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Ist 2030 schon vorbei, oder? Bemerkungen zum Wiener Spitalskonzept

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Am 22.6. verkündete der Kurier, dass Wien von Wehselys Spitalskonzept 2030 abrückt, da einige der vielen Transformationsprozesse begraben wurde.
Die FP schlug erneut in diese Kerbe und setzt auch noch Aktuelles drauf:
FP-Seidl: Spitalskonzept 2030 ist kläglich gescheitert – KAV ist nur mehr Passagier im kaputten Gesundheitssystem
Patientenanwältin Pilz schweigt weiter beharrlich und hält ihrem Arbeitgeber die Stange
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170623_OTS0126/fp-seidl-spitalskonzept-2030-ist-klaeglich-gescheitert-kav-ist-nur-mehr-passagier-im-kaputten-gesundheitssystem

Prompt schlug Nani Kauer (KAV Pressestelle KAV GD) via Presseaussendung zurück:
Das Wiener Spitalskonzept 2030 ist aufrecht
und verlangte, was seit Jahrhunderten eher von Kirchenkanzeln donnert:
Verunsicherung muss aufhören
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20170623_OTS0196/kav-das-wiener-spitalskonzept-2030-ist-aufrecht-verunsicherung-muss-aufhoeren

Auf Orf.at wurde das alles noch etwas elaboriert: „Man bleibe beim Zentrumskonzept, jedoch gibt es noch bauliche Probleme

Fasst man die Grundprinzipien des Spitalskonzept zusammen,
das ja nicht erst seit 2016, wie in den Artikeln angeführt, sondern seit der SPÖ Klausur in Rust im Jahre 2011 existiert und inzwischen mehrfach umgeschrieben wurde

(Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration) kann man einige Prinzipien ausmachen, die hier auch schon scharf kritisiert wurden:

  • Pärchenbildung: Kleinere Einheiten wurden (Kaiserin Elisabeth Spital) und werden geschlossen, so dass zum Schluss neben dem AKH noch drei Krankenhauspärchen übrig bleiben sollen.
    Im Gegensatz zu früher, sollte die Abteilungsstruktur der großen Standorte (Wilhelmine, Hietzing/Rosenhügel, KFJ, Rudolfstiftung, SMZ) nicht mehr alle wesentlichen „Organprobleme“ (Augen, Haut, Neuro, …) intramural versorgen.
    Nur mehr ein Krankenhauspärchen zusammen hätte alle Abteilungen vorgehalten, um diese Versorgung nachkommen zu können. Manche Therapien und Eingriffe sollen überhaupt nur mehr im AKH angeboten werden!
    Dazu wurden atemberaubender Schönsprech ( KAV: Superkalifragilistisch Expealigorisch) erfunden, um die verschiedenen Versorgungsformen zu definieren und etwas verwirklicht, das ich hier seit 2012 (!!) so bezeichne:
    Die Potemkinschen Spitäler
    https://medicus58.wordpress.com/2012/07/11/die-potemkinschen-spitaler 

    Reform=Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes
    https://medicus58.wordpress.com/2016/07/26/sommerloch-reprisen-reformstillschweigen-zur-errichtung-eines-potemkinschen-dorfes/

    Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte
    https://medicus58.wordpress.com/2013/03/21/nun-gibt-die-politik-die-potemkinschen-spitaler-langsam-zu-schiebt-aber-verantwortung-auf-arzte/
    Und wir wollen nicht darauf vergessen, dass die Teilfinanzierung des KH Nord auf diesem angeblich so neuen Ansatz beruht:
    Wehselys Coup: Wien lässt sich Demontage der öffentlichen Spitäler von der EU finanzieren! https://medicus58.wordpress.com/2016/01/15/wehselys-coup-wien-laesst-sich-demontage-der-oeffentlichen-spitaeler-von-der-eu-finanzieren/

    Mein wesentlicher Kritikpunkt am „Paarungskonzept“ war aber stets, dass auf die Notwendigkeit der Konsiltätigkeit vergessen wurde, also auf die Notwendigkeit, dass z.B.
    ein nicht transportabler Unfallpatient auch von einem Neurologen,
    ein Frühchen im Brutkasten auch von einem Augenarzt gesehen werden muss.
    Darauf zu setzen, dass sich im Bedarfsfall ein benötigter Facharzt aus dem Pärchenspital in ein Taxi setzt ist nicht nur absurd sondern auch sehr ineffizient und teuer! Außerdem vergibt er sich eine der wesentlichen ärztlichen Techniken, die Fall-basierte Kommunikation im am Gang oder im Speisesaal.

