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Das Image der Ärzte: Was haben wir falsch gemacht?

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Ihr Arzt der Arsch

„Ärzte: Unser Image ist im Arsch, soviel scheint sicher“  tippte ich hier vor über zwei Jahren (http://wp.me/p1kfuX-yq).

Seither hat sich wenig geändert. Als die angestellten Ärzte in den letzten Monaten gegen Arbeitsverdichtungen und Einkommensverluste protestierten, nachdem sich auch die österreichische Politik in letzter Minute dazu entschlossen hat die EU Arbeitszeitregelungen nachzuvollziehen, ohne jedoch entsprechende Begleitmaßnahmen einzuleiten, brandete ihnen der blanke Hass der Gesundheitspolitik entgegen:

Landeshauptmann Pühringer (OÖ) „Ich werde euch in die Pfanne hauen, dass das Fett nur so spritzt.“ http://www.nachrichten.at/nachrichten/fotogalerien/cme172068,1201642

Gesundheitsstadrätin Wehsely (W): „Da wird das allgemeine gesundheitspolitische Waterloo ausgerufen. Da werden verschiedene Kammerinteressen bedient, aber gleichzeitig auch die Patienten verunsichert“ Nachsatz: „Hauptsache, es gibt Aufruhr.“ Weiters kritisiert sie, dass die Standesvertretung immer wieder versuche, Reformen zu verhindern. Die Ärztekammer sei ein „instabiler Partner“

Eine Phalanx aus Ex-Gewerkschaftsgrößen wie Hundstorfer und Oberhauser, ExHauptverbandschef Schelling, die Krankenkassengrößen  McDonald und Reischl und die Gesundheitspolitiker Pühringer (OÖ), Wehsely (W) und Rezar (B) versucht den Ärztekammerpräsidenten Wechselberger unter Druck zu setzen:

Die gegenwärtigen Aussagen von einigen Vertreterinnen und Vertretern der Ärzteschaft rund um die aktuellen Auseinandersetzungen zu Arbeitsbedingungen von Spitalsärztinnen und Spitalsärzten, zu drohenden Leistungseinschränkungen und Versorgungsengpässen tragen dazu bei, den Menschen das Gefühl zu geben, dass dieses sehr gute Gesundheitssystem in Gefahr sei. …
Als Verantwortungsträger in der östereichischen Gesundheitspoltiik weisen wir Verhaltensweisen, die geeignet sind, das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in das Gesundheitssystem zu schwächen und den eingeschlagenen Reformkurs entschieden zurück!
http://diepresse.com/files/Brief_Wechselberger.pdf

 

Anders klingt es, wenn unmittelbar danach die Pflegevertreter, deren Arbeitszeiten sich übrigens nicht geändert haben, eine Lohnerhöhung verlangen, weil sie nun diejenigen Tätigkeiten übernehmen müssen, die international stets von der Pflege erledigt wurden und nur in Österreich aber bisher an Turnusärzte ausgelagert wurden:

Tiroler Pflegern platzt der Kragen http://www.tt.com/politik/landespolitik/9854766-91/tiroler-pflegern-platzt-der-kragen.csp

Prompt bringt Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (T) der ausgezeichneten Arbeitsleistung des Pflege- und Gesundheitspersonals an den Tiroler Spitälern eine hohe Wertschätzung entgegen. „Die Forderung der Pflegerinnen und Pfleger sowie des Gesundheitspersonals der Landes- und Bezirkskrankenhäuser nach einer besseren Entlohnung nehme ich sehr ernst„. https://www.tirol.gv.at/meldungen/meldung/artikel/ohne-pflege-und-gesundheitspersonal-keine-medizin/

AKh-Betriebsratschef fordert 20 Prozent plus für Pflegepersonal http://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/landespolitik/AKh-Betriebsratschef-fordert-20-Prozent-plus-fuer-Pflegepersonal;art383,1623133
und in Oberösterreich starten die Verhandlungen mit den Pflegekräften über höhere Gehälter. Es geht um knapp 24.000 Beschäftigte und ein Gehaltsvolumen in der Größenordnung von 900 Millionen Euro. Ein gänzlich neues Gehaltsschema soll für das Pflegepersonal in Kärnten ausgearbeitet werden. Die Eckpfeiler sollen bis Herbst stehen. In Kärnten hat das allerdings weniger mit Arbeitszeitproblemen zu tun als vielmehr mit den zusätzlichen Aufgaben, die die Pflegekräfte in den letzten Jahren übernommen haben. 
http://www.vienna.at/nach-den-spitalsaerzten-fordern-auch-die-pflegekraefte-mehr-geld/4263377

 

Nur die Älteren werden sich noch an den „Pflegeskandal Lainz“ erinnern, der sich fast auf den Tag genau, vor fünfundzwanzig Jahren aufgeflogen ist:

„Wer mich ärgert, bekommt ein Gratisbett beim lieben Gott“
http://www.spiegel.de/einestages/oesterreichs-groesster-pflegeskandal-die-todesengel-von-lainz-a-962376.html

Drei Hilfsschwestern haben Dutzende Pfleglinge ermordet.

