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Pflichtversicherte seid ihr wirklich so dumm?

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Ein Hausmeister für die Steiermark

Im Juli 2012 (!) wurde hier schon über die Aktivitäten von Ebner-Hohenauer Consult (Dr. Ebner – Die „objektive“ Krake im Gesundheitssystem http://wp.me/p1kfuX-xw) in der Steiermark im „Downsizing der stationären Gesundheitsversorgung“ berichtet (Es tut sich was, nur was? Spitäler im Um- und Abbau http://wp.me/p1kfuX-lV). Das Bild sollte das angestrebte Konzepts des einen Hausmeisters für die ganze Steiermark illustrieren.

Durch die Brachialaktionen der Wiener Gesundheitsstadträtin Wehsely (Wien 2015: Wählen wir eigentlich Wehsely? http://wp.me/p1kfuX-121) sind die Entwicklungen in den anderen Bundesländern fast aus den Medien.

Nun erinnert uns die Kleine Zeitung wieder daran, dass auch in der Steiermark die
Anzahl der Spitäler drastisch, von 15 auf 7 (10) reduziert wird (mag zum Teil schon berechtigt sein),
den Leuten vorgegaukelt wird, dass eine gleichwertige Erstversorgung in bis zu 90 (!) Versorgungszentren erfolgen kann, obwohl österreichweit seit Jahren sich kaum jemand findet, der dort arbeiten will,
und das alles bis 2035!
http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/4938901/Gesundheitsreform-bis-2035_Warum-maximal-zehn-Spitaeler-ubrig-bleiben?from=suche.intern.portal

Es ist bei den Beteiligten absehbar, dass es sich bei den 7 angepeilten Schwerpunkt-Krankenhäusern letztendlich auch nicht mehr um eine Vollversorgung handeln wird sondern diese weiter nach den aus Wien bekannten Konzepten der einschlägigen Berater zu Potemkinschen Spitälern ausgehöhlt werden (http://wp.me/p1kfuX-n8).
Auffällig nur das Schweigen der Betroffenen, der Pflichtversicherten und Steuerzahler, deren medizinische Versorgung, unter Steigerung der Pflichtbeiträge, schrittweise auf eine „Grundversorgung“ kannibalisiert wird. Irgendwie erinnert das alles an den hochverehrten Kurt Tucholsky und seine Frage an das Publikum:

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?

Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser

http://www.yolanthe.de/lyrik/tucho02.htm

Written by medicus58

4. März 2016 at 17:16

Happig, diese Hapos, net?

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Apotheke

Jeder Teen, was sage ich, jedes Kindergartenkind weiß, dass man erst dazu gehört, wenn man die Codes des Milieus versteht.
Nicht anders ist es im Gesundheitswesen. ÖSG, PHC, ELGA haben wir hier schon so oft im Text erwähnt, dass es gleichsam „Kredite nach Athen tragen“ bedeuten würde, sich mit ihrer Verwendung noch als Insider outen zu wollen.

Wer aber weiß, was eine Hapo ist, der möge sich gleich zum Ärztekammerpräsident wählen lassen.

ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger fordere eine Regelung, die den Bestand der Hapos sichert.

Bei der Existenzgrundlage vieler ärztlichen Praxen in Randlagen, die unser Präsident hier sichern möchte, handelt es sich um die Hausapotheke,
also das Recht der praktischen Ärzte verordnete Medikamente auch gleich selbst ausgeben zu dürfen, wenn sich in der näheren Umgebung keine Apotheke befindet.
(Das Gute kommt aus der Apotheke ….  http://wp.me/p1kfuX-MA )

So problematisch dieses Prinzip natürlich ist, wer wird bei einer banalen Erkältung neben Tee und Wärmeflasche nicht auch noch etwas Schleimlösendes rezeptieren, wenn das das Einkommen positiv beeinflusst, so komplex wird es z.B. in Schwadorf (NÖ), wo sich die neue Apothekerin weigert, einen Antrag auf Schließung der Hapo der dort ansässigen Allgemeinmedizinerin zu stellen, weil ohne Arzt in ihrer Umgebung auch ein Teil ihrer Einnahmen wegfallen würde.

Der Kurier berichtet (http://kurier.at/chronik/niederoesterreich/pharmazeutin-will-dass-die-hausapotheke-erhalten-bleibt/172.023.192) in diesem Artikel aber über eine vergleichbare Situation in Altlengbach, wo durch die baldige Eröffnung einer Apotheke und den konsekutiven Wegfall der Hapo befürchtet wird, dass sich niemand mehr für den einzige Hausarztposten bewerben wird.