  • Zentrumsbildung: In jedem Sonderfach sollen „etwas komplexere Leistungen“ ausschließlich in „designierten Zentren“ erbracht werden. Hier geht man schon von dem längst kritisierten Ansatz aus, als würde eine Leistung in immer höherer Qualität erbracht, je häufiger sie durchgeführt wird; dass es sich hierbei eher um eine Glockenkurve handelt und dass durch die Überspezialisierung in einem niederschwelligen Gesundheitssystem (in zwei Schritten in die Fachambulanz) dort die Qualität der Grundversorgung sinken wird.
    Spezialisierung zur Qualitätsverbesserung ist out, im Spital gibt’s fachärztlichen Pannendienst 
    http://wp.me/p1kfuX-Pr
    Schwerpunktbildung ist das gesundheitspolitische Codewort für Einsparung https://medicus58.wordpress.com/2015/12/04/schwerpunktbildung-ist-das-gesundheitspolitische-codewort-fuer-einsparung/
    Auch hier wirkt sich die Nicht-Beachtung der Notwendigkeit fachärztlicher Konsile fatal aus, denn jedem Laien wird einleuchten, dass jede Spezialisierung zwangsläufig mit einer Verminderung allgmein-medizinischer Kompetenzen einhergehen wird (Ausnahmen sind vielleicht die Alles-könnenden Schreibtischtäter, die den Schmarrn entwickelt haben!). D.h. je höher die Spezialisierung je wichtiger wird die Kooperation mit anderen!
    Und wer nun einwendet, dass diese Kommunikation auch schriftlich (Konsiliarzettel) oder telefonisch erfolgen kann, hat nie im Spitalsalltag gearbeitet!
  • Notfallaufnahmen: Um die Facharztdienste während der Nachtstunden einzusparen, sollten Pufferstationen (NFA= überwiegend mit Allgemeinmedinzinern besetzt!) die akute Aufnahmen praktisch abgeklärt und „antherapiert“ erst am nächsten Morgen auf die Spezialabteilungen transferieren. Wie wir uns erinnern war das das Hauptargument in den vergangenen Gehaltsverhandlungen, um 382 Ärzteposten reduzieren zu können. So ein Konzept funktioniert seit Jahrzehnten im AKH, jedoch unter ganz anderen räumlichen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen! Teil dieses Konzept (im KH Nord schon begonnen) wären vorgelagerte Ambulanzen (Mars) und Primärversorgungszentren, deren Errichtung aber extrem stotterte.
    Wehsely finanziert die Wiener Gebietskrankenkasse und keinen stört’s https://medicus58.wordpress.com/2015/02/27/wehselys-finanziert-die-wiener-gebietskrankenkasse-und-keinen-storts/
  • Interdisziplinäre Belegungen: Um scheinbar das „Gangbettenproblem“ mit Neuaufnahmen bei gleichzeitig unbelegten Spezialbetten lösen zu können, sollten Interdisziplinäre Bettenstationen eingerichtet werden, wo ein Pflegeteam ganz unterschiedliche Krankheitsbilder zu versorgen hätte, während die entsprechenden Fachärzte nur zur Visite auf der Station erscheinen würden. Das Bettenmanagement wurde in der Masterbetriebsorganisation der Pflege (!) überantwortet.
    Wozu hätten wir denn die Experten, wenn sie sich nicht immer was Neues einfallen ließen? https://medicus58.wordpress.com/2014/05/05/wozu-hatten-wir-denn-die-experten-wenn-sie-sich-nicht-immer-was-neues-einfallen-liesen-interdisziplinare-belegung/
    Masterplan: Wir sparen, koste es was es wolle https://medicus58.wordpress.com/2016/03/16/masterplan-wir-sparen-koste-es-was-es-wolle/
    Master BO – Die tickende Zeitbombe https://medicus58.wordpress.com/2017/01/27/master-bo-die-tickende-zeitbombe/

 

