Sprechstunde

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Der perverse Zusammenhang zwischen Angst und Information: Fukushima

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Einer der wesentlichen Grundpfeiler der Aufklärung war die Überzeugung, dass Wissen (Information) dem Menschen die Angst nehmen kann:

Solange jeder Donner als Willensäußerung der Götter gilt ängstigt uns unsere scheinbare Hilflosigkeit,
wenn wir die dahinter stehenden Mechanismen verstehen, verliert der Donner seinen Schrecken
und wir können unsere Sicherheit durch den Bau von Blitzableitern nachweislich vergrößern.

Dass dieser Ansatz in vielen Fällen nicht stimmt, scheint eine aktuell vom Meinungsforschungsinstitut „market“ veröffentlichte Studie zu belegen, die Der Standard so zusammenfasst:
Die Angst der Österreicher, dass sie in ihrem Land von einer Atomkatastrophe heimgesucht werden könnten, ist seit dem Super-GAU von Fukushima regelrecht explodiert. Während unmittelbar nach den Reaktorunfällen im Frühling 2011 in Japan nur 27 Prozent glaubten, dass sie ein derartiges Szenario betreffen könnte, tun das mittlerweile 78 Prozent. Das zeigt eine Umfrage des Linzer „market“-Instituts, deren Ergebnisse am Mittwoch veröffentlicht wurden.
http://derstandard.at/1350258660435/Angst-vor-Atomkatastrophe-in-Oesterreich-explodiert

Die Studienautoren fassen ihre Ergebnisse so zusammen:
Die Nähe zu Europa´s Kernkraftwerken und die medialen Berichterstattung über zum Teil große Sicherheitsmängel der AKW hat den Österreichern Angst gemacht.
Die Angst verstärkt sich noch mit höherem Alter, niedrigerem Bildungsstand und auch in den ländlicheren Regionen ist das Vertrauen in die Kernkraftwerke der Nachbarländer massiv gesunken. Fukushima war weit weg und die dramatischen Bilder von damals lehrten uns nicht das Fürchten. Erst die Ergebnisse der Stresstests haben die Einstellung der Österreicher zu Atomstrom wirklich massiv verändert.
http://www.market.at/de/market-aktuell/news/entity.detail/action.view/key.781.html

Jetzt entzieht es sich meiner Kenntnis, wer diese Studie bei market in Auftrag gegeben hat und welche Absicht damit verbunden war.
Die Behauptung, dass erst die „Stresstests“ bzw. deren Ergebnisse die Menschen beunruhigt hätten entspricht nicht ganz der eigenen Erfahrung unmittelbar nach dem Supergau von Fukushima, wo bisweilen der helle Wahnwitz Leute in Österreich getrieben hat, Kaliumjodidtabletten zu schlucken,
jedoch bleibt der beunruhigende Eindruck, dass rationale Information Menschen ängstigt –  und wie schon hier ausgeführt- ,
dass diese Angst zum falschen Zeitpunkt -nämlich zu früh im Sinne einer Ejaculatio präcox (http://wp.me/p1kfuX-39) – auftritt.

Dass dafür neben der hysterisierende medialen Berichterstattung (Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater http://wp.me/p1kfuX-cc)
auch die Lust am Fremdfürchten (http://wp.me/p1kfuX-27) und
unsere prinzipielle Unfähigkeit mit statistischen Informationen über Risiko umzugehen verantwortlich ist wurde hier schon ausgeführt (http://wp.me/p1kfuX-1M).

Ich komme im Zuge der jetzigen Veröffentlichung noch einmal auf das Problem zurück, weil es beispielhaft zeigt, dass wir
zuerst lustvoll in Panik geraten,
weil wir keine Informationen haben,  um das Allerschlimmste auszuschliessen 
aber innerlich wissen, nicht direkt betroffen zu sein (Fremdfürchten)
dann aber,
wenn wir durch zwischenzeitliche Information die Dimension eines Problems eingrenzen könnten,
überschiessend reagieren, weil uns die Informationen klar machen, dass wir doch persönlich – wenn auch in geringem Ausmaß – betroffen sind.

Ich kann mich noch an unzählige, hektische Reporter erinnern, die in den Tagen nach dem Unfall in Fukushima von allen österr. Interviewpartnern nur hören wollten, dass nun Japan für Generationen unbewohnbar sein wird und eher unwillig darauf reagierten, wenn man ihnen vorrechnete, dass die maximale Zunahme der Karzinomrate im einstelligen Prozentbereich liegen wird (Bei einem Ausgangswert von etwa einem Drittel der Menschen in den Industriestaaten, die bereits bisher an einem Karzinom versterben.)

Inzwischen haben wir sehr detailierte Analysen, wie hoch die Strahlenexposition der Japaner (vom Tepco-Mitarbeiter bis zum Bewohner der südlichsten Insel) war und ist (eine von vielen rezenten Zusammenfassungen z.B.:  http://www.world-nuclear.org/info/fukushima_accident_inf129.html) und unter Berücksichtigung aller strahlenbiologischen Erkenntnissen des letzten Jahrhunderst können sagen, dass die initiale Abschätzung wichtig war:

Eine expositionsbedingten Zunahme an Karzinomen in der japanischen Allgemeinbevölkerung wird quantitativ so gering sein, dass sie sich dem statistischen Nachweis enziehen wird.
Das heißt nicht, dass hier „nichts passiert ist„, denn auch der statistisch nicht erfassbare zusätzliche Todesfall ist einer, zu dem es ohne der Katastrophe nicht gekommen wäre und selbst Prozentwerte weit in den Rechtskommastellen sind hochgerechnet auf eine große Population eine große Anzahl.

