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Zur Debatte über die Privatmedizin oder deutsche Verhältnisse ziehen ein

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Es ist der Sozialministerin der FPÖVP Regierung halt wieder mal passiert: Nein, nicht der gestrige Auftritt, in dem die für Herbst 2018 angekündigte „große Pflegereform“ mit medialem Getöse auf nächstes Jahr verschoben wurde, sondern das Hoppala davor, das nun weggeredet werden musste:
Keine Bevorzugung von Sonderklassepatienten in Ambulanzen

Konkret steht in den Erläuterungen für die geplante Novelle des
Krankenanstalten und Kuranstaltengesetzes
folgender Passus (wieso das dauert novelliert werden muss um die Gesetzeskonformität der politisch gewünschten Änderungen im Gesundheitssystem notdürftig zu erhalten, steht auf einem anderen Blatt) :

 „Zur Unterstützung der Umsetzung des spitalsambulanten Abrechnungsmodells haben die Länder die Möglichkeit, die Einhebung von Sonderklassegebühren für jene Leistungen vorzusehen, die bisher stationär erbracht und für die die Verrechnung von Sonderklassegebühren möglich war, die nunmehr aufgrund des spitalsambulanten Abrechnungsmodells ambulant zu erbringen sein werden. Der Einhebung solcher Sondergebühren haben adäquate Leistungen gegenüberzustehen.“ 

Pflichtschuldig erhob sich die Warnung der Opposition vor der Zweiklassenmedizin und empört verteidigt sich die Regierung, dass es die ja sicher nicht geben wird. Welche Farbe die beiden gerade tragen ist unerheblich, die verlogene Debatte wird seit Jahrzehnten geführt und keinen stört es, dass ja nicht nur das Gesundheitssystem (Privatkrankenhäuser, -versicherungen, -ordinationen, …)
sondern schon längst auch das Bildungssystem
(Privatkindergärten, -schulen, -universitäten, Fachhochschulen, …),
verschiedene hoheitliche Aufgaben (Flüchtlingsbetreuung -Drasenhofen),
und das Pensionssystem (Zweite und Dritte Säule) –
streng nach neoliberalem Fahrplan – „dem Markt geöffnet wird„. 

Jetzt kann man ja das alles mit gewissen Argumenten auch ganz gut finden und von mehr Privat weniger Staat, Professionalität, Synergie oder Effizienzsteigerung faseln; Diesem Nebeneinander von Staat und Privat verdankt auch Ihr Medicus den Teil seines Einkommens, den seine öffentliche Dienstgeberin nicht bezahlen möchte oder kann. (Sonderklassen- oder Privatordination betreibe ich übrigens keine).
Was aber keinesfalls OK ist, ist die schmierige Vermischung zwischen den Bereichen.
Und damit meine ich nicht die angedachte Sonderklasse im Ambulanzbereich, denn das hat (unter dem wohlwollenden Auge der Ärztekammer und der öffentlichen Betreiber) ganz andere Beweggründe, weshalb das nun in das Gesetz rutschen soll:
Hier geht es um die (vor allem onkologische) Leistungen, die ganz früher stationär, dann tagesklinisch und nun ambulant erbracht werden sollen. Das würde den Sonderklasseversicherungen viel Geld ersparen und die öffentliche Hand hätte den Gehaltsverlust der angestellten Ärzte übernehmen müssen oder hätte noch mehr unbesetzbare Stellen.

Was ich als schmierige Vermischung meine, ist einerseits die fehlende Abdeckung bestimmter Versorgungsleistungen durch die Pflichtversicherung (Zahn, Auge, Schilddrüse, Gyn, Haut, Kinderpsych, …), weil man sich darauf verlassen konnte, dass sich die Versicherten daran gewöhnt haben dafür selbst zu berappen. Andererseits geht es hier um die stillschweigend erhöhten Transferleistungen der öffentlichen Hand an nicht-staatliche Betreiber

Bei meinen digitalen Streifzügen durch die Untiefen der Medizin bin ich unlängst aber auf ein vielsagendes Dokument gestoßen:
Auf der offiziellen Homepage einer Abteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses wird ganz prominent (siehe Screenshot) für die Anmeldung zu einer Chefarztbehandlung geworben.
Nein, dabei handelt es sich NICHT um die Chirurgische Universitätsklinik!

Jetzt ist dies in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert
Erstens wird die „Zweiklassen-Medizin“ auf der Homepage eines Gesundheitsdienstleistungsanbieters der öffentlichen Hand (sowohl des Landes (KAV) als auch des Bundes (BMWF) beworben.
Zweitens verrät das wording und die Wikipedia doch sehr deutlich, aus welchem Nachbarstaat der Abteilungsleiter kommt. 