Eine Frage möchte ich aber noch an das Milieu stellen:

Wieso kann eine Apotheke in einem Einzugsgebiet eines einzigen Hausarztes offenbar ökonomisch überleben, wenn es für den Arzt nicht reicht?

Da es hier keine Preise zu gewinnen gibt, darf ich meine Antwort gleich dazu geben:
Ganz offenkundig verdient die Apotheke mit den nicht rezeptierten Waren, die sie trotz Gebietsschutz selbstverständlich zusätzlich anbieten und verkaufen darf, genug, um von früh bis spät offen zu haben. Der Kassenvertragsarzt ist viel stärker (und m.E. zu Recht) in seinem Angebot eingeschränkt und die refundierten Tarife sind einfach zu niedrig.
Nur leider darüber berichtet auch die Presse nicht!

Written by medicus58

29. Dezember 2015 at 16:51

6 Erfahrung hat man immer zu spät

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Nachdem wir uns bisher mit den Problemen beschäftigt haben, die entstehen, wenn sich der Arzt in seiner Diagnostik auf Daumenregeln und pathognomonische Symptome verläßt, wollen wir nochmals kurz auf den Klassiker zurück kommen, der den ärztlichen Beruf früher so angesehen und heute oft so angreifbar macht: Die persönliche Erfahrung

erfahrung

Die heutige Folie ist die vom Dia auf Powerpoint umgesetzte Anfangsfolie unserer Vorlesung: Während die Wahrscheinlichkeit ein Krankheitsbild schon während der Ausbildung gesehen zu haben früher groß war, werden viele von uns sich beim erstamligen Eintreten „“dieses Falles“ bestenfalls an einen Vorlesungsinhalt erinnern können.

Ein weiteres Problem mit unserer persönlichen Erfahrung stellt dar, dass es sich dabei nicht um ein festgefügtes, allzeit abrufbares Wissen handelt, sondern, dass seine Zugänglichkeit (auch vor dem Eintritt der Demenz) gewissen Gesetzen unterliegt, die seine Brauchbarkeit massiv einzuschränken vermögen:

Unter Heuristiken versteht man verkürzte kognitive Operationen, mit deren Hilfe Schlußfolgerungen gezogen werden, ohne komplizierte und langwierige Denkprozesse (Algorithmen) einsetzen zu müssen.

Representativeness Heuristic (Repräsentativitätsheuristik):

Dabei handelt es sich um eine Form der Urteilsheuristik, bei der eine einzelne Information als repräsentativ für eine ganze Klasse von Informationen angesehen wird und auf der Grundlage einer einzelnen Information werden (fälschlich) Aussagen über viele Ereignisse getroffen.

Die Erfahrung lehrt, dass einen die Charakteristika der ersten „Fälle“ stark im Gedächtnis bleiben, man erzählte sie auch schon sehr oft dem lauschenden Hörerkreis. Viele klinische Bilder, z.B. die facies mitralis (http://int-prop.lf2.cuni.cz/foto/016/pic00026.jpg) also die Kombination einer peripheren Zyanose gemeinsam mit Blutarmut im Rahmen einer Mitralklappenstenose treiben sich seit Jahrhunderten in der klinischen Medizin herum und leisten gute Dienste, den Studenten am Krankenbett Hochachtung abzuringen, wenn man schon das Herzecho des Patienten kennt. Wenn nicht, ist die Gefahr groß ziemlich „daneben zu hauen“.

Availibility Heuristic (Verfügbarkeitsheuristik):
Dabei handelt es sich um eine andere Form der Urteilsheuristik, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nach der Leichtigkeit der Verfügbarkeit in der eigenen Erinnerung abgeschätzt wird.

Ein gängiges Beispiel ist die hohe Effizienz mit der Ihr Hausarzt Ihr Fieber als grippalen Infekt und nicht als Malaria diagnostiziert, nachdem an diesem Tag die vorangegangenen drei Patienten bereits mit Fieber +Husten +Schnupfen + Heiserkeit die Ordination aufgesucht haben. Problematisch wird das Vorgehen aber, wenn sich der Arbeitsplatz des Arztes ändert (z.B. von der Hausarztordination in die Intensivstation oder von Döbling (=Wiener Nobelbezirk) nach Mombassa.

Zusammenfassend können wir also festhalten:
Ärzte (wie natürlich auch alle übrigen Menschen) tendieren dazu die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose zu überschätzen,
wenn nur einige (typische) Symptome zutreffen und
wenn die Verdachtsdiagnose kürzlich schon häufiger gestellt wurde.
Ärzte neigen dazu die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose zu unterschätzen, wenn nur einige (typische) Symptome fehlen und
sie sich nur schwer an den letzten Fall dieser Art erinnern können.