Aber wer will von der „Normalbevölkerung“  verlangen hier adäquat zu reagieren, wenn in der aktuellen Ausgabe der Österr. Ärztezeitung (http://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2012/oeaez-18-25092012/politische-kurzmeldungen-ebola-fukushima-stevia-produkte-mutter-kind-pass.html) zu lesen ist:

Fukushima: erster Fall von Schilddrüsen-Krebs
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 wurde nun der erste Fall von Schilddrüsen-Krebs bei einem Jugendlichen bestätigt. Da die Behörden es verabsäumten, Jodtabletten an Kinder im Umkreis von 100 bis 150 Kilometern auszuteilen, werden seit der Katastrophe alle 360.000 Kinder und Jugendlichen der Region untersucht. Von den bis März 2012 untersuchten 38.000 Kindern hatten 13.382 (36 Prozent) Zysten und Knoten in der Schilddrüse. Hochgerechnet könnten damit insgesamt mehr als 100.000 Kinder bereits Zysten und Knoten haben und im schlimmsten Fall 25.000 ein Karzinom entwickeln. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 wurden offiziell 4.000 Fälle von Schilddrüsen-Krebs registriert; die Dunkelziffer war allerdings viel höher.

Damit bezog man sich auf eine auch in der japanischen Presse diskutierten Report der Forschergruppe, die die Schilddrüsenreihenuntersuchungen von 360,000 Bewohnern organisiert hat, die am 11.3.2011 > 18 Jahre alt waren und bislang 80.000 Personen untersucht hat, aber explizit keinen Zusammenhang zwischen dem gefundenen Fall von Schilddrüsenkrebs (der schließlich auch außerhalb von Japan auftritt) und der Strahlenexposition durch die Freisetzung aus den havarierten Reaktoren herstellt:
Shinichi Suzuki, a professor at Fukushima Medical University performing the medical checks, said that there was no confirmed link between the case and radiation released during the nuclear crisis. „Even in the case of Chernobyl, it took at least four years“ before residents developed thyroid cancer symptoms, Suzuki said.
http://www.japantimes.co.jp/text/nn20120913b7.html

Na, da soll sich nun der Laie noch auskennen!
Trotzdem ein Versuch:

Erstens entspricht 1/80.000 = 0,0013%  der Rate jugendlicher Schilddrüsenkarzinome auch in anderen Ländern.
Zweitens, wie schon in der japanischen Stellungnahme angeführt, wissen wir, dass zwischen Strahlenexposition und Krebsentstehung eine gewisse Latenzzeit verstreicht.
Natürlich scheint diese kürzer, wenn man durch intensive Untersuchungen (Screening), das Karzinom schon früher entdeckt, aber trotzdem wäre eine Latenzzeit von 1,5 Jahren sehr kurz.
Nochmals, das schließt nicht aus, dass gerade diese Person ihr SD-Karzinom dem J-131 aus dem Reaktor von Fukushima „verdankt“, aber es beweist es auch nicht!
Die an 46/62 Personen aus dem Unfallgebiet gemessene mediane Äquivalenzdosis der Schilddrüsen wird bei Kindern mit 4,2 mSv und bei Erwachsenen mit  3,5 mSv angegeben (http://www.nature.com/srep/2012/120712/srep00507/pdf/srep00507.pdf ).
Die Werte unter den Evakuierten nach dem Unfall in Chernobyl lagen um den Faktor 4-5 höher, so dass aus diesem Grunde zu erwarten wäre, dass Anzahl der statistisch auf das in Fukushima freigesetzte Radiojod  zurückzuführenden Schilddrüsenkarzinome nicht höher sondern eher niedriger sein müsste, wenn man eine lineare Wirkungsbeziehung postuliert.
Auch hier kann eingewendet werden, dass exakte Messungen nur an einer im Vergleich zur betroffenen Gruppe kleinen Anzahl an Personen vorliegen, jedoch wurden sehr viele Menschen aus der Region grob gemessen und deutlich höhere Werte wären dabei aufgefallen.
Natürlich sind andere Faktoren (Messungenaugigkeiten, Jodversorgung im Unfallgebiet, bewußte Falschmessungen, unterschlagene Daten, … etc.) zu bedenken, aber aus den 38% Knoten und Zysten auf 25.000 Karzinome hochzurechnen ist unzulässig, da aus dem Vorliegen von kleinen strukturellen Veränderungen (Knoten < 5 mm und Zysten < 20 mm) nicht geschlossen werden darf, dass es sich hierbei um Vorstufen eines Karzinoms handelt. Die Berechnung von 25.000 Karzinome basiert aber darauf, dass etwas jede 4. dieser Veränderungen ein Karzinom darstellt und dafür fehlt die Evidenz.
Die Voraussage der Ärztezeitung ist einfach unwissenschaftlich, nicht weil sie nachweislich falsch, sondern weil sie rein spekulativ,
d.h. ohne naturwissenschaftliche Basis ist
.

Richtiger wäre darauf hinzuweisen, dass die intensive Untersuchung von jugendlichen Schilddrüsen im Unfallgebiet eine deutlich höhere Frequenz von morphologischen Organveränderungen gezeigt hat, als in dieser Altersgruppe erwartet wurde und diese Probanden somit weiter in engmaschiger Kontrolle bleiben müssen,
um einerseits auftretende Karzinome frühzeitig identifizieren zu können
(Knoten und Zysten < 5 mm sind durch Feinnadelpunktion und zytologische Untersuchung nicht sicher abklärbar, so dass es einer Verlaufsbeobachtung bedarf) und
in den nächsten 5-15 Jahren vielleicht eine exakte Aussage über die durch den Supergau verursachten Schilddrüsenkarzinome bei Jugendlichen Unfall möglich wird.
Weiters hätte erklärt werden müssen, dass das nun entdeckte Schilddrüsenkarzinom, ebenso wie die kindlichen Schilddrüsenkarzinome die auch in Österreich seit Jahrzehnten dokumentiert sind, wissenschaftlich nicht durch den Supergau in Fukushima erklärt werden können.

Wenn aber die Österr. Ärztezeitung, eine Publikation die sich ausschließlich an Ärzte richtet, auf Schlagzeilenjournalismus und nicht die naturwissenschaftlichen Grundlagen unseres Berufs setzt, wird verständlich, dass die Menschen durch jede Information verängstigt werden.

