Sprechstunde

über alles was uns krank macht

DIE OECD irrt, unsere Spitäler sind billig und werden jetzt ohnehin geschlossen

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Ein Hausmeister für die Steiermark

Wer es wissen will, den klärt heute die PRESSE darüber auf, weshalb uns unser Gesundheitssystem so teuer kommt (http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4859167/Warum-das-Gesundheitssystem-zu-teuer-ist)

Mehr Spitalsbetten als andere OECD Länder
Zu wenig ambulante Operationen
Jährliche Gesundheitsausgaben 34,8 Milliarden.
Der Großteil (?!?)
(38,8 Prozent)  fließt in stationären Bereich
Nur (?!?) 25,2 Prozent in ambulanten Bereich
Arzneimittel: 12,2 Prozent (also eh ein Schnäppchen, wie die Pharmaindustrie sagt)
Rest: Langzeitpflege, Krankentransporte, medizinische Geräte, Verwaltung

Praktisch gleichzeitig stößt auch DER STANDARD in dieses Horn (oder sollte man schon von einer Eiterblase sprechen?)
http://derstandard.at/2000025065823/OECD-Bericht-Oesterreich-ein-Land-der-Spitalsbetten

Pro 1.000 Einwohner / 7,7 Krankenhausbetten (2013), mehr habe nur Japan (dort werden z.B. aber auch Altersheime hineingerechnet!) Pflegeheime, Korea, Russland und Deutschland.

Auf den Punkt brachten den eben veröffentlichten OECD Bericht aber die OÖ NACHRICHTEN:
Österreich, das Land der Spitalsbetten und Impfgegner
http://www.nachrichten.at/nachrichten/gesundheit/Oesterreich-das-Land-der-Spitalsbetten-und-Impfgegner;art114,2021660
schließlich rügte der Bericht auch die einheimische Impfmoral

Nur das NEUE VOLKSBLATT titelt noch „verständlicher“, wie wir Ösis uns verhalten:

Ziemlicher Durst und viel im Krankenhaus
http://www.volksblatt.at/politik/ziemlicher_durst_und_viel_im_krankenhaus_05112015/
s
chließlich liegt unser Alkoholkonsum knapp hinter Litauen und noch vor Russland, wobei ich mich frage, wie der touristische Alkoholkonsum der Russen in Österreich berücksichtigt wurde

Egal, zum x-ten Mal richtet uns die OECD aus, dass wir

zu viele Spitalsbetten und zu viele Ärzte haben,

wobei überraschenderweise unsere Gesundheitsausgaben (zumindest das was die OECD Rechnung berücksichtigt) mit 10,1% des BIP nur relativ knapp über dem OECD Durchschnitt (8,9%) liegen und doch deutlich unter dem der USA (16,4%) liegen.

Mit anderen Worten, wir haben in Ö ein vielleicht intramural wirklich überdimensioniertes aber vergleichsweise unterfinanziertes Gesundheitssystem.

Anders lässt sich die Diskrepanz zwischen angebliche enormer Überversorgung und unter-proportionalen Mehrkosten nicht erklären.

Das relativiert auch die gesundheitsökonomische Milchmädchenrechnung:
stationärer Aufenhalt teuer – ambulante Leistung billiger – schließt die Spitäler und alles wird gut

Die möglichen Ersparnisse sind vermutlich viel geringer wenn wir mehr Leistungen tagesklinisch machen, als in den Ländern, die kostendeckende Preise für Spitalsleistungen zahlen.   

Natürlich haben wir auch hinterfragbare Spitalsstandorte weil die Landesfürsten das so wollen, so wie die – verlässlich vom Gesundheitsökonom Pichlbauer in der Presse zitierten – Krankenhäuser Kittsee und Hainburg, und natürlich ist das System wie es ist, weil es das Resultat einer engen Verklammerung von Politik und Sozialversicherung ist, die dem Gesundheitssystem Dutzende Aufgaben (Wählerbefriedigung, Regionalförderung, wirtschaftliche Querfinanzierung, …) aufbürdet und somit eine realistische Kostenrechnung verhindert.
Aber das passierte nicht einfach, das ist Absicht!
So fällt eben nicht auf, dass dem PA Arzt z.B. eine rektale Untersuchung mit weniger als 3 € vergütet (Handschuh und Gleitmittel, sowie Ordinationshilfe, Ordination, … inklusive; Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich  http://wp.me/p1kfuX-jY).