Letztlich kann man sich nur wünschen, dass der Papiertiger Spitalskonzept 2030 still und heimlich begraben wird und offen gelegt wird, welche „externe Experten“ dafür wie viel der 40 Millionen Steuergeld abkassiert haben.
Dazu kommt, dass aus ökonomischem Druck und fehlender Übersicht alles gleichzeitig und nichts wirklich richtig umzusetzen!
Die jetzt von den Medien realisierten „Verzögerungen im Transformationsprozess“ haben aber weniger medizinische als partei- und machtpolitische Gründe:

Eine seit Jahren frustrierte Belegschaft verweigert unter der tatkräftigen Unterstützung der „roten“ Personalvertretung im Schulterschluss mit dem „roten“ Bezirksvorstand die angeordnete Übersiedlung.
Dadurch werden die Räumlichkeiten nicht frei, die für den Ausbau der Notfallaufnahmen gebraucht würden.
Dort wo die Notfallaufnahmen bereits existieren, sind sie noch weit davon entfernt, die volle Pufferleistung für die klinischen Abteilungen zu erbringen.
Dort wo bereits Ärzteposten gestrichen wurden, ohne dass die organisatorischen Voraussetzungen funktionieren, müssen Abteilungen wochenweise ganz geschlossen werden.
Die Eröffnung des KH Nord hat sich so lange verzögert, dass schon allein dadurch die „Pärchenbildung“ in Transdanubien nicht funktioniert.
Standorte, die man eigentlich komplett schließen wollte, können nicht geschlossen werden, so dass man plötzlich wieder von einem Neuausbau spricht und en route bemerken musste, dass man alle Internisten abgesiedelt hat.
Und schließlich basierte das Konzept von Anfang auf massiven Bauleistungen, die sich im hoch verschuldeten Wien nun niemand leisten kann.
In den letzten Jahren wurde im KAV auch munter herumorganisiert (KAV: Rausgliedern, aber nun mal richtig? https://medicus58.wordpress.com/2016/10/22/kav-rausgliedern-aber-nun-mal-richtig/) und
schließlich sind auch Stadträtin und Generaldirektor längst verloren gegangen.
Die neue Stadträtin wird es schon von ihrer politischen Basis schwer haben, sich gegen die roten Personal- und Bezirksvertretungen zu stellen.

Ja, und unter den herrschenden Rahmenbedingungen und dem personellen Nachwuchsproblem, wird sich nur ein Ziel des Konzepts mit größter Sicherheit erreichen lassen,
die Personaleinsparungen, … einfach weil sich immer weniger Bewerber finden, um die in die Frühpension entweichenden +/-60-Jährigen ersetzen zu können.

 

 

 

 

 

Written by medicus58

25. Juni 2017 at 13:19

Schwerpunktbildung ist das gesundheitspolitische Codewort für Einsparung

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Konzept

Dass das Wiener Spitalskonzept 2030 nur mehr eine Mogelpackung für ein Hinunterfahren des intramuralen Gesundheitswesens ist und kaum mehr dem entspricht, was Stadträtin Wehsely 2011 verkündet hat, konnten Sie hier schon im Jänner 2014 (!) lesen. Fast zwei Jahre danach sind viele der schon damals angesprochenen Leistungsreduktionen auch in der aktuellen Presse zu lesen:

Wiener Spitäler: Kahlschlag bei Ambulanzen
http://diepresse.com/home/panorama/wien/4880609/Wiener-Spitaeler_Kahlschlag-bei-Ambulanzen?_vl_backlink=/home/index.do

Für die 4,3 Mill €, die allein 2015 der KAV für externe Berater ausgibt (http://diepresse.com/home/panorama/wien/4788981/Wien_Teure-Beratung-fur-Spitalsbetreiber?from=suche.intern.portal) liegt ein Masterplan vor, der nicht nur – und nicht unberechtigt – einige kleinere Standorte schließt, sondern stillschweigend und unter dem Vorwand einer Schwerpunktbildung die ehemaligen Schwerpunktspitäler bis zur Unkenntlichkeit aushöhlt.

Übrigens ein Prozess auf den hier schon 2/2012 hingewiesen wurde
(Reform=Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes http://wp.me/p1kfuX-8V)
und 2014 in Anlehnung an die Musicalproduktion der Vereinten Wiener Bühnen als KAV: Superkalifragilistisch Expealigorisch (http://wp.me/p1kfuX-RB) bezeichnet wurde.

