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Zur Debatte über die Privatmedizin oder deutsche Verhältnisse ziehen ein

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Es ist der Sozialministerin der FPÖVP Regierung halt wieder mal passiert: Nein, nicht der gestrige Auftritt, in dem die für Herbst 2018 angekündigte „große Pflegereform“ mit medialem Getöse auf nächstes Jahr verschoben wurde, sondern das Hoppala davor, das nun weggeredet werden musste:
Keine Bevorzugung von Sonderklassepatienten in Ambulanzen

Konkret steht in den Erläuterungen für die geplante Novelle des
Krankenanstalten und Kuranstaltengesetzes
folgender Passus (wieso das dauert novelliert werden muss um die Gesetzeskonformität der politisch gewünschten Änderungen im Gesundheitssystem notdürftig zu erhalten, steht auf einem anderen Blatt) :

 „Zur Unterstützung der Umsetzung des spitalsambulanten Abrechnungsmodells haben die Länder die Möglichkeit, die Einhebung von Sonderklassegebühren für jene Leistungen vorzusehen, die bisher stationär erbracht und für die die Verrechnung von Sonderklassegebühren möglich war, die nunmehr aufgrund des spitalsambulanten Abrechnungsmodells ambulant zu erbringen sein werden. Der Einhebung solcher Sondergebühren haben adäquate Leistungen gegenüberzustehen.“ 

Pflichtschuldig erhob sich die Warnung der Opposition vor der Zweiklassenmedizin und empört verteidigt sich die Regierung, dass es die ja sicher nicht geben wird. Welche Farbe die beiden gerade tragen ist unerheblich, die verlogene Debatte wird seit Jahrzehnten geführt und keinen stört es, dass ja nicht nur das Gesundheitssystem (Privatkrankenhäuser, -versicherungen, -ordinationen, …)
sondern schon längst auch das Bildungssystem
(Privatkindergärten, -schulen, -universitäten, Fachhochschulen, …),
verschiedene hoheitliche Aufgaben (Flüchtlingsbetreuung -Drasenhofen),
und das Pensionssystem (Zweite und Dritte Säule) –
streng nach neoliberalem Fahrplan – „dem Markt geöffnet wird„. 

Jetzt kann man ja das alles mit gewissen Argumenten auch ganz gut finden und von mehr Privat weniger Staat, Professionalität, Synergie oder Effizienzsteigerung faseln; Diesem Nebeneinander von Staat und Privat verdankt auch Ihr Medicus den Teil seines Einkommens, den seine öffentliche Dienstgeberin nicht bezahlen möchte oder kann. (Sonderklassen- oder Privatordination betreibe ich übrigens keine).
Was aber keinesfalls OK ist, ist die schmierige Vermischung zwischen den Bereichen.
Und damit meine ich nicht die angedachte Sonderklasse im Ambulanzbereich, denn das hat (unter dem wohlwollenden Auge der Ärztekammer und der öffentlichen Betreiber) ganz andere Beweggründe, weshalb das nun in das Gesetz rutschen soll:
Hier geht es um die (vor allem onkologische) Leistungen, die ganz früher stationär, dann tagesklinisch und nun ambulant erbracht werden sollen. Das würde den Sonderklasseversicherungen viel Geld ersparen und die öffentliche Hand hätte den Gehaltsverlust der angestellten Ärzte übernehmen müssen oder hätte noch mehr unbesetzbare Stellen.

Was ich als schmierige Vermischung meine, ist einerseits die fehlende Abdeckung bestimmter Versorgungsleistungen durch die Pflichtversicherung (Zahn, Auge, Schilddrüse, Gyn, Haut, Kinderpsych, …), weil man sich darauf verlassen konnte, dass sich die Versicherten daran gewöhnt haben dafür selbst zu berappen. Andererseits geht es hier um die stillschweigend erhöhten Transferleistungen der öffentlichen Hand an nicht-staatliche Betreiber

Bei meinen digitalen Streifzügen durch die Untiefen der Medizin bin ich unlängst aber auf ein vielsagendes Dokument gestoßen:
Auf der offiziellen Homepage einer Abteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses wird ganz prominent (siehe Screenshot) für die Anmeldung zu einer Chefarztbehandlung geworben.
Nein, dabei handelt es sich NICHT um die Chirurgische Universitätsklinik!

