Sprechstunde

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Wer verdient denn an Ihrer Gesundheit?

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In unserem System sind die Ausgaben für das Gesundheitssystem u.a. in den sogenannten Lohnnebenkosten (Voll daneben: Lohnnebenkosten) und durch durch Direktfinanzierung aus dem Steuertopf abgedeckt. Diese Kosten steigen schneller als die Inflationsrate (Warum die Kosten der Medizin immer der Inflationsrate vorauslaufen werden ) was dazu führt, dass seit Jahren nach dem Sparstift gerufen wird, der wie im Rest der sogenannten freien Wirtschaft naturgemäß beim Personal angesetzt wird.

Big Data, wenn es nach den Feuchträumen von Google, IBM & Co ersetzt die teure medizinische Expertise, Roboter ersetzten die teure Pflege und zahllose Gesundheitsapps den Hausarzt.

Sehen wir einmal von den Diplomkrankenschwestern ab, die das Krankenbett verlassen haben und sich ihren Lebensunterhalt durch die Vermittlung slowakischer Pflegerinnen ihren Unterhalt verdienen und sehen wir von der ärztlichen Kollegenschaft ab, deren Hauptsorge der Enge ihres Carports gilt, das den dritten SUV nicht mehr aufnehmen kann, wenn man sich nicht schweren Herzens von seinem Kabrio trennen möchte, dann schwimmt die Mehrheit der in der Medizin tätigen Personen nicht gerade mehr im Geld als in vergleichbaren Professionen.

Interessanter wird es aber, wenn man sich mit den Industriezweigen näher befasst, die ihr Geld, bzw. das ihrer Aktionäre, im Gesundheitsbereich verdienen.
Ein gerade in Wien in fast familiären Naheverhältnis zur Politik stehender Konzern wie Siemens, dessen Medizintechniksparte bei einem Umsatz von 13,8 Milliarden Euro auf einen Wert von 40 Milliarden geschätzt wird. Man machte knapp 2,5 Milliarden Euro Gewinn. Die Rendite betrug somit für das Geschäftsjahr 2017 18,1%.
Vergleichen Sie das übrigens mit dem Zinssatz ihrer Anlagen.
GE Healthcare einer der stärksten Mitbewerber ist im Medizinbereich noch breiter aufgestellt und hat sich (2016) bei einem Umsatz von 18,3 Milliarden US$ über einen einen Gewinn von 3,2 Milliarden gefreut, was eine befriedigende Rendite von 17,8% ergibt.

Schaut man zur Pharma findet man ein ähnliches Bild, wobei die Bayer AG hier etwas herausfällt. Diese hat bei einem Umsatz von 46,8 Milliarden € nur einen operativen Gewinn von 7 Milliarden erwirtschaftet, was vergleichsweise schwache 8,5% bedeutet. Wir werden uns in den nächsten Tagen etwas genauer mit einem der größeren Flops der Firma beschäftigen ….
Das Handelsblatt  hat kürzlich die Top 30 der Pharmabranche analysiert, die insgesamt einen Umsatz von 600 Milliarden US$ hinlegten  und sich über eine operative Durchschnittsrendite von 22% jubelten.

Aber auch in den Bereichen, an die der Laie gar nicht in erster Linie denkt, dass sie am Kuchen Gesundheitswesen knabbern, die IT Branche. Health Information technology wird allein in den USA (2017) auf 22,6 Milliarden US$ geschätzt und ihm wird eine jährliches Wachstum um 4,7% vorausgesagt. Hier tummeln sich aber neben den ganz Großen wie IBM auch zahllose kleine Firmen mit vermutlich sehr unterschiedlicher Performance, so dass es schwer ist eine halbwegs verlässliche Aussage für die erzielten Gewinne zu eruieren.

 

Vergleichen wir das mit den Renditen der meisten anderen Industriezweige sehen wird, dass die im Gesundheitssektor tätigen Firmen überproportionale Gewinne machen. Das sollten wir immer bedenken, wenn die im Gesundheitswesen Tätigen als der einzige Kostenfaktor gesehen werden. Von uns hat niemand Gehaltserhöhungen im zweistelligen Prozentbereich!