Die Expertise der persönlichen Erfahrung (Eminence based Medicine) ist also wie das Denken in Daumenregeln nicht prinzipiell schlecht, jedoch neben der wirklichen persönlichen Erfahrung noch von einigen Unabwägbarkeiten abhängig, die von Arzt und Publikum meist unterschätzt werden.

Eine gute Strategie ist die Anchoring & Adjustment Heuristic
Dabei benutzt man natürlich sein Vorwissen, seinen Daumenregeln und all die Zeichen, die man aus dem Lehrbuch kennt, aber nicht für die endgültige Festlegung einer Prima vista Diagnose sondern für die Festlegung eines beuwßt vorläufigen Verdachtes (Anchoring). Man tut vorläufig einmal so, als ob sich die gesuchte Diagnose im Umfeld dieser Festlegung, dieses Ankers, befindet und justiert mit dem Eintreffen zusätzlicher Informationen nach (Adjustment).
Mathematisch formuliert ordnet man seinen Diagnosen Wahrscheinlichkeiten zu.
Die Prävalenz ist die prinzipielle Wahrscheinlichkeit, dass diese Diagnose im gegebenen Umfeld vorliegt. Für HIV ist diese in einem Vorort von Johannisburg (Südafrika) deutlich höher als im bereits zitierten Döbling.
Nach all der Anamnese und der körperlichen Untersuchung gelangt man für die vermeutete Diagnose (Diagnosengruppe) zu einer bestimmten Vortestwahrscheinlichkeit, d.h. einem Prozentsatz, der angbit, in wie vielen Fällen von 100 gleichgelagerten Patienten die zu diesem Zeitpunkt vermutete Diagnose vorliegt.
Ein geeignetes Testverfahren, wobei es sich hier um eine spezifische Frage, eine bestimmte körperliche Untersuchung aber auch um all die Labor-, Röntgen-, endoskopischen, oder andere Untersuchungen handeln kann, wird diese Wahrscheinlichkeit erhöhen oder erniedrigen; dann spricht man von Nachtestwahrscheinlichkeit.
Wir werden später sehen, dass wir so selten auf 0% aber auch selten auf 100% gelangen.

Schwanzparade reloaded : Ärztehonorarstreit in Deutschland

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Erst kürzlich habe ich mich hier über den heute vorherrschenden Zwang „alles ranken zu wollen“ unter dem Titel „Ranking: Die zwanghafte Schwanzparade für alle“ verbreitet (http://wp.me/p1kfuX-pr).
Seither ist dieser Artikel (ich fürchte eher auf Grund seiner Verschlagwortung und nicht wegen seines Inhalts) einer der am häufigsten aufgerufenen.
Dass das gegenseitige Auflisten inzwischen zur legalen Kriegsführung wurde, beweisen die immer beliebteren Restaurant– und Hotelbeurteilungsseiten (z.B.: http://www.holidaycheck.de ).

Auch Ärzte werden zunehmend im Internet von Ihren Patienten bewertet. Naturgemäß wird damit auch Geld verdient und allenthalben bekommt man auch die Aufforderung zur gegenseitigen (natürlich anonymen) Beurteilung der Kollegenschaft (NEWS-Verlag) aber auch von Anbietern, die einen gegen eine Registrierungsgebühr einen guten Startplatz in diesem Wettrennen versprechen.

Während derartige Seiten in den USA schon seit Jahren exitieren, hat
Deutschland erst relativ kurz aber inzwischen ebenso bundesweit nachgezogen: 
(auszugsweise)
http://www.sanego.de/Arzt/
http://www.jameda.de/
http://www.esando.de/
http://www.docinsider.de/partner/arztbewertung-wie-bewerte-ich
http://www.medical-tribune.de/home/news/artikeldetail/aerzte-bewertung-jetzt-bundesweit-im-einsatz.html

Österreich hinkt da etwas nach, aber auch hier können Sie sich schon bei Ihrem Arzt bedanken oder ihm das Leben schwer machen:
(auszugsweise)
http://www.docfinder.at
http://www.arztbewertung.net/
http://www.arztbewertung.at/
http://www.medicalreport.at/medicalreport/

Glaubt man einer 2011 von der dt. Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Arztbewertungsportals jameda.de unter 1130 privaten Internetnutzern durchgeführten Umfrage, dann verwenden 22,6 % der deutschen Internetnutzer bei der Auswahl ihres Arztes dieses Instrument (http://www.aerztezeitung.de/news/article/652722/jeder-fuenfte-sucht-arzt-bewertungsportal.html).