Jetzt ist dies in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert
Erstens wird die „Zweiklassen-Medizin“ auf der Homepage eines Gesundheitsdienstleistungsanbieters der öffentlichen Hand (sowohl des Landes (KAV) als auch des Bundes (BMWF) beworben.
Zweitens verrät das wording und die Wikipedia doch sehr deutlich, aus welchem Nachbarstaat der Abteilungsleiter kommt. 

Ein Chefarzt ist in Deutschland ein Arzt in leitender Funktion, in der Regel in einem Krankenhaus.
Die österreichische Bezeichnung dafür ist Primarius, Primararzt oder Primar.
Chefarzt hat in Österreich umgangssprachlich eine andere Bedeutung:
Arzt einer Krankenkasse, der z. B. die Kontrolle des Krankenstandes vornimmt[1] sowie gesundheitsökonomische Belange (vor allem betreffend Heilmittel, Pharmaka, Gesundheitsprodukte) kontrolliert, – vergleichbar dem deutschen Medizinischen Dienst der Krankenversicherung.

Googeln Sie mal nach „Chefarztbehandlung“ und Sie werden interessante Diskussionsbeiträge dazu finden, aber unter diesem Begriff keinen aus Österreich.
In unserem Nachbarstaat scheint es inzwischen üblich, dass an Universitätskliniken der Chefarzt im Webauftritt um Privatpatienten wirbt. Die von dort an unsere Universitätskliniken berufene Kollegenschaft, scheint das nun auch gleich mit zu importieren: 

Universitätsklinikum Regensburg
Privatambulanz und Chefarztbehandlung

RWTH Uniklinik Aachen

Universitätsklinikum Heidelberg

Universitätsklinikum Essen

Universitätsklinikum Gießen Marburg

Written by medicus58

6. Dezember 2018 at 07:55

Krankenversicherungen und der angenähte Blinddarm (Teil II)

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War es vorvorgestern noch in Der freie Beruf Arzt an der Angel der Versicherungen  um die scheinbare Komik deutscher Kollegen, die ihrem Honorar nachrennen mussten und gestern um die eher Kabarett-artigen Zustände hierzulande, wird es heute ernst und wir beschäftigen uns mit der sogenannten Sonderklasse;
also eigentlich die private Zusatzversicherung zur Pflicht-Kranken-Versicherung, die (nach den Buchstaben des Gesetzes nur die freie Arztwahl auch in den öffentlichen Spitälern und eine verbesserte Hotelkomponente (Ein- oder Zweibettzimmer, eine Zeitung, Wunschgetränke aber keinen Jahrgangschampagner, … etc.) garantiert.

Ob man die Existenz und Verteilung von Sonderklassegeldern, die Spitalsbetreiber und deren angestellten Ärzte von zusatzversicherten Patienten und Nicht-EU Bürgern einnehmen, verteufelt oder schätzt, es handelt sich dabei um einen im §45 des Wr. KAG geregelten Einkommensbestandteil über dessen Aufteilung innerhalb der Ärzteschaft eine Regelung der ÄK wacht. Wie in diesem Lande üblich, regeln die Bundesländer das jeweils etwas unterschiedlich.
Es fällt aber seit vielen Jahren auf, dass dieses Einkommen sinkt!

Die Größenordnung ist zwar beeindruckend, insgesamt wird in Wien ein dreistelliger Millionenbetrag umgesetzt, den sich Spitalsbetreiber (was oft vergessen wird) und Ärzte teilen. Der im KAV lukrierte Anteil ist jedoch geringer der in Privat-, Beleg- und Ordensspitälern zusammen!
Die Privaten Krankenversicherungen (PKVs) verkaufen immer mehr Versicherungsverträge für die von uns erbrachten Leistungen, geben aber einen immer geringeren Anteil ihrer Einnahmen an die Ärzteschaft ab.

Alle paar Jahre werden die Vertragsbestimmungen zwischen Ärztekammer und PKVs neu verhandelt, in Wien beginnt gerade wieder das Spiel.

