Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Weg mit den Primarii!

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Primar

Der Versuch Solidarität für den Primarius einzufordern, ist zum Scheitern verurteilt, gerade deshalb soll dies hier versucht werden.
(sinngemäß gelten alle Aussagen für beide Geschlechter)

Übrigens: Der Begriff Primarius bezeichnet zwar bei uns den ärztlichen Leiter einer Spitalsabteilung, in Deutschland meint man damit den Primärtumor, also eine maligne Geschwuls, die den Ausganspunkt für Metastasen (Tochtergeschwülste) darstellt!

Seit Jahren werden die Leitungsfunktionen von vakant werdenden ärztlichen Abteilungsleitungen nicht mehr nachbesetzt und entweder auf Dauer mit einem supplierenden Leiter weitergeführt oder überhaupt einem anderen Primariat zugeschlagen. Schon seit Jahren gibt es diese Entwicklungen im Bereich der sogenannten technischen Fächer wie Labor, Radiologie, Pathologie und Nuklearmedizin, jedoch betrifft dies zunehmend auch die sogenannen klinischen Fächer wie Innere Medizin und Chirurgie. (http://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2013/oeaez-3-10022013/mehrfachprimariat-burgenland-oberwart-oberpullendorf-guessing.html)

In den Spitäler selbst, die über Jahre durch die sogenannte Kollegiale Führung geführt wurden, die sich aus ärztliche Direktion (besetzt mit einem Arzt), Verwaltungsdirektion (besetzt mit einem Nicht-Arzt, nicht notwendigerweise einem einschlägig ausgebildeten Wirtschaftssakademiker), Pflegedirektion (besetzt i.d.Regel durch eine ehemalige Oberschwester) und Technische Direktion (im KAV explizit nicht mit einem Akademiker aus dem Bereich der Technik besetzt) zusammensetzte, gehen zunehmend die ärztlichen Direktoren verloren. Am weitestens scheint hier der Steiermärkische Krankenanstaltenverbund KAGES zu sein, in dessen Strukturkonzepten die Spitäler nur mehr von Verwaltungsdirektoren geführt werden sollen.

Ehe hier sich nun die Pflege freut, dass sie endlich die Ärzte losbekommen darf ich auf den Wiener Krankenanstaltenverbund KAVverweisen wo derzeit an der Demontage der zentralen Pflegedirektion gearbeitet wird, weil sie sich den Einsparungspläne am Krankenbett zu widersetzen scheint.

Man hört auch immer lauter, dass sich die Ärzte eben auf die Behandlung der Kranken konzentrieren sollen und strategische und operative Planungen, die schon jetzt fast ausschließlich durch die engen finanziellen Ressourcen prejudiziert werden, ausschließlich denVerwaltungsdirektoren (Widerspruch beabsichtigt!) und Beratern zu überlassen haben.

Bisher ging das Projekt auf: es findet sich immer ein Kollege, eine Kollegin, deren Eitelkeit es schmeichelt zwei oder drei Abteilungen „zu führen“.
Mag sein, dass hier auch die Aussicht auf einen größeren Anteil an den Klassegeldern ein Motivans darstellt.
Widerstand der anderen Ärzte ist auch nicht zu erwarten, sehen diese nur allzu häufig im „Chef“ mehr Hindernis als Hilfe, schließlich galt dieser schon häufig als Überbringer schlechter Nachrichten, verweigerte Urlaube oder Kongressreisen und machte sich ganz allgemein durch Dienstanweisungen unbeliebt.

Also was spricht denn wirklich noch für einen ärztlichen Abteilungsleiter?

Je einfacher ein System, desto einfacher ist seine Steuerung per Distanz.
Ein Krankenhaus ist jedoch ein hochkomplexes, multidisziplinäres Unternehmen dessen medizinische Qualität überwiegend davon abhängt, dass – insbesondere bei der immer dünneren Personaldecke – eine Aufgabe dem zugeteilt wird, der dieser auch gewachsen ist.
Es ist kein Geheimnis, dass nicht alle Mitarbeiter einer Abteilung über alle Spezialqualifikationen verfügen, die in dem Sonderfach erforderlich sind.

Der Dr. med. univ., also der Gelehrte der gesamten Heilkunde ist eine Fiktion, die nur noch von denen hochgehalten wird, die dadurch die Personaldecken in der Medizin weiter reduzieren wollen.
Auch der erfahrendste Internist mit endokrinologischen Schwerpunkt, wird im Nachdienst nicht immer eine Magenblutung endoskopisch zum stehen bringen, auch sehr erfahrende Geburtshelfer können manche endoskopische Eingriffe mehr theoretisch als praktisch und manche Gefäßkomplikationen bringen auch den erfahrendsten Bauchchirurgenins Schwitzen.
Ähnliches gilt für sinngemäß für alle anderen Fächer.
Spezialisierung, wie sie immer notwendiger wurde in der modernen Medizin, bedingt eine Verschmälerung der Erfahrung.

Das wahre Management einer Spitalsabteilung besteht also in der Kenntnis der individuellen Fähigkeiten und Schwächen aller Mitarbeiter und eine entsprechende Arbeitsverteilung (Dienstlisten, Operationspläne, Spezialambulanzen, …).

Nur, wie viele Mitarbeiter kann man denn wirklich so gut kennen, dass man sie ihrer individuellen Kompetenzen entsprechend einteilen kann? Ob diese Kontrollspanne nun bei 10 oder 30 liegt, ist zu diskutieren, keinesfalls wird es der Prozessqualität einer Abteilung zuträglich sein, wenn der Abteilungsvorstand kaum mehr vor Ort präsent ist und sich mehr in Bestrechungen mit den Gesundheitspolitikern als in seiner eigenen Ambulanz herumtreibt.

Der Primarius ist ein playing captain, oder wenn sie es lieber klassisch haben wollen, ein primus inter pares. Natürlich gibt es wenige, die dem Begriff nicht entsprechen, aber dies gilt wohl auch für Gesundheitspolitiker, -ökonomen und -verwalter.
Spielt der Primarius aber diese Rolle,
dann widerspricht er mitunter der Verwaltung, wenn sie Unmögliches verlangt,
dann entlarvt er die neuesten Reformen als den bereits mißlungenen Versuch der vorletzten Direktion und
widerspricht auf Grund seiner klinischen Erfahrung so manchem Schreibtischtäter.
Letztendlich tut er dies auch, um seinem Personal die tägliche Arbeit zu ermöglichen.
Ein wirklich aktiver Primarius erhöht somit den Widerstand, wenn unsinnige Maßnahmen verlangt werden, das scheinen die Hauptgründe zu sein, weshalb er eliminiert werden soll, nicht die allfällig zu erzielenden Einsparungen.

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