Link:
Vergleiche kritische Analyse des Problems (engl.) http://www.japanfocus.org/-Iwata-Wataru/3841
http://www.japantimes.co.jp/text/nn20120828a5.html

Written by medicus58

18. Oktober 2012 at 19:00

Nach 100% ist es aus, das Kasperltheater

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Zum dräuenden Jahrestag des Super-GAUs im AKW Fukushima lud Armin Wolf erneut Kasperl und Krokodil ein, damit sich die PT Zuschauer erneut ergözen mögen, wie sich die beiden nicht einigen.

Das war auch @ArminWolf via Twitter im Vorfeld klar:
Wird eine interessante Fukushima-Debatte jetzt zwischen den Herren Kromp und Steinhauser. Sind sich praktisch in nichts einig.

Georg Steinhauser, eloquenter und telegener Radiochemiker am Atominstitut der TU in statu habilitandi (2008 FAME LAB http://www.youtube.com/watch?v=19Vxg2ZWAlg ) und naturgemäß an der Weiterentwicklung der Reaktortechnik interessiert, sonst hätte er ja am Reinhardseminar inskripiert.

Wolfgang Kromp (Institut für Sicherheits- und Risikoforschung der BoKu) und laut Zeit Online, der Prophet der Apokalypse, die Kassandra der Republik (Der graue Wolf im Heimatlook erklimmt das Podium. Das Trachtenband um den Hals ist sein Amulett gegen die Globalisierung). http://www.zeit.de/2011/13/A-Kromp)

Persönlich hatte ich, der die Nutzung dieser Technologie zur Energiegewinnung seit den 70er Jahre ablehnt aber versucht die Mitte zwischen Verharmlosung und Alarmismus zu finden, die zweifelhafte Ehre in den rufschädigenden Bannstrahl von Kromp zu kommen, weil ich ihm vorwarf, dass seine Argumentation (bewußt?) zu vage bleibt, bzw. er bei seinem Lieblingsthema, das er auch gestern wieder angesprochen hat, (völlig unbekannt was mit Radionukliden im Meer passiert), wissenschaftliche Fakten entweder nicht kennt oder negiert.

Nach der üblich-saftigen Einmoderierung 
„würden Sie Gemüse aus Fukushima essen“ 
wurden gestern in der ZIB2 wieder die üblichen Standpunkte eingenommen:

Steinhauser: „es ist ja gar nicht so viel passiert“
Kromp: „ein Großexperiment, von dem wir nicht wissen was da noch kommt“

Hat das den Auftrag des öffentlich rechtlichen Rundfunks erfüllt?

Ich bezweifle es, denn die uns allen von vielen Journalisten gestellte Frage „Ist das schlimm?“ lässt sich naturgemäß die Medien nur befriedigend beantworten, wenn man sich auf ein Ja oder Nein beschränkt,
was aber ohne vorheriger Festlegung des Messsystems aber methodisch angreifbar bleiben muss.

Jedem, der sich jenseits der Baumschule gebildet hat, wurden die Kant’schen Kernfragen:
Was kann ich wissen??
Was soll ich tun??
Was darf ich hoffen??
eingebleut.
Heute müsste der Alte vermutlich seinen Kanon um die Frage des
Wovor soll ich mich fremdfürchten??
(http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35227) ergänzen.

Öffentlich-rechtliche Information sollte meines Erachtens einmal die unbestreitbaren FAKTEN UND IHRE VERTRAUENSBEREICHE festmachen, wobei das Schwergewicht auf diesen Fakten zu ruhen hat, die auch für den hiesigen Medienkonsumenten entscheidungsrelevant sind.

Also konkret müsste man Armin Wolf antworten, dass jeder von uns jedes Gemüse auch aus der Sperrzone einmal essen könnte, ohne dass das sein sicherer Tod wäre, weil es für uns eine EINZELDOSIS wäre, das Problem aber im Dauerkonsum kontaminierter Nahrung der Anreiner liegt.

Theoretisch wird etwa 1 von etwa 1,6 Millionen Menschen, die eine Zigarette pro Jahr rauchen, genau an dieser Zigarette durch Lungenkrebs sterben, 
weil statistisch gesichert ist, dass unter 200 Menschen, die 8000 Zigaretten/Jahr rauchen einer pro Jahr daran sterben wird.

Ob aber diese LINEARE EXTRAPOLATION eiens gesicherten Risikos bei hoher Exposition auch bis gegen Null valide ist, kann keiner sagen.

ABER:

Es wäre zum Beispiel eine sinnvolle Anregung auf Basis der bekannt gewordenen Problemen der Informationsweitergabe (um es freundlich zu formulieren) zwischen Betreiber und Aufsichtsbehörde

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1576888/ZDFzoom:-Die-Fukushima-Lüge 

zu diskutieren, ob es gesellschaftspolitisch wünschenswert ist, dass Risikotechnologien im Bereich privater, zur Gewinnmaximierung ihrer Miteigentümer (share holder value) verpflichteter Firmen bleiben dürfen.

Dieses Problem liesse sich auch – und dann macht es Sinn und ist keine der üblichen Like/DisLike Schlachten – an Beispielen aus anderen Industrien abhandeln:

Bhopal/Union Carbide/Auslagerung in die Dritte Welt: http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Bhopal
Mexikanischer Golf/BP/Tiefseebohrung:
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lpest_im_Golf_von_Mexiko_2010
ÖMV/Weinviertel/Fracking: http://derstandard.at/1330390280448/Weinviertel-OMV-lenkt-ein-Vorerst-keine-Schiefergasfoerderung

Das aufgewärmte Gruseln, ob der japanische Butterfisch im Shushi oder der japanische Blattspinat uns im Munde stecken bleiben soll, schafft wenig Erkenntnis.

Das Kasperltheater der streitenden Experten bringt wenig, egal ob das Wasser halbvoll oder halbleer ist.