Ein Chefarzt ist in Deutschland ein Arzt in leitender Funktion, in der Regel in einem Krankenhaus.
Die österreichische Bezeichnung dafür ist Primarius, Primararzt oder Primar.
Chefarzt hat in Österreich umgangssprachlich eine andere Bedeutung:
Arzt einer Krankenkasse, der z. B. die Kontrolle des Krankenstandes vornimmt[1] sowie gesundheitsökonomische Belange (vor allem betreffend Heilmittel, Pharmaka, Gesundheitsprodukte) kontrolliert, – vergleichbar dem deutschen Medizinischen Dienst der Krankenversicherung.

Googeln Sie mal nach „Chefarztbehandlung“ und Sie werden interessante Diskussionsbeiträge dazu finden, aber unter diesem Begriff keinen aus Österreich.
In unserem Nachbarstaat scheint es inzwischen üblich, dass an Universitätskliniken der Chefarzt im Webauftritt um Privatpatienten wirbt. Die von dort an unsere Universitätskliniken berufene Kollegenschaft, scheint das nun auch gleich mit zu importieren: 

Universitätsklinikum Regensburg
Privatambulanz und Chefarztbehandlung

RWTH Uniklinik Aachen

Universitätsklinikum Heidelberg

Universitätsklinikum Essen

Universitätsklinikum Gießen Marburg

Written by medicus58

6. Dezember 2018 at 07:55

Darf’s a bisserl mehr sein: Ärztliches Körberlgeld am Pranger

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IGEL

Dass das Gesundheitswesen einen Wirtschaftsfaktor darstellt, sollte uns nicht neu sein und dass das ärztliche Einkommen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf Mehrleistungen beruht, auch nicht.
Was liegt da näher, als Einkommensverluste durch sinkende (= u.a. nicht inflationsbereinigte) Kassentarife durch das Angebot von „Extraleistungen“ (die Deutschen nennen das IGEL (=Individuellen Gesundheitsleistungen) aufzufangen. Zufällig stolperte ich über diese deutsche Anweisung zur Privatliquidation aus dem Jahre 2002, wo explizit geraten wurde den Patienten ein Schilddrüsen-Screeninganzubieten, auch wenn dies von den Pflichtversicherungen nicht abgedeckt wird:

Tipp: Machen Sie Ihren Patienten bei der IGEL-Aufklärung deutlich, dass ihr finanzielles Risiko durch die mögliche Weiterbehandlung auf Kassenkosten relativ gering ist. So können Sie die Inanspruchnahme der Leistung erheblich ankurbeln. 
http://www.iww.de/aaa/archiv/privatliquidation-schilddruesen-screening-nutzen-sie-die-akzeptanz-in-der-bevoelkerung-fuer-diese-vorsorgeleistung-f39090

Im Klartext: Der Patient zahlt für die scheinbare Sicherheit, dass ohnehin alles in Ordnung ist, wenn also die Untersuchungen unnötig waren, diese aus eigener tasche. Stellt sich heraus, dass man doch irgendetwas abnormes findet, übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Die Empfehlungen, die in Abrechnung aktuell – Ausgabe 11/2002, Seite 9 erschien, muss man sich auf der Retina zergehen lassen;

In diesem Minimalfall errechnet sich zum Beispiel mit dem Ansatz des 1,43fachen Faktors zur Nr. 417 ein Endpreis von 45 Euro. Der Preis läge damit deutlich unterhalb der psychologischen Schwelle von 50 Euro. Dies steigert die Akzeptanz der Selbstzahlerleistung erheblich, ist aber selbstverständlich nicht bindend. Selbst ein Preis von 55 Euro (Schwellenwert) wird gut akzeptiert. Letztlich müssen Sie selbst abwägen, wo in Ihrer Praxis der betriebswirtschaftlich optimale Punkt zwischen Preis und Nachfrage liegt.

Sie können auch den Preis für den Standardfall einschließlich der abschließenden Beratung (GOÄ-Nr. 1) darstellen und dem Patienten erklären, dass sich der Preis bei einem sich ergebenden krankhaften Befund entsprechend mindert. Beachten Sie: Es ist besser, den gesetzten Preis nicht nachträglich zu verteuern. Das würde die Vertrauenswürdigkeit Ihres Angebotes untergraben.

Als Alternative bleibt noch, die mögliche Preisspanne (mit oder ohne Blutentnahme und Anschlussberatung) darzustellen. Da erbrachte Leistungen auch berechnet werden müssen, ist dies rechtlich sogar der korrekte Weg, aber häufig schwerer vermittelbar. Leichter wird dies, wenn Sie mit Ihrem Laborarzt und einer Abrechnungsstelle zusammen eine Gesamtdarstellung Ihres Angebotes erarbeiten.

