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Aus kranken Häusern werden Kliniken

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Es ist über ein Jahr her, wir scheiben März 2019, als man erstaunt las, dass Wiener Krankenanstaltenverbund und alle seine Häuser umbenannt werden.
Zwei Jahre vorher, im März 2017 stellte sich Bürgermeister Häupl im 22. Jahr seiner Tätigkeit urplötzlich die Frage, was den ein KAV Generaldirektor denn so tut, wenn er keine Personalhoheit über sein Unternehmen hat und kam bei der saisonbedingten Öffnung der Schanigärten zur Erkenntnis, dass der KAV eine neue Struktur benötigt.

Als dann der Wiener Gemeinderat am 19.12.2019 nach vielen abgebrochenen Anläufen der Änderung des KAV-Statuts beschlossen hat, lag ein KH Nord Fiasko hinter und die Covid-19 Pandemie vor der Wiener Spitalslandschaft. Namensänderungen von KH Nord in Klinik Floridsdorf schienen plötzlich auch PR-technisch richtig. Wir werden aber gleich sehen, dass diese Umsprachung weit über den Energetiker-Ring an der Brünnerstrasse hinaus ging.

Wer aber jedoch laubt, dass sich außer Namen, Drucksorten und Homepages Substantielles ändern wird, wurde enttäuscht, außer sie ist grad Generaldirektorin dieser Struktur:
Die Generaldirektorin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb freut sich … „denn die Umbenennung des Unternehmens ist viel mehr, als nur ein neuer Name. Es ist ein sichtbares Zeichen für all die Reformprojekte, an denen viele von Ihnen seit Monaten mitarbeiten: die Veränderungen in der Managementstruktur, der Sanierungs- und Modernisierungsplan für unsere Spitäler und die neue Rechtsform, die uns den notwendigen Handlungsspielraum für unsere weitere Unternehmensentwicklung geben wird.“

Weiterhin eng am politischen Gängelband von Magistrat und Gesundheitsstadtrat wird ab Juni 2020 der Wiener Gesundheitsverbund einfach nachvollziehen, was woanders längst umgesetzt wurde:

Aus krank wird gesund, aus Haus wird Klinik, weil es gut klingt.

Mir stellt sich aber die Frage, ob es gerade in Zeiten der Pandemie, wo uns seit Monaten Medien, Politik und Verschwörungstheoretiker jeden Toten weltweit vor die Nase halten, wenn er mit oder an einem Virus verstorben ist und nicht namenlos verhungert, erschossen, an Malaria, Tuberkulose, Herzinfarkten oder Schlaganfällen verschieden ist, wirklich folgerichtig ist, den Begriff der Krankheit aus den Bezeichnungen im Gesundheitswesen zu verdrängen.

Wird irgendwas besser, wenn wir uns nicht mehr in Krankenhäuser sondern in Kliniken schleppen?

Klinik kommt von altgriechisch κλίνη klinē und heißt „Bett“ oder „Liege“, also genau das, was (IMHO fälschlicherweise) von der Gesundheitsökonomie reduziert und von Ärzten (genauso falsch) beibehalten werden soll, weil es uns angeblich in der Pandemie geschützt hätte: Experten für Abbau von Spitalsbetten

Dazu ein kleiner Einschub, eher wir wieder zum Thema der Umbenennung kommen:
Beide liegen m.E. falsch, die Gesundheitsökonomie, weil das Spitalsbett seit Jahrzehnten die falsche Stellgröße ist, weil man dort auch aus vielen nicht-medizinischen Gründen liegen muss , weil die extramurale Versorgung oder die Nachbehandlung versagt, weil die selbe Leistung dort höher oder überhaupt finanziert wird, … und diejenigen, die uns weiß machen wollen, dass wir das alles so beibehalten müssen, obwohl selbst zum Höhepunkt der Pandemie die prekärste Größe, das Intensivbett nie über 20% ausgelastet war … Das Spitalsbett, im Zimmer oder am Gang ist zwar die einfach zählbare Größe, mit der Gesundheitspolitik machbar scheint, sie ist aber die denkbar dümmste für diesen Zweck.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Der Übergang vom Krankenhaus zur Klinik suggeriert, obwohl sich an den Personalverhältnissen nichts geändert hat, dass nun der „kleine Mann direkt vom Professor“ behandelt würde„.

