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Covid-19: Letzte Rettung Intensivbett? Beitrag zur Diskussion

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Auch wenn die Gesundheitspolitik gerade schmerzhaft realisiert, dass es auch da große Unterschiede zwischen verschiedene „Betten“ gibt, sind Intensivstationen wie der Name schon sagt Orte, in denen ein Maximum an technischem, pflegerischen und medizinischem Aufwand angeboten wird. Wunder darf man sich aber auch keine erwarten.
In der aktuellen Phase der Covid-19 Pandemie starren alle auf die naturgemäß begrenzten und quantitativ nur mit gewisse Unschärfe einzuschätzende Ressource Intensivbett. Das war schon dumm, als sich die gesamte Gesundheitökonomie nur um die Anzahl an Spitalsbetten drehte, übrigens mit ein Grund, weshalb wir so unterschiedliche Definitionen von „offenen Betten“ haben.

In dieser Kakophonie – je nach Standpunkt – befürchtet oder droht man damit, dass die Menschen hilflos sterben, wenn wir nicht jedem Kranken einen Intensivplatz anbieten können, wir also triagieren müssen. Damit wird eine medial befeuerte Spirale der Verschärfungen begründet (Actio est Reactio, oder Politik ist nicht Physik),
koste es was es wolle, wir retten Leben, obwohl wir das naturgemäß nicht in allen Fällen können und implizit andere Patienten mit einer besseren Chance, verlieren, wenn wir uns zu sehr auf Covid-19 konzentrieren.

Selbstverständlich ist die Rettung von rettbarem Leben (idealerweise unter Beibehaltung der Lebensqualität (QUALY) eine der vordringlichsten Aufgaben der Medizin, ganz sollte man aber dabei die Relationen auch nicht außer Acht lassen:

Wir gehen (betrachtet man große Gruppen und nicht nur z.B. die Verhältnisse in Bergamo zu Begin ndes Jahres) dzt. davon aus, dass
etwa 1 von 5 Covid-19 Positiven hospitalisiert werden muss, weil seine Betreuung ambulant nicht mehr möglich ist und
etwa 1(-2) von 5 hospitalisierten Covid-19 Patienten (anders als Trump meist für > 1 Woche) ein Intensivbett benötigen.
Die Zahlen gelten für die Gesamtbevölkerung und Gesundheitssysteme wie unseres. Mit zunehmendem Alter der Betroffenen sind die Zahlen höher, mit abnehmendem Alter niedriger, also bitte keine Erbsenzählerei (Link, Link, Link).

Die Überlebenschancen von Covid-19 Patienten auf der Intensivstation wurden seit dem Frühjahr in allen Studien besser, aber eine große Metaanalyse in PLoS One (Rate of Intensive Care Unit admission and outcomes among patients with coronavirus: A systematic review and Meta-analysis) kam zu dem Schluss:

The Meta-Analysis revealed that approximately one-third of patients admitted to ICU with severe Coronavirus disease and more than thirty percent of patients admitted to ICU with a severe form of COVID-19 for better care died
which warns the health care stakeholders to give attention to intensive care patients.

Eine andere Metaanalyse kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen:

In patients with completed ICU admissions with COVID-19 infection, combined ICU mortality (95%CI) was 41.6% (34.0–49.7%), I2 = 93.2%). Sub-group analysis by continent showed that mortality is broadly consistent across the globe. As the pandemic has progressed, the reported mortality rates have fallen from above 50% to close to 40%. The in-ICU mortality from COVID-19 is higher than usually seen in ICU admissions with other viral pneumonias.

Den Menschen (Ärzten wie Patienten) nun mit der Keule Intensivbett Angst einzujagen halte ich für wenig evidenzbasiert:

warns the health care stakeholders to give attention to intensive care patients

Ab einer größeren Anzahl an Erkrankten entscheidet sich, was wir erzielen können, vor der Intensivstation, nicht mehr so sehr da drinnen.