Nun scheint in Deutschland das System zurückzuschlagen:

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat das Portal „igel-aerger.de“ gestartet, auf dem Patienten ihren Ärger über die Art, wie ihnen individuellen Gesundheitsleistungen angeboten wurden, loswerden können.

Anlass zur Gründung des Portal sei eine Online-Umfrage von 15 Verbraucherzentralen unter 1.734 Teilnehmern aus dem Jahr 2012 gewesen, so die Projektleiterin Christiane Lange von der Verbraucherzentale NRW auf Anfrage (http://praxis.medscapemedizin.de/artikel/4900050).

Um welche Summen es hier geht wird klar, wenn man liest, dass die Seite deer Verbraucherzentrale 689.900 Euro für 2,5 jahre wert war und die Aktion auch vom deutschen Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz unterstützt wird.

Auch wenn es den Jüngern des Marktes nicht passen wird, es spricht meines Erachtens sehr viel dafür, das solidarisch finanzierte (öffentliche) Gesundheitswesen nicht dadurch querfinanzieren zu lassen, dass es den Teilnehmern stillschweigend freigestellt wird, daneben noch einen Bauchladen von Sonderangeboten anzubieten.
Wenn diese Angebote medizinisch sinnvoll sind, dann haben sie
entweder durch die Pflichtversicherung abgedeckt zu werden (unwahrscheinlich bei einigen sehr teuren Therapien),
oder man macht den Versicherten transparent,
dass wir alle uns das nicht leisten können und zugeben,
dass hier die Zwei-Klassen-Medizin beginnt.

Die aktuelle Mischform des „Darf’s a bisserl mehr sein“ bzw.
meinen MR zahle ich mir halt selbst, um das solidarische Gesundheitssystem damit zu zwingen mir eine Knieprothese zu zahlen
führt zu den oben dargestellten Absurditäten.

Nur eine ärztliche Anordnung, die zu keinen ökonomischen Konsequenzen für den Arzt selbst führt, kann eine objektive sein.

Written by medicus58

8. Oktober 2014 at 17:54

Klassenkampf in den Ordinationen

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Wir hatten das Logo von MEDICLASS schon einmal hier im Blog, nur ging es damals um ganz etwas anderes (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=53958) und ich gebe es zu,
ich klicke nicht auf alles, was mir unter die Maus kommt.

Als ich nun in der gestrigen Ausgabe von HEUTE über einen (nicht als Werbung gekennzeichneten) Artikel von www.mediclass.com stolperte, war ich zwar auch noch mehr von
Onkel Frank’s gedrucktem Schwachsinn
EINE REVOLUTION FÜR ÖSTERREICH
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=57408
fasziniert und musste zuerst meinem Tagtraum einer Symbiose von
Frank Stronach und Captain Jack Sparrow
zu ihrem digitalen Leben verhelfen.

Heute kam ich erstmals dazu den Artikel (nochmals keine Werbung) zu lesen:

Private Fachärzte für jeden leistbar!
Längst ist die Zweiklassenmedizin in Österreich Realität. Erstklassige und schnelle Behandlung gibt es nur bei privater (und teuerer) Vorsorge.
Doch das muss nicht so sein. Ein neues Konzept bietet jetzt exklusive Top-Medizin – leistbar, persönlich und zeitsparend.
Der mediclass-Gesundheitsclub mit Sitz in der Wiener Vorgartenstrasse 206C hat die patientenfreundliche Idee umgesetzt: hochwertige ambulante Privatmedizin mit einfachem und leistbarem Zugang.
Ab 24,90 Euro im Monat stehen in einem einzigen Haus (mediclass-Zentrum) selbstständige private Fachärzte aller Richtungen zur Verfügung ….

Na endlich, kann man da nur sagen und surft die Seite an und liest Vertrauenserweckendes:

Offizieller Gesundheits-Partner der Österreichischen Fußball-Bundesliga
Ausgezeichnet von der Kronen-Zeitung
Offizieller Gesundheits-Partner des Alpenverein Edelweiss

Unter Presse erfährt man dann, dass die Pläne der Betreiber hoch fliegen:

Investiert wurde eine Summe von rund 2,5 Millionen Euro.

Im nächsten Jahr soll ein weiteres Zentrum, im darauffolgenden Jahr zwei bis drei mediclass Zentren entstehen. „Bis zum Jahr 2021 sollen 21 Zentren eröffnet sein, davon zehn bis 15 in Österreich, der Rest im umliegenden Ausland.