Written by medicus58

10. Dezember 2017 at 15:28

Huch, Menschenversuche an Ossis …

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Welt

Der nächste Skandal: Der aktuelle Spiegel berichtet, dass westliche Pharmakonzerne in mehr als 50 DDR-Kliniken über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben hat (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html) und schließt mit der Bemerkung, dass der Verband Forschender Arzneimittelhersteller „bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre“ sieht.
Eine Skandalüberschrift „West-Pharmafirmen betrieben Menschenversuche in der DDR“, nur leider 24 Jahre zu spät.

Irgendwie kotzt mich (siehe http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=92622) unsere nachhinkende Aufarbeitung der Vergangenheit zunehmend an, weil sie sich mutig gibt ohne es zu sein.

Wo werden denn heute die gesetzlich vorgeschriebenen Versuchsreihen durchgeführt?

Indien: Kinder als Versuchskaninchen :Tragödie in einer bekannten indischen Klinik: Bei medizinischen Testreihen sind 49 Babys ums Leben gekommen. Die Auftraggeber waren westliche Pharmafirmen. http://www.sueddeutsche.de/panorama/indischer-pharma-skandal-kinder-als-versuchskaninchen-1.704679

Nigeria: Pfizer wegen Versuchen an Kindern verklagt: Das afrikanische Land Nigeria fordert sieben Milliarden Dollar Schadenersatz: Der weltgrößte Pharmakonzern soll Mitte der 90er-Jahre ein nicht zugelassenes Medikament an Kindern getestet haben – von denen mehrere starben. http://www.welt.de/wirtschaft/article921876/Pfizer-wegen-Versuchen-an-Kindern-verklagt.html

Provoziert der Ruf nach immer mehr „Forschung“ an immer mehr Subgruppen (Kinder, Jugendliche, Senioren, Männer, Frauen, …) nicht gerade die Fülle an Studien, für die sich kaum genügend Probanden finden lassen?

Ist es nicht nur natürlich, dass börsennotierte Unternehmen diese Studien in den Niedrigpreis-Regionen der Welt durchführen, um die dadurch evidenzbasierten Produkte in den Hochpreis-Regionen absetzen zu dürfen?

Wäre es nicht auch ergiebiger, die Verbindung zu einem anderen uns gerade schockierenden Skandal herzustellen: Fabrikeinsturz in Bangladesch: Zahl der Toten steigt auf über 1000 http://www.spiegel.de/panorama/fabrikeinsturz-in-bangladesch-zahl-der-toten-steigt-auf-ueber-1000-a-899008.html

Im Gegensatz zum Nobelpreisträger Mohammed Yunus sehen wir hier nicht das „Scheitern einer Nation“ sondern die Entlarvung unserer Illusion einer schrankenlosen Globalisierung, die in Wahrheit nur überleben kann, solange sie ihre Kosten in die Zweite und Dritte Welt auslagert, in der andere Gesetze gelten. Damit entspricht sie der neoliberalen Illusion, dass Konkurrenz nicht zum Monopolismus führt. Letztendlich sind diese scheinbaren Erungenschaften des letzten Jahrhunderts nichts anderes als der Kolonialismus früherer Jahrhunderte in neuem Gewand, nur eben um einen Deut weiterentwickelt: Die Gewinne werden weder in der Ersten noch Zweiten noch Dritten Welt versteuert sondern praktischerweise offshore.

Schließlich läuft eben alles wieder auf’s Geld hinaus. Wenn nach immer mehr Forschung geschrien wird, sollte auch bedacht werden, dass wir uns auch diesen Aspekt unseres gesellschaftlichen Lebens nur mehr leisten können, wenn wir nicht so genau schauen, wie er erbracht wird. Das wird auch ein „Fair-Trade-Zeichen“ für die wissenschaftliche Forschung nicht ändern, sollte das einmal kommen. Auch auf dem Billig-T-Shirt der großen Modeketten, die in Bangladesh nähen lassen, prangen diverse derartiger „Zertifikate“.