IMHO ist auch die Zeit des Contact-Tracing, sorry Pam, vorbei und unsere verbliebenen Ressourcen sollten in die bestmögliche Betreuung der Covid-19 Patienten AUSSERHALB der Spitäler gesteckt werden (tägl. telefonische Kontrollanrufe, gezielte Hausbesuche durch spezifisch geschulte (und geschützte) Teams, ….). Werden die Menschen dort allein gelassen, dann stürmen sie in die Spitäler.
Warum im Frühjahr die Messe Wien um viel Geld mit Betten angerammelt wurde, jetzt aber m.W. solche zwischengeschalteten Auffangsysteme nicht öffentlich diskutiert werden, entzieht sich meines Verständnisses.

Die Gesundheitspolitik (koste es was es wolle) tut so, als wäre alles nur eine Frage der Kraftanstrengung an der Spitze eines pyramidenartigen Systems. Die Qualität der sozialen und medizinischen Versorgung entscheidet sich aber an der Basis, oder hat bisher irgendwer verlangt jeden Herzinsuffizienten mit einer Herztransplantation zu versorgen?

Written by medicus58

30. Oktober 2020 at 10:04

Der Abstand zwischen Arzt und Patient wird größer

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Einer der Grundpfeiler der „Gesundheitsreformen“ besteht auch darin, dass nicht jeder Patient sofort einem Arzt gegenübersteht, sondern zuerst Health literacy geschult sich selbst oder durch „informierten Laien“ Heilung zu erlangen, vielleicht einem Helpdesk telefonieren oder schlimmstenfalls mit einer Pflegekraft in Kontakt treten soll; nicht weil in diesen Instanzen mehr medizinische Kompetenz anzutreffen ist, sondern weil diese Personen einfach weniger kosten als Ärzte.

Die Ökonomie blickt auch neidisch in diese Länder, wo außerhalb des Spitals kaum noch Fachärzte zu finden sind. Klar, die Sozialversicherungen kosten ein Facharzt, der auch eine längere Ausbildung durchlaufen musste als ein Allgemeinmediziner, einfach deutlich mehr.
Das alles muss bei banalem Schnupfen ja nicht schlimm enden, aber es ist definitiv die Antithese zur uns Ärzten oft vorgeworfenen Absicherungsmedizin, ohne dass noch so ganz klar wird, wer in diesem Spiel nun welche Verantwortung trägt.

In den diagnostischen Fächern fällt es den Patienten kaum mehr auf, aber dort ist die räumliche Trennung zwischen Arzt und Patient schon viel weiter gediehen. Klar, keiner wird erwarten, dass ihm der Labormediziner selbst Blut abnimmt, und das ist in machen Fällen auch gut so, nur wissen die wenigsten, dass die meisten Labors Teile der Blutproben in verschiedenste Labors schicken, weil das die Kosten der Einzelbestimmung deutlich drückt, auch wenn dem Patienten ein Befund mit einem einheitlichen Briefkopf ausgehändigt wird. ELGA wird das sicher bald offenbaren.

Auch in der Radiologie sitzt kaum noch der Facharzt nebenan in seinem dunklen Kämmerchen und befundet einsam vor sich hin.
Was bei uns des nachts zwar in immer mehr Spitälern aber noch relativ selten vorkommt, ist in anderen Ländern gelebter Standard: Teleradiologie

Digitale Bildgebung und rasche Datennetze machen es möglich, dass Großgeräte bis in die späten Abendstunden betrieben werden, weil dort, wo der Arzt befundet, vielleicht schon wieder die Sonne aufgeht.
Viele Patienten in den USA freuen sich, dass der schriftliche CT-Befund praktisch in Echtzeit vorliegt, da irgendeiner der indischen Radiologen grad unbeschäftigt ist.
In den USA hat Medicare hier einen gewissen Riegel vorgeschoben, dass solche Leistungen nur dann refundiert werden, wenn die Endvidierung wieder vor Ort statt findet, aber das lässt sich ja organisieren:
http://www.auntminnie.com/index.aspx?sec=sup&sub=imc&pag=dis&ItemID=117743

All das geht langsam aber offenbar unaufhaltsam voran, die Medizin wird unter ökonomischen Druck dort, effizienter, wo ausschließlich an abrechenbare Leistungen gedacht wird. Dass vielleicht der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patienten in vielen Fällen die Erbringung dieser Leistung obsolet gemacht hätte, das wäre Old School.