Natürlich ist die Verteilung zwischen den einzelnen Sonderfächern höchst unterschiedlich und auch der Anteil der einzelnen Ärztegenerationen von Ärzten in Ausbildung über Oberärzte bis zu den Abteilungsleitern divergiert beträchtlich.
Der Höhe der Honorare für Einzelleistungen zwischen einzelnen Fächern ist mitunter schwer verständlich, fast könnte man sagen, dass sie indirekt proportional zu geleisteten Arbeit und zur getragenen Verantwortung stehen. 
Und ehe es ans Verteilen geht, zieht sich die vor einigen Jahren von den Privatversicherungen geforderte zentrale Verrechnungsstelle (BuP) noch ihren Verwaltungsanteil ab. Angeblich wurde dieses lukrative Geschäft sogar einmal ausgeschrieben.

Die Honorare wurden und werden von der Ärztekammer mit den PKVs, in Wien in erster Linie mit dem Marktbeherrscher UNIQA ausverhandelt. In den letzten zwei Jahrzehnten saßen zahllosen Verhandlern aus der Ärzteschaft immer wieder ein und demselben Verhandlungsführer der PKVs gegenüber, dem „Herr Direktor K. von der UNIQA„.
Einmal wurden die Fachgruppenvertreter der einzelnen Sonderfächer zugezogen, dann haben nur einzelne, ausgewählte Vertreter verhandelt.
Einmal hat dieses Sonderfach verloren, einmal jenes.
Manchmal stellte sich erst nach Vertragsabschluss heraus, dass ein Fach, dessen Honorare an die Leistungen eines anderen Faches gekoppelt sind (z.B. Anästhesie), nur dadurch massiv verloren hat, weil die OP-Gruppe eines häufigen Eingriffes ohne ihr Wissen herabgestuft wurde:
Oft beschließen die PKVs die erbrachten Leistungen einfach nicht zu refundieren und unzählige Einsprüche hängen seit Jahren in der sogenannte „Schlichtungsstelle„, die bei ihren wenigen Sitzungen nur immer wenige Fälle besprechen kann. Zukünftig soll das durch ein Online-Verfahren beschleunigt werden, was ich aber persönlich bezweifle.
Wenn Sie sich aber nun fragen, weshalb die Ärzte dann die ihnen vorenthaltenen Honorare nicht bei den Patienten einfordern, dann ist genau das vorsorglich im Vertrag zwischen ÄK und PKVs ausdrücklich ausgeschlossen worden. Alles muss zuerst über die Schlichtungsstelle gehen. Selbst eine Information der patienten, dass sich ihre Versicherung geweigert hat, trotz der monatlich eingezahlten Beiträge, diese oder jene Leistung abzudecken, wäre schon ein Vertragsbruch;
Klug, nicht?
Am Ende jedes Verhandlungsmarathons, der stets zu spät begonnen wurde und dann rasch zum Abschluss gebracht werden musste (Speed kills), erklären die Verhandler das erzielte Ergebnis als alternativlos und rechnen Erhöhungen vor, die dann nie eintreffen.

Naturgemäß gab es immer wieder heftige Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft über eine gerechte Verteilung zwischen den „liquidationsberechtigten Abteilungsleitern“ und ihren „nachgeordneten Ärzten“ (Stichwort: Bringerlösung).

Für mich aber völlig unverständlich, nimmt es die gesamte Ärzteschaft seit vielen Jahren nahezu widerstandlos hin, dass FÜR ALLE Gruppen, die Einnahmen aus der Sonderklasse seit vielen Jahren sinken (kein Inflationsausgleich, ungünstige Junktimierungen, Strukturänderungen, Durchrechnungen, Behandlungsfälle, …), obwohl die Einnahmen der PKVs aus dem Geschäftsbereich Sonderklasse überproportional steigen.

