Sprechstunde

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Als ginge es um Gangbetten

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Der Boulevard kocht, Gangbetten jetzt auch schon auf einer Kinderchirurgie.
Pflichtschuldig erklärt uns der SPÖ Gesundheitssprecher Wagner natürlich wieder:
Die Versorgung der Wiener Kinder ist zu 100 Prozent sichergestellt

Verlässlich sieht das die Opposition wieder ganz anders:

NEOS Wien/Gara zu Gangbetten auf Kinderchirurgie: Unerträgliche Situation
VP-Korosec zu Gangbetten: Neuer Skandal erfordert endlich konkrete Lösungen
FP-Seidl: Kinder in Gangbetten ist endgültige Bankrotterklärung des KAV

Nein, es geht mit heute aber nicht um die Gangbetten, das haben wir hinter uns:
Gangbetten gibt’s net
Indische Betten: Die Betten am Ende des Ganges (Director’s Cut)
Rock ’n’ Roll in der Geriatrie; Warum Wien bald mehr neurochirurgische Gangbetten hat

Ich erzähle Ihnen eine andere, wahre Geschichte aus der Kinderheilkunde, die m.E. ein schlimmeres Problem zeigt, als eine Nacht am Gang:

Ein etwa 10-jähriges Mädchen klagt plötzlich über starke Bauchschmerzen, der Hausarzt schickt sie unter dem Verdacht auf „Blinddarm“ in ein Spital.
Niemand sagt dort Kind und Mutter was Genaues, außer, dass das kein Blinddarm wäre und transferiert die Patientin folgerichtig nach einem Ultraschall in eine Universitätsklinik.
Dort wird ein riesiger Tumor entfernt und die kleine Patientin nach dem Ziehen der Nähte entlassen. Man möge am kommenden Montag zur Befundbesprechung in die Ambulanz kommen.

Natürlich kann die Universitätsklinik nichts dafür, dass das 200 km An- und Abreise bedeutet, natürlich muss sich das zwischen zwei Universitätskliniken liegende Bundesland nicht eine eigene auf kinderonkologische Probleme spezialisierte Einrichtung leisten, aber erzählen wir weiter.

Der Ambulanzbesuch verlief frustran.
Zur Begrüßung erfahren die Eltern, dass der Befund (nach einer Woche) nicht da wäre, danach lange Wartezeit, weitere Unklarheit, eine nicht gerade beruhigende Erwähnung, dass man damit auf der Chirurgie ohnehin nicht befasst sein wird und man sich darauf einrichten muss, an ein kinderonkologisches Zentrum zu gehen. Man möge in einigen Tagen wieder anrufen ob der Befund fertig wäre, aber man wird am Telefon ohnehin nichts sagen dürfen.

Die Eltern rufen vereinbarungsgemäß an, erfahren aber nur, dass das „nichts Gutartiges“ war und das Kind morgen in einem kinderonkologischen Zentrum aufgenommen wird, man hätte alles schon ausgemacht.

Erneute Anreise, die Aufnahme/Entlassung  weiß von nichts und schickt die Familie in die ambulante Anmeldung, von dort in die Ambulanz, von dort in die Aufnahme/Entlassung, die nun doch weiß, dass ein Bett reserviert ist.

Aufnahme von Mutter und Kind auf einer Station, Warten, Befunde liegen nicht vor. Alle sind freundlich, können aber noch nichts sagen.
Am nächsten Tag weitere Untersuchungen, Aufklärung über die Chemotherapie, dann plötzlich die Entlassung und Neuaufnahme zu Beginn der nächsten Woche, man müsse noch Laborbefunde abwarten.

Erneute Anreise, erneute Aufnahme, dann die Entscheidung, keine Chemo nur engmaschige Kontrolle und erneute Entlassung.

Für Außenstehende wäre es leicht, alle Beteiligte als einfach unfähig zu bezeichnen.
Als Insider weiß man wie das alles zustande kommt, man nennt es Schnittstellenproblematik.
Der Laie würde vielleicht sagen, die Rechte weiß nicht was die Linke tut, und hat damit einen Teil des Problems benannt.