Neben der im Presseartikel völlig richtig angesprochenen Problematik, dass es z.B.  im Wilhelminenspital, im Donauspital und vielleicht irgendwann im KH Nord keinen Augen- oder Hautarzt geben wird, der im Falle komplexerer Augen- oder Hautverletzungen den Unfallchirurgen in der Versorgung von multipel Verletzten unterstützen kann, es sei denn der entsprechender Facharzt setzt sich in die U-Bahn oder ein Taxi und fährt durch ganz Wien, wirft die Schwerpunktbildung auch ein nahezu unlösbares Problem in der Ärzteausbildung auf.

Wer damit argumentiert, dass die auszubildenden Fachärzte ja von Spital zu Spital rotieren können, um schließlich in allen Schwerpunkten entsprechende Erfahrungen zu sammeln, der hat offensichtlich keine Ahnung von einem Spitalsbetrieb. Sehr häufige Erkrankungen, können zwar so ausgebildet werden, aber für etwas seltener Fälle, ist kaum zu garantieren, dass sich diese so regelmäßig einfinden, dass jeder Zurotierte diese in den 1-2 Monaten im jeweiligen Schwerpunkt auch zu Gesicht bekommt.

Überdies erlaubt dieses Konzept nicht, auch den neben den praktischen Fertigkeiten wahrscheinlich wesentlichsten Teil der ärztlichen Ausbildung zu lernen:
den Diagnosegang

Klar wird ein Chirurg seine Dickdarmoperationen in ein paar Wochen in einem entsprechenden Zentrum praktisch erlernen können, nur kommen die Patienten halt nicht in das Gesundheitssystem und tragen die entsprechenden Enddiagnosen wie Spruchbänder vor sich her.
Wer stellt denn dann noch all die speziellen Diagnosen, wenn überall nur mehr Spezialisten eine bestimmte Therapie möglichst fließbandgleich und somit kostengünstig abliefern. Wer kann denn die Jungen dann noch darin ausbilden, im Allgemeinen das Spezielle zu erkennen?
Ja natürlich, die Ausbildner in den Lehrpraxen! Nur haben die in ihrer Ausbildung Diagnosegänge gelernt, so wie sie vor ein bis zwei Jahrzehnten üblich waren.
Ja natürlich, das lernt man halt dann in den selbst zu bezahlende Fort- und Weiterbildung, die wie Schimmelpilze allenthalben hervor schießen. Nur wer programmiert denn diese Lehrprogramme?
Die Spezialisten?
Wie ging noch der Witz vom Biologiestudenten, der für die Prüfung nur die Würmer gelernt hat und die Frage nach der Einteilung der Säugetiere wie folgt beantwortete:
Elefanten sind Säugetiere mit einem Rüssel, der an Würmer erinnert,
und die Würmer teilt man ein.
Bleiben Sie in Zukunft besser gesund!

Written by medicus58

4. Dezember 2015 at 20:04

Wozu hätten wir denn die Experten, wenn sie sich nicht immer was Neues einfallen ließen? Interdisziplinäre Belegung

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HOSPITAL

Ein Dauerbrenner in der Gesundheitsökonomie ist die interdisziplinäre Bettenstation, die vom neuen KAV GD-STV Janßen in einem aktuellen Interview exhumiert wird:

Die ganzheitliche Versorgung der PatientInnen wird eine andere sein als 2014 … Daher brauchen wir innovative medizinische Versorgungskonzepte dafür, wie unsere Spitäler ab 2020 funktionieren sollen. Medizin im 21. Jahrhundert verlangt nach fächerübergreifender Behandlung und Versorgung.

http://www.medmedia.at/klinik-ausgaben/wiener-spitalskonzept-2030-der-medizinische-masterplan-in-wien-was-dahintersteckt/

Jetzt einmal davon abgesehen, dass ich die Luftblasen ganzheitlich„, „innovativ“ und „nichts wird so bleiben wie bisher“ schon zu oft in den Himmel steigen gesehen habe, als dass sie mir Jubel abzuringen in der Lage wären, „schlaucht der alter Wein in neuem Gebinde“ auch deshalb, weil sich bereits vor Jahren Kollege Kaspar Sertl mit dieses Konzept um den Generaldirektorsposten des Wiener Krankenanstaltenverbundes beworben hat. Geworden ist er es damals nicht und inzwischen hat man ihn überhaupt frühpensioniert.

Mir geht es aber gar nicht darum, das Klagelied des „Propheten im eigenen Land“ anzustimmen, weil ich persönlich das Konzept einer interdisziplinären Bettenbelegung ohnehin für einen praxisfremden Schwachsinn halte.