Der gesamte Prozess ist derartig intransparent, dass ihn seit Jahrzehnten inklusive aller Nebenabsprachen, Begründungen und „Deals“ nur mehr zwei Personen wirklich durchblicken, Direktor K. und KAD H.
Dass die Verhandlungsabschlüsse der Ärzteschaft nicht gerade zum Schaden der PKVs ausfielen zeigt auch, dass offenbar bei der UNIQA Einigkeit darüber besteht, dass ihr präpensionärer Verhandlungsführer auf ewig in diesen Ring geschickt werden wird. Natürlich nicht nur in Wien sondern bundesweit. Was dort „rein geht“, wird dann „flächendeckend ausgerollt“.

Ein guter Vorschlag wäre es, dass die ÄK mit den PKVs nur mehr eine Gesamtsumme der Sonderklassegelder ausmacht, die sich am Umsatz ihres Geschäftsbereiches orientiert, einschließlich einer Indexanpassung, die schließlich die PKVs ihren Versicherten auch in Rechnung stellt.
Wie dieser Topf dann zwischen den einzelnen Leistungserbringern innerhalb der Ärzteschaft aufgeteilt werden soll, wäre nur mehr innerhalb der Ärzteschaft durch die jeweils gewählte Vertreter der einzelner Sonderfächer und der Berücksichtigung der anteilsmäßigen Leistungserbringung aber auch einer gewissen Fairness zwischen den Fächern auszumachen. Diese Verhandlungen wären ohne Zeitdruck und mit für alle betroffen Ärzte einsehbaren Verhandlungsprotokollen durchzuführen. Selbstverständlich sehen beide Seiten das als unmöglich an!

Natürlich hört sich beim Geld oft die Freundschaft auf, aber wir alle wären gut beraten, wenn wir uns nicht in Konfrontation mit den PKVs gegenseitig ausspielen und hinunter verhandeln ließen. Die Auseinandersetzungen über die Verteilung gehören innerhalb der Ärzteschaft geführt, mit den PKVs reden wir über unseren gerechten Anteil an ihrem Geschäftsmodell!

Ich bezweifle aber stark, dass das Ergebnis der kommenden Verhandlungen anders aussehen wird, als in den letzten zwei Jahrzehnten:
Steigende Gewinne für die PKVs und fallende Zusatzeinkommen für die Ärzte.

Und das nächste Mal geht es dann hier wieder um die Interessen der Patienten, versprochen …

Written by medicus58

2. Februar 2018 at 17:05

Mir reicht die Scheinheiligkeit mit den Privatpatienten

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hüfte
Seit Jahren wird mittels verdeckter Stichproben immer wieder die Behauptung erhoben, dass Privatpatienten schneller zu operativen Leistungen gelangen als Pflichtversicherte.
Ich zweifle nicht am Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen im Einzelfall, aber massiv an der Ehrlichkeit des gesamten Systems.

9.2011:
Gesetzlich Krankenversicherte dürften bei der medizinischen Behandlung gegenüber Privatpatienten nicht benachteiligt werden. Die Praxis sieht anders aus. http://www.konsument.at/cs/Satellite?pagename=Konsument/MagazinArtikel/Detail&cid=318878081077

2012 schickte die Wiener Gebietskrankenkasse „Testpatienten“ in Ordinationen, was zu einem für mich teilweise unverständlichen Aufschrei führte, den ich 7. 2012 mit dem Blogbeitrag Ich bin für noch mehr Magical Mystery Patient Tours http://wp.me/p1kfuX-n4 reflektierte.

4.2013 meldete sich erneut der Verein für Konsumentenformation zu Wort: VKI-Studie: Privatpatienten sind bei der OP-Wartezeit in Österreich klar im Vorteil.
http://kurier.at/lebensart/gesundheit/op-wartezeiten-privatpatienten-bevorzugt/728.552

und schreibt 1.2014 erneut einen Artikel in der Zeitschrift Konsument:
VKI kritisiert Terminvergabe bei Hüft-OPs: Verdacht auf unerlaubte Umgehung der Warteliste in fünf von zwölf Fällen
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140127_OTS0002/vki-kritisiert-terminvergabe-bei-hueft-ops