Natürlich ist es dann billiger den Patienten ambulant untersuchen zu lassen, weil diese Untersuchung ohnehin kaum ein Arzt unter diesen Bedingungen durchführen wird.
Natürlich ist es für die Sozialversicherungen billiger die Leute im Krankenhaus zu versorgen, weil sie dort die Kosten auf den Steuerzahler überwälzen können, solange die Refundierung nicht aus einer Hand erfolgt. Die politisch infestierten Landesgesundheitsfonds und Zielsteuerungskommissionen  (http://www.bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Gesundheitssystem_Qualitaetssicherung/Institutionen/Die_Landesgesundheitsfonds) sind kein Ersatz für eine Refundierung aus einer Hand, ganz im Gegenteil, schließlich sind diejenigen, die dieses System wirklich tragen ohne Einfluss.

Was aber der OECD Bericht verschweigt, ist meines Erachtens viel kritischer als die 1,2% BIP, die wir in Österreich mehr als der OECD Durchschnitt in das Gesundheitssystem lenken:

Aktuell wird in diesem Land der Krankenhaussektor kannibalisiert ohne den für die Pflichtversicherten insuffizienten extramuralen Sektor für zusätzliche Aufgaben zu stärken.

Und man komme mir jetzt nicht mit den halbgaren Traumvorstellungen der PHCs (PHC: Für wie blöd halten uns die eigentlich? http://wp.me/p1kfuX-11t), die für manchen ohnehin nur ein Werkzeug sind „billige Ärzte“ ohne Standesvertretung anzuheuern und den in Wien kläglich gescheiterten Versuchen politischer Freunderlwirtschaft (Zur Quadratur des Primärversorgungszentrum im 22. Wiener Bezirk http://wp.me/p1kfuX-Vz).

In Wien wird das Spitalskonzept 2030 (Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration http://wp.me/p1kfuX-K9) aktuell so durchgeführt, dass eben nicht nur die kleinen Spitäler geschlossen und die Leistungen in die großen Schwerpunktspitäler verlagert werden, sondern dass auch die bestehenden Schwerpunktspitäler (WSP, KHL, KFJ, RUD, DSP und irgendwann mal KH Nord) ausgehöhlt werden, Diensträder gestrichen, Abteilungen zusammen- oder stillgelegt werden. Das Versorgungsproblem wird hier nicht nur das Fehlen der entsprechenden Fachabteilungen für die Patienten sein, sondern in erster Linie der Ausfall der Konsiliarleistungen für die bestehenden Abteilungen. Schließlich hat auch mal ein Tumorpatient eine dermatologische Fragestellung und die Geburtsklinik benötigt augenärztliche Hilfe für ihr Neugeborenenscreening …
In der Steiermark gewinnt das hier schon 2012 besprochene Zusammenstreichen (Es tut sich was, nur was? Spitäler im Um- und Abbau http://wp.me/p1kfuX-lV) endlich Fahrt:
http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/leoben/peak_leoben/4853828/KalwangBruck_Keine-Gespraeche-uber-Schliessung
In  rezent noch eine Geburtshilfe http://noe.orf.at/news/stories/2736300/
In Tirol prozessiert man nach der Schließung des Kitzbühler Spitals noch immer http://www.tt.com/panorama/gesellschaft/9569555-91/krankenhaus-kitzb%C3%BChel-nachwehen-klingen-ab.csp
Nun, Kärnten ohnedies http://kurier.at/politik/inland/sparpaket-in-kaernten-weniger-geld-fuer-die-spitaeler/143.225.688 

Und so weiter und so weiter …

Man kann die OECD beruhigen, die österreichische Gesundheitspolitik ist im Herunterfahren ihrer öffentlichen Spitäler ohnehin fleißig am Werk. Nur geht es hier nicht um eine effizientere Versorgung, sondern um eine Leistungsreduktion für die Pflichtversicherungen, einfach indem die Zugänglichkeit weder intra- noch extramural besteht.

