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Nix geändert im Rettungswesen

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Ihr Medicus ist als Zivi vor Jahrzehnten mal als Sani beim Arbeitersamariterbund gewesen. Mal (nach dem Studium aber vor dem Turnus) als Hilfssani am Einsatzwagen, mal als Tragekuli am Sanka und immer wieder zur Strafverschärfung im PKW Krankenbeförderungsdienst, also als Taxler ohne Maut.

Das Schicksal wollte es heute, dass vor mir ein älterer Straßenbahnfahrgast vom Stuhl rutschte und in einen nicht ansprechbaren Zustand verfiel. Die Vitalparameter waren Ok, verletzt hat er sich nicht, die Pupillen isocor, auf Licht reaktiv und er bewegte sich zwar verlangsamt aber ohne merkbare Einschränkung.

Unsere Bim hielt an und im Laufe der nächsten 30 Minuten noch manch andere, die Rettung wurde verständigt und die Sanitäter trafen ein.

Unser Fahrgast hockte verwirrt, sicher nicht alkoholisiert, ketoazitotisch oder sonst sichtbar untoxikiert, am Boden zwischen zwei Sitzen und krallte sich panisch an allem fest, was er ergreifen konnte. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hat er entweder eine cerebralen Durchblutungsstörung oder eine Epi-Äquivalent mit konsekutiv schwerem Verwirrungszustand. Er erinnerte mich auch an einen M. Fabry der mal in meinen Journaldienst reinschneite, aber vermutlich gibt es noch Dutzende Differenzialdiagnosen, nur geht es hier garnicht um die medizinische Seite.

Der Mann weigerte sich aus dem Wagen gebracht zu werden. Kaum hat man eine Hand gelöst, krallte er sich mit der anderen fest und war sichtlich hochgradig desorientiert.

Dazu die Zurufe aus dem voll besetzten Wagen und von draußen von der Straße:

Wos hot er denn, legts eam nieder.

Ich bin Krankenschwester, sprechen’s mit mir.

Setzt ihn wieder auf’n Sessel und weiter foahrn ma.

Der is jo b’soffn. Is der so zua?

Holt’s eam do auße. Mei Neffe trogat den allanig, der is an Meter fünfundneunzig.

Warum bringen’s eam net afoch weg?

Hot er krampft? Jo, i hob’s g’sehn. Nein, es war anfänglich nur ein Zittern des Oberkörpers, sicher kein Krampfanfall.

Der braucht an Oarzt.

Ein jüngerer Türke heftig zu dem Sanitäter, der ruhig auf den Patienten einsprach: Haben’S ihm überhaupt schon g’fragt wie es ihm geht?

Sanitäter: I waß wos i tua, aber waun Sie’s besser kenna.

Ein paar türkische Buben: De stellen se deppat an.

Der Sani bittet per Funk um die Polizei, weil Fahrgäste unseren Einsatz behindern. Später kommen zwei zarte aparte Polizistinnen und werden fragen was los ist.

Von der Straße geben Passanten Ezzes:

Messt’s eam wenigstens den Bluatdruck! Palpatorisch war der übrigens seit Beginn normal.

Gebt’s eam wos zum trinken.

Inzwischen ist der Fahrgast bis zu den geöffneten Türen des Nicht-Niederflur Wagens gerutscht und wollte sich mit einer Hand am Handlauf hochziehen, mit der anderen hielt er sich aber an einem der Sitze fest. So ging es hin und her.

Eine junge Türkin (sie erraten wohl langsam in welchem Bezirk sich das alles abspielt) lächelte spontan den Mann an und bot ihm die Hand an. Eine im Prinzip gute Idee, dass sich mal nicht nur Männer um den Fahrgast drängen, nur führte das letztlich auch zu nichts. Wie so oft half dann doch der Zufall. Der Mann zog sich wieder einmal hoch, ein Rautek war unmöglich, aber ich konnte seinen Brustkorb unter den Schultern umfassen und die Bewegung etwas verstärken. Als er so halb auf der ersten Stufe stand, schaffte es einer der Sanitäter seine Beine so zu lenken, dass er die zwei Stufen halb ging, halb gehoben wurde. Dann war er rasch auf der Liege und die Bim fuhr weiter.

Langsam verebbten die Diskussionen im Wagen. Es sind oft weniger die medizinischen Probleme, die solche Einsätzen mühsam machen und auch nicht immer der Patient selbst.

Leicht haben es die Kollegen im Rettungswesen nicht und manchmal ist ihre Selbstbeherrschung schon bewundernswert, wenn der Hilfe zu viel geleistet wird.