Das Bemerkenswerte scheint mir, soweit ich den Fall fachlich beurteilen kann, dass alle Beteiligten durchaus immer das Richtige entschieden haben.
Es mag aber hinterfragt werden, ob die Verunsicherung, die unnötigen Kilometer, die unser Gesundheitssystem den Betroffenen aufbürdet, wirklich unumgänglich sind.
Ich bezweifle das, sehe aber täglich vergleichbare Fälle, so dass es sich um keine Einzelfälle handelt, so wie es immer Gangbetten bei Belastungsspitzen geben wird, außer man lebt mit einer durchschnittlichen Auslastung von nicht viel mehr als 50%!
Weshalb zeigen wir aber so eine klägliche Performance, obwohl ohnehin fast alle in diesem System schon „am letzten Loch pfeifen„?
Weil wir am letzten Loch pfeifen!
Weil niemand mehr Zeit hat zuerst mit den anderen Disziplinen zu sprechen und erst dann zum Patienten mit einer Stimme zu sprechen.

Um eine aktuelle Werbekampagne eines kinderonkologischen Zentrums zu paraphrasieren:
Vielleicht fürchtet sich der Krebs vor den Patienten, was ich übrigens für eine geschmacklos falsche Parole halte,
das Gesundheitssystem ist so gestresst, dass sich inzwischen die Patienten vor dem System fürchten:

 

 

Die toten Seelen in der Computertomografie

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Pediatric CT
In JAMA Pediatrics wurde aktuell folgender Artikel publiziert:
The Use of Computed Tomography in Pediatrics and the Associated Radiation Exposure and Estimated Cancer Risk

Darin wird, wie schon in Dutzenden früheren Artikeln auf die rasante Zunahme der CT-Untersuchungen in den USA hingewiesen und die Verdoppelung bei Kindern < 15 Jahren zwischen 1996-2010 näher analysiert. Ein vergleichbarer Trend ist übrigens in allen Gesundheitssystemen zu beobachten!

In dieser (retrospektiven) Studie wurde aus der abgeschätzten Strahlenexposition (0,03 -69,2 mSv/CT; eine Messung im Einzelfall ist praktisch unmöglich) von 744 CT Untersuchungen an Kindern und dem von anderer Seite ebenfalls nur kalkulierten und nicht mittels RCT (randomisiert kontrollierten Studie) nachgewiesenen Risiko der Krebsentstehung durch eine bestimmte Strahlenexposition, das durch die Untersuchung erhöhte Erkrankungsrisiko der Gruppe errechnet.
Für die in den USA jährlich an Kindern durchgeführten 4 Millionen Kopf-, Bauch/Becken-, Oberkörper- und Wirbelsäulen-CTs kommt man dann auf 4870 zusätzlich ausgelöste Krebsfälle.

In der medialen Aufarbeitung liest sich das in ansteigender Plakativität so:

Computertomografien (CT) sind bei Medizinern sehr beliebt, doch Patienten werden dabei einer hohen Strahlendosis ausgesetzt, die besonders bei Kindern zu Krebs führen kann.
http://healthnewsnet.de/ct-untersuchungen-konnen-bei-kindern-krebs-verursachen-4225  

Dass eine CT-Untersuchung aus Belieben sondern wegen einer bestimmten diagnostischen Frage (z.B. Kind hat schon Krebs und man möchte wissen, ob es Lebermetastasen hat) angefordert wird, kommt da kaum durch.

Die drohende Gefahr ist auf für Die Welt publizistisch immer griffiger, wenn man Experten zitieren kann:

CT-Untersuchung bei Kindern führt häufig zu Krebs: Experten befürchten Tausende Krebserkrankungen.
http://www.welt.de/gesundheit/article116996139/CT-Untersuchung-bei-Kindern-fuehrt-haeufig-zu-Krebs.html

Dass es vielleicht die selben Experten (Kinderärzte, Kinderradiologen) waren, die trotzdem eine Indikation für die CT-Untersuchungen gesehen haben, bleibt unerwähnt.

Noch saftiger bei n-tv:
Studie aus den USA alarmiert CT löst bei Tausenden Kindern Krebs aus
http://www.n-tv.de/wissen/CT-loest-bei-Tausenden-Kindern-Krebs-aus-article10795546.html  

Nochmals, hier wurden Risken berechnet und nicht Grabsteine gezählt und die Kalkulationen beziehen sich auf ein Risiko das (nach bestem wissenschaftlichem Wissen) für die folgenden Jahrzehnte kalkuliert wurden und somit auch erst im Erwachsenenalter schlagend werden könnte.