Natürlich gibt es bereits national und international Beispiele interdisziplinärer Belegung, jede Notfallaufnahme, jeder postop. Aufwachraum ist in gewisser Weise so eine interdisziplinäre Einrichtung, nur handelt es sich hierbei um Spezialsituationen, in denen der Patient nur für einen relativ kurzen Zeitraum verweilt. Für den Rest der Diagnose und Therapie liegen die meisten Patienten derzeit noch in Strukturen, die sich auf sein spezielles Krankheitsbild spezialisiert haben. Dabei geht es aber natürlich nicht nur um die speziellen Kompetenzen der behandelnden Ärzte, obwohl es natürlich einen Grund hat, weshalb (z.B.) ein Urologe und ein Augenarzt nach einem gemeinsamen Studium noch jeweils sechs Jahre eine Ausbildung in dem jeweiligen Sonderfach erhalten. Für eine erfolgreiche Behandlung ist natürlich auch dieSpezialkompetenz der Pflege und anderer involvierter Berufsgruppen (MTD, Med.Physik, Soz.Arbeiter,…) erforderlich. Auch wenn abgesehen von bestimmten Zusatzqualifikationen (z.B. „Dialyseschwester“, …) so getan wird, als wäre Pflegeperson gleich Pflegeperson, kann jeder Arzt ein Lied davon singen, zu welchen Banalatäten er im Nachtdienst gerufen wurde, wenn eine „weniger erfahrene“ Kraft Dienst hatte, aber auch dass wertvolle Zeit verschenkt wurde, weil ein Krankheitssymptom falsch eingeschätzt wurde: Kurzes Anfiebern bei einem schwer in einer Abwehr geschwächten Patienten unter chemotherapie erfordert eine andere Handlungsweise als bei einem Patienten mit intaktem Knochenmark.
Auch Verbandswechsel und Wundpflege unterscheiden sich oft grundlegend zwischen (z.B.) einer Dermatologie und einer Herz-Thorax-Chirurgie. Ehe mich noch der Vorwurf ärztlicher Überheblichkeit trifft darf ich auch aus voller Überzeugung hinzufügen, dass ich über vergleichbare Beispiele berichtet könnte, wenn der Beidienst mit einem im speziellen Fach unerfahrenen Arzt besetzt wurde.
Der Schlüssel zur Expertise in allen Bereichen ist Spezialisierung und Erfahrung, egal ob diese schon in unterschiedlichen Ausbildungswegen (nach einem Dr. med univ.) oder eben in der Praxis erworben wird.

Mit einem besonders schönen intellektuellen Fallrückzieher beweist Janßen in diesem Interview auch, dass man als „Experte“ heute ein gerüttelt Maß an Sophismus zu beherrschen hat, also mit absichtlich herbeigeführten Fehlschlüssen operieren können muss:

An den Anfang stellt er ein anderes Mantra:

In der Medizin hängt Qualität in hohem Maße von hohen Fallzahlen ab.

Bewußt oder unbewußt lässt er aber weg, dass der Satz – wenn überhaupt – nur Sinn macht, wenn es um hohe Fallzahlen GLEICHER Krankheitsfälle geht.
Dann setzt er fort:

Die Ausbildung interdisziplinärer Zentren fördert genau diesen Aspekt. Dort wird maximale Kompetenz gebündelt und so optimale Voraussetzungen für eine ganzheitliche Behandlung auf höchstem Niveau geschaffen.

Also mit anderen Worten:

Alles wird besser, wenn an einem Ort möglichst häufig dieselbe Erkrankung diagnostiziert und behandelt wird und deshalb legen wir ganz verschiedene Erkrankungen in eine Station.

Verstehe das wer kann, wenn man „maximale Kompetenz“ nicht als „Eier-legende-Woll-Milch-Sau“ interpretieren will. (Mann, ist der Mann gut, der nun im KAV aufräumt …. http://wp.me/p1kfuX-Kd)

Was da der Generaldirektor-Stv. des größten öffentlichen Krankenanstaltenverbundes Europas als Erfolgsgeheimnis hinter das Wiener Spitalskonzept 2030 erfindet ist an Dutzenden privat geführten Belegspitälern schon längst realisiert:
Hoch kompetente – oder zumindest medial aktive – Ärzte legen ihre Patienten in ein freies Bett, hinterlassen ihre kompetenten Anweisungen und machen sich wieder aus dem Staub. Die täglichen und nächtlichen Abläufe werden dann von anonymem Personal geführt, mit deren Namen niemand auf schön glänzenden Messingschildern wirbt.