Im aktuellen Streit der deutschen Ärzteschaft mit den Krankenversicherungen (http://wp.me/p1kfuX-rf) droht die Kollegenschaft nun an, auch die Krankenkassen einer im Internet (http://www.kbv.de/navigator/krankenkassen-navigator.html)
allgemein zugänglichen Bewertung
zu unterziehen.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/aerzte-bewerten-krankenkassen-auf-online-portal-a-858442.html
http://www.stern.de/digital/computer/neues-krankenkassen-ranking-aus-aerztesicht-im-internet-1902297.html
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/neues-online-portal-aerzte-bewerten-krankenkassen-im-internet-11906444.html

Einerseits halte ich die Entwicklung ja für krank, weil natürlich jeder Hotelgast beurteilen kann, ob ihm das Zimmer und der Service gefallen hat, andererseits in der Medizin zwischen „gefallen“ und „gesund sein“ Welten liegen können, was unmittelbar nach erfolgter Konsumation der Dienstleistung dem Patienten noch gar nicht bewußt sein kann. Wer das nicht glaubt, möge die Patientenzufriedenheit nach Verschreibung einer Bockbier- und Stelzen-Diät beim aktuellen Oktoberfest austesten!

Aber ernsthaft, so schlecht finde ich das Krankenkassenrating durch die Ärzte ja nicht, denn die wenigsten Pflicht- oder Privatversicherten wissen so ganz genau, was denn ihre Versicherungspolizze abdeckt und was nicht bzw. für welche Leistung ihr Arzt eigentlich gar keine Refundierung erhält …

Die Anzahl der Krankenkassen ist in Österreich zwar geringer als beim deutschen Nachbar, aber etwas mehr Bewußtsein, was denn im Kleingedruckten steht und in der täglichen Praxis passiert, könnte dem KonsumentPatient“ nicht schaden …

ob der Patient eigentlich Konsument ist, das steht auf einem anderen Blogeintrag …
http://wp.me/p1kfuX-gf

Written by medicus58

1. Oktober 2012 at 16:05

Der Beginn eines noch zu schreibenen Buches

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I) Der Patient trifft auf den Arzt

Den ersten Höhepunkt in unserem Trauerspiel stellt zweifellos die erste Begegnung zwischen Patient und Arzt dar. Der Auftritt von Prof. Sauerbruch im gleichnamigen Film über diesen begnadeten Chirurgen, O.W.Fischers als Frauenschwarm Dr. Axel Munthe, ja selbst der furiose Auftritt Groucho Marx als Dr. Hugo Z. Hackenbush (Day at the Races) haben etwas Außerordentliches, Grandioses und Erhebendes. Die eigenen Erfahrungen sind hier naturgemäß weniger dramatisch.

Im Rahmen meiner ärztlichen Ausbildung wurde man initial „zu einem Patienten geschickt“, um „Blut abzunehmen“ oder eine „Aufnahme“ durch zu führen. Im Vordergrund steht die eigene Unsicherheit, die durch einen „Profipatienten“, der im Gegensatz zu unserem „Azubi“ den Vorgang schon x-mal über sich ergehen hat lassen, nur noch verstärkt werden kann. Im Idealfall zeigt er uns seine „beste Vene“ und hat einen vorgeschriebenen Zettel bisheriger medizinischer Abenteuer (Kinderkrankheiten, Operationen, Kuren, …etc.). In dieser Phase erschließt sich dem herangehenden Arzt die „Größe“ der Patient-Arzt Beziehung nur ungenügend. Haben wir uns aber schon unsere ersten Meriten in dem Beruf verdient, dann wird der endlose Bericht des Patienten über „Stechen in der Brust“, „heißes Prickeln in den Unterschenkeln“ und „Knödel im Hals“ eher zur Plage und Thema innerkollegialer Scherze. Charakteristisch ist eine oft deutliche Distanzierung und zunehmende Derbheit dieser Schnurren, die in so manchen „kaltschnäuzigen Ärztewitz“ mündet (Fragt der Arzt den Patienten „Was fehlt Ihnen denn außer der Gesundheit?“).