Es ist absehbar, dass es erneut zum üblichen Kanon der Wortmeldungen kommen wird, die zwischen Empörung über die Praktiken, wie diese Studien zustande kommen und Entrüstung, dass es solche schwarze Schafe gibt, oszillieren werden, wobei die gesetzlichen Rahmenbedingungen der ärztliche Ehrencodex ohnehin völlig klar verbieten, dass dem Privatzahler eine qualitativ bessere (oder schnellere) Medizin geboten werden darf. Geändert hat sich seit Jahren sehr wenig.
Einwände, dass ich mir in einer kapitalistischen Gesellschaft aber ohnehin alles kaufen kann, sind zwar richtig, gehen aber ins Leere, weil diese zusätzlich fließenden Gelder ja NICHT die medizinische Grundleistung bezahlen, sondern für den vermeintlich oder wirklich erleichterten Zugang zu öffentlich finanzierten Leistungen. Darum, dass die Grenzen zwischen der Kuvertmedizin in der Privatordination, den privaten Krankenanstalten und dem Klassegeldsystem in den öffentlichen Häusern fließend sind, soll es heute gehen.

Der Euro-Schein, der in der Privatordination des Spitalsarztes den Besitzer wechselt, dient ausschließlich dem Einkommen des Arztes. Solange er damit nur seine eigene, in seiner Ordination erbrachte Leistung honorieren lässt, ist das völlig OK, nur wenn er implizit hier das Leistungsangebot seines Stammspitales „mitverkauft“, und da geht es von der Ergometrie, die er bei „seiner Ambulanzschwester“ in „seiner Spitalsambulanz“ ausmacht bis zur angeblich „vorgereihten Operationszeit“, wird es unerträglich. Scheinbar aber nur, wenn es sich hier um ein mit öffentlichen Mitteln finanziertes Spital handelt. Für die nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführten Privatspitäler (Belegspitäler) ist diese Praxis ja allgemein anerkannte Geschäftsgrundlage und niemand scheint etwas daran zu finden, auch wenn diese Patienten im Komplikationsfall plötzlich wieder in den öffentlichen Krankenhäusern landen. Auch in diesem Fall wird Geld für eine Vorhalteleistung genommen, für vom öffentlichen Gesundheitswesen bereitgestellt wird, oder kennen Sie private Krankenanstalten mit (z.B.) neonatologischen Intensivstationen?

Also auch wieder ein Beispiel dafür, dass die Öffentlichkeit ruhig zuschaut wenn die Gewinnchancen privatisiert und die unvorhergesehenen Kosten kommunalisiert werden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diesem Treiben kein Ende gesetzt wird, weil die in Privatordination und Belegspital lukrierten Einkommen die Gehaltsforderungen der Spitalsärzte (Fachärzte, Oberärzte, Primarärzte) an ihre öffentlichen Dienstgeber etwas mildern.

Am Euro-Schein, der im öffentlichen Krankenhaus vom den Privatversicherungen gezahlt wird, partizipieren aber auch viele:  Neben dem Abteilungsvorstand auch noch der „Bringer“ (also der Facharzt, der den Patienten eingeworben hat), nach einem von Gesetzgeber und Ärztekammer vorgegebenen Schema alle nachgeordneten Ärzte aber auch der Spitalserhalter (12% Hausanteil im KAV, in anderen Häusern oft noch mehr) und nicht zuletzt die Verrechnungsgesellschaften, die einen fixen Prozentsatz des Umsatzes für ihre Leistungen abzweigen. Selbstverständlich gilt auch hier, dass für die genannten Ärzte diese „Klassegelder“ ein, allerdings seit einem Jahrzehnt quantitativ abnehmender Gehaltsbestandteil sind, der sich kostendämpfend für ihren Dienstgeber auswirkt. Dass den größten Anteil aller ausbezahlten Privatversicherungen die Privathäuser erhalten und die größte österreichische Privatversicherung (UNIQA) selbst Teilhaber einiger dieser privaten Krankenhäuser ist und dass die dortigen „Hausanteile“ an den ärztlichen Honoraren noch höher als in den öffentlichen Häusern sind, soll nur nebenher erwähnt werden.

