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Political Correctness: der Jungfernspieß

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Aus einer Tripadviser Kritik über ein „gutbürgerliche Restaurant“ :

The Jungfernspiess which was pork medallions wrapped in bacon in mushroom sauce which was delicious.

So weit so gut.

Sitze grad in Bobotown, wo vor lauter politischer Korrektheit der öffentliche Raum von parkenden PKWs geräumt und mit Schanigärten zugerammelt wird und frage mich, ob dieses Gericht nicht gemeinsam mit den kürzlich noch angebotenen Mohren im Hemd (die Autokorrektur will mich hier zu Möhren zwingen) und schon längst gestrichenem Zigeunerschnitzel (wohlgemerkt ein Gericht der und nicht aus dieser Volksgruppe) irgendwen kränkt.

Eine Googelsuche bringt auf Wikipedia et al. keine etymologische Erklärung, außer eine Liste der Restaurants, in denen das Gericht auf der Karte steht.

Der Duden online kennt den Begriff auch nicht und lässt mich grübeln zurück:

Ist es korrekt ein Gericht anzubieten, dem per definitionem noch niemand beigewohnt hat?

Written by medicus58

26. Juni 2020 at 14:29

Warum Political Correctness so unpolitisch ist

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Nun ist schon wieder was passiert.
Ein Schwarzer glaubt im Nationalrat „sein Österreich verteidigen“ zu müssen und
erinnert eine Liste Pilz Abgeordnete daran, dass hier nicht Zustände wie in ihrem Geburtsland Bosnien herrschen.

Ex-Kanzler Kern twittert erbost,
die Betroffene bedankt sich artig

die Opposition verlangt geschlossen eine Entschuldigung, die wortreich verweigert wird, Geschnatter erhebt sich.

Bald wird uns wieder die damals unmissverständliche Aufforderung zum Oralverkehr im nicht ganz so „Hohen Haus“ ins Gedächtnis zurückgerufen werden.
Das alles ehe noch die Taskforce begonnen hat den „Fall Sigi Maurer und der PC eines Gastronomen“ aufzuarbeiten.

Natürlich sind diese und viele andere verbale Übergriffe völlig indiskutabel und die Urheber werden nicht zu Unrecht medial verurteilt, nur beschleicht mich da immer das Gefühl, dass es sich die aktuell Guten etwas zu leicht machen, um gut dazustehen und es auch den Bösen leicht gemacht wird sich zu solidarisieren. Losgelöst von allfälligen moralischen Überlegungen geht es nur um Klientelpflege, nicht um politische Inhalte.

Auch die Wähler der jeweiligen Gruppen fühlen sich gut dabei, oder glaubt denn jemand ernsthaft, dass ein überzeugter Rechtsnationaler plötzlich Grün wählt, nur weil der Falter wieder ein schmuddeliges Liederbuch zugespielt bekommen hat?

PC (=Der diskursive Reflexbogen oder PC = das Ende der Aufklärung) ist weniger ein Appell für einen fairen Umgang im politischen und privaten Umgang, er wurde zum Ersatz für eine politische Absicht, eine Richtung, den Willen für eine wirkliche Veränderung; zum Aufplustern über Nebenschauplätze.
Einen Shitstorm wirbel die Scheiße bloß hoch und verteilt sie. Los sind wir sie dadurch nicht.

Wenn das Ende der Tumulte in der Liste Pilz ein zutiefst feministischer Akt sein soll, dann vergeht sogar den Hühnern das Lachen.

Es ist natürlich viel einfacher und für das jeweilige politische Klientel scheinbar befriedigender sich auf „Binnen-Is“ und „Gruppencodes“ einzuschwören als sich als Opposition zu Themen wie dem Klimawandel, WohlfahrtsstaatSteuerleistung für Großkonzerne, Bedrohung der persönlichen Freiheit durch eigene und fremde Geheimdienste, Sozialstaat, Gesundheitsversorgung, …zu einigen, wenn man schon dann, als man an der Macht war diesbezüglich Ähnliches begonnen hat, was nun die Regierung fortsetzt.

Statt Mindestlohn verhandeln wir Formalismen,
die Berittene Polizei scheint schon wichtiger als die Razzia im BVT durch bewaffnete Polizisten,
wir vergessen auf unsere Pensionssicherung, wenn wir uns über ein paar Sündenböcke aufregen können.

Ich frage mich immer wieder, weshalb selbst diejenigen Gruppen in der Gesellschaft, denen ich mich ideologisch näher fühle als den Anhängern der tückisch-blauen Regierung,
sich mit derartigen Spiegelfechterei zufrieden geben und glauben, dass das was ihnen vorgesetzt wird ein sinnvoller politischer Prozess ist.

Das ist alles so reformwirksam wie ein Ave Maria in Mariazell, eine gleichgeschlechtliche Umarmung auf der Gay Parade oder der Wolfsgruß unter Grauen Wölfen.
Es verfestigt die Zusammengehörigkeit Gleichgesinnter auf beiden Seiten und bringt die Welt keinen Millimeter weiter.