Die nicht geraden druckreifen Äußerungen, die ich im Laufe der Jahre von beiden Seiten hörte (selbstverständlich weder von noch über mich), legen aber einen schweren Konflikt offen. Unzufriedene Patienten sprechen vom „Gott in Weiß“, während von uns Ärzte fordernde Patienten oft als „Hypochonder“ empfunden werden. Offenbar entwickelt sich in diesen Fällen auf beiden Seiten eine Aggressivität, die auf eine nicht unbeträchtliche Enttäuschung schließen lassen.
Vielleicht finde ich noch einmal das Zitat, aber zu Beginn meines Studiums habe ich eine Untersuchung gelesen, die behauptete, dass bei einer Befragung von Medizinstudenten am Beginn ihres Studiums die Mehrzahl den Willen „Menschen zu helfen“ als Begründung für die Studienwahl angeben, während am Ende des Studiums (!) diese Begründung nur noch von einer Minderheit angegeben wird. Woher kommt das Frustpotential?
Irgendwas ist da faul und eine gute Taktik ist meines Erachtens stets Prozesse Schritt für Schritt durch zu spielen, um mögliche Problemfelder zu erkennen.

Begeben wir uns nun einmal an den Ort des Geschehens, dem ersten Zusammentreffen zwischen Arzt und Patient. Alle vorhergehenden Schritte, wie Konsultation mit der Nachbarin und der Milchfrau, ob sie dieses Problem nicht auch hätte, Besorgung des Krankenscheins (bzw. heute Suchen nach der e-card), Passage der Ordinationsgehilfin oder der Ambulanzadministration, lassen wir beiseite, sie sind ja schließlich auch nicht Inhalt der universitären Ausbildung des Medizinstudenten, obwohl sie einen nicht geringen Einfluss auf die Erwartungshaltung des Patienten nehmen können.

II) Patient und Arzt haben nicht a priori dieselben Interessen

Sitzt nun einmal der Patient dem Arzt gegenüber, so könnte man meinen, dass beide Teile nun dieselben Interessen verfolgen und sich somit gegenseitig bei der Erreichung dieses Zieles behilflich sind. Als Arzt lernt man, dass der Patient ein Problem (Symptom, Krankheit) hat, das innerhalb des gelernten Systems (Schulmedizin, Homöopathie, TCM, …) zu benennen ist, um sich dessen Elimination (Heilung, Linderung) zu widmen. Dass man auf diesem Weg der neuesten diagnostischen und therapeutischen Mittel zu bedienen hat, ist klar, dass man davon zu leben hat wird am besten verschwiegen. Aber ist dies schon die ganze Wahrheit? Ist der Patient nun dieser kooperative, aufgeklärte, mündige Partner, wenn sich als Arzt ihm nur freundlich, empathisch und kompetent nähert? In vielen Fällen nein, ohne dass hier von einer der beiden Seiten böswillig agiert werden muss. Einer der Gründe sind die unterschiedlichen Interessen von Patient und Arzt.

III) Beide wollen verstanden werden, verwenden aber verschiedene Begriffsysteme

Naturgemäß stehen für den Patienten seine augenblicklichen Beschwerden im Vordergrund. Diese möchte er artikulieren und benützt hier auch ein Begriffssystem, dass sich jedoch von dem des Arztes in nahezu allen Punkten unterscheidet. Vereinfacht gesagt umfasst für den Patienten der Begriff „Herzschmerzen“ neben der Mitteilung einer organischen Erkrankung des Herzens, der Lunge, des Bewegungsapparats, der Speiseröhre, des Magens etc. auch die Beschreibung einer psychiatrischen oder sozialen Problematik. Die formal richtige Mitteilung an den Patienten, dass nach den Ergebnissen des Belastungselektrokardiogramms, der Myokardszintigrafie und der Koronarangiografie „das Herz ja Gott-sei-Dank nichts hat“, frustriert mehr als es erleichtert, da es als Falsifizierung der Patientenaussage aufgefasst wird. In seinem Begriffssystem hat der Patient „seine Herzschmerzen“ ja wirklich empfunden. Die Problematik geht über die auch den Laien bekannt Problematik der „Psychosomatik“ hinaus, denn hier geht es nicht nur um den Unterschied zwischen „organischen Erkrankungen“ mit hartem pathoanatomischen Korrelat (Gefäßverschluss, Magengeschwür, …) und den naturgemäß etwas „weicher definierten“ „funktionellen“ und „psychischen“ Störungen, sondern um ein prinzipiell inkompatibles Begriffsystem. Für den Patienten ist nicht nur „das Herz“ etwas anderes als für seinen Arzt, sondern auch andere Organe. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Projektionsorgan, auf das Missempfindungen bevorzugt bezogen werden, unterschiedlich zwischen Kindern und Erwachsenen, Männern und Frauen und zwischen verschiedenen Ethnien ist.
In der Pädiatrie ist es bekannt, dass jedwede Schmerzen präferentiell in „den Bauch“ projiziert werden auch wenn es sich letztendlich um eine Lungenentzündung handelt. Männer sind sowohl im Selbstverständnis eher „herzkrank“, Frauen haben es traditionell eher „auf der Brust“. Viele Daten sprechen dafür, dass dies sogar eine Rückwirkung auf die Schulmedizin hatte die traditionell einen Herzinfarkt bei Frauen eher übersieht als bei Männern. Während Kaukasier ihre Symptomatik gerne „in das Herz projizieren bzw. erklären, ist dies bei z.B. Ägyptern eher der Bauch. Überspitzt sprechen meine kurzzeitigen Erfahrungen am Universitätsspital in Kairo dafür, einen Patienten mit nach seiner Aussage „akuten Bauchschmerzen“ eher ein EKG anzulegen und einem Österreicher mit der subjektiven Verdachtsdiagnose eines „Herzinfarktes“ auf die Möglichkeit einer Gastritis zu untersuchen. All diejenigen Kollegen, die mir hier keinen Glauben schenken, ist empfohlen ihre Patienten einmal zeigen zu lassen, wo denn ihrer Meinung nach die Schilddrüse, das Herz, die Galle oder der Magen läge. Diese Erkenntnisse wirken sich meiner Erfahrung nach auf die Qualität der Diagnostik besser aus, als die Kenntnis der sogenannten Head’schen Zonen. Wir werden uns im Zusammenhang mit der richtigen Fragetechnik während der Anamnese noch damit zu beschäftigen haben, dass es wenig Sinn macht den Patienten nach dem „schmerzenden Organ“ oder „seinen Krankheiten“ zu fragen und man sich besser die Stelle der Beschwerden zeigen lässt.