Das Etymologische Wörterbuch bereitet diese Bedeutungswolke schön auf:
Klinik f. ‘Krankenhaus’, zugleich ‘medizinische Unterrichts- und Ausbildungsstätte’, zunächst (Clinik, um 1800) ‘ausübende Heilkunde’, Mitte des 19. Jhs. (unter Einfluß von frz. clinique) ‘Anstalt für den Unterricht in der Heilkunde’, eigentlich ‘Anstalt für den Unterricht am Krankenbett’. Zugrunde liegt lat. clīnicē bzw. griech. klīnikḗ (téchnē) (κλινικὴ τέχνη) ‘Heilkunst für bettlägerige Kranke’, zu klī́nē (κλίνη) ‘Lager, Bett’, einer Ableitung von dem mit ↗lehnen1 verwandten Verb griech. klī́nein (κλίνειν) ‘(sich) neigen, (an)lehnen, niederlegen, beugen’.

Verkürzt könnte man aus Wiener Sicht auch einfach sagen: Seit sich die Meduni Wien, immer mehr aus der Routineversorgung der Kranken nimmt (versuchen Sie dort einmal einen Patienten unterzubringen, der nicht gerade in ein Forschungsprojekt passt), benennen wir halt alles in eine Klinik um, um den Patienten den scheinbaren Schein der Wissenschaft vorzuspiegeln.

Ohne entsprechende personelle und akademische Ressourcen bleibt das aber alles so realitätsfern wir der gerade wieder aufflackernde Streit um die Zahl der Krankenbetten.

Written by medicus58

19. Mai 2020 at 17:10

Klinik unter Psalmen

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Der Begriff Psalm leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie in die Saiten schlagen.

Ganz treffend für das, was uns am Faschingsdienstag (!) vom Gesundheitsstadtrat Hacker lautstark mitgeteilt wurde: die verbliebenen Spitäler Wiens mit Ausnahme des AKH werden nun allesamt in Kliniken umbenannt.

Nicht besonders originell, das haben’s in Niederösterreich schon mit jedem Pimperlspital gemacht und so die Patienten glauben gemacht, sie würden von Dr. Frank Hofmann (alias Klaus Jürgen Wussow, Klinik unter Palmen) behandelt werden, wenn sie es schon nicht in die Schwarzwaldklinik geschafft haben.

Nicht besonders originell, um Skandale vergessen zu machen, so wurde schon Lainz zum KH Hietzing, Skylink zum Terminal 3 und jetzt eben das KH Nord zur Klinik Floridsdorf.

Nur wird das Google genau so wenig beeindrucken wie die Bevölkerung, die weiter Pepi- oder Triester-Spital zum Kaiser Franz Joseph Spital (alias KFJ) sagen wird ohne die Hütte je als Sozialmedizinisches Zentrum Süd angenommen zu haben, ebenso wie der Steinhof immer der Platz bleiben wird wo bald einmal das OWS gewesen sein wird.

Auch wird für die Ottakringer das Klinikum Ottakring noch die „Wilhelmine“ heißen, wenn das schon wieder eine neue ärztliche Direktion haben wird.

Schon etwas ärgerlicher könnten jene reagieren, die in Arbeitsgruppen und Wettbewerben die Bezeichnung Wien Kliniken sich ausgewählt haben, was nun Wiener Gesundheitsverbund genannt werden will, weil es nicht mehr der KAV sein will und darf.

Die, die das Ganze wieder einmal zuerst in der Zeitung lasen und nicht von ihrer Dienstgeberin hörten, wundert eh nix mehr,

aber in Wirklichkeit ärgert einfach, dass die strukturellen und organisatorischen Probleme des KAV weiterhin völlig offen sind.

Und damit meine ich jetzt nicht wie manche wahlkämpfenden Personalvertreter die emotionale Bindung an Namen, unausbezahlte Überstunden oder die in die Hose gegangene Besoldungsreform, da meine ich

die ungeklärte Führung und Struktur im Unternehmen (Masterplan, Master BO, Spitalspärchen mit Zusatzdirektionen, Doppelprimariate, zentrale Einkauf und externen Berater, … ) ,

das destruktive Spiel zwischen Stadtpolitik, Gewerkschaft/Personalvertretung und Generaldirektion und

die ungelöste Lastverteilung zwischen Niederlassung und Spital , also das Patt zwischen (noch) rot-grünem Wien, grüner Patientenanwältin und roter Gebietskrankenkasse.

Das endlich zu machen, wäre von den Machern zu erwarten gewesen und nicht ein paar PR-wirksame Benamsungen. Da unterscheidet sich das rot-grüne Wien nicht mehr von der Message-Control der Tückisch-blauen Regierung:

Gold gab ich für Eisen, Urlaubstage für die persönlichen Feiertage.

So befällt einen wirklich noch das Gefühl in einer Bananenrepublik zu leben und in einer Klinik unter Palmen zu arbeiten und es fehlt nicht mehr viel bis man sie zur Klinik unter Dolmen umbenennen sollte.

Written by medicus58

6. März 2019 at 19:55

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