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Das Lachen am Weltenrand über Fukushima in fünf Bänden über den ersten offiziellen Toten

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Gerade beschäftigen sich die Kulturnachrichten ausführlich mit dem ersten großen Roman des Wiener Schriftstellers Philipp Weiss:
Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen
Nach eigener Aussage war der Auslöser für seine Beschäftigung mit der zentralen gestaltenden Kraft des Menschen zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert, die Nuklearkatastrophe von Fukushima aus dem Jahre 2011.
Ich habe die rund 1000 Seiten der fünf Bände nicht gelesen und werde das vermutlich auch nicht tun, jedoch juckt es mich zu all den anderen hier schon erschienen Beiträgen noch einen aktuellen Nachschlag abzuliefern,
der wohl weniger literarische als sehr praktische und jedenfalls erschreckende Einblicke erlaubt und
wenn Sie wollen können Sie vom Weltenrand darüber lachen..

Am 5. September 2018 verbreitete die Nachrichtenagentur Reuters: Japan acknowledges first radiation death among Fukushima workers 
Konkret hat gerade das japanische Ministerium für Arbeits-, Gesundheits- und Sozialministerium beschlossen der Familie eines ehemaligen AKW Mitarbeiters eine Kompensation zu zahlen, der inzwischen an seinem im Februar 2016 diagnostizierten Lungenkarzinom verstorben ist. Die Lebenszeitdosis, die er bei seiner Arbeit in Fukushima und anderen AKWs erhalten hat wird mit 195 mSv angegeben.
Um für die Größenordnung einen Begriff zu geben: Das entspricht etwas der Lebenszeitdosis eines alten Waldviertlers durch die natürliche Strahlung  in seiner Heimat bzw. in der Annahme einer linearen Beziehung zwischen Exposition und Krebsrisko (100 mSv = 0,5% zusätzliches Krebsrisiko) einem Zuwachs des etwa 20%-igen Krebsrisikos der japanischen Allgemeinbevölkerung auf ca. 11%.

Jedenfalls wurde die behördlich in Japan festgesetzte Expositionsgrenze für beruflich strahlenexponierte Personen im Rahmen einer „radiologischen Notfallsituation“ in seinem Fall nicht überschritten.
Egal, er ist verstorben und seine Angehörigen bekommen eine finanzielle Entschädigung, zwar nicht vom Betreiber des AKW Fukushima Daiichi sondern offenbar vom japanischen Staat, aber davon später.

Aktuell verlangten laut einem von der NYT zitierten Bericht der japanischen Zeitung Asahi Shimbun 17 ehemalige Arbeiter des AKWs eine Kompensation.
5 Fälle wurden zurückgewiesen und 2 haben ihren Antrag zurückgezogen.
In insgesamt in vier Fällen wurde ein Zusammenhang zwischen den Arbeitsplatzbedingungen in dem 2011 havarierten AKW und der malignen Erkrankung (zumindest in 3 Fällen Leukämie) anerkannt, ein direkter Zusammenhang mit der Strahlenexposition jedoch offen gelassen.
2017 übersetzte das die BBC so:
„While the causal link between his exposure to radiation and his illness is unclear, we certified him from the standpoint of worker compensation. „

Der Artikel der Nachrichtenagentur Reuters schloss dann mit der Erwähnung der über 160.000 Personen, die nach dem AKW Unfall evakuiert wurden und den daraus folgenden, vor allem psychischen Traumata, die bislang nicht von der Regierung als „Strahlenfolgen“ aber in einigen Fällen vor Gericht als entschädigungspflichtig anerkannt wurden (2017: TEPCO ordered to pay evacuees of Fukushima nuclear disaster). Schätzungen sprechen allein von über 2.000 Menschen, die an den Folgen der Evakuierungsmaßnahmen nach der Naturkatastrophe (unabhängig vom AKW Unfall) durch Stress, Infektionserkrankungen und eingeschränkte Versorgung verursacht wurden. Selbstverständlich sind die beiden Größen vernünftigerweise nicht in Relation zu setzen, jedoch müssen sie mitbedacht werden, zumal vergleichbare Entschädigungen für diese Gruppe in jedem Fall ein Vielfaches der Summe ausmachen würden, die an Krebs erkrankte AKW Mitarbeiter bezahlt werden.

Die New York Times übernahm am selben Tag das Thema des „anerkannten Krebstoten“ und ergänzte, dass der betreffende Mann seit über 28 Jahren, also schon vor dem Unfall, in Fukushima Daiichi gearbeitet hat. Bereits 2015 hat die japanische Regierung zusätzliche Gesundheitskosten eines Mannes übernommen, der zwischen 10/12 und 12/13 an den Aufräumungsarbeiten beteiligt war und an Leukämie erkrankt ist.

