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Wickel oder Neustart der Ärzteausbildung: Komm auf die Schaukel, KollegIn

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buminöäkhgii

Es fällt schwer dem Ernest Pichlbauer, dem in Selbstdefinition „unabhängigsten Gesundheitsökonomen des Landes“ zuzustimmen, aber manchmal ist es unumgänglich ihm von anderen Ende des politischen Spektrums zuzustimmen.

Im August 14 schrieb er in einem Kommentar in der Wienerzeitung:
Die neue Ärzteausbildung – eine unglaubliche Mogelpackung
(http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/650356_Die-neue-Aerzteausbildung-eine-unglaubliche-Mogelpackung.html) und hatte Recht, obwohl er zu diesem Zeitpunkt (nachweislich) nicht wusste, was parallel dazu im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), immerhin der größte Ärzteausbildungsmühle, passierte.

In seinem Artikel prophezeihte er den Ärzte-Azubis, dass sie trotz anderslautender Versprechungen weiterhin als Systemerhalterherhalten müssen, weil niemand sonst für den Routinebetrieb (Blutdruckmessen, Blutabnehmen, Spritzengeben, Infusionen anhängen, …) zur Verfügung stehen würde.
Zu diesem Zeitpunkt hat aber der neue starke Mann im KAV Udo Janßen (Mann, ist der Mann gut, der nun im KAV aufräumt….http://wp.me/p1kfuX-Kd) – angeblich unmittelbar vor Urlaubsantritt – in einer Mail an alle KAV Mitarbeiter per Erlass die Aufgaben von Medizin und Pflege dahin geregelt

Achtung schweres Geschütz

dass die Pflege ab sofort, bzw. ab Oktober, spätestens aber ab 1.1.2015 all das, was sie die Pflegeberufe als Kompetenz in ihre Berufsgesetze schreiben hat lassen, auch zu tun hat … na, bummm

Damit war klar, dass Janßen den Ratschlag seines Vorgängers Marhold: „Wenn ich meinen Nachfolgern einen einzigen Rat geben darf, ist es der – arbeiten Sie eng mit der Personalvertretung zusammen.“ in den Sommerwind geschlagen hat und prompt nahm Bernhard Harreiter, Vorsitzende der Hauptgruppe II, den Fehdehandschuh auf:

Entweder provoziert der neue Mann an der Spitze des KAV mit dieser Vorgehensweise ganz bewusst eine völlig unnötige Auseinandersetzung oder es ist ihm „einfach passiert“.
Er grenzt damit die Möglichkeit der Zusammenarbeit extrem ein:
„Wickel“ oder Neustart.

Der Hintergrund für die hektische Verschiebung der ungeliebten Routine ist einfach, dass es spät aber doch auch dem KAV dämmerte, dass mit dem Wegfall der alten Turnusausbildung und dem aktuellen (natürlich auch von Wehsely mit bestimmten) Konsens der Spitalsträger, „nur mehr eine Ausbildung bieten zu wollen“, es zu einem massiven Engpass der Azubis kommen wird. Früher war es eher Standard, dass diejenigen, die eine Fachausbildung anstrebten die theoretisch 3- meist aber 4-jährige „Turnusausbildung zum Praktiker“ mehr oder weniger komplett durchliefen und dann je nach Eignung, Gelegenheit oder Zufall in eine 6-jährige Ausbildung zum Facharzt wechselten. Fast ein Jahrzehnt stand somit am unteren Ende der Karriereleiter ein Azubi zur Verfügung, der „Routine“ machen musste.

Wenn das wegfallen sollte, und das es das wird ist seit einigen Jahren politisch klar, dann muss jemand diese Tätigkeiten übernehmen.
Gleichzeitig hat sich die Ärzekammer mit dem Bundesministerium eine komplette Neuakkreditierung aller Ausbildungsstellen ausgemacht und tönt vollmundig, dass sie diejeneigen Stellen, an denen die Ärzte in Ausbildung zu Tätigkeiten herangezogen werden, die eigentlich von anderen Berufsgruppen erledigt werden könnten, einfach nicht anerkennen würde – will heissen,
den Spitälern droht ein weiterer Verlust billiger Arbeitskräfte …

Für den Aussenstehenden schien es also für die Ärzte zu laufen:
Die im „common trunk“ verdichtete Grundausbildung aller Ärzte in „Allgemeiner Interne und Chirurgie“ sollte nach dem letzten, nun praktischen Jahr des Studiums (KPJ) die Grundlage für einen prinzipiellen Überblick schaffen, um dann sich auf die beiden Ausbildungsschienen „Allgemeinmedizin“ und „Sonderfächer“ konzentrieren zu können.
Dass damit die sogenannten Gegenfächer (also die Rotation zB. eines angehenden Neurochirurgen an eine Neurologie) abgeschafft wurde (weil die Organisation für die Spitalsträger zu mühsam war), halte ich zwar für eine gefährliche Verschlechterung der Ausbildung, aber der Unmut unter den Fachvertretern wurde von der Kammer weggeredet.