Warum setzt man meinem Gewinnstreben Grenzen und lässt die Pharma machen was sie will?

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Dass das primäre Ziel von Pharmafirmen der finanzielle Gewinn und nicht unser aller Gesundheit ist,
hat so wenig Neuigkeitswert wie die Erkenntnis, dass sich Fastfood Ketten nicht dem Kampf gegen den Hunger in der Welt verschrieben haben.
Auch dass Wissen, dass es sich bei Entwicklung und Vermarktung von Pharmaka um ein Milliardengeschäft mit großen Chancen aber auch – sollten nach Jahren schwere Nebenwirkungen nachgewiesen werden – nicht unbedenklichen finanziellen Risken handelt, darf vorausgesetzt werden.

Neue Einsichten in diesem Spiel verdanken wir nun der 1982 in Boston (USA) gegründeten Firma Genzyme (http://www.genzyme.com/),
die 2011 von Sanofi (http://en.sanofi.com/) aufgekauft wurde.

Genzyme ist eine typische Biotech-Firma,
die ihren Schwerpunkt auf die Entwicklung von biologisch produzierten Proteinen (u.a. Immunglobuline) setzt. Im Gegensatz zu den klassischen Medikamenten (z.B.: Azetylsalezylsäure wie in Aspirin®), bei denen es sich um chemisch einfachere „Chemikalien“ handelt, hat das Risiko von biologisch wirksamen Verunreinigungen während des Herstellungsprozesses von proteinbasierten Wirkstoffen (Viren) früher die „großen“ Pharmakonzerne eher abgeschreckt und sie haben die Entwicklung den kleinen start-ups überlassen. Schließlich ist es im Falle von drohenden Haftungen billiger ein kleines Unternehmen in Konkurs gehen zu lassen, als einen „Pharmariesen“ von der Bildfläche verschwinden zu lassen.
Diese kleinen Firmen agieren naturgemäß immer sehr aggressiv am Markt, da ihre Geldgeber eine entsprechende Rendite erwarten, wenn ein Produkt einmal die Marktreife erreicht hat, da ihnen der „lange Atem“ eines Großkonzerns fehlt.
Genzyme, als es noch eigenständig war und nur Nischenprodukte für seltene Stoffwechselerkrankungen bzw. ein Produkt für die Diagnostik des differenzierten Schilddrüsenkarzinoms auf dem Markt hatte, agierte ebenfalls in diesem Sinne. Da vor dem Verkauf an Sanofi nichts mehr in die Produktion investiert wurde, mussten unzählige Patientengespräche geführt werden, um zu erklären, weshalb Thyrogen® wegen technischer Probleme monatelang nicht mehr lieferbar war, für das noch massiv die Werbetrommel gerührt und die „Selbsthilfegruppen“ für Schilddrüsenkarzinompatienten instrumentalisiert wurden.
Doch auch unter dem Schutzmantel des großen Sanofi-Konzerns agiert man weiterhin ausschließlich nach kommerziellen Überlegungen.
Da man sich für seinen Antikörper Alemtuzumab (Mabcampath®), den man übrigens 2009 von Bayer gekauft hat und der ursprünglich für die Therapie einer auf die Standardtherapie nicht mehr ansprechenden chronisch lymphatischen Leukämie (B-CLL) zugelassen war, einen höheren Gewinn verspricht, wenn er sich bei an Multipler Sklerose (MS) erkrankten Patienten bewährt, hat die Firma bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA auf die erste Indikation verzichtet und will die beschränkten Ressourcen des Wirkstoffes ausschließlich auf die neue Indikation (unter der neuen Produktbezeichnung Lemtrada) konzentrieren.
Für die Uneingeweihten:
Medikamente haben einen Stoffnamen, der die Wirksubstanz charakterisiert und oft verschiedene Produktnamen unter denen der Stoff dann verkauft wird
Bei biologischen Wirkstoffen ist es im Gegensatz zu den klassischen Pharmaka nicht so einfach die Produktionsmengen der Substanzen zu erhöhen.
Neben der nicht beliebig steigerbaren Produktion des Wirkstoffes gibt es auch noch ein anderer viel banaleren Grund für Genzyme, die bisherige Indikation aufzugeben: Für eine Therapie der Multiplen Sklerose genügen im Vergleich zur Leukämietherapie so geringe Substanzmengen, dass man bei proportionaler Preisgestaltung in der neuen Indikation viel billiger als die Konkurrenz (Biogen Idec: Tysabri (natalizumab), Novartis: Gilenya (fingolimod)) wäre, d.h. sich eines möglichen Gewinns begeben würde, was die Aktionäre kaum freuen würde!
Zwar hätte man zwei verschiedene Produktnamen (Campath für die Leukämietherapie und Lemtrada für die Therapie der Multiplen Sklerose), jedoch handelt es sich um die gleiche Wirksubstanz und bei unterschiedlichen Preisen pro Substanzmenge wäre zu erwarten, dass die MS Patienten einfach mit Campath statt mit Lemtrada behandelt würden, so dass man dem einen Riegel vorschieben will.
Ähnliches hat es auch schon bei Medikamenten für eine andere „Volkserkrankung“, der Makuladegeneration, gegeben, so dass wir uns langsam gewöhnen müssen, dass „der Markt“ nicht nur über unsere Arbeitsplätze, Bankkonten, Pensionskassen, …etc. entscheidet, sondern eben auch über unsere Lebenserwartung bestimmt.