2012: Fordismus im Spital: Das Geld liegt auf der Strasse?

Written by medicus58

19. Juli 2017 at 07:51

Die Toten Seelen des PV-Gesetzes und des ÖSG

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Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen von meiner Verehrung für Gogols Roman Die Tote Seelen, in dem mit schon längst verstorbenen Leibeigenen noch gute Geschäfte gemacht werden.
Auch in der Gesundheitspolitik wird gerne mit Parametern jongliert, die eigentlich gar nicht mehr existieren.

Blättert man die aktuellen Entwürfe des PVG (Primärversorgung) und des ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) durch, dann zieht sich durch beide ein Denkansatz:
Die Versorgung der Patienten muss weg von den Facharzt dominierten Spitälern hin zu den Allgemeinmedizinern:
Aufwertung des Berufsbildes Allgemeinmedizin 

Wäre man wohlmeinend könnte man auch die (explizit im ÖSG) angeführte Möglichkeit immer mehr Tätigkeiten des Arztes an andere Gesundheitsberufe abzutreten, in diesem Sinne verstehen:
Teambasierte Primärversorgung

Eine ambulante Fachversorgung sollte nur mehr dort stattfinden, wo es keinesfalls mehr ohne Fachärzte geht.

Jetzt könnte ich meine Vorwürfe erneut erheben, dass jedem anderen Beruf immer mehr Spezialisierung zugebilligt wird, nur in der Heilkunde soll der Allgemeinmediziner mit dem Großteil der medizinischen Probleme allein zurecht kommen,
nur verstehe ich schon das Diktat der leeren Kassen, wo ein Besuch beim PA (einschließlich der Folgebesuche) halt billiger ist als beim Facharzt, nur geht es mir gar nicht mehr darum.
Ich sehe augenblicklich die größte Sollbruchstelle all dieser Versorgungsphantasien darin, dass es die Dreh-und Angelpunkte all der politischen Bemühungen gar nicht mehr gibt!

Fachärzte stellen schon seit längerer Zeit die Mehrheit aller Ärzte!
Umfragen bei Medizinstudenten ergeben regelmäßig, dass sich die Mehrheit spezialisieren und außerhalb des österreichischen Pflichtversicherungssystems agieren möchte!

Soviel medizinische Leistungen kann man (fachlich und gesetzlich) gar nicht zu den anderen Teilnehmern der teambasierten Versorgung verschieben, dass man für das beabsichtigte System noch genügend einheimische Ärzte finden wird.
Niemand hat noch erklärt, welche der neuen Versorgungsformen denn um so viel interessanter als das Bisherige wären, damit es zu einem Boom in die Allgemeinmedizin kommt.

Dort wo das anläuft, wie in der grünen Gruppenpraxis in Mariahilf, läuft es nur wegen massiver zusätzlicher Subventionen.
All die Telefonhotlines und zusätzlichen nicht-ärztlichen Teammitglieder kosten Geld und gerade daran scheiterte es ja bisher.

Klar war das Überreichen einer Broschüre bisher keine adäquate Ernährungstherapie für den Diabetiker, aber wie der Hausarzt die nun beigezogenen Diätassistentin von den bisherigen Kassentarifen bezahlen soll,
erschließt sich mir nicht. Und wenn nun plötzlich mehr Geld ins System fließt, wie im kleinen Kreis so mancher Sektionschef anmurmelt, frage ich mich, weshalb man damit nicht gleich das bisherige System aufgewertet hat.

