Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Was auch noch für ein öffentliches Krankenhauswesen spricht

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Schon der römische Dichter Ovid (43 v.Chr.-17 n.Chr.) wusste, dass sich Armen der Staat verschließt und nur Geld Ämter und Ansehen giben,
trotzdem gibt es gute Gründe dafür, dass essentielle gesellschaftliche Leistungen besser in den Händen des Staates blieben, als in denen des kapitalistischen Marktes.

Deutsche Gesundheitswissenschafter zeigten in ihrer Studie Umgang mit Mittelknappheit im Krankenhaus auf, welchen Einfluss der ökonomische Druck auf die Entscheidungen im Krankenhaus hat.
http://www.mcn-nuernberg.de/vbc2015/92vbc-abstracts/H_01_gender__00028.pdf

In einer Befragung von über 2.100 leitenden Ärzte, Pflegedienstleitern und -direktoren gaben 45 Prozent der deutschen Chefärzte gaben häufige Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen Zielsetzungen und wirtschaftlichem Druck an.
Während die Gesundheitspolitik weiterhin das Mantra von der „Spitzenmedizin für alle“ mussten in Deutschland 46 Prozent aller Chefärzte Patienten mindestens einmal in den letzten sechs Monaten eine nützliche Leistung vorenthalten.
KAV: Superkalifragilistisch Expealigorisch http://wp.me/p1kfuX-RB

Auch in der Pflege sind Entscheidungskonflikte zwischen medizinischen Zielen und wirtschaftlichen Zwängen erschreckend hoch: 88 Prozent der Pflegedienstleitungen, 81 Prozent der Krankenhausgeschäftsführungen und 72 Prozent der Chefärzte haben nur „selten“ oder „manchmal“ ausreichend Zeit für die Patienten.
Ob die 21 Prozent der Pflegedienstleitungen, die behaupten dass das Pflegepersonal „sämtliche erforderlichen Pflegeleistungen immer“ durchführen kann, nur optimistisch waren oder einfach selbst vor lauter Bürokratie einfach keine Zeit mehr hatten sich die Lage mit eigenen Augen anzusehen, muss offen bleiben.

Die Studie geht aber auch auf die ökonomisch motivierte Überversorgung von Patienten ein.
Wie in Deutschland steigen auch in Österreich im internationalen Vergleich diejenigen stationäre Leistungen an, für die es noch relative hohe Refundierungen gibt. 39 Prozent der befragten Chefärzte gaben, zu dass ökonomische Gründe zu nicht erforderlichen Eingriffen führen.
Hinterfragen Sie einfach die Anzahl der Schilddrüsenoperationen, Knie- und Hüftprothesenimplantationen, Schrittmacherimplantationen, … etc.  in ökonomisch vergleichbaren Ländern!

Und dann überlegen Sie sich wem Sie als Patient vertrauen können, wenn er ihnen einen bestimmten Eingriff empfiehlt:

  • einem angestellten Arzt dessen Entscheidungen keinen direkten Einfluss auf sein Gehalt haben, in einem öffentlichen Krankenhaus, dessen eventuelle Verluste bis zu einem gewissen Rahmen (noch) durch öffentliche Budgets abgedeckt werden, weil der Gesundheitspolitiker wiedergewählt werden will
  • einer konfessionellen Einrichtung, deren einzige Verlustabdeckung jenseits des Refundierungssystems im Einbringen von Spenden besteht oder
  • einer rein privat geführten Einrichtung mit Gewinnerwartung.

Natürlich haben alle Recht, die einwenden, dass es doch nicht sein kann, dass man für ein System votiert, das nur deshalb relativ objektiv agiert, weil ihm die Politik (noch) eine gewisse ökonomische Narrenfreiheit gewährt, aber so lange wir keine kostendeckenden Refundierungstarife im Gesundheitssystem haben, ist die beschriebene Vorgangsweise für den einzelnen Patienten die sicherere. Langfristig wäre natürlich eine völlige Kostenwahrheit im System wünschenswert, jedoch ist sollte auch dann eine Junktimierung zwischen medizinischer Entscheidung und Ökonomie unterbunden werden!

Dieser Beitrag ist in inhaltlich eine Fortsetzung von: Gegen die Reform des öffentlichen Gesundheitssystems http://wp.me/p1kfuX-12D

 

PS: das Bild zu diesem Beitrag stammt aus einem anderen meiner Blogeinträge: Verpasste Karriere in Kairo http://wp.me/p1kfuX-Lc

Written by medicus58

28. Oktober 2015 um 07:00

2 Antworten

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  1. stimme überwiegend zu. öffentliches gesundheitssystem ja, darunter fällt mE aber der gesamte ASVG-Bereich, also zb auch der niedergelassene (kassen-)arzt, obwohl er als freiberufler gewinnorientiert arbeitet. darunter fällt jedenfalls das gemeinnützige spital in privater trägerschaft (in Ö grtls Ordensgemeinschaften, in D zB Rotes kreuz oder Johanniter, malteser). Trägervielfalt ist wünschenswert und – in relativ engen Grenzen – auch ein bißl Wettbewerb kann qualitätsförderlich sein (übrigens: auch innerhalb eines trägers kann wettbewerb funktionieren)

    gerhard fuchs

    28. Oktober 2015 at 10:51

    • Solange das formal vielleicht einheitliche ASVG-System aus verschiedenen Töpfen bezahlt wird und ganz unterschiedlichen Interessen (neben der Gesundheitsversorgung) dienen muss, haben wir kein einheitliches System. Es wird nur politisch so getan und im Hintergrund ausgelagert.
      Ob Wettbewerb im Gesundheitssystem etwas Gutes ist, darüber wurden Bände geschrieben. Da aus gutem Grund der Wettbewerb nicht über die wichtigen Dinge laufen darf (Wie wollen Sie den Ihren Krebs behandeln lassen?), wird der Wettbewerb über Nebensächlichkeiten (schöne Portale und miese Diagnostik) laufen. Internes Benchmarking kann eine gute Sache sein, aber deshalb brauche ich nur mehrere Standorte und nicht mehrere Anbieter.
      Der freie Beruf des Kassenarztes kann angesichts der offenen und unbesetzbaren Stellen ohnehin als gescheitert betrachtet werden.

      medicus58

      28. Oktober 2015 at 11:09


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