Written by medicus58

9. Juni 2022 at 22:41

Heute Abend: Rettung blau

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Seit Monaten fiel es mir auf, aber als ich gestern am frühen Abend in einem Schanigarten von Bobo-City auf mein chinesisches Streetfood wartete, schaltete der Rettungsfahrer sein Folgetonhorn just dann ein, als er wenige Handbreit an mir vorbeidonnerte und da wurde mir der Wahnwitz schlagartig zwischen den Extrasystolen wieder bewusst.

Seit uns die Covid Pandemie mehr oder weniger im Griff hat, fährt kaum mehr ein Rettungswagen ohne TatüTata und Blaulicht. Was in den Tagen sich rasch auffüllender Betten- und Intensivstationen noch irgendwie nachvollziehbar schien, scheint inzwischen zum Dauerzustand geworden.

Als ich noch vor fast vier Jahrzehnten als Zivi noch auf diesen Wagen mitfuhr, war es den wirklichen Profifahrern eine Ehre schnell am BO (Berufungsort) zu sein, ohne zu blinken oder zu tuten. Nur die „Freiwilligen“, die sich ihren Adrenalinschub gerne durch ein paar Rettungsdienste verschafften, liebten das Getöse, auch wenn sie danach in den geschockten Vordermann krachten, der zur Sicherheit eine Notbremsung hinlegte, wenn ihm die Dezibel um die Ohren flogen.

Ein Profis wie zB der Ben (eine Figur wie ein Heumarktringer und Nebenberuflicher Marktstandler) murrte immer:

Des mocht die Leit nur narrisch und des holt die nur auf.

Im Zeitalter des andauernden Alarmzustandes haben sich aber offensichtlich die Ansichten verschoben.

Written by medicus58

8. Juli 2021 at 23:38

Ungereimtheiten zum Tode vor dem Spital und alle wissen es nun besser

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Ein Mann wurde am 2.11. von einer Passantin in seinem Auto bewusstlos aufgefunden: Diese wendet sich um Hilfe an den Portier eines nahe gelegenen Belegspitals und wird mit der Bemerkung, die Ärzte dürften das Spital nicht verlassen abgewiesen und auf die Zuständigkeit der Rettung verwiesen.
Letztlich kommen doch Spitalsärzte auf die Straße,
rasch ist die Rettung da und bringt ihn in eine nahe gelegene Notaufnahme, was den Mann nicht mehr retten kann:
Mediale Aufregung bis gestern im ORF Thema.

Selbstverständlich ist das Geschehen für Angehörige, Beteiligte und medizinische Laien unverständlich, wobei die befragten Experten in meinen Augen wenig zur Klärung beitrugen. Einigkeit herrscht offenbar nur, dass der Hauptschuldige der Portier war und wie immer alle nachgeschult werden müssen. Vielleicht erinnern wir uns an einen Vorfall IN diesem Krankenhaus: 
Patientin vergiftet: Nur der Turnusarzt muss zahlen

Für Jurist und Kammeramtsdirektor der Wiener Ärztekammer, für den Gesundheitsstadtrat und die Patientenanwältin war es sofort klar, dass in solchen Fällen Spitalsärzte aus dem Haus eilen müssten (was übrigens innerhalb eines gewissen Radius auch meiner Empfindung entspräche). Nachdem sich die betroffene Spitalsleitung (wie wir gleich sehen werden konkordant) auf das Krankenanstaltengesetz berief und war ihnen schlussendlich plötzlich klar, dass im Notfall alle Vorschriften außer Kraft gesetzt werden können und müssen. Nur scheinbar eindeutig die von der Presse zitierte Aussage eines KAV- Sprechers: Bei uns gibt es keine Regelung, die so etwas besagen würde. Wenn es um das KAV-Areal geht, dann ist das Spitalspersonal zuständig.“

Ja, wenn es um das Spitalsareal geht, ist die Sache sonnenklar, aber darum ging es hier nicht, wenn man Spitalsareal im Sinne des Grundbuches interpretiert.

Was mich an diesem Fall, unabhängig ob eine sofortige ärztliche Hilfe an seinem Ausgang etwas geändert hätte aber nun ärgert, ist meine persönliche Erfahrung, die in arger Diskrepanz zu den forschen Aussagen der üblichen Wortspender steht: 

Erstens werden zumindest in einem großen Krankenhaus seit vielen Jahren neu eintretende Ärzte explizit vom Notfallteam darauf hingewiesen, dass die Zuständigkeit der Herzalarmteams an den Spitalsgrenzen endet und dort im Notfall die Rettung zu verständigen ist. Davon scheint nun niemand mehr was im System zu wissen.

