen hat, aber in Zeiten wie diesen, wo immer wieder die demokratiepolitische Wichtigkeit der Medien als Vierten Kraft im Staate betont wird, stellt sich mir schon die Frage, weshalb angebliche Qualitätsmedien derart wesentliche Hintergründe offenbar nicht recherchierten, obwohlsie über den Fall berichten.

Natürlich bringen unerwartete Todesfälle in der Medizin Quote, der Leser kann aber mit der Tatsache an sich nichts anfangen, außer er verzichtet darauf, jemals wieder im Krankheitsfall in ein Spital zu gehen.
Wenn aber nur ein Teil des Artikels in der Krone der Wahrheit entspricht, kann man m.E. schwer behaupten, dass da alle alles völlig richtig gemacht haben.

Wer jemals in einem Spitalsbetrieb interventionell tätig war weiß, dass in der Routine durch unglückliche Verkettungen Fehler passieren können, die eigentlich nie passieren hätten dürfen.
Es ist völlig verständlich, dass die Betroffenen nun die Schuld personalisieren wollen und möglicherweise, wird das eine genaue Aufarbeitung der Ereignisse auch ergeben, nur scheint immer mehr eines klar:
Die sogenannten Qualitätsmedien scheinen – warum auch immer -nicht mehr in der Lage die Faktenlage zu ihren Nachrichten zu recherchieren. 
Das ist sehr bedauerlich, denn damit legitimiert man den Boulevard die Themenführerschaft zu übernehmen.

Ich werde berichten, wie der Fall ausgegangen ist.

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Written by medicus58

19. August 2018 um 13:44

Eine Antwort

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  1. Außer der Reihe: Morgen, Sa 25.8. / 20.15h West Side auf Servus TV 🙂

    Christine Kainz

    24. August 2018 at 19:00


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