Politik zwischen Onanie und Egomanie

Written by medicus58

13. Juni 2018 at 16:48

Tag der (Schuld-)Befreiung: Die Doppelbödigkeit politischer Korrektheit

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Allied_army_positions_on_10_May_1945

Ein allgemein anerkannter Test, um Ewig-Gestrige von Lupenreinen-Demokraten zu unterscheiden, ist die Frage, ob das Kriegsende 1945 als Befreiung gesehen wird oder nicht.

In der DDR war der Tag von 1950 bis 1966 und 1985 sogar ein gesetzlicher Feiertag, in der BRD nicht, und so wurde er es im wiedervereinigten Deutschland auch nicht mehr.
1985 haben aber Bundeskanzler Kohl und kurz danach Bundespräsident Weizsäcker den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnet und seither gilt dieses „wording“ als Ausweis lupenreiner demokratischer Gesinnung im gehobenen politischen Dialog.

Österreich freute sich jahrzehntelang seines in der Moskauer Deklaration verbrieften Opferstatus.
Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll. (http://de.wikipedia.org/wiki/Moskauer_Deklaration)

Heute hat die ehemalige Ostmark die, ursprünglich nur am Wirtshaustisch geäußerten Vorbehalte gegen eine Befreiung (Vergewaltigungen, Verschleppungen, Plünderungen, Reparationszahlungen, ….) historisch sublimiert (http://orf.at/stories/2275815/2275813/).

Zeithistoriker (sic ORF.at) Oliver Rathkolb:
Viele Österreicher (haben) das historische Geschehen in der ersten Zeit nach dem Krieg als zwiespältig empfunden. „Sie waren froh, dass der schreckliche Krieg und die unmenschliche Nazi-Herrschaft zu Ende war. Der Aspekt der Befreiung wurde mit der Dauer der Besetzung des Landes durch die Siegermächte aber immer schwächer und schwächer und machte einer zunehmenden Enttäuschung über die bestehenden Verhältnisse Platz“.

Mit der uns Österreichern eigenen Unschärfe sprachen wir vom Tag der Befreiung erst, „als der letzte Soldat Österreich verlassen hat„.
(Vergleiche: http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalfeiertag_%28%C3%96sterreich%29)

Seit 2013, als Gegenveranstaltung zum „Totengedenkender Burschenschafter, kanonisiert das politisch korrekte Österreich die Ereignisse in einem Fest der Freude (http://wien.orf.at/news/stories/2709523/) und verströmt das,
wofür wir Österreicher doch in aller Welt bekannt sind: Sound of Music.

Mir erschließt sich aber nicht ganz, weshalb denn das nun alles so politisch korrekt sein soll, denn gerade das Mäntelchen der Befreiung umhüllt bequem jegliche Mitschuld an der Machtübernahme eines Regimes, das zumindest 1933 in freier und geheimer Wahl gewählt wurde und dem folgenden Angriffskrieg.

Erinnern wir uns doch kurz an die Definition des kleinen Herrn aus Königsberg, was ihm zum Thema Befreiung und individuelle Schuld so eingefallen ist:

Aufklärung ist der Ausgang (Befreiung) des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. 

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Der 8.Mai 1945 war und ist m.E. in erster Linie der Tag,
an dem eine weltanschaulich und ökonomisch heterogene Allianz
aus z.T. divergierenden Beweggründen
das (sogenannte) III. Reich und seine Verbündeten unter eigenen Opfern und
durch einen Verteidigungskrieg der gezwungenermaßen bis vor die Türe von Hitlers Bunker in Berlin geführt werden musste,
zu einer bedingungslosen Kapitulation eines grundlos begonnenen Angriffskrieges gezwungen hat.

Wenn wir hier ausschließlich von Befreiung sprechen, verstecken wir uns hinter einer (scheinbar schuldbefreienden) Unmündigkeit, die einer entwickelten, europäischen westlichen Gesellschaft im 20. Jahrhundert schwer zugestanden werden kann.

Wenn wir die Freude in den Vordergrund stellen, werden wir zurecht von Historikern eines besseren belehrt (Es gab kein Happy End, es gab nicht einmal ein „Ende“ im klassischen Sinne. http://www.falter.at/falter/2015/04/28/der-jubel-kam-zu-frueh/).

Es kann nicht die höchste Ausformung politischer Korrektheit sein, sich darüber zu freuen, das unsere Gesellschaft von einem Deus ex machina aus temporäre Umnachtung befreit wurde, weil wir uns so um die für uns heute wesentliche Frage herumschwindeln, weshalb es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich dieses Regime hier etablieren konnte.

Wenn das Gedenken das Denken ablöst, werden wir die Geschichte wiederholen.