Ein Risikoforscher Kromp ist für mich nicht sehr überzeugend, wenn er (siehe die Arbeitsgebiete seiner Institutshomepage:  nahezu ausschliesslich mit dem atomaren Risiko befasst.
https://forschung.boku.ac.at/fis/suchen.orgeinheit_uebersicht?sprache_in=de&menue_id_in=201&id_in=H818

UND DOCH:

Ein fast nur gemurmelter Beitrag Kromps in seinem Rückzugsgefecht hat dann doch das wirklichee Problem angesprochen:

Wir können nicht 1 1/2 Welten für den Energiehunger der entwickelten Welt verbrauchen …..

Es gibt eine Möglichkeit, die Gefahren des Super GAUs auch ohne Übertreibung in eines der beiden Extreme zu diskutieren:

Ist ist ziemlich egal, ob die residuale Strahlenbelastung die japanische Krebsrate um 0,002% angehoben wird
(der Chemiker Steinhauser zitiert den Onkologen Gale mit einer Sterberate von 0,001%) oder
(meine worst case Annahme für eine seafood basierte Exposition auf Basis der Daten nach den Unfällen in Windscale/Sellafield http://de.wikipedia.org/wiki/Windscale
um maximal 0,5% für die betroffenen Küstenabschnitte ansteigt…

Am Ende der Fahnenstange haben wir alle als Gesellschaft „100% Risikolose“:
 
Wenn wir die verspielt haben ist es aus …

Links:
Versuch einer Kommunikation von Strahlenrisiko:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=32224 
ZIB 2
http://tvthek.orf.at/programs/79134-Spaet-ZIB/episodes/3698623-ZIB-2

Die Leere (sic) aus Fukushima

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Am 11. März 2011 ereignete sich an der Ostküste Japans eine der größten Naturkatastrophen der Menschheit. Es bedarf keiner Prophethie um voraussagen zu können, dass wir uns in den nächsten Tagen auf eine zunehmenden Häufung von medialen Berichten über den Super GAUs von Fukushima freuen dürfen.
In der Zwischenzeit war es – vor allem in der Weltpresse, weniger in Deutschland und Österreich – nach der Ejaculatio präcox (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=38178) schon sehr still geworden.
Zyniker meinten überhaupt, dass es sich bei dem Unfall um eine globale Katastrophe mit regionalen Auswirkungen in drei Ländern gehandelt hätte. Diese drei Länder wären Deutschland, Österreich und …. auch Japan.

Seit März 2011 war ich in unzähliche Gespräche und Diskussionen zu diesem Thema involviert, lernte einen guten Teil der österreichischen Journaille kennen und wurde zunehmend fassungsloser, dass es kaum ein anderes Thema gibt, bei dem zwischen den beiden Rollen  „Feind“ oder „Freund“ sowenig Platz bleibt für einen rationalen Diskurs. Dies scheint völlig unabhängig von der Vor- und Ausbildung des Gegenübers und unabhängig vom jeweiligen Forum (U-Bahn, TV-Studio, Vorlesung, Radio-Studio, …) und der Zahl der Zuhörer (1-600.000). Jede öffentliche Äußerung liess die Anzahl der bösen E-Mails in meiner Mailbox anschwellen und brachte auch eigenartige Drohbriefe in mein reales Postfach. Auch an Anfeindungen von Leuten, deren Ziele, nicht jedoch Methoden man teilte, gehörten zu diesem Erfahrungsschatz.

Ein bißchen Trost fand ich im Vorwort eines der Standardlehrbücher über radiologische Notfallsituationen, wo 2001 genau dieses Phänomen beschrieben wird (eigene Übersetzung):   Strahlenunfälle erregen zwangsläufig eine große Aufmerksamkeit, wo sie auch immer auftreten. Die Beteiligten, die Gesundheitsdienstleister und die allgemeine Öffentlichkeit, alle sind betroffen. Die Konsequenzen eines Strahlenunfalls sind nicht auf die biologischen und physikalischen Effekte des Unfalls beschränkt, sondern beinhalten auch den psychologischen Fallout. Jeder, der sich zu einem Strahlenunfall äußert, steht unmittelbar unter schärfster Beobachtung der Öffentlichkeit und ist Ziel der Beurteilung von „Experten“, die meist weit vom Unfallgeschehen entfernt sind.

So sehe ich den nächsten Tagen mit sehr gemischten Gefühlen entgegen.

Ich erwarte eigentlich nur „more of the same„, also Copy and Paste Journalismus (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35333), die Exhumierung alter Mythen (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35413) und wohliges Fremdfürchten (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35227)  zur Auflagensteigerung.
Wenn die Atomwolke wieder über Österreich hinweggezogen sein wird (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35512), dann ebbt der methodenlose Wahnsinn (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35306) ab und wir gehen zur Tagesordnung über:
Steigern unseren Energiebedarf, wettern über den Feinstaubund die verantwortungslosen Japaner und stehen erneut dort, wo wir seit drei Jahrzehnten (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=37110) stehen:
Wir ziehen keine Lehre aus der Geschichte, es bleibt uns nur die Leere und ein bißchen Medienhype.

Und jetzt dreh ich das Licht ab und lege mich schlafen.