Oder wie es Kurt Langbein einmal so schön zusammenfasste:

Geworben wird mit Sicherheit, persönlicher Betreuung und
dem Wohlfühlfaktor. Doch damit kann es in Belegspitälern
schnell vorbei sein, wenn Komplikationen eintreten und
der Arzt abwesend ist.

http://www.schaffler-verlag.com/gw_artikel_dl/130508.pdf

In diesem Artikel wurde auch die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz zitiert, die darauf hinwies, dass es in privatwirtschaftlich geführten Belegspitäler ein erhöhtes Risiko für Patienten bedeutet, wenn die „Spezialisten“ nicht greifbar sind. Erst vor 2 Tagen wiederholte Pilz ihre – sachlich m.E. richtigen – Vorwürfe gegen die Strukturschwächen der Wiener Privatkrankenanstalten
(http://tv.orf.at/program/orf2/20140503/695538001/377712).

Um so bemerkenswerter ist es, dass ihr zu Janßens Umbau der KAV Häuser zu interdisziplinären Belegspitälern mit auf mehrere Standorte zersplitterter Kompetenz nichts Kritisches einfällt.

Dabei entlarvt Janßen die Zukunftsperspektive seines Konzeptes ohnehin, wenn er davon schwärmt, dass „beispielsweise die Hämatoonkologie oder die Palliativmedizin künftig in einem Onkologiezentrum verankert werden„.

Mit anderen Worten beunruhigt den Patienten kein Ortswechsel mehr, wenn man den kurativen Ansatz seiner Behandlung verlässt. 
So gesehen muss man Janßen vielleicht recht geben, dass „die ganzheitliche Versorgung der PatientInnen (bald) eine andere sein (wird) als 2014 …

Link: 
Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte http://wp.me/p1kfuX-Br

Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration

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Konzept

Wir schrieben das Frühjahr 2011 als die Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely an den Ufern des Neusiedlersees ihr Spitalskonzept 2030 verkündete (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110317_OTS0256/spoe-klubtagung-rust-sp-wehsely-praesentiert-wiener-spitalskonzept-2030-1).

Wie berichtet habe ich zwar zuerst davon Kenntnis bekommen, weil die spätere Patientenanwältin Dr. Pilz und ehemals scharfe Kritikerin von Wiens Gesundheitspolitik Wehsely dazu online gratuliert hat ehe noch die Präsentation Wehselys auf der Hompage des KAV zu sehen war (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=34517), aber das ist hier nicht der Punkt.

Was als klassisches „alles bleibt besser Konzept“ präsentiert wurde, war letztendlich ein Gesundschrumpfen (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=43022) von 12 auf 7 Standorte, für das man durchaus ökonomisches Verständnis aufbringen konnte, wenn man davon ausgeht, dass eben kleinere Häuser, wie das inzwischen geschlossene Kaiserin Elisabethspital, in Ermangelung einiger kleinerer Fächer (HNO, Neuro, Derma, …) keine Vollversorgung garantieren können und es in Ballungsräumen sinnvoller ist, die Versorgung in Schwerpunktspitälern, die einen nahezu kompletten Fächerkanon aufweisen, zu bündeln.

Um die Qualität der medizinischen Versorgung weiter zu verbessern, werden bis 2030 die medizinischen Angebote in Wien in sieben zentralen Spitalsorganisationen gebündelt.“ hießt das in Wehselys Original OTS und wird auch für viel Geld medial ins Land getrommelt (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35009).

Klang gut und schien meinem ständigen Lamento, dass die Österreichische Gesundheitspolitik letztendlich immer zu einer Angebotsreduktion und Qualitätsverschlechterung führt, zu widersprechen.

Wehsely (Meet SPÖs First Couple http://wp.me/p1kfuX-Jl ), inzwischen auch bundespolitisch, gemeinsam mit OÖ Landeshauptmann Pühringer zu einer Schlüsselfiguren der Österreichischen Gesundheitspolitik geworden (Stichwort (bitte nicht lachen): Gesundheitsreform), nimmt weiterhin den Terminus Spitalskonzept 2030 gerne in den Mund, nur hat sich der Inhalt in den drei Jahren mehrfach gewandelt.