Bildnachweis: „Allied army positions on 10 May 1945“ von User:W. B. Wilson – http://en.wikipedia.org/wiki/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png#/media/File:Allied_army_positions_on_10_May_1945.png

Der diskursive Reflexbogen oder PC = das Ende der Aufklärung

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Als Reflexbogen (http://de.wikipedia.org/wiki/Reflexbogen_%28Physiologie%29)  wird die kürzeste Verbindung zwischen Reiz aufnehmender und die Antwort steuernder  Nervenzelle bezeichnet. Typischerweise werden hier – um Zeit zu sparen – die Nervenzellen der Großhirnrinde gar nicht einbezogen.

Als politische Korrektheit (PC; http://de.wikipedia.org/wiki/Political_correctness) hat sich – ausgehend von den USA – eine Haltung auch zu uns verbreitet, die bestimmte Begriffe tabuisiert und durch scheinbar „neutrale“ zu ersetzen sucht.

Dagegen ließe sich erstens einwenden, dass dadurch die Ungerechtigkeiten nicht aus unserer Welt geschafft wurden, sondern nur deren Benennung, zweitens, dass uns schon Freud vor der Ausbreitungstendenz von Tabus gewarnt hat (früher: „Krüppel“ , dann: „Behinderter“, heute: „Personen mit besonderen Bedürfnissen“; morgen: ??) und drittens, dass dieser „Neusprech“ durchaus nicht neutral sein muss, sondern ebenso missbräuchlich verwendet werden kann (G. Orwell 1984).

Der Zusammenhang mit der „physiologischen Einleitung“ ist einfach: Hat man sein „korrektes Vokabular“ drauf, dann kann man pfeilschnell Zensuren verteilen, ohne sich durch den Gebrauch seiner Großhirnrinde verunsichern zu lassen. Eine „philosophische Kritik“ dieses Phänomens stammt von Rudolf Burger( „Wiener Zeitung“ vom 2. Juni 2007): „Es ist erstaunlich, in welchem Maße politische Korrektheit als gesellschaftliche Selbstzensur um sich greift. Man kann vieles an der heutigen kulturellen und diskursiven Entwicklung nur verstehen, wenn man nach Amerika schaut. Um Europa zu verstehen, muss man Amerikanist werden, hat Sloterdijk einmal sehr richtig gesagt. Die Political Correctness ist ein Produkt des amerikanischen Diskurses, im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung, mit der Affirmative-Action-Bewegung und dem amerikanischen Feminismus entstanden, der über sprachlichen Puritanismus versucht hat, gravierende Klüfte in der amerikanischen Gesellschaft abzubauen.  …. Wir erleben heute eine zunehmende Mikronormierung und Pädagogisierung des Alltags bis in die Sprache hinein. Das kann beängstigend sein. …. Das Beunruhigende ist, dass etwas Entscheidendes der europäischen Aufklärung damit zurückgenommen wird. Das wissenschaftliche, moderne Denken zeichnet sich vor dem vormodernen, theologisch imprägnierten u.a. dadurch aus, dass es in sich selber nicht häresiefähig ist. Einer, der eine abweichende Position hat, wird nicht als moralisch verwerflich gesehen. In der Physik gibt es immer noch Spinner, die glauben, die Relativitätstheorie ist falsch. Aber entweder argumentiert man gegen sie, oder man lässt sie links liegen. Nie werden sie als Häretiker, als Ketzer, als moralisch verwerfliche Individuen angesehen. Diese Errungenschaft wird jetzt zurückgenommen. Abweichende sind jetzt moralisch schlechte Menschen. Das gilt in der Geschichtspolitik, aber auch selbst in den Naturwissenschaften, in der Klimaforschung, der Meteorologie.“
Im Schutz eines Tabus lebt es sich bequem, die Kritiker müssen schweigen (http://www.zeit.de/2010/16/Sprache-Tabu/seite-1).
Wer glaubt, dass er mit dem

„Binnen-I“ für die geschlechtsübergreifenden Zungenbrecher, dem „N-Wort“ für die dunkle Schokolade mit Nüssen, dem „M-Wort“ mit dem dunklen Gugelhupf mit Schlagobersgupf, und dem „Z-Wort“ für den aus dem heutigen Indien stammenden Volksgruppen
schon alle Fallgruben erkannt hat, dem kann frau/man noch folgende Lektüre empfehlen: http://de.uncyclopedia.org/wiki/Political_correctness  http://relevant.at/meinung/64625/kleines-woerterbuch-political-correctness.story http://derstandard.at/3070872/Von-Negerkuessen-und-Mohrenkoepfen http://www.textfeld.ac.at/text/1251
Derartig auf munitioniert, korrekt gegendert und korrekt bis zum geht nicht mehr, lade ich Sie dann auf eine Reise nach Kapstadt ein und beobachte Sie dann prustend, wie sie die dortigen Personengruppen korrekt ansprechen …

Link: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=54758

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