Written by medicus58

3. März 2012 at 22:44

22.3.2011: Wegwerf-Arbeiter

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Unsere mediale Hysterie hat für die verbliebenen Arbeiter im Kernkraftwerk Fukushima, nachdem sie von der NY Times und anderen Medien zu Helden der Neuzeit erklärt wurden und wahlweise von „Strahlenexperten“ als „verheizt„, „sinnloses Menschenopfer„, „dem Tode geweiht„, also Dead Man Walking, erklärt wurden, nun ein neues Attribut ausgedacht:

WEGWERF-ARBEITER

auf YouTube scheint der Begriff zuerst (17.3.) in einem WDR Bericht auf: http://www.youtube.com/watch?v=GmwSpyX8n_Q

In unseren Zeitungen (z.B. Gratisblatt Heute vom 21.) wird das mit Verspätung wiederholt:

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/japan/2704379/wegwerf-arbeiter-japan.story http://www.bild.de/BILD/news/2011/03/21/japan-beben-schwere-vorwuerfe/schicken-japaner-obdachlose-ins-horror-akw.html http://deutschlandwelle.com/index.php/2011/03/wegwerf-arbeiter-in-japan/ http://www.aargauerzeitung.ch/international/schickt-tepco-wegwerfarbeiter-ins-strahlengebiet-106154394 http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12901818/Schickt-Tepco-Obdachlose-ins-AKW.html

Natürlich habe ich keine Ahnung, ob der Vorwurf stimmt, dass die Betreiberfirma „Obdachlose und Minderjährige“ auch schon vor der jetzigen Katastophe in ihrem Werk arbeiten ließ, nur kommen mir halt Zweifel, ob ungelerntes Personal ünerhaupt eine Hilfe bei der Arbeit im Normalbetrieb sein kann, und ob die japanischen Aufsichtsbehörden sich derartig an der Nase vorbeiführen lassen. Beruflich Strahlenexponierte Personen (vom Spital bis zum AKW) sind zumindest bei uns in Mitteleuroper namentlich den Behörden bekannt und messtechnisch und gesundheitlich monitiert. M.W. ist das auch in Japan so, so dass mir der Vorwurf eines moderne Sklaventums etwas unwahrscheinlich vorkommt, ABER

Wenn wir uns schon über Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit der AKW-Industrie den Kopf zerbrechen wollen, dann hätt’ ich schon einen Vorschlag, DENKEN WIR ÜBER DIE ARBEITER IN DEN URANBERGWERKEN NACH! Hoffen wir, dass das Monitoring in Kanada, Australien und den USA in Ordnung geht, aber in Kasachstan, Russland, Niger, Namibia und Usbekistan?

Und wieder das Bild der 300 Kämpfer in der Schlacht an den Thermopylen: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_den_Thermopylen_(Perserkriege)

Wir können offenbar Leid nur transportieren, wenn wir es auf 50 „versklavten Obdachlosen und Minderjährigen“ oder „300 letzten Kämpfern“ projizieren.

Tausende Tote durch zwei Naturkatastrophen (Erdbeben, Tsunami) und eine Technologiekatastrophe (mehrere Reaktoren und Zwischenlager in der Präfektur Fukushima) scheint uns unbegreiflich. Ob die Medien aber das mit ihren Gruselstories lösen können, bezweifle ich.

Written by medicus58

24. Februar 2012 at 18:16

Fukushima revisited

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Erinnern wir uns noch an die weltweit verbreitete, aburde Geschichte der „Letzten 30 Wegwerfarbeiter“ von Fukushima?
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35413

Die aktuellen (30.8.) Zahlen des Betreibers schauen so aus:

TEPCO is examining some 3,700 workers who have worked at the plant since March 11th for exposure to radiation. 
Of that number, 3,514 have undergone medical checkups. It revealed that radiation doses above 100 mSv: 124 workers 
100-200mSv: 107 workers, 
200-250mSv:     8 workers, 

>250mSv:            9 workers

Amount of doses that the 2 workers who received most are 
643mSv and 678mSv.

Zur medizinischen Erklärung: 

In einer radiologischen Notfallsituation besteht die maximal erlaubte Dosis für beruflich exponierte Personen in Japan 250 mSv, d.h. diese Grenze wurde in 9/3514 Arbeitern überschritten, soweit die rechtliche Situation.

Nach all den heute zur Verfügung stehenden Daten hat sich bei den am höchsten exponierten Personen das Risiko an einer bösartigen Erkrankung zu versterben („Krebsrisiko“) um weniger als 5% erhöht, d.h. sie werden nicht mit einer Wahrscheinlichkeit von 25%, wie der Rest der in der industrialisierten Welt lebenden Menschen, sondern mit bis zu 30%-iger Wahrscheinlichkeit an einer bösartigen Erkrankung versterben.

Ob das viel oder wenig ist, ist eine andere Diskussion, jedoch sind diese Größenordnungen zu berücksichtigen, wenn wir, die nicht direkt im Areal arbeiten, über unser Risiko sprechen.

Das Bild zu diesem Eintrag ist das Logo des Formus der japanischen Atomindustrie: 
LIGHTS ON (und klein geschrieben: with Nuclear), na ja …. auch ganz nett wenn uns ein Licht aufgehen würde …

Written by medicus58

30. Juni 2011 at 15:05

Ejaculatio praecox

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Die Wochen, die seit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem konsekutiven Strahlenunfall in Fukushima vergangen sind, erlauben nun eine zwischenzeitliche Analyse der öffentlichen Wahrnehmung:

EJACULATIO PRAECOX
http://de.wikipedia.org/wiki/Vorzeitiger_Samenerguss

Während in der ersten Woche, wo es nach all den vorliegenden Daten außerhalb der Evakuationszone nur zu minimaler Kontamination gekommen war, sendeten unsere Medien im Dauerfeuer und so mancher Experte malte das jüngste Gericht auf den Bildschirm. Jetzt wo in gewisser Weise eine „stabile Situation eingetreten“ ist, stabil dahingehend, dass von der Japanischen Atombehörde eine Freisetzung von etwa 10% der Menge des Unfalls von Chernobyls zugegeben wird, eine lokale Situation, die derzeit für allfällige Bewohner der Provinz einer Exposition von 2 Computertomografien/Jahr entspräche und eine offenbar andauernde Kontamination der regionalen Küstenabschnitte gesichert ist, jetzt ist Funkstille.

Achtung,
weiterhin kein Grund zur Panik, lassen Sie Ihre Kaliumjodid-Tabletten im Schrank und geniessen Sie Ihre Sashimi, aber jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, die Saat zu sähen, eine dauerhafte Umbesinnung in der Energiewirtschaft anzustreben, z.B. durch eine Zwischenbilanz der angelaufenen Kosten.

Wenn aber der Samen verschossen ist, dann steht man eher peinlich berührt herum und die Chance ist vertan ….