Probeballons gabt es schon viele und da werden plötzlich auch Leistungen in Spitäler verlegt, wenn es der Politik ins Downsizing-Konzept passt.
Auch wenn z.B. beim  Versuch im Pinzgau die Verträge der extramuralen Radiologen nicht mehr zu verlängern und die Leistungen nur mehr im Spital anzubieten augenblicklich eine Art Stillhalteabkommen gefunden wurde (http://www.salzburg.at/themen/leben.html?nachrid=55585), zeigt diese Aktion, dass es der Politik letztendlich nicht darum geht, den OECD Vorgaben zu folgen und die extramurale Zugänglichkeit für die Versicherten zu stärken, sondern nur die Zugänglichkeit zu zugesicherten Leistungen zu erschweren.
Ein anderes Beispiel für die komplette Irrationalität unserer Gesundheitspolitik ist die Thyreologie.
Mit der Einführung der exogenen TSH Stimulation mittels menschlichem schilddrüsenstimulierenden Hormon in der Nachsorge nach differenziertem Schilddrüsenkarzinom, die problemlos extramural durchgeführt werden kann, verweigerte der Hauptverband eine extramurale Refundierung und beschloss, dass diese zwei i.m. Injektionen mit nachfolgender Blutabnahme NUR im Krankenhaus durchgeführt werden darf, weil es schließlich eine Folge der im Spital vorgenommenen Schilddrüsenentfernung darstellt. Dass diese Diagnostik erst 6 – 12 Monate NACH der Operation stattfindet, war belanglos. Man kanalisierte die Patienten wieder ins Spital, weil dort zahlt der Steuerzahler mit und die Untersuchung belastet nicht die Kasse der Kasse. Man muss sich diese Logik auf der Zunge zergehen lassen. Wer eine Schilddrüse operiert und das Pech hat, dabei ein Karzinom entfernt zu haben, büßt dafür, in dem er ein Jahr später ohne Refundierung eine Nachsorgeuntersuchung bieten muss; operiert er (vielleicht) sinnlos eine gutartige Schilddrüse, erspart er sich diese Kosten…
Die Wartezeiten für Schilddrüsenpatienten sind insbesondere im Osten unerträglich lange, weil die Pflichtversicherungen diese Leistungen kaum mittels Kassenverträgen refundieren. Die Aufsichtsbehörde setzt sich aber nicht für die Refundierung ein sondert genehmigt private Institute, in denen sich die Pflichtversicherten die Untersuchung selbst zahlen.
Die unzureichende Versorgung onkologischer Patienten mit Strahlentherapie (http://wien.orf.at/news/stories/2739429/) wird von der Landespolitik seit Jahren immer wieder abgestritten, auch wenn die Versorgung den Bundesvorgaben nicht entspricht.
Andererseits beschloss man, dass eine lebensverlängernde und problemlos ambulant zu verabreichende Radionuklidtherapie von Knochenmetastasen des hormonresistenten Prostatakarzinoms (http://www.xofigo.com/hcp/) NUR im Rahmen eines dreitägigen (!) stationären Aufenthaltes refundiert wird. Zur Sicherheit hat man aber z.B. in NÖ für keine einzige Abteilung eine Umgangsgenehmigung für diese Therapie angesucht, so dass man die Therapie überhaupt nicht anbieten kann.

Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden.

All diejenigen, die nun glauben, dass der „Health at a Glance“ Bericht der OECD als Munition für ein weiteres Herunterfahren der Spitalsleistungen taugt, sollten einmal erklären, welche Leistungen andere Gesundheitssystemen ihren Pflichtversicherten zugänglich machen und nicht nur die Anzahl der Spitalsbetten und ambulanten Kleinoperationen vergleichen.

Wenn die österreichische Gesundheitspolitik klammheimlich Leistungen von extra- nach intramural  verschiebt, nur um dann den OECD Bericht als Argument zu verwenden auch die intramuralen Leistungen herunter zu fahren und sich so die Refundierung gänzlich zu ersparen, hat das mit Effizienzsteigerung nichts zu tun sondern ist schlicht und einfach Rationierung.

Wenn wir uns nicht mehr leisten können oder wollen, ist das auch OK, nur sollte man es den Versicherten sagen und nicht darauf hoffen, dass sich die Bessergestellten diese Leistungen ohnehin privat dazukaufen. Das ist Betrug an allen Pflichtversicherten.

Written by medicus58

5. November 2015 um 21:46

5 Antworten

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  1. Immer nur raunzen und keine Lösungsvorschläge

    Anonymous

    7. November 2015 at 08:25

  2. Hallo medicus, wann liest man wieder von Ihnen? Entzugserscheinungen machen sich breit😉

    Christine Kainz

    15. November 2015 at 23:42


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