IV „Herz“ kann auch „Angst“ meinen und die Leber liegt vermeintlich im Becken

Dieses Dilemma entspricht der sprichwörtlich problematische Beziehung zwischen Hund und Katz: Freut sich der Hund, wackelt er mit dem Schwanz, ist er angespannt und kurz vor dem Angriff, dann bleibt der Schwanz unbeweglich. Bei der Katze verhält es sich umgekehrt. Das heißt man spricht unterschiedliche Sprachen missversteht einander.

In CB Helman’s Buch „Culture, Health and Illness“ (p 101) werden unter den Voraussetzungen unter denen sich der Arzt der Krankheit nähert u. a. naturwissenschaftliche Rationalität, Betonung objektiver und messbarer Parameter, Bezug auf biochemische Vorgänge und Reduktionismus aufgezählt. Selbstverständlich steht er außerhalb des Geschehens, was ihn auch leicht in die Rolle des „Gottes in Weiß“ stellt (Die Galle auf Zimmer 1 benötigt ein Schmerzmittel). Es wäre aber zu billig, diese Haltung nur zu kritisieren. Sie ist u.a. auch als ego defense Mechanismus erforderlich, um nicht in der Fülle an „persönlichen Schicksalen“ selbst unter zu gehen. Andererseits gibt es auch rein rationale Gründe für eine Distanzierung. Wie wir zu einem späteren Zeitpunkt sehen werden, erfordert ein erfolgreicher Diagnose (und Therapie-) prozess einen zum Teil sehr theoretischen Zugang, der aus einer ausschließlich empathischen Position kaum möglich scheint. Die in der Öffentlichkeit besser beurteilte scheinbar „alternative“ ärztliche Position, die sich alternativmedizinischer Diagnostik und Therapie öffnet und einen „Mix“ aus „Schulmedizin“ und augenblicklich modernen „komplementären Methoden“ anbietet, stellt einen Rückschritt in frühere Entwicklungsstufen der Medizin dar. Auch der von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehende Bader hinterließ oft zufriedene Patienten, ohne dass ein in unserem heutigen Sinn positives Behandlungsergebnis erreicht wurde. Auch wenn eine diesbezügliche Beweisführung erst zu einem späteren Zeitpunkt versucht wird, gehen wir für den Augenblick einmal davon aus, dass eine von naturwissenschaftlichen und mathematischen Prinzipien abzuleitende Entscheidung in der Medizin den besten Erfolg für den Patienten garantieren kann. Daraus folgt, dass sich der Arzt aus dem Diagnose- und Therapiegang emotional weitgehend aussparen muss, so weit seine eigenen Gemütsbewegungen die Entscheidung unzulässig beeinflussen könnten.

V)  The patient is the one with the disease.

In einem während der achtziger Jahre sehr populären satirischen Arztroman (The House of God) laute nicht ganz unberechtigt ein Merksatz für Ärzte in Ausbildung:

The patient is the one with the disease. 