Zukünftige Ärzte für Allgemeinmedizin – tönte es noch im Sommer – sollten auch verstärkt in Disziplinen wie HNO, Dermatologie, Kinderheilkunde ausgebildet werden, da sie ja in den gleichzeitig entwickelten PrimaryHealthCare-Konzepten, einfachere Krankheiten in diesem Bereich, erstversorgen sollen. In der Stadt geht man mit seinem fiebernden Kind am Wochenende eben in eine Spitalsambulanz, am Land steht dafür nur der von Allgemeinmedizinern geführte Ärztenotdienst zur Verfügung, so dass der schon noch Masern von Scharlach untersc heiden können sollte …

All das ist nun Makulatur:

Die Ärztekammer hat (gemeinsam mit dem Bundesministerium unter dem offenkundigen Druck der Landespolitik) zurück gerudert:

Damit auch alle offenen Lücken geschlossen werden können, wird man seine Allgemeine Interne an irgendeiner konservativen Abteilung (Originalzitat: auch Psychiatrie) und seine Allgemeine Chirurgie an irgendeinem operativen Fach absolvieren können.

Es gibt leider zuwenig dermatologische oder HNO Abteilungen, so dass diese Inhalte nur mehr fakultativ, vielleicht auch nur an der Seite eines stundenweise ins Spital kommenden Konsiliars ausgebildet werden können.

Is ja egal, wird auch in Zukunft der Hausarzt auf jede rote Hautveränderung zuerst ein Pilzmittel und wenn das nicht hilft ein Cortisonpräparat verordent werden … Diagnostik ist überbetont!

Aber auch im KAV läuft die Welle der Gegenreformation:

In der Novemberausgabe der Gewerkschaftszeitung frohlockt Harreither, dass Janßen von den beiden angebotenen Optionen nun den Neustartgewählt hätte.
„Das wiederum bedeutet, dass am 1. Jänner 2015 nun doch kein imaginärer Hebel umgelegt, der KAV-weit einfach nur Tätigkeiten innerhalb von zwei Berufsgruppen verschiebt.“ 

…verschafft Ihnen vor Ort Zeit. Zeit die Sie benötigen … analytische Funktionsbewertung … Rahmenbedingungen …

Im Klartext: Zwitscher, zwitscher, … schaun mir amoi …

Wie gesagt, es fällt schwer dem Pichlbauer zuzustimmen und auch wenn er seinen damaligen Artikel nicht in Kenntnis aller parallelen Entwicklungen getippt hat, mit einem vorausschauenden Pessimismus liegt man in unserem Gesundheitssystem leider meistens richtig …

Die verlogenen Finanzierung der Medizin: Was lange gewährt bricht endlich weg

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Protest

Ja sind denn alle plötzlich irre geworden?

Die Rettungen verlangen mehr Geld von der Krankenkasse:

Rotes Kreuz und Samariterbund haben ihren Verrechnungsvertrag mit den Krankenkassen gekündigt. Seit 2005 wurden die Tarife nicht mehr angepasst. Ab Jahresende droht Patienten jetzt ein Selbstbehalt bei Einsätzen.
http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/1470305/Letzte-Rettung-fur-Niederosterreich

Die Radiologen bereiten sich für den vertragslosen Zustand vor:

Radiologen fordern mehr bezahlte Untersuchungen und kürzere Wartezeiten. Kommt es zu keiner Einigung mit den Kassen, wird es für die Patienten ab 1. Jänner teuer.
http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/1502201/MRT-und-CT_Vertragsloser-Zustand-ab-Jaenner

Turnusärzte fordern acht „Grundrechte“ ein.

32-Stunden-Dienste, drei Wochenenddienste pro Monat, teils schlechte Aus- und Weiterbildung

http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Turnusaerzte-fordern-acht-Grundrechte-ein;art4,1256734

Wahlärztinnen und Wahlärzte weiter auf dem Vormarsch: Der versteckte Selbstbehalt

Patienten zahlen gerne drauf, um Wartezeiten und ärztliche Aufmerksamkeit zu bekommen

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20131210_OTS0062/wahlaerztinnen-und-wahlaerzte-weiter-auf-dem-vormarsch

Gleich vorab meine These:

Die Effizienzsteigerungen im System demaskieren die bisherigen Lügengebäude.