Der Unterschied zu dem rezenten Fall besteht aber darin, dass damals mit der Kompensation der Zusammenhang mit der Strahlenbelastung nicht ausdrücklich anerkannt wurde, das aber nun – wider besseres naturwissenschaftliches Wissen – ein Prejudiz geschaffen wurde.
Schon 2015 hat die NYT auf das prinzipielle Problem solcher Entscheidungen hingewiesen, weil ein Zusammenhang zwischen Strahlenexposition und Folgeerkrankungen immer nur auf Basis von Wahrscheinlichkeiten gezogen werden kann, aber in der Regel im Einzelfall nicht zwischen einem durch Strahlung oder durch andere (genetische, Verhaltens- oder Umweltfaktoren) differenziert werden kann. Es gibt zwar erste wissenschaftliche Erkenntnisse, dass sich die Genetik von strahleniduzierten Schilddrüsenkarzinomen nach Tschernobyl und spontanen papillären Schilddrüsenkarzinomen nicht nur im klinischen Verlauf sondern evtl. auch genetisch differenzieren lassen. Ganz abgesichert ist dies mW jedoch noch nicht.

Auch in dem dem Fall mit Leukämie eines AKW Arbeiters hatte dieser sogar eine geringere Strahlenexposition erhalten hat als andere, nicht erkrankte Mitarbeiter (15.7 millisieverts of radiation during his 14 months), was die Schwierigkeiten eines Kausalzusammenhanges in diesen Fällen deutlich macht.

In diese Kerbe schlug auch Dr. James Conca auf Forbes eine Tag später:
Why The Cancer Death Of A Fukushima Worker Was Likely Not Due To Fukushima 

Obwohl auch seine Argumentation Widerspruch hervorruft:

Lungenkrebs ist kein “typischer” Organkrebs für eine Exposition, die während des Unfalls auftraten
; was mE so nicht ganz haltbar ist, weil jede Exposition gegenüber ionisierender Strahlung prinzipiell das allgemeine Risiko der Krebsentstehung erhöht.
Nur ganz wenige Expositionen, i.d. Regel dort, wo das „strahlende Material“ ganz spezifisch in bestimmten Geweben angereichert wird (z.B. Jod > Schilddrüse) lässt sich darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen Exposition und bestimmtem Organ-Karzinomen annehmen.

Es benötigte Jahre, bis in den Überlebenden der A-Bomben-Abwürfe im II. WK die ersten Lungenkarzinome auftraten.
Das ist so nach den neuesten Auswertungen der Life-Span-Study (Lit 1, Lit2) ebenfalls nicht richtig.
Es stimmt zwar, dass es 5 Jahre dauerte, bis statistisch gesichert mehr Organkrebse (i, Ggs. zu Leukämien, „sogenanntem Blutkrebs“) erkennbar waren, als es dem Erwartungswert in dieser Bevölkerung entsprochen hätte (Excess Cases/Death). Für Leukämien war das bereits deutlich früher nach der Exposition der Fall war, nur heißt das nicht, dass keines der früher aufgetretenen Karzinome nicht doch strahleninduziert war, man konnte dies mit statistischen Methoden eben nicht von den „anderen“ Karzinomen unterscheiden, die spontan oder auf Grund anderer Risikofaktoren entstanden sind.

Die Geschichte verbreitete sich dann durch viele Kanäle und kam bei uns verkürzt so an:
Krebserkrankungen durch Fukushima-GAU: Erster offizieller Todesfall
Todesfall bestätigt Nach Fukushima-GAU: Arbeiter erlag Lungenkrebs
Offiziell erster Strahlentoter nach Fukushima-Havarie

Keine Ahnung, welche Schlüsse Herr Weiss auf 1000 Seiten zum Lachen brachten, es darf jedoch aus seinen Interviews und dem pointierten Titel geschlossen werden, dass ihm das Lachen ebenso im Halse stecken bleibt wie mir, wenn man sich mit der offensichtlichen Unfähigkeit von Politik, Justiz, Medien und Gesellschaft beschäftigt, mit einer Katastrophe wie in Japan 2011 umzugehen.
Ohne zu große Parallelen zur Nuklearkatastrophe von Tschernobly ziehen zu wollen, Ursache und Verlauf der beiden Ereignisse unterscheiden sich doch sehr, reichten die über 32 Jahre offenbar nicht aus, um zu erkennen,
dass es hier (medizinisch) nicht nur um die Strahlenwirkung geht,
dass (wie im Finanzwesen und (vermutlich) der privatisierten italienischen Autobahn) die privaten Betreiber zwar die Gewinne einstreifen, aber für die Gesamthaftung nicht gerade stehen, um
letztendlich im Hinblick auf Haftung und Entschädigungen zu einem ausgewogeneren Bild zu kommen.

Natürlich ist aber sonst Herrn Dr. Conca zuzustimmen, dass niemand gegen die Entschädigung für Menschen ist, die Leid erlitten haben, aber es vergeht einem das Lachen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse offenbar negiert werden, wenn der entschädigt wird, der mit einem Dosimeter einen „spontanen oder strahleninduzierten Krebs“ bekam und der nicht, dessen Gesundheitsgefährdung im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen nicht im mSv ausgedrückt werden kann, vielleicht weil das so billiger kommt und der Boulevard dann zur nächsten Headline hastet.