Und schließlich leakte die ganze Wahrheit auf Antizensur.de:
Tausende Kinder an Krebs durch CT-Untersuchung erkrankt
http://www.antizensur.de/tausende-kinder-an-krebs-durch-ct-untersuchung-erkrankt/

Wir haben uns mit der Problematik, damals im Zusammenhang mit einer Publikation, die das durch Screeninguntersuchungen in der Radiologie und Nuklearmedizin erhöhten Brustkrebsrisiko thematisierten: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82833  

Aus medizinischer Sicht ist das alles ja relativ trivial:

Wird eine Gruppe von Menschen einmalig einer ionisierenden Strahlung ausgesetzt, dann ist ab einer gewissen Stärke (> 50-70 ausgedrückt als Effektivdosis in mSv) gesichert, dass in dieser Gruppe mehr Individuen eine bösartige Erkrankung („Krebs“) entwickeln werden als in einer Vergleichsgruppe, die diese Effektivdosis nicht erhalten haben.

Zweitens ist gesichert, dass die „Strahlenempfindlichkeit“ (also die Wahrscheinlichkeit, dass ionisierende Strahlen ein bösartige Erkrankung auslösen) aber auch (das ist was anderes!) dass dies vom Betroffenen noch erlebt wird) bei Kindern überproportional höher ist.

Drittens hat sich die Mehrzahl der Wissenschafter auf Basis von seit Jahrzehnten diskutierten Gründen, die weit in verschiedene Fachgebiete (Physik, Biologie, Medizin, Epidemiologie, Risikoforschung Statistik,…) reichen, geeinigt, dass man
1. auch für geringere Effektivdosen (0 – 50-70 mSv) und
2. für kumulierte Dosen (also keine Einzelexposition sondern eine länger andauernde Exposition)
eine lineare Extrapolation des Risikos nach unten vornimmt, d.h. dass auch eine Exposition von z.B. 0,00001 mSv noch ein höheres Risiko bedeutet, als 0; obwohl sich dies niemals in einem praktischen Versuch beweisen lässt.

Letztlich besteht bei medizinischer Anwendung ionisierender Strahlen eine Rechtfertigungspflicht (für den Zuweiser und Durchführer), dass das eingegangene Risiko (wie groß oder wie klein auch immer) durch den erwarteten Nutzen aufgewogen wird.

Während gegen die vorgestellte Studie natürlich nichts einzuwenden ist, da sie einfach die bekannten Tatsachen in Erinnerung ruft und zu einer qualifizierten Indikationsstellung an Stelle einer leichtfertigen Überweisung aufruft, zeigt die trivialisierte Aufarbeitung in den Medien, dass sich am Ende niemand mehr darum schert, dass es sich hier um Risikoabschätzungen für Gruppen und nicht um bewiesene einzelne Krankheitsfälle handelt.

Weiters halte ich es immer wieder für überraschend, dass man Expertenwissen heranzieht, um diese Horrorszenarien zu malen, andererseits aber davon ausgeht, dass keinerlei Expertenwissen angewandt wurde, um die Untersuchungen anzuordnen („Computertomografien (CT) sind bei Medizinern sehr beliebt“). Es scheint völlig unvorstellbar, dass sich ein Arzt diagnostische Gewissheit verschaffen muss eher er eine Behandlung beginnt oder unterlässt.

Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Untersuchungen wie therapeutische Handlungen, selbst Operationen häufiger angewandt werden, wenn sie dem Anwender Geld bringen, da ist das Gesundheitssystem nicht anders als jedes andere Geschäft; Mediziner haben sich die Form ihrer Bezahlung nicht aussuchen können, dass sich ärztliche Tätigkeit nicht nur durch die Anzahl der durchgeführten Tätigkeiten messen lässt, sondern immer häufiger durch die argumentierte Verweigerung unsinniger Tätigkeiten auszeichnet, habe ich erst kürzlich dargelegt: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82833

Das Spiel mit den „Toten Seelen“, die nur am Papier existieren ist einfach nur ärgerlich.

Ergänzung: Der Begriff wurde einem meiner Lieblingsromane entliehen, Gogols „Die Tote Seelen“. Hier wird mit dem Verkauf und der Verpfändung bereits verstorbener Leibeigenen, die bis zur nächsten Revision nicht aus den Steuerlisten gestrichen waren und als Besitz galten, ein rechtlich beglaubigter Handel betrieben.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Die_toten_Seelen)

Written by medicus58

13. Juni 2013 at 19:21

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