Entdeckt wurde das Verbrechen nur durch die Aufmerksamkeit von Primarius Pesendorfer und seine Ärzte: Gerade Pesendorfer habe ihn, Stacher, „auf einen mehr oder weniger vagen Verdacht“ angerufen, worauf dann die Polizei eingeschaltet worden sei. (http://www.news.at/a/20-jahre-pflegeskandal-lainz-so-42-patienten-274581)

Gedankt hat ihm die Wiener Politik nicht, ganz im Gegenteil: Für den „Jahrhundertskandal“ im Allgemeinen Krankenhaus in Wien-Lainz hat Bürgermeister Helmuth Zilk den nach seiner Auffassung Verantwortlichen benannt. Es ist der Chefarzt der I. Medizinischen Abteilung, Franz Xaver Pesendorfer. (http://www.zeit.de/1989/29/nie-geplaudert)

Primarius Pesendorfer wurde umgehend suspendiert und erst durch die Disziplinarkommission und den Verwaltungsgerichtshof rehabilitiert. Danach verließ er die Dienste der Stadt Wien.

Für die Pflege änderte sich vorerst einiges zum Positiven:
Die Pflegehelfer-Ausbildung wurde als Mindestanforderung im stationären Bereich verlangt und die Zahl der Ausbildungsstunden auf 1600 verzehnfacht.
Der diplomierten Pflege wurden Abteilungshelferinnen zur Seite gestellt, um sie für medizinisch höherwertige Tätigkeiten als Bettenmachen und Nachtkästchen reinigen frei zu spielen.
Und wenn mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, gab es auch eine Gehaltsreform
Dann wurde das Krankenhaus in „Hietzing“ und das Pflegeheim richtig idyllisch in „Geriatriezentrum am Wienerwald“ umbenannt, damit sich die Beschäftigten wieder mit dem Haus identifizieren können.

Und wie passt das zusammen?

Für Missstände im Gesundheitssystem wird von der Politik die Verantwortung immer den Ärzten umgehängt, während man deren Einflussmöglichkeiten auf die spitalsinternen Abläufe immer stärker beschneidet:
Weg mit den Primarii! http://wp.me/p1kfuX-HX
Der Eier-legende-Woll-Milch-Primarius http://wp.me/p1kfuX-AC
Master-Betriebsorganisation im KAV: Da fährt die Eisenbahn drüber http://wp.me/p1kfuX-NS

 

Natürlich liegt die Lösung nun nicht darin, in die Fußstapfen der „Lainzerinnen“ zu treten, denn letztendlich wurde auch der Pflege die zugestandenen „Erleichterungen“ wieder aberkannt:

2010 verordnete der KAV einen Aufnahmestopp für die 1690 Abteilungshelferinnen, die nach dem Lainzer Skandal eingeführt wurden: http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20101203_OTS0059/aufnahmestopp-fuer-1690-dienstposten-im-alleingang-verordnet

Die wirkliche Lösung wäre ein Schulterschluss zwischen Ärzten und Pflege und (das wär nun wirklich eine Sensation) ein Schulterschluss zwischen ärztlicher und Pflegedirektion innerhalb der Kollegialen Führungen, um die seit Jahrzehnten gepflogene Politik des gegenseitigen Ausspielens zu unterlaufen.

Natürlich benötigen die angestellten Ärzte dringend auch eine schlagkräftige Gewerkschaft, denn die oben angeführten Beispiele zeigen eindeutig, dass die gewerkschaftliche Vertretung der Pflege einen offenkundig stärkeren Einfluss auf die Gesundheitspolitiker hat als die Ärztekammer. Natürlich werden wir die größere Anzahl an mobilisierbaren Wählerstimmen in der Pflege numerisch nie ausgleichen können, jedoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Pflege erkennt, dass sie bei aller „Wertschätzung“ und „akademischen Aufwertung“ am Ende des Tages wenig Konkretes und nur leere politische Versprechen erhält.

Written by medicus58

8. April 2015 at 20:16

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