Written by medicus58

11. September 2018 at 17:00

Der freie Beruf Arzt an der Angel der Versicherungen

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Können Sie sich vorstellen, zwar im Rahmen Ihrer Rechtsschutzversicherung einen Rechtsanwalts konsultiert zu haben, dieser aber dann von Ihrer Rechtsschutzversicherung kein Honorar überwiesen bekommt und die Sache damit erledigt ist?
OK, nachdem Sie fertig gelacht haben glauben Sie vielleicht zu wissen was Versicherungen und einen freien Beruf ausmacht.
Vermutlich gehen Sie davon aus, dass die Abgeltung der Leistungen, die Sie von Ihrem Arzt erhielten, durch Ihre Pflichtversicherung oder sogar Privatversicherung ebenso eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Das irren Sie aber gewaltig.

Erinnern Sie sich noch an die Debatte um die Wartezeiten auf CT- und MR-Untersuchungen, auch hier gingen die Krankenpflichtversicherungen davon aus, dass sie jedem Institut eine maximale Anzahl von Untersuchungen („Deckel“) abgelten zu können und zusätzliche Untersuchungen im Quartal halt unentgeltlich durchgeführt werden müssen, weil man Patienten ja nicht warten lassen kann.
Die Privaten Krankenversicherungen verweigern seit Jahrzehnten rund 20% (exakte Zahlen sind schwer zu bekommen) der eingereichten Rechnungen und warten darauf, dass in den Schlichtungsstellen, die gemeinsam mit der Ärztekammer betrieben werden der Beweis geführt wird, dass die erbrachte Leistung unumgänglich im Zusammenhang mit dem stationären Aufenthalt erbracht werden musste. (Im Klartext wird darüber gestritten, ob sich der Herzinfarktpatient seinen zufällig jetzt entdeckten Fußpilz nicht auch nach der Entlassung vom Hausarzt behandeln lassen könnte.)

Wer bis jetzt glaubte, dass sowas nur hier bei uns in Bagdad passieren kann, wird augenblicklich auf einem deutschen Ärzteportal eines Besseren belehrt. Ärzte für erbrachte Leistungen nicht zu bezahlen, hat System:

Ich bekam gestern einen Brief der KV- Abrechnungsstelle, in dem mir mitgeteilt wurde, daß sie alle meine DMP-Ziffern „im Wege der sachlich-rechnerischen Richtigstellung“ gestrichen haben. Grund: Angeblich läge keine Dokumentation von der DAVASO Datenstelle vor. Meine Abrechnungsauswertung für 3/2017 kam in einem anderen Umschlag mit gleicher Post, und tatsächlich war keine DMP-Ziffer enthalten. Wer hat so etwas schon erlebt? Was tun?

Ich bin total sauer, weil ich der Meinung bin, daß die KV-Mitarbeiter, welche die Abrechnung bearbeiten, verpflichtet sein sollten, bei der DAVASO und bei mir nachzuhaken, sobald sie merken, daß ein Nachweis fehlt – und nicht einfach kommentarlos streichen und 1/4 Jahr später vor vollendete Tatsachen stellen! Denn jetzt wäre die Frist für eine Nachmeldung an die DAVASO verstrichen (zum Glück habe ich den E-Mail-Versand-Nachweis, daß ich die Dateien ich fristgerecht versendet hatte).

Den Spass hatte ich in leicht modifizierter Form auch schon mal … die Dokumentationen im betreffenden Quartal angelegt, abgerechnet am Anfang des Folgequartals mit aktuellem Tagesdatum.
Die Datenverarbeitungsstelle hat dann sowohl diese als auch die Dokumentationen des Folgequartals automatisiert dem Folgequartal zugeordnet trotz des widersprechenden Erstelldatums.
Ich muss allerdings zugeben, dass ich damals die schriftlichen Rückmeldungen der Datenverarbeitungsstelle auch nicht lückenlos „Studiert“ habe 🙂
Da ist das fehlende Honorar ja nicht die einzige Misslichkeit, u.U. würden in ungünstigen Konstellationen Patientenauch ausgeschrieben werden etc.
Da offensichtlich ein softwaretechnischer Fehler seitens der Datenverarbeitungsstelle grundlegend war, habe ich trotz anfänglicher „Hartleibigkeit“ der dortigen Angestellten mit zwei oder drei „burschikosen“ Telefonaten das Problem aus der Welt gebracht … das geht aber nur durch konsequenten Einsatz der drei folgenden Strategien:
1. ärztliche Arroganz
2. ärztliche Arroganz und letztlich
3. ärztliche Arroganz!
Eventuell muss man da vorher ein wenig üben … 🙂

Written by medicus58

30. Januar 2018 at 23:33

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

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