Von den Versicherungen, die letztendlich davon leben, dass sie Ihren Versicherten nicht nur ein „luxuriöseres“ Krankenzimmer und die „freie Arztwahl“ verkaufen, sondern natürlich auch den Gesetzesbruch einer (vermeintlichen oder echten)  medizinischen Bevorzugung, sollten wir auch reden. In einem komplexen Vertragswerk zwischen Krankenhausbetreibern und Ärztekammer haben sie sicher gestellt, dass sie auch erbrachte Leistungen nicht bezahlen können, ohne dass man ihnen so schnell auf dem Gerichtsweg entgegentreten kann. Den Urteilen der mit Vertretern der Ärztekammer und der Privatversicherungen besetzten Schlichtungsstelle ist der behandelnde Arzt de facto ausgeliefert, wenn man sich einigt, dass der Patient zum Beispiel während des stationären Aufenthaltes von einem HNO Facharzt gesehen wurde, weil er über Halsschmerzen klagte, aber der Vertrauensarzt der Versicherung die Meinung vertritt, dass diese Leistung auch nach der Entlassung ambulant erbracht hätte werden können.

Wenn wir also zusammenfassen haben wir hier ein klassisches Dramadreieck vor uns, in dem alle Beteiligten (Öffentliche Krankenäuser, Privatkrankenäuser, Private Krankenversicherungen, Ärzte, Patienten …) teilweise Vorteile lukrieren, und nur dann immer wieder lautstark Nachteile (Gesetzesbruch, Glaubwürdigkeitsverluste, Gesamtkosten, …) thematisiert werden, wenn die Aufteilung des Kuchens doch nicht so erfolgt, dass alle zufrieden sind. Und dafür gibt es genügend Gründe:

Innerhalb der Ärzteschaft sind die Verdienstmöglichkeiten in diesem Bereich äußerst unterschiedlich.
Diagnostische Fächer (Labor, Röntgen, Pathologie, …) hatten früher sehr gute Klassengeld-Tarife, um zu kompensieren, dass sie an den Privatpatienten nur verdienen können, wenn diese  von anderen ins Spital gebracht wurden, die Möglichkeit eigener Ordinationen bestand ja nicht.
Die operativen Fächer hatten traditionell sehr gute Tarife, jedoch konnten sie – plakativ gesagt – an jedem operierten Organ nur einmal verdienen und ihren Patienten bestenfalls vorher einmalig zur Festlegung des Operationstermines und einmal zur Nachkontrolle in der Privatordination begrüssen,
während nicht-operative Fächer (Innere Medizin, Neurologie, …)  zwar während des stationären Aufenthaltes relativ wenig dafür bekamen, dass sie sich um eine Diagnose und den Therapiebeginn bemühen, aber ohnehin vorher und nachher einen Dauerpatienten für die Privatordination haben.
Unruhe brachte aber stets ins System, dass die Verdienstmöglichkeiten zwischen den einzelnen Fächern sehr heterogen sind, oder kennen Sie viele Kinder mit einer Privatversicherung oder glauben Sie dass das Multitrauma bei der Einlieferung auf seine Privatversicherung verweist? Weiters sind die durch Privatpatienten lukrierbare Gelder seit Jahren im Sinkflug, weil die Tarife der Privatversicherungen massiv unter dem VPI blieben und die Begehrlichkeiten der Spitalserhaltern auch an den ärztlichen Tarifen mitzunaschen, obwohl sie ohnehin für die sogenannte „Hotelkomponente“ zusätzlich Tagsätze lukrieren, zu nahmen.

Was bleibt ist ein zunehmend aus den Fugen geratenes System, das von allen Beteiligten nie auf ein transparentes und faires Finanzierungssystem umgestellt wurde, weil jede Gruppe nach ihren Möglichkeiten versuchte, trotz fallender Summen innerhalb des Systems den eigenen Anteil möglichst überproportional zu vergrößern. Und damit meine ich neben den Ärzten auch die Spitalserhalter, die Versicherungen und  – die Patienten. Letztere deshalb, weil ich von keiner Selbstanzeige Kenntnis habe, dass man sich durch sein Kuvert einen früheren Termin verschaffen konnte!