Da aber die Gesundheitsökonomie (und ein Rattenschwanz von Interessensvertretungen, IT-Konzernen, …. ) der Gesundheitspolitik vorgaukelt, dass das alles nur Anschub- also einmal Finanzierungen sind,
wird für den so dringend benötigten Allgemeinmediziner, der freudig von der kleinen Handchirurgie bis zur abschließenden Behandlung unkomplizierter Infektionen alles anbietet, wenig von der Knete übrig bleiben,
um gemeinsam mit seinem Team all das (das Folgende ist nur ein Auszug aus dem ÖSG) leisten zu können:

Planung, Koordination und Monitoring des erforderlichen Versorgungsprozesses
Informationsaustausch durch standardisierte Dokumentation und Kommunikation inkl. Team-  und Fallbesprechungen
Information über Selbsthilfegruppen und Opferschutzgruppen einschließlich Vermittlung
Telefonberatung entsprechend den rechtlichen Rahmenbedingungen
Zielgruppenspezifische und populationsbezogene Aufgaben
Aktives Zugehen auf und Unterstützung im Zugang zur Versorgung für vulnerable Gruppen wie z.B. Personen mit Migrationshintergrund, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Risikogruppen
Administrative Aufgaben zur Unterstützung der Lotsenfunktion
Verwaltung, Organisation & Wartezeitenmanagement, Führen von Erinnerungssystemen
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen für den jeweils erforderlichen Versorgungspartner unter Berücksichtigung des Datenschutzes
Elektronische, multiprofessionell zu nutzende Patientendokumentation (kompatible IT-Systeme, ELGA) unter Berücksichtigung des Datenschutzes (z.B. Zugangsberechtigungen)
Qualitätsmanagement als Grundlage für Versorgung „state of the art“ mit Fokus auf Teamarbeit
Regelung der Kommunikation im Team Führen eines teambezogenen Qualitäts- und Fehlermanagementsystems einschließlich Bereitschaft zur begleitenden Evaluierung
Teilnahme an/ Organisation von Qualitätszirkeln
Regelmäßige Fortbildung
Berücksichtigung evidenzbasierter Leitlinien
Erfüllen der Kriterien zur Aus- und Weiterbildungstätigkeit (Lehrpraxis und Praktika)
Erheben, Nutzen und Bereitstellen von Daten und Informationen zur Wissens- generierung als Grundlage zur evidenzbasierten Analyse und Steuerung des Gesundheitssystems

Ob das die Jungen motiviert in die Ausbildung zum Allgemeinmediziner zu strömen oder die noch im System Arbeitenden anspornt?

Hier belehnt man die Toten Seelen der österreichischen Allgmeinmediziner wie sich einst Pawel Iwanowitsch Tschitschiko auf den Namen längst verstorbener Leibeigener verschuldete.
Oder glaubt man das System zukünftig ohnehin mit der Verpflichtung externer Kräfte bespielen zu können?

PS: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass der schriftliche Zusatz rechts von der oben abgebildeten Tafel NICHT von mir stammt!

 

 

Written by medicus58

23. April 2017 at 16:55

KAV: Superkalifragilistisch Expealigorisch

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Supramaximal

Das auch das Wiener AKH Teil des Wiener Krankenanstaltenverbundes ist, darf bei den Lesern als bekannt vorausgesetzt werden. Viele wissen vielleicht auch, dass fast alle Ärzte und die meisten „wissenschaftlichen“ und einige „administrative Mitarbeiter“ nicht vom KAV sind sondern vom Bund („Wissenschaftsminister“) oder den Kliniken bzw. der Meduni selbst angestellt und bezahlt werden. Ein problematisches Hybrid wie es z.B. auch an der Grazer Meduni existiert. Davon soll aber heute nicht die Rede sein.

In mehreren Blogbeiträgen habe ich versucht aufzuzeigen, dass von der Gesundheitspolitk seit Jahren die Grundlagen geschaffen werden, dass sich die fachärztliche Präsenz in den öffentlichen Spitälern derjenigen der privaten, gewinnorientierten Krankenanstalten annähert; im Klartext, dass außerhalb der Kernarbeitszeit für kompliziertere Fragen kein geeigneter Ansprechpartner mehr zur Verfügung stehen wird.

Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst http://wp.me/p1kfuX-Pr

Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration http://wp.me/p1kfuX-K9

Es tut sich was, nur was? Spitäler im Um- und Abbauhttp://wp.me/p1kfuX-lV

Reform=Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes (8/2011) http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=43022

Neben der „Schwerpunktbildung“ d.h. aus jeweils zwei mit fast allen dem jeweiligen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechenden spezialisierten Einrichtungen wurden eine Strukturen gebastelt, in denen nur mehr zwei Spitäler zusammen (WSP+KHL, KFJ+RUD, DSP+NORD)diese Vollversorgung sichern.
Natürlich gibt es das auch in anderen europäischen Ländern, nur innerhalb einer gewachsenen Struktur, in der auch die extramurale Versorgung (niedergelassene Ärzte, externe Institute, Hebammen, Physioks, …) entsprechend mitgewachsen ist. Wenn in der Nacht und am Wochenende genügend Kinderärzte zur Verfügung stehen, dann werden die besorgten Eltern nicht die Spitäler stürmen und dort einen nicht unbeträchtlichen Teil des diensthabenden Personals beschäftigen. Wenn dieses aber wegrationalisiert wird, ohne dass extramurale Versorgungsstrukturen geschaffen werden, dann schauts gruselig aus.

Eine ähnliche Anwandlung befällt mich, wenn ich mir die nächste Planungsstufe ansehe:

Wieder kreiert man an der bestehenden Nomenklatur vorbei Wortschöpfungen, um zu vernebeln, dass es letztendlich um eine die Versorgungsdichte einschränkende Einsparung geht.

Das stationäre Versorgungsangebot in Wien soll zukünftig drei Stufen haben:

Stufe 1 SUPRAMAXIMALVERSORGUNG
(jetzt verstehen Sie vermutlich den eigenartigen Titel des heutigen Blogbeitrages), die nur mehr in den Universitätskliniken des AKH stattfinden soll.

Stufe 2 Maximal- und Schwerpunktversorgung
im noch undefinierten Wechselspiel zwischen AKH und den verbleibenden 6 KAV Krankenastalten in sogenannten „interdisziplinären Zentren und Fachzentren“.

Stufe 3 Grundversorgung
also der offenkundige Rest zwischen Pflaster kleben und „Heile-Heile-Gänschen“.

Wer in der täglichen Praxis erlebt hat (und ich kenne beide Seiten)
wie schwer es sein kann einen Patienten im AKH unterzubringen, wenn er nicht gerade prominent ist oder in eine medizinische Studie passt
dem steigen angesichts dieser Strukturfantasien die Grausbirnen hoch.

Seit Jahren hat der KAV immer größere Probleme hoch qualifizierte Personen für die Abteilungsleitungen seiner Nicht-univeritären Krankenhäuser zu finden (für einige Primariate gab es in den letzten Jahren überhaupt nur mehr einen Bewerber!). Wenn man sich nun explizit von seinem eigenen Mantra Spitzenmedizin für alle  (http://www.wienkav.at/kav/ZeigeAktuell.asp?ID=16031) verabschiedet, mag bezweifelt werden, dass man aus diesem Dilemma herauskommt.

Aber vielleicht will man das gar nicht?!?

Abteilungsleiter wollen ohnehin immer wieder Reinvestitionen oder manchmal sogar Neuinvestitionen, um die Weiterentwicklung der Medizin auch in Ihren Abteilungen anbieten zu können.
Wenn man in der neuen Master BO (Master-Betriebsorganisation im KAV: Da fährt die Eisenbahn drüber http://wp.me/p1kfuX-NSeinerseits die Stammärzte nur mehr als Handlanger einsetzt (wo es unbedingt sein muss, weil die Pflege nicht operiert, die Radiologietechnologen keinen CT befunden und irgendwer die Gesamtverantwortung tragen muss) und immer mehr Multiprimariate schafft und die Kontrollspange des Abteilungsleiters derartig überdehnt, dass er nur mehr Management per distance schaffen kann, dann scheint es wirklich verlockend, wenn man darauf vertraut, dass letztendlich die Probleme alle ins AKH geschickt werden können.