So sehe ich die derzeit die Kommunikationspolitik der zu früh, zu übertrieben und aus zu vielen persönlichen Gründen gekreischt habenden Anti-AKW Experten. Schade!

Written by medicus58

20. Mai 2011 at 08:08

279/2011: Auch die Katastrophe muss verrechtlicht werden

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Die EU beschliesst eine Eilverordnung, die die Grenzwerte für J-131, Cs-134 und Cs-137 für Nahrungsmittelimporte aus Japan über die geltenden Grenzwerte anhebt. Begründet wird dies u.a. mit der EU-Verordnung 3954/1987, die im Rahmen eines lokalen GAU eine Nahrungsmittelknappheit verhindern soll. http://tinyurl.com/659fu5m

Ausführlicher auf:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/atomkatastrophe-in-japan-eu-schwaecht-grenzwerte-fuer-verstrahlte-lebensmittel-ab-1.1079258

Das liegt etwa auf der intellektuellen Ebene wie die in Japan verprdnete Anhebung der maximalen Exposition, der sich beruflich strahlenexponierte Patienten aussetzen dürfen.

ABSURD:
DER BÜROKRAT WILL AUCH IN DER KATASTROPHE RECHTSSICHERHEIT

Und wie spielt sich das dann in der Praxis ab, kommt dann der „Schwarzkappler“ kurz vor dem Weltuntergang und sagt :
„Alles austeigen, bitte! Der Zug wird eingezogen?“

Für Nicht-Wiener: „Schwarzkappler“ sind die Männer, die in den Wiener Verkehrsbetrieben die Fahrscheine kontrollieren.

Written by medicus58

2. April 2011 at 05:48

Chronologie der Ereignisse II

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Wie schon gestern ( http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=35157 ) bietet die Homepage der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien auch heute wieder ein Beispiel unfreiwilliger Komik.

Japan Earthquake Update (14 March 2011, 05:15 CET)
Based on information provided by Japanese authorities, the IAEA can confirm the following information about the status of Units 1, 2, 3 and 4 at Fukushima Daini nuclear power plant.

All four units automatically shut down on 11 March. All units have off-site power and water levels in all units are stable.  ……

Japan Earthquake Update (14 March 2011, 07:00 CET)

Japan´s Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA) has provided the IAEA with further information about the hydrogen explosion that occurred today at the Unit 3 reactor at the Fukushima Daiichi nuclear plant. 
A hydrogen explosion occurred at unit 3 on 14 March at 11:01 am local Japan time. …….

Written by medicus58

15. März 2011 at 07:37

AKW-Besorgnis-Castor: Das ABC der Strahlenangst

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Ich muss wohl irgendwann was über Strahlenangst schreiben, vorerst möchte ich aus aktuellem Anlass auf einen Artikel aus 2003 verweisen, den ich auch literarisch hervorragend finde und auf den ich in einem Forum aufmerksam gemacht wurde:
http://www.zeit.de./2003/48/Gorleben

Fazit: es ist nicht so, wie man glaubt, dass es ist …

Written by medicus58

14. März 2011 at 11:08

Wer Angst hat, den ängstigt jede Information

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Warum können wir uns über die Einschätzung der Gefahren ionisierender Strahlen so wenig einigen?

Teil 1: Ein Test
Kennen wir etwas, dann werden wir sorglos und unterschätzen das Risiko.
Ist uns etwas unbekannt, dann fürchten wir uns und überschätzen das Risiko.
In beiden Situationen ist unsere Einschätzung im Hinblick auf das „wahre“ Bedrohungspotential einer Gefahr inadäquat. 
Im konkreten Fall der Bedrohung durch ionisierende Strahlen (Röntgen, Nuklearmedizin, Strahlentherapie, AKW, Atombomben, … UFOs) führt dies entweder zur Verharmlosung oder zum Weltuntergangsszenario, bzw. zu jeglichem Kommunikationsverlust zwischen „Befürwortern“ und „Gegnern“.

Ich möchte hier eine einfache Anleitung geben, wie man sich seine persönliche Meinung bilden kann. Ob jemand dafür oder dagegen ist, hängt, wie wir sehen werden, nicht nur von der Faktenlage ab, sondern auch von der persönlichen Gewichtung anderer Faktoren.

Ein Beispiel: Nehmen Sie an, der Wetterbericht spricht für morgen Nachmittag von einer 20%-igen, 40%-igen, 60%-igen oder 80%-igen Niederschlagswahrscheinlichkeit und Sie in Urlaubsbekleidung (T-Shirt, Shorts) sollen entscheiden, ob Sie morgens einen Schirm mitnehmen. Die sehr Ängstlichen, die jede „Gefahr“ ausschließen wollen, packen den Schirm in jedem Fall ein, den „Berufsoptimisten“ ist der Wetterbericht sowieso egal; die Mehrheit wird ab einer bestimmten Wahrscheinlichkeit den Schirm dabei haben. Tauschen wir in unserem Beispiel die leichte Sommerbekleidung gegen ein Designerkleid / einen Designeranzug aus edlem Tuch, das wir wegwerfen können, wenn es nass wird, wette ich, wofür jede(r) sich auch immer entschieden hat, in diesem Fall schon früher zum Schirm greifen.

Merke: Die objektive Beurteilung einer Gefahr kann auch für rationale Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, je nachdem wie sie Zusatzfaktoren gewichten.