Wehleidigkeit ist da vielleicht weniger angebracht, wenn man sich einmal vor Augen führt, dass man mit dem Geld das reiche Gesellschaften wie die unsere für eine paar Monate Lebensverlängerung investieren, am anderen Ende dieser Welt ganze Landstriche vor dem Tod durch Unterernährung, Malaria, Lepra oder Tuberkulose (um nur einige billig behandelbare Todesursachen zu nennen) zu bewahren könnte.

Natürlich ist diese Gegenrechnung ebenso krank, wie das aufgezeigte Verhalten der Pharmaindustrie, nur kommt noch ein wesentlicher Aspekt dazu:
Während unsere Gesellschaften maßgeblich an der globalen Verbreitung eines ausschließlich auf Gewinnmaximierung basierenden Wirtschaftssystems beteiligt waren und dadurch auch einige persönliche Vorteile ziehen konnten, hattn andere Gesellschaften in diesem Spiel nichts mitzureden und auch bis heute keine Vorteile gehabt.

Wir könnten derartige Exzesse, wie das rücksichtslose Jonglieren mit der Zugänglichkeit zur medizinischen Versorgung, einmal zur Überlegung benützen, ob es wirklich unserer Weisheit letzter Schluß ist, alle unsere Lebensbereiche dem systemimmanenten Zwang zur Gewinnmaximierung auszuliefern, oder ob es nicht Sinn machen würde Regeln aufzustellen, die zwar Anreize belassen in das Gesundheitssystem zu investieren, den entnehmbaren Gewinne aber Grenzen setzen.
Bei ärztlichem Einkommen
(Deckelungen, Progression, Dienstrecht, …)
hat sich das „die Gesellschaft“ ja auch getraut, weshalb traut sie sich das nicht gegenüber Multinationalen Konzernen (oder Banken)?

Links:
http://relevant.at/wirtschaft/pr/701593/wirksames-leukaemie-medikament-kommerziellen-gruenden-vom-markt-genommen.story
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/lymphome/article/819675/strategischen-gruenden-leukaemie-arznei-markt-genommen.html
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/preistreiberei-der-pharmabranche-wie-man-ein-medikament-drastisch-verteuert-1.1444186
http://www.pmlive.com/pharma_news/sanofi_campath_alemtuzumab_eu_us_cancer_ms_419320
http://www.pharmatimes.com/Article/12-08-21/Sanofi_withdraws_Campath_in_US_and_EU.aspx

Written by medicus58

27. August 2012 at 17:23

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