Dass dem so ist habe ich selbst erfahren müssen, als sich das Eintreffen der Rettung verspätete und ich vergeblich versuchte eine nach einem Sturz zwar nicht lebensgefährlich verletzte aber trotzdem stark blutende alte Frau von der Straßenbahnhaltestelle vor einem Spital in dieses zu „turfen“.

Warum wird in all der Auseinandersetzung nicht auf den sehr unterschiedlichen Qualifikationsgrad verschiedener Spitäler und Spitalsbetreiber verwiesen, um auch der Öffentlichkeit klar zu machen, dass das „Rosinenpicken“ im Finanzierungssystem zu Lasten der Häuser der öffentlichen Hand geht, die eben eine entsprechende Vorhaltekapazität einrichten, die nicht adäquat refundiert wird.

Ja, und wenn sich das betreffende Beleg- (nicht Schwepunkt-)spital der Vinzengruppe auf seiner Homepage wie folgt präsentiert: 

Mehr als nur ein Krankenhaus
Das Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien, ein Unternehmen der Vinzenz Gruppe, ist auf Gefäßmedizin, Herzerkrankungen, Neurologie und Chirurgie, insbesondere für ältere Menschen spezialisiert.

Ja, dann frägt sich nicht nur der medizinische Laie, weshalb nach Aussage der Spitalsleitung Expertise, Geräte und Schulung FÜR DIE ERSTVERSORGUNG EINES KREISLAUFSTILLSTANDES IN DIESEM SPITAL FEHLEN (wir reden hier noch nicht von Akutkatheter, Ballonpumpe, oder ECMO).

Ja, weil seit 2012 Stillschweigen zur Errichtung eines Potemkinschen Dorfes im Gesundheitssystem herrscht. Insbesondere auch von den genannten Wortspendern.

Written by medicus58

13. November 2018 at 15:53

Blutrausch zum Nachlesen

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2013_17_heureka

In seiner aktuellen Wissenschaftsbeilage HEUREKA, die im Gegensatz zum Mutterblatt im WWW gratis nachlesbar ist, bietet die Redaktion des FALTER Lesenswertes zu verschiedenen Aspekten der Bluttransfusion:

Überraschenden Zahlen von den geschätzten 9 400 000 000 Euro Umsatzvolumen des Weltmarkts für Plasma-Produkte bis zum 3 Minuten-Takt in dem die Wiener Krankenhäuser eine Blutkonserve anfordern.
http://www.falter.at/heureka/2013/04/blutrausch-in-osterreich-der-countdown-zum-thema/

Kurioses aus der Wissenschaft, die bis vor kurzem den Beweis erbrachte, dass Mensturationsblut giftig wäre: http://www.falter.at/heureka/2013/04/lasst-frauenblut-blumen-welken/

Eine erneute Aufarbeitung der Ursachen des überproportional hohen Blutverbrauchs der österr. Medizin, die die ökonomischen Interessen des Roten Kreuzes erwähnt, aber leider nur streift.
http://www.falter.at/heureka/2013/04/blutverschwendung-in-osterreich/

Diese gegenläufigen Interessen in dem folgenden Artikel jedoch mehr als ahnen lässt:
http://www.falter.at/heureka/2013/04/boses-blut-unter-medizinern/

Und schließlich ein nettes Glossar zum Thema biete: http://www.falter.at/heureka/2013/04/blut-in-osterreich-das-glossar/

Was m.E. fehlt ist der ausdrückliche Hinweis darauf, dass die Eigenblutvorsorge vor geplanten „blutigen“ Operationen zwar dem Gesundheitssystem Geld spart, aber meist vom Patienten selbst bezahlt werden muss, was naturgemäß dessen Euphorie beeinträchtigt.

Etwas stärker hätte ich noch die ökonomische Seite der Sache herausgearbeitet, die dem Spender i.d.R. ein kleines Frühstück für seine Blutspende und das Wohlgefühl etwas Gutes getan zu haben gibt, sich aber am anderen Ende (siehe oben) ein weltweites Milliardenbusiness befindet, von dem der Marktführer Rotes Kreuz in Österreich 52 Millionen Euro Umsatz kontrolliert. Ohne dieser Querfinanzierung, wage ich nun mal zu behaupten, wäre auch andere Leistungen des RK kaum mehr denkbar.

Was ebenfalls nur zwischen den Zeilen steht, ist dass die Blutspender davon ausgehen, dass es die roten Zellen sind, mit denen sie Leben retten. Die Bilanzen der einschlägigen Pharmakonzerne interessieren sich aber mehr für den Saft dazwischen, die Einweißkörper im Plasma, mit denen sich gutes Geld verdienen läßt.

Written by medicus58

27. Mai 2013 at 07:17

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