Teil 2: Nur ein Begriff, dann geht’s weiter im Programm
Um eine Gefahr werten zu können, muss sie quantifiziert werden können. 
Für die Wirkung ionisierender Strahlen gibt es sehr viele Einheiten, die selbst „Experten“ manchmal verwechseln. Einigen wir uns hier nur über Millisievert (mSv) zu sprechen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Sievert_(Einheit)

Zur Erklärung: Treffen ionisierender Strahlen auf Gewebe wird ein Teil ihrer Energie absorbiert. Um unterschiedliche Formen ionisierender Strahlung in ihrer unterschiedlichen biologischen Wirkung vergleichen und quantifizieren zu können, bedient man sich des Begriffes der Äquivalentdosis und der Einheit Sievert (1 Sv=1000 mSv).
Zur Veranschaulichung: Halten Sie sich 1 Jahr im Grazer Becken auf, so führt die natürliche Strahlenexposition (Radon, Erdstrahlung, kosmische Strahlung…) zu einer Exposition von 2 mSv. Durch die höhere natürliche Strahlung der alten Gebirgsstöcke im Waldviertel, würden Sie dort 4 mSv pro Jahr abkriegen. Je nach Technik führt eine Computertomografie des Brustkorbs zu 5-8 mSv.
Teil 3: Wovor sollen wir uns fürchten
Trifft ionisierende Strahlung auf belebter Materie so kann das zum Auftreten chemisch aggressiver Moleküle und Mutation der Erbsubstanz führen.
Wenn wir uns also vor den Folgen ionisierender Strahlung fürchten wollen, dann können wir uns vor prinzipiell drei Dingen fürchten:

  • Wir erleiden einen Organschaden (von Hautrötung bis zu raschem „Organzerfall“).
  • Wir entwickeln einen bösartigen Tumor (z.B. manche Leukämieformen).
  • Unsere Nachkommen sind geschädigt (z.B. Missbildungen).

Da Organismen stets ionisierender Strahlen ausgesetzt sind, haben Sie für diese Schäden Reparaturmechanismen entwickelt. Tritt ein Schaden auf, war entweder die Stärke der ionisierenden Strahlung zu stark oder die Reparaturmechanismen zu schwach.

Teil 4: Welche Wirkungen ionisierender Strahlen kennen wir?
Wir unterscheiden zwischen deterministischen und stochastischen Wirkungen.
Für deterministische Wirkungen besteht, wie für Medikamente und Gifte eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, d.h. eine Verdopplung der Dosis führt zu einer Verdopplung der Wirkung bei allen Organismen. Nachweisbare deterministische Wirkungen (z.B. Blutbildveränderungen) treten jedoch erst über einer Schwelle von etwa 100 mSv auf, 7000–1000 Sv sind tödlich.
Woher weiß man das?
Für Expositionen oberhalb der Schwellendosis weiß man das aus Messungen an Strahlentherapiepatienten, dokumentierten Strahlenunfällen und den Atombombenversuche und –abwürfen.
Die verständliche Analogie für deterministische Wirkungen wäre z.B. für das bekannte Medikament Aspirin (Acetylsalicylsäure):
Für z.B. 1 mg/Tag sind keine Wirkungen nachweisbar, 100 mg verhindern nachweislich die Entstehung von durch Bluttplättchen verursachten Blutgerinnseln, 500–1000 mg wirken als Schmerzmittel, mehrere Gramm sind tödlich.

Für die öffentliche Diskussion sind aber die deterministischen Wirkungen von geringer Bedeutung, da die entsprechenden Expositionen weder im Rahmen von Castor-Transporten noch im Umfeld von AKWs erreicht werden. Wenn wir von den alltäglichen Gefahren ionisierender Strahlen sprechen, meinen wir die stochastischen Wirkungen.

Stochastischen Wirkungen sind Strahlenwirkungen, die auf Vorgängen zufälliger (=stochastischer) Art beruhen.
Im Gegensatz zu den deterministischen Wirkungen gelten für stochastischen Wirkungen andere Regeln, die – soviel darf vorgegriffen werden – mit dafür verantwortlich sind, dass verschieden Menschen zu so unterschiedlichen Bewertung der Gefahren durch ionisierende Strahlen kommen:
 

  • Die Dosis-Wirkungsbeziehung gilt nicht. 
  • Wir können keinen Schwellenwert angeben, unter dem „ganz sicher“ keine Wirkung eintritt.
  • Der Eintritt stochastischer Wirkungen kann nur mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vorausgesagt werden.
     http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrscheinlichkeitsrechnung
  • Aussagen über Wahrscheinlichkeiten gelten nur für unendlich viele Ereignisse.
    Nur wenn ich unendlich oft würfle, werde ich am Ende wirklich in 1/6 aller Würfe einen Sechser gewürfelt haben. Es entspricht aber unserer leidvollen Erfahrung beim Würfelspiel, dass der Gegner an einem Abend durchaus auch häufiger einen Sechser würfeln kann.
    Für eine endliche Anzahl an Beobachtungen kann für alle Aussagen somit immer nur ein Vertrauensbereich angegeben werden, innerhalb dessen die beobachteten Ergebnisse liegen werden. 
    Für normal verteilte Ereignisse (http://de.wikipedia.org/wiki/Normalverteilung) kann dann mit 95% Sicherheit ausgesagt werden, dass die beobachteten Ergebnisse nicht niedriger als der Mittelwert (http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelwert ) minus 2 Standardabweichungen (http://de.wikipedia.org/wiki/Standardabweichung), aber auch nicht höher als der Mittelwert plus 2 Standardabweichungen liegen werden.
  • In Ermangelung statistisch sicherer Daten für Expositionen, die < 100 mSv bewirken, wurde festgelegt, dass das Risiko über eine lineare Extrapolation aus den Daten höherer Expositionen berechnet wird. Das ist zwar angreifbar, jedoch wäre auch jede andere Festlegung angreifbar! (siehe Teil 6)

Teil 5: Weshalb ist es so schwierig, harte Daten für stochastische Wirkungen „niedriger“ Strahlenexpositionen anzugeben?