Auf einen der wesentlichen Punkte aus dem Zylinder der Beratertätigkeit von Ebener und Hohenauer (Dr. Ebner – Die „objektive“ Krake im Gesundheitssystem http://wp.me/p1kfuX-xw), habe ich hier schon hingewiesen:
Während es in der Präsentation des Spitalskonzeptes 2030 noch schien, dass man 7 Schwerpunktspitäler anstrebte, ist die neueste Variante, dass es eigentlich nur noch drei + AKH sein sollen, wobei in jeder Versorgungsregion zwei Spitäler nur mehr gemeinsam den vollen Fächerkanon anbieten sollen.
(Wien entledigt sich der Unbequemen an der Front http://wp.me/p1kfuX-J2)

Also konkret heißt das, dass es nach diesen Planungen reicht, wenn das Partnerspital z.B. eine Neurologie hat, weil beim Auftreten eines neurologischen Problems eben entweder der Patient oder der Konsiliararzt in das andere Spital reisen lässt.

Es heißt aber auch, dass es zwar eine internistische Abteilung mit dem Schwerpunkt der Kardiologie geben soll, diese aber im Akutfall oder zur näheren Diagnostik nicht angiografieren kann und wieder der Patient durch das Verkehrsgewühl in das andere Spital geschickt wird.
Das kann man nun für eine Reihe von therapeutischen und diagnostischen Situationen durchspielen und man kommt immer wieder auf den ebenfalls bereits hier vor fast zwei Jahren geprägten Befund, den der Potemkinschen Spitäler (http://wp.me/p1kfuX-n8), für die bundespolitisch im ÖSG (Österr. Strukturplan Gesundheit) ja schon viel länger die gesetzlichen Grundlagen gelegt wurden, als man, wohl unter dem Druck vieler Landespolitiker und ohne Rücksprache mit uns Ärzten von „reduzierten und dislozierten Organisationsformen“ zu schwadronieren begann.

Das ist zwar für schwer kranke und instabile Patienten ein mitunter ebenso großes Problem, wie für einen, seiner üblichen Diagnostik und kollegialen Rücksprachemöglichkeit beraubten Konsiliararzt, aber das tut nichts zur Sache.
Ein von mir sehr geschätzter, „alter“ Neurologe, dessen breite Kenntnis seines Faches ich stets bewunderte, meinte mir gegenüber einmal, dass er selbst sich eine derartige Konsiliartätigkeit, weitab vom Mutterschiff und den bekannten klinischen Situationen, nicht zugetraut hätte, … aber diese Eminence Based Medicine stinkt natürlich gegen das gesundheitsökonomische Wunderwerk von Ebner und Hohenauer gänzlich ab. Zumindest werden das sein ehemaliger Geschäftspartner, der im „Aufsichtsrat des KAV“ sitzende Gesundheitsökonom DDr.Köck (http://wp.me/p1kfuX-cs) und der Ernst & Young geschulte Vorsitzende des Gremium Dkfm. Dr. Bock (http://wp.me/p1kfuX-cy) so sehen.

Und noch ein wesentlicher Punkt scheint sich geändert zu haben, seit Wehsely ihr Konzept erstmals präsentierte. Die Rudolfstiftung, durch die Übersiedlung von Chirurgie und Nuklearmedizin aus dem Kaiserin Elisapethspital aufgewertet und auf ihrem Blog (http://www.sonja-wehsely.at/tag/spitalskonzept-2030/) kürzlich noch ob des Südzubaus mit „Hubschrauberplattform für Schlaganfallpatienten optimiert“ steht offenbar ebenso vor einem Downsizing, dass sich die Stimmen mehren, dass der vorzeitige Abgang des KAV Generaldirektors (Warum ordiniert der Generaldirektor wieder? http://wp.me/p1kfuX-Jg) und ehemaligen Direktors der Rudolfstiftung damit in Zusammenhang gebracht wird.

Wir lernen also daraus, dass sich die Politik gerne mit zukunftsweisenden Konzepten mit endlos langer Laufzeit schmückt, dass sich der Inhalt aber rascher ändert, als die Produktdekleration angepasst wird.

Also wann werden wir ein ausgeglichenes Budget haben, Herr Finanzminister?
Link: Reform=Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes (8/2011) http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=43022

Written by medicus58

13. Januar 2014 at 18:00

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