Beziehungsweise, in case of emergency, first feel your own pulse. Auch wenn diese Sätze in dem Roman eher als Beschreibung negativer ärztlicher Verhaltensweise verwendet werden, beinhalten sie doch eine richtige Erkenntnis.

Der Patient, wie mündig und rational er auch immer ist, oder scheint soll und kann seine Emotionalität nicht ausblenden. Sein Gesundheitsbegriff entspricht der bekannten WHO Definition, in dem er hier neben dem gesundheitlichen auch das soziale …. Wohlbefinden subsummiert und sich bei Abweichungen einmal an den Arzt wendet. Er steht naturgemäß im Zentrum des Geschehens, oder wie das House of God es so schön formulierte, sie wissen es schon: „The patient is the one with the disease. Das heißt nicht, dass der Patient nicht auch „objektive“ Parameter für sein „Leiden“ einfordert. Schließlich gestattet sich heute immer weniger, vor allem besser Gebildete nicht mehr die scheinbar unterlegene Position des „klagenden Patienten“ (Kenner klassischer internistischer Arztbriefe ist die Formulierung „Der Patient klagte über ….“ nur allzu vertraut). Nichts wirkt kurzfristig so verbindend zwischen Patient und Arzt, wie die Abbildung von „Abnützungserscheinungen an der Wirbelsäule“ im Röntgenbild, die endlich die seit Jahren chronischen Rückenschmerzen zu erklären scheint. Die Mitteilung, dass bei der Mehrzahl der nicht an Rückenschmerzen leidenden Gleichaltrigen ähnliche Röntgenbilder geschossen wurden, gefährdet dieses Vertrauensverhältnis wieder und kostet den niedergelassenen Radiologen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Einkommens. Hier liegt auch das Missverständnis vieler Juristen und Aktivisten von Selbsthilfegruppen, die vom absoluten Recht des Patienten auf ärztliche Aufklärung ausgehen. Der knapp formulierte Befund, dass der Knochenscan mit einer generalisierten ossären Metastasierung vereinbar wäre, führt beim zuweisenden Arzt, der in der Gesamtschau des klinischen Bildes und der Laborwerte keinen Hinweis auf einen bösartigen Tumor, sehr wohl aber auf einen primären Hyperparathyreoidismus findet im Idealfall zur Bestimmung des Parathormon-Spiegels im Serum. Beim Patienten, der den schriftlichen Befund abholt und liest eventuell zu einer Panikreaktion.

Primär erwartet der Patient und er hat meines Erachtens auch alles Recht dazu, dass sich endlich „jemand seines Problems annimmt“ anhört. Während wir uns alle aber gewöhnt haben, dass uns eine hot-line oft nicht hilft, der Patent-Anwalt uns in Scheidungsangelegenheiten wenig hilft und zur Installation eines Badezimmers hintereinander Maurer, Fliesenleger, Installateur, Elektriker und Feng-Shui Berater benötigt werden, gehen wir als Patienten davon aus, dass für alle Missempfindlichkeiten prinzipiell der Arzt die alleinige Anlaufstelle zu sein hat. Ihm erklären wir dann unsere Lage mit den Begriffen „Magenweh“, „Herzschmerz“, „Schlaflosigkeit“, „Übelkeit“, „Kreuzschmerz“, „Krankenstand“, „so was, was der Nachbar auch hatte“. Selbstverständlich akzeptieren wir das „Weiterschicke zum einen oder anderen Facharzt“, aber sind schwer davon zu überzeugen, dass wir die Lösung nicht vielleicht wo ganz anders suchen müssten.
Als ich als Medizinstudent schon etwas enerviert einem Jugendfreund gegenüber jammerte, dass sich offenbar alle in meiner Umgebung für Medizin interessieren seit sie erfahren haben, dass ich dieses Fach studiere, korrigierte er mich und gab zu bedenken, dass sich die Leute nicht für Medizin sondern für Krankheiten interessieren würden. Was er nicht wissen konnte, dass auch das was der Patient für Krankheit hält, nicht deckungsgleich mit dem ist, was in unseren medizinische Lehrbüchern steht.

Halten wir einmal fest: Patient und Arzt verwenden verschiedene Bezugssysteme und verschiedene Zugänge, wenn sie erstmals aufeinander treffen. Geht das gut? Meiner Meinung nach derzeit nicht. Kann man aus diesem Dilemma heraus kommen? In Erweiterung des Prinzips der Aufklärung, ja!