Als ich vor vielen Jahren auch im Rettungswesen tätig war, war der „Betrieb“ der Notfallwagen, also die mit Arzt und Sanitätern ausgestatteten Blaulicht-Wagen schon ein Defizit und die Rettungsorganisationen, damals de facto nur RK und ASB, finanzierten sich in erster Linie durch die Cashcow Personentransport, also der PKW oder „Sanka“ der Ambulanz-, Kontroll- und Dialysepatienten als Krankentaxi meist günstig von einem Zivi chauffieren ließ.

Mit einem CT zum Therapiemonitoring eines Karzinompatienten nach RECIST Kriterien (http://de.wikipedia.org/wiki/Response_Evaluation_Criteria_in_Solid_Tumors) oder multiparametrischer Magnetresonanz ließen sich die radiologischen Institute nicht gewinnbringend führen, wären da nicht die vielen unnötigen Lungenröntgen in der Grippewelle oder die Wirbelsäule (AP, seitlich) beim Hexenschuss. Da war es nicht so wichtig, dass der Kassentarif so niedrig war, denn die Gefahr „etwas zu übersehen“ war bei „Routineröntgen“ nicht so groß und man musste einfach den Durchsatz steigern um in den schwarzen Zahlen zu bleiben.

Solange die Diensträder üppig besetzt waren, konnten sich auch Turnusärzte mit 10 Nachtdiensten pro Monat ein schönes Zubrot verdienen und sich – außer in Krisenfällen – auch etwas ausruhen, wenn der Kollege nach Mitternacht den Pager für ein paar Stunden übernehmen konnte. Für die Aussicht eines lukrativen Kassenvertrags oder einer Oberarztposition mit eigener Praxis (halt nur mit den „kleinen Kassen“) konnte man sich da schon durchbeißen.

Solange es §2 Kassenverträge gibt, kann man sich auch als Wahlarzt niederlassen und für „attraktivere Leistungen“wie Geburtshilfe, Dermatologie und Thyreologie kostendeckende Tarife verlangen, weil die Patienten den Selbstbehalt akzeptieren, wenn sie ihn nur einmal pro Jahr löhnen müssen.

Seit wir aber – an sich völlig zu Recht – die ganzen Taxifahrten in die Spitäler durch Rechnungslegung seitens der Krankenkassen unbeliebt machten,

seit durch Deckelungen und Wartezeiten immer mehr „kompliziertere Fälle“ in die Röntgenpraxen kommen,

seit die Arbeitsbelastung in den Spitälern auf immer weniger Köpfe fallen und in Zeiten der Aufnahmesperren die Hoffnung auf eine gehobene Dauerstellung in den öffentlichen Spitälern geschwunden sind und

seit die Krankenkassen immer mehr Wahlarztleistungen „ablehnen“,

kurz seit wir versuchen eine auf das Wesentliche fokussierte, effiziente Medizin zu betreiben (versuchen, nicht einmal noch ansatzweise geschafft haben)
stellt sich heraus, dass die bestehenden Tarif- und Versorgungsstrukturen völlig ungenügend sind.

Wenn wir auf das Unnötige verzichten wird das Nötige nicht billiger!

Irgendwann wird dem letzten „Reformer“ vielleicht klar, dass man zwar Akutbetten einsparen kann, eine ordentliche Langzeitpflege, weil sehr personalintensiv, jedoch mindestens ebenso teuer kommt, wie ein unnötig lange belegtes Akutbett.

In Wirklichkeit kommen wir mit der Personalausstattung unserer Akutstationen nur deshalb meistens aus, weil ein Teil der Patienten dort eigentlich nicht täglich ein Tumorboard, eine neue Antibiotikakombination oder aufwendige Pflegehandlung benötig.

Die Arbeitszeit des Radiologen verkürzt sich durch den Wegfall von 30 Routineröntgen pro Tag nicht wirklich, sein Einkommen (so er extramural tätig ist) sehr wohl.

Wenn wir von den Rettungsorganisationen überwiegend die Leistung einer „fliegenden Intensivstation“ verlangt, dann wird sich der Betrieb nicht mehr durch ein paar Freiwillige am Leben erhalten lassen.

Noch hören wir aus der Politik und den von ihr bezahlten Experten,

dass alles besser bleibt und billiger wird.
Vielleicht sind die jetzt allenthalben aufbrechenden Konflikte die Chance endlich zu erkennen,
dass man höhere Ansprüche nicht für weniger Geld und mit der alten Tarifstrukturen die gestiegenen Ansprüche nicht abdecken kann.

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