Na dagegen wirkt ja das Geschäftsmodell von DrEd, wir haben kürzlich berichtet (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206), echt mickrig.

Aber wie rechnet sich das?
Allein, um die Investitionen herein zu bringen müssen über 100.000 Monatsbeiträge eintrudeln.

Und bei den üblichen Privathonoraren der „Professorenmedizin“ von 100-200 € pro Ordination müssen da schon ganz viele Leute einzahlen, ohne im Zentrum aufzutauchen, damit Sie den „Herr Univ.Prof.“ sprechen können.

Und wieso „macht’s Ihr Arzt plötzlich persönlich UND billiger“,
etwas was Ihnen nichteinmal Ihr Tischler verspricht?

Da aber die Homepage jedem Clubmitglied einmal pro Jahr einen Gesundheitscheck im Wert von 400 € verspricht, der nichteinmal durch den Jahresbeitrag von 298,80€ (=12*24,90) abgedeckt wird, haben wir es offenkundig mit einem Club von echten Menschenfreunden zu tun…

Also, da Zyniker wie meinereins an so ein Geschäftsmodell nicht glauben können: WAS STECKT DAHINTER?

Lesen wir das Kleingedruckte:

Die Mitgliedschaft bietet eine optimale privatmedizinische Versorgung im Zentrum mit bis zu 80 % Rabatt auf die Privatpreise der Ärzte
(Beispiel: Patientin in Wien, WGKK versichert, Erstordination beim Internisten inkl. EKG: Privatpreis € 120,-, mediclass Mitglied zahlt nur € 35,-.
Ihre Ersparnis beträgt € 85,-).

„WGKK versichert“ will wohl heissen, dass man sich zusätzlich der Refundierung des Wahlarzttarifes (=80% des Kassentarifes) bedient.
Hat der Versicherte aber bereits einen Facharzt in diesem Quartal aufgesucht, dann wird die Gebietskrankenkasse KEINEN WAHLARZTTARIF refundieren; vermutlich auch für Folgebesuche…

Außerdem bietet mediclass regelmäßige kostenlose Informationsveranstaltungen und Informationen zum Thema Gesundheit an.

Also offenkundig kann sich das Geschäftsmodell nur rechnen, indem man ZUSÄTZLICHE LEISTUNGEN anbietet, für die dann keine Teilrefundierung durch die Krankenkasse angeboten wird …. erinnert uns das an die bekannten Busreisen mit reissendem Wärmedecken-Absatz?

Also die Hoffnung, dass man nun für den Gegenwert einer besseren Flasche Wein ein Doc-Hopping und -Shopping betreiben kann, muss wohl wieder einmal begraben werden.

Aber woher kommt den das alles?
Weshalb schalten immer mehr Patienten das Hirn aus und glauben, das Staubsaugervertreter Gewäsch: (wir zitieren wir aus dem Artikel von HEUTE)

Erstklassige und schnelle Behandlung gibt es nur bei privater Vorsorge.

Jahrzehntelange Berichterstattung über

massive PR für sogenannte alternative Methoden,
Bittere Pillen,
Versagende Gesundheitsreformen,
Spitalskandale,
pleitegeredete Krankenkassen, … etc.

haben es geschafft, dass das Vertrauen der Bürger in das öffentl. Gesundheitssystem absichtlich zu untergraben, um sie in den Privatsektor zu lenken.
Die gefühlte Diskrepanz zwischen überzogenen Versprechungen der Politik und die Konfrontation mit einer durch Einsparungen immer unzugänglicheren öffentlichen Medizin in den Ordinationen und Spitälern hat viele Menschen verunsichert.

Bereits der erste Beitrag dieses Blogs beschäftigte sich mit diesem Problem:
Österreicher haben Angst vor Kürzungen im Gesundheitswesen

http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206

Es wäre auch hoch an der Zeit, dass auch die Gesundheitspolitik das Vertauen in die öffentliche Gesundheitsversorgung wieder herstellt und sich nicht insgeheim freut, dass die verunsicherten Patienten von derartigen Versprechungen, wie wir es auf mediclass.com lesen können, in den privaten Sektor gelockt werden.
Wenn wenn sie dann wirklich krank sind,
dann kommen sie ohnehin wieder sehr schnell in das öffentliche System zurück,
dann wird der freundliche Herr Professor darauf verweisen, dass halt nur die Erstordination zu so guten Tarifen möglich war, die jetzige Begutachtung aber etwas teurer kommen wird …

Oder glaubt irgendwer, dass Ärzte in solchen Geschäftsmodellen arbeiten würden,
wenn sie nicht dort mehr verdienen würden, als im hergebrachten System, eben.

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