IV) ALTER (NAIV) MEDIZIN

ALTER-NAIV-MEDIZIN

Alternativmedizin/Komplementärmedizin (CAM) umfassen ein breites Spektrum von Heilmethoden, die nicht Teil der Tradition des jeweiligen Landes sind und nicht in das dominante Gesundheitssystem integriert sind.
http://www.who.int/medicines/areas/traditional/definitions/en/index.html

Schulmedizin: an Universitäten und Medizinischen Hochschulen nach (natur-)wissenschaftlichen Grundsätzen gelehrt und entwickelt.

Das Match lautet also:

CAM: Homöopathie, Kinesiologie, Aromathapie, Phytotherapie, Cranio-Sacral-Therapie, Traditionelle Chinesische Medizin, Tibetische Medizin, Ayurveda, Yoga, Tai-Chi, Feldenkrais, Alexandertechnik. Osteopathie, Chirotherapie, Massage, Reiki, Therapeutic Touch, … (und jetzt höre ich auf, weil ich nicht soviel bits verschwenden möchte)

gegen:

Schulmedizin

WIE LÄSST SICH GEGEN DIE FÜLLE DER ALTERNATIVEN IN WENIGEN SÄTZTEN ARGUMENTIEREN? 
GANZ EINFACH, MIT EINEM ARGUMENT GEGEN DIE FÜLLE:

OCKHAMS RASIERMESSER: 
Steht man vor der Wahl mehrerer Erklärungen, die sich alle auf dasselbe Phänomen beziehen, soll man diejenige bevorzugen, die mit den einfachsten bzw. der geringsten Anzahl an Annahmen auskommt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser

Deshalb bin ich Schulmediziner, weil ich was gelernt habe, in der Schule!

ALTER-NAIV-(?)-MEDIZIN II

Die Apotheke zur Kaiserkrone ist eine der größten Apotheken Wiens.
Der Standort von Apotheken ist gesetzlich geschützt, um eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung, -ja womit eigentlich (?)-, zu gewährleisten. Ganz naiv würde ich einmal annehmen, dass der Gesetzgeber hier die Versorgung mit wissenschaftlich validierten und registrierten Arzneimitteln gemeint hat, um Unfug und Geschäftemacherei zu unterbinden (siehe ersten Link).

Sieht man aber den Ausbildungskatalog 2011 der Kaiserkrone durch, der  „zertifizierte Ausbildungen für Ärzte, Heilpraktiker, Therapeuten und med. Heilberufe“ verspricht, dann stolpert man über

erfahrene und hochkarätige Dozenten (keiner der Vortragenden hat eine Dozentur im Sinne der Lehrberechtigung an einer österr. Universität, sondern es handelt sich um Leute, die ihre eigenen – wissenschaftlich nicht validierten Baumessenzen, Gemmoazerate, Spenglersan Kolloide, Mikroimmuntherapeutika, Rizole, Australische Bush Blüten, Berg- und Wasserfallessenzen, Schlangenbergessenzen, K-Taping, Regena-Therapeutika, … ) anbieten.

Für 1170 € erhalten Sie eine Komplettausbildung Sanum+Dunkelfeld, für nur 165 € lernen Sie von einer Frau Mag. Dr. (Apothekerin), dass durch seine Entstehung  und seinen Standort jeder Berg und Wasserfall ein sehr spezifisches Energiepotential hat und dass der Mensch, wenn er damit in Berührung kommt, mit seinem gesamten Energiekörper mit Berg und Wasserfall in Resonanz tritt ….

Selbstverständlich bekommen Sie die Wässerchen auch online (siehe zweiten Link).

Diesem wissenschaftlich verbrämte Unsinn einen gesetzlich garantierten Gebietsschutz angedeihen zu lassen halte ich für absurd! Was auf den Jahrmarkt gehört, sollte auch dort von Wanderpredigern verhöckert werden und sich nicht als KomplementärMEDIZIN bezeichnen.

und wenn Sie in meinem Posting nur den um seine sauren Trauben fürchtenden Fuchs vermuten, rate ich Ihnen, sich mit Unschuldsaugen den angesprochenen Ausbildungskatalog vor Ort zu erbetteln um sich so von diesem Wahnsystem zu überzeugen.

„Wahn gilt als Zeichen einer psychischen Störung. In der Psychiatrie werden Wahngedanken auch als „inhaltliche Denkstörungen“ bezeichnet.“

Links:
http://michael.hahsler.net/stud/done/kuzdas/Online_Apotheken_Kuzdas.pdf 
http://www.kaiserkrone.at/

Fortsetzung folgt irgendwann …

Erzähl's wem andern
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