Für Expositionen über 100 mSv bestehen ausreichende Daten aus den oben genannten Quellen (Strahlentherapie, Strahlenunfälle, Atombombenversuche, …), um die statistische Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Effekte mit geringer Streuung zu berechnen.
Für Expositionen unter 100 mSv streuen die Daten über einen weiten Bereich: Egal ob Studien an Zellen, Tieren oder Menschen durchgeführt wurden, fanden sich sowohl Hinweise, dass niedrige Expositionen im Sinne einer Hormesis ( http://de.wikipedia.org/wiki/Hormesis) zu verminderter „Krebsrate“ führen, als auch dafür das sie die „Krebsrate“ steigern. Es ist falsch dahintergleich eine wissenschaftliche Verschwörung der AKW-Lobby zu vermuten
Der Grund ist auch ein statistisches Problem:
Je niedriger der Schaden einer Exposition ist und je mehr andere Einflussfaktoren (Genetik, life style, Rauchen, …) zum gleichen Effekt führen, desto größere „Versuchspopulationen“ benötigt man:
Derzeit versterben 25% der Österreicher an „Krebs“. Um zum Beispiel einen statistisch harten Beweis zu führen, dass eine niedrige Strahlenexposition weniger als 1% zusätzliche „Krebstote“ verursacht, müsste man die Strahlenexposition von ein paar Hunderttausend Menschen im Rahmen einer kontrollierten Studie über viele Jahre studieren und dabei auch alle anderen relevanten Einflussfaktoren (individuelles genetisches Risiko, Änderung der Rauchgewohnheiten, berufliche Expositionen, Begleiterkrankungen, …..) messen und berücksichtigen.
Auch die auf den ersten Blick für viele vielleicht absurd erscheinenden Ergebnisse der Hormesis, lassen sich auch durch die hohe statistische Streuung der Ergebnisse im „Niedrigdosisbereich“ erklären.

Teil 6: 100 mSv führen zu einer 0,5%-igen Erhöhung der Karzinomhäufigkeit, oder? 
Aus sicheren Daten, wie:

  • 7000 -10.000 mSv fürhen zum akuten Strahlentod
  • 4500 mSv sind für 50% der Opfer tötlich
  • 1000-2000 mSv führen zu schweren Blutbildveränderungen
  • 500-1000 mSv fürhen zu nachweisbarenBlutbildveränderungen
  • 1000 mSv führen zum Abort

ergibt sich durch lineare Extrapolation, dass ein Mensch, der eine Äquivalentdosis von 100 mSv erhält ein 0,5% höheres Risiko hat, ein Karzinom zu entwickeln.

Ein zweiter Test:
Ob Sie das für sinnvoll erachten können, können Sie leicht feststellen:

Statistisch ist es ziemlich sicher, dass unter 200 Männern, die 8000 Zigaretten pro Jahr rauchen, einer pro Jahr an den Folgen sterben wird. 
Daraus folgt bei linearer Extrapolation, dass von 20.000 Männern, die 80 Zigaretten pro Jahr rauchen, einer pro Jahr an den Folgen sterben wird und  unter 1,600.000 Männern, die 1 Zigarette pro Jahr rauchen (entspricht im Risiko einer Äquivalentdosis von 0,05 mSv/Jahr), einer pro Jahr dadurch ins Grab marschiert.

Können Sie mit dieser Analogie leben, dann ist für Sie die lineare Extrapolation der Folgen hoher Strahlenwirkungen auf den Niedrigdosisbereich sicher auch nachvollziehbar. 
Haben Sie Zweifel über die Sinnhaftigkeit des Vorgehens, dann bin ich bei Ihnen, aber falsch, d.h. widerlegbar ist die Rechnung nicht.
Finden Sie eine bessere Lösung, ist Ihnen ein Nobelpreis gewiss ….

Teil 7: Persönliche Gewichtung
Wie wir in Teil 1 gesehen haben, können bestimmte Risken (Niederschlagswahrscheinlichkeit laut Wetterbericht) von uns in Abhängigkeit anderer (durchaus objektiver) Gründe (Designerkleid) unterschiedlich gewichtet werden. 
Wenn wir uns für oder gegen ein Risiko aussprechen, müssen wir auch immer angeben, welches Risiko im Hinblick auf welchen Nutzen wir bereit sind zu akzeptieren und über welche Zeiträume wir sprechen. 

Beispiele: 
Wenn Sie mit dem Auto zu einer Demo gegen ein AKW fahren, ist das Risiko dabei bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen viel höher, als dass während dieser Zeit das AKW einen GAU erlebt.
Wenn Sie zu ihrem 80. Geburtstag eine Röntgenuntersuchung ablehnen, weil Sie sich vor den „Strahlen“ fürchten, ist die Wahrscheinlichkeit höher bald an der unerkannten Erkrankung zu sterben, als nach 15 Jahren an einem strahleninduzierten Karzinom.
Wenn Sie für Ihr 7-jähriges Enkelkind bei jedem Husten ein Lungenröntgen fordern, ist das Nutzen-zu-Risiko-Verhältnis umgekehrt.

ich persönlich habe gegen den Betrieb des AKW Zwentendorf gestimmt, nich weil ich davon ausging, dass das Risiko des Werkes um so viel höher ist als viele andere Technologien, sondern u.a. weil ich das sehr geringe Risiko, dass der radioaktive Abfall innerhalb eines Jahres aus der Lagerstätte ins Grundwasser gelangt, mit der Anzahl der Jahre multipliziert habe, die es dauert, bis dieser Abfall radioaktiv zerfallen ist. Überdies, und das ist nun weder ein physikalisches noch ein statistisches Argument, weil ich es als unstatthaft empfinde ein Risiko einzugehen, dass für spätere Generationen schlagend wird!

ZUSAMMENFASSUNG:

Wir können uns in der öffentlichen Diskussion so schlecht auf eine gemeinsame Wertung der Gefahren ionisierender Strahlen einigen, weil
1. wir nicht zwischen deterministischen und stochastischen Wirkungen differenzieren
2. wir nicht wahr haben wollen, dass es aus statistischen Gründen praktisch unmöglich ist den potentiell zusätzlichen Schaden im Bereich niedrige Dosen innerhalb eines engen Vertrauensbereiches zu quantifizieren
3. wir nicht klar sagen, welche Gewichtung wir als Person den einzelnen Begleitfaktoren zubilligen.

Written by medicus58

14. März 2011 at 11:06

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