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Ich bin nicht Charlie: Weh dem der Symbole sieht

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Soweit wir wissen, wurden die Anschläge in Paris auf die Redaktion des Charlie Hebdo und auf einen Supermarkt von Personen verübt, die ihre Taten als Zeichen gegen die Missachtung des Propheten, des Islams überhaupt, bezeichnet haben.
Ihre Bereitschaft als Märtyrer für Ihren Glauben zu sterben, wurde letztlich eingelöst.
In den Tagen danach haben Tausende unter dem Slogan Je suis Charlie ein Zeichen gesetzt, dass sie sich mit den Opfern solidarisieren und diese als Märtyrer für unsere Meinungsfreiheit sehen.

Viele Muslime haben sich aus eigenen Antrieb oder durch den medialen Gruppendruck (RAU im Standard: Die muslimische Community sollte Verantwortung übernehmen  http://derstandard.at/2000010161500/Das-Taeterprofil) ein Zeichen gesetzt und sich von den Anschlägen der anderen distanziert.

Heute setzt Paris ein Zeichen: eine Million Menschen und hochrangige Politiker aus dem In- und Ausland werden in einen großen Gedenkmarsch der 17 Toten der jüngsten Anschläge gedenken.
Auch in Wien setzen die Bundesregierung und Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften sowie viele Bürger mit einer GedenkkundgebungGemeinsam gegen den Terror“ auf den Ballhausplatz in Wien ein Zeichen, das der ORF live übertragen wird.

Jetzt muss ich hoffentlich nicht auch noch erklären, dass ich mich natürlich von religiös-motivierten Mordanschlägen distanziere und selbstverständlich auch ein Bedürfnis verspüre klar zu machen, dass ich auf der Seite von  Menschenrechten und Meinungsfreiheit stehe, mich ängstigt aber , die Parallele zwischen der Vorliebe aller insbesondere aber der großen abrahamitischen (Judentum, Christentum, Islam) Religionen, Zeichen sehen und setzen zu wollen, der Argumentation der Dschihadisten und unserer gesellschaftlichen Reaktion.

Unser Denken hier wurde seit über 1000 Jahren in unterschiedlichem Ausmaße von diesen drei Religionen geprägt, wogegen die schlappen 3 Jahrhunderte Aufklärung in vielen Punkten noch ziemlich machtlos sind. Persönlich habe ich – wie hier schon mehrfach erklärt – sogar die Befürchtung, dass das rationale Denken gerade in den letzten Jahrzehnten wieder massiv und von vielen Seiten zurückgedrängt wird.
Wie viele der heutigen Demonstranten in Wien, kenne ich Charlie Hebdo nicht, bin aber trotzdem davon überzeugt, dass keine Zeichnung und keine noch so verletzende Polemik jemals einen hinreichenden Grund zur (Selbst)Justiz darstellen dürfen.
Irgendwie hielte ich es aber für besser, würden wir uns von der zeichen- und symbolbehafteten Denkweise diverser religiöser oder politischer Krieger dadurch distanzieren, dass wir die Anschläge von Paris als Mordanschläge abhandeln, oder welche Paragrafen sich unsere Juristen noch dafür einfallen haben lassen, dass man mit Absicht und dem Wunsch größtmöglicher Publizität Menschen ermordet und Geisel nimmt, ohne dass wir durch (leicht zu erschütternde) Verweise auf die angebliche Toleranz und Menschlichkeit unserer Gesellschaft die Propaganda der Attentäter weiterschreiben. Auch mediale Schauprozesse, in denen sich Gläubige von dem zu distanzieren haben, was Verbrecher im Namen ihrer Religion aber nicht in ihrem persönlichen Auftrag unternommen haben, wären unterblieben, wenn wir den Unterschied zwischen biblischer Sippenhaftung und individueller Verantwortung endlich verstanden hätten.

Wenn wir das Hohelied unserer Gesellschaften allzu laut grölen, könnte es nämlich leicht passieren, dass irgendwer den anwesenden Religionsvertretern die Gretchenfrage stellt:
Welche Richtschnur hat im Konfliktfall für sie die höhere Priorität: Weltliche Gesetze oder göttliche Schriften?

Wir wissen, wie man, je nach der aktuellen Machtverteilung, die Probleme gelöst hat, durch Exegese, durch Auslegung.
Natürlich könnte man sich auch wie Jesus aus der Affäre ziehen und „dem Kaiser geben, was des Kaisers ist“, jedoch bezweifle ich ehrlich, dass der, der im tiefsten Inneren davon überzeugt ist, dass ein Gott auf seiner Seite ist, daneben noch eine höhere Autorität akzeptieren kann.
Die eigentliche Problematik die die Extremisten aller Lager aufwerfen ist ihre Verweigerung einer möglichen Falsifizierbarkeit ihrer religiösen Gesetze.
Damit fordern sie in Wahrheit unsere Gesellschaftsordnung heraus.
Es wäre schön, wenn wir bei all den Gedenkmärschen Individuen sehen würden, die dort nicht als Vertreter ihrer Religionen sondern als Vertreter ihrer selbst hingegangen wären, weil sie die Ermordung anderer Individuen beklagen wollen. Dafür lässt sich eine qualifizierte Mehrheit finden, für alles andere hieße es die Dinge allzu genau zu betrachten (http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet5_1.htm)

Und wenn wir schon in der Literatur angelangt sind möchte ich mit dem letzten Satz aus Samuel Becketts WATT schließen: Weh dem, der Symbole sieht http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43801047.html

So ging #jesuischarlie per Twitter um die Welt
http://www.welt.de/politik/ausland/article136227652/So-ging-jesuischarlie-per-Twitter-um-die-Welt.html

Written by medicus58

11. Januar 2015 um 15:54

3 Antworten

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  1. Hier der Kommentar eines Leserbriefschreibers, dem ich mich anschließe: „JA zu „gemeinsam gegen den Terror“, JA zu „Gedenken an die Opfer“, JA zu „Rede- und Meinungsfreiheit“! Aber NEIN zu bewusster Provokation religiöser Werte zur Steigerung der Auflagenzahlen und des Profits. Ich bin gegen Terror und Gewalt aber ich bin NICHT CHARLIE!“.

    Christine Kainz

    11. Januar 2015 at 17:57

    • Ist durchaus einer der Beweggründe für meine Wortmeldung hier.Vom NewYorker (http://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/unmournable-bodies) bis zu Al Jazeehra, also vermutlich aus unterschiedlichen Beweggründen, gab es viele zu recht kritische Meldungen über die Vereinnahmung der Tat durch anscheinend Gutmeinende. Man muss kein Muslim sein, um sich durch die politische Scheinheiligkeit provoziert zu fühlen.
      Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass jedes geschlossene, selbstreferenzierte Denksystem, wie es die abrahamitischen Religionen nun einmal darstellen, früher oder später mit einer offenen Gesellschaft in Konflikt geraten wird, wenn man an die Grenzen geht. Jetzt diese Anschläge nicht als „Zeichen“ sondern als Kriminalfall abzuhandeln, wäre nicht feige sondern weise, außer man möchte die unvermeidlichen Konflikte eskalieren lassen.

      medicus58

      11. Januar 2015 at 18:41


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