Wenn man die seit Monaten immer größeren Geld-, Personal- und Organisationsprobleme des AKHs negiert, was nur jemand gelingen kann, der die Bodenhaftung zur Realität endgültig verloren hat, was uns wieder zum Titel bringt:
Supercallifragilisticexpialidocious! Mary Poppins was right, it’s extraordinary! It *does* make you feel better! Hee hee hee hee!

Written by medicus58

15. Oktober 2014 at 17:53

Die Potemkinschen Spitäler

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Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass wir in den Dingen selten noch das finden, was drinnen drauf steht.

Blutschokolade“ und „Läusejoghurt“, „Analogkäse“ und „Klebefleisch“ ringen uns nur mehr ein fälschlicherweise wissendes Lächeln am Mittagstisch ab und auch die letzten Enthüllungen über diverse Bioskandale können uns nicht mehr wirklich wundern.

Und nur die unverbesserlichsten Nerds glauben noch, dass ihr neuer Provider ihnen die angepriesenen Downloadraten auch wirklich auf’s Smartphone bringen kann.

Bei ein paar Dingen, wollen wir aber noch immer glauben, 
dass das drinnen ist, was draußen drauf steht: 

Abgestoßen von der entwürdigenden Erfahrungen in der Ordination ihres Hausarztes, der nach stundenlangem Warten den fiebernden Patienten erst recht nur „ins Labor“ oder „ins Röntgen“ schicken kann, um einen grippalen Infekt von einer bakteriellen Lungenentzündung zu differenzieren, 
pilgern nirgends so viele Menschen „ins Spital“ wie in Österreich.

Dort glauben sie die gesamte Diagnostik an einem Platz vorzufinden und einen Facharzt für jedes ihrer Probleme konsultieren zu können. 

Dieser Glaube wird noch dadurch genährt, dass die Unterscheidung der „Allgemeinen Krankenanstalten“ (nach § 2 KAKuG) in
Standardkrankenanstalten (Chirurgie + Interne Betten),
Schwerpunktkrankenanstalten und
Zentralkrankenanstalten (enthalten grundsätzlich allen dem jeweiligen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechenden spezialisierten Einrichtungen
auch von der Landespolitik gar nicht so groß angesprochen wird, weil man ja den potentiellen Wählern vermitteln möchte, dass auch das kleinste Spital eben ein vollwertiges Krankenhaus darstellt.

Noch mehr nur für Spezialisten einsichtig, sind neben den
dislozierten Organisationseinheiten (die also bekannte Namen beibehalten, aber längst nicht mehr an dem Ort betrieben werden, an denen man sie wähnt, z.B.: Gottfried von Preyer’schem Kinderspital als Einrichtung des Sozialmedizinischen Zentrums Süd im Kaiser-Franz-Josef-Spital) die
Reduzierte Organisationsformen.

Während der alte ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) diese noch als
nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig (z. B. zur Abdeckung von Versorgungslücken in peripheren Regionen bzw. zur Herstellung einer regional ausgewogenen Versorgung zulässig, und wenn sie in der regionalen Detailplanung des jeweiligen Bundeslandes vorgesehen sind
definiert hat, 
sind in der (natürlich noch geheimen) aktuellen Version des ÖSG 2012 z.B. die Einschränkungen „nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig“ und „in peripheren Regionen“ dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Das heißt also auf Klartext, die Aushöhlung dessen, was sich „der Patient“ unter einer nach außen großmäulig angepriesenen Leistung eines bestimmten Spitals vorzustellen hat, geht munter weiter.

Hieß es früher, dass eine Schwerpunktkrankenanstalt bettenführende „Abteilungen“ für z.B. Augen, HNO, Dermatologie, Kinterinterne, Neurologie, Urologie …. zu führen hat, wird das im ÖSG 2012 auf „Fachstrukturendowngesized.

