Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Klassenkampf in den Ordinationen

with one comment


 

Wir hatten das Logo von MEDICLASS schon einmal hier im Blog, nur ging es damals um ganz etwas anderes (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=53958) und ich gebe es zu,
ich klicke nicht auf alles, was mir unter die Maus kommt.

Als ich nun in der gestrigen Ausgabe von HEUTE über einen (nicht als Werbung gekennzeichneten) Artikel von www.mediclass.com stolperte, war ich zwar auch noch mehr von
Onkel Frank’s gedrucktem Schwachsinn
EINE REVOLUTION FÜR ÖSTERREICH
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=57408
fasziniert und musste zuerst meinem Tagtraum einer Symbiose von
Frank Stronach und Captain Jack Sparrow
zu ihrem digitalen Leben verhelfen.

Heute kam ich erstmals dazu den Artikel (nochmals keine Werbung) zu lesen:

Private Fachärzte für jeden leistbar!
Längst ist die Zweiklassenmedizin in Österreich Realität. Erstklassige und schnelle Behandlung gibt es nur bei privater (und teuerer) Vorsorge.
Doch das muss nicht so sein. Ein neues Konzept bietet jetzt exklusive Top-Medizin – leistbar, persönlich und zeitsparend.
Der mediclass-Gesundheitsclub mit Sitz in der Wiener Vorgartenstrasse 206C hat die patientenfreundliche Idee umgesetzt: hochwertige ambulante Privatmedizin mit einfachem und leistbarem Zugang.
Ab 24,90 Euro im Monat stehen in einem einzigen Haus (mediclass-Zentrum) selbstständige private Fachärzte aller Richtungen zur Verfügung ….

Na endlich, kann man da nur sagen und surft die Seite an und liest Vertrauenserweckendes:

Offizieller Gesundheits-Partner der Österreichischen Fußball-Bundesliga
Ausgezeichnet von der Kronen-Zeitung
Offizieller Gesundheits-Partner des Alpenverein Edelweiss

Unter Presse erfährt man dann, dass die Pläne der Betreiber hoch fliegen:

Investiert wurde eine Summe von rund 2,5 Millionen Euro.

Im nächsten Jahr soll ein weiteres Zentrum, im darauffolgenden Jahr zwei bis drei mediclass Zentren entstehen. „Bis zum Jahr 2021 sollen 21 Zentren eröffnet sein, davon zehn bis 15 in Österreich, der Rest im umliegenden Ausland.

Na dagegen wirkt ja das Geschäftsmodell von DrEd, wir haben kürzlich berichtet (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206), echt mickrig.

Aber wie rechnet sich das?
Allein, um die Investitionen herein zu bringen müssen über 100.000 Monatsbeiträge eintrudeln.

Und bei den üblichen Privathonoraren der „Professorenmedizin“ von 100-200 € pro Ordination müssen da schon ganz viele Leute einzahlen, ohne im Zentrum aufzutauchen, damit Sie den „Herr Univ.Prof.“ sprechen können.

Und wieso „macht’s Ihr Arzt plötzlich persönlich UND billiger“,
etwas was Ihnen nichteinmal Ihr Tischler verspricht?

Da aber die Homepage jedem Clubmitglied einmal pro Jahr einen Gesundheitscheck im Wert von 400 € verspricht, der nichteinmal durch den Jahresbeitrag von 298,80€ (=12*24,90) abgedeckt wird, haben wir es offenkundig mit einem Club von echten Menschenfreunden zu tun…

Also, da Zyniker wie meinereins an so ein Geschäftsmodell nicht glauben können: WAS STECKT DAHINTER?

Lesen wir das Kleingedruckte:

Die Mitgliedschaft bietet eine optimale privatmedizinische Versorgung im Zentrum mit bis zu 80 % Rabatt auf die Privatpreise der Ärzte
(Beispiel: Patientin in Wien, WGKK versichert, Erstordination beim Internisten inkl. EKG: Privatpreis € 120,-, mediclass Mitglied zahlt nur € 35,-.
Ihre Ersparnis beträgt € 85,-).

„WGKK versichert“ will wohl heissen, dass man sich zusätzlich der Refundierung des Wahlarzttarifes (=80% des Kassentarifes) bedient.
Hat der Versicherte aber bereits einen Facharzt in diesem Quartal aufgesucht, dann wird die Gebietskrankenkasse KEINEN WAHLARZTTARIF refundieren; vermutlich auch für Folgebesuche…

Außerdem bietet mediclass regelmäßige kostenlose Informationsveranstaltungen und Informationen zum Thema Gesundheit an.

Also offenkundig kann sich das Geschäftsmodell nur rechnen, indem man ZUSÄTZLICHE LEISTUNGEN anbietet, für die dann keine Teilrefundierung durch die Krankenkasse angeboten wird …. erinnert uns das an die bekannten Busreisen mit reissendem Wärmedecken-Absatz?

Also die Hoffnung, dass man nun für den Gegenwert einer besseren Flasche Wein ein Doc-Hopping und -Shopping betreiben kann, muss wohl wieder einmal begraben werden.

Aber woher kommt den das alles?
Weshalb schalten immer mehr Patienten das Hirn aus und glauben, das Staubsaugervertreter Gewäsch: (wir zitieren wir aus dem Artikel von HEUTE)

Erstklassige und schnelle Behandlung gibt es nur bei privater Vorsorge.

Jahrzehntelange Berichterstattung über

massive PR für sogenannte alternative Methoden,
Bittere Pillen,
Versagende Gesundheitsreformen,
Spitalskandale,
pleitegeredete Krankenkassen, … etc.

haben es geschafft, dass das Vertrauen der Bürger in das öffentl. Gesundheitssystem absichtlich zu untergraben, um sie in den Privatsektor zu lenken.
Die gefühlte Diskrepanz zwischen überzogenen Versprechungen der Politik und die Konfrontation mit einer durch Einsparungen immer unzugänglicheren öffentlichen Medizin in den Ordinationen und Spitälern hat viele Menschen verunsichert.

Bereits der erste Beitrag dieses Blogs beschäftigte sich mit diesem Problem:
Österreicher haben Angst vor Kürzungen im Gesundheitswesen

http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206

Es wäre auch hoch an der Zeit, dass auch die Gesundheitspolitik das Vertauen in die öffentliche Gesundheitsversorgung wieder herstellt und sich nicht insgeheim freut, dass die verunsicherten Patienten von derartigen Versprechungen, wie wir es auf mediclass.com lesen können, in den privaten Sektor gelockt werden.
Wenn wenn sie dann wirklich krank sind,
dann kommen sie ohnehin wieder sehr schnell in das öffentliche System zurück,
dann wird der freundliche Herr Professor darauf verweisen, dass halt nur die Erstordination zu so guten Tarifen möglich war, die jetzige Begutachtung aber etwas teurer kommen wird …

Oder glaubt irgendwer, dass Ärzte in solchen Geschäftsmodellen arbeiten würden,
wenn sie nicht dort mehr verdienen würden, als im hergebrachten System, eben.

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