Selbst beim VKI gewinnt man den Eindruck, dass man sich dort mit dem Aufzeigen der Missstände begnügt, um die Zeitschrift Konsument verkaufen zu können, während man nachhaltig die Interessen der Konsumenten nur schützen könnte, wenn man die entdeckten Verfehlungen auch zur Anzeige brächte.
Auch der Gesundheitspolitik nehme ich nicht ab, dass es ihr um etwas anderes geht als um das Mitnaschen am Kuchen (bzw. durch Wegschauen die Gehaltsforderungen der eigenen Ärzteschaft zu mildern), wenn vor etwas weniger als zwei Jahren die Wiener Gesundheitsstadträtin Wehsely plötzlich mehr Privatpatienten einwerben wollte (PPP: Plötzlicher Paradigmenwechsel zu Privatpatienten? http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=77432).

Ich hielte es für dringend wünschenswert, wenn all die im aktuellen VKI Bericht beschriebenen Fälle vor ein ordentliches Gericht gebracht würden. Entweder es handelte sich hier wirklich um eine für Geld erkaufte Bevorzugung zahlender Patienten, dann gehören die Beteiligten verurteilt, oder die Fälle lassen sich nicht beweisen oder sind nicht eindeutig rechtswidrig, dann sollten sie nicht „alle-Jahre-wieder“ in die Medien gebracht werden. Es muss zwar damit gerechnet werden, dass dann auch die anderen oben genannten finanziellen Aspekte  des Gesundheitssystems offen thematisiert werden, jedoch wäre es mittelfristig für alle besser, wenn Geld für wirkliche Leistungen fließt und nicht die individuell sinkenden Einkommen in Einzelfällen auf Kosten eines öffentlichen und solidarischen Gesundheitssystems aufgebessert werden und das Restvertrauen ins öffentliche Gesundheitsversorgung völlig schwindet.

Der aktuelle Bericht über die Hüftprothesenoperationen widerspiegelt nicht das wirkliche Problem in der Gesundheitsversorgung: Ob eine sich über Jahre abgenützte Hüfte nun innerhalb von 2 oder 4 Monaten operiert wird, ist – auch wenn es der Betroffene dann nicht wahrhaben will – nicht das dringlichste Problem. Und nach meiner Wahrnehmung haben wir noch ein öffentliches Gesundheitswesen, wo noch die meisten wirklich dringenden Gesundheitsprobleme ohne Kuvert einer Behandlung zugeführt werden. Trotzdem wird es enger (Spitalskonzept 2030 und die „wehsentliche“ Wandlungen seiner Produktdeklaration http://wp.me/p1kfuX-K9) und immer mehr Patienten werden zukünftig versuchen, die verspürten Einschränkungen zu umgehen. Diese werden bei kleineren Problemen gerne Komplizen der „Kuvertmedizin“ und Kunden der Privatspitäler werden. Offenbar finden sie immer wieder KollegInnen, die hier gerne mitspielen.
Hoffnungen, dass sich die breite Mehrheit die Behandlung schwerwiegender und chronischer Erkrankungen jemals in einem gänzlich privatisierten Gesundheitswesen finanzieren wird können, sollten durch Blicke in die USA aber auch in die stark privatisierte Krankenhauslandschaft Deutschland rasch schwinden. Andererseits zeigen die massiven Abwanderungstendenzen heimischer Jungmediziner, dass sich ohne einer adäquaten Honorierung keine kompetenten Ärzte innerhalb des Systems halten lassen.

In diesem Sinne hoffe ich nicht nur, wie schon einmal gesagt, nicht nur auf immer mehr Testpatienten sondern endlich auch auf entsprechende Anzeigen, wo man glaubt nachweisen zu können, dass sich medizinische Vorteile im öffentlichen Gesundheitswesen erkaufen lassen. Dies wäre entschieden besser, als alljährlich das unwürdige Spielchen der Aufgeregtheit zu wiederholen.

Persönlich habe ich es satt, immer wieder in den Generalverdacht der Bestechlichkeit gestellt zu werden.
Ich will für meine Arbeit ein angemessenes Entgelt und nicht einen Graubereich, in dem wenige sehr viel und viele sehr wenig dazuverdienen können!

Written by medicus58

27. Januar 2014 at 19:00

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