Man spricht von einer „Basisversorgung“ und meint damit, dass ein akutes Krankheitsbild eine „Primärtherapie“ erhalten wird, aber ein evtl. akut erforderlicher (z.B.) neurologischer Konsiliarbefund erst am Folgetag erbracht werden kann, wenn der entsprechende Facharzt wieder im Hause vorbeischaut
Jetzt kann natürlich vieles warten, aber manches halt nicht – blöd gelaufen
Pareto Prinzip eben: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=72332

Doch zurück zu den Reduzierte Organisationsformen bei denen allein schon durch die vorgegebenen Personalzahl eine Versorgung außerhalb der Regelarbeitszeit nicht mehr möglich ist:

DEP= Department (3 Fachärzte davon einer als Leiter)

FSP= Fachschwerpunkt (2 Fachärzte (davon einer als Leiter und einer als Stellvertreter) sowie nach Bedarf (niedergelassene) Ärzte zur Abdeckung der Rufbereitschaft).

dWK= dislozierte Wochenklinik (Leitung: Fachärztin/-arzt des betreffenden Sonderfachs, trägt medizinische Letztverantwortung, Personelle Beschickung durch Fachärztinnen/-ärzte der fachspezifischen Mutterabteilung in Personalrotation, Personelle Ausstattung in Abhängigkeit von örtlichen Gegebenheiten und regionalem Versorgungsbedarf, Sicherstellung der organisatorischen sowie medizinischen Zusammenarbeit mit Mutterabteilung).

dTK= dislozierte Tagesklinik (hier wird ab ÖSG 2012 nun in Typ 1 und Typ2 differenziert, nur möchte ich diese Glasperlenspiel dem geneigten Leser ersparen, falls bis hierher noch irgendjemand mitgelesen hat.)

Diese reduzierten Organisationsformen sind in ihrem Leistungsauftrag vorrangig auf die planbare Leistungserbringung gemäß Leistungsmatrix begrenzt vorzusehen. Für FSP und dTK muss außerhalb der Kernarbeitszeit die ärztliche Leistungsbereitschaft nur für Behandlungserfordernisse im Zusammenhang mit stationären Aufenthalten sichergestellt werden. Bei DEP und dWK ist (während der definierten Betriebszeit) außerhalb der Kernarbeitszeit die fachärztliche Abdeckung der Akutversorgung, im Fall der dWK begrenzt auf jene im Rahmen der Basisversorgung, sicher
zu stellen. Eine zeitliche Begrenzung der Betriebszeit bezieht sich im Fall von Satelliten-DEP auf die Tagesroutine inkl. Wochenende und im Fall von dWK auf die festgelegten Wochentage
.

Da mit dieser unübersichtlichen Nebelwand natürlich auch das bisherige Gefüge der Spitalsärzte zerrissen wird, muss man noch nachschieben:

 Die Leiter der jeweiligen an einem KA-Standort eingerichteten fachrichtungsbezogenen Organisationsformen sind unabhängig von deren jeweiliger Ausprägung gleichberechtigt in der KA-internen Organisation.

Meine bisherige Empfehlung an Patienten war stets:

Wenn Sie wirklich krank sind, dann legen Sie sich in ein öffentliches Spital und nicht in eines der so komfortabel wirkenden „Privat- oder Belegspitäler der Goldnen Meile“, weil dort ist vielleicht das Frühstück besser und auf Meissner Porzellan, dort geben sich tagsüber „die Professoren und Belegärzte die Klinke in die Hand“ aber wenn in der Nacht was passiert, läuft der Betrieb mit einem Nachtdienst versehenden praktischen Arzt, de schnell an die Grenzen seines Wissens geraten kann.

Ich denke, dass mir diese Empfehlung nicht mehr über die Lippen kommen wird, eher schon der sehr ernst gemeinte Wunsch: 
Schau’n Sie, dass sie gesund bleiben.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Potemkinsches_Dorf  
http://derstandard.at/2416797  
http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesundessen/tid-15554/klebefleisch-und-co-legale-taeuschungstricks-der-lebensmittelindustrie_aid_436657.html  
http://www.focus.de/gesundheit/news/bio-skandal-gefaelschte-bio-lebensmittel-in-deutschland-verkauft_aid_693593.html

Written by medicus58

11. Juli 2012 at 17:00

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